Frühe Medienbildung

 

Medienkindheit: Zwischen Verfallspanorama und Entwicklungsperspektive von Helen Knauf In den letzten Monaten habe ich mit Studierenden darüber diskutiert, welche „Zutaten“ es für eine gute Kindheit braucht. Immer wieder genannt wurde die Geborgenheit der Familie, die Verlässlichkeit von Bezugspersonen, die Freundschaft mit Gleichaltrigen, oft auch das Sich-Verlieren im Spiel und die Freiheit in der Natur. Daneben gibt es die Vorstellung, dass Kinder vor den verschiedenen Gefahren des Lebens und Aufwachsens geschützt werden müssen: Schutz vor Gewalt, Missbrauch, Diskriminierung, Vernachlässigung. Und immer wieder wird auch der [...]

 

 

Quelle: http://medienbildung.hypotheses.org/2442

Weiterlesen

Online-Petition: Für die Aufhebung des Planungsstopps für den Neubau des Historischen Archivs der Stadt Köln

Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 war die größte Katastrophe des deutschen Archivwesens nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine große Welle der Hilfsbereitschaft bewies die Solidarität mit diesem einzigartigen Kulturgut, und auch die Stadt Köln schien zunächst die Lehren aus dem kaum fassbaren Ereignis gezogen zu haben.  Nun aber sieht es so aus, dass der Kölner Stadtrat vergessen hat, was nach dem Einsturz Konsens war: Dass Köln rasch ein Stadtarchiv auf dem neuesten Stand braucht, das nicht nur den vielfältigen Anforderungen eines normalen Großstadtarchivs genügt, sondern auch den besonderen Bedingungen nach dem Unglück Rechnung trägt.

Wir bitten Sie daher, unbedingt die folgende Petition, die von dem Siegener Kreisarchivar Thomas Wolf initiiert wurde, der die oben verlinkte erste Meldung des Einsturzes in Archivalia verfasste, zu unterzeichnen!

Zur Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-die-aufhebung-des-planungsstopps-fuer-den-neubau-des-historischen-archivs-der-stadt-koeln

“Wir appellieren nun an die Mitglieder des Stadtrates, die Bedeutung der Wiederherstellung des Stadtarchivs als Bürgerarchiv dauerhaft anzuerkennen und den verhängten Planungsstopp zurückzunehmen.

Das viel beschworene Kölner „Stadtgedächtnis“, ein europaweit bedeutendes Kulturgut, wird noch lange unter dem Einsturz zu leiden haben; die Restaurierung der Objekte wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Noch ist ungesichert, wie diese Arbeiten finanziert werden können. In dieser Situation wäre ein Rückzug des Stadtrates verheerend.

Den Neubau des Stadtarchivs – einschließlich der städtischen Kunst- und Museumsbibliothek und des Rheinischen Bildarchivs – zügig fertig zustellen ist das absolute Minimum.”

Offener Brief des Fachbeirats an den Oberbürgermeister: http://archiv.twoday.net/stories/342799312/

Presseerklärung der Freunde des Historischen Archivs der Stadt Köln e.V.: http://www.freunde-des-historischen-archivs.de/aktuell/archiv-neubau-einsparung-nur-am-standort-eifelwall-und-ohne-zeitverzoegerung-moeglich/001235/

Stellungnahme der Kölner historischen Vereine und Gesellschaften: http://archiv.twoday.net/stories/342799608/

Quelle: http://kulturgut.hypotheses.org/152

Weiterlesen

Der konstruierte Gegensatz #dhiha5

Das pars pro toto des deutschen Bildungsideals ist das Buch. Das gedruckte Buch mit seinem Geruch nach Papier und Druckerschwärze, wenn man es neu aus der Plastikfolie pult. Das liebevolle ehrwürdige Streichen über die farbechte Hochglanzabbildung und auch das ins Regalstellen wird zelebriert. Das Regal im Wohnzimmer wird vom intellektuellen Abendgast demonstrativ besichtigt und die außergewöhnlich gute Sortierung gelobt.

In einer nicht lange zurückliegenden Tagung wurde in einem Vortrag empfohlen, doch lieber ein Buch in die Hand zu nehmen als zu bloggen. „Ein gutes Buch lesen“ ist noch immer der Inbegriff eines gelungenen, stilvollen Abends, am besten noch mit einem Glas Wein.

Ich selbst  wuchs im Ostdeutschland der 90er Jahre auf. Als ich 1989 in die Schule kam, war ich noch sehr stolz auf meine Schulbücher, bereits ein Jahr später wurden im Unterricht Kapitel übersprungen und Lieder aus dem Musikbuch nicht mehr gesungen. Zwei Jahre später wurde in den Schulen so richtig aufgeräumt und Schuttmulden voller Bücher standen auf dem Schulhof. Ich war acht Jahre alt und entsetzt.

Man braucht nicht zwingend solche eindrücklichen Erinnerungen, um zu begreifen, dass es Bücher gibt und Bücher. Den kritischen Umgang mit Literatur lernt man in der Schule oder spätestens im Proseminar. Aber die Mär vom „guten Buch“ ist fest verankert in unseren Köpfen und das hat seine kulturellen Gründe. Die gedruckte Schriftlichkeit war nun einmal lange Zeit der einzige Informationsträger.  Die Wertung, dass gedruckte Bücher mehr wert seien als digitale, hält keiner Debatte stand. Was nichts daran ändert, dass es so gesehen wird. Diese Tatsache wird mit der Zeit anders gesehen werden, zwangsläufig.

