Rezension zu: Judith von der Heyde: Doing Gender als Ultra – Doing Ultra als Frau. Weiblichkeitspraxis in der Ultrakultur. Eine Ethnographie. Weinheim: Beltz Juventa 2018.

Judith von der Heyde legt eine theoretisch fundierte und empirisch reichhaltige Arbeit vor, mit der sie den Forschungsstand zu Geschlechterverhältnissen in Fußballfanszenen erweitert. Anhand ihrer ethnographischen Begleitung zweier weiblicher Mitglieder einer Ultragruppe zeigt sie auf einer praxeologischen Ebene Handlungsstrategien und Spannungsfelder junger Frauen in der männlich dominierten Jugendkultur der Ultras auf. Ihre These zur Hegemonialisierung von Weiblichkeit lässt sich zwar diskutieren, doch stellt von der Heydes Arbeit wichtige Erkenntnisse bereit und ein Korrektiv zur oftmals androzentrischen Fanforschung dar.

Quelle: http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/1251

White Women. White Nation. White Cosmopolitanism: Swedish Migration between the National and the Global

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08038740.2018.1556226?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Nature and culture in the early modern Atlantic

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2019.1572955?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Europe on the move: refugees in the era of the Great War

Volume 26, Issue 6, December 2019, Page 1043-1045
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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2019.1572953?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Europe on the move: refugees in the era of the Great War

Volume 26, Issue 6, December 2019, Page 1043-1045
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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2019.1572953?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

An Ideational Approach to Gendered Institutional Change: Revisiting the Institutionalization of a New Prostitution Regime in Sweden

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08038740.2019.1566174?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

“It Is So Swedish That You Have to Work”. Returning Swedish Migrant Women’s Negotiations of Gender Equality and Heterosexuality

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/08038740.2018.1560363?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Mit offenen Armen in die Sackgasse

#Fundamentalismus

Der christlich-fundamentalistische »Marsch für das Leben« zog auch 2018 durch Berlin. Deutlich wurde, dass die größte Veranstaltung der »Lebensschutz«-Bewegung in der Krise steckt – personell und inhaltlich fehlen Impulse und die Zahl der Teilnehmenden nimmt ab. Das sollte aber die Kritik an ihr nicht verflachen. Zumal Positionen der »Lebensschutz«-Bewegung anknüpfungsfähig für Personen aus rechten und extrem rechten Kreisen sind.

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Mechthild Löhr und Alexandra Maria Linder auf der Bühne am 22. September 2018 in Berlin
© Apabiz

