Estland, Lettland, Litauen

#Baltikum

Die drei baltischen Staaten befinden sich in einem Dilemma. Eigentlich sind es sogar mehrere. Sie sind lange genug Mitglied in der Europäischen Union (EU), um deren Vorteile ausgiebig in Anspruch zu nehmen, aber auch, um Skepsis an den Tag zu legen. Nur ein Drittel der Bevölkerung, oder wie in Estland sogar noch weniger, ist der Ansicht, die EU entwickle sich in die richtige Richtung. Andererseits sieht über die Hälfte der EinwohnerInnen keine Alternative zur EU und ist sich sicher, dass ein Austritt keine sinnvolle Option für Problemlösungen auf nationaler Ebene darstellt. Zudem spielen im Baltikum ideelle und politische Faktoren eine tragende Rolle, die in dieser Form in anderen Teilen Europas nicht existieren. Zum einen ist es die geographische Nähe zu Russland einschließlich daraus resultierender historischer Altlasten, die in eine Art wehrhaften Antikommunismus münden, und zum anderen ein den inneren Diskurs prägender hoher russischer Bevölkerungsanteil. In Estland stellt die russische Minderheit ein Viertel der Bevölkerung, in Lettland sogar 27 Prozent. In Litauen sind es lediglich sechs Prozent. Zum anderen kommt EuroskeptikerInnen die enge Verbundenheit des Baltikums mit den USA zugute inklusive der weitverbreiteten Überzeugung, allein die NATO biete der Region eine effektive Verteidigungsstruktur.

Estland
Für Estland mit seinen gerade mal 1,3 Millionen EinwohnerInnen bringt der Brexit einen unverhofften Präsenzgewinn im weit entfernten Europaparlament. Statt sechs dürfen im Mai 2019 gleich sieben Abgeordnete gewählt werden. Auch die Bevölkerungszahl ist im letzten Jahr um immerhin 3.000 Menschen angestiegen. Möglich wurde dies keinesfalls durch geringe Sterbe- oder hohe Geburtenraten, sondern allein durch die Zuwanderung von 5.000 Menschen. Dies mag nach wenig klingen, auch prozentual gesehen liegt Estland damit weit hinter Deutschland zurück. Im Rahmen von EU-Vereinbarungen nahm Estland 206 Geflüchtete auf. Jetzt sollen aus der Türkei weitere 80 folgen, damit sieht die Regierung allerdings ihre Verpflichtungen gegenüber Brüssel erschöpft.
Viele Geflüchtete haben das Land wieder verlassen, der Rest dürfte kaum auffallen. Dennoch bleibt das Flüchtlingsthema im Fokus estnischer NationalistInnen unterschiedlicher Couleur und Herkunft. 2016 machte eine in Finnland gegründete Bürgerwehr von sich reden, die auch in Estland AnhängerInnen fand. Sogenannte »Odin-Krieger« inszenierten sich als Schutztruppe gegen vermeintliche Übergriffe durch kriminelle AsylbewerberInnen. Zumindest einige der »Krieger« sollen jedoch selbst einen kriminellen Hintergrund haben. Im Sommer 2018 begannen sie nach längerer Abwesenheit erneut, in Straßen in Tallinn und anderen estnischen Städten zu patrouillieren, nun allerdings als selbsternannte Ordnungsmacht, die vorrangig das Verhalten Jugendlicher in der Öffentlichkeit kontrolliert. Zwar distanzierte sich die Regierung von der Initiative, doch sprechen sich in Estland eine ganze Reihe von Parteien und Vereinigungen offen gegen Migration aus und sorgen für ein zunehmend migrationsfeindliches Klima. Zudem lehnte die Regierung zunächst die Unterzeichnung des UN-Migrationspaktes ab und lenkte erst nach einem anderslautenden Parlamentsvotum ein.
Im März 2019 stehen in Estland Parlamentswahlen an, welche die Gemüter weitaus mehr bewegen als die zwei Monate später folgenden Europawahlen. Je näher der Termin rückt, desto heftiger fallen die gegenseitigen Vorwürfe im rechtskonservativen Lager aus, wobei im Mittelpunkt tatsächliche oder vermeintliche Vorteilsnahme für russische Interessen steht. Die der Regierungskoalition angehörige »Isamaa« (»Vaterlands-Partei«) beschuldigte die rechtspopulistische »Eesti Konservatiivne Rahvaerakond« (»Estnische Konservative Volkspartei«, EKRE) im Sinne des Kremls zu agieren. Deren Vorsitzender Mart Helme konterte, die politische Konkurrenz sehe wohl die eigenen Pfründe davonschwimmen, angesichts hervorragender Umfragewerte der EKRE um die 18 Prozent. Im Parlament stellt die EU-kritische Partei derzeit noch die kleinste Fraktion, bei den EU-Wahlen 2014 erlangte sie gerade mal vier Prozent. Dies könnte sich jetzt ändern. Im Übrigen tritt die EKRE und ihre Jugendorganisation »Blaue Auferweckung« auch häufig als Demonstrationsveranstalterin in Erscheinung.