Andersherum wird, meines Erachtens, die Digitalisierung das gedruckte Buch nicht ablösen. In der Archäologie und in der Kunstgeschichte sind großformatige Beilagen, von z.B. Plänen oder hochqualitative Abbildungen von z.B. Gemälden etc. obligatorisch. An Bildschirmen kann man diese Dinge nicht (vielleicht noch nicht) anständig abbilden. Aber nicht nur deswegen werden gedruckte Bücher nicht aussterben.

Es ist der konstruierte Gegensatz zwischen gedruckten und digitalen Medien, der mich stört. Es gibt keinen Gegensatz. Das Buch ist ein Informationsträger, genau wie Zeitschriften, CDs, DVDs, Schallplatten, epubs, pdfs und am Ende auch Blogs.

Alle diese Dinge sollten nach ihren Inhalten bewertet werden und nicht nach ihrem Geruch nach Papier und Druckerschwärze, wenn man es aus der Plastikfolie pult.

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/482

Weiterlesen

Wie man sich auf eine wissenschaftsnahe Stelle (nicht) bewirbt

Notizblock

Shawncampbell | CC BY 2.0

Vor kurzem war ich an dem Auswahlprozess für mehrere Stellen in einer kleinen Organisation beteiligt. Es ging um Stellen im Wissenschaftsmanagement in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Beim Durcharbeiten der vielen hundert eingegangenen Bewerbungen fiel mir einiges auf, das vielleicht für andere nützlich sein könnte. Ich habe, allerdings nicht ganz ernsthaft, den Stil eines Bewerbungsratgebers gewählt, gerade weil – wie deutlich werden wird – die allermeisten Bewerbungsratgeber im Fall von wissenschaftlichen und wissenschaftsnahen Stellen nichts zu taugen scheinen. Natürlich gilt: Alle Meinungen und Empfehlungen sind subjektiv und können nicht ohne weiteres verallgemeinert werden. Vielleicht helfen sie aber, die eigenen Bewerbungsunterlagen noch einmal kritisch durchzuschauen.

 

1) Lassen Sie sich Zeit! Und: Holen Sie sich Rat!

Nichts ist überflüssiger als eine schlampige Bewerbung, die innerhalb weniger Tage nach Erscheinen der Stellenanzeige bei der ausschreibenden Organisation (fortan: Arbeitgeberin) ankommt. Nutzen Sie die Länge der Bewerbungsfrist aus – mein Tipp wäre: etwa eine Woche vor Bewerbungsschluss, und sicher nicht am letzten Tag, an dem die Nerven der mit Bewerbungen überschwemmten Arbeitgeberin blank liegen. Geben Sie die Bewerbung Freunden zu lesen. Vielleicht investieren sie ein bisschen in ein professionelles Coaching. Allerdings muss es jemand sein, der sich mit wissenschaftlichen Stellen auskennt. Wichtig ist ein kritisches Gegenüber, das die inhaltlichen, stilistischen und formalen Schwächen der Bewerbung ohne falsche Rücksicht zur Sprache bringt, und Ihnen keine Sprechblasen  in den Text diktiert.

 

2) Im Anschreiben: Bewerbungslyrik entsorgen

„Sie suchen einen kommunikationsstarken, kompetenten und engagierten Mitarbeiter, der mit X, Y  und Z ihr Team bereichert? Dann sollten Sie mich kennenlernen!“. Solche Standardformulierungen aus dem Bewerbungsratgeber beeindrucken vielleicht den Recruiter einer Werbeagentur. In einem Anschreiben, mit dem Sie sich auf eine wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Stelle bewerben, haben sie nichts zu suchen. Schreiben Sie sachlich, präzise, und immer nur das, was relevant (siehe 4) und nachprüfbar (siehe 5) ist. Abgedroschene Vokabeln aus dem Bewerbungsratgeber vermeiden, wie etwa „dynamisch“, „aufstrebend“, „zukunftsweisend“, „innovativ“, „exzellent“, „Leadership/Soft Skills“, „fundiert“, „kompetent“ oder „robust“. Und bitte nichts „unheimlich spannend“ finden! „Mein Name ist …“ wirkt komisch, Sie bewerben sich ja nicht telefonisch. Bitte alle Selbstverständlichkeiten und Plattitüden weglassen: „Erfahrungen im gemeinschaftlichen Arbeiten in themenspezifischen Arbeitsgruppen“ oder „Fundierte theoretische und methodische Kenntnisse verschiedener Fachgebiete“ werden vorausgesetzt und beeindrucken niemanden. Gehaltsvorstellungen sind bei wissenschaftlichen und wissenschaftsnahen Stellen, die im öffentlichen Dienst bzw. analog hierzu ausgeschrieben werden, fehl am Platz.

 

3) Warum Sie nur genau eine Chance haben

Viele Bewerber/innen scheinen sich nicht im Klaren darüber zu sein, dass ihre Bewerbung im Extremfall eine von Hunderten ist. Die Arbeitgeberin liest die Bewerbungen daraufhin, so viele wie möglich schnell und begründbar aussortieren zu können. Ein Problem und Ihre Bewerbung liegt auf dem Ablehnungsstapel. Das heißt einerseits, dass Sie alles, was sie mitteilen wollen, im Anschreiben mitteilen müssen. Die Arbeitgeberin durchforscht weder den Lebenslauf noch die übrigens Materialien nach dort verborgenen Schätzen.  Sie wird keine Informationen nachfordern und auch keine Dokumente im Internet herunterladen. Wenn was fehlt: durchgefallen. Andererseits: Das Anschreiben wirklich kurz halten. Die wichtigsten Informationen passen auf eine Seite. Das geht, wenn man sich nur auf das bezieht, was gefragt ist (siehe 4) und die Arbeitgeberinnen-Perspektive einnimmt (siehe 6). Es wirkt außerdem nicht seriös, wenn Sie sich auf zwei Stellen gleichzeitig bewerben, die ein sehr unterschiedliches Profil haben.

