Aufstieg und Niedergang der City Nord

Die City Nord zählt nicht zu den Touristenmagneten Hamburgs. Die Bewohner der Hansestadt kennen, aber meiden sie, Auswärtige haben vermutlich nie von ihr gehört. So leer die City Nord an manchen Tagen auch sein mag, jedem wird beim Rundgang bewusst, dass sie einst ein Großprojekt war, das tausende Menschen anlocken sollte. Viele der Gebäude werden nicht mehr genutzt, Millionen sind hier versickert.Man mag vermuten, dass die City Nord nach anfänglicher Euphorie schnell ähnlich betrachtet wurde wie die Elbphilharmonie, die inzwischen nicht mehr durch ihre Silhouette, sondern vor allem durch ihre Kosten im Gedächtnis haften bleibt. Welche Visionen standen hinter der riesigen Bürostadt und warum haben sie sich nicht erfüllt?

Am 24. August 1959 beschloss der Senat einen neuen Aufbauplan. Der vorangegangene Plan vom 20. Juli 1950 war bereits „übererfüllt“. Die dringenden Probleme der Nachkriegszeit waren bereits gelöst. Flüchtlinge waren bereits integriert, über 25.000 Wohnungen wurden erbaut um jedem ein neues Heim zu bieten. Hatte Hamburg 1946 erst 1.4 Millionen Einwohner, so waren es 1959 schon 1.8 Millionen. Langfristig wurde die Marke von 2.2 Millionen Hamburgern angepeilt, die allerdings bis heute nicht erreicht werden konnte.

„Aufbau statt Wiederaufbau!“

Die Probleme vor denen die Stadtväter standen, waren also vor allem „Luxusprobleme“. Neuer Wohnraum sollte zwar weiterhin erschlossen werden, doch dies war nicht mehr Priorität. Nachdem fast alle Bürger wieder ein Dach über dem Kopf hatten, wollte der Senat das Stadtbild verschönern. Grünflächen für die Naherholung sollten errichtet, die wuchernden Stadträndern durch kleinere regionale Zentren gezähmt werden, ein Ausbau des Personennahverkehrs die Innenstadt entlasten.

In den Zeiten des Wirtschaftswunders schien vieles denkbar. Das Credo der Stadtplaner lautete damals „Aufbau statt Wiederaufbau!“ Etwas komplett neues sollte entstehen. Hamburg sah sich kühn als wichtigste Stadt Westdeutschlands. Berlin als geteilte Stadt galt nicht als ernstzunehmender Konkurrent. Bausenator Paul Nevermann ließ dem Oberbaudirektor Werner Hebebrand weitestgehend freie Hand. (Uns Studenten sollte er vor allem als Architekt des Audimax bekannt sein.) Dieser hatte in den USA gelebt und sich von der dortigen Architektur inspirieren lassen. In den neuen Visionen nahm vor allem der Durchführungsplan D 100 einen immer größeren Raum ein. Neben der Altstadt sollte eine 2. City Hamburg nach außen hin attraktiver machen.

Mit dem Wohlstand der 50 Jahre überfluteten bald auch viele Autos die Innenstädte. Um den Verkehrsinfarkt abzuwenden, sollten viele Berufstätige in anderen Viertel Arbeit finden. Unter dem Namen „Geschäftsgebiet für Kontorhäuser“ wurden verschiedene Szenarien durchgespielt. Wenn man große Firmen in Hamburg ansiedelte, würde dies zwangsläufig die Innenstadt oder die Elb- und Alsterufer beeinträchtigen. Viele Konzerne drohten jedoch, die Stadt zu verlassen, wenn nicht bald ein neues Areal erschlossen würde. Hamburg konnte sich diese wirtschaftlichen Einbußen nicht leisten, denn im Kalten Krieg stand der Hafen für die Binnenschifffahrt nur noch eingeschränkt bereit, da die Elbe sich weit in die DDR hinein erstreckte.

Aus Fehlern lernen

Klar war, dass man Büroräume und Industriegebiete strikt trennen wollte. Gleichzeitig wollte man eine Zersiedelung dicht bebauter Stadt durch Hochhäuser wie z.B. in Frankfurt am Main verhindern. Hamburg hatte seine Erfahrungen mit dem Unilever-Gebäude gemacht. Das Hochhaus war in der Bevölkerung vor allem deshalb unbeliebt, weil für seine Errichtung mehrere alte Fachwerkhäuser niedergerissen werden mussten.

Die Errichtung einer neuen Bürostadt sollte also möglichst wenig in bereits vorhandene Bausubstanz eingreifen, von außen gut erreichbar sein und für die Verkehrsdichte im Inneren der Stadt gewissermaßen Ventil sein. So wurde auch darauf geachtet, dass die geplante 2. City nah am Flughafen Fuhlsbüttel entstehen sollte. Die Wahl fiel schließlich auf ein Gebiet nördlich des Stadtparks, das sich bereits im Besitz der Stadt befand. Ursprünglich war ein fließender Übergang geplant, doch versperren heute immer noch mehrere Bäume die Sicht vom Erholungsraum auf die Bürostadt. Das Gebiet war jedoch nicht ungenutzt. Hier befand sich eine Kleingärtenkolonie und mehrere Kriegsflüchtlinge lebten immer noch in Baracken. Da das Projekt City Nord jedoch absolute Priorität hatte, sah sich die Stadt Hamburg zu außergewöhnlich großzügigen Entschädigungszahlungen bereit. Viele der Anwohner fanden im nahegelegenen Steilshoop eine neue Bleibe.

