Das Selbstbild der Täter

#Hass

Die Manifeste von Rechtsterroristen sind auch Ausdruck ihres Selbstbildes. Zuletzt hatte der Attentäter von Hanau gezeigt, wie wichtig für dieses Selbstbild der Glaube an die Leistung und die Arbeit der eigenen »Rasse« ist und inwiefern es durch Fremde bedroht sein soll.

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Die Täter ergreifen das Wort. Schon die Gewalt ist ihre Sprache, aber sie ist es nicht allein. Die Worte geben der Gewalt einen Kontext, eine Begründung, eine – so wird gehofft – Geschichte. Deshalb veröffentlichen die Täter von Utøya über Christchurch bis Hanau Manifeste. Diese sind Ausdruck einer rechten Gesinnung, getrieben von Wahn und Hass gegen Jüdinnen und Juden, gegen Muslim*innen, gegen Linke, ja gegen alle, die anders sind oder sein sollen.
Neben den Fremdbildern zeichnen die Manifeste ein Selbstbild. Genauer gesagt: Erst durch die Fremdbilder wird das Selbstbild gezeichnet und es wird beschrieben, was auf dem Spiel stehen, was verschwinden und drohen soll. Auch wenn sich die Bezugspunkte unterscheiden, die Logik ist immer ähnlich. Eine angenommene, uralte Identität einer Wir-Gruppe, zu welcher der Täter sich nicht nur zählt, sondern deren idealer Ausdruck er sein will, soll bedroht sein durch Fremde. Leistung und Arbeit spielen in diesem Selbstbild eine zentrale Rolle.

Die Weltanschauung der Täter
Anders Breivik, der 67 jugendliche Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Norwegens auf der Insel Utøya erschoss, präsentiert sich in seinem über 1.500 Seiten starken Manifest als Patriot, als Tempelritter und Kämpfer, der etwas tun will gegen eine Islamisierung durch Masseneinwanderung, deren Grund er unter anderem in der Notwendigkeit von »billiger Arbeit« sieht. Es sind gar nicht so sehr seine Ideen, sondern vielmehr ist es die Form seines Textes und seiner Tat, die Nachahmer findet.

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Ausgabe 184 Terror von rechts



Stephan Balliet, der 2019 erfolglos an Jom Kippur die Synagoge von Halle angriff und daraufhin eine Frau auf offener Straße und einen Mann in einem Döner-Imbiss erschoss, ist solch ein Nachahmer; ein Breivik-Fan durch und durch. Ein wirkliches Manifest jedoch hat er nicht hinterlassen, dafür aber eine lose Sammlung von Dateien, die wenig Programmatisches enthalten, aber viele Details zu den benutzten Waffen. Eine Datei mit dem Namen »Read This First« allerdings enthält die rhetorische Frage über einen angeblichen Geldgeber »Why would a fucking jew give away money for free?« und schließt damit an den alten Topos vom »geldgierigen Juden« an. Ein Jahr zuvor griff Robert Bowers die Synagoge in Pittsburgh an und tötete elf Menschen. Der Polizei sagte er danach, so berichtet Alex Amend, er wollte alle Juden töten, weil die einen Genozid an seinem Volk verübten. Es ist der Antisemitismus, der diese Täter antreibt.
Im Februar 2020 tötete Tobias Rathjen in Hanau neun Menschen, die er für nichtdeutsch hielt, anschließend seine Mutter und sich selbst. Er begründete seine Tat in Form eines Manifestes. Er wollte, so schreibt er, etwas »gegen die Degeneration unseres Volkes« tun. Es ist dieselbe Geste wie bei Breivik, er sieht sich als Retter, der sich opfert.

Leistung und Arbeit im Manifest des Rechtsterroristen von Hanau
Viel wurde bereits über diesen Text geschrieben. Immer wieder wurde auf die wahnhafte Verschwörungsideologie hingewiesen, die sich durch den Text zieht. Rathjen glaubte, seit seiner Geburt von einem unbekannten Geheimdienst überwacht worden zu sein, der seine Gedanken las und kontrollierte. Seine herausragende »Leistung«, so schreibt er auf den letzten Seiten, habe darin bestanden, dass »ich das mitbekommen habe, dass ich überwacht werde«.