Der Berliner »Marsch für das Leben« mit 3.500 (2018) bis 5.000 (2016) Teilnehmenden ist immer noch das zentrale, spektrenübergreifende Event der »Lebensschutz«-Bewegung. Im Gegensatz zu anderen »1000-Kreuze-Märschen«, »Mahnwachen« für die »ungeborenen getöteten Kinder« oder sogenannten »Vigilien für das Leben« präsentiert sich der Berliner Marsch besonders professionell, freundlich und breitenwirksam. Hier laufen KatholikInnen und ProtestantInnen nebeneinander mit weißen Holzkreuzen und Bildern von lachenden Kindern und glücklichen Eltern oder positiven Slogans wie »echte Väter stehen zu ihrem Kind«. Sie betrachten mal skeptisch, mal leicht verängstigt Berlin und die queeren GegendemonstrantInnen und unterhalten sich leise. Es sind ältere Frauen und Männer, einige Nonnen, einige Priester, viele Familien, nicht wenige Jugendgruppen – darunter auch reine Jungsgruppen, die aus dem Internat entsprungen sein könnten, und gemischtgeschlechtliche Jugendgruppen, bei denen die jungen Frauen ihre knielangen Röcke mit Markenschuhen kombinieren. Kein Vergleich zu Münster, wo zuletzt im März die knapp über 100 Teilnehmenden, deren Altersdurchschnitt über dem in Berlin zu liegen scheint, kontinuierlich singend und betend hinter Marienbildern herliefen und bis vor kurz vor dem Ende auf der Strecke auf die Knie fielen. In Salzburg (Österreich) werfen die Teilnehmenden unter der Nennung eines fiktiven – offensichtlich christlich-deutschen – Namens eines »ungeborenen Kindes« und Glockengeläut Rosen in die Salzach. Im sächsischen Annaberg-Buchholz ist der Marsch nicht katholisch-fundamentalistisch, sondern evangelikal geprägt, befindet sich das Erzgebirge doch im sogenannten Bible Belt, wo seit der »Wiedervereinigung« die bibeltreuen Gemeinden enormen Zulauf haben.
In Berlin ist nun eine Abnahme der Teilnehmendenzahlen um fast ein Drittel auch bei den fragwürdigen Zahlen des organisierenden »Bundesverbands Lebensrecht« (BVL), der von 5.500 Teilnehmenden spricht, amtlich. Der Schwund war zu erwarten und ist auch mit der die kirchlichen Gemeinden spaltenden Frage »Wie hältst du es mit der AfD?« zu begründen, die – neben der Überbetonung der (vermeintlich gewaltvollen) Gegenproteste – in Zeiten von PEGIDA und Chemnitz demobilisierend wirkt. Die »Sorge, in einen Topf mit ‹Rechten› geworfen zu werden« erkannte selbst BVL-Vorsitzende Alexandra Maria Linder als Grund, dem Marsch fern zu bleiben. Und tatsächlich haben dieses Jahr die queer-feministischen Gegenproteste zusammen mit Reclaim Club Culture schon am Vorabend rund Tausend TeilnehmerInnen trotz Regens auf die Straße gebracht und demonstrierten und sangen auch am Samstag mit mehreren Hundert Menschen an verschiedenen Punkten gegen die AbtreibungsgegnerInnen. Die vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung veranstaltete Demonstration konnte 1.500 Menschen mobilisieren, die sich später den Blockadeversuchen anschlossen. Auch in anderen Städten sind selbst bei kleinen Aktionen der »Lebensschutz«-Bewegung feministische Gegenproteste selbstverständlich geworden.

