Der mittelalterliche Bibliothekskatalog als Quelle

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Nachdem an dieser Stelle bereits auf die von mir genutzten Hilfsmittel im Bereich der mittelalterlichen Bibliothekskataloge hingewiesen wurde, möchte ich mich heute mit der ein wenig mit der Quelle selbst beschäftigen: Welche Fragen lassen sich mit ihrer Hilfe beantworten, welche spezifischen Gefahren muss man umschiffen und mit welchen Ergebnissen kann man rechnen? Abschließende Antworten auf diese Fragen habe ich (noch) nicht, dieser Artikel dreht sich daher eher um die Probleme, die ich bislang ausgemacht habe. Wie immer giere ich nach Kritik und Hinweisen.  

Es geht heute also um mittelalterliche Bibliothekskataloge aus dem deutschsprachigen Raum vor 1300. Diese Einschränkung ist sicherlich wichtig. Gerade  im späten Mittelalter setzen sich einige Entwicklungen in Gang, die, würde man sie weiterverfolgen, langsam aber sicher auf den modernen Bibliothekskatalog zusteuern, wie wir ihn heute kennen. Dieser Prozess führt langsam aber sicher zu Katalogen, die zunehmend

  • systematischer
  • standardisierter
  • umfassender im Sinne der Bestandserfassung
  • umfassender im Sinne der Beschreibung
  • besser zu durchsuchen

sind und in der Regel von professionellen Institutionen verwaltet werden. Im (frühen und hohen) Mittelalter, also vor diesen Entwicklungen, haben wir es aber mit Katalogen zu tun, die ganz anderen Bedürfnissen und einer ganz anderen Buch- und Bibliothekskultur verpflichtet waren. Einen tollen Einblick in diese Kultur bietet  dieses Video von Richard Gameson von der Universität Durham auf youtube. Ich beschränke mich hier auf den Hinweis, dass man mittelalterlichen Katalogen mit einem gewissen Sinn für ihre Andersartigkeit begegnen muss.

Um diese Andersartigkeit etwas näher zu bringen, möchte ich kurz (okay, das ist wohl gelogen) den hochmittelalterlichen Bibliothekskatalog des Prämonstratenserstifts Arnstein an der Lahn vorstellen. Zur Geschichte des Stifts, der Bibliothek und den überlieferten Handschriften hat Bruno Krings eine sehr umfangreiche Studie vorgelegt, die unten aufgeführten Literatur zu entnehmen ist.

Wie in allen mittelalterlichen Klöstern gab es in Arnstein im Prinzip drei getrennte Buchbestände, für die unterschiedliche Personen zuständig waren. Daher wurden auch meistens getrennte Listen geführt. Es gab die

  • liturgischen Bücher in der Sakristei unter dem Cantor,
  • die Schulbücher in der schule unter dem Schulmeister,
  • die Bücher für die lectio der Mönche in der eigentlichen Bibliothek unter dem Bibliothekar

Der Arnsteiner Katalog deckt lediglich die beiden letzten Bereiche ab, also die Gesamtbibliothek sowie den Schulbuchbestand. Drei Listen sind es, die zwischen 1200 und 1220 in eine Handschrift eingetragen wurden. Leider wurde gerade dieser Abschnitt nicht durch die British Library digitalisiert, da (anscheinend) langweilig (Was die Digitalisierung der BL betrifft, da kann man manchmal eh nur noch den Kopf schütteln). Zum Glück liegt eine ganz gute Edition durch Gottlieb vor, in die man jetzt zwei Minuten reinschauen könnte (nicht schummeln, auch in die Einleitung!).

Zunächst ein paar Gedanken zum großen Gesamtkatalog der Bibliothek: Der Katalog wurde durch Gottlieb zwar als Liste ediert, seiner Einleitung kann man aber entnehmen, dass dies nicht dem tatsächlichen Layout entspricht. Eigentlich ist der Katalog durch sechs Arkaden gegliedert, die einer bestimmten, typisch mittelalterlichen Systematik folgen. Nicht nach Sachgruppen, dem Alphabet, der Größe oder sonstigen Kriterien, sondern hierarchisch in die biblischen Schriften und besonders wichtiger Autoren oder vielleicht besser Autoritäten.

In der jeweiligen Arkade werden dann die vorlegenden Werke dieses Autors genannt – zumindest in der Theorie. Tatsächlich konnte dieses Prinzip in Arnstein nicht mal im Ansatz durchgezogen werden, da es schlicht nicht dem realen Bestand der Bibliothek entsprach. In die freien Räume wurden recht wahllos andere Titel eingetragen. Einen Rückschluss auf die tatsächliche Anordnung der Bibliothek lässt dieser Katalog oder vielleicht besser: dieses Inventar also nicht zu.

Dem modernen Betrachter mag außerdem seltsam erscheinen, dass der Katalog trotz einer Reihe von Korrekturen und Nachträgen nicht systematisch fortgeführt und aktualisiert worden ist. Spätestens ab Mitte des Jahrhunderts verzeichnete man keine Neuzugänge mehr. Der Katalog bleibt, wie andere zeitgenössische Kataloge auch, eine Momentaufnahme. Für eine vergleichende Untersuchung stellt das ein großes Problem dar: Die Wissensbestände eines Kataloges von 1120, der die Neuzugänge einer Bibliothek nicht kontinuierlich verzeichnet, kann man nicht wirklich mit den Beständen eines Kataloges von 1180 vergleichen. Einen Lösungsansatz für dieses Problem suche ich noch.

