Gesetz des Schweigens

#Skandale

»Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen.« Hermann Höcherl, CSU, 1963 Bundesminister des Innern, oberster Dienstherr des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Antifa Magazin der rechte rand

Der Verfassungsschutz (VS) sieht sich als neutrale Schiedsinstanz und analysiert andere mit der Hufeisenmatrix. Durch die Extremismustheorie. Da gibt es die Mitte und ihre beiden linken und rechten Ränder. Je nach Entfernung von der Mitte unterscheidet der VS grob in zentral/demokratisch/gewaltfrei, radikal/undemokratisch/gewaltfrei und extrem/undemokratisch/gewalttätig und am äußeren Ende nähern sich die Extreme an. Die Dreifaltigkeit spiegelt sich auch in der Aufstellung der Abteilungen der Ämter nach den politischen Feindesgruppen der Mitte – Linksextremismus, Rechtsextremismus, Islamismus. Die Konstrukteur*innen des theoretischen Überbaus des Amtes versuchen permanent, die demokratische Mitte selig zu sprechen und die Ränder zu verteufeln. Vor allem die Frage der Gewalt wird komplett auf die Ränder projiziert. Innerer Frieden ist somit garantiert, denn die Gefahr kommt immer von außen. Das staatliche Gewaltmonopol soll von der Frage der eigenen Gewalt ablenken.

Hier verweigert der Dienst jede weitergehende Tätigkeit. Keine Erwähnung von antisemitischen und neonazistischen Propaganda­delikten bei Polizei und Bundeswehr. Obwohl die Auswertung von öffentlichen Quellen ja eine der Hauptaufgaben des Dienstes ist und alle größeren Medien mehrfach über Chatgruppen und andere Vorfälle ausführlich berichteten. Er kann nicht sehen, was nicht sein soll. Die Kontrolle des VS durch das Ministerium des Innern scheint in diesem Zusammenhang gut zu funktionieren.
Sich selbst sieht der VS auch in einem Dreiklang der öffentlichen Kritik gefangen. Nicht erst seit der Selbstenttarnung des NSU ertönt dieser in der Form von Frühwarnsystem, V(ertrauens)-Männern und Pannen. Die Auswertung öffentlicher Quellen ist im Gegensatz zum V-Mann-System und der Vertuschung eigener Fehler und krimineller Aktionen weniger gefährlich. Die meisten Aktionen des VS werden immer geheim bleiben, eine Fehlerkultur, eine demokratische, öffentliche Kontrolle der Dienste findet nur durch die Presse und wenige Politiker*innen statt. Die Dienste schützen sich dagegen mit einer eigenen »Omertà«, dem Gesetz des Schweigens. In den schlimmsten Fällen, um die es hier geht, mussten Menschen mit ihrer Gesundheit und sogar ihrem Leben bezahlen.

ABO
Das Antifa Magazin

alle zwei Monate
nach Hause
oder ins Büro.

