Über ungelöste Rätsel und die Verantwortung der Wissenschaft für ein YouTube-Video

Momentan befinde ich mich in einer sehr mühsamen Phase der Dissertation. Tag für Tag wälze ich Handschriftenkataloge und Datenbanken, klicke mich durch unzählige Zahlenkolonnen einer Access-Datei. Kein Wunder also, dass ich von Zeit zu Zeit empfänglich bin für das moderne Medium der Zerstreuung, YouTube.

Natürlich kommt dabei für mich normalerweise nur der Arte Channel in Frage ;-) , gestern stieß ich allerdings auf folgende Perle: Der Experimentalarchäologe Dominique Görlitz stellt Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte vor.

Herr Görlitz (“beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Experimentalarchäologie. Diese interdisziplinäre Forschung berührt auch das Studium der Kartographiegeschichte […].”) überraschte mich bei seinem ersten “Expertenbeitrag” zunächst äußerst positiv mit der Aussage, “dass diese Anschauung, dass die Erde eine Scheibe ist, eigentlich eine relativ junge Anschauung war”. Endlich mal einer der mit diesem Mittelalter = Erde = Scheibe-Quatsch aufräumt, dachte ich zufrieden – bis Görlitz seinen Satz mit den Worten beendete: “die sich eigentlich erst mit der Christianisierung ausgehen der Antike entwickelt hat.” Und weiter: Die Kugelgestalt der Erde “hat sich in der Antike auch so weitgehend durchgesetzt, bis man wieder den Schritt zumindest kulturell scheinbar zurück, mit dem Christentum genommen hat, wo man eben wieder in die alte flächige Gestalt der Erde umgeswitched war.”

Eigentlich hätte ich die “Doku” vergnügt ein bisschen weitergeschaut (Bonmots: “Wenn man sechzig Tage auf dem Ozean segelt, hat man viel mehr Freizeit als im normalen wirklichen Leben”; “Aber grade Phantasie und Spekulation sind wichtige Grundmethoden der Wissenschaft”) und verdrängt. Der Zufall wollte aber, dass ich abends einen ersten Blick in das kürzlich erschienene Buch Die Geschichte der legendären Länder und Städte von Umberto Eco warf. Gleich das erste Kapitel behandelt Die Erde als Scheibe und die Antipoden. Auf Seite 12 betont Eco: “Im Gegensatz zu vielen Legenden, auf die man immer noch im Internet stößt, wussten alle Wissenschaftler des Mittelalters, dass die Erde eine Kugel ist.” Wie könnte das ein bedeutungsloser Zufall sein! Nein, das war ein Zeichen, eine Aufforderung , die ungelösten Rätsel der Entdeckergeschichte zu lösen oder zumindest einen kleinen Artikel über eines davon zu schreiben. Dabei ist der Begriff Rätsel hier eigentlich falsch verwendet, Irrtümer trifft es besser, zum Beispiel die erwähnte Legende eines mittelalterlichen Scheibenweltbildes. Vor einiger Zeit hat Reinhard Krüger (hier in einem Beitrag von 2007) betont: “Nichts davon trifft zu. Vielmehr handelt es sich bei dieser Vorstellung um ein wissenschaftsgeschichtliches Gerücht, welches spätestens seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts sich aus zunehmender Unkenntnis der einschlägigen astronomischen, geographischen und kosmologischen Literatur des Mittelalters, hierunter vor allem auch der Texte der Kirchenväter, speist. Aus dem Gerücht vom mittelalterlichen Erdscheibenmodell, aus der überzogenen Interpretation der scheinbaren Wissenschaftsfeindlichkeit eines Kirchenvaters wie Augustinus beispielsweise, mit einer Vielzahl von nur noch schlecht memorierten Zitaten der patristischen Tradition und schließlich mit gefälschten und zeitlich um Jahrhunderte vordatierten Graphiken des ausgehenden 19. Jahrhunderts vom ‘Aufbruch des mittelalterlichen Menschen aus kirchlicher Bevormundung’ wurde der Mythos vom spätantiken Niedergang des Globusmodells und der daraus resultierenden mittelalterlichen Unwissenheit geschaffen.” (Siehe Link, S. 34).

Ich möchte nun nicht die ganze Forschungsgeschichte zum Thema wiederkäuen, wem der Krügerbeitrag nicht ausreicht, der findet auf der Wikipedia-Seite zur Flachen Erde einschlägige Literatur und auch bei Eco kann man mit Genuss darüber lesen (und auf vielen schönen Abbildungen sehen).

Vielmehr möchte ich kurz einen sehr cleveren, mittelalterlichen Beweis zur Kugelgestalt der Welt vorstellen, also nicht nur das geistige Endprodukt “Die erde ist ja eine Kugel!”, sondern auch einen dazu führenden Gedankengang.