Relativierungen, »Zeugnisse« und Jugendlichkeit
Personell und strategisch ist die »Lebensschutz«-Bewegung in die Defensive geraten. Während sie noch 2016 offensiv den »Kulturkampf« ausrief, wurden dieses Jahr akute Themen wie der § 219a und der Praena-Test nur en passant gestreift. Geradezu beschwichtigend wirkte vor allem die Rede der Vorsitzenden der »Christdemokraten für das Leben« (CDL), Mechthild Löhr: »Oft sieht es so aus, als ob, und das sagen ja auch unsere Kritiker hier bei den Gegendemonstrationen, unser Bekenntnis zum Leben des Kindes ein Anschlag auf die Rechte der Frau ist. Nein! Wir kennen zwei Lebensrechte (…). Die Gesetzeslage in Deutschland ist eigentlich so, dass wir auch keine Strafverschärfung brauchen, sondern was wir brauchen ist eine bessere Aufklärungspolitik, bessere Hilfe, um viel mehr Kinder zu retten.« Der Applaus war nur verhalten, wird aus den sonstigen Publikationen der »Lebensschutz«-Bewegung doch sehr deutlich, dass sie sich eigentlich ein Totalverbot von Schwangerschaftsabbrüchen wünscht.
Daneben zeigten viele Reden eine Rückbesinnung auf den bewährten Fokus auf Betroffenheitsberichte. Zunächst erzählte, moderiert von der BVL-Vorsitzenden Linder und dem Generalsekretär der evangelikalen »Deutschen Evangelischen Allianz«, Hartmut Steeb, die für die »Aktion Lebensrecht für Alle« (ALfA) tätige Referentin und Beraterin Sandra Sinder aus Düsseldorf von ihrer Arbeit. Danach erläuterte die Küsterin Elisabeth Rugaju aus Köln beziehungsweise Uganda ihre Entscheidung, auch das dritte Kind zu bekommen, schließlich standen ein Pianist aus Israel und dessen Frau auf der Bühne, um »Zeugnis abzulegen«: Seine Mutter war erst 16, als sie ihn bekam und seine vorherige Freundin trieb ohne sein Wissen ab. Hier inszenierte sich ein Mann als Betroffener von Abtreibungen, was in den aus den USA kommenden Diskurs von der kollektiven Traumatisierung durch Abtreibungen und den auch hier verbreiteten Väterrechtsdiskurs passt.
Der zweite Schwerpunkt lag auf der immer leicht bemüht wirkenden Inszenierung der Jugend als neue Pro-Life-Generation. Cornelia Kaminski (CDU Hessen, CDL und ALfA), Linder und Steeb holten zwischenzeitlich sechs Jugendliche auf die Bühne. Es sprach auch Bethany Janzen, regionale Koordinatorin der »Students for Life of America«, die nach eigenen Aussagen der österreichischen »Jugend für das Leben« helfen will, die »pro-life generation in Europe« aufzubauen. Erstmalig predigte, neben dem Berliner Weihbischof Matthias Heinrich, ein evangelischer Bischof auf dem Abschlussgottesdienst: Der Greifswalder Hans-Jürgen Abromeit stellte die ungewollte Schwangerschaft als »eine Nagelprobe auf die Solidarität der Gesellschaft« dar. Man müsse, so Abromeit, nur genügend füreinander einstehen. In der heilen Welt dieses Kirchenmannes kommt moralischer Druck, gerade von der Kirche und der »Lebensschutz«-Bewegung gern als »Gewissensentscheidung« individualisiert, offenbar so wenig vor wie die freie Entscheidung gegen ein Austragen der Schwangerschaft.

Finde die AfD oder inhaltliche Kritik
Die derzeitige gesellschaftliche Präsenz feministischer Kämpfe wie die Forderung nach der Abschaffung des »Werbeverbot« genannten § 219a, der festgestellte Mangel an Abtreibungen vornehmenden ÄrztInnen und der Aufschwung einer sich radikalisierenden »Alternative für Deutschland« (AfD) hatten im Verlauf des Jahres eine kritische Auseinandersetzung mit der »Lebensschutz«-Bewegung in die öffentliche Wahrnehmung gerückt. Viele antizipierten eine steigende Präsenz von AfD-Prominenz. Doch offensichtlich war es selbst für Beatrix von Storch wichtiger, eine Veranstaltung in Weitnau (Allgäu) durchzuführen, Martin Hohmann (MdB) war zwar anwesend, doch bekannte Gesichter fehlten in den vorderen Reihen des Marsches. Nichtsdestotrotz sahen die Christen in der AfD sowohl vorab als auch in den Berichten danach den Marsch ungebrochen oder gar verstärkt als Identifikations- und Agitationsfeld.
Alexandra Linder hatte im Vorfeld betont, es sei das demokratische Recht aller am »Marsch für das Leben« teilzunehmen, »aus Kirchen oder Parteien, welcher Couleur auch immer«. Niemand aus dem OrganisatorInnen-Team machte Anstalten, sich des Problems der Anwesenheit von Ralf Löhnert anzunehmen. Auch in der Nachberichterstattung wird es von Seiten der Bewegung verschwiegen. Denn Löhnert ist nicht nur auf »Lebensschutz«-Märschen, sondern auch auf neonazistischen Heß-Gedenkdemonstrationen anzutreffen (vgl. Artikel zu Ralf Löhnert auf www.apabiz.de). Ein Blick in die Schweiz, wo zuletzt die offene Mobilisierung der extrem rechten »Partei national orientierter Schweizer« (PNOS) für Aufsehen gesorgt hatte, verdeutlicht, wie fragil eine Einladungspolitik ist, die sich nicht zwischen offenen Armen für alle und Abgrenzung nach Rechtsaußen entscheiden mag.