Zu den Schulbuchlisten: Für mich sind natürlich besonders die Schulbücher des Stifts interessant und hier scheint der Arnsteiner Katalog auf den ersten Blick mit zwei vollständigen Listen durchaus ergiebig zu sein. Aber auch hier ist aber Vorsicht geboten und der Teufel steckt im Detail! Aus den Überschriften der Listen geht nämlich hervor, dass diese eben kein Gesamtkatalog der Schule darstellen. Stattdessen stellen diese Listen eine Art Schenkungsnotiz dar. Hier wurden „lediglich“ Büchern verzeichnet, die durch die Gelehrten Richolf und Eberhard bei ihrem Eintritt in das Stift mitgebracht worden sind. Die Listen geben streng genommen also gerade nicht Auskunft über die monastische Bildungskultur im frühen 13. Jahrhundert, sondern lediglich über das spezifische Bildungsinteresse zweier Gelehrter dieser Zeit.

Zusammenfassend lässt sich also sagen:

  • Kataloge bilden nicht zwangsläufig die reale Bibliotheksordnung ab
  • Kataloge bilden fast nie den gesamten Buchbestand ab
  • Kataloge stellen häufig nur eine Momentaufnahme dieses Bestandes dar

So viel zur allgemeinen Aussagekraft hochmittelalterlicher Kataloge. Auch auf der Ebene der einzelnen Einträge lauern einige Schwierigkeiten. Weder gab es im hohen Mittelalter einheitliche Standards zwischen den verschiedenen Katalogen, auch innerhalb einer einzigen Liste wurde das gewählte System nicht immer einheitlich angewandt. Folgendes Beispiel soll das verdeutlichen:

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Die Gliederung der einzelnen Einträge erfolgt hier vor allem über die Interpunktion und die et-Ligatur. Nach „hic est liber qui dicitur obstrusa grammatica“ wird der Eintrag mit einem Punkt geschlossen und ein neues Werk durch die et-Ligatur eingeleitet. Gleich ein paar Einträge später sieht das ganz anders aus: der Eintrag „Epistola alexandri. Ad aristotilem. De monstris indie“ bezieht sich mit Sicherheit auf einen zusammengehörenden Titel. Dieser verwirrende Gebrauch der Gliederungszeichen erschwert zuweilen die Identifikation einzelner Titel, wie im folgenden Fall: „liber magistri hvgonis de sancto victore. De honeste uiuendo & liber triplex capiendi consilii de liberatio(ne) & dicta antiquorum philosophorum.

Zwei Lesarten sind hier zumindest theoretisch möglich: Man kann, wie das etwa Bruno Krings getan hat, den Punkt ignorieren oder als Doppelpunkt verstehen und im et die entscheidende Zäsur sehen. Dann hätte man drei Titel:

  1. liber magistri hvgonis de sancto victore. De honeste uiuendo
  2. liber triplex capiendi consilii de liberatio(ne)
  3. dicta antiquorum philosophorum

Wird allerdings die Trennfunktion des Punktes betont, dann kommt man auf zwei ganz andere Titel:

  1. liber magistri hvgonis de sancto victore.
  2. De honeste uiuendo & liber triplex capiendi consilii de liberatio(ne) & dicta antiquorum philosophorum.

Meiner Ansicht nach wurde hier zum einen das Didascalicon von Hugo von St. Victor, zum anderen das Moralium dogma philosophorum eines ungeklärten Autors verzeichnet. Allein durch die Katalogsystematik lässt sich diese Frage nicht lösen.

Ein weiteres Problem liegt in der häufig ungenauen Beschreibung eines Titels. Mal nennt der Katalog lediglich den Autor, mal den Titel, mal wird nur ein incipit gegeben oder sogar lediglich der Inhalt grob beschrieben (z.B.: “libri de phisica“). Eine genaue Identifikation der Wissensbestände ist daher häufig nicht möglich.

Das liegt nicht an der Blödheit der Zeitgenossen, sondern an den Besonderheiten einer handschriftenbasierten Textkultur. Viele Texte nannten ihre Autoren oder ihren Titel schlicht nicht oder waren nur in Ausschnitten vorhanden. In solchen Fällen blieb dem Bibliothekar nichts anderes übrig, als etwa von “libri de phisica” zu sprechen oder einen Titel als “valde utilem ad docendum” zu bezeichnen. Vermutlich war das für den Bibliotheksalltag auch völlig ausreichend.

Aber selbst wenn sich ein Eintrag genau identifizieren lässt, bleibt eine Restunsicherheit erhalten, wie man am Eintrag „Liber isidori ethimologiarum“ feststellen kann. Gottlieb hat ihn zu recht als den Verweis auf eine Handschrift der British Library identifiziert (Die Handschrift aus einer Frauengemeinschaft ist übrigens an sich sehr sehr spannend, vor allem ihre Glossen! Diesmal ist auch an der Digitalisierung nichts auszusetzen). Sie enthält aber nicht, wie der Katalog suggeriert, lediglich Isidors Etymologien, sondern  auch weitere texte, wie sein Werk De natura rerum, das gerade für meine Fragestellung aufschlussreich ist. Mittelalterliche Kataloge benennen in der Regel nicht alle Texte einer Bibliothek, sondern die konkreten Handschriften. Diese können durchaus mehrere Texte enthalten, die nicht alle im Katalog genannt sein müssen.

