Zum Tod von Stuart Hall (1932-2014)

Stuart Hall (1932-2014), Quelle: Wikimedia Commons

Gestern starb Stuart Hall, Medienwissenschaftler, postkolonialer Kulturkritiker, Historiker und Anti-Rassismus-Aktivist im Alter von 82 Jahren. Der Guardian veröffentlichte einen ausführlichen Nachruf plus einer Reihe von älteren Beiträgen und Interviews.

Neben einer Liste seiner Werke finden sich auf der englischen Wikipedia Links zu Interviews und Videomitschnitten seiner Vorlesungen.


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Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2014/02/11/zum-tod-von-stuart-hall-1932-2014/

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Zentrale Texte I. Jörg Rogge: “Nur verkaufte Töchter?” (2002)

Im Jahr 2002 veröffentlichte der Mediävist Jörg Rogge einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel „Nur verkaufte Töchter?“, in dem er die Möglichkeiten für eine Sozial- und Kulturgeschichte hochadeliger Frauen auslotet. Mit seinem Titel überspitzt Rogge die Überschrift eines früheren Textes von Katherine Walsh, die noch etwas vorsichtiger formuliert hatte (s. Walsh 1991). Er bleibt aber nicht bei dieser kosmetischen Veränderung stehen, sondern führt dezidiert die Schwächen der üblichen Forschungsansätze aus. Rogge beklagt insbesondere, dass in den meisten Studien zu (hoch)adeligen Frauen die jeweilige sozialhistorische oder geschlechtergeschichtliche Perspektive nicht überschritten wird. So habe jede der beiden tonangebenden Forschungsrichtungen in der jeweils anderen ihren blinden Fleck. Die Geschlechtergeschichte vernachlässige die ständische Dimension der weiblichen Lebenswirklichkeit, während die sozialhistorisch geprägte Adelsgeschichte all zu oft die „Folgen der Geschlechterdifferenz“ (Rogge 2002:243) unterschätze.

Blinde Flecken

Rogges Überlegungen zeigen die Schwächen der Forschung auf. Dadurch, dass die Adelsforschung bisher vor allem die rechtlich-politische Dimension in den Blick genommen hat (Heiratspoltik, Ehe- und Erbverträge u.ä.), vergass man, die Frauen als Akteure wahrzunehmen, die über eigene Handlungsspielräume geboten. Deshalb, so Rogge, sei über das adelige Eheleben auch so wenig bekannt. Auf der anderen Seite ignorierte die Geschlechterforschung hochadelige Frauen lange Zeit (man war wohl .zu sehr damit beschäftigt, andere soziale Gruppen zu untersuchen). Als dieser Ansatz dann aufgegriffen wurde, untersuchte man adelige Damen vor allem „entlang der Geschlechterachse anhand von biologisch-biographischen Konstanten“ (ebd. 242), beschränkte sich also bewusst auf ganz bestimmte Lebensabschnitte und Rollen (insbesondere die Trias Tochter / Ehefrau / Witwe), was bedauerlicherweise die Aussagen über weibliche Lebensführung verzerrte. So ist etwa der Schluss, dass erst das Leben als Witwe für adelige Frauen eine emanzipierte Existenz ermöglichte, bei näherem Hinsehen unhaltbar.

Doing gender

Dann zieht Rogge die Konsequenzen aus seinem Befund und entwickelt gleichsam sein eigenes Forschungsprogramm am Beispiel der vormodernen Fürstin, das sich wie ein Leitfaden liest und deshalb von besonderem Nutzen für den Leser ist. Er tritt dabei mit dem Anspruch an die Forschung heran, die unsystematische und selektive Untersuchung prominenter Einzelpersonen zu überwinden, um systematisch und multiperspektivisch ein Quellenkorpus auszuwerten. Zentrales Moment seiner Ausführungen ist das Konzept des „doing gender“ (stark gemacht u.a. von Bea Lundt, vgl dies. 1998). Geschlecht entsteht erst in der Interaktion eines Individuums mit seiner gesellschaftlichen Umwelt. Es ist kein starrer, überzeitlicher Gegensatz, sondern ein Produkt „gesellschaftlicher Zuweisung und subjektiver Aneignung“ (Rogge 2002:242). Rogges Anspruch und sein methodisch-theoretischer Ansatz zielen darauf, die Lebenswelt einer Fürstin umfassend zu untersuchen, um die Lebensführung und Handlungsspielräume bestimmenden Faktoren zu isolieren. Damit will er der bisherige Tendenz entgegen steuern, adelige Frauen über Zwang, Unselbstständigkeit, gar Unterdrückung zu definieren.

