Kritische Literaturtage 2012 in Wien
Alle Infos unter: http://www.krilit.at
Geschichtswissenschaftliche Blogs auf einen Blick
Im November 2011 veröffentlichte die flämische Regierung ein weit ausgearbeitetes Programm der Kommemorationsveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg 2014-18, das hier zu finden ist.
Die „Flanders Fields“ als topografisches und ideelles Fundament
Im Zentrum des flämischen Centenaire-Programms steht eine transnationale Interpretation des Krieges bzw. des Leidens im Krieg. Dieser Interpretationsansatz verdichtet sich in dem emblematischen Ausdruck „Flanders Fields“, entnommen dem Gedicht „In Flanders Fields“ von Colonel John McCrae aus dem Jahr 1915. Als topografische Angabe bezeichnet er eine Region in Flandern als Ort kollektiv erlittenen Grauens und wichtiger Knotenpunkt im Netz der kollektiven Erinnerung. Gleichzeitig steht „Flanders Fields“ synonym für den Schrecken des Ersten Weltkriegs insgesamt.
Das flämische Gedenkprogramm leitet aus dem universellen Leiden auf den “Flanders Fields” einerseits eine pazifistische Botschaft und eine transnationale Perspektive auf den Krieg ab. Im Zentrum der zahlreichen Bildungs- und Forschungsinitiativen des Programms steht folgerichtig als pädagogischer Auftrag die Vermittlung von Pazifismus und Völkerverständigung.
Starkes internationales Engagement
Was in den französischen und australischen Programmen noch hinter dem nationalen Interesse ansteht, rückt im flämischen klar in den Vordergrund: Die Internationalität des Gedenkens. Das flämische Engagement ist ambitioniert: So stieß die flämische Regierung nicht nur früh eine internationale Koordinierung der Gedenkveranstaltungen der 50 Staaten an, deren Soldaten auf den „Flanders Fields“ kämpften, sondern auch die „Declaration Flanders Fields“. Diese ist ein von der flämischen Regierung formulierter Text, der die im November 2012 unterzeichnenden 50 Staaten an drei gedenkpolitische Ziele binden soll: Dauerhaftes Gedenken an die Flandern-Schlachten, eine Historiografie, die eine globale Perspektive einnehmen soll und schließlich die Verpflichtung, zur „Friedenserziehung“ beizutragen. 2010/11 organisierte das Département Flamand des Affaires Etrangères ein gemeinsames Vorgehen hinsichtlich der Gedenkfeierlichkeiten mit 13 anderen Staaten und schloss bereits bilaterale Abkommen mit Neuseeland und Australien. Im November 2013 soll darüber hinaus ein „Friedenskolloquium“ veranstaltet werden, zu dem Friedensnobelpreisträger eingeladen wurden.
Absage an nationale Deutungen und „Welthauptstadt Flandern“
Das Gedenkprogramm erteilt damit einer nationalen Interpretation des Krieges eine Absage und fordert zu einem gemeinsamen Gedenken jenseits von nationalen Narrativen auf. Die Autoren des Programms appellieren damit nicht zuletzt an die belgische Gesellschaft: Die historischen Selbstwahrnehmung des noch jungen Belgiens im und nach dem Krieg beruhte auf den beiden Hauptnarrativen der Interpretation des Ersten Weltkriegs „Kriegsruhm und Martyrium“, die einen großen Einfluss auf die Identitätsbildung Belgiens ausübte.1 Außerdem müssen die Umstände der innenpolitischen Zerrüttung aufgrund der sprachlich-kulturellen Teilung Belgiens berücksichtigt werden, die in der Staatskrise 2010/11 ihren Höhepunkt erreichte. Der erste Weltkrieg verschärfte den flämisch-wallonischen Konflikt erheblich, nicht zuletzt durch die sprachlich-sozialen Diskriminierungen der flämischen Soldaten durch die frankophone Militäradministration und die „Flamenpolitik“ der Deutschen. Das Martyriums-Narrativ der belgischen Kriegsinterpretation beruht auch auf dieser deutschen Spaltungs-Politik. Im aktuellen Kontext wird es interessant sein zu sehen, wie in den einzelnen Initiativen die nationalitätenpolitischen Aspekte des Weltkrieges in Flandern und Belgien behandelt werden. Die Autoren formulieren jedenfalls Völkerverständigung als klares Ziel: „un des autres objectifs de l’organisation est de conscientiser et sensibiliser les générations actuelles et futures de Flandre à propos de tolérance, le dialogue interculturel et la compréhension internationale réciproque.“ (S. 7).