Der tote Spitzel

Ulrich Schmücker wurde nur 22 Jahre alt. Der Student der TU Berlin wurde 1972 festgenommen. Ein Bombenanschlag auf das türkische Generalkonsulat wurde von der Polizei durch eine Kontrolle vereitelt. In U-Haft wird er vom VS als V-Mann »Kette« angeworben. Er erkauft sich dadurch ein sehr mildes Urteil, wird vorzeitig aus der Haft entlassen. Sein V-Mann-Führer ist Michael Grünhagen. Dieser ist zuständig für weitere Spitzel in der linken Szene Berlins, wie auch für den Kneipenwirt Volker Weingraber. Schmücker verstrickt sich in den folgenden Jahren immer offensichtlicher in Widersprüchen, wird von seinem Mitbewohner und seiner Lebensgefährtin als Spitzel enttarnt. Daraufhin finden in der Szene-Kneipe »Tarantel« Debatten über eine Hinrichtung des Spitzels statt. In der Gaststätte verkehren zu dieser Zeit auch mindestens zwei weitere V-Leute des VS. Der ­V-Mann Weingraber ist auch an den Gesprächen beteiligt. Er stellt der Gruppe eine Schreibmaschine zur Verfügung, damit diese ein »Volkstribunal« und ein Urteil protokollieren kann. Er leiht den mutmaßlichen Tätern auch seinen VW Bus am 4. Juni 1974 – dem Tag, an dem Grünhagen zum wiederholten Mal gewarnt wird, sein V-Mann Schmücker sei in Lebensgefahr. Der hatte selbst in den Wochen zuvor um Schutz gebettelt und um eine Waffe zum Selbstschutz gebeten. Beides wurde ihm von seinem V-Mann-Führer verweigert. Am 5. Juni um circa 00.15 Uhr wird Schmücker mit einer Pistole im Grunewald in den Kopf geschossen. Diese Pistole erhält der V-Mann Weingraber nur eine halbe Stunde nach der Tat. Er übergibt die Waffe mit zwei Magazinen einen Tag später an seinen V-Mann-Führer, den Oberamtsrat Grünhagen. Dessen wichtigster Beitrag zur Aufklärung an der Tötung seines ­V-Mannes ist, dass er die Tatwaffe in der Dienststelle des Verfassungsschutzes in der Clayallee für die nächsten 15 Jahre in einem Tresor wegschließt. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht in Auszügen das Bekennerschreiben einer Gruppe »Schwarzer September«, die sich der Tötung des Spitzels bezichtigt. Nach insgesamt mehr als 20 Jahren verhängter Untersuchungshaft bleiben die juristischen Verhandlungen ohne Ergebnis. Die ersten zwei Urteile gegen Beschuldigte wurden in Revision von Bundesgerichten aufgehoben. 1980 kommt Bewegung in die Auf­arbeitung. Grünhagen wird in einem anderen Mordkomplex von der Zeitschrift Konkret als Mitarbeiter des VS enttarnt. Ein Angeklagter im dritten Prozess erkennt ihn auf einem Foto in der Zeitung wieder. Das folgende Urteil gegen die Beschuldigten wird erneut durch ein Bundesgericht aufgehoben. Im vierten Prozess um den Tod des Spitzels wird absehbar, dass die Rolle des VS endlich Thema wird. 1989 wird dann die Tatwaffe im Tresor des VS schließlich »gefunden«. Die Richterin im bisher letzten Verfahren stellte das Verfahren gegen alle Angeklagten ein, da eine »Mitwirkung und Einwirkung des Landesamtes für Verfassungsschutz« für die Tat ausschlaggebend gewesen sei. Und dieses schützte den eigenen Spitzel nicht, sondern lieferte ihn mindestens bewusst seinem tragischen Schicksal aus.

Das Celler Loch

1978 sprengt die GSG 9, die Antiterroreinheit des Bundesgrenzschutzes, ein Loch in die Außenmauer des Gefängnisses in Celle, in dem das RAF-Mitglied Sigurd Debus einsaß. Der VS will mit dieser Aktion endlich V-Leute in das RAF-Umfeld einschleusen. Um die Inszenierung zu vervollständigen, wird Ausbruchswerkzeug in die Zelle von Debus geschmuggelt. Seine Haftbedingungen werden sofort verschärft und im folgenden Jahr wird er nach Hamburg in die Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel (­»SantaFu«) verlegt. Debus beantragt auch dort Hafterleichterungen, die mit dem Verweis auf den angeblichen Ausbruchsversuch abgelehnt werden. Daraufhin trit er in einen mehrmonatigen Hungerstreik mit Zwangsernährung, den er nicht überlebt. Erst Jahre später, 1986, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung über die wahren Hintergründe des Sprengstoffanschlags. Der Untersuchungsausschuss des Landtags kommt zu dem Ergebnis, es sei eine zu rechtfertigende Aktion, da das Ziel solche Handlungen rechtfertige und ein Ausbruch so verhindert worden sei. Der letzte Punkt ist eine offensichtliche Lüge. Eine Kontrolle des Geheimdienstes durch das Parlament fand somit nicht statt. Die verfassungsgemäße Trennung zwischen niedersächsischem VS und Bundespolizei wurde auch nicht beachtet. Am Ende steht ein Toter, der sich gegen seine verschärften Haftbedingungen wehrte, die über ihn durch eine gemeinsame Aktion von Geheimdienst und Polizei verhängt wurden. Diese schwiegen, während Debus in seinem Protest sich langsam zu Tode hungerte. Sie schwiegen auch noch nach seinem Tod. Denn die vom VS gewählte Aktionsform entspricht der Vorgabe des Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD), der am 8. September im Jahr vor dem Anschlag den Geheimdiensten und der Polizei seine bedingungslose Unterstützung zusagte und sie aufforderte, »das Undenkbare zu denken« und »exotische Vorschläge« zu verfolgen. Diesen Aufforderungen folgte der VS.