Zuerst musste ein Straßennetz entstehen, um das herum dann die Großbauten errichtet werden sollten. Der Überseering definiert das Gelände am deutlichsten. Ungewöhnlich für die Lage in der Innenstadt ist, dass er 3-spurig angelegt wurde. Die übrigen Seitenstraßen wurden nach Sydney, Djakarta, New York, Halifax, Manila, Mexiko, Kapstadt, Dakar und Caracas benannt. Der Anspruch Hamburgs als „Tor zur Welt“ schimmert bei dieser Namensgebung deutlich durch. Die U-Bahn Station Sengelmannstraße wurde extra für die City Nord errichtet. Zu Beginn war geplant, die Station an die U4 anzuschließen, die aber nie gebaut wurde. Die inzwischen realisierte U4 folgt einem anderen Straßenverlauf und steuert vor allem die neu erschlossene Hafen-City an.

Platz für Autos und „Lufttaxis“

Für viele der zuerst errichteten Gebäude zeigt sich ein gemeinsames Schema. Um die City Nord autofreundlich zu gestalten, sollten die Fußwege künftig überirdisch liegen. Wege in ca. 4m Höhe verbinden die Gebäude, Brücken machen Fußgängerampeln überflüssig, so dass der Verkehr nie ins Stocken gerät. Ebenso liegt auch das „Erdgeschoss“ der Gebäude in 4m Höhe, was bedeutet, dass die Tiefgaragen nicht wirklich tief in den Boden reichen. Auch dadurch ließen sich die Baukosten für die Großprojekte begrenzen. Fußgängerbrücken erstrecken sich zwischen den Gebäuden, um ja nicht den Autoverkehr zu stören. Anfangs war sogar ein eigener Hubschrauberlandeplatz angedacht, damit „Lufttaxis“ in Richtung Fuhlsbüttel und Innenstadt starten konnten. Realisiert wurde dies nicht.

1964-1970 entstanden im Bereich Ost der City die ersten Gebäude entstehen. Das Bauunternehmen Claudius Peters AG ließ seine Konzernzentrale errichten, bereits 1965 wurde Richtfest gefeiert. Im gleichen Jahr wurde auch mit den Bauarbeiten für die Landesbank begonnen. Auch die Hamburgischen Elektrizitätswerke und Esso ließen sich 1966 am Überseering nieder. Das HEW-Gebäude gehört heute dem Vattenfall-Konzer. Die Colonia-Versicherung und Mobil Oil zogen ihre Zusagen zurück, stattdessen verlegte BP seine Büros auf das Gebiet.
Die Formvielfalt in der City Nord beeindruckte Presse und Hamburger. BP wollte mit der auf Sechsecken basierenden Gebäudestruktur die chemischen Konturen der Benzolringe nachbilden. Selbst das Pförtnerhäuschen ist ein Hexagon. Mehrere Architekturbüros standen in direkter Konkurrenz zueinander und jedes wollte den Zuschlag für die größten Projekte erhalten. In der Folgezeit stiegen die Grundstückspreise fast auf das doppelte an. Gute Voraussetzungen also, um mit dem Bauabschnitt West zu beginnen.

Dort hatte die Deutsche Post bereits 1965 ein Grundstück erworben, auf dem dann das wohl außergewöhnlichste Gebäude der City Nord entstand. 1970 begannen auch die Treuarbeit und Edeka zu bauen. Im gleichen Jahr lief noch ein Architekturwettbewerb der über die künftige Zentrale des Versicherungsdienstleisters Hamburg-Mannheimer entscheiden sollte. Bis auf kleine Ausnahmen wurden alle Grundstücke auch verkauft.

„Steril und tot“

Die Bauphase West war noch nicht ganz abgeschlossen, als 1975 dann der Norden des Areals bebaut werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt war von der früheren Aufbruchstimmung aber nur noch wenig übrig. In der Bevölkerung sah man nur noch eine „Betonwüste“, das gesamte Areal wirke „steril und tot“, erst recht, wenn man es nach Feierabend oder am Wochenende besuchte. Dennoch gab es keine Planungen gezielt Wohnungen zu errichten, um die City Nord „lebendiger“ zu gestalten. Die Großkonzerne wünschten, dass ihre Gebäude als Einzelstücke herausragten.

Getragen war die Planung vor allem von der Idee des Großraumbüros. Anfangs versprach man sich dadurch ein leiseres Arbeitsklima, weil die Vielzahl der Geräusche zu einem Hintergrundrauschen verschwimmen würden. Die Angestellten lehnten dieses Konzept jedoch überwiegend ab, da sie sich ständig überwacht und eingepfercht wirkten. In der heutigen Zeit gilt das Großraumbüro als veraltet, da der Computer seinen Siegeszug angetreten hat.

Im Zentrum der City Nord entstand ein Gebäudekomplex, der schlicht nur als „Mitte“ bezeichnet wird. Die Planungen verzögerten sich jedoch immer wieder. Bereits 1960 sollte ein Entwurf feststehen, doch dieser wurde wieder verworfen, bald durch einen neuen ersetzt und abermals entworfen. Dass Oberbaudirektor Werner Hebebrand 1965 in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet wurde, trug ebenfalls nicht zu einer Entscheidungsfindung bei. Und so stand lange nicht fest, wie das riesige Grundstück genutzt werden sollte.

Kein Einzelhandel, kein Wasserbecken

Nach einem langwierigen bürokratischen Prozess gelangten die Stadtplaner zu dem Urteil, in einem großen Gebäude verschiedene Einrichtungen wie eine Ladenzeile, das Postamt, ein Parkhaus und auch mehrere Wohnungen zu errichten. Büros sollten ebenso entstehen, allerdings nur für Ärzte, Makler, Anwälte, Notare etc. Ein einzelner Besitzer war also in diesen Vorstellungen nicht vorgesehen und so hatte wie bei den anderen Großprojekten der City Nord keine Firma Interesse an einem repräsentativen Gebäude. Der eigentliche Entwurf der letztendlich veröffentlicht wurde, brachte also nur einen Betonklotz hervor. Direkt am Park wurde zuerst ein Wasserbecken angedacht, das aber schnell in Vergessenheit geriet.