 

4) Es ist egal, was sie können, wenn es nicht nachgefragt ist

Was mich besonders erstaunt hat, war, wie wenig die Bewerber/innen auf die Job Description, d.h. das Anforderungs- und Aufgabenprofil der Stellen eingegangen sind. Was Sie in Ihrer Magister- oder Doktorarbeit an erstaunlichen Erkenntnissen gewonnen haben, und mit welchen verantwortungsvollen Aufgaben Sie im Laufe Ihrer Karriere bereits betraut worden sind, ist nur dann von Interesse, wenn diese Dinge etwas mit der Stelle zu tun haben, auf die Sie sich bewerben. Konzentrieren Sie sich auf die Stellenbeschreibung und die erwarteten Qualifikationen, und zeigen Sie mit konkreten Beispielen, auf welche Weise Sie hier der oder die Richtige sind. Hier ist durchaus auch Platz, offen zuzugeben, dass Sie die eine oder andere Anforderung noch nicht erfüllen. Verweisen Sie  dann auf ähnliche Herausforderungen, die Sie bereits gemeistert haben. Schließlich: Auch Hobbies sind nur von Belang, wenn sie einen Zusammenhang mit der Stelle haben.

 

5) Behaupten kann man viel

Wenig überzeugend ist es, sich in höchsten Tönen, aber höchst unkonkret anzupreisen. Es reicht nicht aus, sich Teamfähigkeit, Organisationserfahrung, Interdisziplinarität (hierzu Nr. 8) oder interkulturelle Kompetenz mit dem pauschalen Hinweis auf die Arbeitsstationen zuzuschreiben, auf denen diese Qualifikationen erworben wurden. Ob Sie ein „kluger Kopf“ sind, erweist sich aus dem, was Sie (überprüfbar) gemacht oder geschrieben haben, und gerade nicht dadurch, dass Sie es betonen. Ganz schlecht: Den Text der Ausschreibung wiederholen, und dann behaupten, dass Sie das alles können. Auf „umfassende Expertise“ „überragend“, „exzellent“, „großes Talent“ verzichten, ebenso auf „Begeisterung“, „Hingabe“, „hohe Pflichterfüllung“, „perfekte Besetzung“. Jede Übertreibung rächt sich, sobald sich die Arbeitgeberin den Lebenslauf vornimmt und feststellt, dass die „profunden Kenntnisse“ in einem Praktikum gewonnen wurden. Bescheidenheit ist nach wie vor eine Tugend.

 

6) Versetzen Sie sich in die Arbeitgeberin

Diejenigen, die  Bewerbungen lesen, möchten sehen, dass sich die Bewerber/innen nicht nur mit den erwarteten Aufgaben und Fähigkeiten beschäftigt haben, sondern sich auch die wissenschaftlichen Aufgaben und Ziele der Arbeitgeberin angesehen haben. Dabei wird man selbst mit einem aufmerksamen Studium der Webseite diese Aufgaben und Ziele nicht hundertprozentig verstehen. Es fehlt die Kenntnis der Organisation von innen. Deswegen Vorsicht mit Aussagen über die Organisation. Auf jeden Fall nicht deren Selbstdarstellung von der Webseite abschreiben, sondern in eigenen Worten (vorsichtig) formulieren, Informationen gibt es im Internet genug. Die Arbeitgeberin ist auch nicht darauf angewiesen, ob Sie die Tätigkeit der Organisation „begeistert“ oder Sie sich  „gänzlich damit identifizieren“ können. Sie muss Sie interessant finden, nicht umgekehrt.

 

7) Auf Formalia und Gesamteindruck achten

Die Arbeitgeberin geht davon aus, dass Sie lesen können. Wenn in der Ausschreibung steht, dass die Bewerbung als „eine PDF-Datei“ eingereicht werden soll, dann „eine PDF-Datei“ einreichen. Zwei oder drei Dateien gehen vielleicht noch, aber nicht fünf (oder vierzehn!). Und auch keine Word-Datei oder ein JPEG (abfotografierte Zeugnisse oder Arbeitsproben? Geht gar nicht!). In so einem Fall bringt es auch ganz sicher keine Extrapunkte, die Bewerbung in Papierform vorbeizubringen. Unregelmäßige Einrückungen im Lebenslauf sind keine Nebensache – sie deuten darauf hin, wie Sie später Dokumente gestalten werden. Bei elektronischen Bewerbungen das Motivationsscheiben nicht in die E-Mail kopieren, das kann nur schief gehen, wenn es die Formatierung zerhaut. Ein kurzes E-Mail-Anschreiben mit Hinweis auf die Anlagen genügt. Die Bewerbung sollte einfach, klar und gut aufgebaut aussehen. Hintergrundbild, farbige Verzierungen, aufwendige grafische Gestaltung können grandios daneben gehen, wenn Sie kein entsprechendes Talent besitzen. Ein Bild kann man beifügen, kann es aber auch lassen – fragen Sie ihr kritisches Gegenüber, und verzichten Sie im Zweifelsfall darauf! Ganzseitige Porträts sind jedenfalls unangebracht. Den Lebenslauf im „amerikanischen“ Stil – die neuesten/letzten Erfahrungen als erstes. Kindergarten, Grundschule und Gymnasium interessieren grundsätzlich nicht, es reicht, mitzuteilen, wann und wie das Abitur zustande kam.