Ein praktischer Leitfaden

Vier Perspektiven sind deshalb zu berücksichtigen. Erstens der materielle Rahmen der Lebensführung. Also finanzielle Ausstattung bei der Hochzeit durch die Mitgift, Einkünfte, finanzielle Möglichkeiten der dynastischen Repräsentation (Kleidung, Schmuck, Feste usw.), aber auch Wohnsituation, Dienerschaft u.a. Zweitens geht es darum, die gesellschaftlichen Normen, Diskurse und Leitbilder im Hinterkopf zu behalten, die ja das Rollenbild und das Rollenverständnis einer Fürstin maßgeblich prägen. Die dritte Perspektive ist die der sozialen Praxis, fokusiert also ganz besonders auf die adeligen Akteure. Im Mittelpunkt des Interesse stehen hierbei natürlich der Ehemann und die anderen Familienmitglieder. Viertens und abschließend lohnt es sich, auf das Innere der Fürstinnen zu blicken. Wenn passende Quellen, wie Schreibkalender, Tagebücher oder aussagekräftige Briefe, vorhanden sind, dann erfährt man so einiges über die subjektiven Erfahrungen und Wahrnehmungsmuster der Frauen, deren Reaktionen und Deutungen auf konkrete Ereignisse.

Ganzheitlich vs. spezifisch

Rogges vielschichtiger Aufsatz macht sehr deutlich, dass man adelige Frauen als Akteure ernst nehmen muss. Um akteurszentriert zu arbeiten muss man freilich die Quellenbasis erweitern. Dabei nicht den Überblick zu verlieren und gezielt historische Vorarbeit einzubeziehen, ist eine Kunst für sich. Ganzheitliches wie mikrohistorisches Arbeiten ist aufwändig. Aber, gerade das unterstreicht Rogge, gerade im Forschungsfeld ‚adelige Frau‘ ist es die Mühe wert und man wird mit neuen, faszinierenden Erkenntnissen belohnt. Natürlich, das soll hier einschränkend gesagt sein, haben eingeschränkte, spezifische Fragestellungen und Zugänge weiterhin ihre volle Berechtigung. Nicht umsonst lernt man bereits im Proseminar, dass der Historiker, die Historikerin den Gegenstand einzugrenzen hat, damit sinnvolles Arbeiten möglich wird. Rogges Verdienst ist es, die Probleme und Lücken aufgezeigt zu haben, die durch Einseitigkeiten entstehen. Sein ganzheitlicher Gegenansatz schwebt aber nicht im luftleeren Raum, sondern er fügt ihm im zweiten Teil seines Aufsatzes Überlegungen an, die einen hilfreichen Leitfaden bilden. Hier überlegt Rogge auch, welche Quellengattungen für sein Forschungskonzept besonders aussagekräftig sind. Und er diskutiert, gleichsam zur methodologischen Absicherung soziologische Rollen- und Identitätstheorien und ihr Anwendungspotenzial für die Geschichtswissenschaft. Diese beiden letztne Aspekte verdienen freilich jeweils einen eigenen Beitrag und werden deshalb später einmal ausgeführt.

Literatur

Bea Lundt: Frauen- und Geschlechtergeschichte, in: Geschichte. Ein Grundkurs, hrsg. v. Hans-Jürgen Goertz, Reinbek 1998, S. 579–597.

Jörg Rogge: Nur verkaufte Töchter? Überlegungen zu Aufgaben, Quellen, Methoden und Perspektiven einer Sozial- und Kulturgeschichte hochadeliger Frauen und Fürstinnen im deutschen Reich während des späten Mittelalters und am Beginn der Neuzeit, in: PRINCIPES. Dynastien und Höfe im späten Mittelalter. Interdisziplinäre Tagung des Lehrstuhls für allgemeine Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften in Greifswald in Verbindung mit der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen vom 15.-18. Juni 2000, hrsg. v. Cordula Nolte u.a., Stuttgart 2002 (= Residenzenforschung XIV), S. 235-276.