Im frühen 12. Jahrhundert verfasste Wilhelm von Conches einen Lehrdialog, in dem ein Herzog mit einem Philosophen über den Aufbau des Kosmos diskutieren.

In Buch 6, Kapitel 2 des Dragmaticon’s[1] debattieren beide die Form der Erde. Einige Ignoranten, die wie die Tiere eher ihrem Gefühl anstatt ihrem Verstand vertrauen würden, behaupteten, die Erde sei eine Scheibe. Diesen Irrsinn widerlegt der Philosoph mit einer ganzen Reihe von Argumenten.

Eines dieser Argumente hat der Wissenschaftsgeschichte zwei schöne Diagramme beschert, das Argument der zwei Städte: Wäre die Erde eine Scheibe, so würde es in einer Stadt ganz im Osten der Scheibe fast gleichzeitig Morgen und Mittag sein, da die Sonne dann kurz nach dem Aufgehen ihren Zenit über der Stadt erreicht. Für eine Stadt ganz im Westen der Scheibe hingegen stellte sich die Situation genau andersherum da, hier würden Mittag und Abend zusammenfallen. Da das bekanntermaßen nicht der Fall sei, müsse die Erde eine Scheibe sein, so der Philosoph. “Damit Du das besser verstehen kannst, male ich eine Figur”:

Oxford, Bodley, MS. e Mus. 121, fol. 82v

Aus dem gleichen Grund erführen verschiedene Orte auch den Sonnenauf- bzw. Untergang zu unterschiedlichen Zeiten. Geht die Sonne für eine Stadt unter, geht sie gleichzeitig für eine andere auf der Rückseite des Globus auf. Auch hierfür gibt der Philosoph ein Diagramm, wobei die Städte in dieser Handschrift durch A, B, C und D ersetzt wurden.

Oxford, Bodley, MS. e Mus. 121, fol. 83v

Nicht nur wusste Wilhelm, dass die Erde eine Kugel war, er konnte dies auch begründen. Dabei war seine Begründung anders als etwa bei Pythagoras nicht rein philosophisch oder gar mystisch, sondern im Grunde geometrisch (also rational) und ein Stück weit sogar empirisch.

So viel zur Kugel.

Warum hat mich diese Dokumentation so nachhaltig verstört, dass ich sie nicht wie sonst ignoriert habe? Zum einen, weil ich bei meinen Internetrecherchen feststellen musste, dass so ein Unfug tatsächlich noch in einigen Schulbüchern verbreitet wird (das Beispiel ist zwar von 1998, dürfte im Schulunterricht aber noch Anwendung finden). Zum anderen, weil sich die Dokumentation im Vergleich zu “seriösen” Fernsehdokumentationen ganz gut schlägt. Ein professioneller Sprecher, “Experteninterviews” und eine (vergleichsweise) seriöse Aufmachung ­– auf den Laien dürfte das durchaus Eindruck machen. Mit den bizarren und skurrilen Auftritten des pseudowissenschaftlichen Gegendiskurses hat das jedenfalls nicht mehr viel zu tun. Vielmehr scheinen mir solche Produktionen durchaus geeignet zu sein, zunehmend im populärwissenschaftlichen Diskurs Fuß zu fassen, zumal im Internet kein Gatekeeping stattfinden kann. Hier ist sicher auch die seriöse Wissenschaft verantwortlich, die die Vermittlung ihres Wissens aus dem akademischen Subsystem in eben diesen populärwissenschaftlichen Diskurs und damit in die Gesellschaft sträflich vernachlässigt. Wer dort allerdings die Deutungshoheit verliert, der verliert gleichzeitig seine Relevanz und Legitimation. Wenn sich die Wissenschaft aber nicht allein auf die Schule als Vermittlerin ihres Wissens verlassen kann, dann muss sie sich selbst darum kümmern, etwa indem sie ihre Ergebnisse nicht nur als Fachartikel in Fachzeitschriften publiziert, sondern auch in leicht verständlicher, vielleicht sogar unterhaltsamer, vor allem aber auch für die Masse leicht zu erschließenden Form (nein, Latein gehört nicht mehr dazu). Soziale Medien bieten hierfür schon lange eine Fülle von Möglichkeiten (@9nov38 hat es vorgemacht), was noch fehlt, ist ein entsprechender Wandel in der Wissenschaftskultur, der ein solches “Runterbrechen” auch honoriert.