 

8) Achtung mit dem I-Wort

Besonders beliebt war das Wort „interdisziplinär“ – natürlich auch, weil es in der Ausschreibung genannt wurde. Aber: wenn Sie Politikwissenschaft und Theaterwissenschaften studiert haben, macht Sie das interdisziplinär?  Sie haben disziplinübergreifend studiert und dabei verschiedene Fächer kennengelernt. Interdisziplinär haben Sie aber nur dann wirklich gearbeitet, wenn Sie in konkreten Forschungsarbeiten die unterschiedlichen, oft unvereinbaren Erkenntnisinteressen mehrerer Disziplinen in mühevoller Arbeit zusammengebracht haben. Das müssen Sie zeigen. Interdisziplinarität ist anstrengend und konfliktreich und nicht etwas, was Sie beim Besuch etwa eines kulturwissenschaftlichen Seminars einfach so mitnehmen.

Ein Beitrag von Christian Boulanger

 

 

Quelle: http://gab.hypotheses.org/695

Weiterlesen

Legenden vom “alten Meister” – die Anfänge des Daoismus

Das Wirken des als historische Person nicht fassbaren “alten Meisters” – im Chinesischen Laozi (bzw. Lao Zi) 老子, im Westen meist Lao Tse oder “Lao-tse” geschrieben – ist ähnlich legendenumwoben wie die Anfänge und die Überlieferung der ihm zugeschriebenen Lehre, des philosophischen Daoismus (daojia 道家).

Über die hinter der Bezeichnung “alter Meister” möglicherweise stehende Person schrieb Wolfgang Bauer in seiner Geschichte der chinesischen Philosophie:

“Hinter diesem unverbindlichen Namen [...] kann sich natürlich jede beliebige Persönlichkeit verstecken. Durch das Epitheton ‘alter’ wurde aber von vornherein der Anspruch erhoben, daß er der eigentliche Urvater des Daoismus sein sollte. Wer immer dieser Laozi gewesen ist (falls bei ihm überhaupt ein historischer Kern existiert) – ein solcher Urvater und der Verfasser des Daoismus kann er nicht gewesen sein.”1

Erst in späterer Zeit wurde dem Laozi die Autorschaft des Daodejing 道德經 (“Buch vom Weg und von der Wirkkraft”) zugeschrieben.  Der Überlieferung zufolge habe ihn seine Mutter “zweiundsiebzig Jahre lang unter dem Herzen [getragen] und ihn dann aus der linken Achselhöhle geboren”2  Nach dem von Sima Qian 司馬遷 (145-86 v. Chr.) verfassten Shiji 史記 (“Aufzeichnungen des Hofschreibers”) soll Laozi ein älterer Zeitgenosse des Konfuzius gewesen sein. Sein Familienname soll Li 李 gewesen, sein Vorname Dan 聃. Zur möglichen Identität der historisch nicht fassbaren Figur gibt es mehrere Theorien3.

Die Ikonographie zeigt Laozi häufig auf einem Wasserbüffel (beziehungsweise einem Ochsen) reitend und spielt damit auf sein “Verschwinden” an. Der Überlieferung nach soll er als Archivar am Hof der Zhou 周 tätig gewesen sein. Angesichts der weitverbreiteten Korruption und der schwindenden Macht der Zhou soll er den Untergang des Reiches vorhergesehen haben und aus Enttäuschung darüber nach Westen geritten sein. Am  Hangu-Paß 函谷關 (in der heutigen Provinz Henan) habe er für den dortigen Grenzwächter seine Lehren niedergeschrieben.4. Dieses bekannte Motiv regte Bertolt Brecht zu seiner “Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration” an.5

  1. Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie. Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus. Herausgegeben von Hans van Ess (München 2001) 89.
  2. Wolfram Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole. Die Bildsprache der alten Chinesen (München: 5. Aufl., 1996) 173 f (“Lao-tse”), Zitat ebd., 174.
  3. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Art. “Laozi. 1. The Laozi Story”, Alan Chan, (http://plato.stanford.edu/entries/laozi/#LaoSto)
  4. Patricia Welch: Chinese Art. A Guide to Motifs and Visual Imagery (Singapore 2008) 170 (“Old, bewhiskered male in simple robes riding an ox”). – Vgl. auch Eberhard: Symbole, 174.
  5. Vgl. Heinrich Detering: Bertolt Brecht und Laotse (Göttingen 2008), 11-13. Zu Brechts Text und zu dessen vom britischen Brecht-Experten John Willett (1917-2002) stammender englischer Übertragung vgl. auch http://www.tao-te-king.org/brecht.htm

Quelle: http://wenhua.hypotheses.org/380

Weiterlesen

Gekrümmte Räume, Cluster und Wolken: Wie das Social Web neue, originelle Formen der Geschichtsschreibung verhindert

Die US-amerikanische Kulturhistorikerin Lynn Hunt hat vor wenigen Jahren einen kleinen, äußerst lesenswerten Essay über das Schreiben von Geschichte verfasst. In How Writing Leads to Thinking (And not the other way around argumentiert sie: „Writing is not the transcription of thoughts already consciously present in my mind. Writing is a magical and mysterious process that makes it possible to think differently.” Ich denke oft an diesen Essay, wenn mir mal wieder auffällt, dass die Argumente, das Narrativ oder die Struktur eines Gedankens, die so schlüssig in meinem Kopf existieren und selbst in gesprochener Form noch einigermaßen Sinn ergeben, sich ganz und gar nicht zu einem konzisen Text fügen lassen möchten. Hier erfahre ich schmerzhaft, dass Schreiben ein eigenständiger und äußerst widerspenstiger Prozess ist – eine eigene Form des Denkens, die sich vom Sprechen oder auch vom Lesen unterscheidet.

