Webressourcen aus Nordeuropa – Fundstücke: Sammelsurium aus 2013

Für Dezember stellen wir in den Fundstücken neue Datenbanken aus verschieden Bereichen vor, die wir im Laufe des Jahres 2013 aus der skandinavischen Netzwelt zusammengesammelt haben.

Dänemark

Dänemarks Marktführer im Bereich Familienforschung “My Harritage” stellt in seiner bedingt kostenpflichtigen Datenbank Find dine danske rødder Sterbe-und Heiratsdaten von ca. 14 Millionen Dänen, die bis ins Jahr 1618 zurückreichen, ins Netz.

Eine Gruppe von dänischen Regionalhistorikern hat eine Quellensammlung zur Geschichte der fünischen “Boye bande” (1853) auf der Seite Mordet på Niels Hansen zusammengestellt.

Die Webseite des Stadtarchivs Kopenhagen Flugten 43 enthält Quellenmaterial (Fotos, Filmausschnitte, Hörbeispiele, Erinnerungen von Flüchtlingen und Fluchthelfern sowie Berichte der Polizei und des Sozialen Dienstes) und Informationen zur Flucht der dänischen Juden im Oktober 1943.

Das Archiv der Arbeiterbewegung in Kopenhagen hat die Tonmitschnitte des Zentralkomitees der DKP  digitalisiert.

Das digitale Projekt Historisk Atlas bildet für das südliche Dänemark u. a. archäologische Funde, Denkmäler, die Geschichte der Höfe, Dörfer, Kirchen und Schiffswracks ab und enthält neben Karten und Videos auch über 15.000 Fotos. Im Mai 2013 wurden in den Atlas auch norddeutsche Gebiete integriert.

Die Königliche Bibliothek in Kopenhagen hat zum Anlass der 100-jährigen Wiederkehr des Kriegsausbruchs 1914 eine Sammlung mit v. a. dänisches Kartenmaterial digitalisiert, das in Verbindung mit dem 1. Weltkrieg bzw. der Volksabstimmung 1920 erstellt wurde.

Schweden

Das schwedische Zentralamt für Denkmalpflege (Riksantikvarieämbetet) veröffentlicht in der Datenbank Sveriges Kyrkor Digitalisate des gleichnamigen mehrbändigen Werks sowie die Berichte des Forschungsprojektes “Sockenkyrkorna”.  Auch die Digitalisate des dänischen “Schwesterwerkes” Danmarks Kirker sind nun online.

Die archäologischen Berichte der Abteilung “Arkeologiska uppdragsverksamheten” des Riksantikvarieämbetets sind jetzt ab dem Jahr 2000 abrufbar.

In der Datenbank Hallströms advokatbyrå des Forschungsarchivs in Umeå können 7300 Akten der größten Kanzlei Norrlands für den Zeitraum 1909-1927 durchsucht werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Schwedens große Wasserläufe vor der Nutzung der Wasserkraft erfasst. Der Schwerpunkt lag auf der detaillierten Beschreibung der geografischen Bedingungen und dem Potenzial für die Wasserkraft. Die daraus resultierende Publikation Förteckning över Sveriges vattenfall wurde digitalisiert und ist als PDF-Format online zugänglich.

Quelle: http://nordichistoryblog.hypotheses.org/2051

Weiterlesen

Neues DSchG in NRW auf der Zielgeraden, Streichung vom Tisch? und weiter…

In der Plenarsitzung des Nordrheinwestfälischen Landtages wird kommenden Donnerstag, den 11.7.2013, die Novellierung des Denkmalschutzgesetzes NRW in Zweiter Lesung behandelt. Hier die Tagesordung Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass das Gesetz verabschiedet wird, da es von der Regierungsmehrheit von SPD und Grünen getragen wird. Die zweite Lesung ist also noch der letzte formale Akt und dann hat NRW ein neues Denkmalschutzgesetz, mit dessen Umsetzung sich die zuständigen Verwaltungsbehörden und Fachämter auseinandersetzen müssen. Die Beschlussempfehlung und der Bericht mit der nun “endgültigen” Fassung des DSchG NRW ist auf Seiten des Landtages einzusehen. Hier zu finden. Den Gesetzentwurf der ersten Lesung finden Sie hier.

