Absolution

#Musik

Abhandlungen über die Band »Frei.Wild« gibt es mittlerweile zu Genüge. Die jüngste Veröffentlichung mit dem Untertitel »Südtirols Konservative Antifaschisten« von Klaus Farin hat der Band rechtzeitig zum neuen Album Aufmerksamkeit außerhalb ihrer Fangemeinde verschafft.

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Fans der Band wussten es schon immer … @ Christian Ditsch

Das 1998 von Klaus Farin mitgegründete »Archiv der Jugendkulturen«, beziehungsweise die Partnerinstitution »Archiv der Jugendkulturen Verlag« – bei dem »Frei.Wild – Südtirols Konservative Antifaschisten« erscheint – forscht, sammelt und veröffentlicht als Schnittstelle zwischen eigener Szenenähe und Wissenschaft zu dem, was Jugendkulturen in Deutschland zu bieten haben. Gegen allen Kulturpessimismus werden Jugendkulturen als positive Sozialisierungsinstanzen verteidigt, ohne dabei problematische Entwicklungen zu beschönigen.


Der Jugendforscher Klaus Farin wird als Experte für Jugend(sub)kulturen gehandelt. In den vergangenen Jahrzehnten hat er sich intensiv mit Skinheads und Gruftis beschäftigt. Dabei hat er sich nicht gescheut, Kontakte zu problematischen Szenen und deren musikalischen VertreterInnen zu knüpfen. Die Einblicke, die er dabei gewonnen hat, sind integraler Bestandteil seiner Veröffentlichungen.
Das neue Buch von Farin ist geeignet, den guten Ruf des »Archivs der Jugendkulturen« zu schädigen. Das »Archiv der Jugendkulturen« legt deshalb trotz der anhaltenden Verquickung mittlerweile Wert auf die Feststellung, dass Archiv und Verlag zwei eigenständige Institutionen sind und Farin seit 2011 nur noch Mitglied und nicht mehr Leiter des Archivs ist. Grundregeln seriöser journalistischer oder wissenschaftlicher Arbeit hat Farin über Bord geworfen. Das Buch ist PR, es geht keineswegs nur darum, Bands und Fans »selbst zu Wort kommen« zu lassen, damit sich ein jeder »ein eigenes Urteil« bilden kann. Stattdessen beschönigt es und verfolgt damit einen Zweck: die Band gegen Kritik zu immunisieren. Dass auch ein paar »Frei.Wild«-Kritikerinnen zu Wort kommen, ändert nichts an dieser Grundkonstellation. »Frei.Wild« haben jetzt eine prominente Verteidigungsschrift auf dem Markt. Und Farin selbst hat mit dem Buch einen Kassenschlager. Die Band bewirbt das Buch großzügig; die Verkäufe laufen gut. Eine zweite Auflage ist in Arbeit. Es gab sogar eine gemeinsame Buchpräsentation des Autoren und der Band, inklusive Autogrammstunde.

