Bilingualer Geschichtsunterricht. Ein Puzzle, das nicht passt?

 

Bilingualer Geschichtsunterricht liegt im Trend. Eltern und ihre Kinder erhoffen sich eine gute Vorbereitung auf die zunehmend internationalisierte Berufswelt, während viele Schulen mit ihm um die Gunst leistungsstarker SchülerInnen buhlen. Von GeschichtsdidaktikerInnen wird sein Mehrwert für das historische Lernen dagegen oft kritisch beurteilt. Es ist deshalb an der Zeit, neu und anders über bilingualen Geschichtsunterricht nachzudenken.

 

Entdeckung der Sprachlichkeit

Als guter Ausgangspunkt erweist sich hier die zunehmende Beschäftigung mit dem allgemeinen Verhältnis von Geschichte und Sprache in der Geschichtsdidaktik, sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene. Sie hat unter anderem zu einer verstärkten Wahrnehmung von Forschungsansätzen aus dem englischsprachigen Raum geführt, die z.B. mittels funktional-linguistischer Ansätze Schülertexte analysieren und daraus Folgerungen für eine fachspezifische Sprachförderung im Geschichtsunterricht ableiten.1 Bislang beziehen sich diese Beiträge jedoch weitgehend auf Geschichtsunterricht, der in der Muttersprache der SchülerInnen erteilt wird.2

Wirklich nichts Neues an der Bilingualität?

Die spezifische geschichtsdidaktische Diskussion über bilingualen Geschichtsunterricht hat dagegen andere Schwerpunkte gesetzt. Verstanden als „eine Form des Sachfachunterrichts, in der neben der Muttersprache eine Fremdsprache in methodisch reflektierter Form als Material und Arbeitssprache verwendet wird“,3 attestieren die AutorInnen ihm vielfach ein besonderes Maß an „Multiperspektivität“ und „Fremdverstehen“, das vermeintlich auch empirisch nachgewiesen werden konnte.4 Immer wieder betont wird in diesem Zusammenhang, dass bilingualer Geschichtsunterricht sich nicht als Sprachunterricht instrumentalisieren lassen dürfe, sondern in erster Linie als Geschichtsunterricht konzipiert sein müsse. Es drängt sich dabei jedoch der Verdacht auf, dass eine weitgehende Reduktion dieses Diskurses auf die Kategorie des „Fremdverstehens“ das didaktische Potential des bilingualen Geschichtsunterrichts erheblich unterschätzt.

Sprachsensibler Geschichtsunterricht

Sinnvoll wäre es vielmehr, sprachliches und historisches Lernen nicht als Gegensatzpaar, sondern als zusammengehörige Größe ein- und desselben Phänomens zu begreifen und die Diskurse über Sprachlichkeit und Bilingualität im Geschichtsunterricht zusammenzuführen. In methodischer Hinsicht könnte dies bedeuten, die Anregungen von Caroline Coffin (2006) für einen sprachsensiblen Geschichtsunterricht aufzugreifen und auf das historische Lernen in der Fremdsprache zu übertragen. Auch ein verstärkt interdisziplinärer Blick auf bilinguales historisches Lernen erscheint dabei hilfreich – dies kann anhand eines Blicks auf verschiedene Formen schriftlicher und mündlicher Kommunikation im Fremdsprachen- und im Geschichtsunterricht gezeigt werden.

So passt das Puzzle: Coffin (2006)

Wie wichtig Kenntnisse über Konventionen verschiedener Textgattungen für das historische Lernen sind, hat Coffin für den Bereich der Rezeption und Produktion schriftlicher Texte eindrucksvoll herausgearbeitet. Die Unterscheidung zwischen recording, explaining und arguing genres erlaubt es Coffin, nicht nur inhaltliche, sondern auch sprachliche Kriterien für die Beurteilung von Schülertexten zu identifizieren. Das bedeutet, dass SchülerInnen auch im Geschichtsunterricht lernen können, welche strukturellen, grammatischen und lexikalischen Aspekte beim Verfassen historischer Texte zu beachten sind – und sie kennen ein solches Vorgehen in der Regel schon aus ihrem Fremdsprachenunterricht. So enthalten z.B. viele Lehrmaterialien für den Englischunterricht umfangreiche Übungen, die SchülerInnen Schritt für Schritt an das Schreiben eines argumentative text heranführen, indem sie zunächst zur Identifizierung einer Textstruktur im Ganzen auffordern, um anschließend die Rolle von topic sentences und supporting sentences innerhalb eines einzelnen Absatzes erarbeiten zu lassen. Für den bilingualen Geschichtsunterricht bietet Coffins Buch zahlreiche Beispieltexte, die bei entsprechender Erarbeitung im Unterricht auch deutschen SchülerInnen einen bewussteren Umgang mit der (englischen) Sprache beim Verfassen von historischen Texten ermöglichen können. Die Entwicklung entsprechender Lehrmaterialien steht allerdings noch aus.

