19. Januar 1916

19011916Torfmelasse

Kreisarchiv Euskirchen, Unterhaltungsblatt und Anzeiger für den Kreis Schleiden und Umgegend (Amtliches Kreisblatt) vom 19. Januar 1916

Verkaufsanzeige für Futtermittel für die Landwirtschaft im Kreis Schleiden

An die Landwirte des Kreises Schleiden!
Es steht uns an Futtermitteln eine größere Menge

Torfmelasse zur Verfügung und bitte ich Bestellungen
hierauf schnellstens an mich zu lassen. Der
Preis hierfür wird sich auf 13,— bis 14,— Mark pro
100 kg mit Sack stellen.

Außerdem ist Rumänische Kleie vorrätig, worauf
ich Bestellungen zum Preise von Mark 36, 38 pro
100 kg erbitte.
Um Störungen im Bezuge von Futtermitteln zu
vermeiden bitte ich, sämtliche Futtermittelsäcke an mich
schnellstens zurückzusenden da durch die Knappheit
an Säcken Schwierigkeiten beim Bezuge von Futter-
mitteln entstehen könnten.

[...]

Quelle: http://archivewk1.hypotheses.org/19672

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Vertrautheit in der Fremde?


Die Wahrnehmung der Fremde an der Ostfront

Laura Maring

„Gerade in der Wahrnehmung der deutschen Besatzungsgebiete in Osteuropa waren“, so Jörn Leonhard in seiner monumentalen Synthese zum Ersten Weltkrieg, „die Semantiken und Vokabulare von Unsicherheit und Entfremdung in einem als unzivilisiert empfundenen Raum gekennzeichnet.“[1] Vor dem Hintergrund dieser These bekommt die Suche nach Äußerungen zur Wahrnehmung der Fremde durch deutsche Soldaten, die im Zuge des Ersten Weltkriegs an der Ostfront stationiert waren und sich über Feldpostsendungen ihren Verwandten in der Heimat mitteilten, noch mehr Gewicht. Auch Heinrich Echtermeyer – seit 1916 in Wolhynien, im Nordwesten der heutigen Ukraine stationiert – sah sich mit der Herausforderung einer fremden Umgebung konfrontiert, mit der er nur schwer zurecht kam.

Der Versuch, diese Konfrontation in seinen an den Bruder Bernard adressierten Briefen und Feldpostkarten wiederzufinden, gestaltet sich indes als schwierig: Denn explizite Beschreibungen der fremden Umgebung finden sich in den Schriftstücken nur selten. Ebenso schreibt Heinrich Echtermeyer nur wenig über die Menschen vor Ort, mit denen er möglicherweise in Kontakt kam. Und dennoch gewährt er uns bei genauerer Analyse seiner Feldpost tiefe Einblicke in seine Wahrnehmung der Fremde: Denn der Halverder Landwirt bedient sich einer Vielzahl an Distanzbegriffen, die zwar sprachlich nur sehr vage Bezug auf die fremde Umgebung nehmen, sich jedoch in über 80 Prozent seiner Briefe wiederfinden. Dabei dominiert die sprachliche Kennzeichnung „hier“ für die Fremde, die uns in 47 von insgesamt 58 Schriftstücken begegnet. Aber auch die explizite Nennung des Landes „Rußland“, einiger weniger Ortsnamen und der Substantive „Ferne“ sowie „Weite“, die in jeder zehnten Feldpostsendung Echtermeyers Verwendung fanden, können als sprachliche Mittel zur Kennzeichnung des Fremden gedeutet werden.

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Quelle: https://feldpost.hypotheses.org/468

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Die Vermittlerrolle des Bruders

Leonie Volmer

Familie Heinrich Echtermeyer
Familie Heinrich Echtermeyer

In der Arbeiterschicht führte die kriegsbedingte Abwesenheit der Männer nicht selten zu einschneidenden Veränderungen in der Familienstruktur, aus der die Frauen zumindest phasenweise gestärkt hervorgingen.[1] Anders war dies hingegen in den bäuerlichen Schichten. Die Frau war schon immer als feste Familienarbeitskraft miteingeplant, das verdiente Geld Familienlohn. Gravierende Änderungen in der Familienstruktur blieben aus, als die Männer in den Krieg zogen und die Frauen mit der Aufgabe, die Familie zu versorgen, zu Hause zurück blieben. Trotz allem fehlte eine Arbeitskraft. Heinrich Echtermeyer verließ sich darauf, dass sein Bruder Bernhard zumindest einen Teil seiner Rolle auf dem heimatlichen Hof in Halverde übernahm, wie aus seinen Briefen deutlich hervorgeht: „[Ich] Bitte Dich, hilf meiner Frau so gut zurecht wie Du kannst.“[2] Solche und ähnliche Wendungen finden sich in seinen Feldpostsendungen immer wieder.

