Merkel III: From Committed Pragmatist to ‘Conviction Leader’?

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2018.1462340?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Die Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl: Analyse der Nominierungen von CDU und SPD in Baden-Württemberg zur Bundestagswahl 2009

Volume 27, Issue 3, September 2018, Page 442-443
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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/09644008.2018.1466854?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Workers and technological change in the United States

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2018.1467309?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

“Lwów Saved Us”: Roma Survival in Lemberg 1941–44

Volume 20, Issue 3, September 2018, Page 327-350
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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14623528.2018.1461181?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Industrial relations strategy and construction in the UK oil industry: the case of the national agreement

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0023656X.2018.1467297?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

»Tag der nationalen Arbeit«

#Rückblick

Jahr für Jahr rufen Neonazis am 1. Mai zu Aufmärschen auf. Doch die Mobilisierungsfähigkeit hat in den letzten Jahren abgenommen.

der rechte rand Magazin Ausgabe 171

1. Mai 2006:
Zum Wahlkampfauftakt der Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern marschierten 2.000 Neonazis unter der Führung der NPD durch Rostock.
© Mark Mühlhaus / attenzione

Erste Bemühungen der extremen Rechten, am 1. Mai mit eigenen Aufmärsche auf die Straße zu gehen, gab es 1978 und 1979. Den Aufrufen der NPD folgten damals jedoch nur einige Dutzend SympathisantInnen. Erfolgreicher verlief der Aufmarsch der Neonazis 1990. Rund 100 Personen nahmen in Leipzig an einer Veranstaltung der »Mitteldeutschen Nationaldemokraten« unter dem Motto »100 Jahre 1. Mai« teil.
Von 1992 bis 1994 rief die »Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei« (FAP) unter dem Motto »Deutsche Arbeitsplätze für deutsche Arbeitnehmer« zu Aufmärschen nach Berlin auf. Zwischen hundert und zweihundert Personen nahmen an diesen teil, die die FAP in die Tradition der nationalsozialistischen Aufmärsche zum »Tag der nationalen Arbeit« stellte. Nach dem Verbot der FAP 1995 übernahmen zunächst die »Jungen Nationaldemokraten« (JN) die Mobilisierung. Ihrem Aufruf »Gegen System und Kapital – unser Kampf ist national – Sozialabbau stoppen – Massenarbeitslosigkeit bekämpfen« folgten 1996 rund 300 Personen nach Berlin-Marzahn. Nach der Wahl von Udo Voigt zum NPD-Bundesvorsitzenden im März 1996 setzte eine Neuausrichtung der Partei ein. Mit ihrem »Kampf um die Straße« und einer stärkeren Akzentuierung der sozialen Frage erhielt der 1. Mai für die Neonazipartei einen höheren Stellenwert. Der Versuch der NPD 1997 15.000 Menschen am Leipziger Völkerschlachtdenkmal zu einem »bundesweiten Deutschlandtreffen am 1. Mai« zu versammeln, scheiterte aber an einem Verbot. Begleitet von massiven antifaschistischen Protesten feierte die Szene jedoch im folgenden Jahr ihren ersten großen Erfolg: Rund 4.000 Neonazis folgten 1998 dem gemeinsamen Aufruf von NPD und »Freien Kameradschaften« (FK) nach Leipzig.