Nach diesen Überlegungen muss man doch etwas ernüchtert feststellen: Mittelalterliche Kataloge geben nur bedingt verlässliche Auskunft über Art und Umfang eines mittelalterlichen Buchbestandes und auch die Vergleichbarkeit ist nicht ohne Weiteres gegeben. Lohnt sich ihre Untersuchung dann überhaupt? Aber sicher, denn „[t]rotz ihrer Inventar- und Verwaltungsfunktion, trotz der Tatsache, daß nicht alle mittelalterlichen Bibliotheken ausreichend viele Bücher und entsprechende Kataloge besaßen, trotz ihrer nicht immer befriedigenden Überlieferung, Erfassung und Veröffentlichung sind diese Bücherverzeichnisse eine sehr aussagefähige und daher nicht hoch genug einzuschätzende Quellengattung für das kulturelle Leben vom Beginn des 9. Bis zum beginn des 16. Jahrhunderts.“ (Milde 1995, S. 478).

Die Kataloge können unser Wissen um die Bestände ganz wesentlich ergänzen. Gerade in Arnstein, wo sich keine einzige Schulhandschrift erhalten hat, stellen die Listen den einzigen Nachweis dar, den wir über die Schule haben. Wir wissen nun zum Beispiel, dass es in Arnstein um 1220 eine Kopie der Quaestiones naturales gab oder dass der Stiftsbruder Eberhard ein gesteigertes Interesse am Quadrivium besaß und dieses Wissen vermutlich aus Frankreich ins Stift gebracht hat – ein spanender Beweis des Austausches zwischen Kloster und den hohen Schulen. Sicherlich muss man sich davor hüten, die Kataloge als Quelle nicht über Gebühr zu belasten. Gerade im Verbund mit überlieferten Handschriften besitzen sie aber doch eine wertvolle Aussagekraft und bleiben, bei aller gebotenen Vorsicht, eine Schlüsselquelle für die Geistes- und Kulturgeschichte des Hohen Mittelalters.

Verwendete Literatur:

  • Krings, Bruno: Das Prämonstratenserstift Arnstein a. d. Lahn im Mittelalter (1139-1527). Wiesbaden 1990.
  • Milde, Wolfgang: Mittelalterliche Bibliothekskataloge als Quellen der Bildungsgeschichte: das Beispiel Hamersleben im 12./13. Jahrhundert. In: Luckhardt, Jochen/Niehoff, Franz/Biegel, Gerd (Hg.): Heinrich der Löwe und seine Zeit. Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125-1235. München 1995, TB. 2, S. 478-483.
  • Gottlieb, Theodor: Über mittelalterliche Bibliotheken. Leipzig 1890.

Bild im Titel: Der heilige Hieronymus im Gehäuse von Antonella da Messina (um 1450). (The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.)

 

Quelle: http://quadrivium.hypotheses.org/76

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aventinus generalia Nr. 18 [28.02.2013]: Richtlinien und Hinweise zur Erstellung von Artikeln aus der Mittelalterlichen Geschichte

Für die Hauptabteilung Mittelalter stehen Hinweise und Richtlinien zur Erstellung vom Beiträgen, die auf aventinus veröffentlicht werden sollen, zur Verfügung. Eine Beachtung dieses Leitfadens erleichtert die Arbeit der Redaktion und beschleunigt den Publikationsprozess. http://www.aventinus-online.de/index.php?id=3807

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/02/3890/

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aventinus varia Nr. 38 [24.02.2013]: Ratio und Religio. Zum Verhältnis von Vernunft und Glaube in der christlich-mittelalterlichen Philosophie [=PerspektivRäume Jg. 2 (2011) Heft 1, S. 61-70]

Schon die Heilige Schrift lehrt, dass der Mensch in der Lage sei, kraft seines Verstandes und seines Glaubens eine „untrügliche Kenntnis der Dinge“ zu erwerben. Doch ist Gott hier der Ursprung allen Wissens und nur dem Gottesfürchtigen wird es zuteil. http://www.aventinus-online.de/varia/ideengeschichte/art/Ratio_und_Relig/html/ca/view

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/02/3886/

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Fascinating Margins. Towards a Cultural History of Annotation


Stadtbibliothek Trier, Stadtbibliothek Trier Hs. 1093/1694 [früher 1464] (Prudentius) fol1v

In the past twenty-five years, hundreds of Medieval manuscripts have lain in front of me in many libraries of the world, and my fascination (and love) for them has not diminished, on the contrary. My primary research topic, vernacular, medieval glosses, brought me to study intensively the life of the margins, interlinea and flyleaves of manuscripts and books– one could say to investigate their other, secondary and partially hidden life. In fact, during my research time at the Bodleian Library in Oxford, I had a nickname, “The Lady with the Lamp”, because of my sitting hours for hours, bending over manuscripts with a torch and a magnifying glass – preferably next to a window with natural light. Up to now, this is the best method for deciphering difficult marginal inscriptions, especially when they are not written with ink, but scratched with a dry point stylus in the parchment pages. Of course, one needs a lot of patience (and passion) for this sort of exercise, and it does have something of a Zen practice, bringing calm and a sense of timeless infinity in you.

Marginalia in books became a genuine research topic for me, not only from the point of view of their importance for medieval philology – but as an essential cultural writing practice that we all know of and practice in our everyday life. In dealing with writing habits, apparently an almost natural compulsion or an urge to annotate can be noticed: C’est plus fort que soi, we just can’t help it. The French library scholar Daniel Ferrer characterizes this internal compulsion as a libido marginalium,[i] author Charles Simic points out „with which demonic obsession we cover the immaculate pages of our books with underlinings and scribblings“,[ii] and continues „Wheresoever I read, I of course need a pencil“.[iii]

A French speaking reader annotating Nietzsche (in French and German)