Bernard und Maria Echtermeyer
Bernard und Maria Echtermeyer

Es ist auffallend, wie häufig Echtermeyer in diesen Briefen und Postkarten an seinen Bruder von seiner Frau schreibt.

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Quelle: http://feldpost.hypotheses.org/693

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Die Funktion von Wetterbeschreibungen

Sören Gehrmann

 

Die im Zuge der Neuen Militärgeschichte angestoßene Revision von Kriegsquellen unter sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten, die in Abgrenzung zur konventionellen militärstrategischen Betrachtungsweise erfolgt, hat bereits umfassende Erkenntnisse über in Ego-Dokumenten dargestellte Umwelterfahrungen her­vorgebracht. Dabei fiel besonders der Zusammenhang zwischen ro­mantisch inspirierten Naturbeschreibungen und der Reflexion der eigenen Situation sowie der generellen Kriegsbrutalität in Soldaten­briefen des frühen 19. Jahrhunderts auf.[1] Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass in den Feldpostbriefen August Jaspers keine der­artigen Narrative zu beobachten sind. Landschaftsbeschreibungen beispielsweise werden von ihm bis auf wenige Ausnahmen nahezu gänzlich ausgespart. Demgegenüber nehmen Wetterbeobachtungen einen ungleich größeren Raum ein, was am deutlichsten in seinen Briefen aus dem November 1917 zu erkennen ist, in denen Jasper in 14 von insgesamt 17 Schreiben die aktuelle Witterung thematisiert.[2] Angesichts der Menge von über zweihundert Erwähnungen stellt sich die Frage, welche Funktion und welchen Nutzen die Wetterbe­richte für August Jasper gehabt haben. Beschränken sich die Wetter­berichte auch in den jeweiligen Briefen häufig nur auf einige wenige Sätze, so ermöglichen diese kurzen Erwähnungen doch einen uner­wartet tiefen Einblick in die Kommunikation der Eheleute Jasper auf der einen sowie in das Selbst- und Rollenverständnis Augusts auf der anderen Seite.

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Quelle: https://feldpost.hypotheses.org/739

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Hof und Heimat als Rückzugsort vor dem Krieg

Niklas Maximilian Schepp

 

„Wenn Ihr mit die Arbeit Nicht fertig werden könnt, laß ruhig liegen, den je größer der Hunger wird je eher ist alle, b[l]os[s] soviel das Frau und Kinder was zu Essen habt. Sonst laßen sie uns Urlaub geben. Ihr müßt nur sehen wenn ich nicht in Urlaub komme, wie Ihr am leichsten mit der Arbeit fertig werd, und das der Acker nicht ganz verwilder, und alle etwas bestellt wird, den ich habe wenig Spaß davon.“[1]

So schreibt der Landwirt Heinrich Echtermeyer am 20. März 1917 in einem Feldpostbrief von der Front an seinen Bruder. In seinen überlieferten Feldpostsendungen wird fortwährend deutlich, wie sehr er sich um die Bestellung seiner Äcker sowie um die Versorgung seines Viehs sorgt.

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Quelle: https://feldpost.hypotheses.org/590

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Rückzug in das Gewöhnliche.


Immer nur die gleichen ‚Floskeln‘?

Fabian Köster/Dennis Krause

In der Forschung reduziert sich das Phänomen der Sprachlosigkeit in Feldpostbriefen zunächst auf drei Ursachen: die Angst vor der Zensur, die intendierte Schonung der Rezipienten und ein Sprachverlust in Folge des Erlebens beispiellosen Grauens.[1] Demnach würde ein Frontsoldat, ein leeres Blatt Papier vor Regen und Schmutz schützend, im Schützengraben kauern und überlegen, bevor er den Stift ansetzt: Was darf, will und kann ich nicht schreiben? Bereits eine solch simple Übertragung auf eine konkrete Situation vermittelt, dass eine solche retrospektive Kategorisierung an ihre Grenzen stößt. Denn natürlich werden Soldaten auch einfach ‚drauf los‘ geschrieben haben, nicht immer darauf bedacht, ihre Gedanken einer rationalen Prüfung zu unterziehen. Wenn Heinrich Echtermeyer immer wiederkehrende Begrüßungs- und Abschiedsformeln in scheinbar mechanischer Manier aufs Papier bringt, dann wirken jene Formulierungen dennoch vordergründig funktionell, ja beinahe floskelhaft.

Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.
Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.

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Quelle: https://feldpost.hypotheses.org/197

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Rückzug in das Gewöhnliche.


Immer nur die gleichen ‚Floskeln‘?

Fabian Köster/Dennis Krause

In der Forschung reduziert sich das Phänomen der Sprachlosigkeit in Feldpostbriefen zunächst auf drei Ursachen: die Angst vor der Zensur, die intendierte Schonung der Rezipienten und ein Sprachverlust in Folge des Erlebens beispiellosen Grauens.[1] Demnach würde ein Frontsoldat, ein leeres Blatt Papier vor Regen und Schmutz schützend, im Schützengraben kauern und überlegen, bevor er den Stift ansetzt: Was darf, will und kann ich nicht schreiben? Bereits eine solch simple Übertragung auf eine konkrete Situation vermittelt, dass eine solche retrospektive Kategorisierung an ihre Grenzen stößt. Denn natürlich werden Soldaten auch einfach ‚drauf los‘ geschrieben haben, nicht immer darauf bedacht, ihre Gedanken einer rationalen Prüfung zu unterziehen. Wenn Heinrich Echtermeyer immer wiederkehrende Begrüßungs- und Abschiedsformeln in scheinbar mechanischer Manier aufs Papier bringt, dann wirken jene Formulierungen dennoch vordergründig funktionell, ja beinahe floskelhaft.

Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.
Heinrich Echtermeyer an seinen Bruder Bernhard Echtermeyer, Feldpostkarte vom 15. Oktober 1916.

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Quelle: http://feldpost.hypotheses.org/197

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Sorge um die Heimat

Florian Steinfals

Die Desillusionierung der größtenteils freiwilligen Soldaten, die auf Ruhm und Abenteuer gehofft hatten, erfolgte während des Ersten Weltkrieges bereits früh. Die Hoffnung auf einen schnellen Sieg hatte sich schon bald als Illusion herauskristallisiert, konnte doch ein solcher von keiner kriegsführenden Seite errungen werden. Besonders an der Westfront entwickelte sich der Bewegungs- rasch zu einem Stellungskrieg. Infolge der erhöhten Feuerkraft und -rate der neuen Waffen wie Artillerie und Maschinengewehre, stieg auch die Verlustrate rapide an.[1] Allein auf französischer Seite starben zwischen dem 20. und 23. August 1914 mehr als 40.000 Soldaten.[2] Die ständige Gefahr durch die Artillerie, die selbst in den vermeintlich sicheren Stellungen nicht gebannt werden konnte, dazu eine schlechte Versorgung, Ratten und fürchterliche Entstellungen durch Schrapnellgeschosse bei den Kameraden, machten das Leben der Soldaten in ihren Schützengräben schier unerträglich.

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Quelle: http://feldpost.hypotheses.org/299

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Die Eigenwirtschaft der Zisterzienserabtei Tennenbach von ihren Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts

Abb. 1, GLAK 66 Nr. 8553

Eingangseite Tennenbacher Güterbuch (1317-1341). Miniatur mit Darstellung eines Konversen (Bildmitte), Generallandesarchiv Karlsruhe (im Folgenden GLAK) 66 Nr. 8553, fol. 1v (Ausschnitt). Die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg.

Gastbeitrag von Dr. Christian Stadelmaier (Gießen)

1. Einführung

In der Gießener Dissertation zum Grangienwesen des Zisterzienserklosters Tennenbach, die mittlerweile gedruckt vorliegt (Kurzzusammenfassung und Inhaltsverzeichnis),1wird die Landwirtschaft auf den klösterlichen Grangien und die Agrarverfassung im Umfeld der Höfe systematisch analysiert, wodurch repräsentative Ergebnisse generiert werden. Dazu wird verschiedenen Fragestellungen nachgegangen.2 Die Untersuchungen fußen in erster Linie auf der Kombination der urbariellen und urkundlichen Überlieferung des Klosters unter Beachtung von historischem Kartenmaterial.3