Der Vollständigkeit halber hier noch mal der Änderungsantrag zu der Gesetzesnovelle von SPD und Grünen, der im Ausschuss angenommen wurde. Die Änderungsanträge der CDU und der Piraten wurden nicht angenommen. Die FDP-Fraktion hat erst gar keinen eingebracht. Sie macht aber deutlich, dass sie von der Einführung des Schatzregals nichts hält.

Die Debatte zu der Novellierung des DSchG NRW wurde fast vollständig von der Empörung über die geplanten Mittelkürzungen/ Streichungen überlagert. Das Medienecho war enorm und die von der DGUF (Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte) eingebrachte Petition wurde ganze 27005 mal unterschrieben. Die dguf hat dazu einen Pressespiegel zusammengestellt. Es wurden sogar Stimmen laut, die von “Denkmalpflege als Wahlkampfthema” unkten. Klar. Weil die Sozen in NRW die Mittel kürzen und die Konservativen sich der allgemeinen Empörung anschließen. Das ist kein Wahlkampf, sondern politischer Alltag. Der Wahlkampf kommt im August und September auf uns zu und Archäologie und Denkmalpflege spielen da garantiert keine Rolle und das ist auch gut so.

Kulturgüterschutz hat nämlich nichts, aber auch gar nichts im Wahlkampf zu suchen. Kulturgüterschutz ist von allgemeinen Interesse und eine Ideologisierung durch Parteien schadet allen Beteiligten. Der richtige Weg ist eine kluge und nachhaltige Lobby-Arbeit, welche die Notwendigkeit und den Nutzen von Archäologie und Baudenkmalpflege für die Allgemeinheit verdeutlicht. Eine Petition und Rabatz in der Presse ist keine vorausschauende Lobby-Arbeit, sondern politische Notwehr. Dass eine Landesregierung mit den Gedanken spielt, eine sowieso schon geringe Direktförderung ganz zu streichen, oder wie kürzlich im Land Brandenburg eine Enquete-Kommission die Denkmalämter abschaffen möchte, zeigt, dass diese Lobby (noch?) nicht effektiv arbeitet.

Es ist die Aufgabe aller archäologischen Gesellschaften, sich für eine gesellschaftliche Verankerung von Archäologie und Denkmalpflege einzusetzen. Es ist wichtig sich stark zu machen gegen Kürzungen, gegen Ämter-, Lehrstuhl-, und Museumsschließungen, für gute Denkmalschutzgesetzte und für fachlich besetzte Untere Denkmalschutzbehörden.

Weitere Links zur Gesetzesnovellierung des DSchG NRW

Einen Überblick über der Beratungstand findet man auf der Seite des Landtages. Hier ist auch das Video der ersten Lesung zu sehen.

Die Öffentliche Expertenanhörung zu diesem Gesetzentwurf fand am 6.6.2013 statt. Das Protokoll dieser öffentlichen Anhörung finden Sie hier.

Pressemeldung der SPD-Fraktion zur Expertenanhörungvom 6.6.2013.

Die gemeinsame Pressemitteilung der Regierungsparteien zum Änderungsantrag finden Sie hier.

Zur Archäologie und ihre Rolle in der Öffentlichkeit und den Sozialen Medien hat Reiner Schreg kürzlich einen Gastbeitrag im Blog des Journal of Community Archaeology and Heritage geschrieben.

Mittelkürzungen in der Denkmalpflege

Ich habe noch ein paar Pressemeldungen dazu zusammengestellt, die vornehmlich von politischer Seite kommen und wenig Beachtung fanden. Pressemeldungen von Parteien werden oft genug einfach ignoriert, um sich selbst nicht dem Vorwurf der Parteilichkeit auszusetzen. Deswegen hier offizielle politische Statements aus allen Lagern.

Pressemeldung der Grünen-Landtagsfraktion NRW mit aktuellen Zahlen

Interview mit dem kulturpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion Burkhard Müller-Ullrich im NRW-Landtag bei Deutschlandradio

Kritik der CDU Landtagsfraktion an den Mittelkürzungen via siwiarchiv.de

Resolution des Stadtrats der Stadt Laasphe  gegen die Mittelstreichungen via siwiarchiv.de

Beschluss der Landeskonferenz der Jusos NRW für eine Weiterförderung der Bau- und Bodendenkmalpflege in NRW. Beschluss und Begründung aus Antragbuch/ Pressemeldung der Jusos Duisburg (Antragsteller).