Und damit ist man in dem die Argumentation grundierenden Teil des Manifestes, über den bislang zu wenig geschrieben wurde: nämlich die Überzeugung, »Rassenunterschiede« seien Leistungsunterschiede. Rathjen richtet seinen Text »an das gesamte deutsche Volk« und meint damit ein rassistisch definiertes Kollektiv. Das deutsche sei das Volk, »aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat«. Es sei »mit dafür verantwortlich, dass wir die Menschheit als Ganzes emporgehoben haben«.

Aber wie in all diesen Manifesten erzählt auch Rathjen eine Verfallsgeschichte. Denn dieses von ihm so geliebte deutsche Volk sei von »Volksgruppen, Rassen oder Kulturen« unterwandert worden. Diese Menschen seien »äußerlich instinktiv abzulehnen« und hätten sich »in ihrer Historie nicht als leistungsfähig erwiesen«, ja, sie seien »in jeglicher Hinsicht destruktiv«. Nicht jede*r, so schließt er, »der heute einen deutschen Pass besitzt [ist] reinrassig und wertvoll«. Deshalb sei eine »Fein-Säuberung« notwendig, die zu einer »Halbierung der Bevölkerungszahl« führen soll. Mit seiner Tat will er den Anfang machen. Diese »Fein-Säuberung« müsse allerdings durch eine »Grob-Säuberung« ergänzt werden, das heißt der Vernichtung ganzer Völker, die er auflistet. Als besonders destruktiv erscheint ihm der Islam, aber auch Israel wird in der Liste genannt.

Selbst die Beziehung zu Frauen wird bei ihm durch seine Leistungsideologie geprägt. Im Manifest gibt es eine Passage, die »Thema Frauen« überschrieben ist und in der es heißt, jeder Mensch habe den Wunsch, »nicht mehr alleine zu sein«. Der »Zustand der Nichterfüllung«, der Rathjens Leben prägte, weil er nach eigenem Bekunden »besonders hohe Ansprüche« habe, sei »Freude- und leistungshemmend«.

Faulheit und Fleiß von »Rassen«
Der Rechtsterrorist Rathjen schließt mit seinen Ideen an eine lange Geschichte der Nationalisierung von Arbeit in Deutschland an, die stets von der einzigartigen »deutschen Arbeit« redete, die durch die Faulheit, die »Arbeitsscheue« und Nicht-Arbeit der Anderen bedroht werde. Seine Rede von der »Säuberung« treibt den alten Satz »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen« ins Äußerste: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht leben.«
Eine Bedrohung können auch die Fleißigeren sein. Wilhelm Heinrich Riehl, ein deutscher Journalist und Begründer der Volkskunde, hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Buch »Die deutsche Arbeit« für diese Angst die Blaupause geliefert. Bei ihm sind es die Juden, die das deutsche Volk darin bedrohen, weggearbeitet zu werden. Der Rechtsterrorist von Hanau wiederholt auch diese Angst, aber er überträgt sie auf den »Fleiß des chinesischen Volkes«, der China noch zur Supermacht werden lasse. Um China Paroli bieten zu können, brauche es deshalb ein NATO-ähnliches Verteidigungsbündnis.

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Ganz frei von antisemitischen Vorstellungen ist das Manifest aber nicht. Der Glaube an eine weltbeherrschende Geheimorganisation, deren »Kernleistung« darin bestehe, zusammenzuhalten, wobei ihre »Finanzierungsquelle« unklar sei, weckt sicher gezielt Assoziationen an den Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Dass Israel auf der Liste der »zu vernichtenden Länder« steht ist kein Zufall.

Dieses Manifest enthält somit neben einer wahnhaften Verschwörungsideologie auch eine rassifizierte Variante des neoliberalen Leistungsdenkens, die Rathjen nicht erfindet, sondern die eine längere Geschichte hat. Ähnliche Ideen wurden in den letzten Jahren unter anderem von Thilo Sarrazin propagiert. In Teilen wurde dieses Denken bereits vom Nationalsozialismus vorweggenommen, der die »Rassen« danach hierarchisierte, welche Einstellung zur Arbeit sie haben sollen. Die Deutschen standen demnach an der Spitze, die Jüdinnen und Juden am Ende und dazwischen wurden die »Völker« einsortiert, die im Laufe des Zweiten Weltkriegs in den Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus fielen. Ihre Stellung innerhalb dieses »Rassenschemas« entschied nicht zuletzt darüber, ob sie ermordet, durch Arbeit vernichtet oder zu Arbeit gezwungen wurden. An diese Ideen fühlt man sich beim Lesen des Manifestes erinnert.