Finanzierungsschwierigkeiten führten zu weiteren Verzögerungen, die erst gelöst werden konnten, als der Investor Helmut Greve zusagte, das Projekt zu tragen. Er verließ sich auf die mündliche Zusage einiger Banken, als Mieter in der „Mitte“ einzusteigen, an die sie sich jedoch bald nicht mehr gebunden fühlten. Nach dieser Wende wurde nun hauptsächlich der Wohnungsbau angepeilt. Bereits nachdem 1969 mit den Bauarbeiten begonnen wurde, fanden weitere Änderungen am Gesamtkonzept statt, die zum eher unfertigen Eindruck der „Mitte“ beitragen.

Der dauerhafte Betrieb der Ladenzeile im Inneren der „Mitte“ ist inzwischen gescheitert. Dies hat mehrere Gründe, so zB. dass die Planungen für die City Nord mit der Zeit immer halbherziger weiterführt wurden die Stadtväter lieber ein Einkaufszentrum in der Hamburger Straße errichteten, das Kunden anlockte. Auch ist die Ladenzeile von außen nicht zu erkennen, die eher tunnelartigen Eingänge dürften ihr Übriges tun, zufällige Laufkundschaft abzuschrecken. Zudem war es gar nicht nötig, Geschäfte für die Mitarbeiter der nahen Konzernzentrale zu errichten, denn dort hatten die Firmen meist selbst für alles gesorgt. Auch dass die Ladenzeile über dem Straßenniveau liegt und daher schlecht mit dem Auto beliefert werden kann, macht es den Inhabern unnötig schwierig. Außerdem wurde die geplante U-Bahnlinie nie errichtet, so dass weit weniger Leute als erwartet, durch die City Nord streiften. Dass das errichtete Hotel in großen Maße Touristen anziehen und eine Flaniermeile mit Bars und Cafes entstehen würde, erscheint aus heutiger Perspektive eher illusorisch.

Literaturtipp: Sylvia Soggia: City Nord. Europas Modellstadt der Moderne

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=663

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Protest gegen Elbtunnel 1974

von Brigitte Abramowski -

„Straßenkampf auf dem Weg zwischen City und Autobahn“, titelte das Hamburger Abendblatt am 21. Juli 1973. Die Geschichte der Bürgerproteste gegen die Verkehrsplanung in Ottensen geht bis in die frühen 1970er Jahre zurück. Der neue Elbtunnel sollte 1974 fertiggestellt werden. Auch wenn die bis dahin bekannten „City-West“-Pläne, die den Abriss des Kerngebietes von Ottensen, die Errichtung des Bürohochhausviertels „City-West“ und den Bau von Hochstraßen für eine Autobahnanbindung vorsahen, nach und nach zurückgenommen wurden, war eine erhebliche Verkehrsbelastung auf den bestehenden Straßen zu erwarten.

 

Aus der Eulenstraße ab Mottenburgerstraße wurde die Mottenburger Twiete, für den
Durchbruch der Eulenstraße zur Bahrenfelder Straße als Autobahnzubringer wurden
Häuser abgerissen, um 1975 / Foto: Sammlung Stadtteilarchiv Ottensen
 
 

Zwischen Lobuschstraße und Bleickenallee wurden die Straßenzüge Keplerstraße, Arnoldstraße und Klausstraße-Eulenstraße jeweils im Einrichtungsverkehr zweispurig als Autobahnzubringer ausgebaut.

„Ottensen kämpft gegen Autobahnzubringer“

Mit der Eröffnung der Autobahn „Westliche Umgehung“ und der Öffnung der Zu- und Ausfahrt Othmarschen war ein täglicher Kampf zwischen Autofahrern und Bewohnern in Ottensen vorherzusehen. Dort hatte sich schon 1973 eine Aktionsgemeinschaft Ottensen (AO) formiert, die gegen die City-West-Pläne agierte und forderte, die Autobahnausfahrt nicht zu genehmigen. „Ottensen kämpft gegen Autobahnzubringer“ war der Slogan der Aktionsgemeinschaft, die als ihr Sprachrohr die „Ottenser Zeitung“ (OZ) herausgab. Bis 1982 bildeten sich weitere Verkehrsberuhigungsinitiativen in Ottensen.

 

Demonstrationszug gegen die Planung der City West an der Straßenkreuzung Bahrenfelder
Straße und Arnoldstraße 1973 / Foto: Stadtteilarchiv Ottensen/Schaffrath
 

1975 hatte sich die „Bürgerinitiative Verkehr in Ottensen“ (BIVO) gegründet, um eine „Bus-Trasse“ vom neuen Busbahnhof am Altonaer Bahnhof zum Spritzenplatz und weiter zur Bleickenallee zu verhindern. Seit 1980 kämpfte die „Bürgerinitiative Verkehrsberuhigung Ottenser Marktplatz/Holländische Reihe/Bernadottestraße“ für „Tempo 30“, Überholverbot und gegen Schwerlastverkehr auf ihren Straßenzügen. Das Sprachrohr dieser Verkehrsinitiativen wurde die neue Stadtteilzeitung „ZO“ – Zeitung für Ottensen. Die neue Partei „Grün-Alternative Liste“ (GAL) hatte in Altona „Verkehr“ zu einem ihrer zentralen Themen gemacht.