Sprechen!

Schwerpunktmäßig ist bilingual erteilter Geschichtsunterricht jedoch in der Sekundarstufe I als sog. mündliches Fach anzutreffen, sodass das schriftliche Verfassen historischer Texte in der Regel nicht im Zentrum des Unterrichtsalltags steht. Darum bietet im Bereich der mündlichen Kommunikation ein Blick auf aktuelle Entwicklungen im Fremdsprachenunterricht Anregungen für den Ausbau eines sprachsensiblen bilingualen Geschichtsunterrichts. Im Bemühen, Fremdsprachenlernen möglichst alltagsnah zu gestalten, steht das Bestreben im Mittelpunkt, vermehrt die mündliche Kommunikationsfähigkeit der Lernenden zu fördern. Um der Akzentverschiebung von schriftlichen auf mündliche Sprachleistungen Gewicht zu verleihen, werden bereits jetzt an vielen Schulen auf eigene Initiative (ab 2014/2015 dann von NRW-ministerieller Seite verordnet) mündliche Prüfungen als Klassenarbeitsersatz im Fremdsprachenunterricht durchgeführt. Nach vorherigen Übungsphasen zu diesem neuen Prüfungsformat werden häufig visuelle Materialien als Impulse für monologisches und dialogisches Sprechen als Partner- oder Kleingruppenaufgabe verwendet. Ein ähnliches methodisches Vorgehen könnte auch für den bilingualen Geschichtsunterricht in mehrfacher Hinsicht ertragreich sein, indem Verfahren der Bildinterpretation im bilingualen Geschichtsunterricht ritualisiert in mündlichen Unterrichtsphasen eingesetzt werden. Neben methodischen und narrativen Kompetenzen könnten so auch (fremd)sprachliche kommunikative Kompetenzen eine fachspezifische Ausrichtung erhalten.

Methodischer Realismus

Selbstverständlich sollte bilingualer Geschichtsunterricht weiterhin auch Angebote zur Förderung eines besseren Verständnisses fremder Kulturen bereithalten, was auch sonst? Realistisch erreichbar ist dieses Ziel aber nur durch einen sprachsensiblen Unterricht, der die hohen Hürden historischen Lernens in einer Fremdsprache ernst nimmt und den SchülerInnen unterrichtsmethodische Hilfestellungen für die schriftliche und mündliche Verständigung über Geschichte gibt.

 

 

Literatur

  • Coffin, Caroline: Historical Discourse. The Language of Time, Cause and Evaluation, London/New York 2006.
  • Handro, Saskia: Sprache und historisches Lernen. Dimensionen eines Schlüsselproblems des Geschichtsunterrichts. In: Becker-Mrotzek, Michael et al. (Hrsg.): Sprache im Fach. Sprachlichkeit und fachliches Lernen, Münster 2013, S. 317-333.

Externe Links

 

Abbildungsnachweis
© Rainer Sturm / pixelio.de

Empfohlene Zitierweise 
Schlutow, Martin: Bilingualer Geschichtsunterricht. Ein Puzzle, das nicht passt? In: Public History Weekly 2 (2014) 1, DOI: dx.doi.org/10.1515/phw-2014-1035.

Copyright (c) 2014 by Oldenbourg Verlag and the author, all rights reserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial, educational purposes, if permission is granted by the author and usage right holders. For permission please contact: julia.schreiner (at) degruyter.com.

The post Bilingualer Geschichtsunterricht. Ein Puzzle, das nicht passt? appeared first on Public History Weekly.

