Alles kann, nichts muss: Warum Kommunalarchive die Möglichkeiten der Welt des Web 2.0 kennen und nutzen sollten.


Im Nutzen der vielfältigen Möglichkeiten des Web 2.0 zeigen sich Kommunalarchive in Deutschland aus unterschiedlichen Gründen immer noch sehr zurückhaltend. Vielleicht ist an dieser Stelle ein Perspektivwechsel notwendig, der die Welt des Web 2.0 als eine neue und aktuelle Form der archivischen Öffentlichkeit begreift.

Alles kann, nichts muss: Warum Kommunalarchive die Möglichkeiten der Welt des Web 2.0 kennen und nutzen sollten

Antje Diener-Staeckling

Nachdem sich das Internet im Bereich der deutschen Archive nun doch weitestgehend durchgesetzt hat,1 erzeugt die Welt des Web 2.0 gerade bei kleineren Kommunalarchiven doch noch oft Unbehagen. Es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen: „Braucht man das überhaupt? Gehört das wirklich zu den archivischen Kernaufgaben?“
Hier sind klare Parallelen zum übergeordneten Arbeitsfeld der archivischen Öffentlichkeitsarbeit zu erkennen.

[...]

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/2510

Weiterlesen

Alles Kunst oder?-Das stARTcamp im LWL-Landeshaus am 28. März 2015 #scms15

Zum 2. Mal schon trafen sich rund 100 Kulturschaffende am 28. März zu einen stARTcamp im LWL-Landeshaus. Ziel war es bereits wie im Jahr 2014, sich im Bereich Social Media auf den neuesten Stand zu bringen und Ideen und Projekte kennenzulernen, wie man diese Instrumente im Kulturbetrieb nutzt.
Das stARTcamp ist eine von Mitgliedern des Vereins stArtconference organisierte Tagung. Dieser Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt der Social Media für Kunst- und Kulturschaffende zu öffnen und organisiert inzwischen auch europaweit stARTcamp-Tagungen.

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Tagung kann man zu dieser Veranstaltung sagen, eine Konferenz im eigentlichen Sinne ist es nicht. Das stARTcamp wurde zum zweiten Mal als Barcamp veranstaltet. Einige sagen „Unkonferenz“ dazu (durchaus positiv gemeint). Andere sprechen vom Tagungssystem der Zukunft. Man trifft sich zu einem bestimmten Oberthema („Social Media im Kulturbetrieb“) und legt gemeinsam direkt zu Beginn die einzelnen Sessions, d.h. das Programm fest. Das kann alles sein, vom Workshop bis hin zur spontanen offenen Diskussionsrunde. Das Organisationsteam koordiniert dann zeitliche Abfolge und Raumaufteilung.


Als Archiv fühlte ich mich als ein Teil der Zielgruppe, erwartete aber – zu Recht, wie sich zeigen sollte – in der Minderheit zu sein. Von der Beschreibung der Veranstaltung erwartete ich mehr Teilnehmer aus Museen – schließlich findet sich das Wort ART schon im Titel. Museen haben schon seit längerem die Möglichkeiten des Web 2.0 für sich entdeckt. Außerdem eine neue Tagungsform, ich war gespannt.

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Bei derAnmeldung erhielten die Teilnehmer den obligatorischen Wlan-Zugang Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

 

 

 

Bei der gemeinsamen  Einrichtung der WLAN-Zugänge gleich zu Beginn stellte sich heraus, so viele Kollegen aus den Museen waren hier gar nicht. Während der Vorstellungsrunde (Vorstellung mit drei Hashtags) stellte ich fest, dass unter den Teilnehmern sehr viele Mitarbeiter von Konzerthallen und Opernhäusern waren. Scheinbar hat man auch hier vor Kurzem eine breite Initiative im Bereich der Social Media gestartet. Letztendlich ist dies auch immer die Frage der selbst gesetzten Zielgruppe. Ansonsten war das Publikum erfrischend unterschiedlich: Vom absoluten Neuling („Entschuldigung, was ist bitte ein Hashtag?“) bis hin zu jungen Kulturvolontären, die gelangweilt erklärten, dass „Facebook absolut old fashioned“ sei, war alles dabei. Es boten sich insgesamt gute Möglichkeiten der virtuellen und realen Netzwerkbildung.

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Tagungsort LWL-Plenarsaal Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Nachdem die Themen der Sessions festgelegt per Handzeichen abgestimmt waren, ging es nach einer kleinen Pause los und das in einer beeindruckenden Geschwindigkeit. Das Programm erfasste einerseits Grundlagen, wie z.B. „Wie richte ich einen Blog?“ ein und „Wie melde ich mich auf Twitter an?“, anderseits wurden auch Themen wie „Welche Hilfsmittel helfen mir, meine Social media-Werkzeuge zu strukturieren und für meine Zwecke auszuwerten?“ und „Welche virtuelle Begleitung lässt sich einem Benutzer oder Besucher bieten?“ bis hin zu „Rechtliche Fragen bei Museumsselfies“ behandelt.

 

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Die Sessions werden per Hand abgestimmt. Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Bei meinen Sessions lerne ich am Vormittag, dass man auch mit dem Smartphone durchaus gute und beeindruckende Fotos machen kann. Es ist meist eine Frage der Perspektive und kleinerer Hilfsmittel. Dies ist nicht unwichtig für die Social Media Kanäle, weil man ohne Aufwand so Bildern einstellen kann, die inzwischen obligatorisch für einen Beitrag dort sind. Danach folgt eine Einführung in „Smart events und smart Places“ durch den Kommunikations- und Web 2.0-Berater Frank Tentler. Dort erfahre ich so einiges über das grundsätzliche Verhältnis von Social Media und Kulturinstitution. Wir produzieren täglich ohne Ende Content und Content ist wichtig und wertvoll. Ein wichtiger Aspekt, denn man hört auch in Kulturinstitutionen gerne mal den Satz „Was ich mache, interessiert doch sowieso niemanden.“ Man kann also sagen: Doch! Egal, ob Museum, Konzerthalle oder Museum, es interessiert die Leute. Hier wurden erste Grundlagen eines konkreten Marktingnutzens der Social Media-Aktivitäten vermittelt. Eine gute Einführung, wenn auch im öffentlichen Dienst nur begrenzt umsetzbar. Schön, dass wir bei der vom LWL-Archivamt mitorganisierten Tagung „Offene Archive 2.0“ im Dezember in Siegen dieses Thema noch vertiefen werden.
Nach der Mittagspause kam es bei der Keynote von Dr. Christian Gries, der das nächste stARTcamp in München mitorganisiert, zu kontroversen Diskussionen im Gesamtplenum. Sein Thema „Wie das Netz die Kunst befreit“ regte Überlegungen zum Thema „Banalisiert Web 2.0 nicht die Kunst?“. An eine wichtige Frage, die auch auf die Archive übertragbar erscheint. Auch hier fragen wir uns oft, ob wie mit den Instrumenten des Social Media nicht die Quellen im Allgemeinen und unseren Kulturauftrag im Speziellen banalisiert. Noch immer haben wir vor allem einen hohen wissenschaftlichen Anspruch, genau wie Museen einen hohen künstlerischen Anspruch haben können. Diese Grundsatzdebatte zeigte aber, dass die Fragestellung inzwischen in beiden Bereichen überholt erscheint. Banalisiert wird weder das eine noch das andere. Im Archiv wie im Museum bieten die Kanäle der Social Media vielmehr einen Weg den Nutzer und Besucher mehr an die Hand zu nehmen und ihm einen Weg zu ebnen auch komplexere Inhalte zu erarbeiten und zu verstehen. Social Media ist daher nicht im Zuge einer Banalität zu sehen, vielmehr als eine Form der Neuausrichtung eines Servicegedankens, der alle Kultureinrichtungen betrifft.

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Unverzichtbar für alle: das Smartphone.Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Anschließend lernte ich bei Frank Tentler mit Michelle van der Veen, welche Möglichkeiten es gibt, seine Social Media-Tools zu verwalten und effektiv auszuwerten. Im Zuge einer ausbaufähigen Socialmedia-Strategie im LWL-Archivamt ein wichtiger Aspekt.
In der abschließenden Session habe ich mich dann zu einer virtuellen Benutzerreise aufgemacht – passenderweise durch ein Museum. Angereichert durch Beispiele aus Konzerthäusern lernte ich, was Benutzer heute erwarten und erwarten können, und das nicht nur während des Aufenthalts in der Kulturinstitution sondern davor, währenddessen und danach.
Das zweite stARTcamp in Münster war eine wichtige Veranstaltung, die durchaus als ein Erfolg verbucht werden kann. Vielen Dank noch einmal an die Organisation! Insgesamt habe ich viel gelernt und Inspirationen bekommen. Manchmal waren die Diskussionen in den einzelnen Sessions allerdings zu gering. Hier würde ich mir wünschen, dass auch unter den Teilnehmern in Zukunft mehr diskutiert wird. Die Paralleldiskussionen auf Twitter kannte ich aus anderen Veranstaltungen bereits. Diese sollten aber vor Ort nicht die einzigen sein. Insgesamt war das stARTcamp in Münster eine gelungene Sache und es bleibt zu hoffe, dass es im nächsten Jahr ein neues stARTcamp im LWL-Landeshaus geben wird.

Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

Das Organisationsteam. Foto: Steffi Koch (http://neongold.org/)

 

Antje Diener-Staeckling

 

 

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/2074

Weiterlesen

Das Siegel des Klosters St. Aegidii in Münster von 1423

An einer Urkunde des Archivbestand Nordkirchen findet sich ein doppelt bemerkenswertes Siegel aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts.1 Das Siegelwachs ist grün gefärbt, was auf einen geistlichen Siegelführer hinweist. Es handelt sich um das Siegel des St. Aegidii-Klosters in Münster. Wenden wir uns zunächst der Beschreibung des runden Siegels zu:

Zu sehen sind zwei Halbfiguren im Perlenkranz. Sie durchbrechen mit ihren Köpfen die Umrandung. Die Halbfiguren sind auf zwei Rundbögen gesetzt. Zu sehen ist im Heiligenschein (heraldisch) rechts die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem linken Arm, in der rechten Hand einen Lilienstengel. Auf der linken Seite-ebenfalls durch einen Heiligenschein deutlich hervorgehoben- ist der heilige Abt Aegidius. In der rechten Hand hält er ein Buch in der linken eine Krummstab. Beide zentrale Figuren sind beschriftet. Unter Maria findet sich auf dem Rundbogen die Aufschrift Virgo Mar[ia], unter der Figur des Abtes die Aufschrift S[anctus] Egidius.

Unter dem rechten Bogen ist deutlich der für Mariendarstellungen typische brennende Dornbusch zu sehen.2

Unter dem linken Bogen schreitet eine Hirschkuh, Sinnbild für Christus3

Die hier bereits nicht mehr so deutliche Umschrift jenseits des das Bild umgebenen Perlenkranzes lautet:Sig[illum] ecclesie beati Marie [San]c[t]iq[ue] Egidii in Monast[erio].

Foto: A. Diener

Das zweite große Siegel des Klosters Sankt Aegidii in Münster 1423

Das Siegel hängt an einer Urkunde von 1423. Es ist das zweite große Siegel des Zisterzienzerklosters St. Aegidii. Das erste Siegel ist von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Ende des 14. Jahrhunderts nachzuweisen.4

Inhaltlich hält die Urkunde vom 7. Februar 1423 fest, dass die Äbtissin Mechthild Cleynhorn die Jüngere5 stellvertretend für das ganze Konvent Johann von Büren, Sohn des Junkers Wilhelm  gestattet eine Rente von 3 Mark mit 50 Mark abzulösen, jeweils an Lichtmess.6

Als Zeugen sind angegeben Arnd der Schreiber und Johann Lobbe, Amtmann zu Sankt Ylien. St. Ylien, wieso St. Ylien? Auch in der Einleitung ist eindeutig von Convent St. Ylien in Münster die Rede. Wieso wurde St. Aegidii so genannt? Der Heilige St. Aegidius ist der französische Heilige St. Gilles, der bereits im 12. Jahrhundert in Münster als Retter in der Not höchste Verehrung genossen hat.7

Foto: A. Diener

Eindeutig wird das Kloster Sunte Ylin genannt.

