Kategorie: EU-Kanada-Gipfel Oktober 2026

Allianz für die Zukunft: Kanada und die EU

Der Gipfel vom 29. und 30. Oktober 2026

Zwischen Namensgeplänkel und globaler Strategie

In Montréal, Kanada/Québec, fand vom 29. bis 30. Oktober 2026 der 21. EU-Kanada-Gipfel statt. Infolge der bemerkenswerten Reden des kanadischen Premiers Mark Carney am 20. Januar 2026 vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos sowie vor dem EU-Parlament am 17. September 2026 wurde der Gipfel mit besonderer Spannung erwartet. In Summe folgt er den strategischen Linien, die Carney in Davos als Antwort auf die skrupellose Machtpolitik der USA, der Russischen Föderation und anderer Länder skizziert hatte.

Im Vorfeld gab es Geplänkel darüber, wie die intensivierte Partnerschaft von EU und Kanada zu benamen sei. Ein Beitritt zur EU wird derzeit von keiner der beiden Seiten als Ziel benannt. EU-Kommissionspräsidentin hatte von einem „assoziierten Mitglied“ gesprochen, aber ein solcher Status ist in den EU-Verträgen nicht vorgesehen. Es gab Widerspruch und verschiedene Benennungsvorschläge, wobei alle Beteiligten immer versicherten, es komme nicht auf den Namen an, sondern die Inhalte. Nun ist unter der Hauptüberschrift „Allianz für die Zukunft“ die Rede von einer „immer engeren Assoziierung“, was wie eine Parallelformel zur „immer engeren Union“ („der Völker Europas“) klingt, die in der Präambel des Vertrags über die Europäische Union als Ziel formuliert ist.

Zusammengerechnet beläuft sich die Bevölkerung der EU und Kanadas auf 490 Millionen. 19% des weltweiten Handels mit Gütern und Dienstleistungen sowie ein Fünftel des globalen Bruttoinlandsprodukts (ca.23,3 Billionen $) entfallen auf diesen Raum. Die USA mit 342 Millionen Einwohnern kommen auf 30,8 Billionen US $ an BIP, die Russische Föderation bei 144 Millionen Einwohnern auf 2,6 Billionen BIP (Zahlen gemäß Weltbank). Das Handelsvolumen zwischen Kanada und der EU beläuft sich auf rund 130 Milliarden Euro (bezogen auf 2025). Das Freihandelsabkommen CETA ist seit 2017 provisorisch in Kraft, seitdem hat sich der Handel um 80% erhöht. (Zahlen: EU-Info)

Kanada und die EU erreichen keinesfalls das geopolitische Gewicht, das sie eigentlich haben könnten. Insofern ist eine verbundene strategische Vorgehensweise in einer politischen Umgebung, die immer mehr an die Skrupellosigkeit der Großmächte im 19. Jh. und in der ersten Hälfte des 20. Jh.s anzuknüpfen scheint, eine Notwendigkeit.

Die Gemeinsame Gipfelerklärung

Die „Gemeinsame Erklärung“ des Gipfels nennt die bestehenden und auszubauenden sowie neuen Kooperationsbereiche und Ziele. Zuvor wird jedoch die gemeinsame Wertegrundlage in Absatz 2 hervorgehoben:

„The strong partnership between Canada and the EU is deeply rooted in trust, shaped by a shared history of human connection and robust economic ties, and grounded in the core values we share: democracy, human rights, the rule of law, the rules-based international order and open, rules-based markets. We are strategically important partners, close friends as well as neighbours.“

Diese gemeinsame Wertegrundlage ist seit einiger Zeit gefährdet und wird von namentlich nicht genannten Ländern zerstört. Der engere Zusammenschluss Kanadas und der EU reagiert laut Absatz 3 darauf:

„However, the world is changing rapidly. Geopolitical tensions, economic fragmentation, climate change, technological transformation and growing competition for energy, resources and strategic technologies are reshaping the international environment. In this context, Canada and the EU are building a deeper, more integrated and strategically aligned relationship.“

Die „Gemeinsame Erklärung“ lässt sich wie folgt zusammenfassen[1]:

„Der politische Grundton des Dokuments lautet: Demokratien mit ähnlichen Werten sollen angesichts globaler Unsicherheiten enger zusammenrücken. Das Statement baut auf den Erfahrungen mit CETA auf und zielt auf eine stärkere wirtschaftliche Integration ab. Die EU und Kanada wollen regulatorische Hürden weiter abbauen, Lieferketten widerstandsfähiger machen, Investitionen erleichtern, wirtschaftliche Sicherheit gemeinsam organisiere sowie enger bei Normen und Standards zusammenarbeiten.

Ein Schwerpunkt liegt auf strategischen Ressourcen. Die Partner wollen enger kooperieren bei seltenen Erden, kritischen Mineralien, Batterierohstoffen, Energieversorgung und Technologien für die Energiewende.