„Ottenser 6-Tage-Schleichen“

Auftaktveranstaltung für das erste „Ottenser 6-Tage-Schleichen“ war eine Fahrrad-Demonstration der „Grünen Radler“ am Sonnabend, den 16. Mai 1981, vom Gerhart-Hauptmann-Platz durch mehrere Hamburger Stadtteile zum „Fischerfest“ in Teufelsbrück. Nach einer Kundgebung in der Ottenser Hauptstraße schlossen sich die Ottenser Radler dem Konvoi an und radelten im großen Verband durch das enge Ottensen hinunter nach Teufelsbrück. In der Zeit vom 18. bis 23. Mai fand dann die erste „Verkehrsberuhigungswoche“ statt.

Täglich ab 16.30 Uhr zur Hauptverkehrszeit waren Fahrradkonvois unterwegs. Dabei wurden bekannte Unfallorte markiert, selbst hergestellte „Tempo-30“-Schilder installiert, Zebrastreifen ausgerollt und fußgängerfreundliche Ampeln aufgestellt. An einem Informationstisch an der Ecke Ottenser Hauptstraße Am Felde wurde von 16-18 Uhr täglich informiert und zu Gesprächen eingeladen. Abends fanden im Stadtteilkulturzentrum „Motte“ oder im „Stadtteilarchiv Ottensen“ (damals noch in den Räumen Am Born 6) Filmvorführungen oder Podiumsdiskussionen mit Polizei, „Grünen Radlern“, Verwaltung, Stadtplanern, Politikern sowie Ottenser Bürgern und Bürgerinnen statt.

„Radeln in Rudeln“

Während die Informationstische ordnungsgemäß angemeldet waren, war das Radeln eher informell und spontan. So rief die „ZO“ zum „Radeln in Rudeln“ auf, so dass die Pkws nur im Schritt-Tempo und mit zeitweiligem Stillstand bei besonderen Aktionen im Straßenraum hinter den „Rudeln“ herfahren konnten. Da einige Autofahrer aber sehr aggressiv reagierten, entschlossen sich die Organisatoren schnell dazu, einen eigenen PKW voran und einen am Schluss mitfahren zu lassen, um besonders auch mitradelnde Kinder zu schützen.

 

Eine Fahrraddemonstration formiert sich auf dem Parkplatz an der Nöltingstraße, einer
Freifläche der ehemaligen Maschinenfabrik Menck & Hambrock, am heutigen
Kemal-Altun-Platz, 1980 / Foto: Stadtteilarchiv Ottensen
 
 
„Schleichen statt Leichen“

So hieß die Parole der Verkehrsberuhigungsaktivitäten. Leider bekam dieser Slogan eine traurige Aktualität, als im Juni 1982 zwei Kinder in der Holländischen Reihe verunglückten und ein Kind an den Unfallfolgen starb. Zwei Tage lang gab es täglich Demonstrationen und Straßensperrungen am Unfallort und auf anderen Ottenser Straßen. Plötzlich ging alles sehr schnell und unkompliziert. Hamburgs Innensenator Alfons Pawelczyk (SPD) ordnete drei Tage nach dem Unfall „Tempo 30“, Überholverbot sowie ein Verbot für Schwerlastverkehr auf der Holländischen Reihe an.

Und das war nur der Anfang. Nach und nach wurden auch die anderen Autobahnzubringer zu Tempo-30-Zonen, bis für ganz Ottensen „Tempo 30“ Vorschrift wurde. Leider waren immer nur schwere Unfälle mit Kindern die Anlässe für weitere Maßnahmen: Die zweispurigen Autobahnzubringer wurden auf eine Spur reduziert und teilweise wurden Fahrradspuren ausgewiesen. Die Eulenstraße wurde in der Höhe Mottenburger Twiete verschwenkt, so dass Raum für den Bau einer Kindertagesstätte entstand. Die Bus-Trasse vom Altonaer Busbahnhof konnte verhindert werden und aus den Dreiecksplätzen entlang der Bahrenfelder Straße wurden statt Verkehrsinseln mit Parkplätzen wieder Plätze für Menschen. Das Engagement der Ottenser und Ottenserinnen für Verkehrsberuhigung war vorbildlich und erfolgreich, wovon der Stadtteil bis heute profitiert.

 

Aufkleber der Bürgerinitiative Verkehr in Ottensen (BIVO) / Grafik: Stadtteilarchiv Ottensen
 
 

Quellen und Literatur:

  • Wenn die Westliche Umgehung fertig ist: „Straßenkampf“ auf dem Weg zwischen City und Autobahn, in: Hamburger Abendblatt 21.7.1973
  • Ottenser 6-Tage-Schleichen – Radeln in Rudeln, in: Zeitung für Ottensen Nr. 33, Mai 1981
  • Förderkreis Ottensen-Chronik (Hrsg.), Ottensen Chronik, Dokumentation eines Hamburger Stadtteils, Hamburg 1993
  • Stadtteilarchiv Ottensen e.V. (Hg.), Schauplatz Ottensen, Geschichte und Geschichten der Ottenser Plätze, Hamburg-Altona 2003, S.27f

Zur Autorin:

Brigitte Abramowski ist Geschäftsführerin und pädagogische Mitarbeiterin im Stadtteilarchiv Ottensen sowie langjährige Akteurin in Bürger- und Stadtteilinitiativen Ottensens seit 1976. Auf den Hamburgischen Geschichten veröffentlichte sie zuletzt den Artikel “Ottensen – Von der Gegenkultur zum Motor der Gentrifizierung? (1980 bis 2010)

 

