In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. Mai 2015 wurde die deutsche Übersetzung eines wenige Tage zuvor auf der Webseite der russischen Zeitschrift „Russkij pioner“ erschienenen Textes von Vladimir Putin abgedruckt. Der Text mit dem Titel „Das Leben ist so einfach und grausam“ schildert die Erlebnisse von Putins Eltern im Zweiten Weltkrieg und ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.
Bemerkenswert ist zunächst der persönliche Ton, den Putin anschlägt: Persönlich nicht nur in dem Sinne, dass es sich um Familienerinnerungen handelt, sondern vor allem, weil der Sprachduktus ein mündlicher ist. Der parataktische Stil, die argumentativen Brüche, der episodenhafte und assoziative Gang der Erinnerung erwecken den Eindruck unmittelbarer, ‚spontaner‘ Äußerungen eines sich erinnernden und seine Erinnerungen mit Gleichgesinnten teilenden Menschen. Der Zeitungsartikel zeigt somit eine auffällige Diskrepanz zu Putins üblichem rhetorischem Stil, der sich durch argumentative Stringenz auszeichnet: Unabhängig davon, ob man seine Positionen für überzeugend hält oder nicht, sind Argumente bei Putin in der Regel logisch hergeleitet, selbst das Pathos findet im Logos seine unabdingbare Stütze.
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Der Weg zu Klaus Manns Erkenntnis führt über eine schmale Treppe unter die Erde. Dort hängen die Worte des Schriftstellers auf einem grauen Plakat vor einer behauenen Wand aus roten Backsteinen: „Das Hamburg, welches ich kannte, wird es niemals mehr geben. Sicherlich die Stadt wird wieder aufgebaut werden […]. Aber ihr Antlitz und ihre Atmosphäre werden wesentlich verändert sein.“ Das Plakat mit Manns treffender Beschreibung Hamburgs nach dem Zweiten Weltkrieg hängt im Museum unter der Kirche St. Nikolai, einem der bekanntesten Mahnmale der Hansestadt. Die Dauerausstellung dort erinnert an die Bombennächte von 1943, als die Operation Gomorrha einen Feuersturm in der Hamburger Altstadt entfachte.