Lettland
Mitte März 2018 ging in Lettlands Hauptstadt Riga zum wiederholten Mal der »Marsch der Legionäre« über die Bühne. Mehrere Hundert TeilnehmerInnen fanden sich ein, darunter einige Hochbetagte, die in den Verbänden der lettischen Waffen-SS auf Seiten der Wehrmacht gekämpft hatten. Dieser Marsch ist längst zum – von den Behörden genehmigten – Ritual geworden, an dem sich kaum jemand stört. Am 18. November fand wie jedes Jahr seit 2003 der ebenfalls bereits traditionelle Fackelzug statt. Anlässlich der 100-jährigen Unabhängigkeit Lettlands 2018 beteiligten sich daran 25.000 Menschen, deutlich mehr als sonst. Als Veranstalterin fungierte in beiden Fällen die rechte Partei »Nacionala apvieniba« (»Nationale Allianz«), die nach den Parlamentswahlen 2014 in die Regierungskoalition eintrat.
Präsenz zeigt dabei auch regelmäßig die nationalistische Gruppierung »Tevijas sargi« (»Vaterlandswächter«). Im Frühjahr rief sie dazu auf, die Folgen der Besatzung zu beseitigen und im Land endlich aufzuräumen. Die Polizei sah darin keinen Verstoß gegen geltendes Recht, was der Ko-Vorsitzende des lettischen antifaschistischen Komitees, Josif Koren, heftig kritisierte. Seiner Ansicht nach sei in Lettland jede Form des Nationalismus willkommen. Vor fünfzehn Jahren hätten er und andere Organisationen sich noch über umtriebige extrem rechte Jugendgruppierungen beschwert, die seien jetzt aber längst ins politische Establishment aufgestiegen. Im Herbst 2017 organisierte »Tevijas sargi« einen »Spaziergang« zum östlich von Riga gelegenen Flüchtlingszentrum Mucenieki. Die Drohgebärde vor der Unterkunft war unzweideutig, rief in sozialen Netzwerken jedoch Unmut hervor. Eine Flashmob-Aktion verfolgte das Ziel, die eifrigen Verteidiger nationaler Interessen Lettlands kollektivem Spott auszusetzen.
Migration ist eines der Hauptthemen lettischer NationalistInnen und beschäftigt die Gesellschaft auch über deren Reihen hinaus. Debatten bringen dabei eklatante Widersprüche zutage. So richtet sich Kritik beispielsweise gegen die durch den Wegfall von Visabeschränkungen für UkrainerInnen bedingte Arbeitsmigration. Andererseits soll Lettland mit seiner durch Abwanderung schrumpfenden EinwohnerInnenzahl, die unter zwei Millionen gefallen ist, wieder an Bevölkerung zunehmen, was allein durch Lockangebote an die lettische Diaspora nicht zu bewerkstelligen ist. NationalistInnen beschäftigt gleichzeitig die Frage, wie mit der starken russischen Minderheit umzugehen ist. In diesem Zusammenhang steht vermutlich ein Besuch führender Kader der ukrainischen Partei »Swoboda« (»Freiheit«) und von Olena Semenyaka vom Freiwilligen-Bataillon »Asow«, zuständig für Pressearbeit und internationale Vernetzung, Mitte September 2018. Einen offiziellen Charakter erhielt ihr Aufenthalt durch eine Veranstaltung in der ukrainischen Botschaft in Riga im Beisein einer lettischen Staatsvertreterin. Austausch fand außerdem mit der »Nationalen Allianz« statt.
Anfang Oktober wurde in Lettland ein neues Parlament gewählt. Als Siegerin ging die sozialdemokratische »Saskana«-Partei (»Harmonie«-Partei), die bis vor einiger Zeit durch einen Kooperationsvertrag mit der russischen kremlnahen Partei »Einiges Russland« verbunden war, mit knapp zwanzig Prozent hervor. Doch die Koalitionsbildung gestaltet sich schwierig. Die »Nationale Allianz« musste einen Stimmverlust hinnehmen und erreichte statt über sechzehn Prozent nur noch elf. Ob es bei den Europawahlen im Mai 2019 wieder für einen Sitz reicht bleibt abzuwarten.