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=421

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Metropolregion: Hamburgs Stadtentwicklung

von Sylvia Necker

Stadtgeschichtliche Katastrophen eignen sich hervorragend als Ankerpunkte, um die Stadtentwicklungsgeschichte Hamburgs in ihren großen Linien zu erzählen. Von der Besatzung durch die Franzosen, den großen Brand 1842 bis zur Cholera-Epidemie 1892: Das Hamburg des 19. Jahrhunderts war von Zerstörung geprägt. Die Stadt konnte sie jedoch zum Neuaufbau und zur Neuordnung der Stadtstruktur nutzen. Ähnliches gilt für den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, durch den Hamburg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein neues Gesicht bekommen sollte, das bis heute prägend ist. Nachdem sich Hamburg von der Besatzung durch die Franzosen 1806 bis 1814 erholt hatte und sich die Wirtschaftskraft des Hamburger Hafens im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder konsolidiert hatte und sowohl in der Hansestadt als auch in der Nachbarstadt Altona prachtvolle Alleen wie Esplanade und Palmaille mit klassizistischen Stadthäusern zur Repräsentation des Hamburger Bürgertums entstanden waren, setzte eine einschneidende stadtgeschichtliche Zäsur dem Aufwärtstrend ein Ende.

Der Brand als Chance zur Umgestaltung

Innerhalb von vier  Tagen und Nächten brannte im Juni 1842 ein Drittel der Innenstadt Hamburgs vollständig ab. Von den repräsentativen Gebäuden konnte lediglich die neue, ein Jahr zuvor errichtete Börse gerettet werden. Die Katastrophe ermöglichte jedoch aus der Sicht der Städtebauer und Ingenieure die Möglichkeit einer vollkommenen Neugestaltung der Hansestadt.

 

Südlich der kleinen Alster ist das geplante, neue politische und wirtschaftliche Zentrum am neuen Rathausmarkt eingezeichnet.
Das alte Zentrum befand sich nördlich der Nikolaikirche an der Troostbrücke am Großen Kanal. An der Stelle des alten Rathauses
steht heute das Gebäude der Patriotischen Gesellschaft von 1765. Lindley zeichnete außerdem einen Grundriss des von ihm
entwickeltenSielsystems in die Karte ein, die 1846 in der Allgemeinen Bauzeitung veröffentlicht wurde. /
Quelle: Die Sielanlage in Hamburg, in: Allgemeine Bauzeitung, 11. Jg. (1846), Bl. 72.
 
 

Der Wiederaufbau der Stadt – maßgeblich durch den englischen Ingenieur William Lindley geplant – verlagerte das politische und wirtschaftliche Zentrum Hamburgs von der Troostbrücke an die kleine Alster. In den folgenden Jahren entstanden die bis heute prägenden Elemente der Innenstadt auf einem die Straßen begradigenden neuen Stadtgrundriss: Die Alte Post, die Alsterarkaden und die Platzgestaltung des Rathausmarktes schufen der Architekt Alexis de Chateauneuf gemeinsam mit Lindley nach italienischen Vorbildern. Das Ensemble wurde erst mit dem 1897 fertiggestellten Rathaus Martin Hallers komplettiert.

Aber auch an der Verbesserung der Infrastruktur Hamburgs wurde gearbeitet: 1846 wurde ein neues Gaswerk auf dem Grasbrook gebaut, ebenso ein neues Sielsystem, das Lindley schon seit 1841 geplant hatte.

Stadterweiterung: Aufbaueuphorie und ihre Grenzen

Lindley hatte schon 1847 mit der Erschließung Hammerbrooks der Stadterweiterung Impulse gegeben. Mit dem Zollanschluss 1888 sorgte nun der Hamburger Bürgermeister Versmann für eine grundlegende Neuerung in der Hafenentwicklung: Zum einen wurden die Städte Hamburg und Altona in das Zollgebiet des Deutschen Reiches aufgenommen, gleichzeitig erwirkte Versmann jedoch die Möglichkeit, südlich des Binnenhafens und des Zollkanals eine Freihafenzone einzurichten.

In den folgenden 30 Jahren entstand auf einer Flächee von 26 Hektar unter der Bauleitung des Ingenieurs Andreas Meyers die Hamburger Speicherstadt, für die  20.000 Bewohner der alten Gängeviertel am Hafen weichen mussten.

Doch inmitten der Aufbaueuphorie wurde die Stadt mit ihrer immer noch unzureichend ausgebauten Infrastruktur konfrontiert. Jahrelang war im Hamburger Senat und in der Bürgerrschaft über den Bau einer Filteranlage für das Trinkwasser debattiert worden, jedoch ohne Ergebnis. Im Sommer 1892 hatte dies verherende Folgen, da sich durch die beengten Wohnverhältnisse in den Gängeevierteln der Alt- und Neustadt, dem außergewöhnlich heißen Sommer und das ungefilterte Trinkwasser die Cholera-Bakterien innerhalb weniger Tage in Hamburg ausbreiten konnten.

Infolge der Cholera-Epidemie – über 8.000 Hamburger starben – wurden endlich Wasserfilteranlagen gebaut, das Sielsystem erweitert und neue Auflagen für den Wohnungsbau und hygienische Bestimmungen erlassen. Zusätzlich begann eine Sanierungswelle der Gängeviertel, die bis in die 1930er Jahre andauerte.

Die moderne Großtadt – Stadtplanung im 20. Jahrhundert

Die Sanierungen und der damit verbundene Abriss und Neuaufbau ganzer Stadtviertel sollte Ordnung in das Chaos der Stadt des 19. Jahrhunderts bringen. Neue Wohnquartiere mit Querlängung und genug Sonneneinstrahlung lösten die beengten, unhygienischen, schlecht durchlüfteten und dunklen Wohnungen, in denen oftmals zu viele Bewohner auf wenigen Quadratmetern wohnten, ab.

