Ein Bild sagt mehr als …: Der Fall von Fort Zeelandia

In den Wirren des Übergangs von der Míng– zur Qīng 清-Dynastie etablierte Zhèng Chénggōng 鄭成功 (1624-1662), der in europäischen Quellen meist Coxinga (Guóxìngyé 國姓爺) genannt wird, im Südwesten Chinas eine Art Staat im Staat. Zhèng Chénggōng 鄭成功 landete 1661 auf Táiwān 臺灣 und begann die Belagerung von Fort Zeelandia, dem wichtigsten Stützpunkt der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) auf der Insel. Am 1. Februar 1662 kapitulierte Frederick Coyett, (1615/1620-1687), nachdem ihm und der Besatzung  des Forts freies Geleit zugesichert worden war.
Die Ereignisse in Ostasien waren in Europa Thema von Flugblättern, ausführlichen Darstellungen und Theaterstücken.

Verovering van Fort Zeelandia op Formosa door de Chinezen en de marteling en moord op de gereformeerde predikanten, 1661, anoniem, Marx Anton Hannas, 1663
Verovering van Fort Zeelandia op Formosa door de Chinezen en de marteling en moord op de gereformeerde predikanten, 1661 (Augsburg: Hannas 1663) Quelle: Rijksmuseum | Objectnummer RP-P-OB-75.331

Am Anfang stand  das Flugblatt Kort en Bondigh Verhael, van ‘t gene op het schoone Eylandt Formosa misgaders op het by-gelegen Eylandt Tyawan en ‘t Fort Zeelandia, op den 5 Juli 1661. is voorgevallen, mitsgaders de Overgevinge van ‘t gemelde Fort aan de Chinesen (1662/1663)[1], von dem zeitnah in Augsburg eine deutsche Version erschien unter dem Titel Kurtzer und warhafftiger Bericht dess Jenigen / was auff dem schönen Eyland Formosa, wie auch dem darbey ligenden Eylandt Tyawan, und der Vöstung Seelandia am 5. Julij 1662.

[...]

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/2114

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Ein Bild sagt mehr … (XVI): “Gelbe Jacken” (1894)

Eine Karikatur ‘funktioniert’, wenn sie spontan dekodiert werden kann, wenn also der Betrachter die Elemente der satirischen Darstellung mit Fakten- und Kontextwissen zu einem bestimmten Ereignis im Moment des Betrachtens verbindet. Die zeitliche Distanz lässt manche Karikatur kryptisch, mitunter unverständlich erscheinen. Manchmal sind einzelne Elemente nicht zu identifizieren, manchmal bleibt der Kontext (‘das Gemeinte’) unklar, manchmal sind alle Elemente klar, doch der Zusammenhang bleibt offen.  Ein Beispiel, das die Herausforderungen von Karikatur als Quelle deutlich macht,  ist das Blatt “Gelbe Jacken”, die Titelseite des Beiblatts zum Kladderadatsch vom 19. August 1894.

Kladderadatsch 1894

Kladderadatsch Nr. 33 (19.8.1894) | UB Heidelberg

Die beiden Panels zeigen in einem asiatisch angehauchten Ankleidezimmer[1] jeweils vier Figuren. Die größeren Figuren sind durch Porträtköpfe und Tags in der Kleidung identifiziert: Georg Leo Graf von Caprivi de Caprera de Montecuccoli (1831-1899), Reichkanzler 1890-1894[2] (jeweils rechts im Bild) und Johannes Franz Miquel (1828-1901), Finanzminister 1890-1901[3] (jeweils links im Bild). Beide sind in ‘asiatische’ Gewänder gehüllt, Caprivi hängt ein langer Zopf nach vorn über die kahle hohe Stirn, Miquel hängt der Zopf über den Rücken.
Auf dem oberen Bild knöpft Miquel die kurze helle Jacke zu, wobei ihm ein (sehr kleinwüchsiger) asiatischer Diener mit einer Kerze leuchtet. Während Caprivi sich im Spiegel mustert, beschmiert sein Diener mit einem großen Pinsel an einem Bambusstiel Miquels Rücken mit dunkler Farbe.
Auf dem unteren Bild sitzt Miquel am Boden und liest. Captrivi steht vor dem Spiegel und knöpft die Jacke zu, während der Diener Miquels den Rücken Caprivis mit Farbe aus aus demselben Topf mit demselben Pinsel beschmiert.

Der konkrete Anlass/Bezugspunkt dieser Karikatur von Ludwig Stutz (1865-1917) aus der deutschen Innenpolititk soll hier nicht weiter diskuteirt werden.

Spannender ist die Frage nach den im Titel erwähnten “gelben Jacken” …[4]

Im September 1894 findet sich in der Deutschen Rundschau ein Beitrag von M. von Brandt[5] zum Chinesisch-Japanischen Krieg. Der Beitrag Die koreanische Frage” (S. 459-463) skizziert die Lage in Ostasien und kommt zum Schluss auf Li Hongzhang 李鴻章 (1823-1901) zu sprechen. Der Autor will dabei explizit das Bild, das in westlichen Zeitungen gezeichnet wurde, zurechtrücken.

In den Berichten, die über die koreanische Frage einlaufen, wird oft, und stets an erster Stelle, Li Hung Chang erwähnt, und zwar meistens in einer Weise, die weder der Stellung und dem Charakter dieses hervorragendsten aller chinesischen Staatsmänner, noch den Schwierigkeiten, gegen welche er zu kämpfen hat, gerecht wird. (S. 462)

Max von Brandt skizziert kurz die Laufbahn Li Hongzhangs und meint dann:

Wenn der Kaiser Li die gelbe Reitjacke, die höchste militärische Auszeichnung genommen hat, so ist das bis auf Weiteres nur ein Zeichen der kaiserlichen Unzufriedenheit, wie solche unter allen Umständen einen unglücklichen Führer oder Beamten trifft. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, daß Li, wie dies sehr häufig geschieht, in dem Bericht über die ersten Vorfülle selbst seine Bestrafung beantragt habe; ein Erfolg würde genügen, ihm die verlorene Auszeichnung wieder zu verschaffen. (S. 463)

Gerüchte, Li hätte seine Asuzeichnungen verloren, hatte es seit der Niederlage bei Asan im Juli 1894 gegeben. Ein Dekret vom 17. September 1894[6] machte die Sache offiziell: Li verlor sowohl die huangmagua 黃馬褂 („Gelbe Reitjacke“)[7], die er 1863 für seine Verdienste im Kampf gegen die Taiping 太平erhalten hatte, als auch die sanyan hualing 三眼花翎 (“dreiäugige Pfauenfeder”)[8], die Li  erst wenige Monate zuvor verliehen worden war.[9]