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Litauen
Flüchtlingspolitik zählte bei den letzten Parlamentswahlen 2016 in Litauen nicht zu den relevanten Themen, wenngleich auch dort nur eine geringe Bereitschaft besteht, Geflüchtete aufzunehmen. Einzig die »Darbo partija« (»Arbeitspartei«), einst von einem litauischen Millionär russischer Herkunft gegründet und bis 2016 in der Regierungskoalition vertreten, bediente im Wahlkampf bestehende Ressentiments. Geholfen hat es der Partei wenig, sie scheiterte in jenem Jahr an der Fünfprozenthürde. Im Europaparlament ist sie derzeit mit einem Sitz vertreten. Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen jedoch nicht die Europawahlen, sondern die ebenfalls für Mai 2019 angesetzten Präsidentschaftswahlen. Befürchtungen, Russland könnte die kommende europäische Abstimmung beeinflussen, sind zwar auch in Brüssel zu vernehmen. In Litauen hingegen gehören derlei Argumentationen bereits zum festen Repertoire der politischen Führungsriege, die mit ihren Aversionen gegen den ungeliebten Nachbarstaat nicht zurückhält. Dies geht inzwischen soweit, dass sich konservative Kräfte gegenseitig beschuldigen, im Sinne des Kreml zu agieren.
Im November begannen Lehrkräfte mit Streikaktionen gegen ein neues Lohnsystem im Bildungsbereich, was zur Absetzung der amtierenden Bildungsministerin führte. Die litauische Präsidentin Dalia Grybauskait? kritisierte die Regierung für ihre harte Haltung, der ihr nahestehende christdemokratische »Tevynes Sajunga« (»Vaterlandsbund«) unterstützte sie und forderte von der Regierung eine Aufschiebung der Haushaltsentscheidungen für 2019, bis die Frage einer möglichen Lohnerhöhung für Lehrkräfte geklärt sei. Regierungschef Saulius Skvernelis, von der regierenden »Lietuvos Valstieciu ir Zaliuju Sajunga« (»Bund der Bauern und Grünen«), wandte sich daraufhin an den litauischen Staatsschutz mit einem Antrag zur Überprüfung der Christdemokraten hinsichtlich einer möglichen Kooperation mit Moskau.
Zur extremen Rechten zählt der »Lietuviu tautininku sajunga« (»Bund der litauischen Nationalisten«), dessen WählerInnenschaft bei der letzten Wahl mit zwei Prozent jedoch recht klein ist und der sich damit kaum Chancen ausrechnen darf, eine tragende politische Rolle zu spielen. Gleichzeitig zeichnen sich sämtliche konservative Parteien in Litauen durch einen ausgeprägten Nationalismus aus und grenzen sich nicht nach Rechts ab, zumal extrem rechte Kleinstparteien dort Aufnahme gefunden haben. Einen Rechtsruck, wie er in vielen westeuropäischen Ländern zu beobachten ist, haben Litauen und mit ihm auch die anderen baltischen Staaten längst vollzogen.