Arbeit und »der große Austausch«
Auffällig ist, dass bei dem Rechtsterroristen von Hanau gängige neu-rechte Ideologeme wie »Der große Austausch« fehlen. Davon handelt indes nicht nur das Manifest des Attentäters von Christchurch. »The Great Replacement« ist sogar dessen Name.
Im März 2019 tötete Brenton Tarrant in Christchurch/Neuseeland 51 Menschen in zwei Moscheen. Sein Manifest ist ganz im Zeichen der Verschwörungsideologie des großen Austausches und des »White Genocide« verfasst. Er glaubt, dass Millionen Menschen »eingeladen« wurden, um »the White people« zu ersetzen, die daran scheiterten, sich fortzupflanzen, weshalb er immer wieder über Geburtsraten redet, die aber auch daran gescheitert seien, »cheap labour« herzustellen. Es drohe so »the complete racial and cultural replacement of the European people«. Während bei Rathjen das deutsche Volk die Bezugsgröße ist, ist es hier das europäische Volk, eine durch Blutsverwandtschaft definierte ethnische und kulturelle »Rasse«.

Auch bei Tarrant ist es die Arbeit, die diese Gruppe auszeichnet. Der Wohlstand und Reichtum in seinem Land, also Australien, sei einzig und allein das Ergebnis der Anstrengung seiner Vorfahren. Sie hätten mit ihrem Schweiß und ihrem Blut für diesen bezahlt. Wenn Reichtum aber allein auf Anstrengung beruht, dann lautet der Umkehrschluss logischerweise, dass sich die Menschen in ärmeren Ländern nicht genug angestrengt hätten – und deren Nachfahren, so glaubt Tarrant, jetzt versuchten, mit dem zu leben, was ihm und den seinen zusteht. Dagegen könne man nur Eines tun: »The only option for a true man or woman of Europe is to labour, labour with all effort towards victory.« Vielleicht versteht Tarrant seine Tat als eine solche Arbeit.

Alle diese Täter verstehen sich als Macher, als Retter und Soldaten, als Männer, die endlich etwas tun. Sie sollen der prototypische Ausdruck ihrer Gemeinschaft sein, die ihrer Meinung nach zunehmend degeneriere. Damit das auch gesehen wird, ergreifen die Täter das Wort und hinterlassen Manifeste, die nicht nur ihren Hass und ihre Wut in den Fremdbildern offenbaren, die sie propagieren, sondern auch das sich darauf aufbauende Selbstbild.

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Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/6769/das-selbstbild-der-taeter/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=das-selbstbild-der-taeter

Reconciling Parliamentary Size with Personalised Proportional Representation? Frontiers of Electoral Reform for the German Bundestag

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2020.1790531?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Perceptions of hybrid war in Russia: Means, targets and objectives identified in the Russian debate

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2020.1787949?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Preface to special issue: Misplaced states and the politics of regional identity

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2020.1792741?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Der Antifeminismus der »Jungen Alternative« und »Identitären«

#Nachwuchs

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Selbstdarstellung im Netz © Screenshot bei @derrechterand

Antifeminismus gehört seit über 100 Jahren zur politischen DNA der extremen Rechten. Jede neue Organisation und Generation beweist das aufs Neue. Er ist dabei im rechten Untergangs- und Dekadenzdiskurs fest verwurzelt. »Der« Feminismus beziehungsweise die auf ihn zurückgeführten Frauenrechte werden für die Auflösung der »natürlichen Geschlechterordnung« und damit auch der Gesellschaftsordnung verantwortlich gemacht. Gleichzeitig wird versucht Feminist*innen die Ernsthaftigkeit bei ihrem Einsatz für Frauenrechte abzusprechen. So heißt es heute von rechts, statt »Gendergedöns« müsse man sich um die Bedrohung durch den »fremden Mann« beziehungsweise die Einwanderung kümmern. Besonders seit 2015 findet eine starke Ethnisierung von Sexismus statt.


