»Neue Rechte« in Österreich

#NeoFaschisten

Die Stimmungsmache und die Wahlerfolge der »Freiheitlichen Partei Österreichs« zeigen, dass extrem rechte Einstellungen gesellschaftsfähig sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Konzepte wie die der »Neuen Rechten« erforderlich sind und auch erfolgreich sein können.

»Tatsächlich ist es nicht mehr als Mimikry, wenn extrem Rechte heute versuchen, ihren gerne als »Ethnopluralismus« verharmlosten Rassismus hinter positiver klingenden Formulierungen wie der Erhaltung »kultureller Identität« zu verstecken.«

Bei allen Kontinuitäten ist die extreme Rechte weit davon entfernt, ein statisches Phänomen zu sein. Vielmehr passt sie sich dauernd an die hegemonialen Bedingungen an – jedoch ohne dass dabei ihr ideologischer Kern, das antiliberal-völkische Primat, aufgeweicht werden würde. Auf die wachsende Ablehnung, das Scheitern bei Wahlen und – in manchen Ländern – die behördlichen Verbote neonazistischer Artikulationsformen reagierten extreme Rechte in Westeuropa ab den 1960er Jahren mit Distanzierungen gegenüber ihren Vorläufern. Diese zuerst in Frankreich einsetzenden Versuche von »Gegen-Intellektuellen« (Hauke Brunkhorst), faschistisches Gedankengut »von Hitler zu befreien« (Margret Feit), werden gemeinhin als »neurechts« bezeichnet. Gegen die unkritische und vorschnelle Übernahme dieser Selbstbezeichnung wandte schon der Klagenfurter Historiker Willibald Holzer ein, dass sich so »manche vorschnell als solche entdeckte programmatische Innovation moderner Gruppierungen (…) sehr rasch als oft nur geringfügig modifizierte Aktualisierung faschistischer oder vorfaschistischer Ausprägungen rechtsextremer Ideologie (erweist)«. Tatsächlich sieht die so genannte »Neue Rechte« sehr alt aus, wenn man ihre Positionen einer genaueren Analyse unterzieht. Gerade in Österreich handelt es sich bei dieser Selbstbezeichnung von extrem Rechten um einen Begriff, der mehr für neue Strategien und Formen als für neue Inhalte steht. Dies gilt auch für die Abgrenzung vom Neonazismus, die eben nicht umgehend als Ausdruck demokratischer Gesinnung zu gelten hätte, zumal sie doch zumeist strategisch und bloß durch Differenzen hinsichtlich der politischen Strategie (Marsch durch die Institutionen statt Systemüberwindung) und der Zielgruppe (intellektuelle Eliten statt der häufig bemühten ‹kleinen Leute›) motiviert ist. Wer demgegenüber etwa wie im Falle der 2012 auf der Bildfläche erscheinenden »Identitären« unkritisch von »Neuen Rechten« spricht, geht den Rechten auf den Leim.