Quelle: http://public-history-weekly.oldenbourg-verlag.de/2-2014-1/bilingualer-geschichtsunterricht/

Weiterlesen

Auftakt zur Artikelreihe: Was macht Crowdsourcing erfolgreich?

In einer Reihe von Artikeln möchte ich der Frage nachgehen, welche Faktoren Crowdsourcing erfolgreich machen. Ich werde die Schlüsselaspekte erörtern und dann überlegen, wie die Schaltstellen, die Crowdsourcing-Anbietern zur Verfügung stehen,  weiter optimiert werden können, um das Verfahren noch effektiver zu gestalten.

Dazu werde ich zunächst die Definition von Crowdsourcing beleuchten, anschließend die Bedürfnistheorie nach Klaus Grawe erläutern, sie  auf Crowdsourcing anwenden und bestehende oder abgeschlossene Crowdsourcing-Projekte in Bezug auf Grawes Bedürfnistheorie prüfen.

Doch zunächst möchte ich in anhand eines Beispiels in einen wesentlichen Aspekt des Themas einleiten:

Im August vergangenen Jahres gingen mein Mann und ich am Ufer der Breitach bei Oberstdorf  spazieren. Als sich der Blick auf einen Uferabschnitt weitete, staunten wir nicht schlecht, als sich uns dieses Bild bot:

steinmaennchen_01

Hunderte Steinmännchen standen dort, soweit und noch weiter das Auge reichte. Das Bild oben zeigt nur einen winzigen Ausschnitt. Die Menschen, die hier vorbeikamen, äußerten ihr Erstaunen, zückten Kameras, bauten spontan neue Steinmännchen oder richteten zusammengefallene wieder auf. Kurzum, alle waren sehr fasziniert von diesem Anblick.

Warum?

Wegen der Steinhaufen, die jeder aufeinanderschichten kann? Das ist doch nichts Besonderes.

Also warum wirklich?

Ich denke, dass es die Gemeinschaftsleistung war, die diese Faszination auslöste. Viele Menschen haben viele Steinmännchen gebaut. Und noch etwas: Es war eine Leistung, die etwas geschaffen hat. Ein kreativer hervorbringender Akt. Handeln in einem gemeinsamen Geist, mit einer gemeinsamen Absicht und einem gemeinsamen Ziel. Dabei hat dieses Ziel niemand vorgegeben, sondern es ergab sich aus der wachsenden Menge der Objekte von selbst. Eben ein gemeinsamer Geist, den die Teilnehmer akzeptierten und weiterverfolgten. Dieser schloss eine aktive Zerstörung seitens der Besucher aus und ermöglichte die große Masse von Steinmännchen. Und genau das war die Ursache der Faszination.

Damit sind wir mitten im Thema Crowdsourcing, und ich werde in einem gesonderten Artikel noch auf den Aspekt der Gemeinschaft eingehen, der meines Erachtens zentrale Bedeutung hat.

steinmaennchen_03

Quelle: http://games.hypotheses.org/1412

Weiterlesen

Job: 1 Wiss. Mitarb. “Digitales Archiv der Reformation” (Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg)

Institution: Thür. Hauptstaatsarchiv Weimar, Magdeburg Datum: 01.03.2014-30.09.2015 Bewerbungsschluss: 30.01.2014 Beim Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar ist zum 1. März 2014 die Stelle einer/eines Wiss. Mitarbeiterin/Mitarbeiters (Stellenumfang: 100 %) "Digitales Archiv der Reformation (DigiRef) Schriftzeugnisse aus den Staatsarchiven Mitteldeutschlands im Internet" als einem Gemeinschaftsprojekt der Bundesländer Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu besetzen. Die Vergütung erfolgt nach E 13 […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/01/4877/

Weiterlesen

Neues Weblog: Wertheimer Vogteirechnungen

http://www.burgvogtei-wertheim.de/wp-content/uploads/2014/01/header.png

“Nach www.1628blog.de (6000 Klicks in 2013) betreibe ich in diesem Jahr ein weiteres Blog aus Archivalien: www.burgvogtei-wertheim.de. Dahinter steht eine Küchenrechnung aus dem Jahr 1614, die heute Jubiläum hat: vor 400 Jahren …
Die Stadt Wertheim unterstützt das Blog als Marketing für die Wertheimer Burg. Ich sehe das auch als Beispiel dafür, wie man Archive fürs Kulturmarketing in der digitalen Welt nutzen kann.”
Quelle: Robert Meier via Facebook