Katherine Walsh: Verkaufte Töchter? Überlegungen zu Aufgabenstellung und Selbstwertgefühl von in die Ferne verheirateten Frauen anhand ihrer Korrespondenz, in: Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins 135 (1991) S. 129-144.

Quelle: http://edelfrauen.hypotheses.org/88

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Computerlinguistik und Digital Humanities

In einem Kommentar zu meinem Kurzbericht von der GSCL 2013 hat Patrick Sahle folgendes geschrieben:

Das finde ich spannend: Computerlinguistik/Sprachtechnologie ist
nach diesem Beitrag KEIN “Teil” von DH, sondern macht (auch) Sachen,
die für DH relevant sind.

Michael, könntest Du ein paar Hinweise dazu geben,
a) wieso CL/ST nicht als Teil der DH aufzufassen sind und
b) wie Du DH definierst, so dass man daraus ableiten kann, welche
CL/ST-Themen für die DH einschlägig/relevant/interessant sind
?
Das würde bei mir vermutlich vieles erhellen.

Ich möchte hier zunächst Frage (a) beantworten, also die Frage, ob Computerlinguistik (CL) und Sprachtechnologie (NLP) ein »Teil« der Digital Humanities sind. Diese Frage führt natürlich direkt zur Frage, was die Digital Humanities sind. In meinem Buch definiere ich sie wie folgt:

The emerging field of digital humanities aims to exploit the possibilities offered by digital data for humanities research. The digital humanities combine traditional qualitative methods with quantitative, computer-based methods and tools, such as information retrieval, text analytics, data mining, visualization, and geographic information systems (GIS).

Nach meiner Definition ist DH also die Ergänzung traditioneller geisteswissenschaftlicher Methoden durch rechnergestützte quantitative Methoden und Werkzeuge zur Beantwortung geisteswissenschaftlicher Forschungsfragen.

Was ist unter CL und NLP zu verstehen? CL und NLP hängen eng zusammen, im üblichen Sprachgebrauch wird CL meist für stärker linguistisch und theoretisch orientierte Forschung verwendet, während NLP nicht umsonst oft auch als »language engineering« bezeichnet wird: Hier geht es nicht um linguistische Forschungsfragen, sondern primär darum, effektive und effiziente Algorithmen, Datenstrukturen usw. für die Verarbeitung natürlicher Sprachen zu erforschen und für praktische Anwendungen nutzbar zu machen. Ein gutes Beispiel dafür ist die aktuelle Forschung im Bereich der maschinellen Übersetzung (MÜ).
Diese Definition nimmt bereits einen Teil der Antwort vorweg: NLP ist meines Erachtens kein Teil der DH, da sich NLP nicht mit geisteswissenschaftlichen Forschungsfragen beschäftigt. Die Situation ist vergleichbar mit der Rolle von NLP in der Pharmaforschung: Biomedizinisches Textmining spielt ein wichtige Rolle, dennoch ist Sprachtechnologie kein Teil der Pharmazie.

Auch wenn NLP kein Teil der DH ist, ist NLP aber eine wichtige Grundlage, oder, wie ich es in meinem Buch (S. 10) ausgedrückt habe: »NLP—and NLP for historical texts in particular—should be considered a foundation for the emerging discipline of digital humanities.«
Wenn Computerlinguistik und Sprachtechnologie nicht das selbe sind, wie sieht es dann mit der Computerlinguistik aus? Die Linguistik wird ja üblicherweise zu den Geisteswissenschaften gerechnet.