Pressemeldung der Nordrhein-Westfälischen Landtages zur Überreichung der Petition gegen die Streichungen der Denkmalpflegemittel durch Funktionäre der DGUF (Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte) Die dazugehörige DGUF-Pressemitteilung hier.

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/630

Weiterlesen

Duisburgs Bruch mit seiner Geschichte – Mercator-Haus Duisburg III

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Duisburg stark zerstört. Der Wiederaufbau sollte vielmehr ein vollständiger Neuaufbau werden. Es war ein gewollter Bruch mit der Geschichte und mit der gewachsenen historischen Siedlungsstruktur.

Die Bombenangriffe auf Duisburg begannen bereits 1940. Die Stadt glich nach dem Krieg einem Trümmerfeld, wie fast alle Großstädte Deutschlands auch.

Bei einem Beschädigungsgrad von über 60% gilt ein Gebäude als nicht mehr zu retten. Für Duisburg Mitte betraf das 58,4 % des Bestandes. 1947 waren in der Innenstadt 25,2 % der Häuser bereits wieder instand gesetzt und 15, 6% wurden als wieder aufbaufähig eingestuft. Weitere stark zerstörte Stadtteile waren Beeck mit 54,6 % und Untermeiderich mit 57% nicht instandsatzungsfähigen Gebäuden. Der in den 60er Jahren flächensanierte Stadtteil Ruhrort  war „nur“ zu 28% nicht mehr aufbaufähig.[1]

Kohle und Stahl machten das Ruhrgebiet in den 50er Jahren zu einem Motor des Wirtschaftswunderlandes Deutschland. Der Reichtum Duisburgs war einer der Gründe, warum hier eine flächige Neugestaltung der Innenstadt überhaupt möglich wurde. Es wurden straßenzugweise Grundstücke aufgekauft und neu überplant. Bei einer Totalzerstörung von 58, 4% des Gebäudebestandes wären 42% der Häuser wieder zu errichten gewesen. Genug, um an die alte Duisburger Altstadt anzuknüpfen. Das wollten die Stadtväter der fünfziger Jahre nicht. Der Wiederaufbau in Deutschland war von einer starken öffentlichen Debatte begleitet, die sich sehr kontrovers über die verschiedenen Konzepte äußerte.

Ein so radikales Aufräumen, wie in Duisburg, war nämlich nicht die Regel. In anderen Städten wurden andere Konzepte durchgeführt und prägen heute Stadt und Menschen. In den stark zerstörten polnischen Städten Warschau, Breslau und Danzig wurden die Altstädte teilweise bis ins kleinste Detail rekonstruierend wieder aufgebaut. Die Stadtzentren stehen heute da, als wären sie niemals Mittelpunkt von Kampfhandlungen gewesen. Eine ähnliche Wiederaufbauleistung leistete man in Rothenburg ob der Tauber, wo 40% der Bebauung zerstört wurden. Rothenburg gilt als ein Inbegriff des deutschen Mittelalters und die Altstadt von Warschau ist seit 1980 Unesco-Weltkultur-Erbe.

Ein anders Konzept wurde im schwäbischen Freudenstadt und im westfälischen Münster verfolgt. Die zentralen und identitätsstiftenden Bauten, wie die Freudenstädter Kirche und in Münster das Rathaus wurden rekonstruiert, die historische Parzellenstruktur wurde beibehalten. In Münster orientiert sich die Gestaltung der Fassaden an den Originalen, sind aber keine Kopien, sondern vielmehr moderne Interpretationen. Wie in den meisten deutschen Städten wurden auch in Köln die Kirchen rekonstruiert. Neben den Kirchen schmerzte den Kölnern besonders der Verlustes des geliebten Rheinpanoramas. Der berühmte Blickfang ist heute durch eine Rekonstruktion des alten Rathauses wieder hergestellt. Der Gedanke der stilistischen Geschlossenheit eines Stadtbildes hat den Ausschlag für den rekonstruierenden Wiederaufbau der Maximilian-Straße in München gegeben. Wir sehen, der Duisburger Weg, auch in Stuttgart oder Kassel verwirklicht, war nicht der einzige Weg.