Ein schönes Buch
Schon der erste Eindruck des Buchs »Frei.Wild – Südtirols Konservative Antifaschisten« macht klar, dass es hier nicht um eine objektive Annäherung an eine umstrittene Band geht. 400 Seiten, Hardcover mit geprägtem Bandlogo, lassen eher auf ein Fanbuch schließen. Die Aufmachung erinnert an das »Buch der Erinnerungen – Die Fans der Böhsen Onkelz« aus dem Jahr 2000 von Farin. Beim Durchblättern verfestigt sich dieser Eindruck. Unzählige Fotos – sowohl von Fans als auch den Musikern beigesteuert – zeichnen den Werdegang der 2001 gegründeten Band nach. Der Textanteil wird von der Bilderflut in den Hintergrund gedrängt. Zu Wort kommen Fans, die Bandmitglieder, verschiedene AutorInnen und natürlich äußert sich auch Klaus Farin selbst. »Wenn es gegen ‹rechts› geht, sind viele schnell dabei«, kritisiert er gleich zu Beginn. Zwei Sorten Menschen seien beim Kampf gegen Rechts laut Farin besonders engagiert: »moralisch-emotional motivierte« Gutmenschen, die immer alarmiert sind, vom Thema aber leider keine Ahnung haben. Und dann gebe es die »Profiteure«, »Geschäftsleute«, für die ihre Kampagnen eine »Gelddruckmaschine« seien, denen es um Macht und die »Selbsterhaltung ihrer aufgeblähten Strukturen« gehe. Dass Farin und das »Archiv der Jugendkulturen« selbst schon so manchen Förder-Euro aus den Programmen gegen Rechts eingeworben haben, bleibt unerwähnt. 2010 kassierte das »Archiv der Jugendkulturen« für die Erforschung der »Autonomen« hingegen mehr als 20.000 Euro aus Fördertöpfen zur Bekämpfung des »Linksextremismus«. 2015 brachte Klaus Farin zum gleichen Thema ein Buch heraus. Die in düsteren Farben gemalte Anti-Rechts-Industrie mit ihren naiven Fußtruppen sei schuld, so legt es Farin im »Frei.Wild«-Buch nahe, dass eine durch und durch anständige und obendrein »antifaschistische« Musikgruppe Verfolgungen ausgesetzt sei. Farin geriert sich als Meinungsrebell und biedert sich mit solchen Passagen dem Anti-Gutmenschen-Lamento und »Lügenpresse«-Gerufe der entsprechenden Milieus an.

Das Ergebnis seiner »Frei.Wild«-Forschung präsentiert Farin am Ende des Buches: »Frei.Wild distanzieren sich eindeutig und glaubwürdig von Faschismus jeglicher Art und sind auch als Personen nicht Teil der rechten Szene.« Ihr »Patriotismus« sei »konservativ, aber nicht ausgrenzend und nicht nationalistisch«. Der schale »Kern« der »Frei.Wild«-Kritik sei, »dass sie keine ‹linke› Band sind«. Sänger »Philipp Burger geht mit seiner Vergangenheit als rechter Skin (…) vor rund 15 Jahren offensiv und geradezu vorbildhaft um und verschweigt nichts.« Tatsächlich war Philipp Burger bis 2001 Sänger der Neonazi-Band »Kaiserjäger« – inklusive Hitlergrußposen. Burger insistiert jedoch beharrlich, beispielsweise gegenüber den »Ruhr Nachrichten«: Kaiserjäger »war keine Naziband, sondern eine Band von drei Jugendlichen.« Auch gegenüber Farin gab er die gleiche Auskunft: »Philipp sieht seine Zugehörigkeit zur rechten Skinhead-Szene heute noch als ‹unpolitische› Phase.« Burger selbst: »Man hat sich die Hörner abgestoßen, nicht mehr und nicht weniger.« Kann man solche Äußerungen wirklich als »offensive und geradezu vorbildhafte« Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit adeln?