Die überwiegend männlichen »Identitären« und/oder Mitglieder des Nachwuchses der »Alternative für Deutschland« (AfD), »Junge Alternative« (JA), – trotz des formalen Abgrenzungsbeschlusses waren und sind die Übergänge fließend – verstehen sich nicht selten selbst als Krieger. Bei der selbst ernannten »Identitären Bewegung« (IB) gibt es einen starken historischen Bezug auf männliche Soldaten, von den Spartanern über die Kreuzritter bis hinein in das 17. Jahrhundert. Diese Betonung einer heroischen und martialischen Männlichkeit als Ideal gerät schnell in Konflikt mit Feminismen, die dieses (Selbst-)Bild hinterfragen.

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© Screenshot bei @derrechterand (Franziska Schreiber ist aus der AfD raus und hat aufgehört sich bei der Jungen Alternative zu engagieren).

»Junge Alternative« für Antifeminismus
Als die JA 2013 an die Öffentlichkeit ging, geschah dies auch in Form einer antifeministischen Kampagne. Der neu gegründete AfD-Nachwuchs startete Ende 2013 unter der Überschrift »Gleichberechtigung statt Gleichmacherei« eine Online-Kampagne in Reaktion auf die JuSo-Kampagne »Ich bin Feminist, weil …«. Die JA schrieb am 14. März 2014 auf Facebook: »Da wir uns ›Vernunft statt Ideologie‹ auf die Fahnen geschrieben haben, konnten wir dies nicht so im Raum stehen lassen. Deshalb zeigt die Junge Alternative Gesicht gegen verstaubte linke Ideologien!«


Die Gegenreaktion bestand darin, dass JA-Mitglieder und ihre Sympathisant*innen mit Schildern auftraten, auf denen sie begründen, warum sie den Feminismus, beziehungsweise das was sie darunter verstehen, ablehnen. Auf den Schildern hieß es etwa: »Ich bin kein Feminist, weil der künstlich geschürte Kampf zwischen den Geschlechtern von den wirklichen Problemen in unserem Land ablenkt!« Verfasst hatte dieses Statement der damalige JA-Vorsitzende Markus Frohnmaier, der heute für die AfD im Bundestag sitzt.


Der Antifeminismus der JA tritt im Gewand des »Familienschutzes« und des Kampfes gegen den »Genderwahn« auf. Im Deutschlandplan des Parteinachwuchses von 2018 heißt es dementsprechend: »Eine genderinspirierte Gleichstellungspolitik, die die durchgehende Vollerwerbstätigkeit beider Eltern als Idealbild anstrebt, lehnen wir ab. Alle Kinder haben das Recht, innerhalb ihrer Familie mit Vater und Mutter aufzuwachsen. Aufgabe der Politik ist es, dafür die geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen. Alles, was Familien nicht stärkt, sondern schwächt oder zerstört, wird auf unseren entschiedenen Widerstand stoßen.«

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Selbstdarstellung im Netz © Screenshot bei @derrechterand

»120 Dezibel« und »radikal feminin«
An der Verbindung der Themen Migration und Sexismus versuchte sich die Ende Januar 2018 gegründete »Identitären«-Initiative »120 Dezibel«, die die Politikwissenschaftlerin Judith Goetz als »#MeToo von rechts« bezeichnet. Sich selbst nannten die Aktivistinnen in einem Video eine »Widerstandsinitiative von Frauen für Frauen«. Der Name bezog sich auf den 120 Dezibel lauten Ton, den Frauen mit Taschenalarmen auslösen, um Täter abzuschrecken. Vermutlich auch, um authentisch zu wirken, traten in der Öffentlichkeit nur Frauen auf. Der professionell gemachte Video-Clip »Frauen wehrt euch!« von »120 Dezibel« hatte bis Februar 2020 immerhin über 100.000 Aufrufe. In ihm sprachen Aktivistinnen der »Identitären« und eigneten sich die Identitäten von Opfern sexualisierter Gewalt an (»Ich bin Mia …«), um diese Taten als »Ausländerkriminalität« zu ethnisieren. Neben dieser Internet-Propaganda gab es aber auch direkte Aktionen, zum Beispiel den Podiumssturm einer Debatte zu #MeToo im Rahmen der Berlinale am 19. Februar 2018, wo die Aktivistinnen den Vorwurf äußerten, Gewalt durch Migranten werde verschwiegen. Im Januar 2019 kam »120 Dezibel« dann im Internet zum Stillstand. Grund sollen auch frauenverachtende Äußerungen von männlichen IB-Kadern gewesen sein sowie deren generelles Missfallen. Lisa H., die heute als rechte YouTuberin auftritt und die »Identitären« inzwischen verlassen hat, berichtet im Interview mit dem FPÖ-nahen Attersee-Report im Dezember 2019 über ihre Aktivität bei »120 Dezibel« und das Ende der Kampagne: »120 Dezibel wurde abgedreht. Die Kampagne gefiel der IB-Führung wohl nicht mehr, die Leiterin des Projekts wurde rausgeworfen. Schlussendlich ließ sich niemand finden, der das Ganze übernimmt.« Sie selbst beschrieb sich als Opfer von Anfeindungen ihrer männlichen IB-Kader, denen ihre Rolle als alleinerziehende Mutter und ihr ausländischer Vater missfielen: »Die Jungs erzählten mir aber damals schon, dass man sich lustig über mich machen würde: ‹Nehmen wir jetzt schon Hausfrauen auf?› Mein Vater ist auch kein Deutscher – diesbezüglich wurde mir auch einiges weitergeleitet. Man hätte sich abgesprochen, dass man mich nicht weiter pushen solle, da es genug ›deutsche Mädels‹ gibt, die man in der Öffentlichkeit platzieren könnte.«
Ein weiteres, eher kleineres Projekt nannte sich »radikal feminin«. Es startete im August 2017 und versandete 2018. Als Logo kombinierte man eine Rose mit einer Handgranate.


