‘The ultimate cross-cultural fertilizer’: the irony of the ‘transnational local’ in Anglo-German rural revivalism
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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13507486.2018.1551330?ai=z4&mi=3fqos0&af=R
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#Antifeminismus
Von der CDU bis zur »Jungen Freiheit« – die Journalistin Birgit Kelle ist ein Star unter Konservativen, Neu-Rechten und AntifeministInnen.

Flyer für Streitgespräch zweier Gaga-CDU Frauen
Im »Bernhard Vogel Saal« der Thüringer CDU-Landtagsfraktion kam es zum Eklat. Am 22. April 2015 hielt die Journalistin Birgit Kelle dort einen Vortrag zum Thema »Erziehungsgeld – Quo vadis?!« Sie kritisierte die angeblich »grassierende Fremdbetreuung« von Kindern. Kindergärten seien schuld daran, dass Jugendliche später nicht ausbildungsreif seien. Größere Aufmerksamkeit erhielt der Vortrag eigentlich nur deswegen, weil zwei Mitglieder der feministischen Gruppe »hinterdenbruesten.de« gegen den Auftritt Kelles protestierten und vom Sicherheitsdienst des Parlaments aus dem Saal geführt wurden. Die beiden Aktivistinnen kritisierten: Kelle verbreite antifeministische Positionen und bewege sich mit ihren Vorträgen und Artikeln in einem rechtspopulistischen Umfeld. Sie sei die deutsche »Lady Gaga des Rechtspopulismus«.
Im Netz der »Neuen Rechten«
Kelle führt ein politisches Doppelleben zwischen bürgerlich-konservativem und neu-rechtem Milieu – und ist damit überaus erfolgreich. Einerseits tritt sie mit ihren konservativ-christlichen und antifeministischen Thesen regelmäßig in TV-Talkshows auf, schreibt Kommentare für große Blätter, wie »Die Welt«, »Focus«, »Brand Eins« oder die »Neue Westfälische« und bewegt sich als Referentin und Sachverständige im Umfeld der CDU/CSU. Ihre Bücher verkauft sie in hohen Auflagen, zuletzt etwa »Dann mach doch die Bluse zu: Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn« oder »GenderGaga«. Andererseits ist sie seit Jahren fest im publizistischen Netz der »Neuen Rechten« verankert. Dieter Stein, Chefredakteur der »Jungen Freiheit« (JF), des Zentralorgans der deutschen »Neuen Rechten«, ist begeistert: »Birgit Kelle gelingt es, ein sperrig-akademisches Thema humorvoll und gut verständlich aufzugreifen.« Sie rechne »auf fröhliche Art« mit der »zerstörerischen, totalitären Ideologie« des Feminismus ab, so Stein.
Die 40-jährige Kelle ist nach eigenen Angaben Mitglied der CDU und konvertierte zur katholischen Kirche. Seit Jahren schreibt sie regelmäßig für Blätter der deutschen Rechten. Ende 2006 wurde die JF offenbar erstmals auf Kelle aufmerksam. Das Blatt lobte das 2005 von Kelle gegründete christlich-konservative Monatsmagazin »Vers 1«. 2008 bat die JF Kelle dann, den auf der letzten Seite der Zeitung veröffentlichten »Fragebogen« auszufüllen. Mit dem kleinen, unauffälligen Interviewformat gelingt es dem Blatt immer wieder, einen ersten Kontakt zu möglichen künftigen AutorInnen und KooperationspartnerInnen herzustellen. Im November 2010 schrieb Kelle schließlich erstmals einen Text für das Blatt, in dem sie gegen den Präsidenten der »Bundeszentrale für politische Bildung« und dessen Arbeit für ein modernes Familienbild polemisierte. Seitdem greift sie bis heute regelmäßig für die JF zur Feder.
