Über ungelöste Rätsel und die Verantwortung der Wissenschaft für ein YouTube-Video

Momentan befinde ich mich in einer sehr mühsamen Phase der Dissertation. Tag für Tag wälze ich Handschriftenkataloge und Datenbanken, klicke mich durch unzählige Zahlenkolonnen einer Access-Datei. Kein Wunder also, dass ich von Zeit zu Zeit empfänglich bin für das moderne Medium der Zerstreuung, YouTube.

Natürlich kommt dabei für mich normalerweise nur der Arte Channel in Frage ;-) , gestern stieß ich allerdings auf folgende Perle: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz stellt Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte vor.

Herr Görlitz (“beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Experimentalarchäologie. Diese interdisziplinäre Forschung berührt auch das Studium der Kartographiegeschichte […].”) überraschte mich bei seinem ersten “Expertenbeitrag” zunächst äußerst positiv mit der Aussage, “dass diese Anschauung, dass die Erde eine Scheibe ist, eigentlich eine relativ junge Anschauung war”. Endlich mal einer der mit diesem Mittelalter = Erde = Scheibe-Quatsch aufräumt, dachte ich zufrieden – bis Görlitz seinen Satz mit den Worten beendete: “die sich eigentlich erst mit der Christianisierung ausgehen der Antike entwickelt hat.” Und weiter: Die Kugelgestalt der Erde “hat sich in der Antike auch so weitgehend durchgesetzt, bis man wieder den Schritt zumindest kulturell scheinbar zurück, mit dem Christentum genommen hat, wo man eben wieder in die alte flächige Gestalt der Erde umgeswitched war.”

Eigentlich hätte ich die “Doku” vergnügt ein bisschen weitergeschaut (Bonmots: “Wenn man sechzig Tage auf dem Ozean segelt, hat man viel mehr Freizeit als im normalen wirklichen Leben”; “Aber grade Phantasie und Spekulation sind wichtige Grundmethoden der Wissenschaft”) und verdrängt. Der Zufall wollte aber, dass ich abends einen ersten Blick in das kürzlich erschienene Buch Die Geschichte der legendären Länder und Städte von Umberto Eco warf. Gleich das erste Kapitel behandelt Die Erde als Scheibe und die Antipoden. Auf Seite 12 betont Eco: “Im Gegensatz zu vielen Legenden, auf die man immer noch im Internet stößt, wussten alle Wissenschaftler des Mittelalters, dass die Erde eine Kugel ist.” Wie könnte das ein bedeutungsloser Zufall sein! Nein, das war ein Zeichen, eine Aufforderung , die ungelösten Rätsel der Entdeckergeschichte zu lösen oder zumindest einen kleinen Artikel über eines davon zu schreiben. Dabei ist der Begriff Rätsel hier eigentlich falsch verwendet, Irrtümer trifft es besser, zum Beispiel die erwähnte Legende eines mittelalterlichen Scheibenweltbildes. Vor einiger Zeit hat Reinhard Krüger (hier in einem Beitrag von 2007) betont: “Nichts davon trifft zu. Vielmehr handelt es sich bei dieser Vorstellung um ein wissenschaftsgeschichtliches Gerücht, welches spätestens seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts sich aus zunehmender Unkenntnis der einschlägigen astronomischen, geographischen und kosmologischen Literatur des Mittelalters, hierunter vor allem auch der Texte der Kirchenväter, speist. Aus dem Gerücht vom mittelalterlichen Erdscheibenmodell, aus der überzogenen Interpretation der scheinbaren Wissenschaftsfeindlichkeit eines Kirchenvaters wie Augustinus beispielsweise, mit einer Vielzahl von nur noch schlecht memorierten Zitaten der patristischen Tradition und schließlich mit gefälschten und zeitlich um Jahrhunderte vordatierten Graphiken des ausgehenden 19. Jahrhunderts vom ‘Aufbruch des mittelalterlichen Menschen aus kirchlicher Bevormundung’ wurde der Mythos vom spätantiken Niedergang des Globusmodells und der daraus resultierenden mittelalterlichen Unwissenheit geschaffen.” (Siehe Link, S. 34).