Magazin der rechte rand
Aufmarsch der »Identiären« in Wien

Schon das erste Auftauchen des Labels »Neue Rechte« in Österreich verweist auf seine zentrale Funktion – die Verharmlosung. Es waren nämlich militante Neonazis, die sich Anfang der 1970er Jahre als »Aktion Neue Rechte« (ANR) an den Universitäten zusammenfanden und Terror verbreiteten. In den späten 1980er Jahren begann dann der von Burschenschaftern dominierte »Ring Freiheitlicher Studenten« (RFS), die gegenintellektuellen Wortführer der deutschen »Neuen Rechten« an die Wiener Universität einzuladen. Dass es sich dabei neuerlich um bloßen Etikettenschwindel handelte, wurde schon an der Tatsache deutlich, dass der Saalschutz bei diesen Vorträgen von Neonazis verstärkt wurde. Auch Gottfried Küssel, schon damals der ranghöchste österreichische Neonazi, holte sich 1988 beim Versuch, einen Vortrag von Pierre Krebs gegen antifaschistische Proteste abzuschirmen, blutige Schrammen.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurde das österreichische Verbotsgesetz verschärft, dementsprechend waren Neonazis nun verstärkt dazu angehalten, ihre Propaganda zu modifizieren und vorsichtiger zu agieren. Diejenigen unter ihnen, die das Abitur oder gar ein Studium vorweisen konnten, versuchten dies auch in Form einer Intellektualisierung. Bei der Suche nach möglichst unverdächtigen Stichwortgebern stießen sie, mehrheitlich deutsch-völkische Korporierte, schnell auf die konservativ-revolutionären Konkurrenzfaschisten und deren »neu-rechte« Adepten. Daneben wirkte der Knick im Aufstieg der »Freiheitlichen Partei Österreichs« (FPÖ) und Jörg Haiders, der sich dazu verstiegen hatte, öffentlich die »ordentliche Beschäftigungspolitik« der Nazis zu loben, begünstigend für die partielle Übernahme »neu-rechter« Politikkonzepte. Es war vor allem der damalige FPÖ-Chefideologe Andreas Mölzer, der nach Haiders erzwungenem Rücktritt als Landeshauptmann 1991 und den ersten FPÖ-Niederlagen sich und seinen KameradInnen ein Umschwenken auf die »Metapolitik« und den der politischen Machtübernahme vorausgehenden Kampf um die kulturelle Hegemonie verschrieb. Das Burschenschafter-Zentralorgan »Die Aula« begann sich nun mit »neu-rechten« Autoren wie Alain de Benoist zu füllen. Und im »Aula-Verlag« erschien Anfang der 1990er Jahre die wohl einzige rechtsextreme Zeitschrift, die das Attribut »neurechts« verdiente: »Identität«. Es war maßgeblich Jürgen Hatzenbichler, der damals über diese Zeitschrift »neu-rechte« Theorien aus Frankreich importierte und für das völkisch-korporierte FPÖ-Vorfeld publizistisch aufbereitete. Der pennale Burschenschafter musste sich aber schon Mitte der 1990er Jahre sein Scheitern eingestehen: Nach jahrelanger vergeblicher Missionierungstätigkeit beklagte er resignierend, dass die »Positionen der Alten Rechten (…) leider auch im Bereich der Korporationen vielfach noch heruntergeleiert werden.« Tatsächlich war der alte oder herkömmliche (parteiförmige) Rechtsextremismus längerfristig in Österreich zu erfolgreich, als dass er dem metapolitischen Kampf um die kulturelle Hegemonie bedürfte. Es fehlt hierzulande also ein zentrales Gründungsmoment der »Neuen Rechten« – die ideologische Vorherrschaft der Linken und Liberalen. Dementsprechend verloren »neu-rechte« Konzeptionen im korporierten Umfeld der FPÖ rasch wieder an Attraktivität.

Richterlich legitimierter Rassismus

von Judith Goetz und Mahriah Zimmermann im Magazin »der rechte rand« Ausgabe 174 – September / Oktober 2018

#Identitäre

Dass dennoch es auch in Österreich mit der Gründung der »Identitären« zu einem neuerlichen Aufflackern »neu-rechter« Politikkonzeptionen gekommen ist, scheint mehr der zunehmenden europäischen Vernetzung extremer Rechter als den konkreten hegemonialen Verhältnissen im Land geschuldet zu sein. Daneben sind dafür der erhöhte Repressionsdruck auf die neonazistische Szene seit Ende 2010 (Zerschlagung der »Alpen-Donau«-Gruppe rund um Gottfried Küssel) und massive Rekrutierungsschwierigkeiten vieler deutsch-völkischer Studentenverbindungen verantwortlich zu machen. Schließlich decken die auf außerparlamentarischen Aktionismus und popkulturelle Inszenierungen spezialisierten »Identitären« im Gegensatz zum biederen »Ring Freiheitlicher Jugend« (RFJ) eine gestiegene Nachfrage von Seiten erlebnisorientierter Jugendlicher ab. Was so mancher »Alter Herr« als Anpassung an den linken Zeitgeist und die amerikanisierte Massenkultur verdammen mag, ist in Wahrheit eine notwendige Voraussetzung für die Hegemoniefähigkeit unter Jugendlichen.