Zunächst ist hier zu beachten, dass die Linguistik eine der »naturwissenschaftlichsten« geisteswissenschaftlichen Disziplinen ist; ihre Methoden unterscheiden sich deutlich von – zum Beispiel – der Geschichtswissenschaft oder der Literaturwissenschaft.
Dazu kommt, dass sich die Computerlinguistik in den letzten 50 Jahren weitgehend von der Linguistik emanzipiert hat. Natürlich gibt es noch Forscher in der Computerlinguistik, die linguistische Fragestellungen bearbeiten, der Mainstream hat sich aber stark in Richtung NLP entwickelt. Wissensfreie statistische Verfahren haben sich etabliert, und angesichts der schnellen Erfolge, die man mit ihnen insbesondere in der MÜ erreicht hat, muss man sich heutzutage für regelbasierte, linguistisch motivierte Ansätze oft rechtfertigen. Die geringe Rolle der Linguistik in der Computerlinguistik wird andererseits aber auch seit einiger Zeit innerhalb der CL diskutiert (siehe etwa die Proceedings des EACL 2009 Workshop on the Interaction between Linguistics and Computational Linguistics oder die Artikel Computational Linguistics: What About the Linguistics? von Karen Spärck Jones und What Science Underlies Natural Language Engineering? von Shuly Wintner).

Ich würde daher auch die heutige CL nicht – jedenfalls nicht als Ganzes – als Teil der DH betrachten. Da die CL aber eine der Grundlagen für NLP sind, sind sie auch eine Grundlage für DH.

CL-Forschung mit einer stärkeren linguistischen Ausrichtung – also quasi die »klassische« CL, bei der es um die rechnergestützte Modellierung sprachlicher Phänomene geht, um ein besseres Verständnis von natürlicher Sprache zu erreichen – könnte man durchaus als Teil der DH betrachten, diese Forschung ist aber heute eher in der Korpuslinguistik angesiedelt.
Die Antwort auf die Frage (a) ist jetzt schon recht lang geraten, daher werde ich mich mit (b) in einem weiteren Beitrag beschäftigen.

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2532

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Nach Feierabend…

… ist leider, wie viele all zu häufig erleben, nicht zwingend der Zeitpunkt, zu dem man die Arbeit gedanklich oder geographisch hinter sich lässt, um sich seiner “Life-Work-Balance” zu widmen. Nach Feierabend ist nicht selten auch der Zeitpunkt, zu dem es erst richtig los geht. Begrüßen sollten wir dies im Falle des 9. Bandes des Zürcher Jahrbuchs für Wissensgeschichte, das am Zentrum für Wissensgeschichte der ETH Zürich herausgegeben wird und vor wenigen Tagen im Diaphanes Verlag erschienen ist. Besonders wenn, neben der intellektuellen Anregung, auch ein akademischer Schmunzler gestattet ist, denn “Nach Feierabend” ist der Titel der Zürcher Jahrbücher, der so ihre Tradition zum konstruktivistischen Wissenschaftshistoriker Paul Feyerabend aufrecht erhält. Ob dies nun als Kalauer zu werten ist, sei jedem selbst überlassen.

Unzweifelhaft positiv sollte hingegen gesehen werde, dass dieser Band dem Leitthema “Digital Humanities” gewidmet ist. Nun mag so manch einer, wie nicht selten zu hören ist, anmerken, dass von allen Seiten versucht wird auf einen Zug aufzuspringen, der sich zur Zeit gut verkauft, und dies auch noch ohne wirklich Digital Humanities zu praktizieren (im strengen Sinne einer Code geleiteten Methodik). Ich sehe jedoch in der abgrenzenden Selbstpflege einer exotischen und belächelten, aber avantgardistischen Community als die sich die Digital Humanities lange Zeit gern gesehen und genossen haben keinen Selbstzweck und schon gar kein Mittel zu Stärkung der Digital Humanities. Die Aporie zwischen Code und Text, die nicht selten auf eine Gegenüberstellung von “traditionellen” versus digitalen Geisteswissenschaften übertragen wird und öffentlichkeitswirksam gern auch als “Show don’t Tell” formuliert wird, ist nur eine Aporie weil sie alzu gerne in der Euphorie neuer technologischer Möglichkeiten zu einer solchen gemacht wird.