Angesichts dieser programmatischen Auslassungen erscheint es einigermaßen paradox, dass es nicht gelungen ist, ein regionenübergreifendes, Wallonen und Flamen zusammenbringendes Programm zu entwickeln. Das bislang außerordentlich souveräne Agieren Flanderns auf der internationalen Bühne stellt jedenfalls andere belgische Initiativen bis jetzt tendenziell in den Schatten. Die mise en scène Flanderns als Zentrum, ja als ‘Welthauptstadt” des Weltkriegsgedenkens gehorcht durchaus auch politischen Repräsentationsinteressen. Dass Belgien mit Paul Breyne und die flämische Region mit Pierre Ruyffelaere eigene Koordinatoren für den Centenaire haben – die wallonische Regierung wird sicher zu gegebener Zeit nachziehen – ist sicherlich einerseits schlichtweg Konsequenz der föderalen Verfassung Belgiens; darüber hinaus mag man darin jedoch auch einen Beleg für eine latente Deutungskonkurrenz sehen. In diesem Sinne erfolgen die postnationale Deutung des Weltkriegs und die Absage an nationale Narrative nicht ohne Hintergedanken.
„Friedenstourismus“
Anstatt auf Opfer- oder Heldendiskurse konzentriert sich das Programm auf die „Friedenserziehung“ und den ökonomischen Aspekt des “Centenaires” als Gelegenheit für Investitionen in touristische Infrastruktur. Beide Ziele verweben die Autoren emblematisch in dem Neologismus „Friedenstourismus“, „tourisme de la paix“ (S. 7).
Die infrastrukturell-touristischen Investitionen werden in großem Rahmen vorgenommen: 44 Projekte werden mit 37 Mio. Euro finanziert. Dazu zählen das Museum In Flanders Fields und die Öffnung des Beffroi von Ypern; „die Verbesserung der Infrastrukturen für den Gästeempfang auf dem ehemaligen Schlachtfeld von Passchendaele in Zonnebeke, die Schaffung von Gedenkstätten in Poperinge, die Umsetzung einer neuen Dauerausstellung im Turm „Tour de l‘Yser“ in Dixmude, die Renovierung des Denkmals von König Albert I. und abschließend der Aufbau eines historischen Themenzentrums über die Hochwasserkatastrophe der Yser in Nieuport.“ Das Projekt Patrimoine de la Grande Guerre soll sich im Hinblick auf das Verschwinden sichtbarer Zeugnisse des Krieges der Aufgabe annehmen, die sichtbaren Spuren des Krieges in der Landschaft, auch solchen, die durch Grabungen zutage getreten sind, Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Eine internationale Gedenkregion
Das Ziel ist die Schaffung einer touristisch vermarkteten „internationalen Gedenkregion“, die durch die umgesetzten Projekte räumlich abgesteckt und mit der gewünschten Bedeutung aufgeladen wird. Die Initiatoren des Programms planen, sich um eine gemeinsame Aufnahme der “Flanders Fields” und der Schlachtfelder in Frankreich (Verdun, Somme) in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes zu bewerben. Ein Erfolg würde die beschriebene Internationalität des Programms und die transnationale Deutung des Krieges zementieren.
Das flämische Centenaire-Programm zeichnet sich durch seine transnationale Sinngebung des Krieges aus: Es verneint den nationalen Interpretationsrahmen, setzt auf Pazifismus und Völkerverständigung, ersetzt „Kriegsruhm und Martyrium“ durch den Geist der „Flanders Fields“. Im Hinblick auf das bisherige Fehlen einer internationalen Gedenkpolitik zum Ersten Weltkrieg ist dieser transnationale Ansatz wegweisend. Es bleibt abzuwarten, welche Früchte diese Internationalität der „Welthauptstadt Flandern“ für die Entwicklung eines internationalen Weltkriegsgedenkens tragen wird.
1Laurence van Ypersele: Belgien. Enzyklopädie des Ersten Weltkriegs.