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Teilnehmer Ralf Löhnert (Mitte) beim Marsch-Gottesdienst
© Apabiz

Eine solche Aufmerksamkeit von der extremen Rechten bekam der Berliner Vorzeigemarsch bisher freilich nicht. Zwar liefen in den vergangenen Jahren Mitglieder von CDU und AfD nebeneinander an der Spitze des Marsches, dominiert haben letztere ihn jedoch nicht.
Beim Schweigemarsch für das Leben im sächsischen Erzgebirge unter der Leitung von Thomas Schneider ist das sicherlich anders: Schneider, langjähriger Landesvorsitzender der CDL und Mitbegründer der »Aktion Linkstrend stoppen«, verließ 2014 die Partei, um sich der AfD zuzuwenden, die er offensiv bewirbt – ohne jedoch bisher als Mitglied oder gar Funktionär hervorgetreten zu sein. Schneider schrieb auf seinem inzwischen nicht mehr existenten Facebook-Profil am 11. Februar 2016: »Ich werde, solange es keine Alternative gibt, die Alternative für Deutschland AfD wählen. Mir bleibt keine andere Wahl.« Auf seiner Homepage sind ein Großteil der geteilten Nachrichteninhalte Artikel aus der extrem rechten Wochenzeitung »Junge Freiheit« oder der evangelikalen Wochenzeitschrift »IdeaSpektrum«, vornehmlich zu Islam, »Gender« und AfD. Schneider arbeitet für ein evangelikales Konglomerat aus Medienvereinen, wie die AG Welt (»Arbeitsgemeinschaft Weltanschauungsfragen e. V.«), das seit Beginn 2018 die Kampagne und Online-Karte »Keine Moschee in meiner Stadt« betreibt.
Es sind diese inhaltlichen und personellen Schnittstellen und Kongruenzen, die der »Bundesverband Lebensrecht« unsichtbar halten will. Jedes Jahr hat er rigider durchgesetzt, dass fast ausschließlich die

Einheitsplakate und -schilder gezeigt werden dürfen.
So bleibt die Präsenz extrem rechter Personen nur für JournalistInnen und RechercheurInnen sichtbar und kann vom BVL und den Teilnehmenden ignoriert oder klein geredet werden. Wie von der Vorsitzenden Linder, die bei einem Interview mit JFDA (»Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e. V.«) am Rande des Marsches behauptete, die homo*feindlichen Positionen des BVL-Mitgliedsvereins »pro conscientia e. V.« seien »nicht unsere Baustelle«. Für die emanzipatorische Gegenseite hingegen gilt es in Erinnerung zu behalten, warum man den »Marsch für das Leben« politisch bekämpfen muss: Die »Lebensschutz«-Bewegung vertritt reaktionäre, christlich-fundamentalistische Positionen und ein Weltbild, das feministische und queer-politische Errungenschaften akut bedroht. Nicht die Präsenz einzelner AfD-PolitikerInnen ist somit das Problem, sondern die Agenda der Bewegung an sich.

Lahmende Lobby »Lebensschutz«-Bewegung

von Eike Sanders

 

Ein Streifzug durch die Medien der christlichen Rechten

von Ulli Jentsch und Eike Sanders

 

 

Antifaschistisches ´Magazin der rechte rand Ausgabe 170

Wir müssen reden:
Christen und die Rechte
© Roland Geisheimer / attenzione

Der Beitrag Mit offenen Armen in die Sackgasse erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/4190/mit-offenen-armen-in-die-sackgasse/

Article 23(4) Trade Union Rights and the United Nations policy of devolution on labour relations

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2019.1573975?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

»Die Wölfe sind los«

#Chemnitz

In Chemnitz wurde eine Neonazi-Zelle ausgehoben – sie soll geplant haben, eine Maschinenpistole zu kaufen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Rechtsterrorismus.