Eine der beiden maßgeblich für das Projekt auftretenden Personen war die damals in Tübingen ansässige Franziska Annika Stahn, die unter dem Pseudonym »Berit Franziska« agierte. Sie war ebenfalls Mitinitiatorin der Initiative »120 Dezibel« und seit 2016 bei der »IB Schwaben« aktiv. Es entstanden Texte zu traditionellen Frauenrollen oder mit Strickanleitungen, aber auch über die Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und unbezahlte Care-Arbeit in den Familien. Allerdings mit der Folgerung, sich auf die traditionelle Rollenverteilung, insbesondere auf die Mutterschaft zu beschränken. Einerseits versuchte »radikal feminin«, nicht zu altbacken zu wirken, um moderne Frauen nicht abzuschrecken: »Wir wollen Frauen bleiben, konservative, traditionelle und vor allem moderne Frauen«. Andererseits wollte man auch nicht »zu« feministisch wirken, sondern sich von der Frauenrechtsbewegung emanzipieren. Feminist*innen wurden daher als »Feminazis« bezeichnet und in einer Selbstvorstellung von »radikal feminin« im Magazin »Info Direkt« 1/2018 führten die Autor*innen ernsthaft »gescheiterte Ehen als Grund für Feminismus« an. Da Mädchen bei ihren alleinerziehenden Müttern aufwachsen würden, lernten sie dort den Hass auf Männer.


Sowohl »radikal feminin« als auch »120 Dezibel« scheiterten nach einem kurzen Medienhype, der sich aber vor allem auf die eigene rechte Szene beschränkte. Dies passierte auch deswegen, weil das Prinzip, durch bestimmte Aktionen Medienaufmerksamkeit zu erringen, zu der Zeit nicht mehr aufging. Die Medien hatten inzwischen dazu gelernt, nicht zuletzt durch eine antifaschistische Kritik am Umgang mit den »Identitären«. Die Rechten hatten zu der Zeit ihre Unschuld als vermeintlich unbelastete Marke schon verloren. Der Versuch »120 Dezibel« als unabhängige Kampagne vorzustellen, missglückte schon zu Beginn.

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Völkischer Antifeminismus
Antifeminismus gehört fest zum Repertoire von JA und IB und ­wurde immer wieder kampagnenförmig aufgegriffen und richtet sich vor allem gegen progressive feministische Strömungen und Positionen. Allerdings sind diese beiden Akteure nicht die wichtigsten in diesem Themenfeld.
Scheinbar im Widerspruch dazu erscheinen Kampagnen wie »120 Dezibel« und »radikal feminin«. Vertreten rechte Frauen aus dem identitären Umfeld einen »Feminismus von rechts«?