Angestrebt wird eine engere Zusammenarbeit bezüglich künstlicher Intelligenz, Forschung, digitalen Infrastrukturen, Telekommunikation und allgemein neuen Schlüsseltechnologien.

Die EU und Kanada bekennen sich zur NATO, zur Unterstützung der regelbasierten internationalen Ordnung, zur Zusammenarbeit bei Krisenprävention und Resilienz, zur Stärkung der demokratischen Institutionen. Gegen hybride Bedrohungen und geopolitische Risiken soll gemeinsam Vorsorge getroffen werden.

Die Ukraine wird weiterhin gemeinsam unterstützt. Das bezieht sich auch auf den Wiederaufbau, auf institutionelle Reformen, man sei darauf eingestellt, den Druck auf Russland zu erhöhen.

Die Gipfelteilnehmer bekennen sich außerdem zu den Vereinten Nationen, zum Völkerrecht und zum Internationalen Strafgerichtshof.

Mit Blick auf eine Beendigung des Nahostkonflikts fordert die Erklärung Deeskalation, humanitäre Unterstützung und konkrete Arbeit an einer Zwei-Staaten-Lösung.“

Faktisch werden alle geopolitischen Handlungsfelder in den Blick genommen, also auch die Arktis, die Karibik, Afrika und Asien – und der Westbalkan sowie Moldawien. Eine wichtige Rolle spielt die Antwort auf den Klimawandel. Die individuelle Mobilität zwischen Kanada und der EU soll gefördert werden.

Bis zum 22. Gipfel im Jahr 2027 soll ein genaueres Konzept für die „Zukunftsallianz“ auf dem Tisch liegen. Dabei kann auf zahlreiche bereits eingeschlagene Pflöcke aufgebaut werden, die in der Gemeinsamen Erklärung ausführlich rekapituliert werden.

„Allianz für die Zukunft“ – Eine Alternative zur Vollmitgliedschaft?

Alternativen zur Vollmitgliedschaft in der EU werden seit Jahrzehnten gesucht, z. B. in Bezug auf die Türkei, die im Verhältnis zur EU vieles zugleich ist, teils Partner, teils Gegner. Der Erweiterungsprozess mit dem Westbalkan hat das Tempo einer Schnecke, aus vielerlei Gründen. Die Ukraine ist zwar Beitrittskandidat, aber es poppen regelmäßig Vorschläge auf, eine anstelle einer Vollmitgliedschaft eine alternative Form der Gemeinsamkeit zu suchen.

Meistens werden die Alternativvorschläge von den Ländern, denen sie gelten, als Herabstufung oder Herabwürdigung interpretiert. Deshalb wurde großer Wert darauf gelegt, dass die 2022 auf Initiative von Emmanuel Macron entstandene Europäische Politische Gemeinschaft, die z. B. 2026 in Eriwan/Armenien zusammentrat, nicht als „Ersatz“ für Vollmitgliedschaften gedacht sei, sondern um eine bessere politische Abstimmung zwischen der EU und ausgewählten anderen Ländern, darunter Kanada, zu erreichen. Inzwischen ist klar, dass es tatsächlich nicht um eine Ersatzstrategie geht, sondern um ein zusätzliches Instrument.

Die EU und Kanada beschreiten nun im gegenseitigen Einverständnis einen alternativen Weg, der eine immer engere Zusammenarbeit ermöglichen soll und an dessen Ende die besagte „Allianz für die Zukunft“ stehen soll.

Diese Allianz ist längst über den Status der Absichtserklärung hinausgewachsen, wie die lange Liste faktischer Kooperationen und vertraglichen Vereinbarungen zwischen der EU und Kanada beweist, die sich in der Gemeinsamen Erklärung findet. Trotzdem ist der Erfolg noch nicht gesichert, denn es finden 2027 in mehreren Mitgliedsländern der EU nationale Wahlen statt, unter denen besonders jene in Frankreich, Italien und Polen starke Auswirkungen im Sinne der EU-feindlichen Nationalpopulisten auf die EU haben könnten. In Kanada wird regulär erst wieder im Oktober 2029 gewählt werden.


[1] Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und am Originaldokument gegengecheckt. Der von der KI vorgeschlagene Text wurde von mir bearbeitet.

Die Abbildung ist entnommen von der Seite des Europäischen Rats:

https://www.consilium.europa.eu/media/j4hbc4u5/eu-canada-trade-card.png

Inhaltlich verwandte Blogbeiträge:

Kanada als 28. Mitglied der EU? Die Rede Mark Carneys auf dem Weltwirtschaftsforum Davos (11.2.2026)

Kanada als „assoziiertes Mitglied“ der EU? Die Rede Mark Carneys vor dem EU-Parlament am 17. September 2026 (21.9.2026)

Quelle: https://wolfgangschmale.eu/2026/10/31/allianz-fuer-die-zukunft-kanada-und-die-eu/

Weiterlesen