Der 1. Mai etabliert sich
Zwar scheiterten die NPD und »Kameradschaften« auch 1999 mit dem Vorhaben einer bundesweiten Veranstaltung in Bremen an einem Verbot. Dennoch entwickelte sich der Tag in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten Aufmarsch-Termine der neonazistischen Szene. Zwischen den Jahren 2000 und 2003 nahmen rund 2.700 bis 3.000 Menschen an dezentralen Veranstaltungen teil. Aufgrund des Scheiterns von 1997 und 1999 sowie Differenzen zwischen NPD und »Kameradschaften« mobilisierte die extreme Rechte jedoch zumeist nicht an einen zentralen gemeinsamen Ort. Zwar kam es in diesen Jahren auch zu gemeinsamen Veranstaltungen mit Teilnehmendenzahlen von bis zu 1.300 Personen, doch der Kampf um die Vorherrschaft im »nationalen Lager«, persönliche Eitelkeiten und das Verhältnis zur Gewalt am Rande von Aufmärschen verhinderten vielfach eine Zusammenarbeit.
2003 traten im Rahmen der 1. Mai-Aufmärsche in Berlin erstmals »Autonome Nationalisten« (AN) mit einem »nationalen schwarzen Block« in Erscheinung. Mit ihrem militanten Auftreten, ihrer völkisch-antikapitalistischen Rhetorik und der Forderung nach einem »Nationalen Sozialismus« prägten sie in den kommenden Jahren zahlreiche Auftritte der Szene.
2004 begann die Hochphase der Mobilisierungserfolge zum 1. Mai. Nachdem NPD und »Kameradschaften« im Frühjahr 2004 schon erfolgreich zu Protesten gegen die Hartz-Gesetze mobilisiert hatten, beteiligten sich an dezentralen Veranstaltungen rund 3.500 Neonazis. Bis 2010 gelang es NPD und FK, jährlich bis zu 4.200 Teilnehmende (im Schnitt 3.600) auf die Straße zu bringen.
Nach dem Jahr 2011 konnten die FK und die neu entstandenen Kleinstparteien »Die Rechte« und »Der III. Weg« gegenüber der NPD an Einfluss gewinnen. Unter der damit verbundenen Zersplitterung der extremen Rechten litt auch die Mobilisierung zum »Tag der nationalen Arbeit«. Konnten in den Jahren 2011 und 2012 noch mehr als 2.000 Teilnehmende bundesweit mobilisiert werden, fiel die Zahl seit 2013 unter 2.000.

»Sozial geht nur national«
Die am häufigsten formulierte Forderung der Neonazi-Szene am »Tag der nationalen Arbeit« in den vergangenen 25 Jahren war die nach »Arbeitsplätzen zuerst für Deutsche«. Die Schuld am Abbau von Arbeitsplätzen wurde dabei stets MigrantInnen (»Fremdarbeiter«), dem internationalen Kapital oder der Globalisierung zugesprochen. »Kampf der Globalisierung heißt Kampf der deutschen (!) Arbeitslosigkeit«, stand beispielsweise im Aufruf zu einem Aufmarsch der »Kameradschaften« 2001 in Frankfurt/Main. Ein Blick in die Reden und Aufrufe zum 1. Mai verdeutlicht, dass Rassismus, völkischer Nationalismus und Antisemitismus ideologischer Kern der Globalisierungs- und Kapitalismuskritik der extrem Rechten sind. So hieß es im Aufruf der FK 2001 in Frankfurt/Main weiter: »Die herrschenden internationalen Finanzkartelle in den Metropolen der kapitalistischen Welt besitzen keinerlei Bindung zu Volk und Heimat. Profit ist ihr einziges Streben.« Demzufolge visiere »der Kapitalist, und mit ihm der Liberalismus« die »Atomisierung jeder nicht-materiellen Bindung an«. Das Ziel der »One World-Internationalisten« sei die »Zerstörung der Völker Europas und ihrer Kulturen«. Der NPD-Anwalt Horst Mahler bezeichnete 2002 in Göttingen die Bundesrepublik als »Vasallenstaat« der »amerikanischen Ostküste«. 2007 marschierten schließlich Mitglieder der NPD und »Kameradschaften« in Dortmund unter dem Motto: »Gemeinsam gegen Kapitalismus – Heraus zum 1. Mai«. Auf einem Transparent der AN war zu lesen: »Ob Dortmund, Erfurt oder Buxtehude – Der Feind ist & bleibt der Kapitalismus«. Es ist mehr als offensichtlich, dass hier statt »Kapitalismus« eigentlich ein anderes Wort gemeint war: »Jude«. Offener Antisemitismus äußerte sich auch wiederholt in Form von Hetze gegen den »Zentralrat der Juden in Deutschland«. Beispielsweise bezeichnete NPD-Chef Udo Voigt diesen bei einer Rede am 1. Mai 2008 in Nürnberg als »eine Ansammlung von Verbrechern« und rief: »Deutsche wacht auf. Schickt die Politiker dorthin, wo sie hingehören: in die Arbeitslager!«