Quelle: http://archive20.hypotheses.org/1095

Weiterlesen

Neu erschienen: Masterarbeit zur Langzeitarchivierung von Daten in VFUs für die Digital Humanities

Auf dem e-doc-Server der Humboldt-Universität zu Berlin wurde am Montag in der Reihe Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft die Masterarbeit von Silke Baumann zur Frage der Langzeitarchivierung [von Forschungsdaten] innerhalb Virtueller Forschungsumgebungen im Bereich Digital Humanities publiziert. Der Volltext ist über urn:nbn:de:kobv:11-100214018 abrufbar.

Die Autorin befragte dafür GeisteswissenschafterInnen an der Mainzer Universität zu ihrem Datennutzungsverhalten und zu Einstellungen hinsichtlich der Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarhaltung von Forschungsdaten. (Einige der Ergebnisse finden sich auch im LIBREAS-Tumblr zusammengefasst.)

Silke Baumann ermittelt einen großen Bedarf an entsprechenden Lösungen, stellt aber zugleich fest,

“dass es noch nicht viele erfolgreiche Beispiele für Langzeitarchivierung innerhalb von Virtuellen Forschungsumgebungen im Bereich Digital Humanities gibt.” (S. 31)

Die Architektur des TextGrid Repositories wird jedoch immerhin bereits als sinnvolle und zweckmäßige Annäherung bewertet.

Für den Einsatz von Virtuellen Forschungsumgebungen in den Geisteswissenschaften zieht die Autorin den Schluss:

“[Es wäre] zweckmäßig, den WissenschaftlerInnen einen Rahmen anzubieten, innerhalb dessen sie, durch Werkzeuge und Infrastruktur einer Virtuellen Forschungsumgebung unterstützt, ihre Forschungsfragen kollaborativ, orts- und zeitungebunden, bearbeiten können. Durch eine solche Maßnahme könnten die WissenschaftlerInnen nachdrücklich in ihrem Arbeitsalltag entlastet werden. Dabei wäre es empfehlenswert, eine modulare Architektur zu wählen, die die Anpassung an verschiedenste Forschungsprojekte erlaubt. Die Forschungswerkzeuge müssen in enger Zusammenarbeit mit den WissenschafterInnen entwickelt werden, sodass deren Usability und Akzeptanz durch die Nutzenden sicher gestellt werden können.” (S. 58)

Abstract der Autorin:

In der vorliegenden Arbeit wird an einem konkreten Beispiel betrachtet werden, wie wissenschaftliche digitale Kooperation und die langfristige Speicherung der digitalen Daten im Bereich Digital Humanities aktuell umgesetzt werden bzw. welche Wünsche und Ansichten die ForscherInnen diesbezüglich haben. Zu diesem Zweck wurden WissenschaftlerInnen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zur Beantwortung eines Online-Fragebogens eingeladen. Einführend werden die schwer zu greifenden Begriffe Digital Humanities, Virtuelle Forschungsumgebung, Forschungsdaten und Langzeitarchivierung für den Kontext dieser Arbeit definiert. Es wird betrachtet, was prinzipiell die Anforderungen an Virtuelle Forschungsumgebungen, Forschungsdaten und Langzeitarchivierung im Bereich Geisteswissenschaften sind, wie der derzeitige Entwicklungsstand hier ist und welches Angebot eventuell schon existiert. Im Anschluss folgt ein Blick auf einige Vergleichsstudien, der den bisherigen Kenntnisstand zu Data Sharing und Langzeitarchivierung wiedergibt. Zusammen mit den wissenschaftlichen Hintergrundinformationen ist dieser auch Basis für die Hypothesen, die an den Ergebnissen der Befragung verifiziert werden. Nach Erläuterung der Methode und Methodologie der Datenerhebung folgen eine Beschreibung der erhobenen Daten und daraus resultierende Schlussfolgerungen.