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Drei Männer mit Käppi und New-Balance-Turnschuhen auf dem Aufmarsch in Chemnitz am 1. September 2018;
in der Mitte Tom Woost.

Der 3. Oktober 2018 war ein ruhiger Tag in Chemnitz. Dabei ist die Stadt in Aufruhr, nachdem dort Ende August ein junger Mann erstochen wurde. In dichter Folge marschieren Rechte aller Spektren immer wieder auf, macht die Szene bundesweit mobil. Sie weiß: In der sächsischen Stadt kann man was reißen, seitdem sich die völlig unterbesetzte Polizei gleich zweimal von einem Mob aus Neonazis und Hooligans überrennen ließ. Aber wenn sich bestätigt, was die Bundesanwaltschaft annimmt, wäre am »Tag der Deutschen Einheit« um ein Haar alles noch schlimmer gekommen: »Revolution Chemnitz« (RC) nannte sich eine Zelle mutmaßlicher Rechtsterroristen, die zwei Tage zuvor ausgehoben wurde. Acht Verdächtige sitzen seitdem in Untersuchungshaft.

Der Grund dafür: Sie sollen ein »noch nicht näher aufgeklärtes Geschehen« geplant haben. Den Haftbefehlen sollen unter anderem beängstigende Absprachen aus einer Chatgruppe mit dem Titel »Planung zur Revolution« zugrundeliegen. In den dort gesponnenen Gewaltszenarien sei von einem Bürgerkrieg die Rede; von einer Revolu­tion, die Opfer fordern werde; von einer Überwindung des Systems, die den NSU wie eine »Kindergarten-Vorschulgruppe« aussehen lassen werde. »Nur gewaltbereite Leute« wollten die Kameraden demnach um sich scharen, um künftig auf das Kommando »Die Wölfe sind los!« loszuschlagen. Dafür solle eine Maschinenpistole gekauft werden, der Preis stehe schon fest. Die Mitglieder wollten zusammenlegen, die Polizei kam ihnen zuvor.

Die Mitglieder, das sollen sein: Sten E., Martin H., Christian K., Maximilian V., Marcel W., Sven W., Christopher W. und Tom Woost. Es sind durchweg junge Männer – Anfang 20 bis Anfang 30 – aus der Neonazi- und der Hooligan-Szene mehrerer Vereine, aktiv in Chemnitz und dem Umland, aber auch im Landkreis Leipzig, Mittelsachsen, bis hin nach Dresden. Mindestens einer war NPD-Mitglied, ein anderer ist auf einem Foto mit der Fahne der Partei »Der III. Weg« zu sehen, die in Sachsen stetig expandiert. Die meisten der Beschuldigten kamen wegen Gewalt- und Propagandadelikten schon mit dem Gesetz in Konflikt. Was genau sie künftig vorhatten, wird nun ermittelt.

Probelauf mit »Bürgerwehr«
Gewalt stand schon am Anfang der Ermittlungen. Am 14. September hatte einmal mehr die Lokalpartei »Pro Chemnitz« um den Rechtsaußen-Anwalt Martin Kohlmann in Chemnitz demonstriert. Im Nachgang zog eine 15-köpfige Gruppe durch das Stadtzentrum, gab sich als »Bürgerwehr« aus, kontrollierte auf eigene Faust Ausweise. Als sie auf »Ausländer« trafen, griffen sie sofort an, verletzten einen Iraner. Die Polizei stellte die Verdächtigen, Videoaufnahmen zeigen eine hochaggressive Gruppe, teils vermummt. Mindestens fünf Beteiligte werden heute als RC-Mitglieder angesehen. Noch vor Ort wurden bei ihnen Glasflaschen, Quarzhandschuhe und ein Elektroschocker sichergestellt. Einer von ihnen, der 31-jährige Christian K., kam gleich in Haft – er war nur auf Bewährung frei. Nun ist er eine Schlüsselfigur im aktuellen Fall.