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Klein, aber gemein

#Portugal

Im westlichsten Land Europas ist die extreme Rechte auf der politischen Bühne nur eine Randerscheinung. 45 Jahre nach der Nelkenrevolution, die am 25. April 1974 dem klerikal-faschistischen Salazar-Regime nach 48 Jahren ein Ende bereitete, besitzt keine Gruppierung aus diesem Spektrum einen nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung. Doch auch das Ansehen der etablierten Politik ist beschädigt. Dazu beigetragen haben Korruptionsfälle und große Skandale um die Banken Espirito Santi und BPN Paribas. Die Folgen der Wirtschaftskrise und der Kürzungen nach Brüsseler Vorgaben von Anfang des Jahrzehnts sind längst nicht bewältigt. Die von drei Linksparteien tolerierte, seit November 2015 im Amt befindliche Regierung des Sozialisten António Costa hat eine Politik der kleinen Schritte eingeleitet, um den sozialen Zusammenhalt wieder zu stärken.

Screenshot von »Poligrafo« zu Mário Machados Auftritt im TV

Portugal ist geprägt von einer langen Geschichte der Auswanderung. In den vergangenen Jahren verließen erneut Hunderttausende das Land, um anderswo ihr Glück zu suchen. Gleichzeitig ist Portugal seit den 1990er Jahren zu einem Einwanderungsland geworden. Das schafft Empathie. Besonders Menschen aus Brasilien, der Ukraine und den früheren portugiesischen Kolonien in Afrika sind hier sesshaft geworden. Viele der Schwarzen, die bereits in den 1970ern kamen, erlebten Armut und Stigmatisierung. Öffentlich in Erscheinung treten RassistInnen und FremdenfeindInnen jedoch wenig.

Kriminelles Milieu
Seit 2017 lässt sich in Portugal eine deutliche Zunahme von Aktivitäten der extremen Rechten beobachten. Das stellt der im vergangenen März dem Parlament von den Behörden vorgelegte »Jahresbericht zur Inneren Sicherheit« fest. Demnach wachsen entsprechend Organisationen, knüpfen engere internationale Kontakte und betreiben verstärkt Propaganda in den sozialen Netzwerken im Internet. Aufmerksamkeit erregte bereits Ende 2016 die Verhaftung von 17 Personen wegen rassistischer Übergriffe. Sie gehören dem portugiesischen Ableger der 1986 in Dallas in den USA gegründeten Vereinigung neonazistischer Skinheads, den »Hammerskins«, an. Ihre Ideologie baut auf der Vorstellung einer »weißen Überlegenheit« auf. Die rechte Unterwelt finanziert sich zum Teil durch das Sicherheitsgewerbe wie auch durch kriminelle Aktivitäten. Mitglieder rekrutiert sie nicht zuletzt aus der Ultra-Bewegung von Fußballfans und dem Milieu des Motorradclubs »Bandidos«. Neu in Erscheinung treten die Gruppen »Red & Gold« sowie »Nova Ordem Social« (»Neue soziale Ordnung«). Der Chef der letzteren, Mário Machado, war am 10. Juni 1995 beteiligt am Totschlag des jungen Kabverdiers Alcino Monteiro durch eine Gruppe rechter Skinheads, die damals in Lissabons Ausgehviertel Bairro Alto den Nationalfeiertag als »Tag der Rasse« zelebrierte. Wegen dieser Tat sowie Raub, Entführung, illegalem Waffenbesitz, Körperverletzung und weiterer Delikte verbrachte Machado insgesamt zehn Jahre im Gefängnis. Am 3. Januar 2019 bekam der Führer von »Nova Ordem Social« beim privaten portugiesischen Fernsehsender TVI einen großen Auftritt. »Brauchen wir einen neuen Salazar?«, lautete das Thema des Gesprächs, zu dem er geladen war. In einem Offenen Brief protestieren mehr als 300 bekannte Persönlichkeiten und Initiativen dagegen, dass dem Faschisten für seine Positionen – sie so »normalisierend und legitimierend« – eine Bühne geboten wurde.