Die “Dokumentation” endet nachdenklich: “Was bringt Kulturen relativ schnell zur Blüte, was führt zu den unzählig vielen kulturellen Abstürzen in unserer Vergangenheit[?] Die Kulturgeschichte unserer heutigen Zivilisation zeigt, ja, dass es eigentlich eine Geschichte von unzähligen Abstürzen ist.” Vielleicht liegt es daran, “dass, während einige frühere Kulturen wirklich an eine flache Erde glaubten, viele unserer Zeitgenossen im Widerspruch zum Stand unserer historischen Kenntnisse immer noch meinen, die Menschen des Altertums und des Mittelalters hätten an eine flache Erde geglaubt. Daran sieht man, dass die Heutigen mehr zu Legenden neigen als ihre Vorfahren.” (Eco, S. 22).

Diesen Ignoranten wollte ich zum Abschluss des Beitrags eigentlich wütend die Mahnung eines solchen Vorfahren entgegenschleudern: “fatti non foste a viver come bruti, ma per seguir virtute e canoscenza” – Ihr seid nicht auf der Welt, um wie die Tiere zu leben, sondern um nach Tugend und Wissen zu streben!

Am Ende erscheint mir das aber zu wohlfeil und selbst ein bisschen ignorant. Ein anderer Protagonist der Dokumentation, Martin Waldseemüller (über den es unlängst eine schöne Ausstellung mit lobenswertem online Begleitprogramm gab) mahnt uns Wissenschaftler, dass wir Wissen nicht nur anhäufen, sondern auch “gemein” vermitteln sollten. Denn der wird “für ein neydigen vergünstigten menschen geachtet […], der das liecht der weißheit hat entpfangen, und es verbürget, vor seinem neben menschen”. Hier müssen wir noch kräftig an uns arbeiten. Ideen?

 

[1] Edition: Dragmaticon philosophiae, hg. von Italo Ronca, Corpus Christianorum Continuatio mediaevalis 152, Turnhout 1997. Italo Ronca hat auch eine englische Übersetzung nebst kleineren Erklärungen vorgelegt: Italo Ronca, A dialogue on natural philosophy : translation of the new Latin critical text with a short introduction and explanatory noteses. Notre Dame 1997.

 

Quelle: http://quadrivium.hypotheses.org/122

Weiterlesen

Zur chinesischen Bezeichnung der “Verbotenen Stadt”

Der Kaiserpalast in Beijing – in diesem Blog bislang lediglich im Zusammenhang mit der Einführung moderner Kommunikation etwas näher erwähnt[1], mit den “goldenen” Dächern aber im Header prominent vertreten – wird nach wie vor gerne “Verbotene Stadt” genannt[2].

Wumen 午門 ("Meridian Gate"), seen from the north

Blick vom Taihemen 太和門 (“Tor der Höchsten Harmonie”) nach Süden auf das Wumen 午門 (“Mittagstor”) – Foto: Georg Lehner

Im Chinesischen wurde die Palastanlage mit dem Begriff zijincheng 紫禁城 (“Purpurne Verbotene Stadt”) bezeichnet (heute Gugong 故宮, d.i. “Alter Palast”). Man könnte meinen, dass diese Bezeichnung “Purpurne Verbotene Stadt” mit den roten Mauern des Palastes (im Bild rechts das imposante “Mittagstor”) zu tun hat. Tatsächlich bezieht sie sich auf den so genannten “verborgenen purpurnen Bereich” (ziweiyuan 紫微垣). Darunter versteht man jenen Ring aus fünfzehn Sternen, der den Polarstern (ziweixing 紫微星) umgibt. Der Polarstern stand nach althergebrachter Auffassung für das Zentrum des Himmels[3] und galt als Sitz des “Obersten Herrschers” (shangdi 上帝).[4]

In Sinne einer irdischen “Spiegelung” der im Universum herrschenden Ordnung symbolisiert der Kaiser den Polarstern und sein Palast den “verborgenen purpurnen Bereich.” Diese Deutung basiert auf der konfuzianischen Vorstellung, dass “der, der die Regierung durch seine Tugend führt, wie der Polarstern ist, der seinen Platz behält, während alle anderen Sterne sich ehrfurchtsvoll vor ihm neigen.”[5]

  1. Vgl.: “Ein Telefon im Kaiserpalast”.
  2. Zum ehemaligen Kaiserpalast und zum Palastmuseum Peking vgl. http://www.dpm.org.cn/index1024768.html.
  3. Zur Bedeutung vgl. etwa Grand Dictionnaire Ricci, Bd. 6, S. 409 (Nr. 11830). – Zur Bedeutung der Farbe Purpur vgl. Wolfram Eberhard: Lexikon chinesischer Symbole. Die Chinesen und ihre Schrift (München, 5. Aufl. 1996) 177 (“Lila”).
  4. Vgl. dazu J. J. M. de Groot: Universismus. Die Grundlage der Religion und Ehtik, des Staatswesens und der Wissenschaften Chinas (Berlin 1918), 129 f. und Patricia Bjaaland Welch: Chinese Art. A Guide to Motifs and Visual Imagery (Singapore 2008) 223 (“Purple”).
  5. Otto Franke: Geschichte des chinesischen Reiches, Bd. 1 (Berlin 1930) 79.

