Gebietsbezogene Entscheidungen

Die Antworten der Gewährspersonen lassen bisweilen keine eindeutige Zuordnung zu einem Genus zu. Der oben abgebildete Beleg Ohabe aus Nurn im Landkreis Kronach beantwortet die Frage nach der Sense, mit der Getreide gemäht wird. Ohabe kann sowohl als Maskulinum Anhauer als auch als Femininum Anhaue interpretiert werden. Gibt es in den geographisch umliegenden Belegen zu einem Stichwort eine klare Tendenz zu einem Genus, werden Zweifelsfälle wie Ohabe im Sinne des Gebietes entschieden. Sollte dies nicht möglich sein, wird kein Genus angegeben und die – in der Regel maskuline Endung – in Klammern gesetzt.
Siehe Beispiel Anhaue(r) bzw. Anhauer (NKB 03:08 „die Sense, mit der Getreide geschnitten wird“) in der folgenden Tabelle und Karte:
| Stichwort | Grammatik | Original | Ort | GPKommentar |
| Anhaue(r) | S NomSg | Åhaue | Weißenstadt | e zum a hin |
| Anhaue(r) | S NomSg | Onhaue | Harsdorf | |
| Anhaue(r) | S NomSg | Ohhaue | Bärnreuth | mit Gitter, Stoff, Stäben |
| Anhaue(r) | S NomSg | Ohabe | Nurn | |
| Anhauer | Sm NomSg | Ohawä | Reichenbach | Anhauer |
| Anhauer | Sm NomSg | De Ōhaber | Haßlach bei Teuschnitz | ist Anhauer, weil mit ihm das Getreide abgemäht wird, aber so, daß es am noch stehenden lehnt und dann abgerafft wird! |
| Anhauer | Sm NomSg | Ōhābe | Pressig | ist Anhauer |
Karte: Getreidesense – Anhaue(r) – Wächler (Graphik: Milena Gropp/Sofie Schuh)
[...]
kreischen – kreißen – kreißten
kreischen – kreißen – kreißten
Eine Wortfamilie und ihre Geographie in Franken
von Alfred Klepsch
Die Wortfamilie kreißen besteht in der neuhochdeutschen Standardsprache aus zwei Verben, nämlich kreißen „Geburtswehen haben“ und kreischen „schrill schreien“. Kreischen ist von kreißen als sk-Bildung abgeleitet (Kluge-Seebold s.v. kreischen[1]). Kreißen kommt im Niederländischen als krijten „kreischen, schreien, weinen“ vor und ist im Nhd. kaum noch geläufig, sieht man von dem Kompositum Kreißsaal ab. Das DWB verzeichnet kreiszen (5, 2164), das nur noch im Niederdeutschen und Niederländischen „starkförmig“ vorkomme, kreischen (5, 2153), das seit der mhd. Sprachstufe schwach flektiert werde und kreisten „stöhnen“ (5, 2161) Kreisten komme in neuerer Zeit nur noch in westmitteldeutschen Mundarten vor, bis in die frühneuhochdeutsche Zeit jedoch als schwaches Verb insbesondere in mundartnahen Texten aus Franken (Hugo v. Trimberg, Hans Sachs) nachzuweisen ist.
[...]