Unsere Städte haben sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt. Auch Duisburg, am Zufluss der Ruhr in den Rhein gelegen, war seit der Seßhaftwerdung des Menschen Siedlungsplatz. Die Stadt taucht in den Schriftquellen im 9. Jahrhundert das erste Mal auf. Im 10. Jahrhundert wurde Duisburg Königspfalz. Königspfalz zu sein bedeutet, zu den wichtigsten Orten des Deutschen Reiches und zugleich zu den Regierungssitzen des Kaisers zu gehören: wie Aachen, Paderborn, Werla, Tilleda, Grone und Trebur. Duisburg ist zudem westlicher Ausgangspunkt des Hellweges, des wichtigsten Landhandelsweges zwischen Rhein und Elbe. Der Zielort Magdeburg an der Elbe definiert sich heute durch „seinen“ Kaiser Otto I.  Es ist die große Zeit Duisburgs und Ausgangspunkt einer städtebaulichen Entwicklung. Die Pfalz ging wiederum auf einen Königshof zurück, aber das soll hier nicht Thema sein.

Ich habe einmal Duisburger Stadtansichten aus den unterschiedlichen Jahrhunderten untereinander gestellt. Sie sind alle ungefähr aus der gleichen Perspektive aufgenommen und zeigen die Entwicklung der Stadt in den letzten tausend Jahren. Die Google-Earth-Screenshots habe ich von 3D-Modellen gemacht, die von der Uni-Bochum im Netz-Projekt RuhrZeiten erstellt worden sind. Näheres zum Projekt hier.

Besonders eindrücklich zeigt das Luftbild aus den fünfziger Jahren, was ein Bruch mit seiner Geschichte bedeutet. Ein Loblied auf den Wiederaufbau Duisburgs singt heute niemand mehr.

 

[1] Die Zahlen stammen aus: G. Schörken, Wiederaufbau in Duisburg nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1960 (maschinenschriftliches Manuskript 1993) S. 32

 

jjjjjj

Ansicht einer 3D-Rekonstruktion der Kaiserpfalz Duisburg um 1000 Screenshot von www.RuhrZeiten.de für Google-Earth

 

Ansicht einer 3D-Rekonstruktion der Stadt Duisburg um 1200 Screenshot von www.RuhrZeiten.de für Google-Earth

 

Ansicht einer 3D-Rekonstruktion der Stadt Duisburg um 1566 Screenshot von www.RuhrZeiten.de für Google-Earth

 

Luftbild der Duisburger Innenstadt von 1924 (Stadtarchiv Duisburg)

 

Luftbild der Duisburger Innenstadt in den späten 50er Jahren (Stadtarchiv Duisburg)

 

Literatur:

A. Assmann, Geschichte im öffentlichen Raum: Architektur als Erinnerungsträger, in: A. Assmann, Geschichte im Gedächtnis (München 2007) 96-135

G. Binding, Deutsche Königspfalzen. Von Karl dem Großen bis Friedrich II. (765-1240) (Darmstadt 1996)

A. Blank (Hrsg.) J.H. Withof, Chronik der Stadt Duisburg von den Anfängen bis zum Jahre 1742 (Norderstedt 2008)

L. Heid-, H.-G. Kraume-, K. Lerch-, J. Milz-, H. Pietsch-, G. Tromnau-, K.-D. Vinschen, Kleine Geschichte der Stadt Duisburg (Duisburg 1996)

G. Krause (Hrsg.), Stadtarchäologie in Duisburg 1980-1990, Duisburger Forschungen 38 (Duisburg 1992)

J. Milz, Neue Erkenntnisse zur Geschichte Duisburgs, Duisburger Forschungen 55 (Duisburg 2008)

G. Schörken, Wiederaufbau in Duisburg nach dem Zweiten Weltkrieg 1945-1960 (maschinenschriftliches Manuskript 1993) liegt auch gedruckt vor

Zeitzeugenbörse Duisburg e.V. (Hrsg.), Bomben auf Duisburg (Erfurt 2012)

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/362

Weiterlesen

Die Duisburger entdecken die Archäologie (Mercatorhaus Duisburg II)

Die Ausgrabung des Wohnhauses Gerhard Mercators hat in Duisburg einen wahren Begeisterungssturm ausgelöst. Die Presse sprach von Sensationen. Die Stadtbürger entdecken eine Geschichte vor der Industrialisierung und Archäologie und Denkmalpflege sollten das nutzen.