Ich möchte nun nicht die ganze Forschungsgeschichte zum Thema wiederkäuen, wem der Krügerbeitrag nicht ausreicht, der findet auf der Wikipedia-Seite zur Flachen Erde einschlägige Literatur und auch bei Eco kann man mit Genuss darüber lesen (und auf vielen schönen Abbildungen sehen).

Vielmehr möchte ich kurz einen sehr cleveren, mittelalterlichen Beweis zur Kugelgestalt der Welt vorstellen, also nicht nur das geistige Endprodukt “Die erde ist ja eine Kugel!”, sondern auch einen dazu führenden Gedankengang.

Im frühen 12. Jahrhundert verfasste Wilhelm von Conches einen Lehrdialog, in dem ein Herzog mit einem Philosophen über den Aufbau des Kosmos diskutieren.

In Buch 6, Kapitel 2 des Dragmaticon’s[1] debattieren beide die Form der Erde. Einige Ignoranten, die wie die Tiere eher ihrem Gefühl anstatt ihrem Verstand vertrauen würden, behaupteten, die Erde sei eine Scheibe. Diesen Irrsinn widerlegt der Philosoph mit einer ganzen Reihe von Argumenten.

Eines dieser Argumente hat der Wissenschaftsgeschichte zwei schöne Diagramme beschert, das Argument der zwei Städte: Wäre die Erde eine Scheibe, so würde es in einer Stadt ganz im Osten der Scheibe fast gleichzeitig Morgen und Mittag sein, da die Sonne dann kurz nach dem Aufgehen ihren Zenit über der Stadt erreicht. Für eine Stadt ganz im Westen der Scheibe hingegen stellte sich die Situation genau andersherum da, hier würden Mittag und Abend zusammenfallen. Da das bekanntermaßen nicht der Fall sei, müsse die Erde eine Scheibe sein, so der Philosoph. “Damit Du das besser verstehen kannst, male ich eine Figur”:

Oxford, Bodley, MS. e Mus. 121, fol. 82v

Aus dem gleichen Grund erführen verschiedene Orte auch den Sonnenauf- bzw. Untergang zu unterschiedlichen Zeiten. Geht die Sonne für eine Stadt unter, geht sie gleichzeitig für eine andere auf der Rückseite des Globus auf. Auch hierfür gibt der Philosoph ein Diagramm, wobei die Städte in dieser Handschrift durch A, B, C und D ersetzt wurden.

Oxford, Bodley, MS. e Mus. 121, fol. 83v

Nicht nur wusste Wilhelm, dass die Erde eine Kugel war, er konnte dies auch begründen. Dabei war seine Begründung anders als etwa bei Pythagoras nicht rein philosophisch oder gar mystisch, sondern im Grunde geometrisch (also rational) und ein Stück weit sogar empirisch.

So viel zur Kugel.

Warum hat mich diese Dokumentation so nachhaltig verstört, dass ich sie nicht wie sonst ignoriert habe? Zum einen, weil ich bei meinen Internetrecherchen feststellen musste, dass so ein Unfug tatsächlich noch in einigen Schulbüchern verbreitet wird (das Beispiel ist zwar von 1998, dürfte im Schulunterricht aber noch Anwendung finden). Zum anderen, weil sich die Dokumentation im Vergleich zu “seriösen” Fernsehdokumentationen ganz gut schlägt. Ein professioneller Sprecher, “Experteninterviews” und eine (vergleichsweise) seriöse Aufmachung ­– auf den Laien dürfte das durchaus Eindruck machen. Mit den bizarren und skurrilen Auftritten des pseudowissenschaftlichen Gegendiskurses hat das jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Vielmehr scheinen mir solche Produktionen durchaus geeignet zu sein, zunehmend im populärwissenschaftlichen Diskurs Fuß zu fassen, zumal im Internet kein Gatekeeping stattfinden kann. Hier ist sicher auch die seriöse Wissenschaft verantwortlich, die die Vermittlung ihres Wissens aus dem akademischen Subsystem in eben diesen populärwissenschaftlichen Diskurs und damit in die Gesellschaft sträflich vernachlässigt. Wer dort allerdings die Deutungshoheit verliert, der verliert gleichzeitig seine Relevanz und Legitimation. Wenn sich die Wissenschaft aber nicht allein auf die Schule als Vermittlerin ihres Wissens verlassen kann, dann muss sie sich selbst darum kümmern, etwa indem sie ihre Ergebnisse nicht nur als Fachartikel in Fachzeitschriften publiziert, sondern auch in leicht verständlicher, vielleicht sogar unterhaltsamer, vor allem aber auch für die Masse leicht zu erschließenden Form (nein, Latein gehört nicht mehr dazu). Soziale Medien bieten hierfür schon lange eine Fülle von Möglichkeiten (@9nov38 hat es vorgemacht), was noch fehlt, ist ein entsprechender Wandel in der Wissenschaftskultur, der ein solches “Runterbrechen” auch honoriert.