Die ‘gelbe Jacke’ des Li Hongzhang beschäftigte 1894/95 weltweit die Tages- und Wochenzeitungen ebenso wie satirisch-humoristische Blätter, ob aber jede Leserin und jeder Leser des Kladderadatsch den Gedankensprung des Karikaturisten von Ostasien nach Berlin spontan mitmachte, muss offen bleiben …

  1. Der Bildaufbau erinnert an Motive japanischer Farbholzschnitte wie z.B.  Behind the Screen (c. 1673–81) von Hishikawa Moronobu 菱川 師宣 – der Wandschirm im Farbholzschnitt ist in der Karikatur ein Spiegel, das Fenster im Farbholzschnitt ist in der Karikatur ein Gemälde einer asiatischen Landschaft.
  2. Zur Biographie: Heinrich Otto Meisner: „Caprivi, Georg Leo Graf von“, in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), 134 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11851900X.html.
  3. Kurzbiographie: Rita Aldenhoff: „Miquel, Johannes von“, in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), 553 f. [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11873413X.html.
  4. Dass die Jacken, die Caprivi und Miquel über langne Kleidern tragen, gelb sind, ist nur dem Text zu entnehmen. Die Jacken sind kurz und weit geschnitten und vorne einreihig mit großen Knöpfen geschlossen, die Ärmel sind gerade geschnitten, weit und (über-)lang.
  5. Maximilian August Scipio von Brandt (1835-1920), der 1875 bis 1893 Gesandter in China gewesen war, galt als einer der besten Ostasienkenner seiner Zeit. – Kurzbiographie: Wolfgang Franke: „Brandt, Max von“, in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), 531 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118934759.html.
  6. Text in englischer Übersetzung: United States Department of State: Foreign relations of United States, 1894 (1894) Nr. 52 (S. 60 f.), Mr. Denby, chargé, to Mr. Gresham (Peking, September 18, 1894).
  7. Die huangmagua 黃馬褂 („Gelbe Reitjacke“), eine Auszeichnung für Verdienste um den Staat, häufig für militärische Leistungen. S. dazu: H. S. Brunnert and V. V. Hagelstrom, Present Day Political Organization of China. Revised by N. Th. Kolessoff, Translated from the Russion by A. Beltchenko, E. E. Moran (Foochow: 1911)., p. 497, nr. 947. – Digitalisat > Bibliotheca Sinica 2.0.
  8. )  , war Li Hongzhang 1863 für seine Verdienste im Kampf gegen die  verliehen worden. D. ((ie kongqueling 孔雀翎 [Pfauenfeder] war eine noch bedeutendere Auszeichnung, von der es  mehrere Abstufungen gab. Die höchste war die Sanyanhualing 三眼花翎, die dreiäugige Pfauenfeder, die in der Regel Angehörigem des Kaiserhauses und besonders verdienten Beamten verliehen wurde. S. dazu: H. S. Brunnert and V. V. Hagelstrom, Present Day Political Organization of China. Revised by N. Th. Kolessoff, Translated from the Russion by A. Beltchenko, E. E. Moran (Foochow: 1911) p. 498, nr. 950.
  9. S. C. M. Paine, The Sino-Japanese War of 1894-1985. Perceptions, Power, and Primacy (Cambridge: Cambridge University Press, 2003)., 101 unter Verweis auf den North-China Herald vom 16.2.1894, p. 145.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1288

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Ein Bild sagt mehr … (XIV): “Die junge Republik” (1912)

Mit dem 1. Januar 1912 -  guó chénglì jìniàn 國成立紀念 – begann offiziell die Republik China. Drei Tage vorher, am 29. Dezember 1911 war Sun Yat-sen 孫逸仙 zum provisorischen Präsidenten ernannt worden. In den europäischen Zeitungen waren die Entwicklungen in China eher Randnotizen, die Schlagzeilen dominierten andere Themen. Das spiegelt sich auch in deutschen satirisch-humoristischen Periodika[1], wo China nur selten groß thematisiert wird. Umso überraschender wirkt die Titelseite des Kladderadatsch vom 14. Januar 1912 mit “Die neue Republik”.

Die neue Republik (Kladderadatsch 65.1912)

“Die neue Republik” (Kladderadatsch Nr. 2 (14.1.1912)
Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg (Nutzung gemäß CC-BY-SA 3.0 DE)

Die Karikatur von Ludwig Stutz (1865-1917) zeigt eine ziemlich durch Kleidung, Bart und Zopf als chinesisch markierte Figur mit einem glänzenden Zylinder auf dem Kopf. “Der chinesische Drache” hat die Arme um die Schultern des französischen Präsidenten Armand Fallières (1841-1931, Präsident 1906-1913[2]) und von US-Präsident William Howard Taft (1857-1930, Präsident 1909-1913[3]) gelegt, die durch Porträt und Inserts markiert sind, bei Fallières steht der Name auf einer Tricolore-Schärpe, bei Taft auf der Frackweste, er trägt die US-Flagge als Kummerbund.

“Der chinesische Drache” spricht zu den beiden:

“Ich sei, gewährt mir die Bitte,
Mang euren Zylindern der Dritte!”

Die Anspielung auf den Schlussvers von Schillers Bürgschaft[4] impliziert den Anspuch, gleichberechtigter Partner zu sein. Der Zylinder ist allerdings nur ‘draufgesetzt’, Kleidung und Haartracht sind traditionell. Ob sich der Chinese jovial zwischen die beiden drängt oder von den beiden gestützt wird, bleibt offen …

  1. In den satirisch-humoristischen Periodika Österreich-Ungarns war das etwas anders, dort finden sich – ganz gegen den internationalen Trend – häufig Bezüge auch China.
  2. Kurzbiographie: Armand FALLIERES (1906-1913) bei elysee.fr.
  3. Kurzbiographie: William Howard Taft auf whitehouse.gov.
  4. Vgl. Friedrich Schiller, “Die Bürgschaft”. In: Ders. (ed.), Musen-Almanach für das Jahr 1799 (Tübingen: Cotta 1799) S. 176-182.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1252

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Ein Bild sagt mehr … (XIII): “Magot de la Chine” (1834)

Nach der Juli-Revolution (1830) begann die Blüte der satirisch-humoristischen Periodika mit La Caricature morale, religieuse, littéraire et scénique. Die erste Nummer der von Charles Philipon (1800-1862) herausgegebene Zeitschrift erschien 4. November 1830, das Blatt war nur im Abonnement erhältlich. Jede Nummer von La Caricature bestand aus vier Seiten Text und zwei ganzseitigen Lithographien, die herausnehmbar waren. Ein großer Teil dieser Blätter stammte von Honoré Daumier (1808-1879), einem der bedeutendsten Karikaturisten der Zeit.