 

Mit der Übernahme des in Westfalen üblichen Niederdeutschen auch in die Sprache der Urkunden wurde aus St. Gilles, bzw. St. Gillis schließlich sunte Ilien oder Tilien ( aus St. Ilien zusammengezogen)  und schließlich St. Ylijn oder- wie in dieser Urkunde St. Ylien.8

Foto: A. Diener

Die Urkunde Nordkirchen, Nr. 233, 1423 Februar 7

 

Literatur:

Wilhelm Kohl,  Das Zisterzienserinnenkloster, später Benediktinerkloster St. Aegidii zu Münster (= Germania Sacra, Dritte Folge 1), Berlin, New York 2009

Theodor Ilgen, Die westfälischen Siegel des Mittelalters / mit Unterstützung der Landstände der Provinz hrsg. vom Verein für Geschichte und Alterthumskunde Westfalens. Bd. III.Die Siegel der geistlichen Corporationen und der Stifts-, Kloster- und Pfarr-Geistlichkeit, Münster 1889

Die zentrale Literaturangabe für die symbolischen Darstellungen auf Siegeln ist: Lexikon der Christlichen Ikonographie.  8 Bände  Hier: Rom, Freiburg, Basel, Wien 1994/2004

  1. Nordkirchen, Urkunden, Nr. 233, 1423 Februar 7
  2. Anders als Ilgen es formuliert ist hier kein Symbol für die Jungfräulichkeit gemeint, vgl. Ilgen, Westfälische Siegel Bd. 3, S. 54. Zum Symbol des Dornenbusches als Mariensymbolik vgl. auch M.Q. Smith, Dornenbusch, in: Lexikon für christliche Ikonographie, Bd. 1, sp. 510-511.
  3. P. Gerlach, Hirsch, in: Lexikon für christliche Ikonographie, Bd. 2, sp. 286-289. Hier v.a. sp. 286-287.
  4. Ilgen, Westfälische Siegel, Bd. 3, S. 54.
  5. Mechthildis Cleivorn die Jüngere (1417-1430) war 1423 Äbtissin. Sie entstammte einem münsterschen Erbmännergeschlecht. Vgl. Kohl,  S.282.
  6. Nordkirchen, Urkunden, Nr. 233, 1423 Februar 7. Domenica prima post Purificationis B. Mariae virginis
  7. Kohl, S. 36-37, hier S. 37.
  8. Kohl, S. 31.

Quelle: http://siegelblog.hypotheses.org/79

Weiterlesen

Siegelbefestigung: Vom Verschlussmittel zur angehängten Präsentation

Siegel dienten in Ihrem Ursprung dem Verschluss von Briefen, Fässern, Truhen und sollten deren Unversehrtheit bekräftigen. 1

Bereits hier war der Aspekt der Rechtsverbindlichkeit wichtig. Das mit dem Siegel verschlossende Material wurde auf diese Weise als authentisch und inhaltlich unversehrt gekennzeichnet.

Wie so ein Verschluss ausgesehen hat, bzw. ausgesehen haben könnte, zeigt ein sogenanntes Briefsigné aus dem frühen 19. Jahrhundert, was auch dazu diente, den im gefalteten Umschlag befindlichen Brief unter Verschluss zu halten:

LWL-Archivamt

Abb. 1: Siegel als Verschlussmittel (Nordkirchen, NME, Nr. 61)

Abb. 2, Foto: A. Diener

Abb. 2

Ansonsten werden Wachssiegel seit der Karolingerzeit unter die geschriebne Urkunde gesetzt und das ist meist wörtlich zu nehmen: Im Text als Beglaubigungsmittel angekündigt, werden sie in einer Vertiefung im Papier mit einer Verstärkung angebracht. Es wurde ein kreuzförmiger Schnitt im Beschreibstoff angebracht, die Schnittstellen wurden umgebogen und durch das so entstehende Loch die Siegelmasse ( meist Wachs)  von beiden Seiten der Urkunde durchgedrückt. Der Stempel oder Petschaft wurde mit dem Siegelbild dann auf die Vorderseite gedrückt. Deswegen spricht man auch von einem aufgedrückten oder durchgedrückten Siegel. (Vgl. Abb. 3). Der Platz ( meist unten rechts) auf dem ein Siegel angebracht wurde, wird locus sigili oder Siegelstelle genannt.(( Vgl. Kümper, Materialwissenschaft Mediävistik, S. 123.))

 

Aufgedrücktes Siegelhinten, Foto: A. Diener

Abb. 3

Das aufgedrückte Siegel war nicht so robust wie als Beglaubigungsmittel gefordert, deswegen setzte sich zum Ende des 12. Jahrhunderts immer mehr das anhängende Siegel oder Hängesiegel durch.2

Das anhängnde Siegel wurde mit einer Siegelschnur oder einer "Pressel", d.h. mit einem Pergamentstreifen am unteren Rand der Urkunde befestigt, indem man die Schnur etc. durch einen Einschnitt im Beschreibstoff zog. Dazu musste der untere Rand der Urkunde umgebogen werden, um die Anhängung zu verstärken. Diese Umbiegung wird Plica genannt.3

Bei unserem Beispiel, das auch das Headerbild unseres Blogs bildet können wir diesen Wechsel vom aufgedrückten zum angehängtem Siegel live miterleben. Bischof Herrman siegelt noch in den 1170er Jahren mit aufgedrücktem Siegel4.

Foto: A.Diener

Abb. 4

Bei seinen Urkunden aus den 1190er Jahren sind dann die Siegel mit leicht verändertem Bild angehängt. (Vgl. Abb. 5). So ist an diesem anschaulichen Beispiel der Siegel Bischof Herrmans von Münster aus dem 12. Jahrhundert gut der Wechsel vom aufgedrückten Siegel zum angehängten Siegel zu beobachten.

SiegelHerrmann1188, Foto A. Diener

Abb. 5

 

Literatur:

  • Toni Diederich: Siegelkunde: Beiträge zu ihrer Vertiefung und Weiterführung. Köln 2012.
  • Wilhelm Ewald: Siegelkunde (= Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte. 4). München-Berlin 1914 (Nachdruck München 1978).
  • Herman Maué, Siegel zum Verschließen von Briefen, in. Signori (Hrsg.), Das Siegek, S. 181-188.
  • Hiram Kümper, Materialwissenschaft Mediävistik, Paderborn 2014
  1. Vgl. Maué, Siegel zum Verschließen, S. 181.
  2. Kümper spricht bereits von der Mitte des 12. Jahrhundert. Allerdings belegt das folgende Beispiel, dass dies kein allgemeingültiiges Faktum ist., vgl. Kümper, Materialwissenschaft Mediävistik, S. 124.
  3. Vgl. Kümper, Materialwissenschaft Mediävistik, S. 124.
  4. Vgl. Abb. 4

Quelle: http://siegelblog.hypotheses.org/45

Weiterlesen

Das Siegel der Universität Oxford an einer Urkunde des 18. Jahrhunderts

Oxford_Siegel_klein

 

Interessant sieht das Siegel aus, das die engliche Ehrendoktorwürde der Universität Oxford eines westfälischen Adeligen aus dem 18. Jahrhundert beglaubigte. Erstaunlicherweise hat es mit dem heutigen " Siegel" bzw. Logo der Universiät visuell kaum etwas zu tun (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Uni_oxford_logo,.svg&filetimestamp=20081116171714&).

Es zeigt im Bild die Universität des Mittelalters: In der Mitte übergroß der  Professor, der seinen Studenten eine Vorlesung hält. Die Studenten sitzen auf einem typisch mittelalterlichen Holzgestühl rund um ihren Professor gescharrt. Ob es sich bei dem abgebildeten Professor um einen Heiligen handelt, wird nicht deutlich. Er ist in jedem Fall, wie die sichtbare Tonsur erkennen lässt Mönch. Die Umschrift lautet: "+Sigill[um] cancellarii  et universitatis Oxoniens". Auch der Ochse, der sprechend in späterer Zeit im Siegel eine Rolle spielt. (Vgl. z.B. das Siegel von 1433:http://archives.balliol.ox.ac.uk/Archives/stcross01.asp)

Es ist tatsächlich zur Mitte des 18. Jahrhunderts das älteste Siegel der Universität Oxford, das an die Urkunde mit der Ehrendoktowürde gehängt wird. Es stammt nachweislich aus dem Jahr 1300.  Trotz anderer Siegel und eines schon füh aufkommenden Wappens (http://www.oua.ox.ac.uk/enquiries/arms.html), das in späterer Zeit als Siegel, bzw. Symbol der Universität genutzt wurde, griff man zu diesem besonderen Anlass auf das älteste Siegel zurück. Es wurden also zeitgleich mehrere Siegel gleichzeitig genutzt. Dies tat man einerseits aus legitimatorischen Gründen, anderseits aus traditionellen. Auf diese Weise wurde die lange Geschichte der Universität, die bis in das 11. Jahrhundert zurückreicht hervorgehoben und die Würde und Bedeutung der Ehrendoktorwürde betont. Vermutlich wurde es in der frühen Neuzeit für diese besonderen Zwecke genutzt, ähnlich wie in mittelalterlichen Städten das sogenannte "große Stadtsiegel". Die älteste Siegel an dieser Stelle hat damit in doppelter Weise beglaubigende Funktion, einmal in rechtlicher und dann in historischer Art und Weise.

 

Literatur: A Short History of the English People by J R Green (Macmillan, 1892).

 

 

 

Quelle: http://siegelblog.hypotheses.org/47

Weiterlesen

Erschließung und historische Forschung. Ein reflexives Konzept am Beispiel eines Archivs zur Planungsgeschichte der DDR

Vor zwei Woche ist  der Tagungsband zum letzten BKK-Fortbildungsseminar in Weimar (2013) erschienen. Häuser, Straßen, Plätze: Der städtische Raum in der archivischen Überlieferungsbildung (=TUA 29).

grafik_TUA29Alle Beiträge beschäftigen sich mit der Frage, welche Unterlagen es zum Bauen und Wohnen gibt und was man damit machen kann, bzw. darf. Der Artikel von Harald Engler aus Erkner bei Berlin, wirft gleich zu Beginn ein besonderes Augenmerk auf den Zusammenhang zwischen Archiv und Forschung.

Erschließung und historische Forschung. Ein reflexives Konzept am Beispiel eines Archivs zur Planungsgeschichte der DDR

von Harald Engler

 

Archive sind nicht nur für sich selbst da, sondern sollten – neben ihrer Öffnung gegenüber breiteren Schichten der geschichtsinteressierten Bevölkerung – insbesondere mit der geschichtswissenschaftlichen Forschung, ihren Institutionen und Akteuren eng verknüpft sein.[1] Leider besteht zwischen diesen beiden Bereichen von Archiv und Forschung weitgehend immer noch ein durch Rivalitäten oder gar Sprachlosigkeit geprägtes Spannungsfeld.[2] Wie diese für beide Disziplinen der Aufarbeitung der Vergangenheit ungünstige Trennung durch forschungsorientierte Konzepte für Archive aufgehoben und die Teilbereiche besser integriert und aufeinander bezogen werden können, wird in diesem Beitrag am Beispiel eines Archivs zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR erläutert. Dieses Archiv – die Wissenschaftlichen Sammlungen des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin –, das schon durch seine institutionelle Einbindung als Bestandteil einer Forschungsabteilung eines außeruniversitären Forschungsinstituts einen spezifischen Archivtyp darstellt, könnte als Beispiel für eine funktionierende enge Zusammenarbeit von Forschung und Archiv dienen. Insgesamt soll verdeutlicht werden, dass eine engere Verknüpfung der jeweiligen Eigenlogiken von archivarischer Erschließung und den Interessen der Forschung mit der Verbesserung der disziplinären Kommunikationsprozesse einhergehen sollte. Einen institutionellen Idealtyp für ein integratives Gesamtkonzept von Archiv und Forschung bildet schließlich das Forschungsarchiv, das zum Schluss als Perspektive in den Blick genommen wird.

