Clio Guide – jetzt auch zur jüdischen Geschichte

Gerade erschien die zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage des Clio Guides. Das Handbuch zu digitalen Ressourcen für die Geschichtswissenschaft erschien erstmals 2016 und wird von Laura Busse, Wilfried Enderle, Rüdiger Hohls, Thomas Meyer, Jens Prellwitz und Annette Schuhmann herausgegeben.

Wie es sich für eine Publikation zur digitalen Geschichtswissenschaft gehört ist sie online abrufbar. Mit der Neuauflage wird versucht, die Entwicklungen und Veränderungen der letzten zwei Jahren zu berücksichtigen, und zugleich regionale (Belgien, Luxemburg) oder thematische (Nationalsozialismus, DDR) Lücken zu schließen. Neu enthalten ist auch der Guide zur „Jüdischen Geschichte im deutschsprachigen Raum“.

Quelle: https://digigw.hypotheses.org/1857

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(Wieder-)Belebtes Wissen – Open Access am IOS

von Hans Bauer

Diskussionen aus der Bibliothekswelt finden eher selten Nachhall in der breiten Öffentlichkeit. Das Thema Open Access jedoch hat es in die überregionalen Medien geschafft: Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine, Neue Zürcher Zeitung – sie alle haben in den letzten Jahren mehrfach über Open Access berichtet und Gastkommentare veröffentlicht. Ein Blick auf die Titel der aktuellen Meldungen führen dabei zum Eindruck, eine kritische Haltung sei vorherrschend (z.B. „Offen, aber mangelhaft“, SZ vom 4.4.2017; „Wie man ein Monstrum nährt“, FAZ vom 8.3.2017; „Digitale Wissenschaftskontrolle“, FAZ vom 25.11.

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Quelle: http://ostblog.hypotheses.org/843

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Frisch gebrühter Espresso zum frisch gedruckten Buch – die Buchhandlung des 21. Jahrhunderts

Print on demand mal anders: Der französischer Verlag Presses Universitaires de France (PUF) führt seit März diesen Jahres eine ungewöhnliche Buchhandlung im Herzen des Quartier Latin in Paris: eine Buchhandlung fast ohne Bücher, gemütlich eher als Café eingerichtet. Der Clou darin ist die „Espresso Book Machine“, die Bücher in wenigen Minuten frisch druckt und bindet.

Und so funktioniert es: Man stöbert auf Tablets im Verlagsangebot von PUF. In den E-Books kann man jeweils die ersten 20 Seiten anlesen. Möchte man ein Buch als gedrucktes Buch kaufen, so bestellt man es und es wird in der Espresso Book Machine – die unbescheiden als „Gutenberg-Presse des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet wird[1], vor Ort gedruckt und gebunden. 60 Seiten pro Minute dauert der Druck. Bei 300 Seiten hat man gerade Zeit genug, einen Café hinunterzustürzen. Der Umfang für die Print on demand darf 850 Seiten jedoch nicht überschreiten.

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Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/2737

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„Die erste wahre Opera buffa“: „La buona figliuola“ (1760) von Niccolò Piccinni in der DHI-Reihe „Concentus musicus“