Vorbild Bolsonaro
Portugals Verfassung verbietet an sich die Zulassung von rassistischen Organisationen oder solchen, »die sich eine faschistische Ideologie zu eigen machen«. Ewiggestrigen bietet die »Nationale Erneuerungspartei« (»Partido Nacional Renovador«, PNR) dennoch eine politische Heimat. In ihrem Programm vermengt diese übersteigerten Nationalismus mit dem Wunsch nach einem starken Staat und sozialen Forderungen. Die PNR behauptet, dass eine Invasion von EinwanderInnen für niedrige Löhne und steigende Kriminalität verantwortlich sei. Die Fremden bedrohten »die Identität, die Souveränität, die Sicherheit und das künftige Überleben von Portugal«. Zum Repertoire gehören Antisemitismus, Islam- und Frauenfeindlichkeit. Die Vergabe der Staatsbürgerschaft möchte die Partei an das Abstammungsprinzip binden. Bei der Parlamentswahl vor vier Jahren blieb die PNR wie bisher stets ohne Mandat. Die Partei versucht nun, von der aktuellen braunen Welle im großen Schwesterland Brasilien zu profitieren. Auf Großplakaten beglückwünschte sie Jair Bolsonaro zu seinem Sieg bei der Präsidentschaftswahl. Sie greift dieselben Parolen auf: gegen die Korruption, den »kulturellen Marxismus« und die »Gender-Ideologie«. Zu Bolsonaros Erfolg trug auch die brasilianische Diaspora in Portugal bei. In Lissabon gingen bei der Stichwahl am 29. Oktober 60 Prozent der Stimmen an den Faschisten. Vor dem Wahllokal in der Juristischen Fakultät in Lissabon gab es Übergriffe von Bolsonaro-AnhängerInnen auf linke WählerInnen.
Bei der Europawahl in Portugal am 26. Mai dürfte die PNR erneut leer ausgehen. Die beiden letzten Wahlen zum Europäischen Parlament waren für die Partei kein Erfolg – sie erhielt jeweils weniger als ein halbes Prozent der gültigen Stimmen. Um einen der 21 dem Land zustehenden Sitze zu erhalten, muss eine Liste etwa 4,5 Prozent erreichen.

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Von Reykjavik bis Wladiwostok

#NeueRechte

Die verspätete Entdeckung des Jean Thiriart durch die deutsche »Neue Rechte«

Als »Minenhund für künftig Zumutbares« wird er auf dem neu-rechten Blog »Sezession« charakterisiert. Man mag darüber streiten, ob die bisherigen Texte des Studenten und »Identitären« Till-Lucas Wessels für den Blog und die gleichnamige Zeitschrift eine Zumutung darstellen oder ob sie eher belanglos sind. Unbestreitbar ist, dass der »Minenhund«, der mit hohem Risiko gefährliches Gelände erkundet, nicht zur ersten Garde der »Neuen Rechten« gehört. Nicht einmal der deutschen.