Quelle: http://wenhua.hypotheses.org/874

Weiterlesen

NS-Raubgutforschung an der Bayerischen Staatsbibliothek

Die Bayerische Staatsbibliothek gab am Freitag, 8. November 2013, 136 Titel in 121 Bänden aus der Büchersammlung der Münchner Freimaurerloge “Zum aufgehenden Licht an der Isar” an den Distrikt Bayern der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland zurück. Zur Sammlung zählte eine größere Anzahl von Büchern und Zeitschriften überwiegend freimaurerischen und philosophischen Inhalts aus dem frühen 19. bis 20. Jahrhundert. Die Loge wurde im Sommer 1933 aufgelöst.

Raubgutforschung an der BSB

Die Bayerische Staatsbibliothek sucht seit 2003 in ihren Beständen nach NS-Raubgut. Sie orientiert sich damit an der Verpflichtung, die alle öffentlichen Institutionen der Bundesrepublik Deutschland 1999 in einer gemeinsamen Erklärung zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz eingegangen sind. Die Förderung durch die Arbeitsstelle für Provenienzrecherche und Provenienzforschung am Institut für Museumsforschung der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz ermöglicht es nun, ihre Recherchen zum Abschluss zu bringen und Rückgaben durchzuführen.

Bücher der Freimaurer-Loge “Zum aufgehenden Licht an der Isar” in der BSB

1933 kam es wenige Wochen nach der Machtübernahme Hitlers zu ersten Ausschreitungen gegen Freimaurer in Deutschland. Ihr Zweck war es, die Brüder einzuschüchtern und zur Selbstauflösung ihrer Logen zu bewegen. Im August 1935 wurde die Schließung aller Logen angeordnet und die Freimaurerei verboten.

In München bestanden Anfang 1933 zehn Freimaurerlogen mit insgesamt über 800 Brüdern. Sämtliche Münchner Logen hörten noch im Lauf des Jahres 1933 auf zu existieren, darunter die “Loge zum aufgehenden Licht an der Isar”. Der gerichtlich bestellte Liquidator bot die Büchersammlung dieser Loge zum Kauf an. Zum Preis von 65 Reichsmark erwarb die Bayerische Staatsbibliothek daraufhin 186 Bände und arbeitete sie in den eigenen Bestand ein.

136 Bücher und Zeitschriften gelang es nun im Rahmen der NS-Raubgutforschung zu identifizieren. Da die “Loge zum aufgehenden Licht an der Isar” nach dem Ende des Nationalsozialismus nicht neu gegründet wurde, erfolgte die Rückgabe der Publikationen an den Distrikt Bayern der Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland als übergeordneter Einrichtung. Dieser wird die Bücher und Zeitschriften dem Deutschen Freimaurermuseum in Bayreuth überlassen.

Geplante weitere Rückgaben

Weitere Rückgaben von NS-Raubgut werden derzeit vorbereitet, neben anderen Freimaurerlogen aus Deutschland und Österreich vor allem auch an jüdische Vorbesitzer sowie an den Verband katholischer Religionslehrer und Religionslehrerinnen an den Gymnasien in Bayern, an die Zeugen Jehovas und an Organisationen der Arbeiterbewegung.

Weitere Informationen zur Raubgutforschung an der Bayerischen Staatsbibliothek:

http://www.bayerische-landesbibliothek-online.de/ns-raubgut

————
Dr. Stephan Kellner
Bavarica-Referent
Bayerische Staatsbibliothek
Ludwigstr. 16, 80539 München

E-Mail: Stephan.Kellner at bsb-muenchen.de
Tel. +89/28638-2278
Fax +89/28638-2804
URL: www.bsb-muenchen.de

www.bayerische-landesbibliothek-online.de
www.historisches-lexikon-bayerns.de
www.literaturportal-bayern.de

————————————————————————
https://lists.lrz.de/pipermail/geschichte-bayerns/2013-November/002299.html
————————————————————————

E-Mail Forum „Geschichte Bayerns“

Redaktion:
redaktion at geschichte-bayerns.de
http://www.geschichte-bayerns.de/
————————————————————————

Quelle: http://histbav.hypotheses.org/663

Weiterlesen

nachgefragt | Vergangenheit im Liveticker – geht das? | @9nov38

Das twitter-Projekt zum Novemberpogrom vor 75 Jahren @9nov38 (Homepage) verzeichnete mit inzwischen fast 11.000 Followern, zahlreichen Retweets und Kommentaren sowie einem breiten, positiven Medienecho (z.B.„Reichspogromnacht in 140 Zeichen“ oder „Geschichte neu gezwitschert“) in den vergangenen Tagen erstaunliche Erfolge. Die positive Resonanz ist erfreulich; dem Anspruch, neue Wege der Geschichtserzählung zu beschreiten um die Öffentlichkeit für Geschichte zu interessieren, ist – sicher weit mehr als die fünf Initiatoren des Projekts vorstellen konnten – Rechnung getragen worden. Das Web2.0 macht einmal das große Potenzial deutlich, historische Themen in neuer Form zu popularisieren.