1760 für ihren Autor Niccolò Piccinni (1728-1800) Durchbruch in der Musikstadt Rom sollte sie sich bald als europäischer Sensationserfolg erweisen, die komische Oper „La buona figliuola“. Das Teatro delle Dame, einst von einem Conte d’Alibert nahe der Piazza di Spagna eröffnet und führend unter den zahlreichen Opernhäusern der musiktheaterbegeisterten Tiberstadt, hatte auf den Komponisten aus Bari gesetzt. Der war allerdings zuvor am renommierten Neapler Teatro San Carlo mit einer Reihe erfolgreicher Titel in Erscheinung getreten und auch schon bei den Römern mit seiner Version des metastasianischen Dauerbrenners „Alessandro nelle Indie“ 1758 am Teatro Argentina gut angekommen, so dass sich das Risiko für Domenico Mazzoni, den von den Besitzern des Teatro delle Dame verpflichteten Impresario, in Grenzen hielt. Den Stoff für seine Oper am Teatro delle Dame hatte Piccinni selbst vorgeschlagen, ein Stück des renommierten venezianischen Komödiendichters Carlo Goldoni nach einem englischen Briefroman, „Pamela or Virtue Rewarded“ (1740), dem in ganz Europa enorm erfolgreichen Erstlingswerk von Samuel Richardson. „La buona figliuola“ lag also im Trend, mehr noch: Piccinni sollte es gelingen, mit ihr einen dem literarischen ebenbürtigen Sensationserfolg auf der Musikbühne zu erzielen und der gerade durch Goldoni für die Opera buffa nutzbar gemachten Gattung des „larmoyanten“ Dramma giocoso auf Dauer die Richtung zu weisen.

Das römische Publikum spendete „La buona figliuola“ in der Nacht des 6. Februar 1760 am Teatro Alibert bzw. Teatro delle Dame frenetischen Beifall und die italienische Opera buffa der Folgezeit knüpfte in vielfältiger Weise an Piccinnis römischen Geniestreich an, an Konstellationen, Situationen, Haltungen und Gebärden, an sprachliche und gestische Nuancierungen, an die feinen Abstufungen zwischen Seria- und Buffaprofil in der Personencharakterisierung, in der rhetorischen, in der musikalischen Konturierung. Ganz ohne Zweifel modellhaft war Piccinni die Gestaltung der Protagonistin gelungen, des „mezzo carattere“ Cecchina.

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Quelle: https://musicaroma.hypotheses.org/951

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„…ein Fan-T-Shirt in Größe L…“ – das Historische Lexikon Bayerns feiert seinen zehnten Geburtstag

Das Geburtstagskind: Historisches Lexikon Bayernshttps://t.co/yYYH9OiH1a
Hashtag: #HistLexBay pic.twitter.com/SB2rIiZY1F

— Maria Rottler (@MariaRottler) June 23, 2016

10 Jahre Historisches Lexikon Bayerns: Historiker Stefan Hemler @Muenchen1968 begleitet jetzt die Jubiläumsfeier unter #HistLexBay. #Histbav

— Staatsbibliothek (@bsb_muenchen) June 23, 2016

#HistLexBay @Muenchen1968 wird bei uns im Blog einen Bericht über die heutige Veranstaltung veröffentlichen.



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Quelle: http://histbav.hypotheses.org/4816

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LMU: Publikationen der Altorientalistin Professor Karen Radner bei Open-Acess-LMU

http://epub.ub.uni-muenchen.de/view/autoren/Radner=3AKaren=3A=3A.html Radner zählt zu den führenden Experten für die Geschichte Mesopotamiens zur Zeit des neuassyrischen Reichs (9. bis 7. Jhd. v. Chr.), das als das erste Großreich der Weltgeschichte gilt.

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Quelle: http://www.einsichten-online.de/2015/07/6063/

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Das Nummerierungsweblog eröffnet seine Pforten