Antikapitalistisch? Nationalsozialistisch!
Mottos, wie »Volksgemeinschaft statt Globalisierungswahn!« und die nur aus strafrechtlichen Gründen verklausulierte Forderung eines »Nationalen Sozialismus«, machen unmissverständlich deutlich, welche gesellschaftlichen Modelle die Neonazis favorisieren. Immer wieder bekannten sich Redner zu ihren historischen Vorbildern und deren vermeintlichen Errungenschaften. Der Klassiker: Die Behauptung, Adolf Hitler habe den 1. Mai als erster zum »arbeitsfreien Tag« erklärt. Ebenfalls klassisch werden Lobreden auf »sozialpolitische Maßnahmen« der Nationalsozialisten gehalten. So behauptete der Holocaust-Leugner Jürgen Rieger in einer Rede 2003 in Berlin, dass »es in den dreißiger Jahren gelang, in nicht einmal vier Jahren sechs Millionen Arbeitslose zu Lohn und Brot zu bringen«. Dass der »deutsche Arbeiter« unter der Führung der NPD ebenso »frei« wäre, wie unter dem 1935 eingeführten »Reichsarbeitsdienst«, behauptete der damalige NPD-Spitzenfunktionär Holger Apfel in seiner Rede im Jahr 2010 klar: »In einem nationalen Volksstaat«, so Apfel, werde es »für Deutsche« ein Recht, aber auch eine »Pflicht zur Arbeit geben!«. Apfel veranschaulichte, dass in der Ideologie der Volksgemeinschaft gesellschaftliche, ökonomische Interessengegensätze – und somit auch Arbeitskämpfe – keinen Platz haben dürften. Der »ewige Krieg« zwischen »Arbeitern« und Unternehmen müsse beendet werden. Die auf rechten 1.-Mai-Aufmärschen verbreitete Losung »Volksgemeinschaft statt Klassenkampf« zierte auch bei dieser Veranstaltung ein Transparent.
Insbesondere »Freie Kameradschaften« verwenden an diesem Tag das Logo der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF), die ab 1933 als Einheitsverband von ArbeitnehmerInnen und Arbeitgebern fungierte. Die ihrem Selbstverständnis nach antikapitalistischen »Autonomen Nationalisten« beziehen sich mit der Verwendung von »Hammer und Schwert« auf den »nationalrevolutionären« Flügel der NSDAP, die »Schwarze Front« um Otto Strasser. Seit einigen Jahren lässt sich ein Bezug auf die Arbeiter-Ästhetik des NS in Form eines muskulösen »deutschen Arbeiters« feststellen. Einig sind sich die unterschiedlichen Neonazi-Strömungen in einem: In ihrer konsequenten Ablehnung der Gewerkschaften, die sich regelmäßig in verbalen und tätlichen Angriffen auf Kundgebungen der DGB-Gewerkschaften an diesem Tag widerspiegelt. Diese Angriffe und die ihnen zugrunde liegende Ideologie machen deutlich, dass auch heute Neonazis mit der ursprünglichen Idee des 1. Mai und den Interessen der Arbei­terInnenbewegung ebenso wenig gemein haben wie ihre historischen Vorbilder.

Schwindende Anziehungskraft
Als bundesweiter Aktionstag hat der 1. Mai mit weniger als 2.000 Teilnehmenden in den vergangenen Jahren deutlich an Anziehungskraft für die Szene verloren – nicht zuletzt auch aufgrund der mangelnden Bereitschaft zur Zusammenarbeit von NPD, »III. Weg« und »Die Rechte«. Während die NPD mittlerweile Aufmärsche mit nur noch 400 Teilnehmenden schon als Erfolg feiert, erhielt die Konkurrenz zuletzt größeren Zuspruch. Mit 400 bis zu 700 Teilnehmenden blieben jedoch auch ihre Aufmärsche hinter den Zahlen vor 2011 zurück. Allerdings waren die Aufmärsche der Splitterparteien »Der III. Weg« und »Die Rechte« Anlaufpunkte militanter Neonazis, insbesondere aus dem Spektrum der AN. Gerade von diesen gingen in Saalfeld (2015), Plauen (2016) und Gera (2017) zahlreiche Angriffe gegen AntifaschistInnen, JournalistInnen und Beamte aus. Seit 2017 muss sich die extreme Rechte zudem mit einer neuen Konkurrenz auseinandersetzen: Rund 1.200 Menschen folgten am 1. Mai dem Aufruf der AfD Thüringen zu einer Kundgebung nach Erfurt. Das Motto »Sozial ohne rot zu werden!«

Der Beitrag »Tag der nationalen Arbeit« erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: http://www.der-rechte-rand.de/archive/3119/rueckblick-1mai/

Great catastrophe: Armenians and Turks in the shadow of genocide

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00905992.2018.1456734?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

The Croatian spring: nationalism, repression and foreign policy under Tito

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Quelle: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/00905992.2018.1456730?ai=z4&mi=3fqos0&af=R

Christliche Rechte: Ein Phänomen der extremen Rechten?