Sie haben einen Vortrag oder eine Veranstaltung am DHI Paris verpasst? Dann schauen Sie doch auf unserer Website, ob wir dazu einen Podcast oder ein Video veröffentlicht haben: http://www.dhi-paris.fr/de/home/podcast.html Sie finden dort die aufgezeichneten Veranstaltungen in umgekehrter chronologischer Reihenfolge. Bei unseren Jeudi-Veranstaltungen stellen wir die deutschen Vorträge und die französischen Kommentar als jeweils eigene Datei ins Netz.
Um auf dem Laufenden zu bleiben, können Sie neue Podcasts entweder als RSS-Feed oder über iTunes abonnieren.
Zum Nachhören gibt es derzeit u.a.:
Vortrag von Louise Schorn-Schütte (Goethe-Universität Frankfurt)
Kommentar: Alain Tallon, Universität Paris-Sorbonne
Dienstag, 5. Juni 2012
Workshop mit Hans Ulrich Gumbrecht organisiert vom DHIP (G. Blennemann) in Zusammenarbeit mit dem CIERA
Freitag, 1. Juni 2012, im DHIP
Vortrag von Ute Daniel (Technische Universität Braunschweig) organisiert vom DHIP (A. Weinrich, S. Prauser) in der Reihe »La guerre au XXe siècle«
Kommentar: Johann Chapoutot (Universität Grenoble, IUF), 26. April 2012 im DHIP
Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/1338
Die Sektion “Geschichtswissenschaft digital in Deutschland und Frankreich: Tendenzen, Strategien, Beispiele” fand am 26.9.2012 auf dem 49. Historikertag in Mainz statt. Nachdem wir hier auf dem Blog bereits die Abstracts und das genaue Programm vorab veröffentlicht haben, wollen wir jetzt im Nachgang einige der dort gezeigten Präsentationen zur Verfügung stellen.
Gudrun Germann: Von Francia bis Facebook: Ein geisteswissenschaftliches Forschungsinstitut geht online: Das Beispiel des DHI Paris
Keine Präsentation, dafür aber der Hinweis auf die schriftliche Bilanz ihrer Zeit als Direktorin, erschienen im Portal der Max Weber Stiftung “Wissen in Verbindung”: Forschen, Qualifizieren, Vermitteln. Gudrun Gersmann über die Bilanz der Neuausrichtung des Deutschen Historischen Instituts Paris 2007–2012, http://mws.hypotheses.org/1157
Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/1220
Und gleich noch einmal YoutTube. Eine sehr gut gemachte Dokumentation über das US-Fernsehen: Class Dismissed – How TV Frames the Working Class.
Based on the book by Pepi Leistyna, Class Dismissed navigates the steady stream of narrow working class representations from American television’s beginnings to today’s sitcoms, reality shows, police dramas, and daytime talk shows.
Featuring interviews with media analysts and cultural historians, this documentary examines the patterns inherent in TV’s disturbing depictions of working class people as either clowns or social deviants — stereotypical portrayals that reinforce the myth of meritocracy.
Class Dismissed breaks important new ground in exploring the ways in which race, gender, and sexuality intersect with class, offering a more complex reading of television’s often one-dimensional representations. The video also links television portrayals to negative cultural attitudes and public policies that directly affect the lives of working class people.
Danke an Christiane für den Tipp.
Quelle: http://geschichts-blog.blogspot.com/2012/10/schlaglichter-auf-die-geschichte-band-2.html
Dem Blogger sei ein wenig Trotz zugestanden. Es stimmt, Geburtstags- und Gedenkartikel zu einzelnen Gelehrten laufen hier eher schlecht; die Klickzahlen liegen am unteren Ende der Schwankungsbreite, es dauert meist mehrere Tage, bis auch nur die Vierstelligkeit erreicht ist. Manche Leser interessieren solche Beiträge ganz offenbar nicht – handelt es sich da um mehr als akademische Routine, im schlimmsten Fall Beweihräucherung, monumentalische Historie oder das Entfachen großer Lichter, damit ein kleiner Teil von deren Schein auf die graue Gegenwart falle? Das kann man so sehen. Andererseits: Gerade eine kritische Selbstreflexion des eigenen Tuns, der eigenen Disziplin bedarf einer steten Vergewisserung der Leistungen und Engführungen, der Voraussetzungen und Kontexte früherer Forschung. Die institutionellen, gesellschaftlichen und ideologischen Bedingungen und Trends sind enorm wichtig, aber der Gang der Wissenschaft – hier: die Erkenntnis der Antike – ergibt sich nicht einfach aus ihnen, sondern er gewinnt Gestalt in einzelnen Gelehrten. Deshalb wird es bis auf weiteres solche Einträge geben. Dieser Blogger hier sieht sich außerdem auch in der Pflicht, einfach Chronist zu sein.