Mit heutigem Datum eröffnet das Nummerierungsweblog seine Pforten, das ein beabsichtigtes Forschungsprojekt – ach, möge es bewilligt werden, ihr HerrInnen des Peer Review und Rankingfiebers, ihr Götter und Göttinen der Antragsportale und Stand alone-Projekte! – zur Kulturtechnik der Nummerierung begleiten soll und in loser, zumindest wöchentlicher Abfolge Materialien dazu bereitzustellen gedenkt.
Nummerierung wird als Kulturtechnik1 verstanden, die einem Objekt oder einem Subjekt – ganz gleich ob einem Haus, einem Stadtbezirk, einem Sitzplatz, einer Buchseite, einem Sträfling oder einer Polizistin – eine Zahl vergibt, um Objekt oder Subjekt eindeutig identifizierbar zu machen; sie produziert Differenzen, macht die einzelnen Subjekte und Objekte klar kenntlich und ermöglicht es, diese leicht und schnell voneinander unterscheidbar zu machen.
Die für die Nummerierung verwendete Zahl hat dabei dieselbe Funktion wie ein Name, weswegen Heike Wiese, eine Theoretikerin der Gebrauchsweisen von Zahlen, von der „nominalen“ Zahlenzuweisung spricht, in Unterscheidung zum „kardinalen“ und „ordinalen“ Zahlengebrauch. Nach Wiese werden die „kardinalen Zahlzuweisungen“ verwendet um die Kardinalität, also die Anzahl von Elementen innerhalb einer Menge identifizieren, also etwa eine Menge von Bleistiften – zum Beispiel: vier Bleistifte – oder eine Menge von Maßeinheiten, wie zum Beispiel: Drei Liter Wein. Bei den „ordinalen Zahlzuweisungen“ identifizieren Zahlen den Rang eines Elements innerhalb einer bestimmten Sequenz: als Beispiel könnte man hier den dritten Platz eines Marathonläufers bei einem Wettbewerb anführen, wo die Zahl drei angibt, dass er als drittschnellster im Ziel eingelaufen ist. Und zuletzt gibt es die „nominalen Zahlzuweisungen“, bei denen Zahlen Objekte innerhalb einer Menge identifizieren. Zahlen werden hier als Eigennamen gebraucht, als Beispiele für solche Verwendungsweisen könnte man Hausnummern, Nummern von Bus- und Straßenbahnlinien oder Telefonnummern anführen. Zahlen können Objekten und Subjekten demnach zu drei Zwecken zugewiesen werden: Erstens zur Bestimmung der Kardinalität von Mengen, zweitens zur Bestimmung des Rangs von Objekten in einer Sequenz und drittens zur Bestimmung der Identität von Objekten in einer Menge; es gibt kardinale, ordinale und nominale Zahlzuweisungen.2 – Bei der Nummerierung handelt es sich demnach um eine nominale Zahlzuweisung, wobei allerdings festzustellen ist, dass sich manchmal diese verschiedenen Gebrauchsweisen vermischen.
Wenn auch Zahlen bei der Nummerierung die Funktion von Namen zukommt, so gibt es doch Unterschiede zwischen Zahlen und Namen; diese bestehen u.a. darin, dass erstere im Gegensatz zum Namen eindeutiger sind – es gibt nur ein beschränktes Repertoire an miteinander verwechselbaren Namen, aber ein potenziell unendliches Reservoir an Zahlen – und dass sie seltener mit Geschichten beispielsweise über eine genealogische Herkunft verbunden werden. Wird eine Zahl zur Identifizierung eingesetzt, wird sie zur Nummer.

Wer ganz besonders neugierig ist, kann – abgesehen von meinen Arbeiten zur Hausnummerierung – schon mal einen Blick in folgende Texte hineinwerfen:

Tantner, Anton: Nummerierung. Auf den Spuren einer ambivalenten Kulturtechnik, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken, Nr. 785, 2014/10, S. 939–945.
Self-Archive: http://tantner.net/Publikationen/Tantner_NummerierungalsKulturtechnik_Merkur_2014-10.pdf

Tantner, Anton: Gemalte Zahlen – von Inventarnummern und Bildbeschreibungen. Eine anfragende Miszelle für KunsthistorikerInnen, in: Frühneuzeit-Info 25.2014, S. 232–235.
Online im Frühneuzeit-Info-Weblog: http://fnzinfo.hypotheses.org/93

Tantner, Anton: Nummern für Räume: Zwischen Verbrechensbekämpfung, Aneignung und Klassenkampf – Eine Dokumentation, in: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 2012 – 2013. Hg. von Alessandro Barberi u. a. Wien: New academic press, 2014, S. 189–195.
Online: http://www.medienimpulse.at/articles/view/480