Lynn Hunts Anmerkungen lassen sich meines Erachtens auf die Digital Humanities übertragen. Fast alle Historiker sind mittlerweile professionelle Nutzer digitaler Technologien wie des Internets. Täglich benutzen sie das Internet; es ist ein zentraler Bestandteil ihres Arbeitsprozesses geworden. Sie können es jedoch – in den meisten Fällen zumindest – nicht schreiben. Hier fehlt Wissen über einen entscheidenden Bestandteil dieser zentralen Technik. Dies anzuerkennen bietet möglicherweise einen Ansatz, die Probleme der Geschichtswissenschaft mit den Digital Humanities zu begreifen.

Diese Überlegung möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: Auf einem Workshop der Bryn Mawr University wurde Mitte März 2013 die Webpage Traces of Mind Control  gelauncht, deren Ursprünge in das Sommersemester 2011 zurückreichen. In diesem Semester hatte der Lehrstuhl für Nordamerikanische Geschichte der Universität Erfurt Sharon Ullman von Bryn Mawr als Gastprofessorin im Rahmen eines von der DFG geförderten Mercator-Projektes eingeladen. Ein Bestandteil des Projekts war die Erarbeitung einer Internetseite, die sich mit Spuren der Gedankenkontrolle, Disziplinierung oder Gehirnwäsche im Amerika des Kalten Kriegs beschäftigen sollte. Als einer von drei Doktoranden war ich als Research Assistant an dem Projekt beteiligt. Die Ausgestaltung des Projekts war offen. Zunächst war der Plan, eine digitale Datenbank zu erstellen, in der die Traces gesammelt werden sollten. Diese Idee wurde jedoch bald zugunsten eines digitalen Museums aufgegeben. Hier wollten wir die Bandbreite der digitalen Möglichkeiten nutzen, um etwas nie Dagewesenes zu erschaffen. Wir wollten gekrümmte, drei- oder waren es doch vierdimensionale Räume schaffen, in denen alles mit allem verbunden ist. Wolken und Cluster sollten die Komplexität der historischen Prozesse erfassen, wozu kein traditioneller Text in der Lage ist. Wir hatten nur eine Kleinigkeit vergessen: Wir wussten zwar, wie man das Internet liest, aber nicht, wie man das Internet „schreibt“. To make a long story short: Die Fertigstellung hat sich erheblich verzögert. Letztendlich wurde die technische Umsetzung nicht in Erfurt vollzogen, sondern auf der anderen Seite des Großen Teichs. Die Umsetzung blieb jedoch hinter unseren diffusen Erwartungen und Vorstellungen zurück – was völlig logisch ist und abzusehen war. Der abschließende Workshop im März 2013 in Bryn Mawr drehte sich dann auch nicht so sehr um den Inhalt unseres Projekts, sondern um dessen Form. (Wer sich für den Inhalt interessiert, ist noch einmal herzlich eingeladen, die Webpage zu besuchen – es ist dann doch noch ganz gut geworden.) Unter dem Titel Exploring the Challenges of International Digital Humanities Initiatives  wurden verschiedene Projekte im Feld der Digital Humanities vorgestellt. Wenig überraschend wurde deutlich, dass bloggen und twittern in den USA einen höheren Verbreitungsgrad haben als beispielsweise in Deutschland. (Wer sich überzeugen möchte, dass twittern in dieser Hinsicht vielleicht am wenigsten einhält, was es verspricht, dem empfehle ich das Storify des Workshops.) Hinzu kommt möglicherweise ein größeres Problembewusstsein für die Macht der Verlage, die mittels fragwürdiger Peer-Review-Verfahren die Wissenschaft gängeln können und so althergebrachte Machtstrukturen und Hierarchien perpetuieren. Das Internet und gerade das Bloggen ermöglichen es, erst etwas zu veröffentlichen und dann interessierten Lesern die Möglichkeit des Peer Reviews zu geben, was intuitiv mehr Sinn ergibt als die gängige Praxis, die genau andersherum verfährt.

Dies ist die aktuelle Frontier der Digital Humanities, die wissenschaftspolitisch große Auswirkungen hat. Allerdings geht es hier nicht so sehr um das Schreiben von Geschichte, sondern um die digitale Verbreitung wissenschaftlicher Texte, die zumeist in Textform vorliegen und die sich strukturell von herkömmlichen Texten zumeist (nur) durch Hyperlinks, die Kommentarfunktion und stellenweise eingebettete Videos unterscheiden. Das Emplotment und somit das Narrativ verharrt jedoch im Hayden White’schen Sinne auf dem Stand der Antike. Die Pointe ist hier: Möglicherweise hat das Social Web an dieser Stelle zu einer Rückwärtsbewegung geführt. Diese Idee kam mir während der Keynote des Workshops, die von Michael O´Malley, einem technikaffinen Historiker der George Mason University, gehalten wurde. O´Malley stellte zwei seiner Webprojekte vor. Ein aktuelles und eines, das bereits im Jahr 1996 begonnen hatte und 2004 abgeschlossen wurde. Das aktuelle Projekt ist Global Perspectives on Digital Humanities. Ein Versuch, historische Arbeiten demokratischer und offener, ohne Verlage und vorgelagerte, fadenscheinige Peer-Review-Verfahren zu organisieren. Ein wissenschaftspolitisch zweifelsfrei unterstützenswertes Unterfangen. Aus der Perspektive der Geschichtsschreibung jedoch noch interessanter ist das ältere Project The Lost Museum. Dies war ein früher Versuch, das Internet als eigenständige Form des Denkens ernst zu nehmen. Es ist eine Mischung aus Adventure Game und digitaler Ausstellung, die mittlerweile etwas angestaubt wirkt, aber nach wie vor ein faszinierendes Beispiel ist, wie Geschichte mit den Mitteln des Internet geschrieben werden kann. The Lost Museum hat zahlreiche Preise gewonnen und wurde vom National Endowment for the Humanities gefördert. Mittlerweile – dies ist zumindest mein Eindruck und ich würde mich über Hinweise auf andere Beispiele freuen – sind solche Projekte die Ausnahme.