Christliche Religionsgemeinschaften und Kirchen haben sich in ihrer jüngeren Geschichte immer wieder gegen Demokratisierungsprozesse gestemmt und autokratische und faschistische Regimes aktiv unterstützt. Aktuell ist dies in Osteuropa zu beobachten. Doch können sie auch Trägerinnen extrem rechter Ideologien sein?

Magazin der rechte rand Ausgabe 170

Ein Gottesdienst auf der Wartburg eigens für die völkisch-nationale »Deutsche Burschenschaft«.
© Mark Mühlhaus / attenzione

Können extrem rechte Ideologien auch religiös begründet sein? Der Fall des Rechtsterroristen Anders Breivik zeigt beispielhaft, wie schwierig es sein kann, diese Frage zu beantworten. Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, sieht sich als Tempelritter auf christlichem Kreuzzug. In seinem ‹Manifest› »A European Declaration of Independence – 2083« rechtfertigt er seine Attentate als Kampf gegen »Multikulturalismus« sowie »cultural Marxism/political correctness«. Nach Breivik hat der »kulturelle Marxismus« zwei Bedrohungen für Europa hervorgebracht: den Feminismus und die vermeintliche Kolonialisierung durch den Islam. Im »dritten Buch« des ‹Manifests› ruft Breivik zum Präventionskrieg gegen diese Bedrohungen auf. Es ist ein Präventionskrieg, den er mit Verweis auf das Alte Testament durch ein Selbstverteidigungsrecht der Christen legitimiert sieht – und damit auch seine Taten.
Sind der Bombenanschlag in Oslo und die Hinrichtungen auf Utøya somit einem im Grundsatz säkularen beziehungsweise antiklerikalen oder einem christlichen Rechtsterrorismus zuzuordnen? Oder ist das »christliche Abendland« lediglich als Synonym für »Volk« und »Nation« zu verstehen, das zudem die Möglichkeit bereithält, ganz Europa als Schicksalsgemeinschaft zu definieren? Oder speist sich aus dem christlichen Glauben des Attentäters das ideologische Fundament seiner Weltanschauung und seines Terrorakts? Breiviks »Deklaration der europäischen Unabhängigkeit« lässt beide Interpretationen zu, wie die Rekonstruktion seines Werdegangs durch die norwegische Journalistin Åsne Seierstad zeigt. Interessant an der Biografie von 2014 ist, dass Breivik sich nach Seierstad als gläubig, nicht aber als religiös bezeichnet. »Gott« als transzendente Autorität oder der »Gottesstaat«, also die Theokratie als Gegenentwurf zu einer demokratischen Gesellschaft und einem demokratischen Staat, sind bei ihm kein Thema.

Anders verhält es sich bei der 1970 gegründeten »Priesterbruderschaft St. Pius X.« unter dem Dach der katholischen Kirche oder der regional einflussreichen evangelikalen charismatischen Freikirche »Gospel Forum Stuttgart« (vormals »Biblische Glaubensgemeinschaft«). Das Ziel beider Organisationen ist der Gottesstaat. In einem Gottesstaat, einer Theokratie, ist Gott der Souverän, der seine (männlich gedachten) Vertreter im Diesseits findet, die in ihrer Lebensführung vollkommener sind als andere. Ist dieses Ziel allein schon extrem rechts? Dieses Ziel und Denken sind in jedem Fall dezidiert antidemokratisch: Der Souverän findet sich nicht in der Gesellschaft, sondern in einer transzendenten Autorität. Damit wird die Demokratie ihres Wesens beraubt, und zwar der Chance, Konflikte um Interessen auszutragen und politische Herrschaft immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gott kann nicht kritisch hinterfragt werden und damit auch nicht die politische Herrschaft seiner Vertreter im Diesseits, im Innerweltlichen. Aber handelt es sich hierbei dann nicht »nur« um eine politische Religion oder um eine Politisierung von Religion und nicht zwingend um extrem rechte Bestrebungen?