Im Frühjahr 2012 etablierte der »Olympia«-Burschenschafter Alexander Markovics mit ein paar »Waffenbrüdern« eine »Wiener Identitäre Richtung« als intellektuellen Zirkel oder Debattierklub, der einen Brückenschlag zum Rechtskonservativismus versuchte. Der nach deutschem Vorbild gestartete Versuch, Teile des politischen Konservativismus zu radikalisieren, kann aber schon als gescheitert gesehen werden: Zu offensichtlich ist die Herkunft eines Großteils der »Identitären« aus dem Neonazi-Milieu, auf welche sogar der heimische Verfassungsschutz in seinem jüngsten Bericht hinweist. Das zielt vor allem auf jene Gruppe, die sich um Martin Sellner im Sommer 2012 bildete, und nach dem Vorbild osteuropäischer Neonazis mit ihren »Hardbass«-Aktionen Veranstaltungen politischer GegnerInnen störte. Im Februar 2013 vereinten sich diese beiden Gruppen zur »Identitären Bewegung Österreichs« (IBÖ) und besetzten gemeinsam die Votivkirche in Wien, um die damals gerade dort stattfindenden Proteste von Flüchtlingen ins Lächerliche zu ziehen.

Magazin der rechte rand
Schwerpunkt Ausgabe #IB

Im bereits erwähnten VS-Bericht 2014 werden auch die Warnungen der »Identitären« vor einer angeblichen »Islamisierung« als »Deckmantel« bezeichnet, unter welchem »auf einer pseudo-intellektuellen Grundlage« versucht werde, »das eigene rassistisch/nationalistisch geprägte Weltbild zu verschleiern. (…) Was sich vordergründig als ‹Kritik› und jüngst als ‹islamkritisch› auf der Ebene der Mobilisierung darstellt, trägt in der tatsächlichen Umsetzung oft islam-, asyl- und fremdenfeindliche Züge.«

Tatsächlich ist es nicht mehr als Mimikry, wenn extrem Rechte heute versuchen, ihren gerne als »Ethnopluralismus« verharmlosten Rassismus hinter positiver klingenden Formulierungen wie der Erhaltung »kultureller Identität« zu verstecken. Jedoch schimmert schon beim französischen »Identitären«-Gründervater Fabrice Robert, im Interview mit der »Jungen Freiheit« (10/2013), hierbei der alte Rassismus durch: »›100 % Identität, 0 % Rassismus›. Aber mit dem territorialen Imperativ, dass ein Boden einem einzelnen Volk gehört.«

Karin Priester wies bereits 2010 darauf hin, dass »Teile des Rechtsextremismus« nach »dem ethnopluralistischen Modernisierungsschub der 1980er Jahre versuchen (…), über die Umpolung des Feindbildes, eine neue, diesmal antiislamische ‹Modernisierungswelle› einzuleiten.« Der antimuslimische Rassismus, der sich als Ausfluss kultur-christlichen Superioritätsdenkens jedoch nicht länger »ethnopluralistisch« verbrämen lässt, dient auch den »Identitären« vor allem als Vehikel in den Mainstream-Diskurs: Rassistische Inhalte finden leichter und mehr Gehör, wenn sie im kultur-christlichen oder vermeintlich aufgeklärten Gewand daherkommen. Die sich zuletzt in der Sarrazin-Debatte artikulierende Normalität bis Hegemonie des Feindbildes Moslems oder Islam macht dieses zum idealen Instrument, um aus der Extremismus-Ecke zu kommen.

Eine Kontinuität zwischen alter und neuer Rechter stellt der kulturelle Antiamerikanismus dar, eine aktuelle Ausformung des völkischen und über weite Strecken antisemitischen Antiliberalismus. Die Behauptung einer systematischen »Überfremdung« oder »Umvolkung« zum Zwecke der leichteren Beherrschbarkeit der in lauter Individuen zerfallenden Gemeinschaft ist fixer Bestandteil antisemitischer Diskurse. Weil die nationale (kulturelle) Identität den (geheimen) »Welteinheitsplänen« im Weg stehe, werde versucht, das »ethnische Antlitz Europas unwiderruflich« zu verändern. Der Antiamerikanismus schreibt als Zwillingsbruder des Antisemitismus diesen fort. Entsprechend der antisemitischen Figur des jenseits der nationalen Antagonismen stehenden Dritten und alle Identität auflösenden Nicht-Identischen, wird Jüdinnen und Juden und den von diesen angeblich dominierten USA unterstellt, alle Völker beherrschen zu wollen.