Code und Text sind weder widersprüchlich noch ineinander überführbar, auch wenn versierte Coder den Text gerne ersetzen wollen und Medienwissenschaftler den Code zu häufig allein im Epistem des Textes wahrnehmen. Text und Code müssen ihre Beziehung zueinander finden und eben dies beginnen nun auch Digital Humanities und “traditionelle” Geisteswissenschaften. Herauskommen werden keine Geisteswissenschaften, die identisch sind mit dem Selbstverständnis der gegenwärtigen Digital Humanities. Vielleicht ist auch deswegen die Ablehnung immer noch recht groß, die den sich häufenden theoretischen Ansätzen aus Kultur- und Medienwissenschaften sowie Philosophie von den Digital Humanities entgegengebracht wird. Auf der anderen Seite werden Konzepte, Methoden und Ansätze der Digital Humanities in weiten Teilen unhintergehbar bleiben und zu einer substanziellen Transformation der Geisteswissenschaften beitragen. Im Sinn einer solchen Transformation “aus beiden Richtungen” steht die oben aufgeführte Publikation, zu der ich – dies möchte ich nicht zum blinden Fleck meines Plädoyers machen – mit dem Titel “Text, Denken und E-Science: eine intermediale Annäherung an eine Konstellation” auch etwas beitragen durfte. Nicht unerwähnt bleiben darf die Publikation eines der letzten, wenn nicht der letzte Artikel des kürzlich verstorbenen Peter Harber. Aus dem Inhalt:

Titel Nach Feierabend 2013: Digital Humanities
Herausgeber David GugerliMichael HagnerCaspar HirschiAndreas B. KilcherPatricia PurtschertPhilipp SarasinJakob Tanner
Verlag Diaphanes Verlag, 2013

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=2396

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Was macht Frankreichs neue Historiker-Generation? Eine Bestandsaufnahme

Die Annales-Dominanz ist schon lange passé. Auch die Repräsentationsgeschichte riecht nicht mehr ganz frisch. Gibt es also etwas wirklich Neues bei den jungen französischen Historikerinnen und Historikern? Auch anderswo bewegen sich ja die kunstvoll hochstilisierten “Brüche” doch im mehr oder weniger kulturkonstruktivistischen Mainstream. Die Wenden sind heute eher thematischer Natur. Vorbei der cultural turn, her mit dem animal turn. Während somit die inhaltliche Zersplitterung fortschreitet, muss die Frage gestellt werden: Gibt es noch eine gemeinsame Richtung, die die Historiker-Generation des frühen 21. Jahrhunderts einzig und wiedererkennbar macht? Was führt uns zusammen und grenzt uns ab? Zu dieser Problematik ist mir in Paris ein Buch in die Hände gefallen, das bezüglich der jüngeren französischen Wissenschaft einige spannende Fingerzeige gibt. 17 Autorinnen und Autoren fragen im von Christophe Granger herausgegebenen und eingeleiteten Band: “À quoi pensent les historiens? Faire de l’histoire au XXIe siècle”. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Beiträger Franzosen, arbeiten in Frankreich oder über Frankreich. Sie geben in der Summe ein griffiges Bild davon, was links des Rheins state of the art ist. Reflexionen dieser Art erscheinen in Frankreich etwa alle 20 Jahre. 1974 veröffentlichten Jacques Le Goff und Pierre Nora in drei Bänden “Faire de l’histoire”, die während [...]

Quelle: http://catholiccultures.hypotheses.org/1309

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“Touch ID fingerprint identity sensor” – Fingerabdruck und Sicherheitsmythos

tl;dr
1. Das Fingerabdrucksystem des neuen iPhones kann gehackt werden. 2. Für eine zentrale Speicherung bei Sicherheitsbehörden sind die Daten aber nicht interessant, weil sie nicht eindeutig einer Person zugeordnet werden können.

Jony Ive, Apples Senior Vice President of Design, beendet das iPhone 5s-Werbevideo mit den Worten: “We believe that technology is at its very best, at its most empowering, when it simply disappears.” Gerade beim Fingerabdruckverfahren gelingt es schon seit seiner Erfindung ganz gut, die Technik hinter dem Verfahren verschwinden zu lassen. Das heißt, der Fingerabdruck konnte deshalb zu einem so mächtigen Identitäts-Symbol werden, weil die Anwendungspraktiken zu einer Black Box wurden. Wer weiß schon, wie ein Fingerabdruckvergleich funktioniert? Das führt meiner Ansicht nach dazu, dass in Beiträgen über den “Touch ID fingerprint identity sensor” zwei Themen miteinander vermengt werden, die aber gesondert beantwortet werden müssen.