Nur: Welche Religion – vor allem eine monotheistische und innerweltlich orientierte – ist nicht auch eine politische Religion? Religion und Politik sind in der Konsequenz nicht voneinander zu trennen. Die christlichen Kreuzzüge des 11. bis 13. Jahrhunderts zeugen zudem von der Gewalt und dem kriegerischen Potenzial einer monotheistischen Religion, wenn sie weniger religiöse denn (herrschafts-)politische, strategische und wirtschaftliche Ziele verfolgt.
Der Politikwissenschaftler Mathias Hildebrandt hält es in dieser Zuspitzung allerdings für falsch – auch angesichts der Zunahme religiös legitimierter Gewalt in der Gegenwart –, »das Konfliktpotenzial von Religionen zu betonen und deren Friedens- und Versöhnungspotenzial zu vernachlässigen. Die Problematik religiöser Überzeugungen und ihres Einflusses auf politisches Handeln zeichnet sich vielmehr durch die Komplexität der Ambivalenz des Sakralen aus, in deren Folge sich Religionen im Spannungsfeld zwischen Toleranz und Fanatismus und zwischen Gewalt und Versöhnung bewegen (…). Ganz zweifelsohne wohnt den Religionen (jedoch) ein nicht zu unterschätzendes Gewaltpotenzial inne, das ganz erhebliche destruktive Kräfte freisetzen kann«.

Die Ambivalenz von Sakralität zeigt sich darin, dass sie viele Menschen betreffen kann, und zwar jenseits von ethnischen und nationalen Zuschreibungen. Sie kann jedoch auch Ausschluss zulassen: Durch vergleichsweise leichte Manipulationen und Auslegungen von Heiligen Schriften wie der Bibel sowie durch die Anrufung einer transzendenten Autorität (Gott) lassen sich ingroups von Gläubigen in Abgrenzung zu outgroups von Ungläubigen konstruieren. Eine solche Ingroup-Outgroup-Konstruktion kann in eine Freund-Feind-Bestimmung münden und Gewalthandeln legitimieren. Sobald solche Sakralität und Transzendenz einen politischen Charakter mit Macht- und Herrschaftsansprüchen erhalten und unter Umständen auch gewaltlegitimierend wirken, spricht Hildebrandt von einer politischen Theologie, durch die ein »kosmischer Krieg« um ein (fernes) »Friedensreich« auf Erden beschworen werden kann, wie es etwa Anders Breivik in seinem ‹Manifest› tut. Die Tempelritter sind hier die Kämpfer, die kompromisslos – auch, was das eigene Schicksal angeht – für die Befreiung Europas vom »kulturellen Marxismus« kämpfen und die Herrschaft übernehmen werden. Dabei spielt es keine Rolle, dass es die von ihm beschriebene Organisation der Tempelritter gar nicht gibt, diese also augenscheinlich nur in seiner Vorstellungswelt existiert. 2083 soll dieses Friedensreich errichtet sein – 400 Jahre nach dem gescheiterten Versuch des Osmanischen Reichs, Wien einzunehmen.

Vor diesem Hintergrund können extrem rechte Ideologien folglich auch religiös begründet werden. Denn sowohl »säkulare« als auch religiöse rechte Weltanschauungen können als dem historischen Prozess der Aufklärung, der Demokratisierung, der gesellschaftspolitischen Liberalisierung und der Herausbildung von Individualismus sowie von universellen Menschenrechten immanente Gegenbewegung verstanden werden. Religiöse Weltanschauungen richten sich zudem gegen den Prozess der Säkularisierung und damit gegen den säkularen oder laizistischen Nationalstaat. In der extrem rechten Auslegung – auch mit ihrer gewaltlegitimierenden Ideologie – ist sie dezidiert antidemokratisch. Die säkulare Variante unterscheidet sich von der religiösen dadurch, dass sie eine autokratische Herrschaft durch eine natürliche Elite anstrebt, die wiederum der Souverän ist. Extrem rechte Vorstellungen über Macht und Herrschaft, zumindest bei monotheistischen Religionen, sehen demgegenüber den Souverän in Gott, der die absolute Wahrheit verkörpert und Vertreter im Diesseits, das heißt in der Innenwelt findet, die legitimiert sind, eine theokratische Herrschaftsordnung zu konstituieren. Diese Vorstellungen sind sowohl im evangelikalen als auch im katholischen Denken zu finden.