All in all, a larger book project emerged out of my interest in this topic, dealing with this special aspect of written culture through time, namely the writing and drawing of marginalia in texts and books. These annotations and other reading traces play a special role from the point of view of cultural and linguistic history, yet, up to now, they have not been analyzed in a greater context regarding their functional means as well as their textual and material tradition. On the one hand, these “paratexts” (Gérard Genette) belong to the rare witnesses of the historic and factual use and reception of books. Mark-ups in books help to answer the question by whom, when and why texts were read. Moreover, they uncover the process of knowledge acquisition and knowledge transmission throughout the ages. On the other hand, annotations are also closely linked to the materiality of the text, and a wide variety of layout strategies and inscription types can be identified. These will undergo further transformations following the medial change of letterpress printing and the digital world which will also result in the creation of new paratextual practices. My book project aims to study the cultural and historic dimension of annotating texts taking into account wide ranging interdisciplinary aspects. The typology of the wide variety of annotations which are in evidence since the Early Middle Ages will be analyzed. Furthermore, the annotations’ changes, transformations and tradition lines up to the modern digital age will be identified. The main focus of the research project lies on the diachronic analysis of the European tradition of annotations. However, the project will also draw a comparison between the European tradition and that of other written cultures, especially in Arabic and Asian areas.

A substantial corpus documenting annotation practices has already come together, and I hope to work on the project intensively in the next two years. Of course, I would be very grateful for further hints and thrilled about curious or unusual annotation practices my readers here have come across when reading or looking at manuscripts and books.

PS. After posting this blog I opened Twitter, and saw a cat walking through a manuscript (via @ttasovac, merci!)

Further reading:
Gérard Genette, Seuils, Paris 1987

Falko Klaes – Claudine Moulin, Wissensraum Glossen: Zur Erschließung der althochdeutschen Glossen zu Hrabanus Maurus, Archa Verbi 4 (2007) p. 68-89

Claudine Moulin, Zwischenzeichen. Die sprach- und kulturhistorische Bedeutung der Glossen, in: Rolf Bergmann und Stefanie Stricker (Hrsg.), Die althochdeutsche und altsächsische Glossographie. Ein Handbuch, Bd. 2, Berlin und  New York: Walter de Gruyter  2009, p. 1658-1676

Claudine Moulin, Am Rande der Blätter. Gebrauchsspuren, Glossen und Annotationen in Handschriften und Büchern aus kulturhistorischer Perspektive, in: Autorenbibliotheken, Bibliothèques d’auteurs, Biblioteche d’autore, Bibliotecas d’autur, Quarto. Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs 30/31 (2010) p. 19-26

See also the Project “Kulturgeschichtliche Erschließung der volkssprachigen Glossenüberlieferung des Mittelalters“, Historisch-Kulturwissenschaftliches Forschungszentrum (HKFZ), University of Trier
and the Portal “Althochdeutsche und Altsächsische Glossen“, University of Bamberg.

[i] Introduction. «Un imperceptible trait de gomme de tragacanthe …», in: Paolo D’Iorio – Daniel Ferrer (Ed.), Bibliothèques d’écrivains, Paris: CNRS Éditions 2001, p. 13.

[ii] «mit welcher Besessenheit wir die makellosen Seiten unserer Bücher mit Unterstreichungen und Kritzeleien bedecken», in: «Was ich mit meinen Büchern tue», Frankfurter Allgemeine Zeitung,  213 (15. Oktober 2008), p. 33.

[iii] „Wo auch immer ich lese, brauche ich natürlich einen Bleistift.“, in: «Was ich mit meinen Büchern tue», Frankfurter Allgemeine Zeitung,  213 (15. Oktober 2008), p. 33.

Quelle: http://annotatio.hypotheses.org/93

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mediaevum.net: Essays in Mediaeval Studies. Proceedings of the Illinois Medieval Association

http://www.illinoismedieval.org/ems/index.html Published by the West Virginia University Press and, beginning with Volume 18, vended in electronic form by Project MUSE through Johns Hopkins University Press, Essays in Medieval Studies (EMS) is the peer-reviewed proceedings volume of the Illinois Medieval Association. Essays in Medieval Studies is published annually by the Illinois Medieval Association and publishes only […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/02/3849/

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mediaevum.net: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte

http://mittelalter.hypotheses.org Der Name ist Programm: Thema des Blogs ist das Mittelalter, doch nicht nur diese Epoche selbst, sondern auch die Rezeption bzw. Vermittlung des Mittelalters in der heutigen Zeit. Ziel des Blogs ist der interdisziplinäre wissenschaftliche Austausch, die Vernetzung von zum Mittelalter und dessen Rezeption Forschenden, die Veröffentlichung von fachrelevanten Informationen und Terminen und auch, […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/01/3801/

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Der mittelalterliche Codex im virtuellen Raum – Zur Rekonstruktion der Bibliothek der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier

Die Benediktinerabtei St. Matthias enthielt eine der bedeutenden Skriptorien und Bibliotheken des Mittelalters. Der Bestand ist nicht nur für die Theologie, Geschichte und Altphilologie von zentraler Bedeutung, sondern auch für die Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Medizin und Germanistik. Für letzteren Bereich ist eine bedeutende volkssprachige Überlieferung zu verzeichnen, die uns in den Beginn der Geschichte der vernakularen Sprachen im mittelalterlichen Europa führt, und deren textliche Vielfalt unter anderem Zaubersprüche, Segen, Glossen und kleinere Texte umfasst. Zusammen mit der althochdeutschen und altenglischen Überlieferung des nahe gelegenen Klosters Echternach bilden die Bestände aus St. Matthias eine einmalige Überlieferung im Bereich der Handschriftenkulturen des Mittelalters, insbesondere auch für den moselfränkischen Raum.

http://dfg-viewer.de/tei-prototyp/?set[image]=7&set[zoom]=min&set[debug]=0&set[double]=0&set[mets]=http%3A%2F%2Fzimks68.uni-trier.de%2Fstmatthias%2FT2229%2FT2229-digitalisat.xml

StB Trier Hs 2229/1751 8°, Abschrift des Kataloges aus dem 16 Jh.