Das betrifft 1. das Problem der Sicherheit: Die Frage, ob das System gehackt werden kann und ob der Fingerabdruckvergleich das iPhone vor fremden Zugriff sichert, kann relativ leicht beantwortet werden. Die Antwort ist: Ja, kann gehackt werden. Der Grund dafür ist, dass das Verfahren auf dem automatisierten Vergleich von Merkmalen beruht (pattern recognition). Das bedeutet, es werden charakteristische Merkmale der Fingerkuppen gespeichert und beim Auflegen des Fingers auf den Home-Button werden die Merkmale des aufgelegten Fingers mit den gespeicherten Merkmalen verglichen. Vorher wurde festgelegt, ab wie vielen Übereinstimmungen die Person als identifiziert gilt. Die Identitätsfeststellung durch den Fingerabdruckvergleich beruht daher immer auf Wahrscheinlichkeiten, weil vorher ein Punkt festgelegt werden muss, an dem eine Person bestätigt wird. Charakteristisch für biometrische Identifizierungsverfahren sind daher die Werte der FAR (False Acceptance Rate) und FRR (False Rejection Rate). Im ersten Fall wird eine Person irrtümlich akzeptiert, im zweiten Fall irrtümlich zurückgewiesen. Je mehr Merkmale übereinstimmen müssen, desto niedriger ist zwar die FAR, gleichzeitig steigt aber auch die FRR, weil zwei Fingerabdrücke eben nie exakt gleich sind. Das sind Fingerabdrücke deshalb nicht, weil je nach Druck, Untergrund oder Schmutzpartikel das Bild einer Fingerkuppe anders aussieht und immer anders aussehen muss. Zwei exakt gleiche Fingerabdrücke würde ein Daktyloskop als Fälschung einstufen, weil er sie für eine Kopie halten würde. Soll heißen, Biometrie beruht nicht nur auf Wahrscheinlichkeiten, sondern auch auf Interpretation. Fingerabdrucksysteme bieten also wunderbare Voraussetzungen, um gehackt zu werden.

Dass sich Fingerabdrücke nur schlecht als Passwortersatz eignen, ist schon häufig genannt worden. Natürlich argumentiert Apple in dem Werbevideo, dass Fingerabdrücke ein grandioser Passwortersatz sind, weil die Merkmale einzigartig sind und wir sie immer dabei haben. Aber gerade weil sich biometrische Informationen nicht verändern, ist es ein Problem, wenn sie veröffentlicht sind. Apple sollte mal bei Wolfgang Schäuble nachfragen, ob es für ihn noch sinnvoll ist, seinen Fingerabdruck ernsthaft zu Identifizierungszwecken zu verwenden. Zu leicht können Fingerabdrücke nachgebastelt werden. Einen Grund gibt es aber, den “Touch ID fingerprint identity sensor” dennoch zu verwenden. Wer bislang gar kein Passwort verwendet hat oder nur einen 4-stelligen Pincode kann sich überlegen, ob die Sicherung durch den Fingerabdruck nicht sicherer ist. Wohlgemerkt sicherer, nicht sicher.

Das 2. Thema betrifft die Frage nach der Verwendbarkeit bzw. den Missbrauch der (biometrischen) Daten durch Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden.

Ich glaube nicht, dass Sicherheitsbehörden ein großes Interesse an den Daten haben und dass eine zentrale Speicherung der Fingerabdrücke zu befürchten ist. Es hat gute Gründe, warum Sicherheitsbehörden in zentralen Datenbanken wie AFIS (Automatisierte Fingerabdruckidentifizierungssystem) oder EURODAC (European Dactyloscopy) mit 10-Fingerabdrucksets arbeiten. Denn die Merkmalsdichte an einem Finger muss schon sehr hoch sein, um ihn in einer Datenbank mit mehreren 100.000 Abdrücken als eindeutig zu bestimmen (siehe FAR und FRR).