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2864

Weiterlesen

DFG bietet neues Portal für Forschungsinfrastrukturen an

ri_logoDas Portal RIsources (RI = Research Infrastructure) der DFG enthält Informationen rund um wissenschaftliche Forschungsinfrastrukturen, die Forschenden bei der Planung und Durchführung ihres Forschungsvorhabens unterstützen. Der Katalog befindet sich derzeit noch im Aufbau.

Durch das Portal soll der Zugang der WissenschaftlerInnen auf die vorhandenen Ressourcen verbessert werden. Des Weiteren kann so die Popularität der anbietenden akademischen Einrichtungen erhöht werden.

Forschungseinrichtungen, die sich bei der DFG registrieren lassen möchten, müssen folgende Kriterien erfüllen:

  • Das Angebot muss wissenschaftlich und technologisch anerkannt und etabliert sein.
  • Der Zugang zum Angebot muss frei sein oder über einen transparenten Auswahlprozess auf der Basis von wissenschaftlicher Qualität und Machbarkeit des Projekts geregelt sein.
  • Das Management muss nachhaltig und das Angebot langfristig angelegt sein.

Nähere Informationen sind in der Mitteilung der DFG zu lesen.

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2837

Weiterlesen

Mayrhofer: Die Ursprünge der Strengen Observanz (Seminararbeit)

Besonders gute Seminararbeiten meiner Studierenden möchte ich durch Veröffentlichung auf dem Blog würdigen.   Frater Florian Mayrhofer O.Cist. (Heiligenkreuz):  Die Ursprünge der Strengen Observanz. Bellum omnium pater. Der Observanzenstreit des 17. und 18. Jahrhunderts und die Ordensgründung der observantia strictior im Jahre 1892 (Seminararbeit)    PDF der Seminararbeit   Lehrveranstaltung: Seminar (110 / PM 43) (EU-Cist Europainstitut für Cistercienserforschung) Fach: Kirchengeschichte Titel: Cistercienser zwischen Filiationen und Kongregationen Leitung: Prof. P. DDr. Alkuin Schachenmayr OCist & Lehrbeauftrager Prof. Dr. Immo Eberl Semester: SS 2013 Credit: 4 […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/6476

Weiterlesen

Zentrale Texte I. Jörg Rogge: “Nur verkaufte Töchter?” (2002)

Im Jahr 2002 veröffentlichte der Mediävist Jörg Rogge einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel „Nur verkaufte Töchter?“, in dem er die Möglichkeiten für eine Sozial- und Kulturgeschichte hochadeliger Frauen auslotet. Mit seinem Titel überspitzt Rogge die Überschrift eines früheren Textes von Katherine Walsh, die noch etwas vorsichtiger formuliert hatte (s. Walsh 1991). Er bleibt aber nicht bei dieser kosmetischen Veränderung stehen, sondern führt dezidiert die Schwächen der üblichen Forschungsansätze aus. Rogge beklagt insbesondere, dass in den meisten Studien zu (hoch)adeligen Frauen die jeweilige sozialhistorische oder geschlechtergeschichtliche Perspektive nicht überschritten wird. So habe jede der beiden tonangebenden Forschungsrichtungen in der jeweils anderen ihren blinden Fleck. Die Geschlechtergeschichte vernachlässige die ständische Dimension der weiblichen Lebenswirklichkeit, während die sozialhistorisch geprägte Adelsgeschichte all zu oft die „Folgen der Geschlechterdifferenz“ (Rogge 2002:243) unterschätze.

Blinde Flecken

Rogges Überlegungen zeigen die Schwächen der Forschung auf. Dadurch, dass die Adelsforschung bisher vor allem die rechtlich-politische Dimension in den Blick genommen hat (Heiratspoltik, Ehe- und Erbverträge u.ä.), vergass man, die Frauen als Akteure wahrzunehmen, die über eigene Handlungsspielräume geboten. Deshalb, so Rogge, sei über das adelige Eheleben auch so wenig bekannt. Auf der anderen Seite ignorierte die Geschlechterforschung hochadelige Frauen lange Zeit (man war wohl .zu sehr damit beschäftigt, andere soziale Gruppen zu untersuchen). Als dieser Ansatz dann aufgegriffen wurde, untersuchte man adelige Damen vor allem „entlang der Geschlechterachse anhand von biologisch-biographischen Konstanten“ (ebd. 242), beschränkte sich also bewusst auf ganz bestimmte Lebensabschnitte und Rollen (insbesondere die Trias Tochter / Ehefrau / Witwe), was bedauerlicherweise die Aussagen über weibliche Lebensführung verzerrte. So ist etwa der Schluss, dass erst das Leben als Witwe für adelige Frauen eine emanzipierte Existenz ermöglichte, bei näherem Hinsehen unhaltbar.