Zwei kurze Gedanken bzw. Fragen sollen dennoch einem gewissen Unbehagen Ausdruck geben – und haben zunächst einen ganz subjektiven Subkontext: Ich mag keine sog. „Liveticker“, die im Netz auf Nachrichten- und Presseportalen inzwischen inflationär verbreitet sind. Stehen aktuelle Ereignisse, Katastrophen oder erwartbare Entscheidungen an, werden dort alle möglichen Informationsschnipsel angehäuft, Wichtiges steht neben Banalem, eine Analyse wird nicht gegeben, sie erfolgt assoziativ und situativ (sowie vermutlich nicht selten fehlgeleitet) beim Rezipienten. Auch weil die tweets von @9nov38 im Präsens verfasst werden, entsteht der Eindruck eines solchen Livetickers. Die erste Frage: Was können die Summe der teils in darstellender Form, teils auf Grundlage von Zitaten aus Quellen verfassten tweets zur historischen Erkenntnis des Ereignisses beitragen – oder konkreter: Ist die Erkenntnis gegenüber anderen Darstellungsformen nicht eher dünn?

Man könnte entgegenhalten: Der besondere Effekt des „Live-Bloggens“ historischer Ereignisse liegt sicher darin, eine zeitliche Abfolge, Entwicklung und Dramaturgie aufzuzeigen – somit Vergangenheit „erfahrbar“ zu machen. In der Geschichtsdidaktik ist dieser Anspruch aber durchaus umstritten. Die Vergangenheit ist vorbei, jede Geschichtsschreibung als Deutung von Vergangenheit in der (jeweiligen) Gegenwart ist eben vor allem durch die Gegenwart geprägt, durch aktuell wirksame Deutungsbedürfnisse und beispielsweise geschichtspolitische Gemengelagen. Ziel der Ausbildung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins ist insbesondere, die Unterscheidung von Vergangenheit und Geschichte bewusst zu machen. Man kann also 2013 nicht „live“ beim Novemberpogrom dabei sein, es ist vor allem auch nicht triftig für eigenes Handeln – anders als bei den Menschen 1938, die entweder großes Leid erfuhren oder zu Tätern oder stillschweigenden Zuschauern wurden. Deshalb die zweite Frage (vielleicht an zukünftige Projekte solcher Art, die @Julikrise zeichnet sich ja schon ab): Wäre es nicht sinnvoller, die Rückschau als historisches Narrativ im Imperfekt abzufassen und damit als solches zu kennzeichnen – dass also Geschichte geschrieben und nicht Vergangenheit „nacherlebt“ werden soll?

 

empfohlene Zitierweise    Pallaske, Christoph (2013): nachgefragt | Vergangenheit im Liveticker – geht das? | @9nov38 In: Historisch denken | Geschichte machen | Blog von Christoph Pallaske, vom 12.11.2013. Abrufbar unter URL: http://historischdenken.hypotheses.org/2196, vom [Datum des Abrufs].

Quelle: http://historischdenken.hypotheses.org/2196

Weiterlesen

Soziale Netzwerke: Faszinierendes Potential für die Rettung von Kulturgut | #KulturEr

Ein Beitrag zur Blogparade “Mein faszinierendes Kulturerlebnis

In den vergangenen Tagen war ich immer mal wieder auf Archivalia – nicht nur wegen der aktuellen Beiträge dort, sondern vor allem, um mir Beiträge, die jetzt gerade ein Jahr alt werden, durchzulesen.

Viel ist damals passiert in diesen Tagen im November 2012:

Vor einem Jahr nämlich war bekannt geworden, dass die Stadt Stralsund ihre historische Gymnasialbibliothek an einen Antiquar verkauft hatte.

Klaus Graf hatte das mit unglaublichem Engagement auf Archivalia, immer wieder über verschiedene Social-Media-Kanäle, aber auch auf unserem damals noch ganz jungen Gemeinschaftsblog Ordensgeschichte und bei L.I.S.A. öffentlich gemacht.

Eine Online-Petition wurde am 7. November gestartet, die innerhalb weniger Tage eine große Anzahl an Unterzeichnern fand, eine Facebookseite dazu eingerichtet.