Das gilt zumal dann, wenn die anstehende Person ihm eher ferner steht. Johannes Straub gehört in diese Gruppe. Geboren heute vor einhundert Jahren in Ulm studierte der Sohn eines Postbeamten in Tübingen und Berlin, wo er mit 26 promoviert wurde. Vier Jahre später habilitierte er sich in Berlin mit „Aktuelle Geschichtsbetrachtungen. Untersuchungen über Zeit und Tendenz der Scriptores Historiae Augustae”. Vom Typoskript der Habilitationsschrift wurden, wie damals üblich, nur wenige Exemplare gefertigt; sie gingen wohl im Chaos des Kriegsendes verloren (das kam öfter vor). 1944 wurde Straub außerordentlicher, 1948 dann ordentlicher Professor in Erlangen. Seine größte Wirkung entfaltete er jedoch in Bonn, wo er fast dreißig Jahre lang, von 1953 bis 1982 lehrte, zahlreiche Ehren empfing und Ende Januar 1996 auch starb.
In Wilhelm Weber hatte Straub in Berlin einen charismatischen, aber auch von der NS-Ideologie durchdrungenen Lehrer gefunden. Karriere machen konnte in dieser Zeit nur, wer eine gewisse Bereitschaft zur Anpassung erkennen ließ. Dazu gehörte der Eintritt in die Partei. Doch sollte aus zwei Führerzitaten in der Dissertation nicht allzuviel gemacht werden, und im Kommunikationsgewirr zwischen Fakultäten, NS-Dozentenbund, Reichserziehungsministerium und Gutachtern wurden zu einzelnen Nachwuchswissenschaftlern oft Einschätzungen formuliert, die mehr über Gesinnung und Interessen des jeweiligen Verfassers in einer bestimmten Konstellation sagen als über den Eingeschätzten. Gewiß, 1944 wurde in Deutschland niemand zum außerordentlichen Professor berufen, der offen Distanz zum Regime hielt. Vieles war auch ambivalent. So reduzierte der Kriegsdienst die Frequenz der Publikationen, was eine Berufung behindern konnte, während der Dienst an sich selbstverständlich für den ins Auge Gefaßten sprach. In der zweiten Kriegshälfte war es auch zunehmend schwierig, Stellen überhaupt zu besetzen, was denen half, die unter anderen Umständen vielleicht als ‘weltanschaulich noch nicht reif’ ausgesiebt worden wären. Aktenstudium ist hier in jedem einzelnen Fall unentbehrlich, nicht weniger aber eine kritische Selbstprüfung, wieviel Distanz von Zeitgeist in einem totalitären Staat Nachgeborene erwarten sollten, zumal wenn diese selbst, nunmehr in einem freien Land, hochschulpolitisch oder akademisch an Modeerscheinungen mitwirken, die offen als Fehlentwicklungen erkannt sind oder zumindest so diskutiert werden.
Straub jedenfalls hielt an seinem Katholizismus fest. Zu einem 1942 publizierten, repräsentativen Sammelwerk, das ein notorischer NS-Althistoriker herausgab, um die Sinnstiftungsbereitschaft der Altertumswissenschaften auch im Neuen Staat unter Beweis zu stellen, steuerte er einen Beitrag über „Konstantins christliches Sendungsbewußtsein” bei („während meiner Bordfunker-Ausbildung geschrieben”) – das war auch eine klare Ansage, die richtig verstehen konnte, wer das wollte.