Fanzines, Totschlag, Konzerte, Waffen

1991 findet die Polizei bei einer Hausdurchsuchung bei dem Neo­nazi Carsten Szczepanski vier Rohrbomben. Er gibt der Polizei freiwillig die Abonnentenliste seines Fanzines »Feuerkreuz« und die Mitgliederlisten des von ihm gegründeten Ablegers des »Ku Klux Klans« (KKK). 1992, im Mai, wird am Scharmützelsee der nigerianische Lehrer Steve Erenhi erst zusammengeschlagen, dann versucht die Meute, ihn zu verbrennen. Als ihnen das nicht gelingt, versuchen sie ihn zu ertränken. Einer der Täter: Szczepanski, der sich als einziger in der Gruppe vermummt. Erenhi überlebt den Mordanschlag nur knapp. Auch andere Mitglieder des KKK begehen in Deutschland Anfang der 1990er Jahre schwerste Verbrechen. Szczepanski wird für seine Tatbeteiligung 1995 zu acht Jahren Haft verurteilt. Schon 1998 ist er Freigänger. Er betreibt ein Ladengeschäft für Neonazimusik und -Bekleidung, spielt eine wichtige Rolle im »Blood & Honour«-Netzwerk, wirbt in seinem Fanzine »United Skins« für den Terror von »Combat 18«, ist Teil der »National-Revolutionären Zellen«, wird Beisitzer im Landesvorstand der NPD Brandenburg und Leiter des Ordnungsdiensts der Partei. Zur NPD geht er auf ausdrücklichen Wunsch seines V-Mann-Führers. Der hatte auch dafür gesorgt, dass der Neonazi deutlich weniger Zeit in Haft verbringen musste. Auch für weitere Straftaten bekommt er Rabatt eingeräumt, indem er zum Beispiel seinen Mitbewohner wegen Schüssen auf einen Menschen verrät. Mit Jan Werner, ebenfalls »Blood & Honour«, versucht Szczepanski Waffen für den NSU zu beschaffen. Wie weit die beiden den Plan realisieren konnten, haben weder der NSU-Prozess noch die entsprechenden Untersuchungsausschüsse aufgeklärt. Carsten Szczepanski konnte sich an nichts erinnern.

Von 1994 bis ins Jahr 2000 arbeitete Carsten Szczepanski für den Verfassungsschutz. Der VS zahlte ihm mindestens 50.000 Mark allein an Prämien. Gordian Meyer-Plath war erst Leiter des Landesamtes für Verfassungsschutz in Brandenburg. Danach leitete er den sächsischen VS. Meyer-Plath war zuvor V-Mann-Führer von »Piatto«, dem Tarnnamen des VS für Carsten Szczepanski. 37 gemeinsame Treffen der beiden sind dokumentiert. »Piatto« lebt mittlerweile irgendwo unter neuer Identität, unterstützt durch ein staatliches Zeugenschutzprogramm. Im NSU-Prozess trat er verkleidet und vermummt auf und konnte sich an fast nichts erinnern. Ein weiterer großer Beitrag des VS zur Aufklärung von Verbrechen. Szczepanski hat sich den Titel ‹Vertrauensmann› mühevoll verdient.

Fleißarbeit

Das mühselige Zusammensetzen der Puzzlestücke obliegt antifaschistischen und zivilgesellschaftlichen Projekten. Ohne deren Wirken wären die Machenschaften der V-Leute und ihrer Führer bis heute nicht in diesem Umfang bekannt. Es ist naheliegend für ein Frühwarnsystem – das der VS für sich in Anspruch nimmt –, in politische Bildung und Aufklärung zu investieren und antifaschistischen Projekten nicht das Leben schwer zu machen. Sie waren noch nie in Morde und die Vertuschung schwerster Straftaten verwickelt. Sie analysieren und warnen früher vor faschistischen Aktivitäten und das völlig ohne Menschenleben zu gefährden. Dass der VS immer wieder gegen diese Projekte agitiert, ist auch eine Würdigung ihrer soliden Arbeit, die nicht nur das Amt, sondern auch manche Mitarbeiter*innen brüskiert. Diese werden im Übrigens in den seltensten Fällen für ihre Fehler zur Verantwortung gezogen.