In der lesenswerten Studie »#120Dezibel: Frauenrechte oder Anti­feminismus? Populistische Diskursstrategien der extremen Rechten und Anschlussstellen im politischen Mainstream« wird diese Frage verneint. Die Studie bezeichnet das rechte frauenpolitische Engagement stattdessen folgerichtig als ‹völkischen Antifeminismus›. Diesen Begriff beschreibt die Mitautorin Regina Wamper als Denkweise, in der »Feminismus als elementarer Angriff auf geschlechtliche Identität und/oder Familienstruktur und/oder ­sexuelle Normvorstellungen verstanden wird und dieser ›Angriff‹ als ›volksschädigend‹ begriffen wird«. Zwar lehnen rechte Frauen »den« Feminismus ab, sind aber frauenpolitisch aktiv – dies aber nur so lange, wie es nicht im Widerspruch zu ihrem völkischen ­Natio­nalismus gerät. Deswegen kann von ihnen eine Kritik an Sexismus nur ethnisierend stattfinden.

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Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/6759/antifeminismus-jungen-alternative-identitaeren/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=antifeminismus-jungen-alternative-identitaeren

Each from their own soil: an exploration of the creation of two Steiner schools in 1980s Victoria, Australia

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00309230.2020.1762676?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Im Krieg gegen Frauen

#Antifeminismus

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Berlin #unteilbar @ Mark Mülhaus / attenzione

Er kam, um zu töten. In der Nacht des 19. Februar 2020 erschoss ­Tobias Rathjen in Hanau neun Menschen. In etwa zwölf Minuten ermordete der Sportschütze mit Pistolen und schneller Schussfolge seine Opfer. Am frühen Morgen des nächsten Tages findet die Polizei in der Wohnung der Mutter – auch sie hat er erschossen – und des Täters beide tot auf. In jener Nacht wollte Rathjen möglichst viele, von ihm aus rassistischen Motiven ausgemachte Feinde hinrichten. Sehr viele auserwählte Feinde wollte auch Stephan Balliet in Halle töten. Am 9. Oktober vergangenen Jahres plante er aus antisemitischen Motiven an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in der Synagoge ein größtmögliches Massaker. Zwei Menschen starben. Bei allen Differenzen zwischen Rathjen und Balliet fällt nicht nur das gemeinsame Ziel auf, viele Menschen ermorden zu wollen, sondern auch eine Entschlossenheit, die sie mit früheren Attentätern gemein haben: die Verbindung von einer bestimmten Maskulinität und besonderer Frauenfeindlichkeit. Die aktuellen Tendenzen des rechten Terrors spiegeln weltweit den radikalen Antiislamismus, aggressiven Rassismus und militanten Antisemitismus wider, aber auch einen extremen Antifeminismus.

Schuldige heute: Frauen und Juden
In dem 24 Seiten starken Dokument, das Rathjen online stellte, geht er auf knapp vier Seiten auf sein Verhältnis zu Frauen ein. Unter der fett markierten Überschrift »Thema Frauen« führt er aus, dass er »noch keinerlei feste Freundin hatte, da mir vom ›Äußeren‹ nur sehr wenige gefielen« und er »besonders hohe Ansprüche« habe. Einen »Kompromiss« aber, sich »eine weniger gutaussehende Frau zu nehmen« habe er nicht gewollt: »Ich wollte das Beste haben, oder gar nichts.« »Nehmen« und »haben wollen« deuten eine besondere Vorstellung von Paarbeziehung und Geschlechterrollen an. Der erhobene Anspruch auf »attraktive Frauen« zeigt ein Grundverständnis von Männlichkeit, in dem einem Mann eine Frau zustehe. In seiner Vorstellung bedeutet attraktiv: »Kurze blonde Haare mit großer Oberweite«. Sein »Liebesglück«, so betont er in dem mit Verschwörungstheorien gespickten Dokument, scheiterte jedoch an der Überwachung durch den Geheimdienst. Er schreibt Frauen keine politische Verantwortung für die gesellschaftlichen Entwicklungen zu. Vielleicht weil nach seinem Verständnis Frauen gar keine solche Rolle spielen dürften. Der Grund, warum der 43-Jährige seine Mutter getötet hat, ist bisher nicht ermittelt.
Balliet sagte in seinem englischen Livestream am Tag seiner Tat gleich: »Ich glaube, der Holocaust ist nicht passiert« und der 27-Jährige bezeichnet den Feminismus als den Grund für die niedrige Geburtenrate im Westen, die zur Masseneinwanderung führe. Und er betont: »Die Ursache all dieser Probleme ist der Jude.« Das Statement des selbsternannten Internet-SSlers verbindet Antifeminismus mit Antisemitismus. Diese modernen Codes haben eine lange Tradition im deutschen Nationalismus.