 

Institut und Historische Forschungsstelle

Zunächst werden hier das Institut als Träger von Archiv und Historischer Forschungsstelle und diese selbst in knapper Form vorgestellt. Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner bei Berlin ging 1992 aus dem Institut für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR hervor, das als eines von insgesamt vier positiv evaluierten Instituten dieser wichtigsten Zentralbehörde für das Bauwesen in der DDR unterhalb des Ministeriums für Bauwesen positiv evaluiert und als IRS in die vereinigte Bundesrepublik überführt wurde.[3] Das Institut betreibt insgesamt sozialwissenschaftliche Raumforschung und hat den Auftrag, die Transformation und Steuerung von Städten und Regionen in Deutschland und Europa aus sozialwissenschaftlicher Perspektive zu erforschen.[4] Das IRS ist Mitglied der Wissensgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (Leibniz-Gemeinschaft) und wie alle Mitglieder dieser großen deutschen Forschungsorganisation jeweils zur Hälfte von der Bundesrepublik Deutschland und vom Sitzland, hier also dem Land Brandenburg, finanziert, wobei das Institut zu etwa einem Drittel seinen Gesamthaushalt durch Drittmittel bestreitet.[5]

Abb 1_neu     Im Institut sind etwa 70 Mitarbeiter beschäftigt, darunter etwa 40 Wissenschaftler, deren Arbeit in fünf Forschungsabteilungen organisiert ist, die sich durch unterschiedliche Profilausprägungen unterscheiden. Grundlage der Arbeit des Instituts ist ein Forschungsprogramm, das die Forschungsabteilungen gemeinsam mit der Institutsleitung unter Beratung durch einen hochkarätig besetzten Wissenschaftlichen Beirat für jeweils drei Jahre erarbeiten und das vom Kuratorium, das die Arbeit des Instituts im Allgemeinen überwacht, geprüft und verabschiedet wird.[6] Die Besonderheit für die hier interessierende Historische Forschungsstelle besteht darin, dass sich die geschichtswissenschaftliche Arbeit der Forschungsabteilung im Rahmen eines sozialwissenschaftlich forschenden außeruniversitären Raumforschungs-Instituts vollzieht, während das Archiv der Wissenschaftlichen Sammlungen Teil einer geschichtswissenschaftlich arbeitenden Forschungsabteilung ist. Beide Faktoren haben weitreichende Konsequenzen für die konkrete Alltagsarbeit, die sich deutlich von der Konstellation anderer geschichtswissenschaftlicher Institutionen wie etwa eines Universitätslehrstuhls oder eines Stadt- oder Landesarchivs unterscheiden.[7]

Abb 2a

 

Das Archiv des IRS gehört zur Forschungsabteilung 5, die unter dem Namen „Historische Forschungsstelle/Wissenschaftliche Sammlungen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR“ arbeitet. Geschichtswissenschaftliche und architekturgeschichtliche Forschung zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR wurde am IRS bereits seit der Gründung des Instituts 1992 betrieben. Dabei wurden einige bis heute wichtige Publikationen[8] zu diesem Thema veröffentlicht sowie die inzwischen deutschlandweit als wichtigste Tagungsreihe etablierten „Werkstattgespräche zur DDR-Planungsgeschichte“ veranstaltet.[9] Nach einer äußerst positiven Evaluierung 2010 wurden die bis dahin zu einer anderen Forschungsabteilung gehörenden Wissenschaftlichen Sammlungen mit der Forschung als eigenständige Forschungsabteilung 2012 ausgegliedert und verselbstständigt. In der neu gegründeten Abteilung wird als Forschungsprofil schwerpunktmäßig die Geschichte der Urbanisierung und Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf der Planungs- und Architekturgeschichte der DDR betrieben.[10] Die Historische Forschungsstelle arbeitet auf der Grundlage eines Forschungsprogramms, das für einen Zeitraum von drei Jahren die Schwerpunkte der wissenschaftlichen Arbeit festlegt.[11] Dazu gehört ein Leitprojekt, das den Kern der Abteilungsarbeit ausmacht und sich mit städtischer Freiraumgestaltung im deutsch-deutschen Vergleich befasst[12], ein Drittmittelprojekt, das die Funktion und Bedeutung der Bezirke in der DDR analysiert[13], sowie weitere Forschungs- und Drittmittelprojekte, die sich u.a. mit Biographien zu DDR-Architekten[14], Architektinnen in der DDR[15] sowie Digitalisierungsvorgängen und dem Aufbau von Datenbanken im Archivbereich beschäftigen.[16] Integrativer Bestandteil des Profils und der wissenschaftlichen Arbeit der Forschungsabteilung ist die enge institutionelle und organisatorische Verknüpfung der Forschungsarbeit mit den Beständen des Archivs. Die Forschungen beruhen in weiten Teilen auf den Beständen der Wissenschaftlichen Sammlungen oder bauen auf ihnen auf, sowie für bestimmte Forschungszwecke gezielt Bestände aus dem Archiv aufgearbeitet werden.

 

Wissenschaftliche Sammlungen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR

Abb 2bDie Wissenschaftlichen Sammlungen bilden das profilierteste deutsche Spezialarchiv zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR.[17] Das Archiv ging in seinem Kernbestand aus den Arbeitsmaterialien des Instituts für Städtebau und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR hervor und wurde nach der Wende systematisch um weitere Bestände erweitert. Das ISA wurde nach der Wende als eines von vier Instituten der Bauakademie positiv evaluiert und unter dem Namen Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in die neue gesamtdeutsche Wissenschaftslandschaft überführt. Insofern bilden das ehemalige ISA und seine Archivmaterialien den Kern des heutigen Leibniz-Instituts.

Abb 3Die zentralen Aufgaben des Instituts für Städtebau und Architektur bestimmen auch den Grundbestand des Archivprofils. Das ISA, das zu den wichtigsten Instituten der Bauakademie der DDR gehörte, beschäftigte sich in enger Kooperation mit dem Ministerium für Bauwesen um alle städtebauliche Wettbewerbe[18], Neubaugebiete[19] und die Generalbebauungspläne[20] aller Städte der DDR, sodass die Materialien dieser Gutachtertätigkeit des Instituts den engeren und wichtigsten Kernbestand des Archivs ausmachen.[21] Die Wissenschaftlichen Sammlungen bieten allein mit diesem Bestand einem Forscher, der beispielsweise vergleichend mehrere Städte Ostdeutschlands unter bestimmten städtebaulichen Fragen analysieren will, einen einmaligen Quellenfundus in einem einzigen Archiv, der in dieser Form an keinem anderen Ort zu finden ist. Weitere wichtige Bestandsgruppen des Archivguts der Wissenschaftlichen Sammlungen, das einen Gesamtumfang von etwa 800 laufenden Metern umfasst, sind die Vor- und Nachlässe wichtiger Architekten und Planer der DDR, die von etwas über 20 in den neunziger Jahren auf nunmehr weit über 60 Nachlässe angewachsen sind und mit einer gezielten Akquisitionsstrategie mit einem extra für diese Aufgabe beschäftigten Mitarbeiter gegenwärtig und in den nächsten Jahren systematisch erweitert werden.[22] Ein weiterer wichtiger und einmaliger Schatz der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS bilden die Aufnahmeanträge in den Bund der Architekten (BdA) der DDR, die nur hier in Erkner archiviert sind und quasi alle 7.600 Architekten und Planer der DDR umfassen.[23]

Abb 5 Ziemlich einmalig ist außerdem der umfangreiche Fotobestand der Wissenschaftlichen Sammlungen zum Baugeschehen in der DDR, der weit über 120.000 Aufnahmen umfasst.[24] Das Archiv bewahrt außerdem weit über 8.000 Karten und Pläne auf, darunter mehr als 5.000 großformatige Pläne, die jüngst in einem Digitalisierungsprojekt in eine Datenbank eingespeist wurden und online abrufbar sind.[25] Zu sehen sind hier beispielsweise auch Blätter der Landschaftsdiagnose der DDR unter der Leitung des bekannten Landschaftsarchitekten Reinhold Lingner aus den frühen 1950er-Jahren, ein politisch höchst umstrittenes wissenschaftliches Großprojekt, das ebenfalls nur in den Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS archiviert ist.[26] Weitere interessante Bestände des Archivs bilden die umfangreichen Dokumentationen (z.B. zu Siedlungen in Brandenburg), Modelle, audiovisuelle Medien sowie wichtige Buchbestände und Informationsschriften der Bauakademie und ihrer Institute, die häufig nur hier überliefert sind und insbesondere zusammen mit der Fachbibliothek des IRS, die ihren Kernbestand ebenfalls in der Arbeitsbibliothek des ISA hatte, für Forscher optimale Arbeits- und Recherchemöglichkeiten in Erkner bieten.[27]

 

Spannungsfeld Erschließung – Forschung

Bei Betrachtung der Frage, unter welchen Gesichtspunkten die Bestände in einem Archiv so erschlossen werden können, damit sie forschenden Historikern beste Möglichkeiten eröffnen bzw. umgekehrt gefragt, welche Wünsche oder Anregungen die Forscher an Erschließungsweisen an die Archivare stellen, öffnet sich ein Spannungsfeld, das hier aus zweierlei Perspektiven betrachtet werden soll: aus der Sicht des Forschers und der des Archivars. Der im Archiv forschende Wissenschaftler hegt in erster Linie den Wunsch nach kompetenter Beratung zu möglichen Forschungsthemen und den dazugehörigen Quellenbeständen durch die Archivare.[28] Eine Voraussetzung dafür sind selbstredend brauchbare moderne Erschließungsmedien für die Quellenbestände. Der forschende Historiker kommt dabei idealerweise auch mit Wünschen für die Erschließung von Quellenbeständen auf die Archivare zu und ist gleichzeitig offen für Hinweise durch die Archivare auf neu erschlossenes Archivgut oder solches, welches potenziell in naher Zukunft erschlossen werden und damit für die Forschung besonders interessant sein könnte. Leider ist die Wahrnehmung bereits existierender und kommunizierter neuer Bestände von Archiven durch die Historiker häufig äußerst defizitär, sodass es zu den Aufgaben der Historikerzunft gehören muss, die Kommunikation über diese und Aufnahmebereitschaft gegenüber solchen Informationen aus den Archiven in den eigenen Reihen und beispielsweise an Lehrstühlen gezielter weiterzuverbreiten. Auf der anderen Seite sollte darüber nachgedacht werden, ob es noch bessere Möglichkeiten der Kommunikation und der medialen Verbreitung dieser wichtigen Informationen geben könnte, etwa durch noch zu etablierende Newsletter oder andere Plattformen. Eine weitere Möglichkeit, Erschließungsvorgänge und
-notwendigkeiten im Archiv mit den Ansprüchen und Wünschen der Forschung zu verknüpfen, stellt die Erschließung von Archivbeständen durch Historiker selbst dar. So ist es denkbar und teilweise bereits praktiziert, dass zu einem Thema forschende Historiker das dazugehörige und noch unerschlossene Material im Archiv selbst erschließen, selbstverständlich in enger Abstimmung mit Archivaren und nach deren exakten Vorgaben. Es versteht sich von selbst, dass eine solche Vorgehensweise an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, die auch stark vom Profil des Wissenschaftlers und seinen Möglichkeiten, eine archivfachlich angemessene Erschließung überhaupt durchzuführen, sowie vom Typus und spezifischen Zustand der archivischen Quellenbestände abhängig ist.[29]

Aus der Perspektive des Archivars erscheint für eine funktionierende Kooperation zwischen Archiv und Forschung in Erschließungsfragen zunächst eine gewisse Aufnahmebereitschaft von Archivverantwortlichen für Erschließungswünsche von Nutzern und Forschern wünschenswert und unabdingbar. Weiterhin ist es äußerst hilfreich, wenn Archivare selbstständig Forschungstrends und -entwicklungen wahrnehmen und diese eigenständig auch als Movens eigener Erschließungsstrategien heranziehen. Zumindest wäre es für die Historikerzunft äußerst sinnvoll, wenn von Seiten der Archivare Hinweise an die geschichtswissenschaftliche Community auf neu erschlossenes Archivgut und
-material gingen, in einigen gut funktionierenden Einrichtungen wird dies schon seit langem praktiziert. Eine weitere Form der Erschließung im Archiv kann die Anregung für Historiker sein, zur Aufschließung eines bestimmten Forschungsthemas die dazu relevanten Archivmaterialien überhaupt erst zu erschließen und auf diese Weise Erschließungsvorgänge im Archiv voranzutreiben – eine besonders enge Verknüpfung von archivischer Erschließung und Forschung. Schließlich dient der Auftritt von Archivaren auf (geschichtswissenschaftlichen) Tagungen mit entsprechenden Hinweisen auf erschlossenes oder noch zu erschließendes Material als empirische Materialgrundlage für potenzielle Forschungsthemen sowie das Engagement von Archivaren in der universitären Lehre mit entsprechenden Hinweisen für den akademischen Nachwuchs als gut geeignete Möglichkeiten, Erschließungsprozesse entlang von forschungsorientierten Parametern voranzutreiben bzw. bekannt zu machen.[30] Wenn sich Archivare, wie dies Robert Kretzschmar einmal formuliert hat, nicht nur als Dienstleister und Partner für die Forschung, sondern in funktionierenden Einzelfällen auch selbst als Forscher verstehen, kann der Erschließungsprozess in einem Archiv besonders forschungsnah gestaltet werden, weil die beiden ansonsten häufig getrennten Prozesse dann so integrativ wie möglich vonstattengehen können.[31] Über diese Wege der Publikationstätigkeit eigener Forschungsergebnisse als Teil einer erweiterten Bildungsarbeit können Archivare einen eigenständigen Beitrag zu einer idealen und engen Verknüpfung von Erschließung und Forschung leisten, wenngleich sie aufgrund der allgemeinen Personalnot in Archiven und dem wachsenden Druck durch die permanenten Arbeiten in einem Archiv eher selten in diese Luxussituation geraten.