Die “Dokumentation” endet nachdenklich: “Was bringt Kulturen relativ schnell zur Blüte, was führt zu den unzählig vielen kulturellen Abstürzen in unserer Vergangenheit[?] Die Kulturgeschichte unserer heutigen Zivilisation zeigt, ja, dass es eigentlich eine Geschichte von unzähligen Abstürzen ist.” Vielleicht liegt es daran, “dass, während einige frühere Kulturen wirklich an eine flache Erde glaubten, viele unserer Zeitgenossen im Widerspruch zum Stand unserer historischen Kenntnisse immer noch meinen, die Menschen des Altertums und des Mittelalters hätten an eine flache Erde geglaubt. Daran sieht man, dass die Heutigen mehr zu Legenden neigen als ihre Vorfahren.” (Eco, S. 22).

Diesen Ignoranten wollte ich zum Abschluss des Beitrags eigentlich wütend die Mahnung eines solchen Vorfahren entgegenschleudern: “fatti non foste a viver come bruti, ma per seguir virtute e canoscenza” – Ihr seid nicht auf der Welt, um wie die Tiere zu leben, sondern um nach Tugend und Wissen zu streben!

Am Ende erscheint mir das aber zu wohlfeil und selbst ein bisschen ignorant. Ein anderer Protagonist der Dokumentation, Martin Waldseemüller (über den es unlängst eine schöne Ausstellung mit lobenswertem online Begleitprogramm gab) mahnt uns Wissenschaftler, dass wir Wissen nicht nur anhäufen, sondern auch “gemein” vermitteln sollten. Denn der wird “für ein neydigen vergünstigten menschen geachtet […], der das liecht der weißheit hat entpfangen, und es verbürget, vor seinem neben menschen”. Hier müssen wir noch kräftig an uns arbeiten. Ideen?

 

[1] Edition: Dragmaticon philosophiae, hg. von Italo Ronca, Corpus Christianorum Continuatio mediaevalis 152, Turnhout 1997. Italo Ronca hat auch eine englische Übersetzung nebst kleineren Erklärungen vorgelegt: Italo Ronca, A dialogue on natural philosophy : translation of the new Latin critical text with a short introduction and explanatory noteses. Notre Dame 1997.

 

Quelle: http://quadrivium.hypotheses.org/122

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aventinus academica Nr. 4 [14.11.2013]: H. Dürnberger / S. Hofhues / Th. Sporer (Hrsg.): Offene Bildungsinitiativen. Fallbeispiele, Erfahrungen und Zukunftsszenarien, Münster 2011

Der online verfügbare Titel zeigt Beispiele für offene Bildungs­initiativen, die ein besonderes Potential für die überfachliche Kompetenz­entwicklung mit digitalen Medien darstellen, auf und thematisiert die unter­schied­lichen Rahmenbedingungen, mit denen diese konfrontiert sind. http://bit.ly/1crVuyE

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/11/4765/

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Eric D. Weitz: The Paris System: International Order through Ethnic Cleansing?

Abstract for the conference Das 20. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg

Minority protection, forced deportations, and the “civilizing mission” emerged together in the last third of the nineteenth century. They were all part of a tectonic shift in political conceptions: from traditional diplomacy to population politics, from mere territorial adjustments to the handling of entire population groups categorized by ethnicity, nationality, or race, or some combination thereof, from the Vienna to the Paris system. This liberal international came to fruition between 1919 and 1923 in the wake of World War I. Two global areas, the borderlands region of Eastern Europe (and stretching into Anatolia) and Africa, rarely considered together, constituted the critical sites for the emergence of the Paris system. Its history shows that the origins of human rights standards are not as pristine and pure as many recent studies suggest; a major part of their history lies in a way of thinking about populations — group protection and group rights – that entailed the very same thought patterns that enabled and promoted forced deportations. The Paris system did not end in 1939 with the onset of World War II, nor even in 1945 with the war’s end. The notion of sovereignty rooted in national homogeneity remains a principle of international politics down to our present day. In many ways, we still live in the Paris system world.