Nichts Neues
Beliebtes Thema bei »Frei.Wild« ist der selbst verliehene Opferstatus ­(s. drr Nr. 152). So auch im Song »Wir reiten in den Untergang«. Die Band werde verfolgt, so wie damals die Nazis die Juden verfolgt hätten. Einziger Unterschied zu damals: »Heut gibt es den Stempel, keinen Stern mehr.« Gitarrist Jonas Notdurfter entschuldigt im Buch diese Entgleisung als ein Versehen, die Provokation sei nicht beabsichtigt gewesen: »Wenn wir das im vornherein geahnt hätten, hätten wir es anders formuliert.« Philipp Burger wird die gleiche Frage gestellt. Seine Antwort: »Ich habe mir natürlich schon gedacht, dass es ein paar Leute stören könnte, aber damit kann ich leben.« Überhaupt ärgern ihn die ständigen Sprechverbote: »Selbst das Wort Jude darfst du in Deutschland nirgendwo mehr nennen, dabei ist es doch eine der Weltreligionen überhaupt und ein ganz normales Wort.« Himmelschreiend, aber von Farin wieder nicht kommentiert: Plattenmillionäre tun in einem Lied so, als stünden sie kurz vor der Deportation ins Konzentrationslager und der Sänger sieht in der Kritik an einer solchen Geschmacklosigkeit ein angebliches Verbot, das Wort »Jude« in den Mund zu nehmen. Und: War der Song nicht als Provokation gedacht, wie Jonas Notdurfter sagt, oder eben doch, wie es Philipp Burger beschreibt? Warum fragt Farin nicht nach? Lieber arbeitet er mit Suggestivfragen, beispielsweise an Burger: »Gibt es für dich einen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus – abgesehen davon, dass ihr als Südtiroler eigentlich gar keine Nationalisten sein könnt – ihr seid ja nicht mal eine…«. Der Sänger greift die Vorlage dankbar auf: »Nein, Südtirol ist kein Staat, uns wegen unseren Texten über dieses Land Nationalismus vorzuwerfen, grenzt schon an politisch-geschichtliche Missbildung.« Seit wann braucht es einen eigenen Staat, um Nationalist zu sein? Noch suggestiver ist eine spätere Frage an Burger. Der ehemalige RechtsRock-Bandleader und regionale Neonazi-Skin-Anführer wird von Farin allen Ernstes gefragt: »Warum bist du kein Neonazi geworden?« Burger antwortet: »Allein schon von meinem Herzen aus könnte ich das nicht vereinbaren.«

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Südtirol gegen Gutmenschen
Das professionelle und bewusst gewählte Image von »Frei.Wild« fußt auf einem starken Bezug auf die »Liebe« zur Heimat Südtirol, auf die eigene »Bodenständigkeit« und auf die »patriotischen« Texte. Die entsprechenden Lieder zählen bei »Frei.Wild«-Fans zu den populärsten. Genauso gehört zu »Frei.Wild« ein Bekenntnis, irgendwie »unpolitisch« zu sein sowie eine aggressive Abwehr jeder Kritik. Leute, die »Frei.Wild« kritisieren, seien »die größten Kokser, die zu Kinderstrichern gehen«, geifert es im Lied »Gutmenschen und Moralapostel«. Der »Frei.Wild«-Erfolg in Deutschland beruht auch darauf, dass die Fans mit ihrer Band den unverdächtigen »Patriotismus« der Südtiroler gern für sich selbst in Anspruch nehmen. Im bei Fans beliebten Lied »Südtirol« heißt es: »Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist«. Ein Land für »heilig« zu erklären und keine Kritik daran zu dulden, das ist radikaler Nationalismus. Farin hingegen umschreibt das Lied mit der Nullvokabel »umstritten« und findet im Text lediglich einen »religiös-patriotischen Pathos«. Ein Argument von »Frei.Wild«-VerteidigerInnen ist, dass Südtirol eine andere Geschichte als Deutschland habe. Die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols habe unter dem – italienischen – Faschismus gelitten und sei darum mehr oder minder immun gegen jede Sorte von Totalitarismus. Eines der besseren Kapitel im Buch ist der Geschichte Südtirols gewidmet. Die Mehrheit der deutschsprachigen Bevölkerung in Südtirol habe in den 1930er Jahren gehofft, dass die von vielen verehrte Lichtgestalt Adolf Hitler Südtirol »heim ins Reich« holen würde, ist dort zu erfahren. Am Mussolini-Faschismus störte weniger dessen faschistischer Charakter, als der Fakt, dass er italienisch war und die deutsche Minderheit mit Repressionen belegte. Als die Wehrmacht 1943 Südtirol besetzte, wurde sie als Befreierin begrüßt. Kurzum: Der Antifaschismus in Südtirol ist ein Mythos. Farin schreibt: »Südtirols antifaschistische Haltung ist zu erheblichen Teilen zugleich eine pro-nationalsozialistische. So werden bezeichnenderweise zum Zeichen des Widerstandes gegen die FaschistInnen Hauswände mit Hakenkreuzen verziert.« Diese historischen Einordnungen sind hilfreich und verdeutlichen den Kontext der leeren »Frei.Wild«-Abgrenzungen gegen »Faschismus«. Warum nur trägt das Buch trotzdem den Titel »Südtirols konservative Antifaschisten«? Eine mögliche Erklärung für diesen Wirrwarr wäre übrigens, dass Farin gar nicht alleiniger Autor des Buches ist. Selbst der Sprachstil weicht in unterschiedlichen Kapiteln des Buches auffallend stark voneinander ab. Entsprechend zieht sich das begriffliche Chaos durch das ganze Buch. So lässt Farin kaum eine Gelegenheit aus, den Begriff der »Grauzone« als Bezeichnung für das Lavieren von Bands wie »Frei.Wild« als ungeeignet zu denunzieren. Das Wort diene Linken nur dazu, alle Nicht-Linken als »irgendwie doch rechts« abzuqualifizieren. Andererseits wird der der Begriff im Farinbuch selbst verwendet: Der SPD-Sachbuchmillionär Thilo Sarrazin, der MigrantInnen für weniger intelligent als Deutsche hält, wird als ein »Grauzone-Autor« kritisiert.