In Bezug auf die urbarielle Überlieferung ist das Tennenbacher Güterbuch als wesentliche Quellengrundlage zu nennen.4 Um die Erkenntnisse zu Tennenbach einordnen und bewerten zu können, wird zum Vergleich auf die Überlieferung zum Kloster benachbarter Grundherrschaften rekurriert.5 Neben der Rezeption der geschichtswissenschaftlichen Forschung werden Daten und Arbeiten beachtenswerter Nachbardisziplinen herangezogen. Dies betrifft in erster Linie die Mittelalterarchäologie und die Archäobotanik.6 Auf die einführenden und grundlegenden Kapitel folgt die Analyse der einzelnen Grangien nach einheitlichem Muster. Abschließend werden die Ergebnisse kontextualisiert, wobei die Frage nach den klösterlichen Innovationen im Bereich der Grangien einen zentralen Aspekt darstellt.7

Im Folgenden sollen die zentralen Ergebnisse der Arbeit vorgestellt werden.

2. Ergebnisse der Analyse der Grangien8

Bis ins frühe 14. Jahrhundert baute Tennenbach insgesamt 14 Grangien auf. Von diesen lagen zehn im Altsiedelland des Breisgaus. Drei Grangien wurden im östlich anschließenden Bereich des Schwarzwalds in der Nähe der Abtei angelegt, eine auf der Baar. In Bezug auf den räumlichen Schwerpunkt des Grangienwesens ist ein Zusammenhang von Bodenqualität und Ortswahl evident. Die Grangien mit umfangreichem Ackerland können in für den Ackerbau geeigneten Gegenden des Breisgauer Altsiedellands verortet werden. Dies belegt eine gezielte Arrondierungspraxis des Klosters.

Abb. 2, GLAK H Weisweil 5

Abb. 2: Der Harderer Hof auf dem Gemarkungsplan des Weisweiler Banns von 1763. GLAK H Weisweil 5 (Ausschnitt). Die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg.

Diese Arrondierungspraxis ist ein indirekter Nachweis für eine Marktorientierung der Klosterökonomie: Die Umsetzung der die Eigenwirtschaft fordernden Ordensstatuten in der Frühphase Tennenbachs muss die Produktion von Überschüssen zur Folge gehabt haben, die abgesetzt werden mussten. Die Einkünfte aus dem Handel wurden wieder in Güter investiert, durch deren Bewirtschaftung eine weitere Steigerung der Produktion und der Überschüsse eintrat. In Folge dessen erlangten Marktbesuch und Handelsaktivitäten zunehmende Bedeutung. Ein deutlicher Nachweis für die Marktorientierung des Klosters ist der Umstand, dass Tennenbach vor allem seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Städten und Marktorten Besitz anhäufte und mehrere Stadthöfe aufbaute.9

Der wichtigste Sektor der Grangienwirtschaft war der Ackerbau, was der Gesamtumfang des Ackerlandes der Grangien deutlich macht. Neben dem beträchtlichen Umfang der Getreideanbauflächen sowie zahlreiche Mühlen und Scheunen im Grangienzubehör zeigen die ermittelten Bodennutzungsformen die zentrale Bedeutung des Ackerbaus. Die Dreifelderbrachwirtschaft wurde sicher auf sieben Grangien betrieben. Bei einer Grangie ist dies anzunehmen. In drei Fällen ist eine Zweifelderwirtschaft mit oder ohne Brache belegt, in einem Fall anzunehmen. In Bezug auf die Fruchtfolgesysteme korrelieren zelgengebundene, also eine innerhalb der Großfelder (Zelgen) verbindlich im jeweiligen regelmäßigen Turnus stattfindende, Bebauung und Gemengelage der Grangiengüter signifikant. Die effektiven Bodennutzungsformen gingen einher mit einer Fokussierung auf den Brotgetreideanbau.10

Viehhaltung und die Viehwirtschaft rangieren in der Bedeutung für die klösterliche Landwirtschaft auf dem zweiten Platz. Neben den Wiesenlandanteilen belegen Flächen, die in Form der Feldgraswirtschaft bebaut wurden, und Weidegewalten im klösterlichen Besitz sowie Weiderechte für die Viehbestände der Grangien dieses Ergebnis deutlich.11

Daneben wurden auch der Gartenbau und die Waldwirtschaft in nicht zu unterschätzendem Ausmaß betrieben.12 Des Weiteren besaßen der Anbau von Öl- und Faserpflanzen sowie die Fischereiwirtschaft ebenfalls eine gewisse Bedeutung.13