Neben der Lösung des Wohnungsproblems mussten die Stadtplaner des 20. Jahrhunderts jedoch auch Antworten auf die Anforderungen der modernen Großstadt finden. Die durch den Zuzug aus den Landbezirken rasch wachsende Stadt – die Einwohnerzahl Hamburgs hatte sich innerhalb von 100 Jahren verzehnfacht und war um 1900 auf circa eine Million angestiegen – erforderte den Ausbau der Transportsysteme, eine zentral angelegte Verkehrsplanung und neue Erholungsgebiete innerhalb der Stadt.

In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten Hochbahnlinien – 1912 wurde der Hochbahn-Ring eröffnet (heute ein Teil der U3) –, schon 1906 war der neue Hauptbahnhof am Steintorwall eröffnet worden und eine neue Einkaufsstraße, benannt nach Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg, trug maßgeblich zur „Citybildung“ Hamburgs bei.  Motoren für diese Entwicklung waren jedoch nicht nur Ingenieure, sondern auch Architekten und Städtebauer, die die Stadt nicht mehr nur mit einem baukünstlerischen Anspruch, sondern geplant entwickeln wollten.

Schulen, Ämter und der neue Komfort

Nicht zuletzt die inflationäre Rede vom „Stadtkörper“ bzw. „Stadtorganismus“ belegt dieses neue Verständnis der Städtebauer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einer der Hauptprotagonisten war Fritz Schumacher, der 1908 zum Leiter des Hochbauamtes und 1923 schließlich zum Oberbaudirektor der Stadt berufen wurde. Unter seiner Ägide entstanden nicht nur die Stadt bis heute prägende Staatsbauten wie Ämter und Schulen, sondern auch fortschrittliche Wohnungsbauprojekte wie etwa die Jarrestadt, die nach einem Wettbewerb 1926 südlich des Hamburger Stadtparks unter seiner städtebaulichen Aufsicht gebaut wurde. Die Wohnungen waren groß geschnitten – durchschnittlich 50 bis 60 Quadratmeter – und besaßen den Komfort eines eigenen Bades. Zusätzlich konnten die Mieter eine gemeinsame Waschküche benutzen.

In der Nachbarstadt Altona befassten sich Gustav Oelsner und SPD-Bürgermeister Max Brauer mit ähnlichen Fragen. Auch hier entstanden in den 1920er Jahren Bauten des sozialen Wohnungsbaus, beispielsweise an der Kolding- und an der Helmholtzstraße. Als städtische Trägergesellschaft wurde 1922 die Siedlungs-Aktiengesellschaft Altona (SAGA) gegründet. Die architektonische Moderne war in Hamburg, anders als in Frankfurt am Main oder Berlin, nicht durch die sogenannte „weiße Moderne“ geprägt. Ob im Backstein-Expressionismus der Brüder Gerson sowie Fritz Högers, dessen Name vor allem mit dem Bau des Chilehauses 1922 bis 1924 verbunden ist, oder in den Wohnbauten Schumachers und Oelsners: der rote Klinker- bzw. Backstein prägte die Bauten der Hansestadt und Altonas in der Weimarer Republik. Eine Ausnahme bildete der Architekt Karl Schneider, der in den westlichen Vororten an der Elbe einige Villen im „Bauhausstil“ schuf.

„Führerstadtplanungen“ im Nationalsozialismus

Das Jahr 1933 bildete eine Zäsur sowie Kontinuität zugleich: Fritz Schumacher wurde vom Amt des Oberbaudirektors abberufen und zahlreiche Architekten wie die Brüder Gerson oder Semmy Engel, der Architekt der Bornplatzsynagoge, wurden von den Nationalsozialisten aufgrund ihrer jüdischen Herkunft in die Emigration gezwungen. Für andere Architekten wiederum bedeutete der Machtwechsel die Möglichkeit für einen beruflichen Aufstieg: Durch Parteiaufträge oder Bauten für die Reichsautobahn konnten sich einige junge Architekten, die in den letzten Jahren der Weimarer Republik ihren Abschluss gemacht hatten und in enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten, im neuen System etablieren.

Diese Architekten waren dann maßgeblich an den Planungen zur „Führerstadt Hamburg“ beteiligt, allen voran Konstanty Gutschow, der 1938 den Wettbewerb für die Elbuferplanung gewann. Am Altonaer Balkon sollte ein 250 Meter hohes „Gauhaus“, eine Volkshalle für 50.000 Menschen und eine Elbhochbrücke entstehen.

Die Planungen waren jedoch erst möglich geworden, nachdem die Stadtfläche Hamburgs 1937 durch das Groß-Hamburg-Gesetz nahezu verdoppelt worden war. Die ehemals eigenständigen Städte Altona, Harburg und Wandsbek gehörten jetzt zur Freien und Hansestadt. Die Ausmaße der „Führerstadtplanungen“ machten einen Generalbebauungsplan notwendig, der die Stadt neu ordnete.

Konstanty Gutschow legte 1941 vor, wie das zukünftige Hamburg aussehen sollte: eine große Auflockerung der gesamten Stadtmasse, die Trennung der Funktionen Wohnen, Arbeiten und Erholen sowie eine neue Hafenplanung. Die andauernden Bombardierungen der Stadt durch die Alliierten – als Höhepunkt ist die „Operation Gomorrha“ in den Juli- und Augusttagen 1943 zu nennen – radikalisierten die entwickelten Pläne noch zusätzlich, denn die Zerstörung hatte aus Sicht der Planer Raum für das von Grund auf zu erneuernde Hamburg geschaffen. Bis Kriegsende arbeiteten Konstanty Gutschow und seine Büromitarbeiter an der Zukunft Hamburgs, konnten ihre Pläne aber nicht umsetzen.