Farin beschreibt in seinem Buch alles Mögliche. Umso spannender ist darum, dass er die zentralen Begriffe Rassismus und Nationalismus nicht diskutiert, geschweige denn definiert. Im Zweifel segelt alles unter Labeln wie »Patriotismus« und »Konservatismus«. Fängt Rassismus denn erst beim Ku-Klux-Klan an und Nationalismus erst bei Hakenkreuzen? »Frei.Wild« ist keine Neonazi-Band. Die allermeisten »Frei.Wild«-Fans sind keine Neonazis. Die Band ist in erste Linie eine auf hohem Niveau geführte Marke für als Rebellion verpacktes Kleinbürgertum – allen Tätowierungen und Piercings zum Trotz – und: ein ökonomischer Erfolg. Leider wird hier die Gelegenheit verpasst, mit den Fans über ihre Ängste, Wünsche und Projektionen kritisch zu diskutieren. Stattdessen wird weiter am Produkt »Frei-Wild« gearbeitet. Zur Selbstbestätigung der »Frei.Wild«-Fans mag es taugen, als Bildungsmaterial ist es völlig ungeeignet.

Der vorliegende Text ist eine Überarbeitung einer zuvor im Blog »Störungsmelder« von »Zeit Online« veröffentlichten Rezension.

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Gescheiterte Strategien, geplatzte Seifenblasen und das Problem der ›Mitte‹

#Musik

Die extreme Rechte ist vermeintlich im Umbruch, sowohl im Bereich der Organisationen als auch der Kultur. Neue Akteure, seien es die »Identitäre Bewegung« (IB), Rechts-Rapper wie Chris Ares oder auch Xavier Naidoo, haben in den letzten Jahren die politische Bühne betreten. Sind sie der neue kulturelle Ausdruck des Rechtsrucks? Sind sie die »Neue Rechte« und somit die neue Gefahr?

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»Euer Hass ist unser Lohn.« @ Christian Ditsch

Ein genauer Blick zeigt: Im Bereich der Musikkultur liegt der Schwerpunkt weiterhin beim etablierten RechtsRock. Antiemanzipatorische Positionen jenseits des Neonazismus werden weniger aus einer sogenannten neu-rechten Musikszene verbreitet, sondern vor allem von Bands und Projekten, die der ominösen »Mitte« – hier dem kulturellen Mainstream – zuzurechnen sind. Namentlich »Frei.Wild« ­(s. drr Nr. 156) und Andreas Gabalier. Die ambitionierten Pläne anderer Akteure der extremen Rechten im Bereich der Kultur führten nicht zu den erhofften Raumgewinnen.