Die Tatsache, dass der Grangienweinbau bei Tennenbach einen verhältnismäßig geringen Stellenwert besaß, ist auffällig. Lediglich auf drei Grangien wurde nachweislich Weinbau betrieben. In einem weiteren Fall ist dies für eine kleine Fläche anzunehmen. Der Umfang des Reblandes der Grangien war vergleichsweise niedrig. Dem gegenüber steht der Umstand, dass das Tennenbacher Güterbuch in großem Ausmaß in Pacht gegebene Rebgüter verzeichnet. Dies verdeutlicht die insgesamt geringe Bedeutung des Weinbaus auf den Grangien.14

Die wesentlichen Träger der Agrarwirtschaft auf den Grangien waren die Konversen. Sie dürften als Fachleute die landwirtschaftlichen Arbeiten im Lohnarbeiter zunehmend einen großen Anteil der Arbeiten auf den anwachsenden Grangien erledigt haben und deshalb in größerer Anzahl auf den Grangien anwesend gewesen sein.15

Für die Agrarwirtschaft und deren Gestaltung bedeutende Verfügungsgewalten und Berechtigungen sowie wirtschaftlich bedeutsame Privilegien versuchte Tennenbach systematisch anzuhäufen. Dabei zeigte sich bei den Grangien und im Grangienumfeld vor allem die zisterziensertypische Tendenz, Zehntprivilegien durchzusetzen und Steuer- und Abgabenbefreiungen zu erhalten. Daneben erlangte Tennenbach zahlreiche für die Landwirtschaft relevante Rechte.16

3. Das Tennenbacher Grangienwesen im Kontext

Der Abgleich der Ergebnisse zum Tennenbacher Grangienwesen mit dem agrargeschichtlichen Forschungsstand Südwestdeutschlands verdeutlichte, dass die Dreifelderbrachwirtschaft und Varianten der Zweifelderwirtschaft im Altsiedelland des Oberrheins koexistierten. Dabei wurde aufgezeigt, dass verzelgte Flursysteme im Altsiedelland des Breisgaus im 13. und 14. Jahrhundert stärker als bisher vermutet wurde, verbreitet waren. Weiter bestätigte sich, dass am Oberrhein während des Spätmittelalters eine außerordentlich differenzierte Flurverfassung bestand.17

Abb. 3, GLAK H Tennenbach 2_klein

Abb. 3: Gemarkungsplan des Tennenbacher Distrikts von 1759. GLAK H Tennenbach 2. Die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte liegen beim Landesarchiv Baden-Württemberg.

Im Vergleich mit dem Forschungsstand zum Grangienwesen der übrigen südwestdeutschen Zisterzienserklöster traten vor allem die Eigenheiten Tennenbachs hervor. Dies betrifft vor allem die verhältnismäßig geringe Bedeutung des Grangienweinbaus. In Hinblick auf den Ackerbau und die Viehwirtschaft bewegte sich das Kloster im Wesentlichen im üblichen Bereich. Vermutungen und Thesen, die von einer ausgeprägten Fischereiwirtschaft der Zisterzienser im südwestdeutschen Raum ausgehen, konnten im Ansatz bestätigt werden. Fischereiwirtschaft, Wassernutzungsrechte und Mühlenwesen waren dabei stets vernetzt.18

Tennenbach erbrachte nachweislich innovative Leistungen im Agrarbereich. Dies betrifft besonders den Umfang der landwirtschaftlichen Nutzflächen und die großen Viehbestände. Auch die mit systematischer Stringenz betriebene Düngepraxis ist als Neuerung zu deuten. Weiter ist davon auszugehen, dass das Kloster an der Einführung von verzelgten Fruchtfolgesystemen beteiligt war. Ferner konnten Indizien für Pferde in den Pfluggespannen im Grangienbereich erbracht werden. Daneben wurden Hinweise darauf, dass Tennenbach bei der Einführung und Verbreitung von Stampfmühlen im Breisgau eine Vorreiterrolle einnahm, beigebracht. Die Innovationen im Tennenbacher Grangienwesen treten deutlich hervor, auch wenn es sich bei ihnen größtenteils um die Weiterentwicklung und Verbesserung von Bestehendem handelte. Die Innovationen werden durchaus kritisch betrachtet. Nicht jede Neuerung ist per se als positiv zu bewerten. Abhängig von den jeweils angesetzten Kriterien und Maßstäbe zeigte sich die Ambivalenz der klösterlichen Innovationen. Als Träger der Fortschritte können die Konversen des Klosters angesehen werden. Da sie sich zu großen Teilen aus der ländlich-bäuerlichen Gesellschaft rekrutiert haben, ist davon auszugehen, dass von dort Anstöße für die Landwirtschaft auf den Grangien kamen, die im Zusammenspiel mit der Wirtschaftsleistung des Klosters ihr volles Potential entfaltet haben dürften.19