 

Systematische Verknüpfung von Erschließung und Forschung durch ein Zirkuläres Konzept im Knotenpunkt Archiv

Im folgenden Abschnitt soll am Beispiel des Archivs des IRS und der Kooperation zwischen Wissenschaftlichen Sammlungen und den Forschern der Historischen Forschungsstelle im Institut die Möglichkeit eines funktionierenden Konzepts für die systematische Verknüpfung von Erschließung und Forschung vorgestellt werden. Das Zirkuläre Konzept der Historischen Forschungsstelle des IRS funktioniert folgendermaßen: Zunächst wird durch die fortlaufende geschichtswissenschaftliche Forschung und diverse Veranstaltungen auf die vielfältigen Facetten des Themas „Bau-, Planungs- und Architekturgeschichte der DDR“ aufmerksam gemacht. Insbesondere bei den seit 1998 durchgeführten „Werkstattgesprächen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR“ versammelt sich in Erkner alle zwei Jahre nicht nur die Forscher-Community zu diesem Thema, sondern es werden systematisch die Zeitzeugen der Planer und Architekten aus der DDR-Zeit mit eingeladen, die sich durch rege Diskussionen und eine ganz eigene Perspektive an den Tagungen beteiligen.[32] Die Werkstattgespräche dienen auf diese Weise, flankiert durch weitere Maßnahmen, der aktiven archivischen Akquise, indem das Treffen auch als geeignetes Forum für die Kontaktaufnahme bzw. -pflege mit Planern und Architekten der DDR dienen, die anschließend im Idealfall ihre persönlichen Dokumentationen als Vorlass in die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS abgeben. In einem dritten Schritt sorgen die Archivare der Wissenschaftlichen Sammlungen dafür, dass das auf diese Weise eingeworbene und kulturgeschichtlich essentielle Material möglichst zeitnah erschlossen und damit möglichst rasch der geschichtswissenschaftlichen Forschung zur Verfügung gestellt wird – der Kreis schließt sich und die Forschung kann das neue Material für seine Analysevorhaben verwenden.

Weitere flankierende Maßnahmen dienen außerhalb dieses Zirkulären Konzepts der engen und aufeinander bezogenen Verknüpfung von archivischer Erschließung und der Forschung. Dazu gehört die systematische Drittmitteleinwerbung für größere Digitalisierungsmaßnahmen. Sowohl das Projekt DigiPEER[33] (Erschließung großformatiger Pläne und Karten) als auch das zweite große Digitalisierungsprojekt DigiPortA (Erschließung von Porträtbeständen im Archiv), das weiter unten etwas genauer vorgestellt wird, zeigen, dass solche gezielt hergestellten archivischen Datenbanken als neue Forschungsressource und damit -potenziale besonders gut geeignet sind, die beiden häufig getrennten Bereiche von Forschung und Erschließung zu verknüpfen, indem beispielsweise die Forscher die Archivare eng bei der Auswahl und Fokussierung der ausgewählten Pläne beraten. Weitere Beispiele für die enge Kooperation von Archiv und Forschung sind die von den Forschern durchgeführten und systematisch leitfadengestützten Zeitzeugen-Interviews mit Planern und Architekten der DDR, die nicht nur eine essentielle zusätzliche Ressource für die Forschung darstellen, indem sie informelle Erkenntnisse hervorbefördern, die in Akten in dieser Klarheit kaum zu finden sind, sondern außerdem als archivierte Audio-Zeugnisse für künftige Generationen von Forschern hervorragendes Dokumentationsmaterial liefern und in vielen Fällen als erste Kontaktaufnahme später zur erfolgreichen Akquise von Planer-Vorlässen hilfreich sind. Schließlich wird im IRS durch die gezielte Vergabe von Doktor- oder Masterarbeiten mit Erschließungsbestandteilen im Rahmen der Lehre durch die angestellten Forscher oder die gezielte Beschäftigung von Praktikanten der Fachhochschule Potsdam als angehende Archivare, die im Rahmen ihres Praktikums häufig kleinere Erschließungsaufgaben bewältigen, der integrative Konnex von Forschung und Erschließung zusätzlich befördert.[34]

 

Das Beispiel des Digitalisierungsprojekts „DigiPortA“

Ein gutes Beispiel, wie ein sinnvoll zwischen Forschung und Archivbereich abgestimmtes Erschließungsprojekt operationalisiert werden kann und welche Vorteile beide Seiten von einer integrierten Vorgehensweise ziehen können, bildet das jüngste Digitalisierungsprojekt[35] „DigiPortA“ der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS, das hier mit Blick auf die Erschließungsthematik kurz umrissen wird. Es handelt sich bei diesem Vorgang um ein Großprojekt zur Erschließung von Porträtbeständen in Archiven, das als gemeinsames Vorhaben des Arbeitskreises „Archive der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz“ 2012 ins Leben gerufen wurde.[36] Unter der organisatorischen Federführung des Archivs des Deutschen Museums, München, werden insgesamt 33.000 Porträts aufgenommen und in einem innovativen Ansatz der Forschung und Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Ziel des Gesamtprojektes ist es, die diversen Porträtbestände so verschiedener Archive wie dem des Deutschen Museums in München, des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum, des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven oder eben der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS in Erkner in einer gemeinsamen Datenbank zusammenzufassen. Mit einer Konzentration auf Personenporträts aus Kunst, Wissenschaft und Technik des 19. und 20. Jahrhunderts wird das Angebot zur elektronischen Biografik deutlich erweitert. Damit soll zum einen auf die Bestände, aus denen die Porträts in den Archiven stammen, aufmerksam gemacht werden. Zudem sollen die mit den Porträts erarbeiteten Rahmeninformationen zu den dargestellten Personen in größere biographische Portale eingespeißt werden und damit ein Beitrag zur biographischen Forschung geliefert werden. Schließlich soll die neu entstehende und ab Frühjahr 2015 online geschaltete Datenbank eine Forschungsressource für die biographische und Netzwerkforschung darstellen.[37]

Die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS speisen aus ihren Beständen vor allem die Porträtfotos aus dem Bestand der Aufnahmeanträge in den Bund der Architekten (BdA)[38] der DDR in das Erschließungsprojekt ein. Der BdA bildete die zentrale Standesorganisation quasi aller Architekten und Planer, die jemals in der DDR wirkten, sodass mit diesem nur in den Wissenschaftlichen Sammlungen vorhandenen Bestand eine Datenbank entstehen wird, die einen einmaligen Überblick zu allen etwa 7.600 Architekten in der DDR bieten wird. Neben den Porträts der Architekten, denen damit als vor und nach der Wende marginalisierter Berufsgruppe gleichzeitig wieder im wörtlichen Sinn ein „Bild“ gegeben wird, erhält der Nutzer mit der neu entstehenden Datenbank dank der etwa 50 Erfassungsparameter (Name, Studium, wichtige Werke, Arbeitgeber/institutionelle Einbettung, persönliche Netzwerke usw.) umfangreiche Informationen zu den Biographien dieser wichtigen Berufsgruppe[39], die nirgendwo sonst in dieser Dichte und Fülle zu finden sind.[40]

Der Nutzen der neuen Datenbank und des Projekts insgesamt für das Archiv und die Forschung liegen auf der Hand. Neben der Schonung der teilweise fragilen Originaldokumente der Antragsformulare entsteht für die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS, seine Archivare und Mitarbeiter sowie die Nutzer dieser Spezialsammlung ein exzellentes Rechercheinstrument, das mit der Datenbank völlig neue Möglichkeiten des Ausbaus der Infotiefe zur Biographie einzelner Planer und Architekten liefert. Mit der gleichzeitig vorgenommenen Verknüpfung der biographischen Einträge mit anderen bereits digitalisierten Beständen des Archivs (Abbildungen, großformatige Pläne und Karten aus dem Vorgänger-Digitalisierungsprojekt DigiPEER usw.) und deren spätere Einspeisung in das gegenwärtig neu konzipierte Portal der Wissenschaftlichen Sammlungen werden der Forschung völlig neue Möglichkeiten der Wissensakkumulation angeboten, die nicht nur für den akademischen Bereich, sondern gerade auch für weitere Kreise der Bevölkerung oder Schüler interessant werden. Für die Forscher im Institut sowie die Nutzer des Archivs entsteht mit der DigiPortA-Datenbank eine grandiose Forschungsinfrastruktur für biographische und Netzwerkforschung zu Architekten der DDR, mit der völlig neue strategische Analysemöglichkeiten auf diesem Feld eröffnet werden. Die Entstehung des Projekts und die Ausgestaltung der Datenbank erfolgte im IRS integrativ als strategischer Eruierungsprozess mit der Suche nach dem größtmöglichen Nutzen für beide Teilbereiche von Forschung und Archiv und soll in dieser Form für die Erschließungsstrategie im Archiv in den nächsten Jahren durchaus richtungsweisend werden.

Optimierte Kommunikationsprozesse

Wie werden in der Historischen Forschungsstelle des IRS von Archivaren und Forschern Projekte dieser Art gesteuert, und auf welche Weise vollzieht sich der für den Erfolg entscheidende integrative Prozess der Kommunikation? Das wichtigste Forum für die Aushandlung und Operationalisierung gemeinsamer und aufeinander bezogener Projekte bilden die regelmäßigen gemeinsamen Abteilungssitzungen von Historischer Forschungsstelle und Archiv, in denen gegenseitige Informationen ausgetauscht und Wünsche thematisiert werden. Dabei geht es zum einen darum, dass die Wissenschaftler Forschungsthemen aufrufen, die für sie selbst oder auch von außen auf der kurz- oder mittelfristigen Agenda stehen und für die sie sich Hinweise auf Bestände im Archiv erhoffen, die dann durch die Archivare (intensiver) erschlossen werden. Auf der anderen Seite werden wichtige Neuakquisitionen von Materialien oder bestehende hinsichtlich ihrer Potenziale für die Forschung aufgerufen und miteinander diskutiert. Aber auch andere Formen der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern und Archivaren vollziehen sich im Arbeitsalltag von Archiv und Forschungsstelle. Dazu gehört in erster Linie die intensive Beratung externer Wissenschaftler bei ihren Besuchen in den Wissenschaftlichen Sammlungen[41], die zum einen durch die Archivare mit Hinweis auf vorhandene gedruckte oder elektronische Findhilfsmittel, zum anderen aber auch durch punktuell hinzugezogene Wissenschaftler geleistet wird, die mit den Archivbesuchern kommunizieren. Dabei wird beraten, welche Bestände für die wissenschaftlichen Vorhaben der Nutzer von Interesse sein könnten, wobei die Forscher gleichzeitig wichtige Auskünfte über den Forschungsstand in ihren Spezialgebieten akzentuieren können, um dabei häufig selbst von den Informationen der externen Forscher zu profitieren und Netzwerkpflege zu betreiben.

Ein zweiter wichtiger Bereich der intensiven Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Archivaren und den Forschern bildet die systematische und gemeinsame Durchführung großer integrativer Gesamtprojekte. Als Beispiel sei die Ausstellung und Buchveröffentlichung zu Leben und Werk des für die DDR wichtigen Architekten Wilfried Stallknecht vorgestellt. Über den Architekten, der unter anderem wesentlich bei der Grundlagenentwicklung der beiden Plattenbauserien P2 und WBS 70 verantwortlich zeichnete, wurde zunächst in Kooperation mit der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus eine Ausstellung zu Leben und Werk erarbeitet, die wesentlich von Studenten und unter Anleitung eines Wissenschaftlers der Historischen Forschungsstelle und der BTU Cottbus konzipiert und gestaltet wurde. Die Ausstellung, die an verschiedenen Orten in Brandenburg und Berlin gezeigt wurde, erreichte eine große öffentliche Resonanz und war der Anlass, dass das Vorlassmaterial des im Alter von 87 Jahren in Berlin lebenden Architekten in die Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS gelangte.[42] Die persönlichen Dokumente des Architekten wurden in enger Kooperation von Archivaren und Wissenschaftlern erschlossen und verzeichnet und bildeten die unabdingbare Grundlage für die erfolgreiche Ausstellung und den Grundstock für eine Publikation, die als Abschluss des Gesamtprojekts erschien.[43] Dieses Beispiel für die funktionierende enge Kooperation und Kommunikation zwischen Archiv und Forschung an diesem für beide Seiten förderlichen Projekt soll im kommenden Jahr für ein weiteres Vorhaben zu Leben und Werk des bedeutenden deutsch-deutschen Architekten Egon Hartmann (1919-2009) erarbeitet werden, der, nachdem er den Wettbewerb um die Ost-Berliner Stalinallee gewonnen hatte, nach seiner Übersiedlung nach West-Deutschland wesentlich am Wiederaufbau von Mainz und am Ausbau von München beteiligt war.[44]

Auch wenn dank der günstigen institutionellen Rahmenbedingungen unter einem gemeinsamen Dach die Kommunikation und Kooperation zwischen den Bereichen Archiv und Forschung im IRS offensichtlich funktioniert, gibt es selbstverständlich auch hier noch weitere Verbesserungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten. Die Kommunikation zwischen Archivaren und Historikern soll weiter fokussiert und gezielt intensiviert werden und künftig möglichst auf die Forscher- und Archiv-Community auf dem Feld der Bau- und Planungsgeschichte ausgeweitet werden, denn eine noch weiter systematisch entwickelte und innovative Strategie einer engeren Verknüpfung von geschichtswissenschaftlicher Forschung und Archiverschließung stellt weiter ein dringendes Desiderat dar. Schritte in diese Richtung könnten durch umfassendere Portallösungen, durch dauerhaftere Vernetzungen beider Bereiche auf Webseiten sowie eine generell stärkere Interaktion zwischen den Nutzern und den Archiven durch Wiki- und Blog-Funktionen auf den Webseiten der Archive mit Hilfe von Web 2.0-Konstruktionen oder auch durch innovative Newsletter erreicht werden.[45] Selbstverständlich helfen Tagungen wie diejenige in Weimar, die sich dem Thema widmen und die hier in diesem Band dokumentiert ist, die Verknüpfung von archivischer Erschließung und geschichtswissenschaftlichen Forschungsinteressen weiter zu intensivieren.