Der Beitrag Gesetz des Schweigens erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/7579/verfassungsschutz-gesetz-des-schweigens/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=verfassungsschutz-gesetz-des-schweigens

Decolonising resilience: reading Glissant’s Poetics of Relation in Central Eurasia

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2021.1944984?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

‘The factory of the future? Historical continuity and labor rights at Tesla’

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2021.1940115?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Barbara Bodichon’s epistolary archive: silences that speak

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00309230.2021.1946103?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Secrets, spies and editors in Cold War America: Ben Bradlee and the Washington Post

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2021.1944982?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

70 Jahre sind genug!

#Verfassungsschutz

Antifa Magazin der rechte rand
Ein Jahr nach dem offiziellen Bekanntwerden des NSU demonstrierten in Berlin 4.000 Menschen unter dem Motto »In Gedenken an die Opfer des NSU – Das Problem heißt Rassismus! Schluss mit der Vertuschung!« © Mark Mühlhaus / attenzione

Fast hätte es geklappt mit der Rente mit 63. Im Bericht zum NSU-Untersuchungsausschuss 2013 kamen alle Fraktionen des Bundestags zu dem Schluss, »die Gefahr von Rechtsterrorismus« sei »von den Verfassungsschutzbehörden völlig falsch eingeschätzt« worden. Die Linke forderte in einem Sondervotum die Abschaffung der entsprechenden Behörden, die Grünen deren Auflösung und Neustrukturierung. Es kam jedoch anders. Die Behörde wird dieses Jahr 70 und ist immer noch nicht in den Ruhestand entlassen. Im Gegenteil: Mit immer mehr Mitteln, Personal und Kompetenzen wird versucht, sie am Leben zu halten. Allein von 2017 bis 2020 stieg der Etat des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) von 307 auf 467 Millionen Euro. Der Personalbestand hat sich seit 2000 fast verdoppelt. Warum die Behörde nicht reformierbar ist, zeigt ein Blick in die Geschichte.


Am 7. November 1950 wurde das BfV gegründet. In den Folgejahren zogen die Bundesländer nach und unterhielten je eine Behörde, die ebenso wie das BfV dem Innenministerium unterstellt ist. Die Verfassungsschutzbehörden sollen das »Frühwarnsystem« im Demokratieschutzkonzept der Bundesrepublik sein. Ihnen obliegt die Sammlung von Informationen über Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung (fdGO) und den Bestand des Bundes oder der Länder. Die Vorbehalte gegenüber der Wiedererrichtung eines deutschen Geheimdienstes waren groß. Die Alliierten verfügten, der Verfassungsschutz sollte keine polizeilichen Befugnisse haben und auch durch die Namensgebung sollte ein deutlicher Trennstrich zur »Geheimen Staatspolizei« (Gestapo) gezogen werden. Umstritten war die Auswahl des verantwortlichen Personals. Die Briten legten gegen mehrere Vorschläge der Bundesregierung ihr Veto ein und setzten mit Otto John einen der Verschwörer vom 20. Juli als Präsident des BfV durch.

Gelernt ist gelernt

In den Anfangsjahren war etwa ein Drittel der Mitarbeiter ehemalige NSDAP-Mitglieder – etwas weniger als in anderen Behörden. Deutlich mehr NS-Belastete wurden als freie Mitarbeiter eingestellt und nach der weitgehenden staatlichen Souveränität der BRD 1955 fest übernommen. Unter ihnen waren viele ehemalige SS-, Gestapo- und SD-Angehörige, wie ein Forschungsprojekt der Historiker Michael Walla und Constantin Goschler zeigt.
Dieses Personal war geübt im Kampf gegen den Kommunismus und setzte diesen in der BRD fort. Weit weniger Aufmerksamkeit wurde dem Fortleben des Nationalsozialismus in der jungen Demokratie zuteil. Maßnahmen erfolgten meist auf Druck aus dem Ausland. Kurz nach der antisemitischen Schmierwelle 1959/1960 veröffentlichte das BfV seinen ersten Bericht. Er war auf Englisch verfasst und verfolgte das Ziel, die vermeintlich übertriebenen Darstellungen des Auslands über das Ausmaß des Antisemitismus zu korrigieren. Im Folgebericht, seitdem auf Deutsch veröffentlicht, zeigte man sich zufrieden, »irrige Vorstellungen über Ausmaß und Einfluß dieser [rechtsradikalen; Anm. d. Autors] Kräfte« berichtigt zu haben. Laut BfV waren die meisten Täter »Affekt- und Rauschtäter«, »geisteskranke Sektierer« oder »strafunmündige Kinder«. Die Relativierung rechter Gewalt und die Ausrichtung auf den Kampf gegen den Kommunismus entsprachen der Staatsraison der jungen BRD. Demokratieschutz bedeutete in erster Linie, den Staat und seine Institutionen zu schützen. Der von 1953 bis 1961 amtierende Innenminister Gerhard Schröder (CDU) sah die Hauptaufgabe des Verfassungsschutzes (VS) in der Staatssicherheit und prognostizierte: »Ich denke, daß wir eines Tages getrost zu diesem Namen zurückkehren können.« Das wäre konsequent und ehrlich gewesen.