Gegen »Political Correctness«
Immer wieder forderte Kelle, Themen aufzugreifen und das auszusprechen, »was viele denken, sich aber schon lange nicht mehr trauen offen auszusprechen«. In einem Artikel in der Zeitschrift »The European« kritisierte sie im Februar 2013 ganz im Duktus von »Neue Rechte« und »Alternative für Deutschland« (AfD): »Die Political Correctness hat sich wie Mehltau über den normalen demokratischen Austausch gelegt. Man muss ja nicht jede Meinung teilen, geschweige denn gutheißen. Aber man muss doch darüber reden dürfen.« Dafür sei die neu-rechte Publizistik wichtig, erklärte sie im November 2013 im Interview mit dem Szene-Verleger Götz Kubitschek, in dessen Blatt »Sezession«: »Die Junge Freiheit ist wichtig als Medium, das sich nicht dem medialen Mainstream unterwirft. Wir brauchen für einen ernsthaften Diskurs in Deutschland widerstreitende Positionen gerade auch in den Medien.«
Wenge Tage nach dem Interview, am 23. November 2013, bekam Kelle in Berlin den »Gerhard-Löwenthal-Preis« überreicht, der von der »Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung« (FKBF) in Zusammenarbeit mit der JF verliehen wird. Vorsitzender des Stiftungsrates ist JF-Chefredakteur Stein. Begeistert schrieb das marktradikale, anti-egalitäre und anti-emanzipatorische Blättchen »eigentümlich frei« über die Preisverleihung: »Der mit 5.000 Euro dotierte Preis geht mit Birgit Kelle an eine Publizistin, die als Mutter von vier Kindern gegen den immer totalitärer sich gebärdenden Feminismus streitet.« Die Laudatio hielt der österreichische Journalist Andreas Unterberger. Er sah Kelle »an der Spitze einer ganz zentralen Auseinandersetzung« mit der »Diktatur des immer aggressiver werdenden Feminismus«.
Antifeminismus
»Eine ganze Nation gendert sich gerade Richtung Wahnsinn und verschleudert dabei zielsicher Steuergelder, die sich kaum mehr beziffern lassen. (…) Gender funktioniert als Sesam-öffne-dich für mehr Budgets, mehr Lehrstühle und noch mehr Stuhlkreise. Natürlich alles im Namen von Frauenförderung, Gleichstellung und Toleranz. Und obwohl darauf beharrt wird, daß das biologische Geschlecht keine Rolle mehr spielen sollte, entscheidet der Besitz einer Gebärmutter neuerdings über die Vergabe von Posten. Logik war gestern«, schrieb Kelle Ende Februar 2015 im Nachrichtenmagazin »Focus«. In ihren regelmäßigen Kommentaren, ganzseitigen Artikeln, Interviews und Vorträgen geht es immer um dieselben Themen: Gegen die Frauenquote, gegen sexuelle Vielfalt, gegen die angebliche »Frühsexualisierung« von Kindern in Schulen, gegen Betreuung von Kindern in Kitas, gegen die »Diktatur des Feminismus« oder gegen das »Gutmenschentum in Deutschland«.
Der Beitrag »Lady Gaga des Rechtspopulismus« erschien zuerst auf der rechte rand.
Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/3959/birgit-kelle-rechtspopulismus/
Im Jahr 2018 sind an diesen und vielen weiteren Orten über eine halbe Million Menschen auf die Straße gegangen, um den Nazis die Stirn zu bieten und gegen Rassismus und Ausgrenzung, rechten Terror und die AfD zu demonstrieren – und für eine antifaschistische, solidarische, ökologische und demokratische Gesellschaft.
Euch allen gilt unser Dank.
Das Plakat zum druckbaren download gibt es hier als PDF.
Der Beitrag Danke Plakat 2018 – hier zum download erschien zuerst auf der rechte rand.
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#Interview
Johannes Hillje ist Politikberater. Von ihm erschien 2017 das Buch »Propaganda 4.0. Wie rechte Populisten Politik machen«. Im Interview mit »der rechte rand« spricht er über die Strategien populistischer Parteien in Europa und die Rolle der sozialen Medien für diese Delegitimierung von Medien und Demokratie. Das Interview führte Felix M. Steiner.