Das Grangienwesen Tennenbachs profitierte von den Gegebenheiten und Entwicklungen in seinem Wirkungsraum. Dies betrifft vor allem die klimatischen Bedingungen am Oberrhein, die hohe Nachfrage nach Getreideprodukten und die Ausbildung der Städte und Märkte. Vereinzelt stieß das Kloster aber auch an seine Grenzen. Die grundherrlichen Strukturen und die Genese der dörflichen Gemeinde erschwerten die Aktivitäten der Zisterze. Durch seine großen Viehbestände, seine Düngepraxis sowie die Schaffung großer Ackerlandareale und der damit zusammenhängenden Prägung der Agrarlandschaft beeinflusste die Tennenbacher Grangienwirtschaft das klösterliche Umfeld und die Umwelt.20

Die Schnittstellen spiritueller Grundzüge des Ordens und den damit in Zusammenhang stehenden Entwicklungen der Ordensverfassung auf der einen Seite und der Geschichte eines Einzelklosters auf der anderen liegen auf der Hand: Die Genese des Tennenbacher Grangienwesens sowie die auf den Grangien betriebene Agrarwirtschaft können dezidiert auf die Befolgung der Regel zurückgeführt werden. Die Intention der Grangienwirtschaft war es, die Klosterfamilie unabhängig von äußeren Anhängigkeiten zu versorgen. Dabei wurde deutlich, dass die Regeltreue immer einen Bezug zu den jeweiligen Gegebenheiten haben musste, um praktisch umgesetzt werden zu können. Tennenbach konnte die Ordensregeln rational und angepasst an die jeweiligen Umstände realisieren.21————————————————————————————————————————-

Zitiervorschlag:

Christian Stadelmaier: Die Eigenwirtschaft der Zisterzienserabtei Tennenbach von ihren Anfängen bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, in: Mittelalter am Oberrhein. Ein Blog der Abteilung Landesgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 12. März 2015, http://oberrhein.hypotheses.org/921 (ISSN: 2199-210X)

  1. Christian Stadelmaier: Zwischen Gebet und Pflug. Das Grangienwesen des Zisterzienserklosters Tennenbach (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, Bd. 58), Freiburg/München 2014. Der vorliegende Beitrag bezieht sich auf eben diese Publikation. Zwei in jüngster Zeit publizierte Aufsätze des Autors beziehen sich in unterschiedlichem Ausmaß auf die Dissertation und enthalten Inhalte, die auch im vorliegenden Beitrag zu finden sind: Christian Stadelmaier: Die Agrarwirtschaft der Grangien des Zisterzienserklosters Tennenbach: Grundlagen, Charakteristika und Neuerungen, in: Die Pforte 32/33 (2012/2013), S. 27–38; Christian Stadelmaier: Grangienwirtschaft und Agrarinnovationen in der Tennenbacher Grundherrschaft, in: 850 Jahre Zisterzienserkloster Tennenbach. Aspekte seiner Geschichte von der Gründung (1161) bis zur Säkularisation (1806), hrsg. von Werner Rösener, Heinz Krieg und Hans-Jürgen Günther (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, Bd. 59), Freiburg/München 2014, S. 131–146.
  2. Siehe dazu Stadelmaier, Gebet (wie Anm. 1), Kap. I.1.2.
  3. Ebd., S. 17, 21 f.
  4. Generallandesarchiv Karlsruhe 66, Nr. 8553. Edition: Das Tennenbacher Güterbuch (1317–1341), bearb. von Max Weber u. a. (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe A: Quellen, Bd. 19), Stuttgart 1969.
  5. Stadelmaier, Gebet (wie Anm. 1), S. 20.
  6. Ebd., S. 22.
  7. Zum Vorgehen: Ebd., S. 22 f.
  8. Die Angaben unter 2. beziehen sich auf ebd., Kap. II.3.
  9. Ebd., S. 235 f.
  10. Ebd., S. 239 ff. Zur zelgengebundenen Bebauung des Ackerlands vgl. ebd., S. 29.
  11. Ebd., S. 241.
  12. Ebd., S. 241 f. (Waldwirtschaft), 244 (Gartenbau).
  13. Ebd., S. 245.
  14. Ebd., S. 242 und zu den Ergebnissen zum Weinbau insgesamt ebd., S. 242 ff.
  15. Ebd., S. 245 f.
  16. Ebd., S. 246 ff.
  17. Ebd., Kap. III.1.1.1, hier S. 251.
  18. Ebd., Kap. III.1.1.2, hier v. a. S. 256 f.
  19. Ebd., Kap. III.1.2.2. Zu den Innovationen des Klosters siehe auch Stadelmaier, Grangienwirtschaft (wie Anm. 1).
  20. Stadelmaier, Gebet (wie Anm. 1), Kap. III.1.3.
  21. Ebd., Kap. III.2., hier v. a. S. 265 f.