Rechte Europa-Konzepte
Nun ist Wessels mit seiner ersten eigenständigen Veröffentlichung hervorgetreten, einem Bändchen in der Reihe »kaplaken« des Verlags »Antaios«: »europaradikal«. Die eigenwillige Schreibweise soll wohl andeuten, dass der Inhalt anders ist als in diesem Umfeld üblich. In der Tat werden »Konzepte einer europäischen Zukunft« – so der Untertitel – in der deutschen extremen Rechten selten debattiert. Das Thema »Europa« verengt sich in diesem Spektrum meist auf die Kritik an der EU, auf das Beschwören eines »Europas der Vaterländer«, Rückgriffe auf das »Mitteleuropakonzept« wie bei Karlheinz Weißmann oder Bernard Willms, und begnügt sich in der Regel mit dem Ausspielen von Nation gegen Europa.
Jetzt aber, die Wahlen zum Europaparlament vor der Tür und die EU in einer tiefen Krise, ertönt der Ruf: »europaradikal«. Auf die Fragen unserer Epoche, laut Wessels die soziale Frage, die demographische Entwicklung, die »wachsende Macht der Großkonzerne«, die zunehmende Vereinzelung durch die »globalisierten Verwertungsmechanismen«, das »gesellschaftliche Solidaritätsvakuum, könne es nur eine Antwort geben: Europa. Wessels stellt sich der Aufgabe, aufzuzeigen, »auf welche Denker und Konzepte unseres eigenen Lagers wir zurückgreifen können«. Der Nationalstaat sei nicht mehr als die »momentane, sich allmählich abstreifende Organisationshülle« der bürgerlichen Gesellschaft. Das »Europa der Vaterländer« sei nicht mehr als »Beschwichtigungsgeraune«, die »nationale Souveränität« ein »Vergangenheitspostulat«.

»Konservative Revolution«
Einen ersten Teil, der Darstellung des Status Quo gewidmet, folgen das »Repertoire von rechts« und die Frage »Was tun?«. Bei der Präsentation der rechten Konzepte verweist Wessels darauf, dass »im Angesicht des virulent werdenden Amerikanismus« zunehmend auf Vertreter der »Konservativen Revolution«, wie Ernst Niekisch, Ernst von Salomon und Otto Strasser, zurückgegriffen worden sei, die »für eine Annäherung an die Sowjetunion« eingetreten seien. An diese hätten dann auf europäischer Ebene »eurasische Denker«, wie der Belgier Jean Thiriart und dessen italienischer Schüler Carlo Terracciano, angeknüpft. »Gemein war beiden«, fasst Wessels zusammen, »die Ablehnung des überholten Nationalstaates und das Bekenntnis zu einem (…) eurasischen Machtblock.«
Jean Thiriart, ein 1922 geborener belgischer Optikunternehmer, ist in der deutschen extremen Rechten nahezu unbekannt. Lediglich seine Bücher »Eine Weltmacht von 400 Millionen Menschen: Europa« und »Das Vierte Reich: Europa« erschienen in deutscher Übersetzung. Der dort vertretene »paneuropäische, gross-europäische Nationalismus«, so einer seiner Schüler, sei geformt durch die Werke von Niccolò Machiavelli, Bertrand de Jouvenel, seinem Lieblingsautor Vilfredo Pareto, Gaetano Mosca, Robert Michel, James Burnham, José Ortega y Gasset, José Antonio Primo de Rivera, Wladimir Iljitsch Lenin und Julien Freund. Es handelt sich durchweg um Denker, die Thiriart zu der Überzeugung bringen, »dass nur ein Reich eine so große Nation wie Europa zusammenschmieden kann«.