Ziel des Projekts “Virtuelles Skriptorium St. Matthias” ist es, die überlieferten Handschriften aus St. Matthias zu digitalisieren und damit den mittelalterlichen Bestand virtuell zu rekonstruieren. Insgesamt umfasst der erhaltene Bestand etwa 500 Kodizes, die weltweit auf ca. 25 Standorte verteilt sind. Der weitaus überwiegende Anteil (etwa 400 Handschriften) liegt in Trier, und zwar in der Stadtbibliothek und in der Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars.
Insgesamt ordnet sich das Projekt in einen größeren Zusammenhang ein, in dem seit der letzten Dekade europaweit mittelalterliche Bibliotheken und Archive virtuell erfasst, dokumentiert bzw. rekonstruiert werden (siehe auch die Übersicht der relevanten Vorhaben von Klaus Graf). Eine solche rekonstruierte, virtuelle Bibliothek wird es ermöglichen, das geistige Profil und den “Wissensraum” wichtiger mittelalterlicher Bildungszentren zu erforschen und auch durch die Rekonstruktion selber auch neue Einblicke in die Produktions- und Rezeptionsbedingungen der jeweiligen Bestände zu geben.

Aus der Arbeit des Projekts zu St. Matthias ist auch das BMBF geförderte Projekt „eCodicology. Algorithmen zum automatischen Tagging
mittelalterlicher Handschriften“ entstanden, in dem Methoden und Software entwickelt werden, die u. a. die automatische Messung, Speicherung und Analyse von makro- und mikrostrukturelle Elementen digitalisierter Handschriftenseiten ermöglicht und in den Metadaten ablegt. Unter anderem sollen metrische Daten wie etwa Blattgröße, Schriftraumgröße, Zeilenzahl, Bildfelder, Überschriften, Register, Paratexte, Marginalien, Randzeichnungen, Verhältnis von Bildraum und Textraum erhoben sowie statistisch und qualitativ ausgewertet werden. Das Projekt wird im Jahr 2013 starten (Projektpartner TU Darmstadt, Universität Trier/Trier Center for Digital Humanities, Stadtbibliotheik Trier und KIT Karlsruhe).


Psalterium StBTrier HS7/9 8° s. X

Am 18. und 19. Januar 2013 organisieren wir eine internationale Tagung in Trier, die sich dem Thema „Digitale Rekonstruktionen mittelalterlicher Bibliotheken“ widmet. Es werden verschiedene Vorhaben, die sich im Bereich der Digital Humanities der Rekonstruktion und Erschließung mittelalterlicher Bibliotheksbestände widmen, vorgestellt sowie konkrete Falleispiele erörtert, die aufzeigen, wie diese Bestände wissenschaftlich genutzt werden können. Darüber hinaus rücken unterschiedliche Anbindungsmöglichkeiten in größere Datenrepositorien, Handschriftenportale oder Verbundprojekte (wie etwa TextGrid, Dariah, eCodicology, Manuscripta mediaevalia) in den Fokus sowie auch rechtliche Aspekte wie etwa die Lizenzvergabe (im Rahmen der Erfahrungen mit Europeana). Schließlich sollen die Anforderungen diskutiert werden, die aktuelle Arbeiten aus der Kulturgeschichte, der Kunstgeschichte, den Philologien und der Musikwissenschaft an solche digitalen Rekonstruktionen stellen. Die Tagung wird vom Historisch-Kulturwissenschaftlichen Zentrum (HKFZ Trier) gefördert und findet in der Abtei St. Matthias sowie in der Stadtbibliothek Trier statt. Das Programm ist hier einsehbar.

Gleichzeitig zur Tagung erscheint ein Sammelband über berühmte Handschriften aus St. Matthias, der auf eine Vortragsreihe der St. Matthias Stiftung und der Stadtbibliothek Trier  zurückgeht. Der Band enthält ferner ein von Reiner Nolden erarbeitetes Verzeichnis der Urkundenausfertigungen der Abtei St. Eucharius/St. Matthias.
Michael Embach/ Claudine Moulin (Hg.): Die Bibliothek der Abtei St. Matthias in Trier – von der mittelalterlichen Schreibstube zum virtuellen Skriptorium: Mit einem Verzeichnis der Mattheiser Urkunden im Stadtarchiv Trier, Trier 2013

Literaturhinweise und Links:

Petrus Becker: Die Benediktinerabtei St. Eucharius – St. Matthias vor Trier (Germania Sacra, Neue Folge 34: Die Bistümer der Kirchenprovinz Trier. Das Erzbistum Trier 8), Berlin, New York 1996

Michael Embach, Claudine Moulin, Andrea Rapp: Die mittelalterliche Bibliothek als digitaler Wissensraum: Zur virtuellen Rekonstruktion der Bibliothek von Trier-St. Matthias, in: Mittelhochdeutsch. Beiträge zur Überlieferung, Sprache und Literatur. Festschrift für Kurt Gärtner zum 75. Geburtstag. Herausgegeben von Ralf Plate und Martin Schubert, Berlin 2011, S. 486-497

Falko Klaes, Trierer Glossenhandschriften, in: Die althochdeutsche und altsächsische Glossographie. Hrsg. von Rolf Bergmann und Stephanie Stricker. Berlin – New York 2009, S. 1279-1296