Einer der besten populistischen Tricks der AfD ist, mit dem Slogan »Mut zur Wahrheit« Lügen und Halbwahrheiten zu verbreiten. © Christian Ditsch
drr: Sie haben sich in ihrem Buch »Propaganda 4.0« die Medienstrategien rechtspopulistischer Parteien angeschaut. Welche Hauptmerkmale kennzeichnen deren mediale Strategien?
Hillje: Ich nenne die Kommunikationsstrategie von RechtspopulistInnen »Propaganda 4.0«. Die Strategie hat vier Schritte: Zunächst werden die unabhängigen Medien durch Lügenvorwürfe delegitimiert. Damit schaffen solche Parteien ein Bedürfnis nach wahrhaftigen Informationen, das dann im zweiten Schritt über die eigenen Parteikanäle befriedigt werden soll. Viele der Parteikanäle sind digital, dabei werden sich Effekte wie die »Echokammer« zu Nutze gemacht, wo ein einseitiges Meinungsbild vorherrscht und als drittes Element eine kollektive Identität nach dem Motto »wir gegen das System« entstehen kann. Viertens instrumentalisieren RechtspopulistInnen wie die AfD die unabhängigen Medien, indem sie sich in Talkshows inszenieren oder auch Tabubrüche in Bundestagsreden begehen, auch damit diese wiederum als »Leistungsnachweis« in Form kurzer Videoclips an die eigene Zielgruppe im Netz verbreitet werden kann. Diese Propaganda funktioniert sehr effektiv.
Wie genau funktioniert die Inszenierung von Parteien wie der »Freiheitlichen Partei Österreichs« (FPÖ) oder der »Alternative für Deutschland« (AfD)? Ist überhaupt von einer einheitlichen Strategie der Parteien zu sprechen?
PopulistInnen verstehen Politik als »Informationskrieg«. Wenn von einer »Internationale der Nationalisten« die Rede sein kann, dann vor allem hinsichtlich des Austausches von Kommunikationsstrategien. Die AfD hat sehr viele Instrumente von der FPÖ übernommen. Insbesondere das Aufsetzen sogenannter »owned media« – eigene Medienkanäle zur Bildung einer Gegenöffentlichkeit. Die FPÖ hat das »FPÖ TV« erfunden, die AfD hat mit »AfD TV« nachgezogen. Übrigens: Seitdem die FPÖ an der Regierung ist, hat sich die Partei von dem wöchentlichen Nachrichtenmagazin verabschiedet und veröffentlicht nun täglich mehrere Kurzvideos, die ein tagesaktuelles Thema weiterhin in pseudo-journalistischer Aufmachung (und dem »Senderlogo« von FPÖ-TV rechts oben in der Ecke) behandeln. Als beispielsweise Anfang Mai die Medien berichteten, dass FPÖ-Innenminister Kickl alle Moscheen des Dachverbandes ATIB überprüfen lassen wolle, gab es dazu bei FPÖ-TV bereits das entsprechende Video: »Jetzt wird durchgegriffen: Innenminister Herbert Kickl lässt alle ATIB Vereine überprüfen!«. Offensichtliches Ziel: Die FPÖ will die Deutungshoheit über die eigene Regierungspolitik haben, sie muss dazu möglichst früh die Debatte prägen und konzipiert deshalb Maßnahmen von FPÖ-Ministern nicht nur als Gesetz oder Verordnung, sondern von Anfang an auch als PR-Produkt.
Hat sich die Strategie der AfD in den letzten fünf Jahren verändert beziehungsweise ist sie professioneller geworden?
Ja, sie wird professioneller. Denn durch den Einzug in den Bundestag hat sie heute deutlich mehr Ressourcen zur Verfügung. Man darf nicht vergessen, dass die AfD eine Partei von Medienprofis ist. Es gibt viele AfD-Abgeordnete, die früher JournalistInnen waren. Umso bemerkenswerter ist übrigens die Verachtung vieler AfD-PolitikerInnen für ihren eigenen früheren Berufsstand. Aber diese Medienprofis wissen eben, wie man Themen auf die Agenda setzt, Themen den richtigen »Spin« gibt und Emotionen mobilisiert.