Eric D. Weitz is Dean of Humanities and Arts and Professor of History at the City College of New York. Trained in modern European and German history, his work in recent years has extended to the history and politics of international human rights and crimes against humanity. 

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1249

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Nur noch 14 Tage: Unser Call4Papers zum Thema “Krisen und Umbrüche: Wie wandeln sich Gesellschaften?” endet am 01.12.2013!

Was haben die Wiedervereinigung Deutschlands, die Genozide auf dem Balkan Anfang der 1990er Jahre, die Atomkatastrophe von Fukushima, der Arabische Frühling und  die globale Finanzkrise gemeinsam? Sorgen die Ereignisse der letzten 20 Jahre für eine deutliche Veränderung unseres Alltags? Wie … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/5742

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Digital Humanities: Neue Herausforderungen für den Forschungsplatz Schweiz

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Die von der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften veranstaltete Tagung “Digital Humanities: Neue Herausforderungen für den Forschungsplatz Schweiz” hat unter anderem zum Ziel Projektmitarbeitende und an den Digital Humanities interessierte Personen zu vernetzen und den Stand der Digital Humanities in der Schweiz zu ermitteln. Dabei werden Fragen zur Institutionalisierung der Digital Humanities an den Universitäten, zum Forschungsplatz Schweiz und zu den Bedürfnissen der geisteswissenschaftlichen Fachgemeinschaft diskutiert. Die Tagung findet vom 28. bis 29.11.2013 im Kornhausforum Bern statt.

Mehr Infos finden Sie hier.

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2520

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Workshop “Annotation: Anwenderbedarf und Support”

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Der vom Hamburger Zentrum für Spachkorpora (HZSK) initiierte Clarin-D-Workshop “Annotation: Anwenderbedarf und Support” findet vom 28. bis 29.11.2013 in Hamburg statt und dient als Plattform für den Austausch zwischen AnwenderInnen und EntwicklerInnen von Annotations- und Analysesoftware. Gemeinsam werden Anforderungen und Lösungsansätze diskutiert, um dann die Ergebnisse der Diskussionen in die Weiterentwicklung des CLARIN-D-Helpdesk einfließen zu lassen.

Weitere Infos und Online-Registrierung finden Sie hier.

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2523

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Marie-Janine Calic: Ordnungsentwürfe im multiethnischen Kontext: Der Fall Jugoslawien

Abstract für die Konferenz Das 20. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg

Trotz zahlreicher Geburtsfehler kann man die Versailler Nachkriegsordnung und in ihr geschaffenen Staaten nicht als „künstlich“ qualifizieren. Jugoslawien war Resultate einer auf dem Selbstbestimmungsrecht beruhenden Ordnung, die auch den Südslawen ihren eigenen Staat zusprach. In der konkreten Umsetzung der Versailler Nachkriegsordnung, zum Beispiel bei der Grenzziehung, waren die Großmächte allerdings inkonsequent und widersprüchlich. Teil der Inkonsistenz war ein Minderheitensystem, das nur für die osteuropäischen Staaten, nicht für die Westmächte galt. Integrierend sollte im heterogenen Jugoslawien eine unitarische Nationalideologie wirken, die von einem einzigen südslawischen Volk ausging. Der Staat sollte auf individuelle Freiheiten, nicht kollektive Rechte gebaut sein. Dies stand in Einklang mit der westeuropäischen Idee der Staatsnation, die sich historisch-politisch, nicht sprachlich-kulturell definierte. Existierende kollektive Identitäten ließen sich jedoch nicht ohne weiteres in einer von oben konstruierten jugoslawischen Nation verschmelzen. Die im Rahmen der Versailler Ordnung geschaffenen Staaten sind letztlich nicht an inneren Widersprüchen, sondern äußerer Aggression zugrunde gegangen.