In der Ideologie der Ungleichheit und der Ungleichwertigkeit der Menschen gibt es jedoch Unterschiede. Während diese in der säkularen Rechten naturalistisch oder biologistisch begründet wird und sich zumeist auf eine vermeintlich homogene Nation oder Ethnie sowie ihre hierarchische Binnenstrukturierung richtet und als geschlechtliche wie soziale Platzanweiser fungiert, muss bei der religiösen Rechten von einer quasi-naturalistischen Ideologie gesprochen werden. Die Ungleichheit zwischen Menschen, also die Konstruktion von einer höherwertigen ingroup aus Gläubigen und einer minderwertigen outgroup von Ungläubigen resultiert aus der Ambivalenz des Sakralen. Diese Ideologie ist dadurch variabler. Sie kann transnational, national oder ethnozentristisch ausgerichtet sein, ermöglicht jedoch im Grundsatz auch den Beitritt zur ingroup unabhängig von nationaler oder ethnischer Zuschreibung. Die Ingroup-Outgroup-Konstruktion beinhaltet aber auch eine klare Freund-Feindbestimmung, die rechtem Denken immanent ist. Weiterhin können über politische Theologien »kosmische Kriege« initiiert werden, die eine kompromisslose Gewaltdynamik in Gang setzen, die in dieser Intensität in der säkularen Rechten nicht zu finden ist. Trotz dieser Unterschiede sind die Gemeinsamkeiten offensichtlich, so dass bei politischen Theologien von einer Variante der extremen Rechten gesprochen werden kann.

Was folgt daraus?
Es ist irritierend, dass zumeist nur dann von einer christlichen Rechten die Rede ist, wenn es etwa um evangelikale Gruppen und Bewegungen in den USA geht, aber selten, wenn christliche Religionsgemeinschaften in Europa und damit auch in Deutschland Thema sind. Hier wird in aller Regel von christlichem Fundamentalismus gesprochen, so dass das Politische an diesen Gemeinschaften verschwimmt.
In den USA ist der Ku-Klux-Klan die älteste (religiöse) Terrororganisation. Aber das dürfte auch für Deutschland gelten. Frederik Obermaier und Tanjev Schulz haben in ihrem Buch »Kapuzenmänner. Der Ku-Klux-Klan in Deutschland« (2017) die nunmehr schon gut 100jährige und wechselvolle Geschichte dieses Geheimbundes zu rekonstruieren versucht, was aufgrund der schlechten Quellenlage ein schwieriges Unterfangen ist. Diese Aufarbeitung zeigt, wie wenig über die religiöse Rechte, hier sogar über einen terroristischen Geheimbund, bekannt ist.
Aber nicht nur das extreme Beispiel zeigt, wie notwendig es ist, die radikale und extreme Rechte auch unter dem Gesichtspunkt religiös legitimierter Ideologien zu betrachten. Dabei geht es zum einen darum, nicht zu vergessen, dass politische Theologien – wie Samuel Salzborn betont – integraler Teil der vermeintlich säkularen Rechten sind beziehungsweise auch historisch immer gewesen sind, wie etwa bei der »Konservativen Revolution« und bei ihrer Nachfolgerin in der Bundesrepublik, der »Neuen Rechten«.

Und zum anderen sind die Verflechtungen von säkularer und christlicher Rechten bis hin zu VertreterInnen des Konservatismus etwa im Kontext der »Demo für Alle« und des »Marsches für das Leben« relevant, um deren Wirkungen abschätzen zu können. In diesen Verflechtungen gibt es einen ideologischen Kern oder Kristallisationspunkt, der alle AkteurInnen eint: der Antifeminismus, worüber Geschlechterkonstruktionen, Sexualität, Heteronormativität und letztendlich die Geschlechterverhältnisse thematisiert werden. Hier finden wir ein breites politisches Bündnis, das insbesondere durch die religiöse Aufladung weit in die Amtskirchen und etablierten Parteien hineinreicht und wo politische Abgrenzungen überhaupt nicht vorgenommen werden.

Ursula Birsl ist Professorin für Politikwissenschaften an der Universität Marburg.

Der Beitrag Christliche Rechte: Ein Phänomen der extremen Rechten? erschien zuerst auf der rechte rand.

Quelle: http://www.der-rechte-rand.de/archive/3117/christliche-rechte-phaenomen/

Historical Perspectives on Global Inequality A Review Essay

Quelle: https://www.ingentaconnect.com/content/fsv/vswg/2018/00000105/00000001/art00003