Doing gender

Dann zieht Rogge die Konsequenzen aus seinem Befund und entwickelt gleichsam sein eigenes Forschungsprogramm am Beispiel der vormodernen Fürstin, das sich wie ein Leitfaden liest und deshalb von besonderem Nutzen für den Leser ist. Er tritt dabei mit dem Anspruch an die Forschung heran, die unsystematische und selektive Untersuchung prominenter Einzelpersonen zu überwinden, um systematisch und multiperspektivisch ein Quellenkorpus auszuwerten. Zentrales Moment seiner Ausführungen ist das Konzept des „doing gender“ (stark gemacht u.a. von Bea Lundt, vgl dies. 1998). Geschlecht entsteht erst in der Interaktion eines Individuums mit seiner gesellschaftlichen Umwelt. Es ist kein starrer, überzeitlicher Gegensatz, sondern ein Produkt „gesellschaftlicher Zuweisung und subjektiver Aneignung“ (Rogge 2002:242). Rogges Anspruch und sein methodisch-theoretischer Ansatz zielen darauf, die Lebenswelt einer Fürstin umfassend zu untersuchen, um die Lebensführung und Handlungsspielräume bestimmenden Faktoren zu isolieren. Damit will er der bisherige Tendenz entgegen steuern, adelige Frauen über Zwang, Unselbstständigkeit, gar Unterdrückung zu definieren.

Ein praktischer Leitfaden

Vier Perspektiven sind deshalb zu berücksichtigen. Erstens der materielle Rahmen der Lebensführung. Also finanzielle Ausstattung bei der Hochzeit durch die Mitgift, Einkünfte, finanzielle Möglichkeiten der dynastischen Repräsentation (Kleidung, Schmuck, Feste usw.), aber auch Wohnsituation, Dienerschaft u.a. Zweitens geht es darum, die gesellschaftlichen Normen, Diskurse und Leitbilder im Hinterkopf zu behalten, die ja das Rollenbild und das Rollenverständnis einer Fürstin maßgeblich prägen. Die dritte Perspektive ist die der sozialen Praxis, fokusiert also ganz besonders auf die adeligen Akteure. Im Mittelpunkt des Interesse stehen hierbei natürlich der Ehemann und die anderen Familienmitglieder. Viertens und abschließend lohnt es sich, auf das Innere der Fürstinnen zu blicken. Wenn passende Quellen, wie Schreibkalender, Tagebücher oder aussagekräftige Briefe, vorhanden sind, dann erfährt man so einiges über die subjektiven Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster der Frauen, deren Reaktionen und Deutungen auf konkrete Ereignisse.

Ganzheitlich vs. spezifisch

Rogges vielschichtiger Aufsatz macht sehr deutlich, dass man adelige Frauen als Akteure ernst nehmen muss. Um akteurszentriert zu arbeiten muss man freilich die Quellenbasis erweitern. Dabei nicht den Überblick zu verlieren und gezielt historische Vorarbeit einzubeziehen, ist eine Kunst für sich. Ganzheitliches wie mikrohistorisches Arbeiten ist aufwändig. Aber, gerade das unterstreicht Rogge, gerade im Forschungsfeld ‚adelige Frau‘ ist es die Mühe wert und man wird mit neuen, faszinierenden Erkenntnissen belohnt. Natürlich, das soll hier einschränkend gesagt sein, haben eingeschränkte, spezifische Fragestellungen und Zugänge weiterhin ihre volle Berechtigung. Nicht umsonst lernt man bereits im Proseminar, dass der Historiker, die Historikerin den Gegenstand einzugrenzen hat, damit sinnvolles Arbeiten möglich wird. Rogges Verdienst ist es, die Probleme und Lücken aufgezeigt zu haben, die durch Einseitigkeiten entstehen. Sein ganzheitlicher Gegenansatz schwebt aber nicht im luftleeren Raum, sondern er fügt ihm im zweiten Teil seines Aufsatzes Überlegungen an, die einen hilfreichen Leitfaden bilden. Hier überlegt Rogge auch, welche Quellengattungen für sein Forschungskonzept besonders aussagekräftig sind. Und er diskutiert, gleichsam zur methodologischen Absicherung soziologische Rollen- und Identitätstheorien und ihr Anwendungspotenzial für die Geschichtswissenschaft. Diese beiden letztne Aspekte verdienen freilich jeweils einen eigenen Beitrag und werden deshalb später einmal ausgeführt.