Würde sich mein Dissertationsprojekt nicht mit Schulen in Altbayern und Böhmen, sondern in Stralsund befassen, so hätte ich dafür meine Quellen bei ebay ersteigern müssen: Dort nämlich wurden Schulschriften aus Stralsund angeboten, die in keinem Online-Katalog mehr verzeichnet waren.

Irgendwann wurde ich Mit-Administratorin der Facebookseite und wurde in den Verteiler des Organisationsteams aufgenommen.

Was folgte, waren arbeitsreiche Wochen, die allerdings viel Faszinierendes boten:

Unser kleines Team, das aus sieben Leuten bestand – oder besser: besteht –, hatte sich auch erst über Blogs und Social-Media-Kanäle zusammengefunden; sieben Leute mit ganz unterschiedlichem Hintergrund (darunter niemand aus Stralsund), die sich größtenteils noch nie vorher gesehen hatten, saßen nun in verschiedenen Ländern am Rechner, recherchierten, teilten die Informationen, bloggten darüber – und arbeiteten hervorragend zusammen.

Die Seite musste vernetzt werden, um auf die Petition aufmerksam zu machen; innerhalb weniger Tage erreichte sie eine beachtliche Anzahl an Personen:

 

Es war faszinierend, das große Potential von Werkzeugen des Web 2.0 zu erleben, die ich bereits kannte, und neue Werkzeuge kennen zu lernen.

Wichtig waren sie vor allem für die Vernetzung, Mobilisierung und Zusammenarbeit: „Fans“ und Seiten von Institutionen – insbesondere Archive und Bibliotheken – wurden auf die Petition aufmerksam, teilten den Aufruf zur Unterzeichnung und weiterführende Informationen, die wir dort angeboten hatten. Bei vielen, die unser Anliegen aufgegriffen und geteilt haben, durften wir uns bedanken: Es war faszinierend, die großartige Unterstützung, die Solidarität – auch aus dem Ausland, beispielsweise aus Georgia – zu erleben.

Eine breitere Öffentlichkeit wurde auf diese Weise über den aktuellen Stand auf dem Laufenden gehalten: neue Recherche-Ergebnisse konnten so schnell verbreitet werden. Auch Leser/innen und „Fans“ konnten Informationen beitragen und kommentieren.

Die ganze Aktion lief online – über Blogs und Social-Media-Kanäle.

 

Plakat Stralsund

Um für die Tagung „Offene Archive?“ (Speyer, 22./23. November 2012) mit Plakaten ausgerüstet zu sein, stand ich gerade in einem Copy Shop in Prag, als eine E-Mail mit erfreulichen Informationen eintraf: In Stralsund war gerade eine Pressekonferenz zu Ende gegangen. Wie dort bekannt gegeben wurde, waren mit Nigel Palmer (Oxford) und Jürgen Wolf (Marburg) zwei Gutachter bestellt worden, die die Lage eindeutig eingeschätzt hatten:

„Der Wert der Gymnasialbibliothek bemisst sich dabei keinesfalls nur am materiellen Wert der zum Teil kostbaren Einzelstücke, sondern weit mehr noch am Zusammenhang im Ganzen. Über mehr als drei Jahrhunderte werden in den Sammlungs- und Erwerbungsprofilen kulturelle, geistesgeschichtliche, theologische, naturwissenschaftliche, medizinische und bildungsgeschichtliche Entwicklungen transparent, die sich in einen überaus vielfältigen kulturellen Gesamtzusammenhang fügen“, so die Experten in ihrem Gutachten zum kulturhistorischen Wert der Stralsunder Gymnasialbibliothek (Vorläufiger Bericht, 19.11.2012; die Stellungnahme der Stadt Stralsund dazu: http://archiv.twoday.net/stories/219022682/)

Wie es in der Causa Stralsund weiterging – bzw. wie immer noch weitergeht –, kann man auf Archivalia nachlesen.

Auch unser Teammitglied Margret Ott hat dazu einen Beitrag für die aktuelle Blogparade eingereicht: http://www.blog.pommerscher-greif.de/stralsund-resumee/

„Für mich war alles, was ich rund um den Verkauf der “Stralsunder Gymnasialbibliothek” gelernt und erlebt habe, ein faszinierendes Kulturerlebnis. Was ist überhaupt eine Inkunabel, was zeichnet den Wert einer historischen Gymnasialbibliothek aus und was bewirkt die Zusammenarbeit vieler an einem gemeinsamen Projekt? Die Causa Stralsund war der Grund, dass ich viele begeisternde Menschen kennenlernen durfte und schlussendlich auch der Grund, uns als genealogischen Verein auch in die sozialen Medien zu bringen. Und die Causa Stralsund hat ja immer noch kein Ende: die Einstellung des designierten Nachfolgers zum 1. November liegt immer noch auf Eis.“