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Schuldige vor 200 Jahren: Frauen und Juden
Im August 1819 brachen in zahlreichen Städten des »Deutschen Bundes« Angriffe auf die jüdische Minderheit aus: Handwerker, Händler, Bauern und Studenten beteiligten sich und gaben »den Juden« die Schuld an den Folgen der frühkapitalistischen Industrialisierung. Zu den Anheizern der Ressentiments gehörten die Dichter der Romantik Achim von Armin und Clemens Brentano. Sie hatten bereits 1811 mit weiteren Männern in Berlin die christlich-deutsche »Tischgesellschaft« gegründet. Dieser Elitezirkel pflegte eine patriotische Gesinnung mit antinapoleonischer Haltung und schloss ausdrücklich Juden und Frauen aus. Die Literaturwissenschaftlerin Susanne Asche weist 2019 in dem Essay »Geselligkeit und ‹Teutsche Tischgesellschaften› – Antisemitismus und Antifeminismus der Romantik« darauf hin, dass diese Gesellschaften eine aggressive Abwertung und Ausgrenzung von Juden und Frauen forcierten. Die in der Romantik angelegte Abkehr von den Ideen der Aufklärung von Egalität bis Emanzipation drückte sich hier politisch aus.

Mit der Unterscheidung zwischen einem »Wir« und den »Anderen« wurden in dieser Zeit die Grundlagen für einen politisch-rassistischen Antisemitismus sowie für einen politisch-biologistischen Anti­feminismus gelegt. Juden und Frauen erschienen als Feinde, als »Konstruktion des internen Anderen« in der »eigenen Kultur«. Diese Zuweisung der Frauen nahmen nicht bloß Reaktionäre vor. So weist Asche auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel hin. In der 1807 erschienenen »Phänomenologie des Geistes« schreibt Hegel Mann und Frau feste Rollen zu: Die Frau repräsentiere das »göttliche Gesetz« und die Familie, der Mann das Gemeinwesen und das »menschliche Gesetz«. Die Frau müsse für die weiblichen Aufgaben in der Familie bleiben und im »außergeschichtlichen Status«. Asche greift Hegels Angst sogleich auf, dass das Gemeinwesen so die »Weiblichkeit überhaupt [als] seinen inneren Feind« geriert.
Eines der populärsten Werke gegen Juden und Frauen legte 1903 Otto Weininger vor. Schon der Titel pointiert die These: »Geschlecht und Charakter«. Die angebliche Geilheit der Frau verbindet der Philosoph mit der »Weiblichkeit des Juden« und er betont die Minderwertigkeit von beiden. Frauen würden niemals eine geistige Reife erreichen, sie würden sich ausschließlich mit ihrer Sexualität beschäftigen. Weininger, selbst Jude, der später zum Protestantismus konvertierte, verbindet diese Zuschreibung mit der Behauptung, Juden hätten kein Moralgefühl und würden allein den Sexualtrieb kennen. Keine Überraschung, dass er Homosexualität ablehnt, denn den Homosexuellen wie den Frauen und Juden fehle es an schöpferischen Impulsen. Gier und Sex wurden zu einer weiteren Konstante in den Ressentiments. Ludwig Langemann, Vorsitzender des »Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation«, warnte 1919: »Wo der jüdisch-demokratisch-feministische Mammon den nationalen Heldengeist erst völlig vernichtet hat, ist eine Wiedergeburt ausgeschlossen, da steht der Untergang vor der Tür.«