Eine Bürgerinitiative rund um den stadtbekannten Filmproduzenten und Filmforum-Geschäftsführer Kai Gottlob wollen das Wohnhaus wieder aufbauen. Der Oberbürgermeister unterstützt ihn. Die ersten klugen und weniger klugen Vorschläge über Aufbau und Nutzung werden laut.

In Kunstgeschichte und Denkmalpflege ist Rekonstruktion aber eine aufgeladene Debatte. Die Argumente werden von den Befürwortern und Gegnern  wechselseitig als „Behauptungen“ diffamiert, die irgendwie ohne Grundlage seien und sowieso muss man diesem Wahn „intellektuell entgegentreten.“[1]

Die Texte bestehen aus mehreren Zeilen langen Schachtelsätzen, die 3 bis 4 Sinneinheiten beinhalten. Die Verben sind meist dem lateinischen und griechischen entlehnt, was die Intellektualität dieses „Intellektuellen Entgegentretens“ noch unterstreicht. Wer die Duisburger kennt, weiß, dass man ihnen so nicht zu kommen braucht. Mit Arroganz katapultiert man sich selbst aus der doch notwendigen gesellschaftlichen Debatte.

Die wissenschaftliche Begleitung ist aber unbedingt erforderlich. Die Entscheidung nach dem Ob? liegt in der Hand von Bürgerinitiativen und Politik. Die Frage nach dem Wie? kann in der Hand von Archäologen, Bauforschern und Kunsthistorikern liegen, was dringend zu wünschen ist. Wie sich die Dinge in Duisburg entwickeln, wird man sehen.

Die lange, aufgeladene Debatte innenhalb der Kunstgeschichte und akademischen Denkmalpflege findet so in der Archäologie nicht statt. Rekonstruktionen sind eine Selbstverständlichkeit: Sie werden gezeichnet, dreidimensional am Rechner erstellt oder aus Holz oder anderen Materialen meist im verkleinerten Maßstab gebaut. Auch 1:1 Rekonstruktionen sind nicht selten und gehören zum Erscheinungsbild von Archäologischen Parks und Museen. Stellvertretend seien hier genannt: Der Archäologische Park Xanten (nordwestlich von Duisburg) (Römer), die Slawenburg Radusch (bei Cottbus) (Slawen), der keltische Glauberg (Hessen) (Kelten) oder das archäologische Freilichtmuseum in Unteruhldingen (Bodensee) (Vorgeschichte). Es gibt aber noch viel viel mehr. In der Archäologie ist man sich über die „Gefahr“ einer solchen Rekonstruktion bewusst: Sie spiegeln nämlich immer nur den Forschungstand wieder. Allerdings ist das nicht die Hauptsache. Die Hauptsache ist die Erhaltung des Originals. Rekonstruktionen sind letztlich Visualisierungen von Forschung. Die Fundamente, Ausbruchsgruben, Brunnenschächte und Abfallgruben sind wissenschaftliche Quellen und müssen für die Nachwelt erhalten bleiben. Das Problem hierbei ist, dass diese Dinge nicht in ein Archiv gebracht werden können, sie müssen vor Ort erhalten bleiben. Der zweite Punkt ist, dass im Falle einer Vor-Ort-Rekonstruktion, wie im Falle des Mercatorhauses, die Fundamente, die erhaltenen Keller und die Überreste der Erdgeschossmauern als Originale deutlich vom rekonstruierten Aufgehenden zu unterschieden sind. Bei der Rekonstruktion ist es dann aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten tatsächlich egal, welchen historischen Zustand man wählt. Es ist auch möglich, das Vorderhaus und Hinterhaus in zwei unterschiedlichen Zeitstufen zu rekonstruieren, man kann auch nur eine historische Fassade nachbilden mit einem Betonkasten dahinter oder sich gleich für eine Kubatur entscheiden. Diese Entscheidung liegt wiederum bei Bürgerinitiative und Politik. Bei der wissenschaftlichen Beratung der Rekonstruktion kann und darf aber nicht gespart werden, denn sonst ist die Gefahr einer Blamage hoch. Denn dem öffentlichen Blick durch die Medien dürfen sich die Verantwortlichen gewiss sein.