Wäre es nach der örtlichen Staatsanwaltschaft gegangen, die »Bürgerwehr«-Mittäter hätten schon in einem beschleunigten Verfahren vor Gericht gestanden. Das Chemnitzer Amtsgericht lehnte dies jedoch ab, der Fall sei zu komplex. Obendrein dauerte es fast eine Woche, bis überhaupt Hausdurchsuchungen stattfanden. Dann hatten die ErmittlerInnen unverhofft Glück: Einer der Verdächtigen offenbarte sich, gab Hintergründe preis, gewährte offenbar auch Zugang zu Chat-Daten. Was die Polizei erfuhr, ist so brisant, dass die Generalbundesanwaltschaft (GBA) binnen Tagesfrist ein eigenes Ermittlungsverfahren einleitete. Sie zog den Bürgerwehr-Fall an sich – und erweiterte den Tatvorwurf gegen die mutmaßlichen RC-Anhänger. Seitdem steht der Verdacht des Rechtsterrorismus im Raum. Die »Bürgerwehr«-Aktion – dies soll aus den Textnachrichten hervorgehen – war demnach nur ein »Probelauf« für etwas Größeres, viel Schlimmeres. Die GBA spricht von »gewalttätigen Angriffen und bewaffneten Anschlägen auf Ausländer und politisch Andersdenkende«, womöglich auch auf PolitikerInnen und Medienschaffende.

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Bildmitte Sten E.

Seit einem halben Jahrzehnt bekannt
Die Kommunikation bei »Revolution Chemnitz« soll Christian K. dirigiert haben, er wird als Rädelsführer angesehen. Schon Ende August, als der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) für ein Bürgergespräch nach Chemnitz kam, wurde Christian K. von der Polizei in der Nähe kontrolliert, bekleidet mit einer Stichschutzweste. So eine ist auch auf seinem privaten Facebook-Profil zu sehen, der Tätowierer posiert dort als Security-Mann mit Knopf im Ohr. Das Beschlagnahmeprotokoll zur Weste, einer verbotenen Schutzbewaffnung, wurde im Internet veröffentlicht – auf dem bis zuletzt öffentlich zugänglichen Facebook-Profil von RC. Hinter dieser Seite soll K. selbst gesteckt haben. Seitdem er nach der »Bürgerwehr«-Aktion wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft kam, wurde die Seite nicht mehr aktualisiert. Was aber aufhorchen lässt: Sie existierte bereits seit 2013, versehen mit dem Namenszusatz »Alternativer Nationaler Widerstand«. Man sah sich dort in schwülstiger Rhetorik in einem »Kampf gegen Staat und Kapital«: »Wir bilden den Widerstand, der schon lange fehlt«, hieß es in der Selbstbeschreibung. Augenscheinlich wahllos und unregelmäßig erschienen dort Beiträge, vor allem Werbung für Szeneveranstaltungen.

Eindeutiger Schwerpunkt waren aber die Aktionen der »Nationalen Sozialisten Chemnitz« (NSC), einer 2014 verbotenen Kameradschaft, die unter anderem Schießübungen durchgeführt hatte und aus deren Reihen gleich mehrere Mitglieder dem NSU-Umfeld zugeordnet werden. Ein NSC-Banner schmückte früher das RC-Profil. In der damaligen Verbotsverfügung gegen die Chemnitzer Kameraden wurde RC sogar namentlich erwähnt, als eine Propaganda-Plattform der Gruppe. Wer eigentlich dahintersteckte, blieb zunächst im Dunkeln. Das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz rechnete das Profil damals einer anonymen »Aktionsgruppe Chemnitz« zu.