Plötzlich wichtig

Tiefgreifende Veränderungen erlebte die Behörde Anfang der 1970er Jahre. Die meisten direkt NS-Belasteten schieden altersbedingt aus dem Dienst. Da sie aber maßgeblich für die Rekrutierung des eigenen Nachwuchses verantwortlich waren, kann davon ausgegangen werden, dass sich die Haltung der 1950er Jahre innerhalb der Behörde konservierte. Mit dem Radikalenerlass 1972 wuchs die gesellschaftliche Relevanz des Verfassungsschutzes sprunghaft an. Denn um zu überprüfen, ob der öffentliche Dienst von Demokratiefeinden unterwandert werde, sollten alle Bewerber*innen durch eine Regelanfrage beim zuständigen Amt für Verfassungsschutz überprüft werden. Um diese Aufgabe zu bewältigen wurden Etat und Anzahl der Mitarbeiter*innen innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Zudem gewannen die jährlichen Berichte des VS an Bedeutung. Sie zeigten an, von welchen Organisationen sich potentielle Staatsbedienstete lieber fernhalten sollten und beeinflussten das politische Handeln. Parallel dazu führten die Ämter den Extremismusbegriff ein. Da der Begriff politisch unvorbelastet war, eignete er sich als Abgrenzungsbegriff für alle, auch völlig unterschiedliche, Bestrebungen gegen die fdGO. So konnten auch die undogmatischen und moskaukritischen Teile der Neuen Linken weiterhin als antidemokratisch ausgegrenzt werden. Der Antikommunismus wandelte sich zu einem Anti-Linksextremismus. Diese Feindbestimmung des VS wurde durch die Extremismusforschung mit wissenschaftlichen Weihen versehen und dadurch weiter stabilisiert. Durch diese Entwicklungen wurde der VS zu einem Akteur, dem die Deutungshoheit über die Grenze der Demokratie zugeschrieben wird, und dessen Einschätzungen in Politik, Medien und politischem Alltag bis heute als Gradmesser für Demokratietauglichkeit gelten.

Verfassungsschutz nach dem NSU

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde kurzzeitig die Abschaffung des VS diskutiert. Stattdessen bekamen auch die ostdeutschen Bundesländer eigene Landesämter; meist geführt von B- und C-Personal aus dem Westen. Seit Jahren werden Stimmen laut, die fordern, die Ämter müssten sich öffnen, transparenter werden und vermehrt auf Personal setzen, das Impulse jenseits juristischer Ausbildung mitbringt. Punktuell sind solche Entwicklungen erkennbar. Thüringen ist neben dem Saarland das einzige Bundesland, das den Etat seines Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) seit der Selbstenttarnung des NSU nicht aufgestockt hat. Stattdessen setzte die rot-rot-grüne Landesregierung Ende 2015 mit Stefan Kramer einen Sozialpädagogen und ausgewiesenen Kritiker der Behörde an deren Spitze. Kramer gab dem Amt ein anderes Image und verzichtete weitgehend auf den Einsatz von V-Leuten. Obwohl er teilweise mit dem alten Personal arbeitet, ist der Unterschied zu jenem Landesamt erkennbar, das den »Thüringer Heimatschutz« mit aufgebaut hat, die Informationen über den NSU nicht genutzt hat und somit für die NSU-Mordserie mitverantwortlich ist. Doch mittlerweile fordert auch Kramer mehr Geld und Kompetenzen für seine Behörde und warnte kürzlich vor Linksterrorismus in Thüringen.