Auf der Speyerer Tagung “Offene Archive? Archive 2.0 im deutschsprachigen Raum (und im europäischen Kontext)” wurde die Causa Stralsund ebenfalls thematisiert: Bastian Gillner führte dort aus:

„Was nicht nur denk-, sondern tatsächlich machbar ist, zeigte sich hingegen zeitgleich in den USA: Im September verkündete der Gouverneur des Bundesstaates Georgia, dass ein rigider Sparkurs es nötig mache, die Georgia State Archives zum 1. November für die Öffentlichkeit zu schließen und von 10 Mitarbeitern 7 zu entlassen. Im unmittelbaren Anschluss an diese Ankündigung starteten die dortigen Archivare eine intensive Kampagne, in deren Mittelpunkt eine eigene Facebook-Seite als zentrale Plattform für alle entsprechenden Nachrichten, Proteste, Solidaritäts- und Unmutsbekundungen stand. Über diesen Weg gelang es nicht nur, in lediglich vier Wochen knapp 4.000 Unterstützer in dem sozialen Netzwerk zu generieren und diese Unterstützung in mehr als 17.000 Unterzeichner einer Online-Petition umzumünzen, sondern schließlich auch, die geplante Schließung vorerst abzuwenden (auch wenn der Kampf um die Arbeitsplätze momentan noch nicht beendet ist).

Was den deutschen Archivaren in einer problematischen archivpolitischen Situation nicht gelang, das gelang ihren amerikanischen Kollegen in einer ungleich dramatischeren Situation: Die Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für die eigenen Anliegen, was hierbei tatsächlich zu einem Erfolg der archivischen Seite führte. Bis vor einer Woche hätte ich noch behauptet, dass ein solches archivisches Social-Media-Campaigning unter Einbeziehung einer interessierten Netz-Öffentlichkeit in Deutschland nicht zustande käme. Doch die Causa Stralsund hat mich da eines Besseren belehrt und – passend zu dieser Tagung – hat wohl auch das deutsche Archivwesen seine erste erfolgreiche Kampagne, die maßgeblich in den sozialen Medien wurzelt.

(Bastian Gillner, Aufgewacht, aufgebrochen, aber noch nicht angekommen. Das deutsche Archivwesen und das Web 2.0, in: Weblog Archive 2.0, 30.11.2012, http://archive20.hypotheses.org/454.)

 

Unsere Facebookseite „Rettet die Archivbibliothek Stralsund“, die inzwischen gut vernetzt ist, führen wir fort:

Facebook Stralsund

Dort teilen wir weiterhin Informationen zur Causa Stralsund, aber auch zu anderen Fällen, in denen es um den Schutz von Kulturgut geht.

Auch dieses Weblog Kulturgut wurde in der Folge der Causa Stralsund gegründet:

Das “Weblog Kulturgut” begleitet wissenschaftlich die Debatte zum Erhalt historischer Kulturgüter als wertvolle und schützenswerte Geschichtsquellen. Im Vordergrund stehen gefährdete Kulturgüter in Archiven, Bibliotheken und Museen sowie öffentliche und private Sammlungen, zum Beispiel Adelsbibliotheken, Schloss- und Klosterausstattungen, Kirchen- und Klosterbibliotheken, historische Stadt- und Schulbibliotheken, universitäre Sammlungen. Dabei handelt es sich um bewegliche Kulturdenkmale im Sinne der Denkmalschutzgesetze, für deren Schutz es bislang keine organisierte Lobby gibt. […] Die Kulturgüter sollen gegen Vernichtung als historische Dokumente (insbesondere durch Zerschlagung gewachsener Sammlungen oder durch Zerlegen wertvoller Handschriften) geschützt werden, zugleich aber auch für Wissenschaft und Öffentlichkeit als kulturelle Allgemeingüter nutzbar sein.“

Mit dem Blog wurde auch ein Account bei Twitter eingerichtet: @agkulturgut.

Herzliche Einladung!

Quelle: http://kulturgut.hypotheses.org/307

Weiterlesen

@9nov38 – Digitale Stolpersteine zum Gedenken an die Reichsprogromnacht

von Michael Schmalenstroer

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Dies haben wir als Anlass für ein Experiment genommen. Ziel ist es, die Novemberpogrome „zeitversetzt“ auf Twitter darzustellen. Ein kleines Team aus jungen HistorikerInnen, bestehend aus Moritz Hoffmann, Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke und mir, hat in den letzten Wochen Bücher gewälzt, ist in Archive gestiegen und hat die Ergebnisse auf 140 Zeichen komprimiert. Das ist aufgrund der Komplexität und Ungeheuerlichkeit der Vorgänge keine einfache Aufgabe.