Weitere Ermittlungen scheint es in den nächsten vier Jahren nicht gegeben zu haben. Viel spricht dafür, dass RC keine neue Gruppe ist, sondern lange vor den Augen, aber trotzdem unter dem Radar der Behörden agieren konnte. Mehrere der aktuell Beschuldigten hinterließen auf der Facebook-Seite »Likes« unter ihren Klarnamen oder leicht zu entschlüsselnden Pseudonymen, zeigten sich gar unvermummt auf Fotos – viele Indizien, denen man hätte nachgehen können. Besonders aufschlussreich: Auf einem Bild, das den Beschuldigten Maximilian V. zeigt, ist der Chemnitzer Neonazi Martin Z. zu sehen, der offenbar mit den meisten Gruppenmitgliedern bekannt war. Martin Z. war Anfang 2015 schon einmal aufgefallen, im Umfeld der rechtsterroristischen »Oldschool Society« (OSS). Mit der Kombination aus öffentlichem Facebook-Auftritt als legaler Fassade und geheimem Chat als klandestines Planungswerkzeug ähnelt vieles, was jetzt erst aufflog, der OSS, aber auch der »Gruppe Freital«. Alle drei Vereinigungen waren in Sachsen aktiv.

Alte Bekannte von »Sturm 34«
Neben Christian K. gibt es eine weitere Schlüsselfigur im aktuellen Fall: der 30-jährige Tom Woost, der zuletzt im mittelsächsischen Lunzenau wohnte. Er kommt als Waffenbeschaffer infrage und soll in einer Textnachricht den Preis der Maschinenpistole genannt haben, an deren Kauf RC interessiert war. Woost war außerdem schon einmal, vor mehr als einem Jahrzehnt, Rädelsführer einer militanten Neonazi-Clique gewesen: »Sturm 34«. Die dazu geführten Ermittlungen hatten 2006 begonnen und Wellen geschlagen. In einem internen Dossier des Chemnitzer Staatsschutzes wurden 18 Taten aufgeführt, begangen allein im ersten Halbjahr 2006: etliche gefährliche Körperverletzungen, einige Sachbeschädigungen und Hausfriedensbrüche, eine Brandstiftung. Das war nur die vorläufige Bilanz, die Zahl verdoppelte sich bald. Knapp 60 Verdächtige und weitere rund 100 mutmaßliche SympathisantInnen ermittelte die Polizei. Dort war man sicher: Das ist das Werk von »Sturm 34«, einer Neonazi-Kameradschaft, die sich Anfang des Jahres im mittelsächsischen Mittweida ihren Namen gegeben hatte, in Anlehnung an einen SA-Sturm im Chemnitzer Land. Das Ziel war, die ganze Gegend »zeckenfrei und braun« zu machen, eine »national befreite Zone zu schaffen«, wie Beschuldigte ungerührt einräumten.

Teile der Gruppe spielten vorher gemeinsam in einer Band, der auch Woost angehörte. In einem ihrer Lieder heißt es, man wolle »sterben für einen heiligen Rassenkrieg«. Über Ausländer und Juden wurde gedichtet: »Früher war noch alles besser, man stach sie nieder mit ‘nem Messer.« Auf der Suche nach GegnerInnen fuhr Woosts Gefolgschaft regelrecht Streife, »Skinheadkontrollrunden« nannten sie das, ein ähnliches Vorgehen wie einst bei den berüchtigten »Skinheads Sächsische Schweiz«. Ein Informant hielt die BeamtInnen darüber auf dem Laufenden. Unter abgehörten Telefonaten waren verfängliche Gespräche, etwa mit einem örtlichen NPD-Politiker. Er forderte die Kameraden um Woost – damals NPD-Mitglied – unverhohlen auf, Linken »richtig vor die Glocke« zu schlagen.

