Bayern, Deine Heimat

Den Anfang meines aktuellen Arbeitsfeldes machte ein Quellenschnipsel aus dem Protokollbuch der Gemeindeverwaltung:

Gemeindeverwaltung, Bernried am 21. Februar 1904. Gegenstand der Beschlußfassung auf Grund Art. 101 des Pol.-Str.-Ges.-B.
Auf Vortrag des Bürgermeisters und nach eingehender Beratung wurde mit allen Stimmen beschlossen, was folgt:
Die Gemeindeverwaltung Bernried erläßt auf Grund Art. 1,3 Ziffer 1 u. Art. 101 des Polizei-Straf-Gesetzbuches nachstehende ortspolizeiliche Vorschriften:
§1
Veränderungen im Innern oder am Äußeren von Gebäuden u. sonstigen baulichen Anlagen, wie Feldkapellen u. Denkmalen, von künstlerischer oder geschichtlicher Bedeutung, namentlich auch Änderungen an Fassaden mit alter Bemalung unterliegen der baupolizeilichen Genehmigung, auch wenn sie sonst nach der allgemeinen Bauordnung nicht genehmigungspflichtig werden.
§2
Bei allen Neubauten u. Umbauten ist darauf Bedacht zu nehmen, daß die Gebäude den heimischen Bauformen bzw. dem Charakter der Bauweise des Ortes angepaßt werden u. auf das Gesamtbild des Ortes und der nächsten Umgebung nicht störend wirken.
§3 Die Ortspolizeibehörde behält sich vor, gegebenen Falls nach Einvernehmen von Sachverständigen Änderungen an den Plänen anzuordnen, soweit dies möglich ist, ohne durch bedeutende Erhöhung der Kosten die Bauausführung unmöglich zu machen oder zu sehr zu erschweren.
[...] (Gemeindearchiv Bernried, B2/5, S. 1f.)

Schon auf den ersten Blick ist dieser Quellenschnipsel interessant, handelt es sich doch um ein Paradebeispiel für konservativ-konservierende Dorfpolitik. Dabei ist aber mindestens genauso interessant, dass offenbar der Anstoß für diese politische Regulierung des Bauens in Bernried nicht aus dem Dorf selbst kommt, denn die Grundlage ist ein bayerisches Gesetz, das nun Auswirkungen auf die Politik vor Ort hat.
Noch interessanter wird das Ganze aber auf den zweiten Blick, denn es handelt sich bei dieser Quelle um den lokalen Niederschlag einer größeren Bewegung, der Heimatschutzbewegung, die in ganz Deutschland aktiv war und Parallelen in anderen europäischen Ländern hat. Als Teil der bürgerlichen Reformbewegungen gehörte die Heimatschutzbewegung eher dem rechts-konservativen Lager an und hatte erhebliche Überschneidungen mit der Agrarromantik; sie vereinte Denk- und Naturschutz mit Volks- und Brauchtumspflege. Ihr Zentrum hatte die Heimatschutzbewegung im städtischen Raum unter akademisch geprägten Männern des Bürgertums. Hier aber wird sie auch Teil der politischen Wirklichkeit im Dorf.
Im Moment arbeite ich mich an diese Thema in zwei Richtungen ab:

  • Erstens rekonstruiere ich, welche Vorstellungen von Ländlichkeit und Moderne in der Heimatschutzbewegung verbreitet waren und in welcher Form diese Vorstellungen sich in administrativen Formen niederschlugen – nicht nur in Gesetzen, sondern auch in Vorschriften, Maßgaben für Bauämter etc.
  • Zweitens bin ich auf der Suche nach den Wirkungen der Vorschrift. Wurde sie – in Bernried und Umgebung vor allem – zur Anwendung gebracht? Welche Bauten wurden verhindert oder modifiziert? Gab es möglicherweise Konflikte, Auseinandersetzungen? Hier führt mich eine Spur besonders in die Richtung der Bauberatungen, die der Bayerische Verein für Volkskunst und Volkskunde e.V. seit 1904 anbot – mit wachsendem Erfolg.