Bloggen und Twittern ermöglichen neue Wege der Wissenszirkulation, sie verändern das Publikum, ermöglichen gleichermaßen etablierten Wissenschaftlern, dem Nachwuchs und auch Außenseitern sowohl komplexe Ideen als auch Schnellschüsse zu veröffentlichen und der Peer Review auszusetzen. Hinter diesen Möglichkeiten zurück bleibt jedoch der kreative Aspekt – das Geschichte-Schreiben mit dem Internet tritt in den Hintergrund. Die Arbeiten liegen zumeist in „klassischer“ Textform vor. Wenn es jedoch einen Schritt weiter gehen soll, wenn die Inhalte sich verändern sollen, dann muss das Internet-Schreiben als eigener magischer und mysteriöser (um Hunt wieder ins Spiel zu bringen) Prozess verstanden werden. Ein bisschen wünsche ich mir, dass sich die Frontier der Digital Humanities wieder etwas von den Social Medias entfernt und stärker den kreativen Darstellungsformen widmet, auf die man sich mangels sozialer Austauschmöglichkeiten im Prae-Web-2.0 konzentrierte. Wo bleiben die gekrümmten Räume, die Wolken und Cluster, die neue Formen der Narrativität schaffen?

Quelle: http://fyg.hypotheses.org/56

Weiterlesen

Vortrag: Mittler zwischen Deutschen und Franzosen. Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1773-1861)

Anlässlich der internationalen Fachtagung “Deutsche und Franzosen im Zeitalter Napoleons” vom 11.4.-13.4. 2013 in Saarbrücken gaben Martin O. Braun und Florian Schönfuß einen Einblick in das laufende Forschungsprojekt “Gewinner und Verlierer – Der rheinische Adel in der Sattelzeit 1750-1850″. Ihr Vortrag widmete sich der Person des Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dyck in seinem Wirken als Funktionär des napoleonischen Staates sowie als Bindeglied in den Gesellschaftsnetzwerken des Empire. Schwerpunkte lagen auf seinem Engagement als französischer Maire der Gemeinden Bedburdyck und Hemmerden (nahe seiner Privatresidenz Schloss Dyck) 1811-1814 sowie seiner Betätigung innerhalb der zeitgenössischen Freimaurerei. Darüber hinaus gaben die Referenten einen Ausblick auf die entstehende multiperspektivische Netzbiographie zu seiner Person, wobei die besonderen Charakteristika und Vorzüge dieses neuartigen Publikationsformats gesonderte Erläuterung fanden.

Quelle: http://rhad.hypotheses.org/35

Weiterlesen

Wichtiger als Wallenstein?

Jan Peters hat vor 20 Jahren erstmals das Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg publiziert und wissenschaftlich erschlossen. Eine Sensation, denn Selbstzeugnisse sind in dieser Zeit noch recht selten, erst recht von einfachen Leuten und bislang gar nicht von einem einfachen Söldner aus dem Dreißigjährigen Krieg. Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit, die diese Edition hervorgerufen hat, und sie hat bis heute kaum nachgelassen. Nun ist kürzlich diese Ausgabe in einer zweiten Auflage erschienen; ich habe dazu in den sehepunkten Stellung genommen, will daher an der Stelle nicht weiter auf diese Neuauflage eingehen.

Zu fragen ist aber nach dem Stellenwert, der diesem Tagebuch im Rahmen der Forschungen zum Dreißigjährigen Krieg weiterhin zukommen wird. Ohne Zweifel ist die Faszination dieses Berichts aus unterständischer Perspektive derart groß, daß das Söldnertagebuch längst zum Kronzeugen für das Kriegsgeschehen dieser Zeit geworden ist. Nur wie belastbar sind Aussagen, die auf der Grundlage dieses einen Zeugnisses beruhen? In der Tendenz sehe ich schon die Gefahr, daß diese eine Quelle geradezu über Gebühr benutzt und verabsolutiert wird. Um es polemisch zu formulieren: Peter Hagendorf, der als Verfasser dieses Tagebuchs nun identifiziert ist, scheint in seinen Äußerungen zu den Phänomenen des Dreißigjährigen Kriegs mitunter wichtiger als Wallenstein eingeschätzt zu werden.

Nein, ich will hier wirklich nicht gegen das Söldnertagebuch anschreiben. Ich habe ja selbst schon Aufsätze verfaßt, die sich stark auf diese Quelle bezogen; der Vorwurf trifft also auch mich selbst. Aber meiner Befürchtung über einen letztlich unangemessenen Umgang mit diesem Selbstzeugnis möchte ich schon Ausdruck geben. Vielleicht auch, weil, so meine allgemeine Wahrnehmung, die Zeugnisse obrigkeitlicher Provenienz, wie sie in klassischen Editionen seit dem 19. Jahrhundert vorgelegt werden, immer weniger Aufmerksamkeit und auch Wertschätzung erfahren. Natürlich kann die Masse dieser Materialien fast schon entmutigen, sicher auch in der Sprödigkeit des hier gepflegten Kanzleistils. Ein Ausweichen in die durchaus ungelenke Sprache eines einfachen Mannes hat hier ihren ganz eigenen Reiz und ist entsprechend verführerisch. Hagendorfs Tagebuch aber ganz gegen die Korrespondenzen Wallensteins oder anderer einzutauschen, ist sicher kein guter Weg.