Antisemitismus in Europa

Das Interview mit Dr. Gideon Botsch führte Felix M. Steiner. Magazin »der rechte rand« Ausgabe 176 – Januar / Februar 2019

Auch wenn sich weite Teile der extremen Rechten Westeuropas heute als frei von Antisemitismus darstellen und diesen stattdessen nur mehr bei den Moslems sehen wollen, sind sie seinem grundlegenden dichotomischen Muster und seiner verschwörungsmythischen Weltsicht weitgehend treu geblieben. Der antimuslimische Rassismus knüpft gerade in Österreich an antisemitische Traditionen an. Dies zeigte sich schon in der Kampagne gegen das Schächten, mit welcher vielerorts antijüdische Blutphantasien fortgeschrieben wurden. Und als die FPÖ 2009 in einem Inserat gegen den angeblich unmittelbar drohenden EU-Beitritt der Türkei und Israels agitierte, bewies sie eindrucksvoll, dass das »christliche Abendland« immer noch vor »Juden« und »Moslems« gleichermaßen beschützt werden muss. Auch die im Verhältnis zur FPÖ arbeitsteilig agierenden »Identitären« reihen sich ein in die Traditionslinien des völkischen (antiliberalen) Antisemitismus – neu daran ist höchstens die Aufmachung.

Der Beitrag »Neue Rechte« in Österreich erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/4560/neue-rechte-oesterreich/

Letter from the Editors

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2019.1596614?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The university and the cortes in the construction of the kingdom of Portugal in medieval times

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02606755.2019.1603426?ai=2w6&mi=47tg1r&af=R

Local studies of revolutionary Russia: towards a third wave

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2019.1572956?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Local studies of revolutionary Russia: towards a third wave

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2019.1572956?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The Individual-Level Determinants of German Party Membership

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2019.1603295?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Brasilien: Angriff auf die Demokratie

Hat die Demokratie in Brasilien noch eine Zukunft?

Lange schien Brasilien eine gefestigte Demokratie zu sein, die die Jahre der Militärdiktatur überwunden hatte. Doch ausgerechnet diese düstere Epoche glorifiziert der neue Präsident Jair Bolsonaro. Hat die Demokratie in Brasilien unter dem rechtsextremen Staatschef noch eine Chance?

Quelle: https://www.blaetter.de/aktuell/dossiers/brasilien-angriff-auf-die-demokratie

Federal-level Government Participation and State-level Electoral Performance: A Party-based Analysis of Land Elections in Germany, 1949–2017

Volume 28, Issue 4, December 2019, Page 583-601
.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2019.1602121?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Make Europe Great Again

#Bannon

Seit seinem Zerwürfnis mit Donald J. Trump und dem Rauswurf bei »Breitbart News« sucht Stephen Bannon nach neuen Betätigungsfeldern. Sein neues Vorhaben: Die europäische extreme Rechte für die Europawahl 2019 vereinen. Ob er sein Ziel umsetzen kann, bleibt offen.

Magazin der rechte rand
Stephen Bannon
© wikimedia / Michael_Vadon CC BY-2.0

Auf den Wahlsieg von Donald J. Trump in den USA, zu dem nach weitläufiger Meinung Stephen »Steve« Kevin Bannon (s. derrechterand Nr. 164) als Kopf seines Wahlkampfteams wesentlich beitrug, folgte wenig später die Ernüchterung. Im August 2017 trat Bannon nach einem Vertrauensverlust als Stabschef des Weißen Hauses zurück, im Januar 2018 verließ er auf Drängen der rechten Mäzenin Rebekah Mercer seinen Chefposten bei »Breitbart News«. Nachdem er sich somit innerhalb weniger Monate mit seinen ehemaligen FreundInnen und FörderInnen überworfen hatte, suchte Bannon nach neuen Projekten. Ins Auge fasste er dabei die Förderung extrem rechter Parteien jenseits des Atlantiks.