Marie-Janine Calic ist Professorin für Ost- und Südosteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universiät München. Ihr Forschungsschwerpunkte sind die Konfliktgeschichte Südosteuropas, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Südosteuropas (Entwicklungsforschung), Ethnische Minderheiten und nationale Frage auf dem Balkan, Deutsche und europäische Balkanpolitik, Konfliktprävention, Wiederaufbau, internationale Friedenssicherung undVergangenheitspolitik.

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1257

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Worüber sprechen wir eigentlich? Geschichtsdidaktik und ihre Praxis

 

Dass die Geschichtsdidaktik praxisfern und theorieverliebt agiere, ist fast ein Gemeinplatz. Der nicht zutrifft. Vielmehr gründet die Disziplin auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament und engagiert sich in zunehmend vielfältigen Formen, um die Erträge ihrer Forschung in „die Praxis“ zu transferieren. Ein neues, schlagendes Beispiel dafür sind die Debatten in diesem Blog-Journal. – Oder etwa nicht?

 

Geschichtsdidaktik – zum Appell!

Neulich, in einer leidlich ernsthaft geführten Konversation, erkundigte sich mein besorgt dreinblickendes Gegenüber, ob denn die Geschichtsdidaktik mit all ihren klugen Theorien oder emphatischen Entwürfen sich auch zukünftig auf eine „appellative Funktion“ beschränken wolle, und wenn nicht, wie sie gedenke, die Ergebnisse ihrer manchmal gar empiriebasierten Reflexion in „der Praxis“ zur Geltung zu bringen. Diese Frage hörte ich wahrlich nicht zum ersten Mal. Doch der „Appell“ ließ mich zusammenzucken; ich musste nicht nur an den gereckten Zeigefinger, sondern an salutierende Massen auf Exerzierplätzen und Kasernenhöfen denken. Also hatte mein Gesprächspartner einen neuralgischen Punkt getroffen: Seit ihren Anfängen fahndet die Geschichtsdidaktik sowohl nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz als auch, wie jede angewandte Wissenschaft, nach ihrer vorgeschalteten Anwendungseignung.

Was leistet Geschichtsdidaktik?

Ich atmete tief ein: Gewiss arbeite die Geschichtsdidaktik wie jede wissenschaftliche Disziplin zunächst einmal für einen inner circle. Man hält Lehrveranstaltungen ab, betreut den sich qualifizierenden Nachwuchs, setzt Vorträge auf, forscht in Einzelprojekten und Verbünden, stets für und mit Verbündeten. Ja, dabei nutzt man zuweilen eine voraussetzungsvolle Arkansprache, die von Außenstehenden nicht schnell entschlüsselt werden kann. Aber immerhin sei doch eine Langzeitwirkung schon durch die leibhaftige Begegnung mit einem Teil unserer AnwenderInnen, den (späteren) schulischen Lehrkräften, während ihrer Ausbildung oder in Fortbildungen gegeben. Ansonsten diffundieren die Erkenntnisse „der Geschichtsdidaktik“ auf osmotische Weise „in die Praxis“:

  • Wir veröffentlichten mitnichten nur in theoretischen Organen, sondern auch in Zeitschriften und Buchreihen, deren Leserschaft vornehmlich aus MultiplikatorInnen fachdidaktischer Instruktion besteht. Dabei meine ich zu bemerken, dass der hochdrehende fachsprachliche Apparat endlich zurückgefahren wurde. Wenn man sich die rhetorische Geschraubtheit, die akademische Überschwere, die intellektuelle Spreizung so mancher didaktischen Altvorderen nochmals zu Gemüte führt, schreiben wir heute doch verständlicher, versöhnlicher, der „Praxis“ zugewandt. Die blendenden Empfehlungen von Curthoys/McGrath in ihrem luziden Werk „How to Write History that People Want to Read“ könnten glatt einem fachdidaktischen Grundkurs entstammen.
  • Wir unterstützen die boomende Projektszene der außerschulischen historisch-politischen Bildung, die Veranstalter von Geschichtswettbewerben, pädagogische Abteilungen von Gedenkstätten, politische Vereine und NGOs, sogar die Bundeswehr im Zuge ihrer historisch-politischen Bildungsbemühungen. Mittlerweile werden GeschichtsdidaktikerInnen von Museen – undenkbar noch vor zehn Jahren – bereits in der Vorbereitungs- und Konzeptionsphase historischer Ausstellungen gehört, beauftragt, operativ eingebunden.
  • Zwar trifft zu, dass wir in einem Kerngeschäft, der Curriculumarbeit, zuletzt zur Seite gedrängt wurden. FachdidaktikerInnen gehören eher nicht mehr in den erlauchten Kreis der Lehrplankommissionäre. Weckrufe gegen desolate Entwürfe oder Verteidigungsreden für zeitgemäße, gleichwohl in der (Verbands-)Kritik stehende Ansätze gibt es aber noch (zuletzt 2010 im Falle der hessischen Bildungsstandards im Fach Geschichte für die Sekundarstufe I 1). – Wahr bleibt, dass sämtliche vagabundierende Kompetenzmodelle, an denen sich Richtlinienpapiere für das Fach Geschichte ausrichten, auf Vorlagen aus der Geschichtsdidaktik beruhen. Narrative Kompetenz, historische Urteilsbildung, interkulturelles Lernen sind nicht ohne unseren Einfluss in die Geschichtscurricula gelangt, um eben dort „praktisch“ wirksam zu werden.2