Sabine Scholzen – Philipp Vanscheidt,  “Das Virtuelle Skriptorium St. Matthias”, in: Libri Pretiosi 14 (2011), S. 67-72

Von Artikeln bis zu Zaubersprüchen. Die ältesten deutschsprachigen Texte der Stadtbibliothek Trier (Studentisches Projekt, Universität Trier, FBII/ Ältere Deutsche Philologie, Leitung: Falko Klaes)

Website DFG-Projekt  Virtuelles Skriptorium St. Matthias

Das Projekt wird an der Universität Trier und der Stadtbibliothek Trier durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Projektleitung liegt bei Prof. Dr. Claudine Moulin und Prof. Dr. Andrea Rapp (jetzt Technische Universität Darmstadt) sowie bei Prof. Dr. Michael Embach (Stadtbibliothek Trier). Wissenschaftliche Mitarbeiter sind Sabine Philippi (Stadtbibliothek Trier) und Philipp Vanscheidt (Universität Trier/ Technische Universität Darmstadt). Kooperationspartner sind die Bibliothek des Bischöflichen Priesterseminars Trier, das Trier Center for Digital Humanities, Manuscripta mediaevalia und TextGrid.

 

Quelle: http://annotatio.hypotheses.org/59

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Tagung: Digitale Rekonstruktionen mittelalterlicher Bibliotheken

Bei der Tagung „Digitale Rekonstruktionen mittelalterlicher Bibliotheken“ werden verschiedene Projekte vorgestellt, deren Ziel es ist, Bestände mittelalterlicher Bibliotheken, die heute weltweit zerstreut sein können, digital zusammenzuführen und zu erschließen. Auch werden Möglichkeiten aufgezeigt, diese Bestände wissenschaftlich zu nutzen und die vorhandenen Daten und Metadaten in übergreifende Portale einzuspeisen. Schließlich sollen die Anforderungen diskutiert werden, die aktuelle Arbeiten aus der Sprach- und Literaturwissenschaft, der Kunstgeschichte und der Musikwissenschaft an solche digitalen Rekonstruktionen stellen. Veranstalter: Universität Trier, Historisch-Kulturwissenschaftliches Forschungszentrum Trier, Technische Universität Darmstadt, Stadtbibliothek/Stadtarchiv Trier Datum: [...]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/1799

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Der Wikingersturm

von Tim Pleschka -

Inzwischen war es draußen stockfinster geworden. Der Himmel war bewölkt, der Mond kaum zu sehen. Kein Licht ging von ihm aus. Gregor lag wach auf seiner Schlafstädte. Das Schnarchen Bruder Gebhards hielt ihn wach, außerdem war es recht kühl geworden. Zwi-schen den monotonen Geräuschen, die Gebhard von sich gab, herrschte tiefste Stille. Zwei Jahre waren vergangen, seit dem Tage, als der Hof seiner Eltern geplündert und gebrandschatzt wurde. Obwohl er nach seiner Flucht niemals zurückgekehrt war, wusste er, dass seine Eltern den Überfall nicht überlebt hatten. Seinen Vater hatte er sterben sehen. Die Schreie seiner Mutter und die der Magd ließenn ihn auch nach 2 Jahren noch nachts aus dem Schlaf hochfahren. Es waren marodierende Teile eines Heeres, die auf dem Weg in ihre Heimat zufällig das Gehöft antrafen.

Damals flüchtete Gregor in Richtung Norden, versteckte sich im dichten Wald. Bis er einige Tage später auf Ansgar traf, den Erzbischof der Hammaburg. Er gab ihm zu essen, gab ihm Kleidung und bot ihm an, sich seiner anzuschließen. Nach zwei Tagen Fußmarsch erreichten sie die Befestigungsanlage. Die Straße, die zur Burg führte, war gesäumt von kleinen Hütten. Rechts und links boten Händler ihre Waren feil. Sie passierten den Wall und die hölzerne Brücke über den Graben. Und nachdem sie das Tor durchschritten hatten, fühlte sich Gregor nach Tagen das erste Mal wieder einigermaßen sicher.

Der Kampf gegen die Sachsen im Norden

Es ist das Jahr 845. Seit fast zwei Jahren lebt Gregor bereits hier im kalten Norden als Novize in der Hammaburg. Sachsen bewohnten das Gebiet, wo Elbe, Bille und Alster zusammentreffen, bereits im 7. Jahrhundert. Sie betrieben Ackerbau und Viehwirtschaft. Bis Karl der Große sein Territorium zu erweitern suchte und die Sachsen dem „corpus christianum“ einverleiben wollte. An der Alster sollte ein Stützpunkt etabliert werden, von wo aus die Missionen in den Norden zur Christianisierung der Heiden organisiert werden konnten.

Zum Ausgang des 8. Jahrhunderts, von 794 bis 799, kämpfte der Stamm der Obotriten an der Seite des Frankenkönigs Karls des Großen gegen die Sachsen im nordelbischen Raum. Nach der erfolgreichen Unterwerfung der Sachsen wurden die verbündeten Obotriten hier ange-siedelt.
Zur Grenzsicherung des Frankenreiches und als Puffer zu einer weiteren Bedrohung, den verfeindeten Dänen, gründeten sie hier die geplante Siedlung. Diese hatte aber nicht allzu
lange Bestand. Schon im Jahr 808 griffen die Dänen an, besiegten die Siedler und unterwar-fen sie. Karl der Große, seit dem Jahr 800 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sah sich gezwungen erneut vor Ort eingreifen zu müssen.