Perspektive Forschungsarchiv

Archive und Wissenschaftliche Sammlungen sollten sich der steigenden strategischen Bedeutung ihrer Institutionen als identitätsstiftende Wissensspeicher der Vergangenheit und Forschungsinfrastrukturen stärker bewusst sein und die Konsequenzen daraus ziehen und zu einer Neudefinition der Qualitätskriterien für ein modernes Archiv gelangen.[46] Die Potenziale sind in diesem Feld für Archive noch lange nicht ausgeschöpft, darauf hat der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen 2011 noch einmal deutlich hingewiesen.[47] Bis heute sind Forschung und Archiverschließung insgesamt noch immer zu stark durch divergierende Eigenlogiken, Methoden und Ziele getrennt. Insbesondere die Debatte über das Verhältnis von historischer Forschung und Überlieferungsbildung wird tendenziell immer noch zu sehr von Vertretern der großen Archive dominiert, sodass diese Debatte stärker durch eine systematische Einbeziehung von Fachwissenschaftlern und insbesondere Historikern zu einem stärker integrierten und reflexiven forschungs- und archivstrategischen Dialog erweitert werden sollte. Der Ausbau von Archiven zu Forschungsarchiven analog zum bereits weiter entwickelten Vorbild der Forschungsmuseen[48] mit angestellten Historikern oder Archivaren, die ein Mandat und die ressourcenmäßige Ausstattung erhalten, selbst zu forschen, könnte für bestimmte Bereiche ein Königsweg sein, die noch nicht ausgeschöpften Potenziale in diesem wichtigen Zukunftsbereich unserer Informationsgesellschaft zu aktivieren.

[1] Mikuláš Čtvrtnik, Geistesgeschichte und neue archivische Bewertungstheorien. Beispiel eines möglichen Dialogs der Geschichtswissenschaft und des Archivvwesens, in: Archiv für Kulturgeschichte 95 (2013) 1, S. 1-18; Robert Kretzschmar (Red.), Archive und Forschung. Referate des 73. Deutschen Archivtags 2002 in Trier (Der Archivar, Beibd. 8), Siegburg 2003.

[2] Robert Kretzschmar, Archive als Dienstleister, Partner und Teil der Wissenschaft, in: Historisch-Politische Mitteilungen 16 (2009), S. 233-246, hier S. 237.

[3] Zum ISA und der Genese des IRS s. Christoph Bernhardt (Hg.), Die Wissenschaftlichen Sammlungen des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR

(Reihe: Quellen, Findbücher und Inventare des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 25), Frankfurt am Main u.a. 2012, v.a. S. 13-19 sowie auf der Website der Wissenschaftlichen Sammlungen unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/ [Stand: 15.08.2014, gilt ebenfalls für alle nachfolgenden Hinweise auf Internetseiten].

[4] Vgl. dazu nähere Erläuterungen auf der Homepage des IRS www.irs-net.de/profil/index.php sowie http://www.irs-net.de/download/profil/IRS-Flyer-2014_web.pdf.

[5] Zur Leibniz-Gemeinschaft s. die Website der Forschungsgemeinschaft www.leibniz-gemeinschaft.de.

[6] Das Forschungsprogramm auf der Website des Instituts www.irs-net.de/download/forschung/IRSFP1214.pdf; das nächste Forschungsprogramm wird wegen der bevorstehenden Evaluierung des Instituts, die alle sieben Jahre durchgeführt wird, ausnahmsweise für vier Jahre (2015-2018) festgelegt.

[7] So bewegt sich das Archiv ständig im Rahmen der Anforderungen einer Forschungsabteilung, die ihr Profil in erster Linie entlang von Forschungslogiken und Publikationsergebnissen messen muss, während die geschichtswissenschaftlich orientierte Forschungsabteilung sich innerhalb eines raumwissenschaftlich forschenden Instituts befindet, das eher soziologisch und politikwissenschaftlich orientiert ist. Allerdings profitieren beide Gruppen auch jeweils von den interdisziplinären Befruchtungen der Kollegen aus den Nachbardisziplinen.

[8] Zu den wichtigsten gehören Gerhard Mahnken (Red.), “Reise nach Moskau”. Quellenedition zur neueren Planungsgeschichte. Dokumente zur Erklärung von Motiven, Entscheidungsstrukturen und Umsetzungskonflikten für den ersten städtebaulichen Paradigmenwechsel in der DDR und zum Umfeld des “Aufbaugesetzes” von 1950, hg. v. Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (Regio doc: Dokumentenreihe des IRS 1), Berlin 1995 sowie Holger Barth/Thomas Topfstedt (Hg.), Vom Baukünstler zum Komplexprojektanten. Architekten in der DDR. Dokumentation eines IRS-Sammlungsbestandes biographischer Daten (Regio doc: Dokumentenreihe des IRS 3), Erkner 2000.

[9] Von dieser Tagungsreihe wurden inzwischen 13 Gespräche durchgeführt, die sich durch das besondere Format auszeichnen, dass hier nicht nur etablierte und junge Forscher zum Thema „Planungsgeschichte der DDR“ referieren, sondern auch die Planer und Architekten aus der DDR als Zeitzeugen und Mitdiskutanten dabei sind. Dies sorgt für eine rege Diskussionskultur und bietet Forschern (Interviews) und Archivaren (Vorlässe) exzellente Möglichkeiten der Kontaktaufnahme und Vernetzung. Die Werkstattgespräche wurden zumeist veröffentlicht, zuletzt Harald Engler/Ute Hasenöhrl/Andreas Butter (Hg.), Themenschwerpunkt Bau- und Planungsgeschichte, in: Deutschland-Archiv 4 (2012), S. 635-726. Eine Übersicht über die Veranstaltungsbereiche bietet die Website www.irs-net.de/aktuelles/veranstaltungen/index.php?datum=alt&typ=Werkstattgespr%C3%A4che.

[10] Mehr Informationen dazu unter www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/index.php.

[11] Der entsprechende Abschnitt zur Historischen Forschungsstelle und den Wissenschaftlichen Sammlungen im Forschungsprogramm 2012-2014 unter www.irs-net.de/download/forschung/IRSFP1214.pdf, S. 77-90.

[12] Das Leitprojekt „Freiraumgestaltung als Urbanisierungsstrategie zwischen Herrschaft und Öffentlichkeit im deutsch-deutschen Vergleich“ wird näher vorgestellt auf der Website www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/leitprojekt.php.

[13] Näheres zu diesem Projekt auf der Webseite http://www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/DDR-Bezirke/index.php.

[14] Zu den biographischen Forschungen vgl. v.a. die Websites www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/projekte.php sowie www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/biografische-ausstellungen.php.

[15] Dieser Schwerpunkt ist dokumentiert auf www.irs-net.de/download/aktuelles/RG29_Engler.pdf sowie Harald Engler, Women Architects between Emancipation and Professional Obstinacy, in: Michela Rosso (Ed.),

Invastigating and Writing Architectural History. Subjects, Methodologies and Frontiers. Papers from the Third EAHN International Meeting, EHN Torino 2014, S. 835-845 auf der Website www.eahn2014.polito.it/EAHN2014proceedings.pdf.

[16] Weitere Informationen zu den früheren Digitalisierungsprojekten der Wissenschaftlichen Sammlungen finden sich auf der Website www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/DigiPEER/index.php.

[17] Insgesamt zu den Wissenschaftlichen Sammlungen s. Harald Engler, Wissenschaftliche Sammlungen des IRS zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR, in: Heinz Peter Brogiato/Klaus-Peter Kiedel (Hg.), Forschen – Reisen – Entdecken. Lebenswelten in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft, Halle (Saale) 2011, S. 165; Alexander Obeth, Die Wissenschaftlichen Sammlungen des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) – Bau- und Planungsgeschichte in den neuen Bundesländern, in: Michael Farrenkopf (Bearb.), Vom Entwurf zum Depositum. Über den wissenschaftlichen Umgang mit dem zeichnerischen Nachlass der Industrie, Bochum 2007, S. 26-42.

[18] Siehe dazu den Bestand A12 „Dokumentation zu städtebaulichen Wettbewerben“ in der Online-Beständeübersicht unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm.

[19] Siehe dazu den Bestand A5 „Abteilung Wohngebiete und Neubaugebiete/Begutachtung von Bebauungskonzeptionen“ in der Online-Beständeübersicht unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm.

[20] Siehe dazu den Bestand A4 „Abteilung Generalbebauungsplanung“ in der Online-Beständeübersicht unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm.

[21] Der Bestand des ISA in der Bestandsgruppe A „Institut für Städtebau und Architektur (ISA)“ in der Online-Beständeübersicht www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm sowie in der gedruckten Fassung bei Bernhardt, Die Wissenschaftlichen Sammlungen, wie Anm. 3, S. 19-33.

[22] Zu den illustren Vor- und Nachlässen der Wissenschaftlichen Sammlungen des IRS gehören Bestände von so wichtigen Planern und Architekten wie Bruno Flierl, Egon Hartmann, Max Berg, Wolfgang Urbanski u.a. Siehe dazu die Bestandsgruppe C „Nachlässe und Persönliche Bestände“ unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm.

[23] Bestand B „Bund der Architekten (BdA) der DDR“ unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm. Zum DigiPortA-Projekt s. Anm. 36 u. 37.

[24] Das Bildarchiv als Gruppe D unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm.

[25] Das Projekt DigiPEER auf den Webseiten des IRS www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/DigiPEER/index.php sowie zum Gesamtprojekt www.digipeer.de. Vgl. auch den Beitrag des Projektbearbeiters Andreas Butter, Potentiale der planungsgeschichtlichen Quellenbestände im IRS Erkner für die raumbezogene Forschung, in: www.digipeer.de/index.php?static=34.

[26] Die Bestände D_2 und C_12 in der Beständeübersicht www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Bestand/index.htm. Dazu auch Harald Engler, Die “Landschaftsdiagnose”. Politikum der frühen DDR, in: Brogiato/Kiedel, Forschen, wie Anm. 17, S. 114 f.

[27] Zur Bibliothek des IRS s. die Website www.irs-net.de/profil/bibliothek/index.php.

[28] Gerhard Fouquet, Was erwartet die Stadtgeschichtsforschung von den Archiven?, in: Kretzschmar, Archive und Forschung, wie Anm. 1, S. 327-345.

[29] Stephanie Oertel, Tagungsbericht „Digitalisierung im Archiv – Neue Wege der Bereitstellung des Archivguts“. 18. Archivwissenschaftliches Kolloquium, 26.11.2013-27.11.2013, Marburg, in: H-Soz-u-Kult, 13.02.2014, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5228.

[30] Vielleicht könnten auch Wiki-Funktionen oder ähnliche Infosysteme auf Archiv-Websites mit der Weiterleitung von potenziellem Erschließungsmaterial in Archiven an die Forscher hilfreich sein und als Kommunikationsinstrument ausgebaut werden; s. Gert Kollmer-von Oheimb-Loup, Archivare und Wissenschaft. Zum Wirken von Archivaren in Wissenschaft und Lehre, in: Robert Kretzschmar (Hg.), Staatliche Archive als landeskundliche Kompetenzzentren in Geschichte und Gegenwart. Zum 65. Geburtstag von Volker Rödel, Stuttgart 2010, S. 199-216.

[31] Kretzschmar, Dienstleister, wie Anm. 2, S. 233-237; Ulrich Hussong, Historische Forschung als Aufgabe von Kommunalarchiven, in: Kretzschmar, Archive und Forschung, wie Anm. 1, S. 143-149; Wolfgang Ribbe, Der Archivar als Historiker, in: Klaus Dettmer (Hg.), “Es wächst zusammen, was zusammengehört”. Beiträge zum wissenschaftlichen Kolloquium zu Ehren von Jürgen Wetzel am 25. November 2003 im Landesarchiv Berlin, Berlin 2004, S. 155-164.