Welche Rolle spielen dabei die sozialen Medien?
Eine große Rolle. Anfang des Jahres kündigte Alice Weidel an, dass die Bundestagsfraktion der AfD ihre PR-Arbeit bald mit 20 MitarbeiterInnen im 24-Stunden-Schichtbetrieb betreiben wolle. Personell ist das doppelt so viel wie die Pressestellen der SPD- oder Unionsfraktion derzeit aufbieten. Diese PR-Arbeit wird vor allem über soziale Medien gemacht. Man sieht die ersten Ergebnisse bereits: Die AfD postet mittlerweile fast drei mal täglich ein professionell produziertes Video auf Facebook, teilweise von ModeratorInnen moderiert.
….also kann man sagen, die AfD/FPÖ will mit ihrem Angebot die klassischen Medien ersetzen und selbst »Presse« sein?
Die AfD meint, dass sie ihre Medienarbeit als »Korrektiv« der vermeintlich verfälschten und verzerrten Berichterstattung der Mainstream-Medien, vor allem der öffentlich-rechtlichen Kanäle, fungieren müsse. Der Parteivorstand spricht von »Instrumenten der Gegenmacht«.
Kann man diese Strategien als anti-demokratisch bezeichnen?
Tatsächlich hat keine andere Partei in Deutschland ein solches Verständnis über die eigenen Öffentlichkeitsarbeit wie die AfD. Andere Parteien machen PR-Arbeit, um die Öffentlichkeit und die JournalistInnen zu informieren, die AfD hat den Anspruch, die JournalistInnen zu korrigieren. Sie erhebt sich damit über die Unabhängigkeit der Medien, das widerspricht dem demokratischen Medienverständnis, nach dem die Medien die PolitikerInnen kontrollieren, nicht andersherum. Gleichzeitig gibt die AfD ihren Parteikanälen journalistische Etiketten wie »AfD-TV« oder »Newsroom«. Nach dem Kaiserreich, der Nazi-Zeit und der DDR erprobt die AfD eine neue Version von Propaganda in Deutschland.
Welche Rolle hat dabei die Sprache beziehungsweise das sogenannte Framing?
Wenn PolitikerInnen framen, packen sie einen Sachverhalt in einen ganz bestimmten Deutungsrahmen, der ihre eigene politische Agenda unterstützt. Besonders wirkungsvoll sind die Frames dann, wenn sie an persönliche Erfahrungen andocken – oder an Werte. Nehmen wir den Begriff des »Asylgehalts«. Es geht also um das Geld, das zur Deckung von Grundbedürfnissen an AsylbewerberInnen ausgezahlt wird. Den Begriff des Gehalts kennen wir aus unserem persönlichen Leben. In unserem Weltbild bekommen wir Gehalt für Arbeit. Das erweckt im Zusammenhang der Flucht vollkommen falsche Assoziationen. Tatsächlich ist dieses Geld ja eine Sozialleistung, keine Entlohnung, und zwar auch nur für den Zeitraum, in dem der Asylanspruch geprüft wird. Es geht um Überlebenshilfe, eine Solidarleistung der Stärkeren gegenüber den Schwächeren in der Gesellschaft. Und ja: Das Framing wird heute besonders erfolgreiche von rechten, ja sogar rechtsradikalen AkteurInnen angewendet. Das hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass wir über viele Phänomene sprechen, die abstrakt und weit weg sind. Rechte schaffen es aber dabei, den eigenen Erfahrungshorizont der Menschen anzusprechen. Für mich ist die Sprachmacht der Rechten aber auch ein Resultat der Sprachlosigkeit der Mitte.
Was würden Sie empfehlen, um dem entgegenzutreten?