Daumier nutzte die exotische Verfremdung, um die aktuelle Situation in Frankreich zu charakterisieren.[1] Der Mode der Zeit entsprechend konnte sich Daumier nicht entziehen, Chinoiserien (im weitesten Sinn) sind in seinem Œuvre häufiger zu finden. Das Blatt “Magot de la Chine (Tiré du Cabinet de M. Ch. Philipon.)”, das in La Caricature am 28.8.1834 erschien, war wohl das erste Mal, dass Daumier ein China-Motiv aufgriff.[2]

Daumier: Magot de la Chine (1844)

Daumier: “Magot de la Chine (Tiré du Cabinet de M. Ch. Philipon.)” (1844) – Quelle: gallica

“Magot de la Chine” ist ein lachender Buddha (chinesisch bùdài 布袋 (japanisch: hotei, wörtlich “Stoffsack”, “Leinensack”[3]), eine populäre Figur der chinesischen (und japanischen Volksreligion), in der Regel dargestellt als dickbäuchiger lachender Kahlkopf im Mönchsgewand mit mālā [Gebetskette] und einem Sack für Almosen.

Auf den ersten Blick scheint Daumiers Darstellung die geradezu idealtypische Abbildung eines bùdài. ((Dass der Buddha die Gebetskette, die deutlich weniger als 108 Perlen hat), in der Hand hält die auf dem Knie ruht, erscheint vernachlässigbar.)) Erst auf den zweiten Blick werden die zahlreichen Doppel- und Mehrdeutigkeiten erkennbar …

  • Die für Buddha-Darstellungen typischen langen Ohrläppchen[4] sind so lang, dass sie auf den Schultern aufliegen.
  • Die Figur ist nicht kahlköpfig, auf dem höchsten Punkt steht ein kurzes Zöpfchen.
  • Der Buddha lächelt nicht, das Gesicht ist zur Fratze verzerrt.

Der Titel “Magot de la Chine (Tiré du Cabinet de M. Ch. Philipon.)” macht klar, dass es nicht um ein Glückssymbol geht, sondern darum, die Gier des “Bürgerkönigs” Louis-Philippe (1773–1850, regierte 1830-1848) anzuprangern.[5].

“Magot de la Chine” ist die übliche Bezeichnung für Nippes-Figuren aus Ostasien, “magot” (ohne jeden Zusatz) ist mehrdeutig. Im Trésor de la langue française finden sich unter “magot” zwei Einträge:

magot¹
A. Singe à queue rudimentaire du genre macaque vivant en Afrique du Nord et à Gibraltar. [...]
B. Bibelot figurant un personnage plus ou moins grotesque, sculpté ou modelé, provenant ou imité de l’Extrême-Orient. [...][6]

und

magot²
Fam. Somme d’argent assez importante que l’on a thésaurisée et que l’on cache. [...][7]

Daumiers “Magot de la Chine” hat die Gesichtszüge Louis Philippes, das Zöpfchen und die Ohrläppchen ersetzen die Perücke und evozieren die Assoziation “Birne” – und damit die Dekodierung (und damit das Verstehen) der Karikatur sichergestellt ist, gibt es den Zusatz “Tiré du Cabinet de M. Ch. Philipon” ["Aus der Sammlung von Mr. Charles Philipon"].[8] Schon in “Gargantua” (1831) hatte Daumier den Bürgerkönig als von der Gier aufgeblähten Nimmersatt gezeigt, von Gier und Fresssucht aufgebläht – was ihn ins Gefängnis gebracht hatte. Bei “Magot de la Chine” arbeitet er subtiler – und doch wird der König wieder als gierig und gefräßig charakterisiert: der Sack für Almosen kann als Geldsack gedeutet werden.[9].

  1. S. dazu: Elizabeth C Childs: Daumier and exoticism: satirizing the French and the foreign (=Hermeneutics of art, v. 11; New York: Peter Lang 2004).
  2. La Caricature Numéro 199 (28 aout 1834), Pl. 416.
  3. S. Patricia Jaaland Welch: Chinese Art. A Guide to Motifs and Visual Imagery (Tokyo/Rutland, Vermont/Singapore: Tuttle 2008), 191 f. “Laughing Buddha”.
  4. Die buddhistische Kunst war zunächst anikonisch, die ersten erhaltenen Statuen entstanden um 1000 n. Chr. Grundlage der Darstellung waren Lehrreden, die das Aussehen des Buddha beschrieben, vor allem die “32 Merkmale eines Großen Mannes” und die “80 Kleineren Merkmale”, die die 32 großen ergänzen. Dort heißt es, die Ohren wären ‘lang wie Lotosblüten’. Zum Bild des Buddha: Y. Krishan/Kalpana K. Tadikonda: The Buddha image: its origin and development (2nd rev. & enlarged edition; New Delhi: Munshiram Manoharlal Publishers 2012).
  5. Vgl.  Elizabeth C. Childs, “The Body Impolitic: Press Censorship and the Caricature of Honoré Daumier.” In: Dean de la Motte/Jeannene Przyblyski (ed.): Making the News: Modernity and the Mass Press in Nineteenth-Century France (Amherst: University of Massachusetts Press 1999), 43-81, speziell 56 f.
  6. http://atilf.atilf.fr/dendien/scripts/tlfiv5/visusel.exe?11;s=3308966700;r=1;nat=;sol=0;) <abgerufen am 4.1.2013>.
  7. http://atilf.atilf.fr/dendien/scripts/tlfiv5/visusel.exe?12;s=3308966700;r=1;nat=;sol=1; <abgerufen am 4.1.2014>.
  8. Charles Philipon hatte mit “La Métamorphose du roi Louis-Philippe en poire” (1831). [BnF, Estampes et Photographie, Rés. B-16-Boîte] die Birne gleichsam unsterblich gemacht. S. auch: Ursula Koch/Pierre-Paul Sagave/André Fontaine: Le Charivari. Die Geschichte einer Pariser Tageszeitung im Kampf um die Republik (1832 – 1882) ; ein Dokument zum deutsch-französischen Verhältnis. (Köln: Leske 1984), 45-50.
  9. S. dazu auch Childs (2004) 127-129. Die dort hergestellte Verbindung zu Cruikshanks “The court at Brighton à la Chinese!!” von 1816 erscheint allerdings weit hergeholt.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1240

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Ein Bild sagt mehr … (XII): Die Revolution in China (1911)

Später als die meisten anderen satirisch-humoristischen Periodika Europas thematisiert Der wahre Jacob[1] die Xinhai辛亥-Revolution, die im Oktober 1991 das Ende der Qing-Dynastie einleitete und an deren Ende die Gründung der Republik China 1912 stand.

Am 4. November 1911 heißt es zur “Revolution in China”:

Das chinesische Volk sollte bisher nur “erwacht” sein; man sieht aber, daß es bereits “ganze Arbeit” macht.

Einst hieß es: der chinesische Teekessel wird seien Wände sprengen! Jetzt ist statt dessen nur der monarchische Topfdeckel in die Luft geflogen.

Die Chinesen gelten für die “umständlichste Nation des Erdballs”. Trotzdem machen sie jetzt mit ihrem historischen Gerümpel die allerwenigsten Umstände.