Viel Wind um nichts
Vor über einem Jahr, im Dezember 2019 verkündete der dem »Institut für Staatspolitik« und der IB nahestehende Verein »Ein Prozent«: »Das Jahr 2020 wird voll im Zeichen der patriotischen Gegenkultur stehen.« Es ging um den »Aufbau einer patriotischen Musikszene« jenseits des offen neonazistischen RechtsRock und um nichts weniger, als den Weg von »Frei.Wild« zur extremen Rechten zu ebnen. Als Flaggschiff für den Bereich Rock hatte sich »das Bürgernetzwerk«, wie »Ein Prozent« sich nennt, Sacha Korn gesucht, für den Rap war es Chris Ares. Auch bei »Arcadi«, dem selbsternannten »jungen Magazin für Politik, Unterhaltung und Lebensstil«, hegte man solche Hoffnungen und setzte auf die gleichen Akteure. Korn hatte in den frühen 2000er Jahren am Rand des klassischen Neonazismus agiert, einige Alben herausgebracht und Konzerte gespielt. Ab 2016 war es ruhig um ihn geworden. Da Korn in der Öffentlichkeit nicht direkt mit der neonazistischen Szene assoziiert wurde, war er der ideale Partner für jene Akteure, die versuchen, neue Potenziale jenseits der etablierten extremen Rechten zu gewinnen. »Der Rocker Sacha Korn hat es auf den Titel geschafft« verlautete das »Arcadi«-Magazin und widmete ihm im Heft 4/2019 die Titelstory. Korn gelang es allerdings nicht, den Rückenwind von »Frei.Wild« in Form von einschlägigen nationalistischen und kulturalisierenden Metaphern auszunutzen und erfolgreich aus dem Windschatten heraus am Mainstream anzudocken. Live trat Korn zuletzt am 30. Mai 2019 in Brandenburg zusammen mit »Wutbürger«, Julia Juls und Mirko Borchert, vor gerade mal 40 Zuschauer*innen auf. Anfang des Jahres veröffentlichte er ein Lied zum Download, Mitte Dezember 2020 folgte das Download-Album »Heimat«; von den acht enthaltenen Liedern sind nur vier wirklich neu. Nicht gerade eine Erfolgsbilanz.

Strohfeuer RechtsRap?
Die Chart-Platzierungen einzelner Titel des Rappers Chris Ares auf Plattformen wie iTunes reichten aus, damit Medien von Der Spiegel bis MTV ihn fast zum Star erklärten. Dabei vergaßen die Autor*innen leider zu klären, welche konkreten Dimensionen hinter den Platzierungen standen. Wie hoch waren die Verkaufszahlen in welchem Zeitraum? Dass es sich hier um einen Song zum Preis von 99 Cent in den »Album-Charts« handelte, ging im Rauschen unter, mögliche Manipulationen ebenso. »Ein Prozent« feierte Ares und die Berichte über ihn ebenso wie das »Arcadi«, immerhin hatte es ihm das Titelblatt und die Titelstory der Ausgabe 1/2019 gewidmet. Dass zu Konzerten von Ares, wie am 9. März 2019 in Hoyerswerda oder am 7. Dezember 2019 in Spremberg, nur 200 bis 250 Zuschauer*innen kamen, wirft Fragen bezüglich der realen Bedeutung von Ares auf. Mittlerweile kann man sich diese jedoch sparen, erklärte der Rapper, welcher sich selbst ständig als »stabil« inszeniert, doch inzwischen seinen Rückzug aus dem Musikgeschäft vollzogen hat.
Dies dürfte das eh schon recht kleine Feld des extrem-rechten Rap schon hart getroffen haben. Dass kurz darauf im Rahmen eines laufenden Prozesses bekannt wurde, dass Michael Zeise, aka »Mic Revolt«, inzwischen vom »Aussteiger«-Projekt EXIT betreut wird, dürfte die Stimmung nicht gehoben haben. Rapper Kai Naggert aka »Prototyp« aus Wesel wittert jetzt seine Chance, doch angesichts dessen komplett fehlender Rap-Kompetenzen sollte das nicht besonders sorgen. Auch dass der ehemalige Shooting-Star des NS-Rap, »Makss Damage«, um den es ebenfalls sehr ruhig im letzten Jahr geworden war, im Dezember 2020 ein neues Album veröffentlichen wollte, wird für die Bedeutung des Rechts- und Nazi-Rap keine Relevanz haben.