Architektonische Rekonstruktionen sind keine Seltenheit  in deutschen Stadtbildern. Im Gegenteil sind sie häufig sogar die Aushängeschilder, ein Teil des Stadtimages. Frankfurt wirbt mit dem Wiederaufbau seiner Altstadt, für Dresden ist die Frauenkirche im Dresdener Barock das Städtische Symbol bürgerschaftlichen Aufbruchs nach Bombenkrieg und sowjetischer Besatzung, das Potsdamer Schloss und das Berliner Schloss ein Rückgriff auf Preußens vergangenen Glanz.

Das Mercatorhaus war ein spätgotisches Wohnhaus, dessen Einzigartigkeit darin besteht, dass Mercator darin gewohnt hat. Es wieder aufzubauen ist legitim und wird ebenfalls das Stadtimage verändern. Denn Duisburg ist Mercator-Stadt, genau so, wie Frankfurt Goethe-Stadt ist, und das ist gut miteinander zu vergleichen.

Die Begeisterung der Duisburger resultiert nicht zuletzt daraus, dass ihnen vor Augen geführt wird, dass ihre Geschichte eben nicht mit der Industrialisierung beginnt. Auch Duisburg hat eine Rolle  in Mittelalter und  Rennaisance. Die aktuell erhöhte Sensibilität der Duisburger für ihre Geschichte können Archäologie und Denkmalpflege nutzen. Die Denkmalpflege hat nun mehr Argumente die verbliebenen Altbauten zu schützen. Die Archäologie kann sich jetzt verstärkt als die Wissenschaft etablieren, die Duisburg ihre Geschichte erlebbar macht und neue Ansätze zur Stadtplanung aufzeigt.


[1] A. v. Buttlar- G. Dolff-Bonekämper- M. S. Falser- A. Hubel- G. Mörsch- J. Habich (Hgg.), Denkmalpflege statt Attrappenkult. Gegen die Rekonstruktion von Baudenkmälern – eine Anthologie. (Basel Gütersloh Berlin 2010)

 

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/336

Weiterlesen

Rekonstruktion auf archäologischem Befund – In Duisburg soll das Haus Gerhard Mercators wieder aufgebaut werden

Kurz vor Weihnachten erschien die Meldung, dass das Haus Gerhard Mercators auf seinen Fundamenten in Duisburg wieder aufgebaut werden soll. Der Duisburger Oberbürgermeister Sören Link unterstütze diese „Idee“ und stelle sich an die Spitze einer Initiative, die genau das vor hat.

Anlass waren bauvorbereitende Ausgrabungen, bei denen die Fundamente und Keller dieses besagten Hauses freigelegt wurden. Anders als immer wieder zu lesen ist das Wohnhaus Mercators nicht im Zweiten Weltkrieg zerbombt, sonders es ist bereits in den 1920er Jahren abgerissen worden.

Weiterführende Informationen zu den Ausgrabungen findet man auf den Infotafeln, die von der Duisburger Stadtarchäologie erstellt und online gestellt wurden.

Heute steht auf dem Komplex eine leer stehende Schule, das erheblich größere Gelände soll verkauft und neu bebaut werden. Geplant ist, auf einer 3 ha großen innerstädtischen Fläche ein Wohnquartier der Zukunft entstehen zu lassen. Mehr Informationen dazu auf den Seiten des IMD.

Aber ein paar fest entschlossene Duisburger wollen es anders: sie wollen das Wohnhaus des berühmtesten Sohnes der Stadt auf den alten Fundamenten wieder errichten und rennen damit offene Türen ein. Die „Idee“ unterstützen inzwischen die Bürgerstiftung, der örtliche Lions-Club und Pro Duisburg (nicht zu verwechseln mit den rechten Spinnern).