  1. Einführend zum Begriff der Kulturtechnik: Siegert, Bernhard: Kulturtechnik, in: Maye, Harun/Scholz, Leander (Hg.): Einführung in die Kulturwissenschaft. München: UTB 3176/Fink, 2011, S. 95–118; Maye, Harun: Kulturtechnik, in: Bartz, Christina u.a. (Hg.) Handbuch der Mediologie. Signaturen des Medialen. München: Fink, 2012, S. 142–148.
  2. Wiese, Heike: Sprachvermögen und Zahlbegriff. Zur Rolle der Sprache für die Entwicklung numerischer Kognition, in: Schneider, Pablo/Wedell, Moritz (Hg.): Grenzfälle. Transformationen von Bild, Schrift und Zahl. (=visual intelligence. Kulturtechniken der Sichtbarkeit; 6). Weimar: Verlag und Datenbank für Geisteswissenschaften, 2004, S. 123–145, hier 127f., 132; siehe auch Dies.: Numbers, Language, and the Human Mind. Cambridge: CUP, 2009.

Quelle: http://nummer.hypotheses.org/11

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“Geschwistermeere” – Ein Interview mit Olaf Mörke zu seiner neuen Geschichte des Nord- und Ostseeraums

Unlängst veröffentlichte Olaf Mörke, Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Christian-Albrechts-Universität Kiel, im Kohlhammer-Verlag eine Geschichte des Nord- und Ostseeraumes. Das Werk trägt einen Titel, der neugierig macht: “Die Geschwistermeere” – was steckt dahinter? Geschichtswerke zum Ostseeraum gibt es so einige, zum historischen Raum Nordsee indes gar nicht so sehr viele (allzumal aktuelle) – nun wendet sich Mörke beiden maritimen Gebieten mit einem integrierten Ansatz zu, der Interesse erregt.

Beiden historischen Räumen hat sich Olaf Mörke im Laufe seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer wieder gewidmet. Wir wollten mehr über Idee und Anliegen des Autors wissen und haben ihn zu den “Geschwistermeeren” interviewt. Die Fragen stellte Jan Hecker-Stampehl.

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Kohlhammer-Verlags

Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Kohlhammer-Verlags

NordicHistoryBlog: Herr Mörke, der Titel Ihrer Geschichte des Nord- und Ostseeraumes — „Geschwistermeere“ — hat ja eine recht emotionale Färbung. Wie kamen Sie auf den Begriff?

Olaf Mörke: Die Idee kam spontan auf dem Fahrrad in der schottischen Universitätsstadt St. Andrews. Der Titel mag emotional gefärbt sein, er hat durchaus mit meiner persönlichen Verbundenheit mit den Küstenlandschaften an Nord- und Ostsee zu tun. Schließlich lebe ich seit zwei Jahrzehnten in Kiel, habe längere Zeit in den Niederlanden und Großbritannien verbracht. Gleichwohl halte ich ihn für inhaltlich sinnvoll.

Nord- und Ostseeraum gemeinsam in den Blick zu nehmen, stand keineswegs am Anfang meiner Überlegungen. Es ging mir zunächst um ‚meine’ Region, die Cimbrische Halbinsel, und ihren Platz an der Ostsee. Je mehr ich mich eingearbeitet hatte, desto deutlicher wurden mir jedoch die materiellen und ideellen Verbindungen zwischen Nord- und Ostseeregion und vor allem die wichtige Relaisfunktion jener Gegend von der Cimbrischen Halbinsel bis zum Sund. Die Geschwistermetapher finde ich dann gar nicht mehr emotional, sondern höchst rational, wenn man einerseits die Vielfalt der Gemeinsamkeiten und die Komplexität der Beziehungen zwischen beiden Teilregionen bedenkt und wenn man andererseits aber auch sieht, dass Geschwister nun einmal eigenständige Individuen sind. Diesen Spannungsbogen zwischen Gemeinsamem und Trennendem galt es in Grundzügen zu erfassen.