Primary classificationJetzt gäbe es freilich noch das Argument, dass beim “Touch ID fingerprint identity sensor” ja bis zu 5 Fingerabdrücke gespeichert werden können. Und mit 5-Fingersets ließe sich sicherlich problemlos eine größere Datenbank aufbauen. Allerdings gibt es bei der Geschichte einen Haken. Denn beim Anlegen eines neuen Fingerabdruckprofils kann nicht überprüft werden, wessen Fingerabdruck gespeichert wird. Im Fall einer zentralen Speicherung der Fingerabdrücke wäre das ein Problem. Denn wer garantiert denn, dass alle 5 Fingerabdrücke von einer bestimmten Person sind? Vielleicht ist ja ein Fingerabdruck eines Freundes/einer Freundin oder des Partners/der Partnerin dabei. Um für Sicherheitsbehörden interessant zu sein, müssten die einzelnen Abdrücke jeweils eindeutig zuordenbar sein. Das sind sie aber nicht, solange das Anlegen eines neuen Fingerabdruckprofils nicht unter Aufsicht einer Behörde geschieht.

Update, 22.9.2013: Das ging dann schneller als gedacht und bestätigt oben argumentierte These; dass das System gehackt werden kann ist daher auch nicht besonders überraschend.

Quelle: http://www.univie.ac.at/identifizierung/php/?p=5579

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Happy Birthday, Adorno!

Wolfgang Pohrt charakterisierte in der Festschrift zu Hermann L. Gremlizas 50er (Hamburg: Verlag 20. November, 1990.) den Geburtstag als "[einen Tag], den jeder Mensch mit Verstand und Empfindung besser als nichtexistent aus seiner Wahrnehmung streicht".

Nun, ich begehe Adornos heutigen 110. Geburtstag, indem ich den äußerst empfehlenswerten @neinquarterly für das zukünftige Nichts - zu erwarten unter: http://neinquarterly.com/ - subskribiere und widme ihm Adornos Frankfurter Hausnummer, Kettenhofweg 123:

Frankfurt_Kettenhofweg123_Hausnummer_Adorno

Quelle: http://adresscomptoir.twoday.net/stories/483766433/

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Es geht los!

Macht Musik wirklich stark und schlau? Wie lassen sich mit Musik die Köpfe und Herzen von Menschen erobern? Warum können wir uns Lieder besser merken als reine Texte?

Kurz: Was lernt man durch Musik? Das ist die übergeordnete Fragestellung der summer school des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung, Berlin. Dabei greift der Hirnforscher  zur Flöte, die Psychologin haut in die Tasten und eine Gruppe Musiker sucht tanzend nach ihrer Nische in der menschlichen Evolution. 5 Tage lang beschreiten internationale Experten und 30 Nachwuchswissenschaftler und Musikvermittler neue Wege der Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen sowie zwischen Theorie und Praxis.

Dieser Blog dokumentiert die gemeinsame Arbeit der summer school und lässt die verschiedenen Perspektiven  zu Wort kommen. Jede und jeder darf  mitbloggen!

Schloss Rheinsberg     Foto: Schloss Rheinsberg, Amodorrado  CC-BY-SA-3.0

Quelle: http://elm.hypotheses.org/20

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Journée d’étude „Les historiens et Michel Foucault“, Paris 14.6.2013

Am 14. Juni 2013 findet an der Pariser EHESS die Tagung Régimes de vérité, gouvernementalité et biopolitique : les historiens et Michel Foucault mit folgenden sieben Vorträgen statt:

Michael C. Behrent (Appalachian State University) : Penser le XXe siècle avec Foucault

Luca Paltrinieri (CIEPFC/Cirphles - ENS Ulm) : Biopouvoir : les sources historiennes d'une fiction politique

Elsa Dorlin (université Paris 8) : Le plaisir a-t-il une histoire ? Les historiens de la sexualité et Foucault

Paolo Napoli (EHESS) : Foucault et l'histoire de la normativité

Vincent Denis (Paris 1) : L’historiographie de la police et ses usages de Foucault

Luc Berlivet (CNRS / Cermes3) : Actualité de la biopolitique : sécurité, régulation et subjectivation au prisme de l’histoire de la santé

Jean-Baptiste Fressoz (Imperial College, Londres) : Le modèle foucaldien de la biopolitique et l'histoire : chronologie et outils du biopouvoir dans le cas de l'inoculation et de la vaccination 1720-1820

Quelle: http://adresscomptoir.twoday.net/stories/418666568/

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