Die 1939 publizierte Dissertation „Vom Herrscherideal in der Spätantike” ist jedenfalls immer noch sehr lesenswert. Die Spätantike hatte sich nach dem 1. Weltkrieg zu einem Forschungsfeld entwickelt, das vor allem methodisch ebenso anspruchsvoll wie innovativ war. Gefordert war eine Zusammenführung traditioneller philologischer Textexegese mit ideen-, religions- und begriffsgeschichtlichen Fragestellungen. Materielle Überreste boten reiches Material, zumal die vor Symbolik berstende kaiserliche Selbstdarstellung zu untersuchen, wie sie aktuell in der Magdeburger Ausstellung zu sehen ist. Zusätzliche Interdisziplinarität (die noch nicht so hieß) erwuchs aus der Tatsache, daß das späte Rom ein mehr und mehr christliches Rom war. Und es gab säkulare Konflikte zu studieren, zwischen Heiden und Christen, Rom und Germanen, der zunehmenden Heterogenität des Reiches und dem Anspruch, es unter einem Kaiser und einem Glauben neu zu formieren. Spätantikeforscher konnten beanspruchen, eine weltgeschichtlich ‘dichte’ und bedeutsame Epoche unter den Händen zu haben, die zu sezieren es eines höchst subtilen hermeneutischen Instrumentariums bedurfte – das erleichterte es, fachliche Standards zu wahren und wissenschaftsfremde Zumutungen abzuwehren.
Der Spätantike blieb Straub sein Leben lang treu. Die Habilitationsschrift galt einem Text, der unter postmodernen critics sicher schon längst zum Star avanciert wäre, wenn er nicht so sperrig wäre und man nicht schlicht und altmodisch so viel Kompetenz bräuchte, um mit ihm umzugehen: die Historia Augusta, eine Sammlung von Biographien römischer Kaiser des 2. und 3. Jahrhunderts, die ihr Spiel mit dem Leser treibt. Angeblich von verschiedenen, namentlich genannten Autoren verfaßt, geschrieben in Wirklichkeit von einer einzigen Feder. Gespickt mit Authentizitätsmarkern und Genauigkeitsbehauptungen, die sich als reine Fiktion erweisen lassen. Das „lose Spiel eines literarischen Vagabunden” (so Ernst Hohl, der führende Historia Augusta-Forscher der Generation vor Straub), ein spielerischer Spätling der antiken Historiographie, von dem wir nicht sicher wissen, wann er produziert wurde und welche ‘Tendenzen’ er verfolgte. Straub plädierte für das 5. Jahrhundert, und die ermittelte Ausrichtung bildet den Titel seiner 1963 vorgelegten großen Studie: „Heidnische Geschichtsapologetik in der christlichen Spätantike”.
Nach dem Krieg gehörte Straub zu dem Kreis von Althistorikern, die eine frühe und auch schon internationale Verbundforschung (wie man heute sagt) in Gang brachten, eben zur Historia Augusta, mit Kolloquien in Bonn, Dissertationen und Kommentaren zu einzelnen Viten der Sammlung. Daneben edierte er den letzten Band der Dokumente der großen ökumenischen Konzilien. Doch auch die Tradition in eine außeruniversitäre Öffentlichkeit weiterzugeben zählte er zu seinen Aufgaben. Dem Verein von Altertumsfreunden im Rheinland saß er zwanzig Jahre lang vor, und eine Reihe von Aufsätzen erschien im Gymnasium, einer damals überwiegend von Altphilologen im Schuldienst gelesenen Zeitschrift.
Für den persönlichen Eindruck müssen Menschen gehört werden, die ihn kannten. Im Nachruf der FAZ heißt es: Er lebte „das Ideal des Hochschullehrers, dem so wenige entsprechen; er zeigte gleichen Spaß an Forschung wie Lehre. Sträub hatte und liebte prononcierte Meinungen. Daß sie den seinen entsprachen, das zu fordern oder auch nur zu wünschen lag ihm fern. Er war eine gesprächsfreudige Natur und genoß die Auseinandersetzung; vielleicht war das der fruchtbare hermeneutische Moment, der ihn zum Beobachter des Gegenspiels christlicher und heidnischer Geschichtsphilosophie prädestinierte. Geistiger Zwang war ihm fremd; wer bei ihm studiert hat, weiß von der Falle der ‘falschen Alternative’. Bis zum letzten Tag ging Johannes Straub regelmäßig in sein Seminar für Alte Geschichte, in Wissenschaftlichkeit und Humanität das Bild eines deutschen Gelehrten.”
Abb. aus: Bonner Festgabe Johannes Straub, zum 65. Geburtstag am 18. Oktober 1977, hgg. von A. Lippold und N. Himmelmann
Nachruf von Adolf Lippold in: Gnomon 70, 1998, 174-176.
von Uwe Walter erschienen in Antike und Abendland ein Blog von FAZ.NET.
Quelle: http://blogs.faz.net/antike/2012/10/18/nestor-der-spaetantike-johannes-straub-zum-hundertsten-395/