China ist wirklich ein sehr gelehriger Schüler Europas: sein früherer Meister kann heute schon allerlei von ihm lernen![2]

In der folgenden Nummer folgt das Thema auf dem Titel – mit einer Variation des Motivs ‘Völker Europas …‘, einer Karikatur von M(aximilian) Vanselow.

Der Wahre Jakob (18.11.1911)
Quelle: UB Heidelberg

Im Hintergrund brennt eine chinesische Stadt, die ersten Türme/Pagoden stürzen um. Über den Flammen schwebt eine durch Bart und Kleidung asiatisch markierte Figur mit roter Jakobinermütze auf dem Kopf, die eine große dreieckige rote Fahne schwenkt. Auf der Klippe im Mittelgrund der Erzengel Michael und allegorische Figuren, die die Mächte darstellen. Der Engel hält eine Feuerspritze in der Hand, hinter ihm eine Figur mit Pickelhaube an einer Wasserpumpe, doch aus dem Schlauch kommen nur wenige Trupfen. Unterhalb der Klippe sind die Dächer Berlins zu sehen (der Turm deutet das Rote Rathaus an, daneben ist ein Gebäude mit “Alexanderpl[atz]” beschriftet).  Die Bildunterschrift lautet: “Der heilige Michael erblaßt! Wer konnte auch voraussehen, daß die gelbe Gefahr einmal – rot werden könnte.”[3]

Die Karikatur lässt viel Raum für Interpretationen:

  • Beginnen die Löschversuche gerade oder wurden die Löschversuche aufgegeben?
  • Steht (der Erzengel) Michael für (den deutschen) Michel?
  • Und warum hält der Beobachter im Vordergrund das Fernrohr verkehrt herum?

  1. Der Wahre Jacob, der 1879 in Hamburg gegründet worden war, ab 1884 in Stuttgart verlegt wurde und – mit Unterbrechungen – bis 1933 erschien, war eine vielgelesene Zeitschrift im Umfeld der SPD. Seit 1891 dominierte eine vierfarbig gedruckte Karikatur das Titelblatt. Zur Geschichte des Blattes: Konrad Ege: Karikatur und Bildsatire im Deutschen Reich: Der ‘Wahre Jacob’, Hamburg 1879/80, Stuttgart 1884-1914; Mediengeschichte, Mitarbeiter, Chefredakteure, Grafik (=Form & Interesse; 44; Münster/Hamburg: Lit 1992); Der Wahre Jacob – Digital: UB Heidelberg.
  2. Der Wahre Jacob Nr. 660 (4.11.1911) 7262;  online: UB Heidelberg.
  3. Der Wahre Jakob Nr. 661 (18.11.1911), [1] – Online: UB Heidelberg.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/971

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Ein Bild sagt mehr … (XI): Les mandarins lettrés (1844)

Am 24. Oktober 1844 unterzeichneten Théodor de Lagrené (1800-1862)[1] und Qiying 耆英 (1787-1858)[2] den Vertrag von Huangpu [auch "Vertrag von Whampoa", Huángpǔ tiáoyuē 黃埔條約][3], der Frankreich all das zubilligte, was im Vertrag von Nanging Großbritannien zugestanden worden war: die Öffnung von Guangzhou 廣州, Fuzhou 福州, Ningbo 寧波, Shanghai 上海 und Xiamen 廈門 für den Handel, Extraterritorialität für französische Staatsangehörige, fixe Zolltarife und das Recht, Konsulate einzurichten. Die Vertragsverhandlungen, bei denen  Joseph-Marie Callery (1810-1862) als Übersetzer fungiert hatte, hatten in Macau (Aomen 澳門) stattgefunden, die Unterzeichnung erfolgte an Bord des Dampfer L’Archimède, der im Perlflussdelta auf der Höhe der Insel Huangpu vor Anker lag.

Les mandarins lettrés (1844)

Honoré Daumier: Les mandarins lettrés (1844)
[University of Kansas Luna Insight Image Collection]

China war seit im Kontext des so genannten “Ersten Opiumkriegs” in das Blickfeld der europäischen Politik gerückt, das ‘exotische’ China faszinierte ein breites Publikum. Der wohl bedeutendste Karikaturist Frankreichs dieser Zeit konnte an der Chiffre ‘China’ nicht vorbei gehen:  Honoré Daumier produzierte zwischen Dezember 1843 und Juni 1845 “Voyage en Chine”, eine Serie von 32 Lithographien, die in Le Charivari erschienen. Die einzelnen Blätter der Serie projizierten französische Alltagsszenen in eine exotische Umgebung – und bilden so beißende Kommentare zu den Vorgängen in Frankreich. Das Spektrum der dabei behandelten Themen ist breit gefächert, es geht unter anderem um Zölle/Zollkontrollen, Musik, Tanz, Bildung und Erziehung, Eheschließung, Krieg und Politik.

Am 7. Dezember 1844 erschien in Le Charivari das Blatt “Les mandarins lettrés”[4]. Es zeigt einige ‘asiatisch’ gekleidete Männer, die um einen Tisch sitzen, auf dem einige Bücher liegen. Einer manikürt seine Fingernägel, die anderen scheinen zu schlafen. Der Text erklärt die Szene:

Il existe à Pékin une célèbre institution littéraire nommée A-KA-DE-MIE, les quarante membres de ce corps assistent une fois par an à une grande séance publique où l’on baille, et une fois par mois à une petite séance particulière où l’on dort. Il est vrai que ces personnages s’excusent en disant qu’ils rèvent au dictionnaire de la langue Chinoise, dictionnaire qu’ils sont en train de rédiger depuis cent cinquante ans; mais ils ne se pressent pas, sous le prétexte qu’ils ont tout le temps de travailler, puisqu’ils sont immortels.

Daumier zielt auf die Académie française, die 1635 auf Betreiben Richelieus von Louis XIII. gegründete Gelehrtengesellschaft, deren offizielle Aufgabe die Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache war und ist.  Die Akademie hat 40 auf Lebenszeit berufene Mitglieder, “les immortels”/”die Unsterblichen” – nach dem Motto der Akademie.[5]

1637 hatte die  Académie française begonnen, an einem normativen Wörterbuch zu arbeiten. Die erste Auflage des Dictionnaire de l’Académie[6] erschien 1694 – also 150 Jahre vor Daumiers Karikatur. Bis 1844 waren 5 Ausgaben erschienen, die letzte vollständige Ausgabe ist die 8. Ausgabe (1932-1935) mit ca. 35 000 Wörtern. Seit 1986 wird an der neunten Auflage gearbeitet, deren erster Band erschien 1992, der zweite Band folgte 2000.