NHB: Kann man mit einer integrierten Geschichte zweier maritimer Räume beiden überhaupt gerecht werden? Wo lagen hier die besonderen Herausforderungen für Sie?

Mörke: Zunächst einmal lag die Herausforderung darin, meine inhaltlichen Vorstellungen mit der Umfangsvorgabe der Reihe (100.000 Wörter!) zu vereinbaren. Das erforderte die Beschränkung auf das für mein inhaltliches Konzept Wesentliche. Dabei blieben Details auf der Strecke. Leicht hätte ich den doppelten Umfang füllen können. Die Vorgabe der 100.000 Wörter wirkte indes disziplinierend, als ich mich ständig fragen musste, was ist zwingend notwendig, um mein Anliegen deutlich zu machen. Dieses Anliegen hatte sich seit der Ursprungsidee in der Auseinandersetzung zwischen den systematisierenden Grundannahmen und den historischen Befunden ständig fortentwickelt. Der Zusammenhang von Schreiben und Denken ist mir dabei einmal mehr sinnfällig geworden.

Das wird meines Erachtens deutlich bei den langfristig wirkenden Identitätsmustern, die neben anderen den Raum der Geschwistermeere sowohl inkludierend als auch exkludierend konturierten und konturieren. Die Herausbildung von Nördlichkeitskonzepten in Selbst- und Fremdwahrnehmung von der Antike bis heute als etwas, was neben anderen Faktoren der Konnektivität entscheidend in Bezug auf die Raumbildung zwischen Island und dem Finnischen Meerbusen wirksam wurde, ist mir in ihrer Oszillation zwischen Überlegenheits- und Freiheitsideen so recht erst während des Schreibens deutlich geworden. Ebenfalls jene eng damit zusammenhängende kulturelle Trennungslinie, die in den jeweiligen Wahrnehmungsmustern von Klaudios Ptolemaios bis in die Gegenwart mit wechselnder Ost-West-Verschiebung durch den Ostseeraum lief und läuft.

NHB: Vor einigen Jahren wurde versucht, den Begriff der Thalassokratie zu lancieren, um eine stärkere geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit „Seeherrschaften“ anzustoßen. Taugt das Konzept aus Ihrer Sicht für maritime Geschichtsräume?

Mörke: Als Idealtyp im Weber’schen Sinn taugt der Begriff allemal. Trotzdem habe ich ihn aus gutem Grund nicht verwendet. Meines Erachtens ist das Risiko ziemlich groß, den Begriff zu überdehnen und alle diejenigen Mächte als Thalassokratie zu markieren, die als Seefahrtsmächte in Erscheinung getreten sind. Das stiftet dann mehr Verwirrung als Klarheit. Beschränkt man sich darauf, unter einer Thalassokratie solche Herrschaftsformen zu verstehen, die „sich spezifisch auf die Beherrschung der See gründeten“, dann trifft das auf eine doch allenfalls sehr begrenzte Zahl von vorstaatlichen oder staatlichen Formationen zu. Auf die in diesem Zusammenhang hin und wieder strapazierte Hanse bestimmt nicht. Auch nicht auf Großbritannien, selbst wenn das patriotische Lied „Rule, Britannia! Britannia rule the waves“ aus dem 18. Jahrhundert so etwas suggerieren mag.

Man muss sehr genau hinschauen, um den Begriff wirklich erkenntnisträchtig fruchtbar zu machen. Das kann man! Im von mir gewählten Darstellungsformat hätte er aufgrund der auf den ersten Blick so großen Eingängigkeit für die Erklärung von allem, was mit dem Meer als „Kontaktarena“ zu tun hat, der auf den zweiten Blick jedoch meines Erachtens viel eingeschränkteren Erkenntnisreichweite diese Fruchtbarkeit nicht entfalten können.