Nach zahlreichen Ausschreitungen rechter Gruppen im Spätsommer 2018 in Chemnitz und Demonstrationen, auf denen die »Alternative für Deutschland« (AfD) den Schulterschluss mit diesen Gruppen suchte, stufte das LfV Thüringen die Partei als Prüffall ein. Im Januar 2019 zog das BfV nach und stufte außerdem die AfD-Gruppierungen »Der Flügel« und die »Junge Alternative« als Verdachtsfälle ein. Durch die Einstufung als Verdachtsfall ist eine Überwachung mit nachrichtendienstlichen Mitteln erlaubt. Die Maßnahmen führten zu einer pro-forma-Auflösung von »Der Flügel« und internen Auseinandersetzungen in der AfD. Der Kurswechsel des BfV steht in direktem Zusammenhang mit dem Ausscheiden seines ehemaligen Präsidenten, Hans-Georg Maaßen. Maaßen spielte das Ausmaß der Ausschreitungen herunter und vermutete gezielte Falschnachrichten, ohne dies belegen zu können. Nach seiner angekündigten Versetzung ins Innenministerium fabulierte er über linksradikale Kräfte in der SPD, frei erfundene Taten und gezielte Medienmanipulation. Daraufhin wurde Maaßen in den Ruhestand geschickt. Seitdem ist er in der »Werteunion« aktiv und stellt seine Sympathien für die Politik der AfD offen zur Schau. Deren Co-Vorsitzende Alice Weidel hat wohl recht, wenn sie sagt, mit Maaßen wären die schärferen Maßnahmen gegen die AfD nicht möglich gewesen.

ABO
Das Antifa Magazin

alle zwei Monate
nach Hause
oder ins Büro.

#VSabschaffen

Mit den personellen Veränderungen richtet der Verfassungsschutz seinen Blick stärker auf die AfD und Einrichtungen der »Neuen Rechten« wie zum Beispiel das »Institut für Staatspolitik«. In Anbetracht des gesellschaftlichen Rechtsrucks, der stark gestiegenen Übergriffe seit 2015, der guten Vernetzung der »Neuen Rechten«, der Etablierung einer völkisch-nationalistischen Partei und regelmäßiger Berichte über rechte Gruppen, die Waffen horten und Anschläge planen, handelt der VS viel zu spät. Durch das lange Zögern gegenüber der AfD hat der Geheimdienst zur Legitimierung der Partei beigetragen. So lange sie nicht als Prüf- oder Verdachtsfall eingestuft wurde, galt sie als eine demokratische Partei wie jede andere. Dieser Freibrief hat den Aufstieg der AfD befördert. Der VS ist kein Frühwarnsystem. Er hinkt mit seiner Analyse der Wissenschaft, Zivilgesellschaft, kritischem Journalismus und antifaschistischen Rechercheteams weit hinterher. Diese Institutionen haben frühzeitig gewarnt, doch ihren Analysen hat der VS keine neuen Erkenntnisse hinzugefügt.


Angenommen, der Verfassungsschutz demokratisiert sich weiter, das Personal wird weitgehend ausgetauscht und die neuen Mitarbeiter*innen wollen den Kampf gegen völkisch-nationalistische Ideologien aufnehmen anstatt ihn zu sabotieren, bleibt er eine Behörde im Institutionengefüge der wehrhaften Demokratie, die auch dann ein Demokratieschutzkonzept verfolgt, das vorrangig den Staat schützt. Ein Konzept, dem staatskritische Linke sehr viel schneller suspekt sind als demokratiefeindliche rechte Gruppen. Diese Gruppen gelten erst dann als Gefahr, wenn sie staatliche Strukturen und Institutionen in Frage stellen. Die wehrhafte Demokratie basiert auf historischen Mythen, wie der angeblich wehrlosen Weimarer Republik, die durch ihre Feinde von rechts und links zerrieben wurde. Der Staatsschutzgedanke ist in zahlreiche Gesetze eingeflossen und durch die Extremismusforschung wird die staatliche Feinderklärung in etlichen Universitäten gelehrt. Die Ämter für Verfassungsschutz sind wichtige Bausteine in diesem Gefüge, sie abzuschaffen wäre ein erster und wichtiger Schritt. Der Weg zu einer Demokratie, in der politische und soziale Grundrechte als höchstes Schutzgut gelten, bliebe aber auch dann noch weit.

Der Beitrag 70 Jahre sind genug! erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/7572/verfassungsschutz-70-jahre-sind-genug/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=verfassungsschutz-70-jahre-sind-genug

‘Encroaching upon trade union preserves’: the 1950s fight over global labor norms between the international confederation of free trade unions and moral re-armament

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2021.1897782?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The socio-economic reality of industrial vocational training during the dictatorship of Primo de Rivera in Spain, 1923–1930

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00309230.2021.1937240?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The Swedish Sámi boarding school reforms in the era of educational democratisation, 1956 to 1969

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00309230.2021.1942935?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Control through Compassion: Legitimizations of Surveillance, Dynamics of Power, and the Role of the Expert in the Finnish Makeover TV Shows Jutta and the Super Diet and Jutta and the Half-Year Super Diet

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08038740.2021.1939782?ai=z4&mi=3fqos0&af=R