Das ‘Chinesische’ in Daumiers Karikatur beschränkt sich auf ‘asiatische’ Kleidung, die Zöpfe der ‘Unsterblichen’ und auf die Schreibung “A-KA-DE-MIE”, die den Monosyllabismus aufgreift, den man seit dem 17. Jahrhundert dem Chinesischen nachgesagt hatte.[7]

BTW … Schon die klassischen einsprachigen  chinesischen Wörterbücher (Lexika, Zeichen- und Reimwörterbücher) übertrafen den Umfang des Dictionnaire de l’Académie françoise spielend:

  • Im Kangxi zidian 康熙字典 (1716[8] finden sich 47035 Schriftzeichen (von denen etwa 20000 Varianten sind).
  • 1711 wurde das Peiwen yunfu 佩文韻府[9]  [wörtlich: “Reimsammlung des kaiserlichen Studierzimmers”[10] präsentiert,  Es enthält mehr als 500.000 Einträge unter ca. 10.000 Lemmata – angeordnet nach 106 Reimgruppen.[11]

  1. Biographie in der Base de données des députés français depuis 1789.
  2. Fang Chao-ying, “Ch’i-ying (Kiying),” in A. W. Hummel, ed.: Eminent Chinese of the Ch’ing Period (1644-1912). (Washington: United States Government Printing Office, 1943), Vol I, pp. 131-134. Online: Qing Studies Workshop.
  3. S. Treaties, conventions, etc., between China and foreign states. 2d ed. Published by order of the Inspector General of Customs, Vol. 1 (Shanghai: Published at the Statistical Dept. of the Inspectorate General of Customs; and sold by Kelly & Walsh, 1917), 771-813.
  4. Voyage en Chine 18. Daumier Register Nr. 1206.
  5. S. http://www.academie-francaise.fr/les-immortels/les-quarante-aujourdhui.
  6. Académie française: Le dictionnaire de l’Académie françoise, dédié au Roy.  (Paris: Vve J. B. Coignard et J. B. Coignard 1694); Digitalisate (gallica): t. 1, t. 2.
  7. S. Gustav Ineichen: “Historisches zum Begriff des Monosyllabismus im Chinesischen”, In: Historiographia Linguistica, Volume 14 (1987),Number 3, 265-282.
  8. Zhang Yushu 張玉樹 et al.: Kangxi zidian 康熙字典 (1716). – Online: http://www.kangxizidian.com/.  Vgl. Endymion Wilkinson: Chinese History. A Manual. Revised and Enlarged (Harvard-Yenching Institute Monograph Series; Cambridge, Mass./London 2000), 64.
  9. Zhang Yushu 張玉樹 et. al.: Peiwen yunfu 佩文韻府 (1711, Supplement 1720). Vgl. Endymion Wilkinson: Chinese History. A Manual. Revised and Enlarged (Harvard-Yenching Institute Monograph Series; Cambridge, Mass./London 2000), 64.
  10. Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte der chinesischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (München: C.H. Beck; 2. Auflage 1999), 247.
  11. Christoph Kaderas: Die Leishu der imperialen Bibliothek des Kaisers Qianlong. (Asien- und Afrika-Studien der Humboldt-Universität zu Berlin 4, Wiesbaden: Harrassowitz 1998), 236-240.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/953

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Ein Bild sagt mehr … (X): Die Preußen in China (1898)

In den Jahren nach dem Chinesisch-Japanischen Krieg (1894/95) erreichte der Scramble for Concessions, der Wettlauf um Stützpunkte (und Einfluss) in China, einen neuen Höhepunkt. Im Deutschen Reich hatte es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhudnerts Überlegungen um einen Flottentützpunkt in China gegeben, auch Tirpitz hatte entlang der Küste nach geeigneten Standorten gesucht. Einer der zahllosen Missionszwischenfälle, die Ermordung zweier deutscher Missionare in der Provinz Shandong 山東 bot schließlich den Vorwand zur Besetzung eines Territoriums.  Am 14. November landeten deutsche Truppen in der Jiaozhou-Bucht, die kampflos besetzt wurde.[1]  Am 6. März 1898 pachtete das Deutsche Reich die Bucht für 99 Jahre, im April wurde sie offiziell unter deutschen Schutz gestellt.

Das besetzte Gebiet “Kiaotschou” (Jiāozhōu 膠州) lag an der Südküste der Shandong-Halbinsel und umfasste 552 Quadratkilometer. Das Gebiet hatte eine Größe von 552 km²  dazu gehörten neben auch etwa zwei Dutzend Inseln in der Bucht, die Stadt Jiaozhou im Nordwesten der Bucht war jedoch nicht Teil des Pachtgebiets.[2]

Die deutschen und österreichisch-ungarischen satirisch-humoristischen Zeitschriften beschäftigten sich 1897/1898 intensiv mit dem vom Deutschen Reich besetzten Gebiet in China – der Tenor war, dass das Deutsche Reich sich mit dem, was die die anderen Mächte übrig gelassen hatten, begnügen mussten. Eine Karikatur im Wahren Jakob vom 1. Februar 1898 – also noch bevor das Gebiet offiziell gepachtet war – bringt diese Einschätzung auf den Punkt:

Der wahre Jakob Nr. 301 (1. Februar 1898) 2650

Der wahre Jakob Nr. 301 (1. Februar 1898) 2650
© UB Heidelberg http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/wj1898/0028

“Die Preußen in Chin” zeigt die “Ergebnisse eines Requirierungs-Zuges i Kiau-Tschou. Guten Appetit.” Die Beute des Requirierungszuges war nicht sehr beeindruckend: ein Korb mit einer zerhackten Schlage, eine Menge Ratten, die am Schwanz an eine Stange geknüpft sind, und eine Platte mit Krebsen/Spinnen. Im Hintergrund ist ein Werbebanner zu sehen, auf dem ‘exotische’ Spezialitäten des “Grand Hotel Kiaotschou” anpreist:  “Schlangen-Ragout”, “Ratten-Braten” und “Mops-Keule”.

Die kritischen Kommentare im Wahren Jacob und anderen satirisch-humoristischen Zeitschriften scheinen fast prophetisch – erwies sich die ‘Musterkolonie’[3] doch bald als Fass ohne Boden, die Kosten überstiegen den Nutzen bei weitem, die großen Erwartungen blieben unerfüllt.

 

 

  1. S. dazu: BArch N 255/24: Proklamation des Chefs des Kreuzergeschwaders in Ostasien, Otto von Diederichs, zur Besetzung von Kiautschou durch deutsche Truppen am 14. November 1897. Online: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00765/index-3.html.de.
  2. Karte: BArch N 253/41: Karte von Tsingtao. Online: http://www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/bilder_dokumente/00765/index.html.de.
  3. Klaus Mühlhahn, Herrschaft und Widerstand in der „Musterkolonie“ Kiautschou: Interaktionen zwischen China und Deutschland 1897-1914 (München: Oldenbourg Verlag 2000).