Literatur

Bea Lundt: Frauen- und Geschlechtergeschichte, in: Geschichte. Ein Grundkurs, hrsg. v. Hans-Jürgen Goertz, Reinbek 1998, S. 579–597.

Jörg Rogge: Nur verkaufte Töchter? Überlegungen zu Aufgaben, Quellen, Methoden und Perspektiven einer Sozial- und Kulturgeschichte hochadeliger Frauen und Fürstinnen im deutschen Reich während des späten Mittelalters und am Beginn der Neuzeit, in: PRINCIPES. Dynastien und Höfe im späten Mittelalter. Interdisziplinäre Tagung des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften in Greifswald in Verbindung mit der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen vom 15.-18. Juni 2000, hrsg. v. Cordula Nolte u.a., Stuttgart 2002 (= Residenzenforschung XIV), S. 235-276.

Katherine Walsh: Verkaufte Töchter? Überlegungen zu Aufgabenstellung und Selbstwertgefühl von in die Ferne verheirateten Frauen anhand ihrer Korrespondenz, in: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 135 (1991) S. 129-144.

Quelle: http://edelfrauen.hypotheses.org/88

Weiterlesen

Neues vom Personendaten-Repositorium der BBAW

Das DFG- Projekt “Personendaten-Repositorium” (PDR) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beschäftigt sich mit der Möglichkeit, Personeninformationen aus der historischen Forschung in eine adäquate Infrastruktur zu überführen. Das betrifft sowohl technische Aspekte wie den Aufbau eines Repositoriums, Schnittstellen, Webservices als auch inhaltliche Aspekte wie die semantische Auszeichnung der gewonnenen Daten auf Basis eines innovativen Datenmodells und flexiblen Vokabulars. Diese und alle weiteren Themen finden Sie ausführlicher beschrieben in unserem Wiki.

Zum neuen Jahr möchten wir Sie gerne über den aktuellen Stand der Entwicklungen informieren und unsere Tools bewerben:

Testen Sie den Archiv-Editor (AE) auf Basis unserer neuen PDR 2.0-Klassifikation und mit Hilfe eines Beispieldatensatz. Der AE fungiert momentan als das einzige zentrale Arbeitsinstrument für eine clientbasierte Bearbeitung der eigenen Daten im Repositorium. Dezentrales Arbeiten ist zwar möglich, aber eben auch die Synchronisation mit der von den Mitarbeitern kollaborativ erarbeiteten Datensammlung,

Um überhaupt eine andere Software für das PDR entwickeln zu können, müssen natürlich die Voraussetzungen gegeben sein: PDR-Allies dienen als zentraler Knotenpunkt für die Ein- und Ausgabe der Daten, die Bestandteile “MySQL Datenbank” und “Index” sind wiederum über eigenständige Schnittstellen erreichbar. Zum Download (PaDRe 1.0.0, PDR-Allies 1.0.2, lib-pdr 1.0.4).

Testen Sie in diesem Sinne doch gleich einmal die Schnittstelle “ID-Interface” (IDI): Es werden Ihnen diejenigen Personenobjekte ausgeliefert, die bisher direkt oder indirekt eine ID (z.B. GND) aufweisen. Auf Wikipedia findet man ebenfalls unsere (bisher noch bescheidene) BEACON Liste von 419 Einträgen.

Und GND ist bereits das nächste Stichwort: Der “Investigator” ist ein Crowdsourcing Game für die Auszeichnung unseres Datenbestandes mit der Gemeinsamen Normdatei-Nummer. Machen Sie mit und recherchieren Sie um einen Platz in der Bestenliste!