[32] Vgl. die Dokumentation der Werkstattgespräche auf der Seite www.irs-net.de/aktuelles/veranstaltungen/index.php?datum=alt&typ=Werkstattgespr%C3%A4che.

[33] Vgl. Anm. 25.

[34] Zahlreiche Forscher der Historischen Forschungsstelle engagieren sich aktiv in der Lehre an der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam sowie der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus.

[35] Zum Wert von digitalen Informationssystemen für Archive s. Volker Schockenhoff, Useless Information? Archivwissenschaft und ihre Perspektiven in der Informationsgesellschaft, in: Kretzschmar, Archive und Forschung, wie Anm. 1, S. 105-114; Ulrich Nieß, Findmittel multimedial. Eine Antwort der Archive auf die Internetgeneration?, in: ebd., S. 247-257; Manfred Thaller, “Wie ist es eigentlich gewesen, wenn das Gedächtnis virtuell wird?” Die historischen Fächer und die digitalen Informationssysteme, in: Rainer Hering (Hg.), Forschung in der digitalen Welt. Sicherung, Erschließung und Aufbereitung von Wissensbeständen. Tagung des Staatsarchivs Hamburg und des Zentrums “Geisteswissenschaften in der digitalen Welt” an der Universität Hamburg am 10. und 11. April 2006 (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg 20), Hamburg 2006, S. 13-28.

[36] Zum Arbeitskreis der Archive der Leibniz-Gemeinschaft s. www.leibniz-gemeinschaft.de/ueber-uns/organisation/arbeitskreise/arbeitskreis-archive/; die Mitgliedsarchive sind aufgelistet unter www.leibniz-gemeinschaft.de/infrastrukturen/archive/; ausführliche Informationen zu den einzelnen Archiven bietet die Broschüre Michael Farrenkopf (Red.), Arbeitskreis Archive der Leibniz-Gemeinschaft. Mitglieder, Bestände, Aufgaben, Berlin 2009, die auch im Netz verfügbar ist www.leibniz-gemeinschaft.de/fileadmin/user_upload/downloads/Infrastruktur/Broschuere_WGL_AK_Archive_09-01-10.pdf.

[37] Zur Zielstellung und Gesamtstruktur des Projekts s. die Website beim Deutschen Museum in München www.deutsches-museum.de/archiv/projekte/digiporta/; Fabienne Huguenin, Projekt: Digitalisierung und Erschließung von Porträtbeständen in Archiven der Leibniz-Gemeinschaft (“DigiPortA”), in: H-Soz-u-Kult, 21.03.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/projekte/id=445.

[38] Zum BdA s. Harald Engler, Das institutionelle System des DDR-Bauwesens und die Reformdebatte um den Städtebau in den 1980er-Jahren. Ein Problemaufriss, in: Christoph Bernhardt/Thomas Flierl/Max Welch Guerra (Hg.), Städtebau-Debatten in der DDR. Verborgene Reformdiskurse, Berlin 2012, S. 71-104, hier v.a. S. 81.

[39] Vgl. zu diesem Thema insgesamt sowie zur Wiederentdeckung eines Architekten Harald Engler, Wilfried Stallknecht und das industrielle Bauen. Ein Architektenleben in der DDR, Berlin 2014, v.a. S. 11-13 u. S. 89.

[40] Zum Projekt DigiPortA der Wissenschaftlichen Sammlungen s. die Website www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/digiporta/index.php.

[41] Inge Wolf, Bauhistorische Sammlungen und ihre Nutzer. Möglichkeiten und Grenzen der inhaltlichen Erschließung. Erfahrungsbericht aus dem Archiv des Deutschen Architekturmuseums, in: Jan Richarz (Hg.), Architektur im Archiv. Der archivische Umgang mit Überlieferungen aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Ingenieurwesen. Tagung am 11. und 12. September 2007 in der Abtei Brauweiler, Köln 2010. S. 45-54.

[42] Vgl. dazu das Findbuch zum Bestand C_22 Vorlass Wilfried Stallknecht auf der Website www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Stallknecht/index.htm.

[43] Engler, Stallknecht, wie Anm. 39 sowie auf der Website des Verlags www.lukasverlag.com/in-vorbereitung/titel/367-wilfried-stallknecht-und-das-industrielle-bauen.html.

[44] Der Nachlass von Egon Hartmann konnte 2010 nach Erkner gebracht werden; s. dazu das online gestellte Findbuch von Anja Pienkny mit weiteren Hinweisen und Informationen über den Bestand unter www.irs-net.de/profil/wissenschaftliche-sammlungen/Onlinefindbuecher/Hartmann/index.htm.

[45] Mario Glauert, Archiv 2.0. Vom Aufbruch der Archive zu ihren Nutzern, in: Heiner Schmitt (Hg.), Archive im digitalen Zeitalter. Überlieferung, Erschließung, Präsentation (Tagungsdokumentation zum Deutschen Archivtag 14), Neustadt a. d. Aisch 2010, S. 43-54; Joachim Kemper u.a., Archivische Spätzünder? Sechs Web 2.0-Praxisberichte, in: Archivar. Zeitschrift für Archivwesen 65 (2012) 2, S. 136-143.

[46] Angelika Menne-Haritz, Archive und Archivwissenschaft in Deutschland an der Schwelle des 21. Jahrhunderts, in: Comma (2004) 3/4, S. 161-170; Dietmar Schenk, “Aufheben, was nicht vergessen werden darf”. Archive vom alten Europa bis zur digitalen Welt, Stuttgart 2013, v.a. S. 193-208.

[47] Wissenschaftsrat, Empfehlungen zu wissenschaftlichen Sammlungen als Forschungsinfrastrukturen, Berlin 2011.

[48] Vgl. hierzu die Website der Leibniz-Gemeinschaft mit ihren Forschungsmuseen www.leibniz-gemeinschaft.de/institute-museen/forschungsmuseen/ sowie Claudia Hauser/Martina Loch (Red.), Museen. Forschung, die sich sehen lässt,. hg. v. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn 2012; Reinhold Leinfelder, Wie kann Wissenschaft für die Öffentlichkeit attraktiv gestaltet werden? Ein Vorgehen mit allen Sinnen am Beispiel des Museums für Naturkunde Berlin, in: Michaela Knust/Anke Hanft (Hg.), Weiterbildung im Elfenbeinturm!?, Münster 2009, S. 115-121.

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/1194

Weiterlesen

Wissenschaftliches Rundgespräch zur Archivgutdigitalisierung

Am 26. Mai waren wir bei einer wichtigen Diskussion in der Archivschule in Marburg. Vertreter der Archive und Wissenschaftler aus der Forschung diskutierten über das wichtige Thema Digitalisat, was aus der aktuellen Forschung in vielen Fächern kaum mehr wegzudenken ist.

Die scheidene Projektkoordinatorin Stephanie Oertel hat jetzt einen Bericht dazu geschrieben, der die Wünsche und Probleme beider Seiten zum Thema Digitalisierung präsentiert und zusammenbringt. Er kann als Anregung für weitere Diskussionen zu diesem Thema dienen.

Der gleiche Bericht findet sich auf: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5567&count=5340&recno=35&sort=datum&order=down

Vielen Dank an die Autorin Stephanie Oertel.

Wissenschaftliches Rundgespräch zur Archivgutdigitalisierung

Von Stepanie Oertel

ArchivschuleMAR„Wenn ich mir was wünschen dürfte. Wunsch(t)raum Archiv für NutzerInnen im digitalen Zeitalter“ lautete einer der Vortragstitel auf dem 18. Archivwissenschaftlichen Kolloquium am 26. und 27. November 2013 in Marburg: SYLVIA NECKER (damals IRS, Erkner) ging in ihm auf eine mögliche Beständepriorisierung für die Archivgutdigitalisierung, das Rechercheverhalten und die Möglichkeiten eines digitalen Archivs aus wissenschaftlicher Sicht ein. Ihre Anregungen und auch die der anderen Referenten aus der Wissenschaft, den Bibliotheken und den Museen zeigte ein Potential auf, das innerhalb des DFG-geförderten Produktivpiloten „Digitalisierung von archivalischen Quellen“ genutzt werden soll. Ziel ist es, in den zukünftigen Digitalisierungsstrategien der Archive die Sicht und die Bedürfnisse der Nutzer stärker als bisher zu berücksichtigen. Die Koordinierungsstelle des DFG-geförderten Produktivpiloten „Digitalisierung von archivalischen Quellen“ nahm das wissenschaftliche Interesse am Thema, das im Kolloquium signalisiert wurde, zum Anlass und lud Forscher verschiedener geistes-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Sparten zu einem vertieften Austausch ein. Am 26. Mai 2014 fand dazu ein wissenschaftliches Rundgespräch in der Archivschule Marburg statt. Die Wissenschaftler diskutierten gemeinsam mit den Projektpartnern des Produktivpiloten die Möglichkeiten der digitalen Bereitstellung von archivalischen Quellen. Der Austausch fand als offenes Plenum statt. Die wichtigsten Gesprächsthemen werden nachfolgend zusammenfassend dargestellt:

1. Auswahl – Priorisierung

Der enorme Archivalienumfang ist ein möglicher Grund, warum die Digitalisierung in den deutschen Archiven bislang noch nicht umfassend voran geschritten ist. Da aus wirtschaftlichen Gründen eine Totaldigitalisierung nicht möglich ist, muss aus den als archivwürdig bewerteten Beständen eine relevante Auswahl getroffen werden. CLEMENS REHM (Landesarchiv Baden-Württemberg) veranschaulichte dies am Beispiel einer Priorisierungsliste, die lediglich 7 Prozent des Archivguts des Landesarchivs Baden-Württemberg umfasst und für deren Digitalisierung eine Summe von ca. 88 Millionen Euro bereitgestellt werden muss. Grundlage der Priorisierung sind aktuelle Forschungsschwerpunkte. Sie beinhaltet vorrangig Rückgratbestände, hoch frequentierte Bestände, Bestände zu Jubiläen und diejenigen, die von Bestandserhaltungsaspekten betroffen sind. Niedrig priorisiert werden hingegen schutzfristenbehaftete Bestände, bspw. Daten von Finanzämtern, die aus rechtlichen Gründen nicht online gestellt werden dürfen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nur mit einer Veröffentlichungsmöglichkeit der Digitalisate eine DFG-Förderung möglich ist. Für schutzfristenbehaftete Bestände findet diese Finanzierungsmöglichkeit keine Anwendung.

Von Seiten der Wissenschaft wurde angeregt, die Bestände, die die Grundlagenforschung bedienen, hoch zu priorisieren und möglichst als komplette Bestände online zu stellen. Zudem sollten alle Findmittel digital recherchierbar sein. Die Digitalisate, die bei der digitisation-on-demand Methode und der Sicherungsverfilmung entstehen, sind ebenfalls für die digitale Bereitstellung zu berücksichtigen. Neben ihren eigenen Forschungsschwerpunkten empfahlen die Wissenschaftler auch die digitale Bereitstellung von vollständig unbekannten Materialien, die wiederum neue potentielle Forschungsmöglichkeiten eröffnen.

Auf die wissenschaftlichen Anregungen folgten zum Teil archivarische Bedenken. Argumentiert wurde, dass die digitalen Auftragsbestellungen (digitisation-on-demand) meist nur wenige Seiten umfassen und eine Digitalisierung des vollständigen Bestandes mit Einbindung der notwendigen Kontextinformationen nicht finanziert werden kann. Zu den Kontextinformationen zählen die Bestandsinformationen im Findbuch und in der Klassifikation, sowie die Tektonik aller Bestände im jeweiligen Archiv und die Metadaten zum Digitalisat. Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass die Digitalisate, die parallel zur Schutzverfilmung entstehen, deutliche Qualitätsverluste beinhalten können.

2. Erschließung und Digitalisierung
2.1 Erschließungstiefe

Der Wunsch nach möglichst vielen digitalen Beständen mit flacher Erschließung wurde von den Forschern aus den Kreisen der Digital Humanities geäußert und als Beispiel die Protokolle der Behörden genannt. Die Archivare wiesen auf die Fehlerquellen hin, die die Umsetzung dieses Wunsches mit sich bringen würde. Werden Digitalisate nicht oder nur rudimentär erschlossen, kann deren Analyse zu Fehlinterpretation führen, da dem Benutzer die Informationen zur Rekonstruktion der ursprünglichen Zusammenhänge im Bestand fehlen. Die Interpretation des einzelnen Digitalisats kann mit dem Image und dem Dateinamen nicht ausreichend durchgeführt werden. Aus gutem Grund ist die Erschließung der Bestände mit der Darstellung der Bestands- und Behördengeschichte und der Bereitstellung weiterer Informationen eine Fachaufgabe im Archiv. Die meisten Historiker sind sich der Bedeutung der Informationsquelle bewusst. Sie sollte auch allen zukünftigen Wissenschaftlern vermittelt und in digitaler und gut ablesbarer Form bereitgestellt werden.