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/923

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Ein Bild sagt mehr … (VIII): Alexander, The costume of China (1805)

Die Macartney Mission (1792-1794) sollte – unter Leitung von George Macartney (1737-1806[1] )
W. Alexander: The Costume of China (1805)

W. Alexander:
The Costume of China (1805)
Internet Archive

Zur Mission gehörte neben Diplomaten, Übersetzern, dem Arzt und Bediensteten auch die Maler Thomas Hickey (offiziell als ‘Maler’ (‘painter’)[2] und  William Alexander (offiziell als ‘Zeichner’ (‘draughtsman’)[3] ).

William Alexander (1767-1816) arbeitete nach seiner Rückkehr einige seiner Studien und Skizzen für eine Ausstellung in der Royal Academy aus; seine Zeichnungen illustrierten dann den offiziellen Bericht der Mission[4] und er veröffentlichte zunächst einige der auf der Reise entstandenen Arbeiten in Views of Headlands, Islands, &c. taken during a voyage to, and along the eastern coast of China, in the years 1792 & 1793, etc. (London: W. Alexander 1798).

1805 erschien The Costume of China, containing forty-eight coloured engravings (London: Miller 1805)[5], als Teil  einer Reihe The Costume of …[6].Darin wird jeweils eine ganzseitige Abbildung mit einer kurzen Beschreibung kombiniert.

Unter den 48 Darstellungen finden sich Porträts von chinesischen Beamten, die der Mission beigeordnet worden waren, Bilder von Soldaten und Schauspielern in Kostüm und Maske, Darstellungen von Körperstrafen, Ansichten von Booten und Schiffen, Landschaften und Bauten und Chinesinnen und Chinesen in Alltagsszenen.  Während diese Darstellungen sehr ‘bunt’ sind, bleibt ein Bild fast monochrom.
Der Titelkupfer zeigt ein kleines Bauwerk mit zweistufigemWalmdach, das auf einer Plattform steht. Links auf der Plattform steht ein Gefäß, aus dem eine dicke Rauchsäule aufsteigt.
Am Fuß des Podests liegen unter anderem Waffen und eine Fahne mit (angedeuteten) Schriftzeichen, die die nicht zu entziffern sind.
Im Hintergrund – in sehr großer Entfernung von dem eigenartigen Baumwerk – ist ein Schiff auf dem Wasser zu sehen, dahinter eine ‘chinesische’ Landschaft.

An dem Bild sind einige Elemente merkwürdig/bemerkenswert:

  • Das Walmdach werden von Säulen getragen, von denen eine von Blattwerk umrankt wird.
  • Auf der unteren Stufe des Dachs sind die Grate mit deutlich erkennbaren Drachenfiguren geschmückt, auf der obereren mit nur eben angedeuteten Wächterfiguren (yánshòu 檐獸  oder zǒushòu  走獸 oder dūnshòu 蹲獸). Diese Figuren schmückten in der Ming-Zeit (1368-1644) und Qing-Zeit (1644-1912) die kaiserlichen Paläste sowie Amtsgebäude in ganz China, aber auch an den Toren/Durchgängen der Großen Mauer.  Die Zahl der Figuren variiert je nach Rang – je höher der Rang, desto mehr Figuren hatte die Prozession.
  • Dem Duftrauchbrenner (xiānglú 香爐) scheint der Deckel zu fehlen, die Rauchsäule selbst ähnelt eher der aus einem Fabriksschlot denn der aus einem Räuchergefäß.[7]
  • Die Schriftzeichen auf der Fahne sind – obwohl Alexander ein sehr aufmerksamer Beobachter war – nicht zu entziffern.

Das Bild passt nicht so recht zu den übrigen Darstellungen, die dokumentarischen Charakter haben – denn wirkt wie eine Collage von things Chinese: Bauwerke, Räuchergefäß, Waffen, etc.

  1. Zur Biographie: Roland Thorne, ‘Macartney, George, Earl Macartney (1737–1806)’, Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004; online edn, May 2009 [http://www.oxforddnb.com/view/article/17341, accessed 28 June 2013]; DOI: doi:10.1093/ref:odnb/17341) – die Beziehungen zwischen Großbirtannien und China neu ordnen. Großbritannien wollte Handelserleichterungen, unter anderem durch eine ständige Vertretung in Beijing 北京, die Überlassung eines Handelsstützpunkts auf einer Insel des Zhoushan 舟山-Archipels, wo Händler sich dauerhaft niederlassen, ihre Waren stapeln und Schiffe ausrüsten konnten, und die Senkung der Zölle in Guangzhou 廣州. Diese Erwartungen erfüllten sich nicht, die Mission scheiterte kläglich – was sich in den zahlreichen gedruckten Berichten allerdings nicht so drastisch anhörte. ((Zur Macartney-Mission: Robert A. Bickers (ed.): Ritual and Diplomacy: The Macartney Mission to China, 1792–1794 (London: British Association for Chinese Studies 1993); James L. Hevia: Cherishing Men from Afar: Qing Guest Ritual and the Macartney Embassy of 1793 (Durhma: Duke Univ. Pr. 19959 – dazu die Rezension: Joseph W. Esherick: “Cherishing Sources from Afar.” Modern China Vol. 24, No. 2 (1998): 135–61 [http://www.jstor.org/stable/189414] bzw. Hevias Antwort: James L. Hevia: “Postpolemical Historiography: A Response to Joseph W. Esherick.” Modern China Vol. 24, No. 3 (1998): 319-327 [http://www.jstor.org/stable/189407] und Eshericks Reaktion: Joseph W. Esherick: “Tradutore, Traditore: A Reply to James Hevia.” Modern China Vol. 24, No. 3 (1998): 328-332 [http://www.jstor.org/stable/189408].
  2. Zu Hickey (1741-1824): John Ingamells, ‘Hickey, Thomas (1741–1824)’, Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004 [http://www.oxforddnb.com/view/article/13208, accessed 28 June 2013]; DOI: doi:10.1093/ref:odnb/13208.
  3. Zur Biographie: Richard Garnett, ‘Alexander, William (1767–1816)’, rev. Heather M. MacLennan, Oxford Dictionary of National Biography, Oxford University Press, 2004 [http://www.oxforddnb.com/view/article/337, accessed 28 June 2013]; doi:10.1093/ref:odnb/337.
  4. George Staunton: An Authentic Account of an Embassy from the King of Great Britain to the Emperor of China [...] (London 1797) – Digitalisate → Bibliotheca Sinica 2.0.
  5. William Alexander: The costume of China, illustrated in forty-eight coloured engravings (London: W. Miller 1805) – Digitalisate: Bibliotheca Sinica 2.0.
  6. Vgl. dazu die Anmerkungen bei Mason: Punishments of China.
  7. Vgl. dazu die Abbildung in Staunton, An Historical Account of the Embassy to the Emperor of China … (1797) Tafel zwischen S. 212 und 213.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/763

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Ein Bild sagt mehr … (VII): Mason: The Punishments of China (1801)