Vielleicht aber kann die neue Edition hier sogar Abhilfe schaffen, und zwar einfach durch den Umstand, daß der Verfasser nun tatsächlich namentlich benannt ist. Eigentlich ist die Identifizierung des Schreibers keine großartige Sache, insofern die Befunde, die man aus dem Tagebuch weiterhin ziehen wird, davon unberührt bleiben. Anders wird aber vielleicht nun die Wahrnehmung des Tagebuchs selbst. Die Anonymität (oder besser die Ungewißheit über die Identität) des Verfassers hat, so scheint mir, den Eindruck verstärkt, dass hier eine Quelle von allgemeiner Gültigkeit vorlag – es war ein Tagebuch, das gleichsam für alle Söldner dieses Kriegs Zeugnis ablegen konnte. Nicht daß Jan Peters dies jemals so intendiert hätte. Aber habent sua fata libelli, und die Rezeption dieses Textes, aus dem allein in vielen Aufsätzen die Lebenswelt der Söldner abgeleitet wurde, rückte eine solche Auffassung schon in diese Nähe. Mit der nun vorgenommenen eindeutigen Zuschreibung zu Peter Hagendorf wird – so bleibt zu hoffen – dieser Trend durchbrochen. Der Name, auch wenn nichts weiter aus ihm zu schließen ist, mag als Caveat dienen, die Befunde dieser Autobiographie zu verallgemeinern. Peter Hagendorf hat ein einzigartiges Zeugnis hinterlassen. Aber es ist eben nur ein Tagebuch, das nur ein Leben repräsentiert.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/138

Weiterlesen

Die Daten der Biologie sind eindeutig: Beim Menschen gibt es viele Geschlechter – Von Heinz-Jürgen Voß

Geschlecht scheint immer populär zu sein. Zeitschriften und Bücher widmen sich in Scharen einem Thema, das jeden Menschen zu betreffen scheint. Indes betrifft es einige Menschen mehr als andere: So sind beispielsweise Frauen (im Vergleich zu Männern) nur in einem … Weiterlesen →

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/4557

Weiterlesen

Humanitärer Pop

 

Humanitäre Fragen wurden häufig von der Popmusik sehr ernst genommen. Ironie ist angesichts der Schwere des Themas normalerweise nicht im Fokus. Betrachtet man die Videos “Radi-Aid – Africa for Norway” oder “Aid Aid – Pimp my aid worker”, so wird schnell deutlich, das man nicht umhin kommt, sich genau damit zu befassen. Ende 2011 organisierten sich südafrikanische Studenten in Norwegen, um die Verwendung von Stereotypen in internationalen Spendenaktionen für die Entwicklungsländer in Frage zu stellen. Das Projekt “Radi-Aid – Africa for Norway” wurde ins Leben gerufen. Mit finanziellen Mitteln der norwegischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (Norad) und des norwegischen Rats für Kinder und Jugendliche (LNU) koordinierte der Norwegian Students’ and Academics’ International Assistance Fund (SAIH) die Aufnahme eines Musikvideos und die Erstellung einer Webseite (www.africafornorway.no).

 

Kurz gefasst kritisieren die Mitwirkenden den ausschließlichen Fokus auf Hunger, Armut, Kriminalität und AIDS, wenn es um mediale Spendenaktionen für Afrika geht. Ihrer Auffassung nach können solche Kampagnen die Menschen zwar kurzfristig zum Engagement motivieren. Langfristig habe die ständige Verwendung dieser Stereotypen jedoch den gegenteiligen Effekt: Die Menschen geben auf, weil ihnen die Hilfe nutzlos scheint. Deshalb plädieren die Organisatoren dieser Kampagne für die mediale Verbreitung positiver Entwicklungen in Afrika, mehr Kenntnis und mehr Respekt. Feinsinnig wird gezeigt, dass diese Kampagne sich für Entwicklungshilfe positioniert.

Das Interessante in diesem Projekt ist die ironische, aber gut gelaunte Kritik an den Stereotypen solcher Spendenaktionen. Das Musikvideo dreht den Spieß kurzerhand um: Es stellt das Leben der Norweger negativ dar und fordert die Afrikaner auf, sich für die Nordeuropäer zu engagieren. Für sie ist die Kälte in Norwegen so schrecklich wie Hunger — Kälte kann auch tödlich sein! Die Norweger seien deswegen auch kalt und hätten wenig Lebensfreude. Darum werden die Afrikaner gebeten, ihre Heizlüfter “with a tropical breeze” nach Norwegen zuschicken um so Licht und Lächeln zu teilen. Um diese Botschaft zu übermitteln, greifen die Organisatoren der “Radi-Aid”-Kampagne auch auf Stereotypen zurück, aber solche von der Pop-Konstellation.