Noch Fragen?

Zumutung Praxistauglichkeit

Als ich den Mund meines Partners offen stehen sah, spürte ich vor mir selbst Erleichterung. Dann aber besann ich mich: Was sollte eigentlich diese Inquisition? Wieso darf man behaupten, Erkenntnisse einer bzw. der geschichtsdidaktischen Wissenschaft seien erst dann relevant, gültig, wertvoll, wenn sie Anwendung „in der Praxis“ fänden? Die Soziologie untersucht Heiratsverhalten und Ehescheidungen. Aber würden wir von SoziologInnen jemals eine Empfehlung dazu erwarten, wann man zu heiraten und unter welchen Umständen sich wieder zu trennen habe? Und was ist das überhaupt für eine „Praxis“, die Richtlinien und Handlungsanweisungen von gar nicht unmittelbar Zuständigen zu empfangen begehrt? Schließlich: So wie das Lernen von Geschichte genau nicht heißt, die Geschichten der HistorikerInnen auswendig zu kennen, sondern seine eigenen mit jenen zu vermitteln, meint das Lernen von der Geschichtsdidaktik nicht, deren Konzepte ungeprüft zu übernehmen, sondern mit der selbst erfahrenen Optionenvielfalt in ein fruchtbares Verhältnis zu setzen.

Blog-Journal für welches „Public“?

Mein Kontrahent blinzelte. Nun, dass die Geschichtsdidaktik ein ziemlich selbstbezügliches System sei, beweise sich wieder einmal an jenem neuen Blog-Journal, für das ich wohl auch schriebe. Schrill und übertrieben alarmistisch erschienen ihm darin manche Wortgefechte um Einheitstendenzen und Separatismen innerhalb der Disziplin – wohlgemerkt soweit er ihnen überhaupt folgen könne. Dabei frappiere ihn, dass zur Absteckung der claims zuweilen ein argumentatives, d.h. buchstäblich kämpferisches Waffenarsenal aufgefahren werde, mit dem jenes „Public“, das man doch laut Titel des Blog-Journals erreichen wollte, garantiert verfehlt werde. Von heiterer Positionsregie oder spielerischer Theorieproliferation, wie sie doch wohl einzig ein eben nur interessiertes, nicht schon advokatorisches Publikum angingen, keine Spur. Eher schon wünschte man wohl die jeweils anderen vor sich stramm stehen zu sehen. Appellativ eben.

Ich fasste mir an den Kopf und schaute dem Mann tief in die Augen. Was soll man von so einem halten?

 

Siehe auch Demantowsky, Marko: Praxis vs. Theorie und Rüsen neue Historik. In: Public History Weekly 1 (2013) 14, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-889.

Literatur

  • Curthoys, Ann / McGrath, Ann: How to Write History that People Want to Read, Sydney 2009.

 

Abbildungsnachweis
Eingang zur einer Grundschule (ehem. nur für Mädchen) in Mailand, März 2013. © Michele Barricelli.

Empfohlene Zitierweise
Barricelli, Michele: Worüber sprechen wir eigentlich? In: Public History Weekly 1 (2013) 11, DOI: DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2013-629.

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