Quelle: http://oberrhein.hypotheses.org/921

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Zirkulation des Wissens über den Tabakanbau im Napoleonischen Imperium, 2


Archives départementales du Bas-Rhin, 11M196, Le comte de l’Empire, Conseiller d’État grand Officier de la légion d’honneur, Directeur général de l’administration des Droits Réunis, des Tabacs, et des Octrois de bienfaisance à Monsieur le Baron Lezay-Marnesia, Préfet du départment du Bas-Rhin à Strasbourg, Paris, 9 mars 1812

Napoleon an der Quandtschen Tabaksmühle in der Voelkerschlacht bei Leipzig am 18. October 1813, Federzeichnung von Ernst Wilhelm Straßberger, 1813, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventarnummer: VS 1340, CC BY-NC-SA 3.0 DE.

Napoleon an der Quandtschen Tabaksmühle in der Voelkerschlacht bei Leipzig am 18. October 1813, Federzeichnung von Ernst Wilhelm Straßberger, 1813, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventarnummer: VS 1340,
CC BY-NC-SA 3.0 DE.

„Dans ma lettre, Monsieur le Préfet, du 7 février qui vous annonçait un envoi de graines de tabac de Hollande et de Flandre je vous ai témoigné mon regret de ne pouvoir pas vous envoyer en même temps des graines du midi de la France. Je viens d’en recevoir tout à l’heure un sortiment du Lot et Garonne qui m’a été adressé par l’<administration> de ce Dept[artement] et je m’empresse de vous en envoyer une quantité proportionné à celle que j’ai reçue. Dans la caisse qui les contient et qui vous a été expédiée par la diligence, vous trouverez aussi quelques graines recueillie avec soin chez les principaux cultivateurs du département d’Ille et Vilaine.

Celles du Lot et Garonne sont les espèces suivantes, savoir: Grand Virginie ou Tabac Long, à large feuille, grande espèce: a une végétation prodigieuse, réussit très bien dans les terrains gras abrités des grands vents. Petit Virginie, ou Tabac de Virginie pointu dit Langue de Bœuf. Qu’on croit être du Warwick dégénéré.

De Magdebourg, nommé à Clairac Tabac commun à  larges feuilles; il est propre pour robes. Tabac efrisé[sic], ainsi nommé à cause des feuilles papillotées bouillonnées; Cette variété remarquée depuis peu réussit très bien dans les terres légères. Par son port elle se rapproche du tabac de Virginie, par sa précocité, du Tabac dit Cyprès. Tabac Cyprès pommé ou tabac précoce. Il est nommé Cyprès,  parce que des feuilles en fer de lance et très aiguet[sic] se tiennent droites le long de la tige, jusqu’à ce quelle soient un peu fortes; pomme, parce que son bouquet de fleur s’élève peu au dessus[sic] des feuilles: Cette variété réussit bien dans les terrains qui <courierement> au tabac, en général ses feuilles sont fortes, plus nombreuses que dans les autres espèces et [unleserlich] moins exposées d’être fracassés par les vents; elles sont belles, épaisses, gluantes et d’un bon rapport; ne perdent jamais leur gomme; une fois parvenues au point désirable de maturité, elles s’échauffent rarement et sont moins sujettes que les autres au blanc ou au moisi. Ce tabac a encore l’avantage précieux de murir douze ou quinze jours plutôt que les autres, ce qui permet, de préparer les terres pour les semailles du blé.