Am Musikvideo beteiligen sich elf Sänger, die abwechselnd die Strophen und den Refrain zusammen singen. Die Sänger erscheinen hinter dem Mikrophon im Tonstudio, wo die Aufnahme des Songs stattfindet. So wird den Zuschauern der Produktionsprozess des Videos hinter den Kulissen gezeigt. Sofort werden Videos wie “Band-Aid – Do they know it’s Christmas?” und “USA for Africa – We are the world” ins Gedächtnis der Zuschauer gerufen. Zufall? Nein! Diese Videos dienten als Inspiration, wie in der Webseite des Projekts “Radi-Aid” erklärt wird.

Andere Projekte greifen auf diese ironische Form zurück, um ihre Kritik an humanitärer Hilfe zu äußern. Auch vom Norad und anderen unterstützt wurde das “Aid Aid – Pimp my aid-worker” Musikvideo. Hier erscheinen 23 Sänger aus Zambia mit Kopfhörern hinter dem Mikrophon in einem Studio. Ironischer und direkter als “Radi-Aid” plädieren die Organisatoren dieser Kampagne für eine neue Philosophie der Gleichheit:

“A world where real compassion includes a sense of real equality, where seriousness of purpose includes a sense of humor, where generosity includes moral clarity, where the black aid back and white’s not uptight, where we take each other seriously and smile at each other’s prejudices – as we move together as one”

(www.pimpnyaid.org/index.php/vision.html).

 

Warum wählten diese Projekte ein Musikvideo solcher Art aus, um ihre Kritik zu äußern? Warum ist das so ironisch?

Historisch betrachtet war das Projekt “Band-Aid – Do they know it’s Christmas?” bahnbrechend in der Verbindung von Popmusik und humanitärer Hilfe. Im November 1984 koordinierten die Musiker Bob Geldof (Boomtown Rats) und Midge Ure (Ultravox) die Aufnahme des Songs mit 36 britischen Popstars dieser Zeit. Jeder sang einige Strophen des Songs, einige Verse wurden von Mehreren gesungen. Der Refrain versammelte alle Sänger in einem Chor. Ein im Tonstudio aufgedrehtes “Making-Of”-Video wurde in ein Musikvideo des Songs umgewandelt, um Werbung für die Kampagne zu machen. Markant in diesem Video ist die ungewöhnliche Darstellung der Popstars als ganz normale Menschen: Sie haben keine Schminke, tragen einfache Kleidung und sind mit Kopfhörern im Tonstudio. Es wird gezeigt, wie sie im Studio eintreffen, einander begrüßen und sich hinter den Kulissen verhalten. Bekannt wurde auch ihr ehrenamtlicher, gemeinsamer Beitrag für den Kampf gegen Hunger in Äthiopien. Auf diese Weise versuchten sie, ihre Fans auf Augenhöhe anzusprechen und gemeinsam in einem Projekt zu engagieren. Schnell erreichte die Single die Spitze der Charts in Großbritannien.

 

International projizierte die nordamerikanische Version des Projekts – USA for Africa – durch den von Michael Jackson und Lionel Ritchie komponierten Song “We are the World” diese Form vom popmusikalischen Engagement für humanitäre Ursachen. Im Jahr 1985 erschienen mehr als 20 weitere Videos weltweit, in denen die originelle Form angepasst wurde, unter anderem “Band für Afrika – Nackt im Wind” (Deutschland), “Northern Lights – Tears are not enough” (Kanada), “Hawaii Stars – Way of Love Benefit” (Hawaii), “Stars – Hear N’ Aid” (Heavy-Metal-Musiker – USA), “Yu Rock Misija – Za Milion Godina” (Jugoslawen), “Forente Artiste – Sammen for livet” (Norwegen), “Rockzenészek az éhezó afrikáért – Mondo, mit ér egy falat kinyír?” (Ungarn), “Apua! Orkesteri – Soittaa Maksamme Velkaa” (Finnland), “Chanteurs sans frontières – Ethiopie” (Frankreich), “Australia too – The Garden” (Australien), “The Cause – Do something now” (USA), “Voces Unidas – Cantare, cantarás” (Lateinamerika), “Musicaitalia per l’Etiopia” (Italien), “Opus and Austria for Africa – Warum?” (Österreich), “2-Tone Allstars – Starvation” (England), “Tam tam pour l’Ethiopie” (Kamerun), “Krugerrand-Aid – Operation Hunger” (Südafrika), “Leven zonder honger” (Belgien) und “Samen” (Niederlande).

Der Absicht dieser Musiker, und vor allem Bob Geldofs, wurde schnell verdächtig in den Augen der Kritiker: Wollten sie tatsächlich helfen oder strebten sie nach weltweitem Ruhm und dadurch nach höherem Gewinn? Um diesen Verdacht auszuräumen, ließen sich z.B. Bono Vox (U2) und Bruce Springsteen auf äußerst politische Projekte wie “Sun City” ein. Diese neuen Musikvideos rekurrierten immer wieder auf dieses Format von kollektivem Engagement der Musiker. Als Folge wurde es zur weltweiten Form popmusikalischen Engagements par exzellence.

Vor diesem Hintergrund wird erst verständlich, warum die Projekte “Radi-Aid” und “Aid Aid” so ironisch wirken. Die Spannung zwischen der Form und dem Inhalt der Botschaft im Musikvideo bricht mit den Erwartungen der gewöhnlichen internationalen Hilfskampagnen. Auf diese Weise wird die politische Rolle der Popkultur in Frage gestellt: Kann der Pop als Plattform für eine neue Politik der Repräsentation auf internationaler Ebene dienen? Historische Analysen in dieser Hinsicht können uns helfen, Antworten zu finden. Dabei rückt der Popgeschichte ins Zentrum der Debatte.

 

 

Quelle: http://pophistory.hypotheses.org/627

Weiterlesen