Die Initiative kommt nicht zu spät, denn die Ausgrabungen werden erst im Januar 2013 abgeschlossen werden und das Gelände, es gehört der genannten städtischen Tochter-Gesellschaft, ist noch nicht verkauft. Es gibt also genug Zeit, um dieses Vorhaben auch erfolgreich umzusetzen und/oder einen städtebaulichen Dialog zwischen Stadt, Bürgerinitiative, Stadtplanern, den involvierten Denkmalpflegern und potentiellen Geldgebern zu beginnen.

An der Spitze der Bewegung steht Kai Gottlob, Dokumentarfilmer und Chef des Film-Forums, eines der beliebtesten Kinos der Stadt.

Wie in der Presse zu lesen ist, soll jetzt eine technische Prüfung die Machbarkeit klären. Danach müsste die Finanzierung sicher gestellt werden, der politische Wille und die Begeisterung der Duisburgerinnen und Duisburger sind bereits vorhanden.

Kai Gottlob spricht von einer „seriösen Rekonstruktion“ und es bleibt zu hoffen, dass er damit eine „wissenschaftliche Rekonstruktion“ meint.

Aus archäologischer und denkmalpflegerischer Hinsicht stellen sich nämlich die Fragen: Soll das Mercatorhaus im Zustand 1558 oder von 1924/28 wiederaufgebaut werden? Soll eine echte Rekonstruktion errichtet oder nur die Kubatur aufgegriffen werden? Soll ein Ensemble entstehen oder es einsam zwischen Beton und Glas stehen?

Grundlage einer wie auch immer gearteten Rekonstruktion sind die Fundamente und Keller des Hauses selbst, dazu kommen die überlieferten Grund- und Aufrisse. Erhalten sind zudem Fotografien zwischen 1900 und den 1920er Jahren, aus denen man die Außenansichten und die genauen Geschoßhöhen herleiten kann. Nichtüberlieferte Details, vor allem im Innenbereich, könnten über Parallelen aus der Baugeschichte der Region hinzugefügt werden. Für die zukünftige Nutzung bringen die Initiatoren die Einrichtung einer Gaststätte oder eines Museums ins Gespräch.

Die zukünftige Nutzung sollte vor der Rekonstruktion bedacht sein, denn das Haus im Zustand der 1920er Jahre ist erheblich größer als der Bau Mitte des 16. Jahrhunderts war. Eine Rekonstruktion im Bauzustand der 1920er Jahre wäre zudem erheblich authentischer, weil man schlicht mehr darüber weiß. Eine „akademische Rekonstruktion“ des Wohnhauses, so wie Gerhard Mercator darin gelebt hat, wäre wissenschaftlich spannender aber auch umstrittener.

Die Rekonstruktion von vergangenen Gebäuden ist kein Neuland. Man denke an das Knochenhauer Amtshaus und seine Nachbargebäude in Hildesheim, der Wiederaufbau des Frankfurter Römerberges und das Nikolai-Viertel in Berlin.

Innerhalb der universitären und hauptamtlichen Denkmalpflege sind sie alle umstritten. Die Front in der Debatte nach Rekonstruktion oder nicht läuft mitten durch die wissenschaftliche Denkmalpflege. Die Meinungen dazu sind seit etwa 150 Jahren verfestigt und werden es vermutlich auch bleiben.

Die wissenschaftliche Fragestellung ist hier vielmehr: Wie? Und nicht: Ob?

Man kann den Initiatoren dieses spannenden Vorhabens nur historisches Feeling, eine gute Hand und zahlreiche Sponsoren wünschen.

Links zum Thema:

Zeit-online 18.5.2006

http://www.zeit.de/2006/21/A-Mercator_xml

Wikipedia: Gerhard Mercator

http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Mercator

RP-online: 5.12.2012

http://www.rp-online.de/niederrhein-nord/duisburg/nachrichten/fund-zum-abschluss-des-mercatorjahres-1.3094350

WAZ-online 7.12.2012

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/historischer-muell-ist-schatz-von-heute-id7367798.html

WAZ-online 21.12.2012

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/haus-von-gerhard-mercator-soll-aufgebaut-werden-id7414658.html

xtranews 21.12.2012

http://www.xtranews.de/2012/12/21/mit-gerhard-mercator-in-die-zukunft/

WAZ-online 27.12.2012

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/bausteine-fuer-serioese-rekonstruktion-des-mercatorhauses-id7428132.html

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/267

Weiterlesen