Das neue Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg

Für den Wiederaufbau in den ersten Jahren der Bundesrepublik wurden diese Ideen der 1940er Jahre – etwa eine großflächige Auflockerung und Reduzierung der Wohndichte in der Stadt – aufgegriffen. Es waren zum großen Teil die Mitarbeiter Gutschows, aber auch die aus dem Exil zurückgekehrten Architekten Gustav Oelsner und Ernst May sowie die Baudirektoren Friedrich Ostermeyer und Werner Hebebrand, die nun im Stadtplanungsamt für eine Weiterentwicklung und Umsetzung der Ideen sorgten. Prägendes Leitbild war die „gegliederte und aufgelockerte Stadt“, das Ernst May als Planungschef der Neuen Heimat idealtypisch im Projekt „Neu-Altona“ bis in die 1960er Jahre verwirklichte. Auch die Siedlung Hohnerkamp in Bramfeld von Hans Bernhard Reichow entsprach diesem Leitbild.

Reichow hatte schon seit den 1940er Jahren über die Auflockerung und Gliederung der Stadt nachgedacht und beeinflusste den Diskurs der Stadtplaner nach 1945 gleich durch zwei Publikationen: Die „Organische Stadtbaukunst“ erschien 1948, zehn Jahre später veröffentlichte Reichow „Die autogerechte Stadt“. Nach Reichows Vorstellung sollte der Verkehrsfluss von Fussgängern und PKW in zwei verschiedene Leitsysteme getrennt und gleichzeitig eine Hierarchisierung der Straßen – Hauptverkehrsstraßen und verkehrsberuhigte Wohnstraßen –  eingeführt werden. Beide Konzepte zur Stadtgestaltung sind noch heute an der Siedlung Hohnerkamp abzulesen.

Großiedlungen, Gentrifizierungsprozesse und Globalisierung

An den Aufbauplan 1960 von Oberbaudirektor Werner Hebebrand sind nicht nur einige Kontinuitäten aus den Wiederaufplanungen seit den 1940er Jahren gekoppelt, sondern auch neue Stadtvorstellungen, die eng mit dem Fortschrittsglauben der 1960er Jahre verbunden sind.

Zunehmend lösten in der zweiten Phase der Nachkriegsmoderne Großsiedlungen wie Steilshoop (1969 bis 1973) und Osdorfer Born (1967 bis 1972) die kleinteilige, in einer aufgelockerten Stadtstruktur gesetzte Siedlungsbebauung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern ab. Stattdessen sollte durch Großsiedlungen „Urbanität durch Dichte“ erzeugt werden, wie das neue Leitbild plakativ hieß.

Durch die anfängliche Euphorie in den Neubausiedlungen des Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre verloren die innerstädtischen Wohnquartiere wie etwa Alt-Altona, Ottensen, St. Pauli und das Schanzenviertel an Bedeutung. Viele Familien zogen in die äußeren Stadtbezirke und beschleunigten den Prozess der Suburbanisierung. In der Kernstadt entstanden so Freiräume, die unter anderem für alternative Projekte wie etwa das Stadtteilkulturzentrum „Die Fabrik“ in Ottensen oder die Hafenstraße in St. Pauli und neue Wohnformen wie Wohngemeinschaften genutzt wurden.

Aus Studenten werden Besserverdiener

Noch in den 1970er Jahren setzte jedoch auch ein gegenläufiger Trend ein: Aus den Studierenden und Künstlern, die die unattraktiven Stadtteile als „Pioniere“ nun interessant gemacht hatten, wurden gutverdienende Studienräte und Architekten, die – nach den Gentrifizierungstheorien aus der Stadtgeographie – sich als „Gentriefier“ die alten Quartiere in Lofts umbauten. Die Folgen dieser Aufwertung waren höhere Mieten und Verdrängung der bisher dort ansässigen Wohnbevölkerung.

Hinzu kam eine Veränderung der Ladenstruktur: Immer häufiger fanden sich in Ottensen kleine Cafés exklusive Boutiquen und Spezialgeschäfte, die mit ihrem Warenangebot Künstler anzogen, die mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet waren. Diese unter dem Begriff der „Gentrifizierung“ gefassten Prozesse dauern bis heute an.

Auf der Ebene der Landes- und Infrastrukturplanung strebte Hamburg seit den 1950er Jahren eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Bundesländern Schleswig-Holstein und Niedersachsen an. Das Regionale Entwicklungsmodell von 1969 sah vor allem eine Sicherung des Wirtschaftswachstums der Hansestadt sowie eine Koordinierung der grundlegenden Frage wie Besiedelung, Verkehrsplanung und Schaffung von Freizeit- und Bildungseinrichtungen im Großraum Hamburg vor.

In den folgenden Jahren entwickelte sich die ursprüngliche Idee der Stadtlandschaft, in der Hamburg als unumstrittenes Zentrum angesehen wurde, zunehmend von einer Stadtentwicklungsplanung zu einer Strategie der Wirtschaftsförderung. 1996 beschlossen die Länder Schleswig-Holstein, Niedersachen und Hamburg den Zusammenschluss der umliegenden Kreise und Hamburg zu einer Metropolregion. Die Strategiepapiere der Metropolregion Hamburg, die diese Regionalentwicklung durch eine Geschäftsstelle in Hamburg koordiniert, konzentrieren sich auf wirtschafts- und wissenschaftspolitische Lenkungsinstrumente und Tourismusentwicklung und nicht auf eine Entwicklungsplanung, die Themen sozialer Segregation und Integration in den Blick nimmt.

 

Metropolregion Hamburg / Grafik: hamburg.de
 
 

Diese Konzentration auf das Wirtschaftswachstum der Metropolregion findet sich in dem 2001 vom CDU-Senat verabschiedeten Leitbild der „Wachsenden Stadt“ Hamburg wieder. Pionierprojekt und städtebauliches Kernthema ist der Bau der HafenCity: Auf einer Gesamtfläche von 157 ha entsteht auf ehemaligem Freihafengebiet südlich der Speicherstadt ein neues innenstadtnahes Quartier, das sowohl Wohn- wie auch Arbeitsmöglichkeiten schaffen soll. In einer räumlichen Weiterführung soll bis 2013 zwischen Norder- und Süderelbe in Wilhelmsburg und Harburg die Internationale Bauausstellung (IBA) Modelle zeitgemäßen Wohnens und Arbeitens gezeigt werden.