Während die erste Perspektive also den Horizont erweitert, nach bayerischen, deutschen, möglicherweise sogar europäischen synchronen Prozessen und Entwicklungen fragt, ist die zweite Perspektive vor allem lokal, konzentriert auf Bernried und Umgebung, und durchaus nicht nur auf 1904. Vielmehr wird hier die Wirkungsgeschichte der Regelung verfolgt – und damit auch die Frage, welche Wirkungen die Makrogeschichte von Agrarromantik und nationalkonservativer Heimatideologie auf den ländlichen Mikrokosmos hatte. Das scheint mir ein vielversprechender doppelter Ansatz der mikrohistorischen Erforschung ländlicher Gesellschaften zu sein. Über exemplarische Ansatzpunkte versuche ich, die Verbindungen in die weitere Geschichte zu rekonstruieren – Verbindungen synchroner Art in die Makro-Geschichte, gleichzeitig auch diachrone Entwicklungslinien, die über die Wirkung dieser „Makro-Geschichte“ (wie der Heimatschutzbewegung) im Konkreten Aufschluss geben können.
Ich werde vermelden, wenn ich mit den Nachforschungen weiter gekommen bin – im Moment bin ich eingegraben in Akten, alte Zeitschriften und (mehr oder weniger) aktuelle Fachliteratur zum Thema.

Quelle: http://uegg.hypotheses.org/114

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Gedanken zum “Schreiben im Autorenkollektiv”

Der Prozess des wissenschaftlichen Schreibens ist in der Regel einsam. Mit dem Material aus den diversen Bibliotheken und Archiven, seinen Notizen und Exzerpten sitzt der Wissenschaftler am Schreibtisch und arbeitet an Form und Inhalt seines Textes. Der Austausch mit Fachkollegen ergibt sich eher fernab des Schreibtisches bei Forschungskolloquien oder wissenschaftlichen Tagungen.

Hebt sich das “Schreiben im Autorenkollektiv”, wie es bei der Netzbiographie geschieht, hiervon ab? Der Begriff deutet zunächst an, dass der Prozess des Schreibens gemeinsam vollzogen wird. Dennoch ist auch jeder Autor der Netzbiographie während des Schreibens zunächst auf sich allein gestellt. Der Blickwinkel auf den jeweiligen biographischen Abschnitt ist also zunächst subjektiv und nicht der eines Kollektivs, dass ihm beim Schreiben “über die Schulter sieht”. Und dennoch gewinnt das Autorenkollektiv im weiteren Prozess des Schreibens für die Netzbiographie an Einfluss auf den Text des einzelnen Autors.

Das “kollektive Schreiben” der Netzbiographie beinhaltet dabei nicht allein die gegenseitige Bestätigung oder Widerlegung von Ergebnissen der Mitautoren. Die Arbeit und der Ausstausch in einem Autorenkollektiv bieten darüber hinaus einen direkten Zugang zu den Expertisen und Ansätzen der Mitautoren und führen somit auch zu einer wesentlichen Erweiterung der Perspektiven auf den eigenen Themenbereich. Was sich hieraus ergibt, ist weniger ein “miteinander” als “aufeinander zu Schreiben” (vgl. Blogbeitrag vom 16.07.2013). Die oftmals eher mikrohistorischen Darstellungen der einzelnen Themengebiete der Netzbiographie gewinnen durch diese Synergieeffekte zwischen den einzelnen Beiträgen an Tiefe, da sie die individuellen “Sehepunkte” in einen direkten Zusammenhang zueinander stellen können.

Als Beispiel kann hier der Beitrag zur Tätigkeit Joseph zu Salm-Reifferscheidt-Dycks in der napoleonischen Ehrenlegion dienen. Für sich allein genommen erscheint das Themengebiet des Beitrags sehr klar umgrenzt. In der Zusammenschau aller Themengebiete ergeben sich allerdings relativ unerwartete Verbindungen zu verschiedensten Gebieten, wie etwa “Freimaurerei”, “Botanik” oder “Großgrundbesitzer”. Die Perspektiven dieser “verwandten” Beiträge und damit das Wissen der Mitautoren kann durch das einfache Setzen eines Links abgeschöpft werden. Salm-Reifferscheidt-Dycks Tätigkeit für die napoleonische Ehrenlegion kann hierdurch sehr viel genauer in ihrer Bedeutung vermessen werden.

Martin Otto Braun

Quelle: http://rhad.hypotheses.org/188

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