Gerade bei der SPD erkenne ich oft eine mangelnde Sensibilität gegenüber politischer Sprache. Die Partei sollte ihre Sprache viel stärker von ihren Grundwerten ableiten. Oftmals nutzt sie Frames, die ihrer eigenen Agenda nicht entsprechen. Ein Beispiel: Im Fünf-Punkte-Plan zur Migration kam der Begriff »Schutzsuchender« nicht ein einziges Mal vor. Typische sozialdemokratische Werte sind aber Fürsorge und Solidarität. In den Begriffen »Flüchtling« und »Migrant« wird die Fürsorge wenn überhaupt nur indirekt angesprochen; bei dem Begriff »Schutzsuchender« dagegen direkt. Das würde bei LeserInnen und ZuhörerInnen also an ein ganz anderes Assoziationsfeld andocken. Ein progressiver Mensch würde so viel schneller Mitgefühl und Empathie entwickeln. Hier gibt es also eine Wortwahl, die nicht die eigene Agenda unterstützt.
Vielen Dank für das Interview!
Der Beitrag Politik als »Informationskrieg« erschien zuerst auf der rechte rand.
Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/3943/informationskrieg/
#Chemnitz
Als am 26. August 2018 bis zu 1.000 Personen unvermittelt durch Chemnitz marschierten und aus ihrer Mitte immer wieder Jagd auf vermeintliche MigrantInnen gemacht wurde, fragten sich viele, wie es dazu kommen konnte. Der Versuch einer Einordnung.

»Kaotic«-Graffiti in Chemnitz
Bereits acht Stunden, nachdem im Nachgang des Chemnitzer Stadtfestes der 35-jährige Daniel H. erstochen worden war, erschien auf der Facebook-Seite »Kaotic Chemnitz« ein Aufruf: »ALLE Chemnitz Fans und Sympathisanten« sollten »zeigen wer in der Stadt das sagen hat« (Fehler im Original). Chemnitz ist ein erprobtes Aufmarschgebiet der Neonazi-Szene. »Kaotic«, eine Fangruppierung, die gerade ihr 10-jähriges Bestehen feierte, setzte ein Fanal, indem sie auf den Zusammenhalt der Fußballszene setzte. Doch wer steckt hinter »Kaotic«?
»Kaotic Chemnitz« wurde 2008 gegründet. Die Gruppe positionierte sich bislang nicht eindeutig als extrem rechte Gruppe. Nachdem die »NS Boys«, eine offen neonazistische Hooligan-Gruppe, 2006 mit einem bundesweiten Erscheinungsverbot durch den »Chemnitzer FC« (CFC) belegt worden war, fanden mehrere Mitglieder in »Kaotic« eine neue Heimat. Die Gruppe durfte allerdings nur vier Jahre offiziell ihr Banner im Stadion positionieren: Nachdem mehrere Stadionbesucher den schwarzen Dynamo-Dresden-Spieler Mickael Poté 2012 mit Affenlauten beleidigt hatten und Pyrotechnik gezündet worden war, belegte der CFC »Kaotic« und weitere Gruppen mit einem Erscheinungsverbot. »Kaotic« ist jedoch weiterhin aktiv und pflegt bundesweit und international Fanfreundschaften, beispielsweise zum »FC Energie Cottbus« und dessen extrem rechter Ultragruppe »Inferno Cottbus 99«. So fielen auch Chemnitzer Ultras, unter anderem Mitglieder der »NS Boys« und »Kaotic«, bei Ausschreitungen in Spielen zwischen Cottbus und Babelsberg im November und April 2017 auf. Des Weiteren wurden Ultras von »Dynamo Dresden« 2016 zur EM nach Lille sowie im September 2017 nach Prag begleitet, wo es jeweils zu Straftaten kam. In Prag waren es Sieg-Heil-Rufe.