2.1 Normdaten

Die Normdatenerhebung und damit die Verzeichnung von normierten Begriffen ist bei der Erschließung der Bestände und ihrer digitalen Bereitstellung ein wissenschaftlicher Zusatzgewinn. Das automatische Auslesen durch den Einsatz der OCR (Optical Character Recognition) – Technologie für handschriftliche Quellen zeigt eine hohe Fehlerquelle auf. Aus diesem Grund sind hier die weiteren technischen Entwicklungen abzuwarten.

2.3 Crowdsourcing

Crowdsourcing könnte die Lücke zwischen Erschließungsansprüchen der Forschung und Erschließungsnormen der Archive verkleinern, wenn ein gegenseitiger Nutzen realisiert wird. Den Archivaren und Forschern ist das große Kooperationspotenzial mit Synergien auf beiden Seiten bewusst. Für die manuelle Anreicherung wird eine bedienerfreundliche Infrastruktur für effektives Arbeiten mit geringem Zeitaufwand angeregt. Dabei sollten Modulationen und semantische Bausteine ebenfalls berücksichtigt werden. Als Mangel wird bislang der Datenaustausch und damit die fehlenden Schnittstellen für die Einbindung der Daten in eine Forschungsumgebung und in das archivische Informationssystem gesehen. Hierfür bietet sich als technische Lösung das Daten-Harvesting zum automatischen Abgleich der Daten zwischen den Institutionen an.

3. Auffindbarkeit der Quellen (Persistent Identifier und Speicherort)

Für den Persistent Identifier empfahl PATRICK SAHLE (Universität Köln) eine „sprechende“ Signatur, die feingranular auf die einzelne Seite verweist, und die Bereitstellung der dazugehörigen technischen Metadaten. Die Umsetzung dieser Anregung beinhaltet enorme Personalkosten, die in einem Digitalisierungsprojekt nicht aufgebracht werden können, bemerkte MARTINA WIECH (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen). Hier müssen automatische und halbautomatische Verfahren etabliert und weitere Möglichkeiten gefunden werden, damit Digitalisierungsprojekte realisiert werden können. HUBERT LOCHER (Bildarchiv Foto Marburg) wies darauf hin, wie essentiell ein verlässlicher Speicherort zum Zitieren der elektronischen Quelle sei.

Mit dem digitalen Wandel in der Informationstechnologie sind gerade auch die Begrifflichkeiten zu klären. Was ist die originale Quelle? In erster Hinsicht ist es das Unikat. Ist es aus bestandserhaltenden Gründen nicht mehr lesbar, tritt an dessen Stelle die digitale Kopie mit dem Informationsgehalt. In wissenschaftlichen Arbeiten sind möglichst beide Verweise, sowohl die analogen als auch die digitalen, aufzulisten und sollten daher in der digitalen Bereitstellung ablesbar sein.

4. Verwertung der Daten

Neben manuellen Quellenauswertungen werden heute immer häufiger automatische Auswertungen von Metadaten in der Forschung eingesetzt, die einen effizienten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn versprechen. Die Aufgabe der Archivare ist dabei die Datenbereitstellung. Das in der Archivwelt etablierte Format EAD (Encoded Archival Description) sollte in seiner Funktion als Austauschformat genutzt und in Forschungsinfrastrukturen eingebunden werden.

Der hohe Aufwand, für die Nachbearbeitung der OCR-Erkennung ist in der Projektplanung für die Digitalisierung von archivalischen Quellen zu berücksichtigen. Der Anspruch ist, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geforderte Fehlergenauigkeit von 99,98 % für maschinenschriftliche und 98 % für handschriftliche Quellen zu garantieren. STEPHAN HOPPE (Institut für Kunstgeschichte München) bemerkte, dass auch ein fehlerfreies Arbeiten mit 80 %iger Genauigkeit einen Forschungsgewinn erbringt.

5. Vernetzung

Ein möglichst hoher Grad an Transparenz wurde für die Digitalisate angeregt und hierfür eine Ampelstrategie für die digitale Präsentation vorgeschlagen. Auf die Kooperation und den Austausch zwischen Bibliotheken, Museen und Archiven wurde aus wissenschaftlicher Sicht mehrfach hingewiesen. Im digitalen Zeitalter nähern sich die Merkmale der Sammlungstypen generell einander an. Der Mehrwert liegt hier in der Nachnutzung der technischen Errungenschaften und der Ausbildung gemeinsamer Standards innerhalb der Gedächtnisinstitutionen unter Einbindung der Forschung.

Fazit

Das wissenschaftliche Rundgespräch war auf beiden Seiten gewinnbringend und lädt zur Verstetigung des Austauschs ein. Deutlich wurden die verschiedenen Sichtweisen der Wissenschaftler, die zum Teil stark divergierten. Der Wunsch möglichst bald und möglichst viele Bestände online recherchieren zu können, wurde hingegen von allen Wissenschaftlern geäußert. Die Anregungen fließen in den Produktivpiloten ein und werden aktuell unter wirtschaftlichen und rechtlichen Gesichtspunkten auf ihre Umsetzbarkeit geprüft. Die spartenübergreifenden Gespräche werden weiter intensiviert. Das Protokoll zum wissenschaftlichen Rundgespräch ist auf der Projektseite der Archivschule Marburg abrufbar.[1]

Übersicht zum wissenschaftlichen Rundgespräch

Irmgard Ch. Becker (Archivschule Marburg): Begrüßung und Vorstellung des Produktivpiloten

Vorstellungsrunde der Teilnehmer

Offenes Plenum:
a)Auswahl – Priorisierung
b)Verhältnis zwischen Erschließung und Digitalisierung
-Erschließung (flach – tief / Quantität – Qualität)
-Normdaten
-Crowdsourcing – Bereitschaft der Forschung
c)Auffindbarkeit der Quellen (Persistent Identifier und Speicherort)
-Zitieren der archivalischen digitalen Quelle
d)Verwertung der Daten
-Auslesen der Metadaten / automatisierte Auswertung (Erschließungsinformationen, digitalisiertes Archivgut)
e)Vernetzung
-Metadaten und Archivalien
-Projekte

Irmgard Ch. Becker (Archivschule Marburg): Zusammenfassung und Ausblick

Anmerkung:
[1] Protokoll zum wissenschaftlichen Rundgespräch Link < archivschule.de/uploads/Forschung/Digitalisierung/Veranstaltungen/Protokoll_wissenschaftlichen_Rundgespraechs_zur_Archivgutdigitalisierung_2014-05-26.pdf> (Stand: 24.07.2014).

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/1131

Weiterlesen

Arbeit mit Genealogischen Quellen: Ein Erfahrungsbericht zur Transkription einer Abgabenliste des Stiftes Asbeck

 

Unsere kleine Sommerserie zu den genealogischen Quellen erfährt hier eine Ergänzung. Was macht man, wenn man eine  Quelle im Archiv findet? Wie geht man vor? Die Höhen und Tiefen in diesem Bereich erläutert anschaulich der Text der beiden  Studenten Richard Lüdicke und Simon Schneider, die hier bei uns im LWL-Archivamt eine solche Quelle fanden.

Von Malter, Ergänzungen und falschen Signaturen – ein Erfahrungsbericht zur Transkription einer Abgabenliste des Stiftes Asbeck (von Richard Lüdicke und Simon Schneider)

 

Coe.H_5_VorderseiteEine institutionsübergreifende Zusammenarbeit zwischen Universität und Archiv ist ein in der freien Forschungswildbahn viel zu selten zu beobachtendes Schauspiel. Studenten und Archivare findet man leider noch zu selten im gleichen Habitat. Wie kann man nun diese beiden Spezies zusammenzuführen, die Studierenden an der Expertise der Archivare teilhaben lassen und schließlich mit den handgeschriebenen Quellen in Kontakt bringen? Im Rahmen einer Transkriptionsübung mittelalterlicher Quellen bei Prof. Dr. Sita Steckel, Juniorprofessorin an der WWU Münster mit einer innigen Vorliebe für mittelalterliche Handschriften, kam ein kleines Projekt zu Stande. Es ging darum, eine Abgabenliste des Zehntes des Stiftes Asbeck (Kreis Coesfeld) aus dem späten 13. Jh. zu transkribieren. Bereit gestellt wurde besagte Liste freundlicherweise als Scann durch Dr. Antje Diener-Staeckling, Referentin im Archivamtes in Münster, das u.a. im Rahmen der Übung besucht wurde. Dieser Herausforderung stellten sich also die Studierenden Simon Schneider für die Vorderseite und Richard Lüdicke für die Rückseite der Liste. Es gelang ihnen, den Text der Quelle nahezu vollständig zu erfassen und sämtliche Abkürzungen aufzulösen, lediglich die Eigennamen der abgabenpflichtigen Höfe, einige Stellen mit Radierungen und die sehr kleinen, zwischen den Zeilen hinzugefügten Nachträge bereiteten Probleme.

Nach einer gewissen Recherche gelang es, das mittelalterliche Wirtschaftsvokabular und damit den Inhalt der Quelle zu erschließen. Besondere Probleme bereitete dabei das im klassischen Latein nicht vorhandene Wort „malcium“ für die mittelalterliche Maßeinheit „Malter“ (ca. 12 Scheffel). Als besonders wertvoll erwies sich dabei die Dissertation von Heinz Gobel von 1997: „Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes der Datenverarbeitung bei der Erschließung historischer Quellen am Beispiel der Entwicklung des Grundbesitzes und der Abgaben des Stiftes Asbeck.“ Über diesen Titel wurden die Studierenden dann aber leider auf eine bereits 1907 von Franz Darpe im sechsten Band des „Codex Traditionum Westfalicarum“ edierte Version der Quelle aufmerksam. Damit wurde eine angedachte, mögliche Veröffentlichung der Ergebnisse hinfällig.  Ein Vergleich der eigenen Arbeit mit der Edition ergab aber dennoch einige interessante Verwicklungen. Darpe hat 1907 nicht die seit der Übernahme des Stiftsarchives 1805 durch die Wild- und Rheingrafen von Salm-Horstmarsch bis heute übliche neue Signatur verwendet, sondern die alte Stiftssignatur, die noch auf dem Dokument selbst vermerkt war. Dadurch musste die Edition zunächst im Verborgenen schlummern, ehe sie, geweckt mit Hilfe der Dissertation, wieder ihre Bestimmung als aufbereitete Gebrauchsvariante der Abgabenliste erlangen konnte. Die Studierenden konnten auch feststellen, dass Darpe getreu der Umkehr des Mottos „aus den Augen, aus dem Sinn“, also, „aus dem Sinn, aus den Augen“, nur das ediert hat, das für ihn auch Sinn ergeben hat. Auch wenn er damit vieles erfasst hat, so gehen doch zahlreiche zusätzliche Informationen, besonders unterhalb des eigentlichen Haupttextes der Vorderseite, in der Edition verloren.

Diese Nachträge können einerseits zeitlich erst später hinzugekommene Zehnteinkünfte und damit sonst nicht überlieferte Einnahmequellen darstellen. Andererseits geben sie über die Veränderung der Namen der einzelnen Güter Aufschluss: So wurde beispielsweise das „alta domus“ im Kirchspiel Coesfeld später „Hosekink“ (oder ähnlich) genannt, was aus Darpes Edition nicht hervorgeht. Diese Erfahrungen verdeutlichen, dass man den Quelleneditionen besser mit einem gewissen Misstrauen begegnen sollte, ein Blick auf das Original auf jeden Fall nicht schaden kann. Momentan arbeiten viele Archive emsig wie die Bienchen an der Digitalisierung ihrer Bestände, sodass ein kurzer Abgleich mit dem Original deutlich unkomplizierter möglich ist – wenn denn die Edition zur Quelle die richtige Signatur führt.

 

 

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/1005

Weiterlesen

Genealogische Quellen in Privatarchiven Teil 2 (von Werner Frese)

AssenG597_2Manche Gutsherrschaften waren gleichzeitig Inhaber von Gerichtsherrlichkeiten oder fungierten auch als Holz- oder Markenrichter. In den Protokollen der unterherrlichen Gerichtsbarkeiten werden überwiegend zivile Streitigkeiten abgehandelt, z. B. Schuldforderungen, die sehr langlebig sein können und deshalb nicht selten eine diesbezügliche Erb- und genealogische Abfolge darstellen, die für den Genealogen höchst aufschlussreich sind, besonders, wenn es um Erbstreitigkeiten, Kindesabfindungen und Brautschatz-, Unterhaltszahlungen geht. Viel häufiger sind Fälle der Strafgerichtsbarkeit, die nicht nur sehr genau die Beteiligten in Injurienklagen und bei tätlicher Gewalt angeben, sondern auch Zeugen mit ihrem Alter und ihrer Profession und häufig genug den Verwandtschaftsverhältnissen. Hier kommen natürlich nicht nur die Eigenhörigen vor, sondern es können theoretisch alle der Gerichtsbarkeit Unterworfenen und solche, die das Gericht als Kläger angerufen haben, namentlich vorkommen. Dasselbe gilt für die Markenprotokolle, wobei die Gegenstände sich natürlich stets auf die Markennutzung beziehen.