Johan Nieuhof hatte im 17. Jahrhundert eine Form von Standard für die Darstellung Chinas etabliert: ‘exotische’ Formen, ‘exotische’ Kleidung, ‘exotisches’ Dekor – dem der Augenzeugen-Bonus Autorität verlieh. Mit den verstärkten Ambitionen Großbritanniens, Handelsbeziehungen mit China zu etablieren, setzte eine neue Phase intensiver Beschäftigung mit China ein. Die Gesandtschaft unter Macartney (1792) sollte Handelsbeziehungen etablieren und den Zugang zum chinesischen Markt öffnen. Eines der Mitglieder dieser Gesandtschaft war der  Maler William Alexander (1767-1816), der die Reise in Skizzen dokumentieren sollte.
Die Zeichnungen, die er auf der Reise durch China anfertigte, illustrierten den Reisebericht von George Staunton[1] und wurden vom Verleger William Miller 1805 unter dem Titel The Costume of China[2] noch einmal auf den Markt gebracht. Damit griff Miller einen Titel wieder auf, den er wenige Jahre vorher schon für einen anderen Band mit Skizzen aus China verwendet hatte – damals für einen Band, der auf Bildern chinesischer Maler basierte.

George H. Mason (fl. um 1800) hatte einige Jahre in China gelebt und die Bilder wohl aus Guangzhou 廣州 nach England gebracht[3]. Die Genrebilder wurden mit Erklärungen in englischer und französischer Sprache versehen[4].

A culprit before a magistrate. Digital ID: 1565308. New York Public Library

“A culprit before a magistrate.” (1804)
Digital ID: 1565308. New York Public Library

Während Masons The Costume of China den ersten Band einer ganzen Reihe ähnlicher Bände bildete (u.a. zu Russland, zur Türkei und zu Österreich), steht Masons zweiter Titel zu China singulär: Ein Jahr nach The Costume of China brachte Miller The Punishments of China (1801)[5]. Gezeigt werden – ohne Hintergrund – Gerichtsszenen und die Anwendung von Folterinstrumenten, jeweils ergänzt durch kurze erklärende Texte.

Diese für den europäischen Betrachter eigenartig anmutende Form der Präsentation trägt dazu bei, China als fremdartig und die chinesische Justiz als besonders grausam darzustellen. Damit wird das nach Reed das Bild vom grausamen Chinesen verstärkt[6]. Eric Hayot sieht Darstellungen als Reaktion auf die gescheiterte Macartney-Mission[7].

Der Ursprung der Bilder ist ungeklärt, Marcia Reed vermutet, dass es sich um Massenware für den Export handelt[8] – Aquarelle, die in Studios in Guangzhou produziert wurden und von Ausländern gekauft und nach Europa gebracht wurden.

 

  1. [George Leonard Staunton/George Macartney/Erasmus Gower:] An authentic account of an embassy from the King of Great Britain to the Emperor of China [...] Taken chiefly from the papers of His Excellency the Early of Macartney, Knight of the Bath, His Majesty’s Embassador Extraordinary and Plenipotentiary to the Emperor of China; Sir Erasmus Gower, Commander of the Expedition, and of other Gentlemen in the several departments of the Embassy. By Sir George Staunton, Baronet … In Two volumes, with engravings …; beside a folio Volume of Plates. (London: Printed by W. Bulmer and Co. For G. Nichol. 1797). Digitalisate → Bibliotheca Sinica 2.0.
  2. Digitalisat → Bibliotheca Sinica 2.0.
  3. Zu Aquarellen, die für den Export produziert wurden s. Craig Clunas: Chinese Export Watercolours (London: Victoria & Albert Museum, Far Eastern Series 1984).
  4. George Henry Mason: The Costume of China, illustrated by sixty engravings: with explanations in English and French. (London: W. Miller 1800) [ESTC Citation No. T97026].
  5. George Henry Mason/Dadley (graveur): The punishments of China. Illustrated by twenty-two engravings, with explanations in English and French (London: Printed for William Miller 1801) [Digitalisat → Bibliotheca Sinica 2.0]; 2. Auflage 1804.
  6. Marcia Reed: “A Perfume Is Best from Afar: Publishing China for Europe.” In: China on Paper. European and Chinese Works form the Late Sixteenth to the Early Nineteenth Century. Ed. by Marcia Reed and Paola Demattè ( Los Angeles: Getty Research Institute 2007), 9-28, hier 22.
  7. S. dazu das Kapitel “The Compassion Trade: Punishment, Costume, Sympathy.” in: Eric Hayot: The Hypothetical Mandarin: Sympathy, Modernity, and Chinese Pain (Oxford/New York et al.: Oxford University Press 2009)  60-94.
  8. Marcia Reed: “A Perfume Is Best from Afar: Publishing China for Europe.” In: China on Paper. European and Chiense Works form the Late Sixteenth to the Early Nineteenth Century. Ed. by Marcia Reed and Paola Demattè ( Los Angeles: Getty Research Institute 2007), 9-28, hier 22. Vgl. auch: Antonia Finnane: Changing Clothes in China. Fashion, History, Nation (London: Hurst & Company 2007) 27.

Quelle: http://de.hypotheses.org/71955

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Ein Bild sagt mehr … (V): Confucius Sinarum Philosophus

Confucius sinarum philosophus, sive, Scientia sinensis latine exposit (1687) ist eine annotierte Übersetzung von drei der Vier Bücher (sishu 四書) ins Lateinische. Der Band fasst die Arbeiten zahlreicher europäischer China-Missionare zusammen, die zum Teil in separaten Ausgaben erschienen waren; das Vorwort ist von Philippe Couplet (1623-1693) unterschrieben, stammt allerdings zumindest teilweise aus der Hand von Prospero Intorcetta (1626–1696), die Übersetzungen sind unter anderem von Christian Wolfgang Herdtrich (1625–1684) und François de Rougemont (1624-1676). [1]

Der Band enthält

Confucius Sinarum Philosophus

Confucius sinarum philosophus, sive, Scientia sinensis latine exposita (1687)
Internet Archive

  • eine Widmung an Ludwig XIV in Briefform
  • eine Karte von China (die 15 Provinzen der Ming-Zeit)
  • eine umfangreiche Einleitung, die Angaben zur Entstehung des Werkes enthält
  • eine Vita des Kong Qiu 孔丘 (vermutlich  551-479 v. Chr.) der Meister Kong (Kongzi 孔子) genannt wurde – woraus im Westen Konfuzius/Confucius wurde
  • die Übersetzungen von drei der “Vier Bücher”
    • eine Übersetzung von Daxue 大學 (“Das große Lernen”)
    • eine Übersetzung der Lunyu 論語 (“Gespräche”)
    • eine Übersetzung von Zhongyong 中庸 (“Mitte und Maß”)[2]
  • Couplets Tabulae Chronologicae Monarchiae Sinicae, eine tabellarische Geschichte Chinas in 2 Teilen, Teil 1 von 2952 v. Chr. bis zur Zeitenwende, Teill 2 bis ins Jahr 1683.