Neben diesen Großprojekten verändern sich viele Stadtteile durch Aufwertungsprozesse, deren Folgen für eine soziale Stadt, wie sie im gesamten 20. Jahrhundert von Städtebauern und Planern gefordert worden war und teilweise umgesetzt wurde, heute noch nicht abzusehen sind. Die Beurteilung dieser Prozesse bleibt jedoch einem Eintrag zur Stadtentwicklungsgeschichte im Hamburg des 21. Jahrhunderts vorbehalten.

Zur Autorin:

Sylvia Necker arbeitet und lebt als Historikerin und Musikerin in Hamburg. Seit 2007 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Architektur- und Städtebaugeschichte des 20. Jahrhunderts sowie Kunst- und Kulturgeschichte.

Literaturverzeichnis

Überblickswerke zur Hamburger Stadt(entwicklungs)geschichte im 19. und 20. Jahrhundert:

  • Hermann Hipp: Freie und Hansestadt Hamburg. Geschichte, Kultur und Stadtbaukunst an Elbe und Alster, 2. Aufl., Köln 1989.
  • Werner Jochmann: Vom Kaiserreich bis zur Gegenwart (Hamburg – Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner 2), Hamburg 1986.
  • Gert Kähler: Von der Speicherstadt bis zur Elbphilharmonie. Hundert Jahre Stadtgeschichte Hamburg (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 24), München 2009.
  • Eckart Kleßmann: Geschichte der Stadt Hamburg. Neuausgabe, Hamburg 2002.
  • Ralf Lange: Architektur in Hamburg. Der große Architekturführer. Über 1000 Bauten in Einzeldarstellungen, Hamburg 2008.
  • Volker Plagemann: Kunstgeschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 1995.

Weitere ausgewählte Literatur

  • Olaf Bartels: Werner Hebebrand (1899-1966) und der Mythos der „Stunde Null“, in: Architektur in Hamburg 21 (2009), 194–205.
  • Ulrich Cornehl: Raummassagen. Der Architekt Werner Kallmorgen 1902-1979 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 19), Hamburg 2003.
  • Jörn Düwel/Niels Gutschow: Fortgewischt sind alle überflüssigen Zutaten. Hamburg 1943: Zerstörung und Städtebau, Berlin 2008.
  • Richard J. Evans: Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830-1910, Reinbek bei Hamburg 1990.
  • Peter H. Feindt: “Metropolregion Hamburg” – Anmerkungen zu einer politischen Konstruktion von Raum, in: Martin E. Döring/Gunther H. Engelhardt/Peter H. Feindt/Jörn Oßenbrügge (Hrsg.): Stadt – Raum – Natur. Die Metropolregion als politisch konstruierter Raum 2003, 39–51.
  • Hartmut Frank (Hrsg.): Fritz Schumacher. Reformkultur und Moderne [anlässlich der Ausstellung „Fritz Schumacher und seine Zeit“ in den Deichtorhallen Hamburg, 20. Mai bis 17. Juli 1994] (Schriften des Hamburgischen Architekturarchivs), Stuttgart 1994.
  • Claudia Horbas (Hrsg.): Es brannte an allen Ecken zugleich: Hamburg 1842 [anlässlich der Ausstellung im Museum für hamburgische Geschichte vom 21. November 2002 - 23. Februar 2003], Heide 2002.
  • David Klemm/Hartmut Frank: Alexis de Chateauneuf 1799 – 1853. Architekt in Hamburg, London und Oslo [anlässlich einer Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, vom 24.9. bis 19.11.2000 im Rahmen des Hamburger Architektur-Sommers 2000] (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 16), Hamburg 2000.
  • Ralf Lange: Hamburg. Wiederaufbau und Neuplanung 1943-1963, Königstein im Taunus 1994.
  • Peter Michelis (Hrsg.): Der Architekt Gustav Oelsner. Licht, Luft und Farbe für Altona an der Elbe, München, Hamburg 2008.
  • Sylvia Necker/Meik Woyke: Vom Achsenkonzept zur Metropolregion. Stadt- und Regionalplanung für den Großraum Hamburg seit dem Ersten Weltkrieg, in: Zeitschrift des Vereins für hamburgische Geschichte 95 (2009), 143–166.
  • Ortwin Pelc/Susanne Grötz (Hrsg.): Konstrukteur der modernen Stadt. William Lindley in Hamburg und Europa 1808 – 1900 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 23), München 2008.
  • Jörn Reulecke: Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt am Main 1985.
  • Dieter Schädel (Hrsg.): “Wie das Kunstwerk Hamburg entstand”. Von Wimmel bis Schumacher – Hamburger Stadtbaumeister von 1841 – 1933 [anlässlich der Ausstellung im Rahmen des Hamburger Architektur-Sommers 2006 im Kunsthaus Hamburg] (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 20), München 2006.
  • Dirk Schubert: Stadterneuerung in Hamburg, in: Harald Bodenschatz/Erich Konter/Michael Stein/Max Welch Guerra (Hrsg.): Stadterneuerung im Umbruch. Barcelona, Bologna, Frankfurt a. M., Glasgow, Hamburg, Köln, Kopenhagen, Leipzig, München, Nürnerg, Paris, Rostock, Rotterdam, Wien u. Berlin (Arbeitshefte des Instituts für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin 50), Berlin 1994.

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=60

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