Job: Junior Lecturer in Digital Humanities, Universität Lausanne (80 %, max. 5 Jahre)

Die Abteilung für Sprach- und Informationswissenschaften der Philosophischen Fakultät der Universität Lausanne (Schweiz) schreibt eine Stelle als Junior Lecturer in Digital Humanities (premier·ère assistant·e en humanités numériques) mit Schwerpunkt auf Geschichte und Theorie der DH aus.

Es handelt sich um eine 80%-Postdoc-Stelle für maximal 5 Jahre, beginnend am 1. August 2021. Die offizielle Stellenausschreibung (auf Französisch) und den Link zur Bewerbung finden Sie unter:

https://news.unil.ch/display/1616676674816

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Prof. Dr.

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Quelle: https://dhd-blog.org/?p=15570

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Mal wieder und immer noch: Digitized vs. Digital

NeDiMAH, das „Network for Digital Methods in the Arts and Humanities“ enthält unter anderen eine Arbeitsgruppe zu „Scholarly Digital Editions“. Die erste Veranstaltung (ein „Expert Meeting and Workshop“) zu diesem Themenkomplex hatte laut Call einen Schwerpunkt in der definitorischen Grundfrage: Was ist eigentlich eine „digitale Edition“?

Nachdem ich mich mit dieser Frage nun auch schon seit 15 Jahren beschäftige, sie in meiner Dissertation einigermaßen länglich ausgewalzt habe und meine eigene Definition Grundlage meines Katalogs digitaler Editionen ist, war ich froh, sie nun auch einmal im Expertenkreis zur Diskussion stellen zu können.

Die Präsentation zum Vortrag findet man als und bei prezi, ich fasse sie hier nicht noch einmal zusammen. Nur ein Punkt, der eigentlich ein Nebenaspekt ist, soll hier aufgegriffen werden, weil ich mich frage, ob diese Diskussion nicht auch in anderen Bereichen der Digital Humanities produktiv geführt wird oder werden kann  und insofern keine Digitale-Editionen-Spezialdiskussion ist:

Offensichtlich wird die Digitale Edition sinnvollerweise im Aufgreifen der traditionellen Editorik definiert. Und dann in Abgrenzung zu ihr. Hier entsteht aber ein Problem: wenn eine gedruckte Edition einfach digitalisiert wird, müsste man dann nicht von einer digitalen Edition sprechen? Der normale Gebrauch der deutschen Sprache legt dies zunächst nahe. Es ist geradezu schwierig, dem folgenden Satz wiedersprechen zu wollen: „Eine digitalisierte Edition ist eine digitale Edition“. Trotzdem muss es getan werden und müssen wir akademischen Klugscheißer der allgemeinen Sprachlogik wohl ein wenig Gewalt antun Widerstand leisten. Denn wie ich andernorts schon ausgeführt habe, liegt der Kern der Wandlungen in der Editorik (und den Geisteswissenschaften insgesamt?) nicht in einem Wandel der Werkzeuge und Medien – sondern in einer Bewegung hin zur Transmedialisierung. Dies führt dazu, dass die mediale Präsentation – ob im Buchdruck oder digital – nicht „wesentlich“ ist. Das wiederum bedeutet, dass eine „digitale Edition“ nicht einfach dadurch definiert ist, dass sie digital vorliegt. Das Digitale ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Es entsteht das quasi-definitorische Statement:

„Eine digitalisierte Edition ist (noch lange) keine digitale Edition.“

Dies ist das Gegenstück zu dem positiven Definitionsbaustein aus der gegensätzlichen Richtung:

„Eine digitale Edition kann nicht ohne substanzielle Verluste an Inhalten oder Funktionalitäten gedruckt werden.“