Operation »Dark-Wave«: Nachhaltiges Scheitern
»Ein kleiner Einstieg in mein Lieblings-Musikgenre«, so warb Martin Sellner, der Kopf der »Identitären Bewegung« in einem Mitte 2017 online gestellten Video auf YouTube für den Neofolk. Tatsächlich sind in diesem Bereich seit mehr als 25 Jahren Bands und Musiker*innen aktiv, welche durch kulturpessimistische, elitistische und am Faschismus orientierte Inhalte und Ästhetik auffallen. Verwiesen sei hier nur auf »Death in June«, »Changes« und »Fire + Ice« auf internationaler Ebene und »Orplid« als deutsche Band. Beleben konnte der Aufruf von Sellner die Szenerie aber nicht. In diesem Bereich sind seit Jahrzehnten die gleichen Akteur*innen präsent. Als aktuell einzig halbwegs wichtige Band sei hier »Orplid« um Uwe Nolte genannt. Nolte bildet zusammen mit dem Liedermacher Rudolf Seitner aka »Sonnenkind« und Baal Müller den »Orphischen Kreis«. Dieser kann als der aktuelle Kern des extrem rechten Dark Wave beziehungweise Neofolk bezeichnet werden. Neuzugänge wie der Liedermacher Lupus Viridis aka »Vrimuot«, welcher zu den an Jack Donovan orientierten »Wölfen Nordland« gehört, bilden Ausnahmen. An den regelmäßigen und hoch ideologisierten Veranstaltungen nehmen kaum mehr als 50 Personen teil. Das entspricht einer kleinen »Elite«. Hier und da mögen einige Anhänger*innen aus dem Bereich des Dark Wave über den Neofolk Zugang zur rechten Ideologie finden, neue Bands und attraktive Events aus dem extrem rechten Bereich des Neofolk gab es in den letzten Jahren jedoch kaum, die Szene ist übersichtlich. Die Aufmerksamkeit, welche ihr durch die »Identitäre Bewegung« zugekommen ist, sollte nicht zu einer Überbewertung führen.

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»Identitäre« – Jugendkultur vom Reißbrett
Als zentraler Akteur von, zumeist als neu-rechts betitelten, jugendkulturellen Interventionen trat in den zurückliegenden Jahren die »Identitäre Bewegung« auf. Wer die Verlautbarungen bekannter Protagonisten der IB analysiert, stellt fest, dass diese gezielt in den Genres Punk, Elektro und Neofolk nach Anknüpfungspunkten einer jugendkulturellen Praxis von rechts suchten – wie eben am Beispiel von Sellner für den Bereich des Neofolk gezeigt. Allerdings sind die jugendkulturellen Scouts der IB in diesen musikalischen Genres und den sie umgebenden Szenen nicht verankert, was dazu führte, dass deren Andockversuche kaum Wirkung entfalteten. Die führenden Kader der IB wurden in völkischen oder neonazistischen Organisationen sozialisiert. Ihr kultureller Horizont umfasst im Wesentlichen das Spektrum von Liedermachern bis zum klassischen RechtsRock. Alle anderen Versuche der kulturellen Aneignung durch die IB sind eine strategische Indienstnahme dieser Kulturen, die sich bisher als wenig erfolgreich erwies.