Der Vita des Kong Qiu ist eine Illustration vorangestellt, die zum Archetyp westlicher ‘Konfuzius’-Abbildungen wurde. Die Darstellung zeigt eine überlebensgroße stehende Figur in Frontalansicht vor einer Bibliothek.

Die Figur wird durch die Legende unterhalb des Bildes als “孔伕子 CVM FU TSE” identifiziert – und für den des Chinesischen kundigen durch die Schriftzeichen an der Rückwand (s.u.). Sie ist in wallende Gewänder mit fast bis zum Boden reichenden Ärmeln gehüllt und hält in den Händen Hand ein hu 笏 (auch huban 笏板 oder shouban 手板), eine lange, schmale Bambustafel, die von Beamten bei Audienzen benutzt wurde. Die Gesichtszüge sind wenig asiatisch, besonders auffällig ist der üppige Vollbart.

Die Bibliothek entspricht der in Europa vertrauten Form, die dargestellten Bücher sind dicke, auf Bünde geheftete, in Leder gebundene Folianten, die teils in den Regalen stehen, teils liegen. Chinesische Bücher wirken auf den europäischen Betrachter weniger beeindruckend und wenig repräsentativ – es sind überwiegend kleinere Formate/Hefte in der seit dem 16. Jh. verwendeten sog. “Japanbindung” (xianzhuang 綫裝). Da die Hefte weiche Einbände haben, werden werden mehrere Hefte in einem steifen Umschlag (einfacher Wickel-Umschlag oder Schachteln – jeweils mit Knebelverschlüssen) zusammengefasst.

Auf dem Giebel wird diese Bibliothek bezeichnet – in Schriftzeichen 國學, mit Transkription ‘qúĕ hiŏ’ (guoxue) und Übersetzung “Gymnasium Imperii”. Hinter der Figur des Kong Qiu sind an einem langen Tisch Schreiber an der Arbeit. Einzelne Regalböden sind beschriftet, auf den Brettern in Transkription, über den Büchern ‘schweben’ Schriftzeichen.

Links von oben nach unten:

  • 書經 Xu-Kim  (Shūjīng - “Buch der Urkunden”)
  • 春秋 Chun Cieu (Chūnqiū – “Frühlings- und Herbst-Annalen)
  • 大學 ta hio (Dàxué – “Das große Lernen”)
  • 中庸 chum yum (Zhōngyóng – “Mitte und Map”)
  • 論語 Lun yu (Lùnyǔ – “Gespräche”)

Rechts von oben nach unten:

  • 禮記 Li Ki (Lǐjì – “Aufzeichnungen über die Riten”)
  • 易經 Ye Kim (Yìjīng – “Buch der Wandlungen”)
  • 繋辭  Hi Cu (Xici – “Abhandlungen zu den Urteilen”)
  • 詩經 Xi Kim (Shījīng – “Buch der Lieder”)
  • 孟子 mem cu (Mèngzǐ – “Menzius”)

Von dem erst in der Han-Zeit entstandenen Xici abgesehen, sind das die Sìshū Wŭjīng 四書五經, die “Vier Bücher und Fünf Klassiker”, vor 300 v. Chr. entstandenen Texte, die den konfuzianischen Kanon bilden.[3]

Unterhalb der Bücherregale stehen jeweils neun dreieckige Gedenktafeln (páiwèi 神位) mit den Großjährigkeitsnamen (zi 字) von einigen Schülern des Kongzi[4], die teilweise in den Schraffuren fast untergehen – zu erkennen sind u.a. links (von vorne): 子魯 Zilu (i.e. Ran Ru 冉孺), 孟子 Mengzi, 子貢 Zigong (i.e.  Duanmu Ci 端木賜) und 子遲 Zichi (i.e. Fan Xu 樊須).

An der Rückwand, die zu einem Garten geöffnet scheint, stehen große Schrifzeichen, die – zusammen gelesen – einen Hinweis auf den Dargestellten geben: 仲尼天下先師 Zhong Ni, tianxia xianshi (“Zhongni, der erste Lehrer der Welt”). Zhongni 仲尼 war der Großjährigkeitsname (zi) des Kong Qiu, xianshi 先師 “erster Lehrer” ist eine häufige Bezeichnung für ihn.[5]

Statue des Kong Qiu im Beijing Kongmiao 北京孔庙 Foto: Georg Lehner 2011

Statue des Kong Qiu im Beijing Kongmiao  北京孔庙 (2011)
Foto: © Georg Lehner

Von den Schriftzeichen abgesehen, hat die Darstellung wenig ‘Chinesisches’ – und doch ähnelt diese wohl früheste Darstellung des ‘Konfuzius’ der auch heute noch in China vertrauten Darstellung des Kong Qiu.

 

  1. Zum Entstehungskontext und zur Veröffentlichung vgl. das Kapitel “Printing Confucius in Paris” in: Nicholas Dew: Orientalism in Louis XIV’s France (Oxford: Oxford University Press 2009) 205-233. Digitalisate von Confucius Sinarum Philosophus → Bibliotheca Sinica 2.0
  2. Es fehlt somit das vierte der Vier Bücher,  Mengzi 孟子 (“Mencius”) – die Übersetzung von Mengzi erschien 1711 in den Sinensis Imperii Libri Classici Sex des François Noël. Dazu David E. Mungello: “The First Complete Translation of the Confucian Four Books in the West”. In: International Symposium on Chines e-Western Interchange in Commemoration of the 400th Anniversary of the Arrival of Matteo Ricci, S.J. in China (Taipei 515-1983), vgl. Werner Lühmann, Konfuzius in Eutin. Confucius Sinarum Philosophus – Die früheste lateinsiche Übersetzung chinesischer Klassiker in der Eutiner Landesbibliothek (=Eutiner Bibliothekshefte 7, Eutin: Eutiner Landesbibliothek 2003) 45 f.
  3. Vier Bücher: Daxue 大學 (“Das große Lernen”), Lunyu 論語 (“Gespräche”), Zhongyong 中庸 (“Mitte und Maß”),  Mengzi 孟子 (“Mencius”); Fünf Klassiker: Shijing 詩經 (“Buch der Lieder”), Shujing 書經 (“Buch der Urkunden”), Liji  禮記 (“Aufzeichnungen über die Riten), Yijing 易經 (“Buch der Wandlungen”), Chunqiu 春秋 (“Frühlings- und Herbstannalen”).
  4. Nach Sima Qian hatte Kongzi Tausende von Schülern, doch nur 77 meisterten die Lehren, einige dieser Schüler werden in den Lunyu genannt.
  5. Lühmann (2003) 35 übersetzt “Der mittlere Ni”.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/607

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