NHB: Konstruktionen des Nordens und von Nördlichkeit, Ursprungslegenden und Geschichts- und Nationenbilder spielen für Ihre Darstellung eine wichtige Rolle — nicht zum ersten Mal in Ihrer Autorschaft. Wie äußert sich das in Ihrem Blick auf den Geschichtsraum Nord- und Ostsee?

Mörke: Das habe ich in meiner Antwort auf Ihre zweite Frage teilweise schon behandelt. Die Themenkomplexe Nördlichkeit, Geschichtsbilder etc. treiben mich in der Tat um. Ich halte die Auseinandersetzung damit im Rahmen einer europäischen, nicht nur der nordeuropäischen Transfergeschichte noch lange nicht für ausgeschöpft. Angesichts aktueller politischer Entwicklungen in den europäischen Nord-Süd- und Ost-West-Verhältnissen, in denen gerade wieder Geschichtsbilder und Abgrenzungsstereotypen mit explizitem oder implizitem Nordbezug eine fatale Wirkung entfalten, ist sie vielmehr dringend geboten. Das zeigt sich nicht nur in der Debatte um die Beziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union oder in der Diskussion um Griechenland, wo munter von allen Beteiligten mit inkludierenden und exkludierenden Geschichtserzählungen entlang der Windrose gewerkelt oder besser: gezündelt wird, die eine lange Tradition haben. Das zeigt sich auch im Alltäglichen, wenn etwa der neue Werbeslogan Schleswig-Holsteins suggeriert, man sei „der echte Norden“, wobei „Norden“ natürlich positiv besetzt ist. Spätestens, wenn man sich Schleswig-Holstein von Jütland nähert, sollte einem die Absurdität des Werbespruchs deutlich werden. Ich hoffe, dass mein Buch dazu beiträgt, einen kritischen Blick auf solche Denkmuster und ihre Wirkungsräume zu richten.

NHB: Wie sehen Sie den Stellenwert der Nord- und Ostseegeschichte in der deutschen Geschichtswissenschaft? Wollen Sie mit Ihrem Werk auch ein Signal setzen?

Mörke: Es gibt natürlich historiographische Traditionen, in denen das, was um und auf den beiden Meeren geschah, eine wesentliche Rolle spielt. Dafür stehen die Hansegeschichte und an einigen Universitäten – bei Ihnen in Berlin, hier in Kiel, in Greifswald und andernorts – die Nordeuropäische Geschichte. Das Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität ist aber meines Wissens das einzige deutsche Universitätsinstitut, das den Blick auf den Raum von Island bis Russland richtet und dabei die Disziplingrenzen zwischen Nord- und Osteuropäischer Geschichte ankratzt. Die Britischen Inseln und die Niederlande fallen dabei freilich auch aus. Meines Erachtens gehören sie aber dazu, wenn man eine integrierte Geschichte von Nord- und Ostseeraum erforschen möchte – und das nicht in einer Nebenrolle. Die integrierte Raumgeschichte von Nord- und Ostsee bindet eine Fülle von Regionalhistorien zusammen, die ich natürlich nicht gleichwertig abdecken kann. Ich habe gleichwohl versucht, die zahlreichen bereits existierenden Einzelforschungen unter den systematischen Gesichtspunkten einer Kontakt- und Transfergeschichte mit einem weit gespannten kulturhistorischen Interesse, das Wirtschafts- und Politikgeschichte einbezieht, zusammenzuführen und vielleicht die eine oder andere Forschungsperspektive anzuregen. Das Schlagwort von Einheit und Vielfalt eines Raumes wird hoffentlich an dem von mir gewählten Beispiel nachvollziehbar mit Inhalt gefüllt. Wenn das als Signal angesehen werden sollte, hätte ich bestimmt nichts dagegen.

NHB: Herr Mörke, vielen Dank für das Interview!

Quelle: http://nordichistoryblog.hypotheses.org/2885

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