Die »Weiße Welt« verteidigen
Das Ende der Welt der weißen Männer sah knapp hundert Jahre später auch Balliet. In seinen Pamphleten beschreibt er seine Ziele: »Töte so viele Anti-Weiße wie möglich« und er schreibt weiter, töte »bis alle Juden tot sind oder du die Existenz von Waifus in Valhalla beweist.« Waifus sind weibliche Figuren aus japanischen Anime-Comics, mit denen einsame Männer eine Fantasiebeziehung pflegen. In Valhalla – auch Walhall – leben nach der nordischen Mythologie die gefallenen Kämpfer weiter, die sich tapfer schlugen. In seiner Argumentation ist Balliet nahe an den Positionen von Brenton Tarrant und Anders Behring Breivik. Vor seinem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch hatte Tarrant das Manifest »The Great Replacement« veröffentlicht. Es ist ein Text für Männer, die wieder Kämpfer werden sollten, um ihr Land und ihre Frauen zu schützen. Doch maskuline Fähigkeiten seien durch feministische Eigenschaften mehr als geschwächt. 51 Menschen ermordete er. Breivik geht in seinem über 1.500 Seiten starken Manifest »2083 – A European Declaration of Independence« immer wieder auf den Feminismus ein. Kein »Aspekt der politischen Korrektheit« habe heute eine »wichtigere Rolle« inne als die »feministische Ideologie«, meint er und beklagt, im Fernsehen werde eine »Minderwertigkeit des Mannes und Überlegenheit der Frau« präsentiert und in den Universitäten hätten sich die »Gender-Studies« vermehrt. Besonders zu verletzen scheint ihn, dass Frauen selbst »im Militär […] in Kampfpositionen« aktiv seien. Für ihn ist das Selbstbestimmungsrecht der Frau eine der verheerenden Folgen des »Kultur-Marxismus«.


Starke Frauen, selbstbestimmte Sexualität – das ist zu viel für Breivik. Der Mörder von 77 Menschen fantasiert von einer »Kriegsführung gegen den europäischen Mann« und sieht diesen durch zwei Frauen-Typen bedroht: die selbstbewusste Frau aus dem Abendland, deren Waffen Belästigungsklagen und gendersensitive Trainings seien und die muslimische Frau mit ihrer angeblich besonderen Fruchtbarkeit. In der Beschreibung seiner Feind*innen, der Frauen, Jüdinnen und Juden sowie Muslim*innen, findet sich immer eine Beschreibung des Selbst – als Mann, Soldat und Internet-SSler. Diese Männlichkeit kennt nur Härte gegenüber sich und anderen. Eine Weichheit, so schreibt Klaus Theweleit in »Männerphantasien«, das erstmals 1977 erschien, würde einem Zerfließen gleichkommen. »Der richtige soldatische Mann will töten, mit so viel Spaß wie möglich«, betont er im Nachwort der neuen Auflage 2019. Mit der Disziplinierung für das Selbstb ild werden die eigene Natur, Gefühle, Regungen und Triebe reglementiert. Diese Beherrschung der Natur als kulturelles Gut von Maskulinität geht mit der politischen Vorhaltung der Nichtbeherrschung seiner Natur einher. Schon in der »Dialektik der Aufklärung« legen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer dar, die Zivilisationsgeschichte sei vom männlichen Beherrschen der Natur – auch in sich selbst – geprägt. Diese Selbstbestimmung sei eine Selbstverleugnung. Hieraus resultiere eine Anfeindung gegen all jene, denen eine Affinität zur Natur oder eine nicht vollständige Zivilisierung des Selbst zugeschrieben wird. Über ihr vermeintlich sexuelles Wesen wird gerade Jüdinnen und Juden sowie Frauen eine Natürlichkeit angedichtet, für die sie ausgeschlossen werden sollen. Antisemitismus und Antifeminismus können folglich als Schattenseite der Zivilisationsgeschichte eingeordnet werden. Karin Stögner warnt in »Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen«, eine Gleichsetzung »post-emanzipatorischer Bewegungen« sei nicht dienlich. Sie erinnert daran, dass Adorno und Horkheimer bei dem »antidemokratischen Einstellungssyndrom« früh von »verschiedenen ideologischen Versatzstücken« ausgingen. Die »westliche Zivilisation« würde denn auch weitere Repräsentant*innen der Naturverhafteten projizieren: neben Jüdinnen und Juden auch Frauen, »Zigeuner« und Migrant*innen. Aus Angst erfolgt die Abwertung. Im Akt des Attentates erwächst der Täter erst zum Starken, so Theweleit. Es war die Angst vor dem vermeintlichen Untergang der angeblich weißen Welt und des weißen Mannes, welche die Attentäter antrieb.

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Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/6751/im-krieg-gegen-frauen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=im-krieg-gegen-frauen

Vol. 21, n°2 | 2017 – L’histoire de la criminalité et de la justice pénale : propositions de recherche pour le 21e siècle

Quelle: http://journals.openedition.org/chs/1740

August 2020

August 2020
August 2020
steffen.vogel 17. Juli 2020 - 12:01

Quelle: https://www.blaetter.de/ausgabe/2020/august

Correction

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2020.1795355?ai=z4&mi=3fqos0&af=R