Aufnahmezustand

Aufnahmezustand

Historische Psychologie

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete der Bild- und Kulturhistoriker Aby Warburg an einer Studie über Bilderkämpfe mit dem Titel „Heidnisch-antike Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten“, die dem Phänomen einer „Renaissance der dämonischen Antike im Zeitalter der deutschen Reformation“ gewidmet war.[1] Der klassisch gewordene Aufsatz weckte auch deshalb das wissenschaftshistorische und wissenschaftstheoretische Forschungsinteresse, weil sich mit dem Text eine zentrale Position der bild- und ideenhistorischen Geschichtsforschung verbindet: Historische Ereignisse, Formulierungen und Artefakte können miteinander verglichen werden, obwohl sie chronologisch betrachtet sehr weit auseinanderliegen.[2] So zielten Warburgs Erörterungen auf das Mythisch-Okkulte im Altertum wegen dessen überraschender, der modernen Aufgeklärtheit trotzender Wiederkehr sowohl durch die Astrologie in der Lutherzeit als auch durch den Aberglauben an den Schutz vor feindlichen Kugeln durch Bildmagie bei Soldaten während des Ersten Weltkriegs.[3]

In dem Vortragstext von 1920 über das Nachleben der Antike in und durch Konflikte wurde die Forderung nach einer streng kontextbezogenen Interpretation in Bezug auf den mittelbaren historischen und den unmittelbaren zeitgeschichtlichen Rahmen gleichermaßen unterlaufen oder überboten. Denn dass sich Geschichte nicht wiederholt, trifft sehr wohl auf die konkreten historischen Momente zu. Doch gerade diese Momente können als Ereignisse, Formulierungen und Artefakte zu Umwertungen von Grundmustern des Selbst- und Weltverhältnisses wie z.B. der Idee der Freiheit oder der Idee des Staates führen.

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Quelle: https://www.visual-history.de/2017/10/17/aufnahmezustand/

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