In allen Privatarchiven finden sich zahlreiche Prozesse, die die Gutsherrschaft mit den eigenbehörigen Bauern in Forderungssachen geführt hat. Auch diese greifen meist weiter zurück und geben Blicke auch auf  Zeiten frei, die lange vor dem eigentlichen Prozessbeginn liegen, und somit frühere Verhältnisse des Hofes und der aufsitzenden Menschen beleuchten.

 

Coe K_980_002_RegisterWenn die Gutsherrschaft mit mehreren Höfen in einem Kirchspiel begütert war, lassen sich in ihrem Archiv nicht selten Rechnungen des Kirchspiels finden und sogar Kirchspielsschatzungen (Steuerlisten), deren überwiegende Menge natürlich in der landesherrlichen Verwaltung anzutreffen ist. Hatten die Adelsherrschaften auch Kirchenpatronate, finden sich natürlich in ihrem Archiv auch die Kirchenrechnungen, die besonders für das gesamte kirchliche Personal bis zur Hebamme ergiebig sind. Man darf überhaupt davon ausgehen, dass die Rechnungsregister aller Art sehr viel auskunftsfreudiger als heute sind, die genauen Umstände und Leistungen für Zahlungen angeben und natürlich namentlich deren Empfänger oder Rechtsnachfolger. Lohnenswert, wenngleich mühseliger, ist daher auch die Durchsicht der Rechnungsbelege der Kaufleute, Handwerker, Apotheker, Ärzte, Künstler

Bei geistlichen Institutionen und Stiftern, deren Überlieferung durch die Säkularisation in die Archive der Standesherren geraten sind, ist aufmerksam zu machen auf die Kapitelsprotokolle. Diese erfassen, ganz anders als zunächst ihre Bezeichnung vermuten lässt, weniger geistliche Angelegenheiten als vielmehr fast alle Geschäfte der gutsherrlichen Verwaltung des Klosterbesitzes, wie sie bereits oben dargestellt worden sind. Ergiebig sind besonders die mancherorts darin verzeichneten Vergaben der Wortstätten, aus denen sich zuweilen lückenlose Hausgeschichten und Abfolgen ihrer Bewohner erstellen lassen.

Plettenberg_1Vom Gutsarchiv ist das Familienarchiv der adligen Familien zu unterscheiden. Hier wurden insbesondere Eheberedungen, Testamente und Abfindungen der nachgeborenen Kinder aus rechtlichen Gründen aufbewahrt. Zur Durchsetzung von Erbansprüchen waren nicht selten langwierige Prozesse nötig, in denen die Abstammungsverhältnisse durch graphische Schemata dargestellt, aber auch durch Urkunden belegt wurden. Adelsfamilien, deren Söhne Domherrenstellen besetzten oder Töchter in Stiftern untergebracht wurden, besitzen nicht selten die Aufschwörungstafeln der Probanden, die ihre adlige Herkunft über vier Generationen beweisen. Seit dem 19. Jahrhundert haben einige Archivare bei Neuordnungen des Archivs sogar Personalakten gebildet, in denen von der Taufurkunde bis zu Patenten und Bestallungsurkunden sogar bedeutsame Korrespondenzen der betreffenden Personen vereinigt liegen.

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/734

Weiterlesen

Genealogische Quellen in Privatarchiven Teil 1 (von Werner Frese)


AssenG1983_5

Welche Quellenarten finden sich in den frühneuzeitlichen Adelsarchiven, aus welchen Quellen lassen sich welche Informationen für die eigen Forschung ziehen? Diese und anderen Fragen erklärt Dr. Werner Frese in unserer kleinen Reihe zum Thema “Genealogische Quellen in Privatarchiven”.

Genealogische Quellen in Privatarchiven, Teil 1 (von Werner Frese)

Zu den wesentlichen Grundlagen einer Gutsherrschaft gehören die Lagerbücher oder Urbare, die ihren Besitz an Höfen, Liegenschaften und Gerechtsame aller Art erfassen, sowie die Protokollbücher über die ihr eigenbehörigen Menschen. Diese letzteren verzeichnen, wann und zu welchen Bedingungen die hofsitzenden Eheleute, das Bauerngut angetreten oder gewonnen haben, wann sie verstorben sind und was anlässlich ihres Todes an Sterbfallgeld fällig wurde. Der Abgang der eigenbehörigen Kinder geschah durch Freilassung oder Tausch bzw. Wechsel gegen eine eigenbehörige Person einer anderen Gutsherrschaft. Diese mehr personalbezogenen Informationen finden sich in den Protokollbüchern über Gewinn, Versterb, Wechsel und Freilassung. Über diese Vorgänge wurden natürlich auch Ausfertigungen (Urkunden) erstellt: die Pacht- oder Gewinnbrief, der Wechsel- bzw. Freibrief. Die freigelassene Person, wenn sie sich nicht in eine Stadt begab, besaß den Freibrief meist nur kurze Zeit, weil sie in der Regel ihr Unterkommen bei einer anderen Gutsherrschaft suchte und zeichenhaft für die erneute Annahme der Eigenbehörigkeit den Freibrief der neuen Herrschaft aushändigte. In manchen Privatarchiven liegen heute ansehnliche Sammlungen von Freibriefen, die zuweilen auf der Rückseite vermelden, auf welchem Hof die soeben noch frei gewesene Person sich niedergelassen und verheiratetet hat. Gelegentlich gibt es auch Bücher, in denen die Kinder der eigenbehörigen Familien registriert wurden, um ihren Verbleib festzuhalten und evtl. Ansprüche gegen sie geltend machen zu können.

 

Lagerbuch ,Haus Assen

Lagerbücher sind oft prächtig in Leder gebunden.

Lagerbücher beschreiben den Besitz und die aufsitzenden Leute meist punktuell. Ihre Fortschreibung erfolgte in unregelmäßigen Abständen, in den sogenannten Hofsprachen, die wiederum die hofsitzenden Leute, häufig genug auch den Verbleib der Kinder festhalten, insbesondere dann, wenn sie sich nicht freigekauft hatten.

 

 

Die unregelmäßigen oder ungewissen Einkünfte, die der Gutsherrschaft aus Gewinn, Versterb und Freilassung zukamen, finden sich in den Jahresrechnungen häufig unter der Rubrik ungewisse Gefälle.

AssenG2791_1

Das Lagerbuchverzeichnis beginnt oft mit einem Gebet oder ähnlichem.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gegenüber diesen, die einzelnen Eigenbehörigen systematisch erfassenden Quellen ist das übrige Renteischriftgut für den Genealogen sekundär, sogar die Hofesakte, deren eigentlicher Zweck die Information über den Zustand der Hofstelle ist, z. B. Markenberechtigungen, Landtausch, Grenzen, Holzbestand des Hofes, baulicher Zustand, Verschuldung etc. Trotzdem übermitteln diese Akten noch zahlreiche „Personalia“ und geben vor allem das Kolorit für die Lebensumstände der Bauern ab, bedingt durch Natur- und Kriegsereignisse, Krankheiten bei Mensch und Vieh, Brautschatzabfindungen, Kapitalaufnahmen.

Hofesakten

Hofesakten können umfagreich oder dünn sein. Sie enthalten alle Dokumente, die ein Eigentümer über einen Hof vorliegen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Pachtregister und Register über Dienstleistungen jeglicher Art, z. B. Spann-, Botendienste, Heu- und Mäh- und Jagddienste weisen zwar die Personen nach, aber nicht als individuelle Personen, sondern nur als den zur Prästation verpflichteten Hofinhaber. Daher erscheint er fast immer ohne seinen Vornamen und ist genealogisch nicht sicher zu verorten.

Pachtregister

Ein übliches Pachtregister

Manche Gutsherrschaften waren gleichzeitig Inhaber von Gerichtsherrlichkeiten oder fungierten auch als Holz- oder Markenrichter. In den Protokollen der unterherrlichen Gerichtsbarkeiten werden überwiegend zivile Streitigkeiten abgehandelt, z. B. Schuldforderungen, die sehr langlebig sein können und deshalb nicht selten eine diesbezügliche Erb- und genealogische Abfolge darstellen, die für den Genealogen höchst aufschlussreich sind, besonders, wenn es um Erbstreitigkeiten, Kindesabfindungen und Brautschatz-, Unterhaltszahlungen geht. Viel häufiger sind Fälle der Strafgerichtsbarkeit, die nicht nur sehr genau die Beteiligten in Injurienklagen und bei tätlicher Gewalt angeben, sondern auch Zeugen mit ihrem Alter und ihrer Profession und häufig genug den Verwandtschaftsverhältnissen. Hier kommen natürlich nicht nur die Eigenhörigen vor, sondern es können theoretisch alle der Gerichtsbarkeit Unterworfenen und solche, die das Gericht als Kläger angerufen haben, namentlich vorkommen. Dasselbe gilt für die Markenprotokolle, wobei die Gegenstände sich natürlich stets auf die Markennutzung beziehen.

In allen Privatarchiven finden sich zahlreiche Prozesse, die die Gutsherrschaft mit den eigenbehörigen Bauern in Forderungssachen geführt hat. Auch diese greifen meist weiter zurück und geben Blicke auch auf  Zeiten frei, die lange vor dem eigentlichen Prozessbeginn liegen, und somit frühere Verhältnisse des Hofes und der aufsitzenden Menschen beleuchten.

 

Wenn die Gutsherrschaft mit mehreren Höfen in einem Kirchspiel begütert war, lassen sich in ihrem Archiv nicht selten Rechnungen des Kirchspiels finden und sogar Kirchspielsschatzungen (Steuerlisten), deren überwiegende Menge natürlich in der landesherrlichen Verwaltung anzutreffen ist. Hatten die Adelsherrschaften auch Kirchenpatronate, finden sich natürlich in ihrem Archiv auch die Kirchenrechnungen, die besonders für das gesamte kirchliche Personal bis zur Hebamme ergiebig sind. Man darf überhaupt davon ausgehen, dass die Rechnungsregister aller Art sehr viel auskunftsfreudiger als heute sind, die genauen Umstände und Leistungen für Zahlungen angeben und natürlich namentlich deren Empfänger oder Rechtsnachfolger. Lohnenswert, wenngleich mühseliger, ist daher auch die Durchsicht der Rechnungsbelege der Kaufleute, Handwerker, Apotheker, Ärzte, Künstler

Bei geistlichen Institutionen und Stiftern, deren Überlieferung durch die Säkularisation in die Archive der Standesherren geraten sind, ist aufmerksam zu machen auf die Kapitelsprotokolle. Diese erfassen, ganz anders als zunächst ihre Bezeichnung vermuten lässt, weniger geistliche Angelegenheiten als vielmehr fast alle Geschäfte der gutsherrlichen Verwaltung des Klosterbesitzes, wie sie bereits oben dargestellt worden sind. Ergiebig sind besonders die mancherorts darin verzeichneten Vergaben der Wortstätten, aus denen sich zuweilen lückenlose Hausgeschichten und Abfolgen ihrer Bewohner erstellen lassen.

 Vom Gutsarchiv ist das Familienarchiv der adligen Familien zu unterscheiden. Hier wurden insbesondere Eheberedungen, Testamente und Abfindungen der nachgeborenen Kinder aus rechtlichen Gründen aufbewahrt. Zur Durchsetzung von Erbansprüchen waren nicht selten langwierige Prozesse nötig, in denen die Abstammungsverhältnisse durch graphische Schemata dargestellt, aber auch durch Urkunden belegt wurden. Adelsfamilien, deren Söhne Domherrenstellen besetzten oder Töchter in Stiftern untergebracht wurden, besitzen nicht selten die Aufschwörungstafeln der Probanden, die ihre adlige Herkunft über vier Generationen beweisen. Seit dem 19. Jahrhundert haben einige Archivare bei Neuordnungen des Archivs sogar Personalakten gebildet, in denen von der Taufurkunde bis zu Patenten und Bestallungsurkunden sogar bedeutsame Korrespondenzen der betreffenden Personen vereinigt liegen.Aufschwörungstafel Archiv Plettenberg, Essen

Quelle: http://archivamt.hypotheses.org/217

Weiterlesen