Wenig Widerhall
In Deutschland fanden weder die Bücher noch Thiriarts europaweite Organisation mit Sektionen in elf Ländern nennenswerten Widerhall. Nur wenige Mitstreiter scharten sich um den Mitarbeiter der Zeitschrift »Mut«, Hans-Joachim Kunze, und um Wulf Riedell. Organisatorische Kontakte der deutschen Sektion bestanden vor allem zum »Bund Heimattreuer Jugend« (BHJ), wobei der Hannoveraner Klaus Jahn, der einen Versandbuchhandel für neofaschistische Literatur leitete und Standortführer des BHJ war, als offizieller Verbindungsmann fungierte. 1968 suchte Jahn mit einer Anzeige in der »National-Zeitung« »ganze Kerle (bis 40 Jahre)« für ein »Hilfskorps Arabien des BHJ«. Ebenfalls in Hannover ansässig war Walter Löwen, Inhaber des »Moorburg-Verlags«, der 1961 seinen »Bund der Europäer« in Thiriarts Gruppe einbrachte und bei der Gründungsversammlung am 1. Oktober in Köln Vorsitzender des deutschen Ablegers wurde. Bereits 1963 gab es Differenzen und Löwen spaltete sich mit anderen Kritikern Thiriarts ab. Bis auf wenige Rednerauftritte Thiriarts in Norddeutschland kam es zu keinen nennenswerten Aktivitäten.

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Verhaftet
Eine gewisse Aufmerksamkeit erregten seine Aktivitäten in der Bundesrepublik lediglich, als der rechte Nachrichtendienst »Studien von Zeitfragen« 1962 vermeldete, Thiriart sei bei seiner Rückkehr von einem Faschistentreffen in Venedig verhaftet worden: »Pressemeldungen zufolge wurde ihm vorgeworfen, er habe illegal Waffen für die Truppen Tshombes nach Katanga geliefert.
Thiriart stand im Zentrum sowohl der Einigungsbemühungen des europäischen Neofaschismus als auch der militanten Unternehmungen der damaligen Zeit, besonders bei der Unterstützung der französischen »Organisation Armée Secrète« (OAS), die mit Waffengewalt und Attentaten die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich verhindern wollte. Es war nur natürlich, dass sich Thiriart der OAS verbunden fühlte, denn am Beginn seiner eigenen Nachkriegsaktivitäten hatte der Widerstand gegen die Eigenständigkeit der damaligen belgischen Kolonie Kongo gestanden. Von seinem Militanzkult jener Tage mochte sich auch der späte Thiriart nicht distanzieren. 1987 erklärt er in einem Interview: »Mir haben 500 Mann SA oder Rote Garden gefehlt. Ich verfügte bestenfalls über 50 wirkliche Kämpfer. Uns sind einige bemerkenswerte offensive Kommandounternehmen gelungen.« Mit dieser Zahl könne man zwar nach Art der Fallschirmspringer eine Übermacht terrorisieren, jedoch nicht auf Dauer standhalten.