Tabac Péant ou de la Californie, peu connu. Son premier nom  lui vient de la hauteur de ses tiges. Ses feuilles sont presque rondes, très amples, minces et prennent une belle couleur. Cette variété qui ne réussit que dans les fonds de bonne qualité, serait propre des tabacs à fumer.

Tabac d’Espagne dit Tabac camus. Cette variété est peu cultivée et mérite cependant l’attention des agronomes. Sa graine réussit très facilement sur couche; le jeune plant vient assez vite, et muris de bonne heure. Ce tabac éxige[sic] des bonnes terres pour devenir beau: il se manipule aussitôt qu’il est sec, est d’une bonne qualité, augmente celle des tabacs avec lesquels on le mêle; il était très recherché des fabricants. C’est en partie à cette variété qu’était due la grande réputation dont jouissait avant la Révolution, le tabac dit le Clairac.

Il y a un sac de papier renfermant diverses variétés. Voilà, Monsieur le Préfet, tous les renseignements qui peuvent vous être donnés en ce moment sur les diverses espèces de tabac de Lot et Garonne dont vous allez recevoir les graines. Je pense qu’elles vous parviendront encore assez tôt pour être distribuées et semées à temps. Je vous serai très obligé de m’en accuser la réception, et j’apprendrai avec plaisir que vous avez été satisfait de cet envoi.

Agréez, Monsieur le baron, l’assurance de ma parfaite considération.

Le Comte de l’Empire

[Unterschrift unleserlich]“

 

Zur Quelle

Die obige Quelle steht im Zusammenhang mehrerer Dokumente, die ich schon bei einem vorangegangenen Post zur „Zirkulation des Wissens über den Tabakanbau im Napoleonischen Imperium“ näher erläutert und in den Kontext der Geschichte des staatlichen Tabakmonopols in Frankreich eingebettet habe.

Der Brief vom 22. März 1812 belegt folgende Begebenheit: Baron de Lezay-Marnesia, Präfekt im Département Bas-Rhin, erhielt im Zuge seiner um die Verbesserung des Tabakanbaus kreisenden Korrespondenz mit der Pariser Tabakverwaltung  ein Schreiben von den Beamten, mit dem ihm die Zentralverwaltung die gewünschten Tabaksorten, jedoch auch weiteres Saatgut anderer Spezies zusendete, die in unterschiedlichen Gebieten des Französischen Kaiserreichs gesammelt worden waren.

Es ist durchaus hervorhebenswert, dass der Verwaltungsbeamte aus Paris nicht etwa botanische Bezeichnungen von Sorten, wie das von Carl Linnaeus entworfene binominale System (etwa „Nicotiana Tabacum“), sondern vielmehr die aus der Welt des Tabakhandels gebräuchlichen Begriffe verwendete. Zu diesen Sorten zählten etwa Tabake wie der „Grand Virginie ou Tabac Long“ oder der „Petit Virginie, ou Tabac de Virginie“, die die Beamten aus dem innerfranzösischen Departement Lot et Garonne erhalten hatten. Auch aus dem 1806 von den Napoleonischen Truppen eroberten Magdeburg, das als Hauptstadt des Elbdepartement dem Königreich Westfalen zugeordnet worden war, hatte die Pariser Tabakverwaltung Sorten wie den „Clairac Tabac” sowie den „Tabac efrisé“ sammeln lassen und an die Departementsverwaltung in Straßburg weitergereicht. Über den zentralen Sammel- und Verteilerpunkt Paris konnten regionale Akteure wie Lezay-Marnesia demnach Tabaksorten ordern, die innerhalb des Napoleonischen Imperiums kultiviert wurden.

Jedoch waren der Sammeltätigkeit der Pariser Behörden immer auch Grenzen gesetzt: Die Tabakbehörde in Paris gab an, dass sie nicht in der Lage gewesen sei, alle vom Präfekten gewünschten Tabaksorten nach Straßburg zu senden – Gründe dafür wurden jedoch nicht genannt. Wie Lezay-Marnesia auf diese auf diese Versorgungsprobleme reagierte und welche Praktiken damit einsetzten, soll am Beispiel einer weiteren und vorerst letzten Quelle gezeigt werden, die ich in den nächsten Tagen präsentieren möchte.

Quelle: http://naps.hypotheses.org/899

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