RechtsPop?
Trends in der Popkultur sind immer Spiegel gesellschaftlicher Themen und Diskursverläufe. Die inhaltliche Ausrichtung und der kommerzielle Erfolg von Bandprojekten wie »Frei.Wild« und dem selbsternannten »Volksrock‘n‘Roller« Andreas Gabalier zeigt, dass es in der Musik ebenso wie auf anderen Feldern der Kultur einen Markt für Angebote gibt, die das Bedürfnis eines Publikums nach Rückbesinnung auf traditionelle und nationale Werte in einer Zeit kultureller Pluralisierung und gleichzeitig zunehmender Statusunsicherheit zu bedienen vermögen. Themen wie Heimat, nationale oder regionale Traditionen und die gesellschaftliche Rangordnung hergebrachter Geschlechterbilder beziehungsweise deren Verlust bilden wichtige Themen in den Songs der genannten Bands. Nationalismus, ein Denken in Eigen- und Fremdgruppe, ethnische Gruppenbildung und die Abwertung von Frauen sind in deren Liedern nahezu omnipräsent. Allein die Inszenierung Gabaliers auf Konzerten und in Videos in Tracht und mit ständiger Präsenz der weiß-roten Nationalfarben ­Österreichs verweist hierauf. Wenn Gabalier singt »Warum muss denn a Dirndl heut sein wie a Mann. Völlig verbissen, schon fast verkrampft emanzipiert. So dass man die ganze Freud am Knuspern verliert«, so ist das sexistisch. Aber ist das, wie so oft behauptet, rechtspopulistisch? Oder, was es nicht besser macht, konservativ? Ebenso wie der Bezug auf die Nation. »Frei.Wild« singt: »Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat« und grenzt so Andersgläubige und Migrant*innen aus. Aber sind »Frei.Wild« und ebenso Gabalier Erscheinungsformen eines neuen Typus rechter Popkultur? Oder tragen sie nicht mehr oder weniger eine modernisierte Variante des Heimatliedes vor, mit all seinen antidemokratischen, antiegalitären und antiliberalen Implikationen? Agieren beide ideologisch an der Grenze zwischen konservativer Werteorientierung und extrem rechten Aussagen? So eindeutig antiemanzipatorische rechte Bedürfnisse angesprochen werden, so uneindeutig werden diese ausgesprochen, um sie höchst werbewirksam als »kontrovers« zu diskutieren. Ihre gesellschaftliche Reichweite ist enorm.

Mainstream und Neonazismus
Es ist festzustellen, dass der RechtsRock den Bereich extrem rechter Musik weiterhin dominiert. Trotz deutlicher Rechtsentwicklung der Gesamtgesellschaft konnte die organisierte extreme Rechte im Musikbereich kaum profitieren. Weder gelang die Etablierung eines kulturellen Pendants zur »Alternative für Deutschland«, noch ein relevanter Einbruch in das gerade bei Jugendlichen populäre Genre des Rap. In den Genres Neofolk und Black Metal haben sich extrem rechte bis neonazistische Subszenen gebildet, welche stabil, aber wenig dynamisch sind. Das könnte daran liegen, dass vermehrt andere kulturelle Äußerungsformen genutzt werden – zum Beispiel was die Form wie Bild oder Video betrifft, vor allem aber die Nutzung so­zialer Plattformen im Netz. Hochproblematisch sind antiemanzipative und nationalistische Positionen, die über im Pop-Mainstream vertretene Bands wie »Frei.Wild« oder Andreas Gabalier verbreitet werden. Von hier aus könnte eine breit wirkende Hymne kommen, welche den rassistisch-autoritären Vorstellungen angesichts der gegenwärtigen Krisenerscheinungen eine Stimme gibt und diese popularisiert.

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Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/8490/strategie-freiwild/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=strategie-freiwild

Producer co-operatives of the Knights of Labor: seeking worker independence

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2022.2109009?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Mapping spaces of translation in twentieth-century Latin American print culture

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14781700.2022.2092207?ai=15d&mi=3fqos0&af=R

Choice of words, expressions of mind: Understanding the marginality of translation in Singapore’s public services

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14781700.2022.2091655?ai=15d&mi=3fqos0&af=R

State personhood and ontological security as a framework of existence: moving beyond identity, discovering sovereignty

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2022.2108761?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Crossing the curtain: British activists and the echoes of soviet dissent in contemporary Russian human rights activism

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Histories of the past and histories of the future: pandemics and historians of education

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00309230.2022.2093612?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The compensation law and its antagonistic administration: The Indian coalfield of Raniganj, 1923-71

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Strategic frames. Europe, Russia, and minority inclusion in Estonia and Latvia

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