Milde Strafe
Die Ermittlungen kamen dann auch zügig voran. In den alten Akten tauchte bereits Christian K. auf, der beim Bürgerwehr-Überfall dabei gewesen sein soll. Die Behörden hatten genügend Beweise: Bei Woost, er soll eines der Gründungsmitglieder sein, die sich selbst »Offiziere« nannten, liefen alle Fäden zusammen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung stieß die Polizei auf scharfe Schrotmunition, deren Herkunft im Dunkeln blieb. Woost selbst gab an, er habe die Patronen »von einem meiner Leute« erhalten. Fünfmal hatte er da schon vor Gericht gestanden, vier weitere Anklageschriften lagen bereit. Trotz »hoher Rückfallgeschwindigkeit«, wie es in einem Urteil heißt, war er bis dato immer mit glimpflichen Jugendstrafen davongekommen. Das hätte sich nun ändern können. Im April 2007 verfügte das sächsische Innenministerium das Verbot von »Sturm 34«. Woost war unter den Empfängern des Bescheids, weil er »an der Spitze der Hierarchie« stand und die Entscheidungsgewalt innehatte. Zudem erhob die Staatsanwaltschaft Dresden Anklage gegen Woost und vier Mittäter wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung und weiterer Taten. Zunächst wurde Woost auch in drei Fällen der gefährlichen Körperverletzung für schuldig befunden und zu einer empfindlichen Jugendstrafe von dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Ins Gefängnis musste er trotzdem nicht: Weil die Gruppe keine Satzung hatte, mochte das Landgericht Dresden eine kriminelle Vereinigung nicht erkennen. Die Staatsanwaltschaft ging dagegen in Revision und hatte mit Unterstützung der Generalbundesanwaltschaft (GBA) Erfolg. Im zweiten Anlauf wurde Woost nun auch wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung schuldig gesprochen. Aber unterm Strich gab es Strafrabatt: zwei Jahre Haft auf Bewährung – einer günstigen Sozialprognose und der langen Verfahrensdauer wegen. Inzwischen ist es 2012, fünf Jahre waren seit der Anklageerhebung vergangen.

Neustart in aller Öffentlichkeit
Die GBA hatte sich damals schon ausführlich mit Woost beschäftigt, erwog sogar, die Ermittlungen ganz an sich zu ziehen. Aber von der Idee ließ man ab. Die oberste Anklagebehörde stützte sich auf die Einschätzung der Dresdner Staatsanwaltschaft, der zufolge »Sturm 34« nur ein »eng begrenztes regionales Aktionsfeld« gehabt habe. Und das, obwohl Mitglieder und Taten sich auf einen recht großen Landstrich von Chemnitz bis Dresden verteilten. Besondere Bedeutung habe der Fall jedenfalls nicht, entschied die GBA, da die Gruppe »von der überregionalen Öffentlichkeit praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurde«.
Als Woost das Gericht einmal mehr als freier Mann verließ, hatten sich mehrere seiner früheren Kameraden bereits den »Nationalen Sozia­listen Chemnitz« angeschlossen. Woost selbst wurde danach wieder bei Neonazi-Aufmärschen gesehen; er soll auch Anschluss an die rechtsoffene Fanszene des »Chemnitzer FC« gefunden haben. Und schließlich, das ist Gegenstand des aktuellen Verfahrens, an die extrem rechten Umstürzler von »Revolution Chemnitz«.

Ermittlungen wegen des Verdachts, frühere Mitglieder würden den »Sturm 34« wiederbeleben, ihre Gewaltserie fortsetzen wollen, waren da längst versandet. Dabei hätten die Behörden in Sachsen nur auf die Facebook-Seite von »Revolution Chemnitz« schauen müssen. Gleich in der Anfangszeit wurde dort eine handgemalte Grafik veröffentlicht, vermutlich der Entwurf für ein Gruppenlogo. Im Hintergrund prangt groß eine Zahl: 34.

weiter zu #Chemnitz

Die Fußballszene

von Lotta Behrens, Ida Campe, Johannes Grunert und Tim Mönch
Magazin »der rechte rand« Ausgabe 174

 

Das Experimentierfeld für den Aufstand

von Ida Campe & Tim Mönch
Magazin “der rechte rand” Ausgabe 173

 

»Rechtes Plenum« Chemnitz

von Johannes Grunert
Magazin “der rechte rand” Ausgabe 163

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Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/4177/chemnitz-neonazi-zelle/