Mit seinem Heer bezwang er die Dänen und besetzte vorerst die eroberten Gebiete. Die Obotriten wurden vertrieben. Die Grenze des Reiches wurde nach Norden ausgedehnt, wodurch schließlich das Gebiet des heutigen Hamburgs gänzlich in das Reichsgebiet der Karolinger einverleibt wurde. 814 verstarb der Kaiser. Doch unter der Herrschaft seines Sohnes, Ludwigs des Frommen, florierte die Siedlung in den folgenden Jahren. Damit sich die Ereignisse nicht wiederholten, wurde zur Sicherung eine Festung begründet und aufgebaut. Die Hammaburg, wie sie in einer päpstlichen Quelle genannt wird, wurde wahrscheinlich in den zwanziger Jahren errichtet.

Eine Burg zum Schutz

Zu Norden hin, zum Schutz vor den Dänen, wurde eine Palisade errichtet. Zudem wurde die komplette Anlage, die die Größe von einem Hektar besaß, durch einen Wall gesichert. Dieser war bis zu 7 Meter hoch und hatte eine Breite von bis zu 15 Metern. Ein Graben, 7 Meter breit und 2 Meter tief umlief das ganze Areal. Von hier aus sollte auch die christliche Missionierung des paganen Nordens betrieben werden. Diese sollte allerdings erst in den dreißiger Jahren durch Ansgar erste Früchte tragen.

Diese Festung war ein Zentralisationspunkt im sonst so städtearmen Norden des Frankenreiches. Festungen solcher Art, Städte, Klöster und Burganlagen zogen Handwerker und Kaufleute an. Im Schutze der Burganlagen konnten sie ihre Waren herstellen oder ihre Dienste anbieten. Für die hergestellten Waren gab es in unmittelbarer Nähe potenzielle Käufer und zudem boten diese befestigten Anlagen im Bedarfsfall Schutz. So entstanden bereits im 8. Jahrhundert die sogenannten Wiken.

Ein Wik ist eine unbefestigte Siedlung, die nur saisonal als Handelsniederlassung dient. Der direkte Zugang zum Wasser ermöglicht das Umschlagen von Handelswaren. Diese werden dort gelagert, gekauft und gehandelt. Zahlreiche solcher Wiken sind aus dieser Epoche in-nerhalb des norddeutschen Raumes bekannt. Im Norden des Karolingerreiches war es nun auch die Hammaburg, die die Händler anzog. Diese bauten in der unmittelbaren Umgebung Hütten aus Holz, Flechtwerk und Lehm. Mittels Pfählen schufen sie Anlegeplätze für die Schiffe.

Marktrecht für die Siedlung

Zwischen den Jahren 808 und 831 florierte die Siedlung am Nordrand des Reiches. In den Jahren des Friedens bildete sich eine stadtähnliche Gesellschaft heraus. Durch Ausgrabungen wissen wir, dass um die Hammaburg mit Waffen, Tuche und Keramik gehandelt wurde. Fischer, Handwerker und Kaufleute ließen sich hier nieder. Die Siedlung aus Burg und Wik bekam das Marktrecht verliehen. Auch einen eigenen Bischof sollte die aufstrebende Stadt bald bekommen.

831 wurde das Bistum Hamburg gegründet. Von der nördlichsten Grenze des Reiches Ludwigs des Frommen, einem Sohn Karls des Großen, sollten die Heiden außerhalb der Grenzen christianisiert werden. Nur ein Jahr später ist das Bistum vom Papst Gregor IV. zum Erzbistum erhoben worden. Alle Kirchen des Nordens sollten ihr unterstehen. Dazu sollten auch die künftigen Kirchen von Slawen, Schweden oder Dänen gehören, die man zum christlichen Glauben noch bringen wollte. Zum Erzbischof ernannte Kaiser Ludwig den Benediktinermönch Ansgar, den Speer Gottes.

Bereits 823, mit 22 Jahren, lehrte und predigte der in Nordfrankreich geborene im Kloster in Corvey an der Weser. Ab 826 zeichnete er sich dadurch aus, dass er in den Norden zog, um dort zu missionieren. Der „Apostel des Nordens“ reiste noch 830/31 durch Schweden, um das Wort Gottes zu verkünden. Kaum ein anderer war bereit, die Strapazen und Gefahren einer solchen Mission auf sich zu nehmen. Der Ausgang einer solchen Unternehmung war stets ungewiss. Die Reaktionen der Heiden auf sein Anliegen waren nicht vorauszusehen und das Reisen selbst war auch nicht ungefährlich. Doch waren seine Reisen mit Erfolg gekrönt. Viele ließen sich bekehren, wechselten zum christlichen Glauben.

Nach seiner Berufung zum Erzbischof ließ er innerhalb der Anlage der Hammaburg eine Taufkapelle errichten. Der Bau aus Holz wurde der Mutter Gottes geweiht. Ein Kloster und eine Bibliothek sollten bald folgen. Heiligenreliquien fanden ihren Weg in die Kapelle. Ansgar missionierte unermüdlich weiter, ließ im Umfeld Schulen, Kirchen und Hospize errichten, nahm sich selbst der Kranken an. Zum Marktrecht der Siedlung folgten bald das Zoll- und Münzrecht. Jedoch dürften 845 in der Hammaburg nicht mehr als 40 oder 50 Menschen ge-lebt haben. In dem Wik waren es wohl an die 200.

Angriff der Nordmänner

Plötzlich fing an Hund an zu bellen und durchbrach die Stille, die zwischen dem Schnarchen einsetzte. Kurz darauf hörte Gregor ein Baby schreien. Draußen wurde es unruhig. Gregor entzündete ein Licht und streifte seine Kutte über. Er stand an der Tür. Lauschte. Auch Gebhard war inzwischen wach geworden. Gregor stieß die Tür auf, trat hinaus und blickte sich um. An der Südseite der Burg wurde es hell. Ein warmer Wind zog an ihm vorüber. Manche liefen wild umher. Plötzlich kam Ansgar aus dem Dunkel auf Gregor zu. Er trug keine Kutte. „Die Nordmänner kommen“. Dann machte er sich schnell wieder davon.