Diese Definition ist zunächst gut, weil sie die Spezifika der digitalen Edition in den Vordergrund stellt. Leider ist sie nicht besonders scharf, weil man sich lange darüber wird streiten können, was „substanziell“ ist. Der Ansatz wurde in der Diskussion dann auch an genau diesem Punkt hinterfragt: Bieten nicht schon digitalisierte Editionen einen funktionalen Mehrwert, wenn man sie z.B. per Knopfdruck durchsuchen kann? Hm, ja, offensichtlich muss es eine Schwelle geben, die überschritten werden muss, um davon reden zu können, dass es sich bei digitalen Editionen um „andere“ Editionen handelt, als die gedruckten Editionen wie wir sie kennen. Diese Schwelle brauchen wir auch deshalb, weil digitale Editionen aus digitalisierten Editionen sehr wohl „herauswachsen“ können. Viele digitale Editionen beginnen mit der Digitalisierung bereits gedruckt vorliegender Editionen. Ab einer bestimmten Ausbau- und Umbaustufe wird man sie dann aber doch als „digitale Editionen“ bezeichnen wollen. Diese Schwelle ist zunächst – wie oben angedeutet – durch Inhalte und Funktionen bestimmt. Hinter dem begrifflichen Wechsel und hinter der Beschreibung von Eigenschaften muss aber letztlich ein konzeptioneller Unterschied stehen. Die digitale Edition ist durch ein eigenes Theoriegebäude und durch eine eigene Methodik bestimmt. Sie folgt einem „digitalen Paradigma“, zu dem eben Konzepte wie Transmedialisierung, abstrakte Modellierung, Daten-Orientierung, Multitext, Prozesshaftigkeit, Transparenz, besere Zugänglichkeit oder vielleicht auch Soziabilität gehören. Wenn ich die Stimmung in der Diskussion richtig gedeutet habe, scheint das auch weitgehend unterstützt zu werden. Zum einen wurde (von, ich glaube, Roberto Rosselli del Turco) einmal mehr darauf hingewiesen, dass ja heute alle Editionen mit digitalen Werkzeugen erstellt würden, man deshalb auch von „digital born printed editions“ sprechen könne, dies aber eben auch noch lange keine digitalen Editionen ausmachen würde. Zum anderen betonte die gewohnt klarsichtige Elena Pierazzo, dass wir digitale Editionen deshalb machen, weil wir andere Gegenstände erschließen und andere Zielstellungen (z.B. in der Repräsentation der Textgenetik) verfolgen wollen. Deshalb könne es nicht darum gehen, bessere Editionen in der Tradition des Buchdrucks zu machen  – selbst dann nicht, wenn man dazu die besten digitalen Mittel einsetzen würde. Man sei schließlich an Dingen interessiert, die im Druck nicht nur nicht möglich sind, sondern in der Druckkultur noch nicht einmal denkbar waren.

Das ist eine klare, aber radikale Position, die wohl nicht von allen geteilt werden würde. Schließlich gibt es daneben auch viele, die betonen würden, dass es sehr wohl auch um die (bessere) Edition von Materalien geht, die man immer schon edieren wollte und um die dabei jetzt anzuwendenden besseren Methoden und Werkzeuge. Aus dieser Perspektive bleibt es schwierig, ein klares Kriterium zu finden, an dem sich die digitalisierte oder bloß irgendwie in digitaler Form vorliegende Edition von der „wirklich“ digitalen Edition unterscheidet.

Die terminologische Trennung scheint übrigens auch auf der internationalen Ebene zu funktionieren: Digitized is not digital. Es gibt zwar auch noch das Wort „digitalized“, aber das scheint (wenn es nicht nur ein furchtbarer Germanismus oder ein einfaches Synonym zu „digitized“ ist) etwas (und zwar verschiedenes) Anderes zu bedeuten.  Nämlich u.a. eine allgemeinere Durchdringung von Wissenschaft und Welt durch die Prinzipien des Digitalen und nicht so sehr das Digital-Werden von bestimmten „Dingen“ oder Informationen. Zuletzt ist „digitalized“ auch in den Digital Humanities auf einem Buchtitel aufgetaucht, nicht aber in dem betreffenden Buch selbst – so dass auch hier weiterhin unklar bleibt, was es denn genau für unseren Fragenkreis bedeuten und beitragen könnte.

Was das Phänomen „eine digitalisierte Edition ist keine digitale Edition“ in seiner sprachlogischen Problematik betrifft, so hätte ich gerne Analogien aus bisherigen Wortentwicklungen. Es müsste so etwas sein wie „ein befreiter Mensch ist kein freier Mensch“ (nur mit mehr Sinn!). Hat jemand ein besseres Beispiel?

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=1122

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