Erste Schritte
Bereits Anfang März 2018 trat Bannon seine Europa-Tournee an. Er reiste nach Rom, um dort den anstehenden Wahlerfolg der extrem rechten »Lega« bei den Parlamentswahlen mitzuerleben und sich mit deren Vorsitzendem Matteo Salvini zu beraten. Am 6. März trat er in Zürich auf einer Konferenz der Schweizer Wochenzeitung »Die Weltwoche« auf, zu der ihn deren Verleger Roger Köppel, Nationalrat der »Schweizerischen Volkspartei« (SVP), eingeladen hatte. Bei diesem ersten öffentlichen Auftritt knüpfte er an das beliebte Narrativ der Vorbildfunktion der Schweizer Demokratie für (extrem) rechte Parteien an: Den SVP-Politiker Christoph Blocher, Wortführer der erfolgreichen GegnerInnen eines Beitritts der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum im Jahr 1992, beschrieb er als Trump-Vorläufer und die Schweiz daher als Vorbild nationaler Souveränität. In Zürich traf er sich auch mit Alice Weidel, Co-Vorsitzende der Bundestagsfraktion der »Alternative für Deutschland« (AfD), welche sich Rat holte für den Aufbau des »Newsroom«, dem offiziellen Presseportal der Partei. Bereits wenige Tage später, am 10. März, trat Bannon auf Einladung der Parteivorsitzenden Marine Le Pen bei dem Parteitag des »Front National« in Lille auf. Auf diesem wurde die Partei in »Rassemblement National« (RN) umbenannt, um mit einem neuen Image höhere Wahlergebnisse zu erzielen. Bannon hielt eine leicht angepasste Version seines Vortrags und wiederholte sein Mantra, dass allein die Wahlkampfmotive der Verhinderung »Illegaler« und die Verringerung legaler Einwanderung, Standortnationalismus gegen China und die Beendigung von Kriegseinsätzen im Ausland Trump zum Wahlsieg verholfen hätten, und dies folglich eine Vorbildfunktion für Europa habe.

Zwei Monate später, am 22. Mai, diskutierte er über US-amerikanische Politik mit Lanny Davis, einem Anwalt und US-amerikanischen Politiker der »Demokraten«, in Prag. Moderiert wurde die Veranstaltung von Alexandr Vondra, ehemaliger Verteidigungsminister Tschechiens und ehemaliger Botschafter des Landes in den USA. Ausgerichtet wurde die Podiumsdiskussion von der Rüstungs-Holding-Gesellschaft »Czechoslovak Group« und der Privatuniversität »CEVRO Institute«, an der Vondra das »Prague Centre for Transatlantic Relations« leitet. Einen Tag später sprach Bannon auf Einladung der ungarischen Regierung bei der Konferenz »The Future of Europe« vor hochrangigen PolitikerInnen der »Visegrad Group«, dem Staatenbündnis von Ungarn, Polen, Slowakei und Tschechien zur Förderung gemeinsamer nationaler Interessen. Bannon erhielt anschließend eine Audienz beim autokratischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, ebenso wie andere Vortragende wie der rassistische Autor Douglas Murray aus England und der US-amerikanische Oswald-Spengler-Fan David Paul Goldman, der unter dem Pseudonym »Spengler« für die »Asia Times« schreibt.
Parallel zu seinen Auftritten gab Stephen Bannon zahlreiche Interviews und verstand es, einen hohen Medienrummel um seine Aktivitäten in Europa zu schaffen.