Fußball-Szene und Neonazi-Strukturen
Die Chemnitzer Kameradschafts- sowie die gesamte Neonazi-Szene ist nicht ohne Fußball-Umfeld zu denken. Mitglieder jeder rechten Ultra-Generation – nach »HooNaRa« und den »NS Boys« ist »Kaotic Chemnitz« bereits die dritte Generation – waren auch immer außerhalb des Fußballs aktiv. Mehrere Mitglieder von »Kaotic« sind beispielsweise aus dem Umfeld der 2014 verbotenen Kameradschaft »Nationale Sozialisten Chemnitz« (NSC) bekannt. Seit dem Verbot steckt die organisierte Neonazi-Szene der Stadt in der Krise. Gerade für »aktionsorientierte« Neonazis wie Anton E. und Marcel A., beide bei »Kaotic«, gab es in den vergangenen Jahren keine politische Heimat. Eine Ausnahme bot das »Rechte Plenum«, eine lose Gruppe von Neonazis, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, das Chemnitzer Stadtviertel »Sonnenberg« zur »national befreiten Zone« zu erklären. Die »Kaotic«-Mitglieder Anton E. und Rick B. mischten hier mit. Doch auch diese Gruppe hielt nicht lange und war nach steigender Repression und einem Antifa-Outing 2016 schnell Geschichte. In dieser Zeit betrat eine weitere Person die Chemnitzer Bühne, die heute ebenfalls zu »Kaotic« gezählt wird: Christoph Drewer. Er ist stellvertretender Bundesvorsitzender von »Die Rechte« und gilt in seinem Wohnort Dortmund als einer der Hauptakteure des dortigen »Nazi-Kiez« im Stadtteil Dorstfeld.
Die Vernetzung von »Kaotic«-Mitgliedern fällt in weiteren Zusammenhängen auf: Rick B. war Teil der Hooligangruppe, die in Lille 2016 vor einer Reichskriegsflagge posierte, 2009 war er noch für die »Bürgerbewegung PRO Chemnitz« zur Chemnitzer Stadtratswahl angetreten. »PRO Chemnitz« war für den zweiten Aufmarsch in Chemnitz am 27. August 2018 mit bis zu 8.000 Teilnehmenden verantwortlich, aus dem es zu Gewalt gegenüber der Presse und GegendemonstrantInnen kam. Ein weiteres Mitglied von »Kaotic«, Chris J., befand sich am 14. August 2010 in einer Gruppe, aus der das alternative Wohnprojekt »Reitbahnstraße 84« in Chemnitz angegriffen wurde. Anton E. war unter den rund 450 BesucherInnen beim neonazistischen Kampfsportturnier »Tiwaz« im erzgebirgischen Grünhain im Juni 2016. Die weiteren Mitglieder, allesamt Männer, sind bisher nur wenig in Erscheinung getreten.
Vernetzung über Chemnitz hinaus
Dass eine derart kleine Fußballgruppierung innerhalb weniger Stunden bis zu 1.000 Menschen auf die Straße bringt, kann mit mehreren Ansätzen erklärt werden. Die bundesweite rechte Szene befindet sich seit PEGIDA in einer kontinuierlichen Phase der Vernetzung. In den vergangenen Jahren verschwammen die Grenzen zwischen ehemals als rechtskonservativ bekannten AkteurInnen und Neonazis immer weiter und trugen dazu bei, dass heute rechte Gruppen aller Couleur gemeinsam mobilisierbar sind. In Chemnitz ist die selbsternannte »Bürgerbewegung PRO Chemnitz« ein Scharnier diverser rechter Akteure, ob nun der extremen Rechten, dem alten Geflecht mit Kubitscheks »Institut für Staatspolitik« oder der Gruppierungen der rassistischen Mobilisierungen von Einsiedel, PEGIDA Chemnitz-Erzgebirge bis hin zu den »Heimattreuen Niederdorf«. All diese sollten sich in den späteren Demonstrationen wiederfinden.