Gregor hatte die Geschichten gehört, die die Händler erzählten. Aus dem Nichts sollen sie auftauchen. Hunderte Schiffe mit Drachenköpfen. Die Loire sind sie hinaufgesegelt, haben Nantes, Toulouse und Paris dem Erdboden gleichgemacht. Niemand soll sie aufhalten können, die Geißeln Gottes. Niemand kann sich retten. Und Herr Bernhard, der Vertreter des fränkischen Königs und Befehlshaber, war gestern abgereist.
Gregor fand Ansgar in der Marienkirche, der dort die Reliquien und anderes in Beutel stopfte. Er werde nach Süden reiten, nach Bremen. Für die Verteidigung sei es zu spät. Man müsse fliehen.

Gregor lief zurück zu seiner Hütte. Bruder Gebhard war nicht mehr da. Er schnappte sich was er konnte und lief wieder hinaus. Als er nach Süden blickte, sah er, dass es brannte. Am Feuer vorbei liefen etliche Gestalten. Gregor erkannte nur deren Umrisse. Sah, wie diese scheinbar größer wurden, sich näherten. Dann plötzlich zerstreuten sie sich in alle Richtungen. Schnell schlich er hinter die Hütte, wo er sich vorerst versteckte.

Es wurde immer heller. Das Feuer breitete sich aus. Menschen liefen brennend aus ihren Hütten. Gregor sah im Schein der Flammen, wie zwei bärtige Männer, mit Pelz bekleidet, einen seiner Brüder mit einer Axt erschlugen. Er wehrte sich nicht. Von der anderen Seite näherten sich drei Gestalten der Hütte, hinter der er sich versteckte. Im Schatten der Flammen schlich er von Hütte zu Hütte weiter in Richtung Tor. Bettelnde Mönche wurden auf den Platz gezerrt. Sie flehten, baten um Gnade und um ihr Leben. Nach einem Schlag auf den Kopf verstummten sie und sackten zusammen. Hin und wieder hörte man ein Lachen oder das Schreien von Frauen. Eine schrie in der Hütte hinter der sich Gregor gerade verschanzte. Dazwischen das Gelächter mehrerer Männer. Ein dumpfer Schlag, dann wurde es still in der Hütte.

Flucht aufs freie Feld

Gregor hielt einen Augenblick inne. Dann schlich er weiter zu dem Tor, noch immer hinter der Häuserreihe. Als er das Tor erreichte, lief er los. Durch das Tor, durch den Wik aufs freie Feld hinaus. Links im Fluss sah er die Schiffe stehen. Zehn, vielleicht zwölf, vielleicht mehr. Das Baby schrie nicht mehr. Auch der Hund hatte aufgehört zu bellen. Gregor erreichte den Wald und kroch in das Dickicht.

Erst nach zwei Tagen verließen die Wikinger die Hammaburg. Einige Frauen nahmen sie mit sich. Brüder oder andere Männer sah Gregor nicht unter ihnen. Sie beluden die Schiffe, und fuhren nach Norden ab. Er wartete noch, bis die Sonne aufging. Dann ging er zurück zur Burg. Es war noch immer heiß hier. Manches glühte noch und Rauch stieg auf. Etliche Leichen lagen verstreut. Dazwischen einzelne Körperteile, nackte Frauen. Vorräte und Wertgegenstände waren nicht zu finden.

Gebhard und ein weiterer Bruder kamen ebenfalls zurück zur Burg. Sie berichteten, dass Ansgar hatte entkommen können. Er sei nach Süden geflüchtet, nach Bremen. Nach kurzer Verweildauer wurde den Mönchen klar, dass hier für sie nichts weiter zu tun sei. So machten sie sich schließlich auch nach Süden auf.
Nach der Plünderung der Wikinger war die Hammaburg zerstört. Sie wurde nicht wieder er-richtet. Zwei Jahre nach der dem Vertrag von Verdun und der Teilung des Frankenreiches war die Hammaburg den Einfällen der Wikinger schutzlos ausgeliefert. Inwieweit der Wik hingegen zerstört wurde, lässt sich nicht rekonstruieren. Allerdings erholte dieser sich rasch von dem Angriff und breitete sich weiter aus.

Ansgar blieb in Bremen, das 848 dem Erzbistum Hamburg angeschlossen wurde. Fortan wurde es von Bremen aus verwaltet. Ansgar leitete das Erzbistum Hamburg-Bremen bis zu seinem Tode im Jahr 365. Die Missionierung des Nordens blieb nicht flächendeckend. Die einzelnen Erfolge Ansgars waren nicht von Dauer. Und durch die Zerstörung der Hammaburg unterlag die Christianisierung der Heiden beinahe 100 Jahre dem Stillstand.

Literatur:

  • Marlies Lehmann-Brune, Harald G. F. Petersen: Hamburg. Geburt einer Weltstadt, Nor-derstedt 2012.
  • Eckart Klessmann: Geschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 2002.
  • Manfred Krieger: Geschichte Hamburgs, München 2006.
  • Hans K. Schulze: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen. Merowinger und Karolin-ger, aus der Reihe Siedler Deutsche Geschichte, Bd. 2, Berlin 1998.

Quelle:

  • Rimbert: Vita Anskarii, Übersetzt von G. Waitz, Hannover 1884.

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=687

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