Magazin der rechte rand

Startschuss
Im Juli 2018 lud Bannon schließlich selbst zahlreiche führende PolitikerInnen extrem rechter Parteien aus ganz Europa für zwei Tage in das Brown’s Hotel in London ein. Hier stellte er das erste Mal seinen Plan vor, sich als politischen Berater für die extreme Rechte in Europa zu etablieren. Bannons Plattform soll »The Movement« (»Die Bewegung«, TM) heißen und nicht nur extrem rechten Parteien einen Raum zum Austausch bieten, sondern auch Hilfe bei Datenerhebungen für Wahlkämpfe, die Vermittlung politischer Botschaften und die mediale Abwehr politischer Angriffe bieten. Ein erster Meilenstein dieser neuen Zusammenarbeit sollen hohe Wahlerfolge bei der Europawahl im Mai 2019 sein.

Bannons Einladung folgten unter anderem Louis Aliot, Lebensgefährte von Marine Le Pen, und Jérôme Rivière von RN, Nigel Farage von der »UK Independence Party« (UKIP; ausgetreten im Dezember 2018), Ben Harris-Quinney vom konservativen englischen Think Tank »Bow Group« und Mischaël Modrikamen, Vorsitzender der belgischen »Parti Populaire« (PP). Anwesend waren auch Kent Ekeroth von den »Sverigedemokraterna« (SD) aus Schweden und Filip Dewinter von »Vlaams Belang« (VB) aus Belgien, welcher von Raheem Kassam eingeladen wurde, einem engen Vertrauten Bannons und Leiter des »Breitbart«-Büros in London bis Mai 2018. Im Oktober 2016 versuchte Kassam erfolglos, sich mit dem Slogan »Make UKIP great again« als neuer Parteivorsitzender durchzusetzen. Einen Monat später gehörte er mit Farage und dem UKIP-Großspender Arron Banks zu den ersten Politikern, die bei einem Treffen in New York Donald Trump persönlich zu seinem Wahlsieg gratulierten

Alte und neue FreundInnen

#EUParlament
von Jan Rettig im Magazin »der rechte rand« Ausgabe 176 – Januar / Februar 2019

Komplizen
»The Movement« existierte bereits bevor Bannon anfing, sich in Europa anzupreisen. Am 9. Januar 2017 war sie von Mischaël Modrikamen als Stiftung in Belgien gegründet worden, um (extrem) rechte Parteien in Europa zu fördern und zu vernetzen. Als Ziele wurden »die Förderung von Rechtsstaatlichkeit, freier Marktwirtschaft, natio­naler Souveränität, nationaler Grenzsicherung, Volksbefragungen, des Kampfes gegen den radikalen Islam, eines wissenschaftlichen und undogmatischen Umgangs mit klimatischen Phänomenen und der Verteidigung des souveränen israelischen Staates auf dessen historischem Land« festgehalten. Als Vorstand fungierten Modrikamen, die Generalsekretärin der PP und seine Ehefrau Yasmine Dehaene, sowie Laure Ferrari, Vorsitzende des »Institute for Direct Democracy in Europe« (IDDE), einer Stiftung der von Modrikamen angeführten Europapartei »Alliance for Direct Democracy in Europe« (ADDE). Angesiedelt wurde die nahezu inaktive Stiftung mit einem Startkapital von lediglich 2.500 Euro in der Villa von Modrikamen in Watermael-Boitsfort, wo sie nach wie vor ihren Sitz hat.

Laut eigener Aussage suchte Modrikamen seit geraumer Zeit vergebens Kontakt zur Trump-Regierung, bevor er mit der Hilfe von Farage in London das erste Mal Bannon traf. Schnell beschlossen Bannon und Modrikamen zusammenzuarbeiten: Bannon, dessen Privatvermögen 2017 auf bis zu 53 Millionen Dollar geschätzt wurde, versprach, die Stiftung mit einem Personal von 10 bis 15 Personen auszustatten und nach seinen Vorstellung in ihrer Arbeit umzustrukturieren, während Modrikamen diese weiterhin leiten soll. So könnte er zum Vorsitzenden einer potenziell finanzstarken und einflussreichen Stiftung für die extreme Rechte in Europa aufsteigen, während Bannon von einer vorhandenen Struktur profitieren kann.