Eigentlich wollte Thiriart mit seiner geplanten europäischen Einheitspartei aus dieser Defensive heraus. Dazu war er bereit, ungewöhnliche Wege zu gehen. Aus der Überlegung heraus, dass Europa ein gemeinsames Interesse haben müsse, sich die billigen Rohstoffquellen des Trikonts zu erhalten, war sein »Mouvement d›Action Civique« (»Bewegung der Bürgeraktion«; MAC) entstanden. Dort arbeitete Thiriart, der als Linker begonnen hatte und dann zum Nazi-Kollaborateur geworden war, sogar mit Leuten aus der Résistance, dem Widerstand gegen die Nazi-Besatzer, zusammen. Auguste Minet wurde 1941 zum Tode verurteilt, da er abgeschossenen britischen Fliegern geholfen hatte. Anschließend saß er bis zum Kriegsende 51 Monate in Nazihaft. Raphael Matyn gehörte in der NS-Zeit zur Résistance und musste deshalb KZ-Haft erleiden. Der Oberst in Rente, Marcel Verlinden, emigrierte 1942 nach London und kämpfte im Krieg auf der Seite britischer Truppen in Afrika. Sie trafen in der Gründergruppe des MAC auf Personen wie M. Moreau, der in der NS-Wehrmacht an der Ostfront gekämpft hatte. Aus nationalistischen Erwägungen hatten sie gegen die Nazis gekämpft, nicht weil diese Faschisten waren, sondern weil sie Besatzer waren. Aus europäischen Überlegungen heraus hatte der Rest von ihnen auf Seiten der Deutschen gekämpft, da nur sie über die Fähigkeiten zu verfügen schienen, ein einheitliches europäisches Reich zu schaffen.
Zu diesen ungewöhnlichen Wegen gehört auch, dass unter dem Symbol des Keltenkreuzes und dem Wahlspruch »Europa fortis unitate« (»Ein starkes geeintes Europa«) als Ausdruck einer dritten Weltmacht als Bollwerk gegen die Supermächte USA und UdSSR nach dem Verlust der Kolonien ein Bündnis mit den Staaten der »Dritten Welt«, die ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, als unverzichtbare Option gilt. Nicht zuletzt zur Sicherung der Rohstoffe für Europa wollte er die Bewegung der Blockfreien stützen, eine »europäisch-arabische Symbiose« schaffen. Die Avancen fanden dort teilweise Widerhall. 1966 kam es durch Vermittlung Rumäniens Staatspräsidenten Nicolae Ceaucescus zu einem Treffen mit dem chinesischen Ministerpräsidenten Tschou en Lai, 1968 zu einer Begegnung mit dem ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser sowie dem argentinischen Diktator Juan Péron. Fast folgerichtig entstand eine Zusammenarbeit zwischen der sich antiimperialistisch gebärdenden »Jeune Europe« und palästinensischen Gruppen. Der erste Europäer, der im bewaffneten Kampf gegen Israel fällt, ist der französische Ingenieur Roger Coudroy, ein Mitglied der 1962 von Thiriart gegründeten »Jeune Europe«.
Auch wenn Thiriarts Bestrebungen zur Schaffung einer europäischen nationalbolschewistischen Einheitspartei bereits Ende der 1960er Jahre in das Reich rechter Wunschträume verwiesen wurden, blieben die damals erarbeiteten Konzepte keineswegs folgenlos. In Spanien, mit Förderung der dortigen falangistischen Regierung, bestand zwischen 1964 und 1971 eine Sektion der »Jeune Europe« aus wenigen hundert Mitgliedern. Die Nachwirkungen sind deutlich in der dortigen »Neuen Rechten« zu spüren. Und in Italien, wo »Jeune Europe« zur Blütezeit über rund 500 Aktive verfügte, gehörten Intellektuelle zur Führung, die wichtig für die Herausbildung der dortigen »Neuen Rechten« waren und es wie Claudio Mutti oder Franco Cardini bis heute sind. Nicht zuletzt im französischen »Groupement de recherche et d›études pour la civilisation européenne« (GRECE) und dessen Umfeld, so beim belgischen Ideologen Robert Steuckers, wurden Thiriarts Ideen rezipiert.

Keine Folgen
Thiriart starb am 24. November 1992. Seinen großen Traum durfte er noch verwirklichen. Im August 1992 reiste er mit einer Delegation hochrangiger Repräsentanten der »Neuen Rechten« nach Moskau. Auf dem Programm stand ein Treffen mit Igor Ligatschow, ehemaliger stellvertretender Generalsekretär der »Kommunistischen Partei der Sowjetunion«, und eine Debatte mit Gennadij Sjuganow, Vorsitzender der »Kommunistischen Partei« Russlands. Im gleichen Monat war er Autor in der ersten Ausgabe der russischen »Elemente« von Alexander Dugin mit einem Artikel über den europäischen Nationalbolschewismus der »Linie Niekisch-Stalin«. Nun also entdeckt ihn die deutsche »Neue Rechte«. Ob das dort Folgen haben wird, darf bezweifelt werden.

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Translation as logocentric imperialism: Tackling the Naxi texts of southwest China

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The translation of sex-related content in Peter Pan in China

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Leader of the ‘Free World’? Studying German Foreign Policy by Means of External Attributions

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How I did not translate Beckett

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Translation as logocentric imperialism: Tackling the Naxi texts of southwest China

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