Bei der Mobilisierung zu den ersten Demonstrationen am 26. und 27. August 2018 in Chemnitz spielen weitere Faktoren eine Rolle. Parallel zur rasanten Verbreitung des Aufrufes von »Kaotic« auf Facebook soll sich die Nachricht auch auf informellen Kanälen und Chats der bekannten Messenger-Dienste verbreitet haben. Ein unzählig oft geteilter Bericht einer regionalen Boulevardzeitung, ergänzt durch wiederholte und unwidersprochene Falschmeldungen und Gerüchte über die Tatumstände waren weiteres Öl im Feuer der rassistischen Empörung an dem Tod eines Deutschen. Mit Verweis auf das Chemnitzer Stadtfest im Vorjahr, das laut rechtem Narrativ bereits aufgrund angeblicher migrantischer Übergriffe abgebrochen werden musste, wurde die eigene Erzählung verstärkt. Diese zeichnete ein Szenario der Bedrohung durch Geflüchtete und Unfähigkeit der Bundesregierung, darauf zu reagieren. Die subjektive Bedrohung durch Migration, vor allem, wenn die »deutsche Frau« vor dem »übergriffigen Fremden« geschützt werden muss, erscheint für die rechten Akteure als Fanal, dem nur eine autoritäre Machtdemonstration durch die Bevölkerung selbst Einhalt gebieten könne. Der Todesfall von Daniel H. war der Auslöser, um die bestehende rassistische und chauvinistische Stimmung aufzunehmen und zu kanalisieren. Am ersten Tag der Demonstrationen folgten dem Aufruf noch überwiegend Personen des CFC-Fanspektrums, die sich, in klarer Ignoranz der Anwesenheit und Anweisungen der Polizei, die Stadt »zurückzuholen« gedachten.
Parallel breiteten sich die Ereignisse des Sonntags in den sozialen Medien aus, aufgeheizt durch Statements von PolitikerInnen wie dem Tweet des Bundestagsabgeordneten der »Alternative für Deutschland«, Markus Frohnmaier: »Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach!« Die hohe Emotionalisierung der Ereignisse sowie das Gefühl der Selbstermächtigung durch die erste Spontandemonstration, die die Polizei nicht unterbinden konnte, führten maßgeblich zur affektiven Beteiligung an der Demonstration am nächsten Tag. Diese erreichte mit ihren 8.000 Teilnehmenden das Maximum der Mobilisierungskraft. Viele der Angereisten dürfte die Fantasie gelockt haben, womöglich einem nahenden Umsturz beizuwohnen. Diese Verheißung mobilisierte Menschen bundesweit nach Chemnitz und zeigte sich in Habitus und Reden des Aufmarsches, der einer rechten Machtdemonstration gleich kam.
Gibt es ein Spezifikum Chemnitz?
Die offene Mobilisierung zu rechten Veranstaltungen durch die Chemnitzer Fußballszene ist ein neues Phänomen der jüngeren Vergangenheit, die durch die langjährige Verschränkung der Chemnitzer rechten Szene und Personen im Fußballmilieu möglich war. Die Zusammenarbeit von Neonazis und Fußballfans ist jedoch kein Novum, wie die HoGeSa-Ausschreitungen 2014 in Köln oder der Überfall auf den Leipziger Stadtteil Connewitz 2016 gezeigt haben.
Eine entscheidende Rolle spielt in Chemnitz auch die Stärke und Vernetzung verschiedener rechter Akteure. Auf diese gefestigten Strukturen seit den 1990er Jahren konnte schon der NSU beim Untertauchen in Chemnitz zurückgreifen. Die Zivilgesellschaft schafft es nur schwer, dem alltäglichem Rassismus und den wiederkehrenden Aufmärschen etwas entgegenzusetzen.
Weiterlesen!
Texte Chemnitz:
Der Beitrag Die Fußballszene erschien zuerst auf der rechte rand.
Quelle: https://www.der-rechte-rand.de/archive/3938/chemnitz-fussballszene/
History of Science Today. The paper argues for a theoretically demanding history of science along three lines. (1) History of science requires a permanent reflection on the concept of history. (2) It demands an epistemological reflection on the historically changing forms of knowledge. (3) An intimate knowledge of scientific practice is necessary, be it more theoretically or more practically oriented. These competences can be brought together in a multitude of ways, but they need to complement each other.
Quelle: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/bewi.201801920?af=R