Eigene Widersprüche
Trotz der beeindruckenden Menge an Kontakten die Bannon innerhalb Europas knüpfen konnte, steht TM vor einigen Herausforderungen. Eine der größten dürfte die Tatsache sein, dass eine wesentliche Unterstützung von Parteien im Wahlkampf zur Europawahl in den meisten Ländern, in denen Bannon aktiv werden möchte, gegen geltendes Recht verstößt. Einzig in Italien und den Niederlanden gibt es keine gesetzlichen Schranken.

Zudem stößt Bannons Vernetzungsangebot bei den AdressatInnen nicht auf ungeteilte Zustimmung. Nicht nur die SD und UKIP haben bereits ihre Ablehnung einer Zusammenarbeit mit Bannon geäußert. Auch die AfD und die »Freiheitliche Partei Österreichs« (FPÖ) lehnen bisher offiziell eine Zusammenarbeit mit Bannon ab, da dieser »zu amerikanisch« sei. Ähnlich äußerten sich auch Le Pen und Rivière seitens der RN. Ob es sich bei dieser Ablehnung um antiamerikanische Ressentiments, Platzhirsch-Mentalität oder eine taktische Abgrenzung zur Abwehr von Vorwürfen illegaler Wahlkampffinanzierung handelt, bleibt abzuwarten. Wenig Vertrauen erweckend dürfte in diesem Zusammenhang der Umstand sein, dass die ADDE sich im Mai 2017 im Zuge von Betrugsvorwürfen seitens des Europaparlaments selbst auflöste. Im November 2017 kam es zu einer Hausdurchsuchung bei Modrikamen: Die ADDE war gegründet worden, um Mitgliedsparteien mehr EU-Gelder zukommen zu lassen. Daher soll sie 1,1 Millionen Euro zurückzahlen. Die IDDE hat aufgrund betrügerischer Vertragsvergaben ihre EU-Fördergelder verloren.

Doch nicht nur deshalb ist Bannon mit Modrikamen als Bündnispartner ein Risiko eingegangen. Ein Bündnis mit »Vlaams Belang« (VB) dürfte ausbleiben, da Modrikamen diese, als gläubiger Jude und Sohn eines jüdischen Widerstandskämpfers, aufgrund ihrer Nähe zu nationalsozialistischer Ideologie und antisemitischer Ausfälle ablehnt. Zugleich spricht er von vermeintlich unveränderbaren »archaischen Werten« bei Muslimen, die dazu führten, dass »Horden von Primitiven« Jagd auf »unsere Frauen« machen würden. Der europäische VB-Abgeordnete Gerolf Annemans bezeichnet ihn in passend antisemitischer Manier als »Scharlatan«. Auch Marcel de Graaff, Vorsitzender der niederländischen »Partij voor de Vrijheid« (PVV) im Europaparlament, lehnt eine Zusammenarbeit mit TM explizit wegen Modrikamen ab.

Bannon kann hingegen einige Erfolge vorweisen. Interesse an »The Movement« zeigte der tschechische Ministerpräsident Miloš Zeman durch einen Empfang von Bannon, in Begleitung des AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron, in Prag am 23. September 2018. Zwei Wochen zuvor, am 7. September, haben sowohl die »Lega« um den italienischen Innenminister Matteo Salvini, als auch die Vorsitzende der »Fratelli d´Italia«, Giorgia Meloni, ihren Beitritt zu TM bekannt gegeben. Im November gab Bannon schließlich an, dass er mit Viktor Orbán eine Zusammenarbeit zur Europawahl verabredet habe. Allen Bündnissen gemein ist Bannons Behauptung, seine PartnerInnen seien »genau wie Trump« und gemeinsam könnten sie Großes erreichen. Ob Bannon seine angepriesene Bewegung zur Europawahl 2019 auf die Beine stellen kann, bleibt ungewiss. Erledigt ist sie leider noch lange nicht.

Magazin der rechte rand
Europa Ausgabe – Die radikale Rechte vor der Wahl

Das Antifa Magazin #derrechterand im ABO

Recherche Analyse Perspektive – gegen Rechts

Der Beitrag Make Europe Great Again erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/4547/make-europe-great-again-bannon/

Ontological insecurities and the politics of contemporary populism

.

Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09557571.2019.1596612?ai=z4&mi=3fqos0&af=R