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2851

Weiterlesen

Budai – Leinensack-Mönch, lachender Buddha und Glücksgott

Die Figur des Budai 布袋 (im Deutschen für gewöhnlich als “Leinensack-Mönch” beziehungsweise als “Hanfsack-Mönch” tituliert[1]) basiert auf dem Mönch Qici 契此, der im frühen 10. Jahrhundert in der Provinz Zhejiang lebte.[2]. Qici „zog wahrsagend und bettelnd durch die Stadt mit einem geschulterten Sack, in dem er seine angebissenen Gaben steckte. […] „Seine exzentrische Lebenshaltung machte ihn u.a. zu einem Liebling der Ch‘an-(Zen-)Sekte.“[3] Qici soll “unglaublich dick” gewesen sein und war wegen seiner “jovialen Art” weithin bekannt.[4]

Der Mönch “soll am 3. Tag des 3. Monats des Jahres 917 (?) im Kloster Yuelin [Yuelin si 嶽林寺] in Zhejiang gestorben sein”[5]. Im Digital Dictionary of Buddhism wird neben der Angabe 3. Tag des 3. Monats des Jahres 916 auch auf eine Darstellung verwiesen, nach der Qici zwischen 901 und 904 verstorben sein soll.[6] Nach seinem Tod wurde er als Inkarnation des Buddha Maitreya (chines. Mile 彌勒) – des Buddha des künftigen Weltzeitalters[7] – verehrt.

Dies hat wohl zur großen Popularität des Budai in weiten Teilen Ostasiens geführt:

“The Buddhist figure perhaps most readily found today, thanks to its mass manufacture and popularity in such countries as Vietnam and China, is a very non-traditional, portly figure known as the Laughing Buddha, Bùdài 布袋 [...] Laughing, shaven-headed, pot-bellied, and typically surrounded by children, he holds a rosary in one hand while the other rests on a sack.”[8]

In Japan wurde er – Hotei – unter die „Sieben Glücksgötter“ aufgenommen.[9]

  1. Vgl. etwa die Beschreibung einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Keramikfigur des Budai in der Datenbank Ostasiatische Sammlung Schloss Aschach: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/db/ostasien/ostasien/show.php?id=25
  2. Vgl. dazu Robert E. Buswell jr, Donald S. Lopez: The Princeton Dictionary of Buddhism (Princeton: Princeton University Press, 2014) S. 148 (eingeschränkte Vorschau: http://books.google.at/books?id=DXN2AAAAQBAJ ). Vgl. auch Da Zheng: “The Traveling of Art and the Art of Traveling: Chiang Yee’s Painting and Chinese Cultural Tradition” In: Studies in the Literary Imagination 37,1 (Spring 2004) 169-190, v.a. 170. http://scholarworks.gsu.edu/english_deptpub_li/11/
  3. Hans-Wilhelm Haussig, Egidius Schmalzriedt (Hg.): Wörterbuch der Mythologie, Abt. 1, Bd. 6 (1994), 651 f. („Pu-tai(-ho-shang)“); Welch: Art, 191 f. („Laughing Buddha“).
  4. Vgl. dazu Hochschule Ludwigshafen: Ostasienlexikon, Eintrag “Arhat” http://www.oai.de/de/studium/alumni/46-ostasienlexikon/aaa/2600-arhat.html, dort in der Liste der achtzehn Arhats unter “Angaja”.
  5. Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole, 247 („Sack“).
  6. Charles Muller: Digital Dictionary of Buddhism, Eintrag 布袋.
  7. Vgl. Buswell/Lopez: Princeton Dictionary of Buddhism, 517 f. (“Maitreya”).
  8. Patricia Bjaaland Welch: Chinese Art. A Guide to Motifs and Visual Imagery (Singapore 2008) 191.
  9. Vgl. dazu Bernhard Scheid: “Religion in Japan” http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie:Gluecksgoetter/Hotei. zu den “Sieben Glücksgöttern” vgl. ebd http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Ikonographie:Gluecksgoetter

Quelle: http://wenhua.hypotheses.org/964

Weiterlesen