Bei der Vorbereitung ist korrektes wissenschaftliches Arbeiten für uns zentral. Die Idee für das Projekt kam in Anlehnung an das MDR-Projekt @9nov89live, welches den anderen 9. November live twitterte. Dort wurde allerdings mit erfundenen Personen gearbeitet und diesen Stimmungen, Emotionen und Ereignisse „angedichtet“. Das machen wir nicht. Alle unsere Tweets besitzen eine Quellenangabe, und die Datenbank wird nach dem Projekt veröffentlicht. Twitter macht es leider mit seiner 140-Zeichen-Begrenzung schwer, Belege direkt in die Tweets einzufügen. Wir haben auch ein paralleles Blog aufgesetzt, in dem wir etwas längere Texte veröffentlichen und Quellen sammeln, die nicht auf Twitter passen. Weitere Aspekte und Überlegungen erläutern wir in unseren privaten Blogs.

Die Vorbereitung dabei lief sehr spontan – im Oktober hatte Moritz Hoffmann die Idee zu diesem Projekt und er trommelte fünf junge Historiker*innen zusammen: Charlotte Jahnz, Petra Tabarelli, Christian Gieseke und mich. Wir kennen uns nur über die Sozialen Netzwerke; ich hatte einzig Charlotte Jahnz einmal auf einem TweetUp getroffen. Auch die Vorbereitung erfolgte komplett via Internet: Eine Facebook-Gruppe dient zur Diskussion und Abstimmung, die Tweets werden in einer Google-Docs-Tabelle gesammelt und dann mit Hootsuite zum passenden Zeitpunkt automatisiert veröffentlicht. Wir machen keine langen und unproduktiven Meetings, halten keine Telefonkonferenzen und haben auch kein Budget. Die Kosten für unser Projekt liegen bei momentan 10€ für die Domain 9nov38.de plus ein paar Euro Kopierkosten.

Der Erfolg hat uns selbst überrascht. Momentan hat der Account mehr als 10.000 Follower, und wir haben allein am Donnerstag, 7. November, immerhin 650 Leute dazu gebracht, sich freiwillig eine Primärquelle zur Judenverfolgung anzuschauen. Mittlerweile berichten sogar Zeitungen über uns und wir dürfen sogar Radiointerviews geben. Die Tagesschau berichtete auf ihrer Webseite, der Heise Newsticker, die Rhein Neckar Zeitung, Spiegel Online, die Rhein Zeitung, der Kölner Stadtanzeiger und sogar im Ausland gibt es Erwähnungen (http://9nov38.de/reaktionen/). Für ein kleines Projekt mit gerade einmal einem Monat Vorbereitungszeit und ohne Budget ist das erstaunlich. Pressemitteilungen haben wir natürlich auch nicht verschickt; die Reaktionen wurden wohl über Twitter und Blogs auf uns aufmerksam und kamen dann selbst auf uns zu.

Das neue OpenBlog von de.hypotheses bietet die Gelegenheit, einmal selbst in die Welt des Bloggens hineinzuschnuppern. Ich schreibe bewusst nicht „die neue Welt des Bloggens“, denn Blogs sind jetzt schon seit 10 Jahren etabliert. Das Projekt @9nov38 zeigt dabei, was möglich ist. Die Publikationskosten liegen praktisch bei Null und die Aufmerksamkeit übersteigt häufig die von gedruckten Texten. Außerdem – und das ist vielleicht das wichtigste – macht es Spaß1, gerade weil die alten Probleme wegfallen. Statt sich um Druckkostenzuschüsse zu bemühen und dann einen Sammelband mit Miniauflage zu veröffentlichen, kann man am Wesentlichen arbeiten und innerhalb kürzester Zeit ein interessantes Projekt mit großer Resonanz auf die Beine stellen. Also einfach mal machen, ausprobieren und experimentieren!

  1. Spaß ist bei einem Thema wie dem 9. November natürlich der falsche Begriff. Bei der Recherche gab es mehr als einen Moment, bei dem ich richtig geschluckt habe.

Quelle: http://openblog.hypotheses.org/50

Weiterlesen

Wünschelruten-Laufen als alternative archäologische Prospektionsmethode #KulturEr

Gastbeitrag von Kai Thomas Platz

Ein Beitrag zur Blogparade „Mein faszinierendes Kulturerlebnis“

Es trug sich vor langer Zeit in einer fernen Gegend zu…als ich, Student der Archäologie, auf einer Ausgrabung eines hallstattzeitlichen Gräberfeldes in der fränkischen Schweiz aushalf. In der Kampagne wurden 3 oder 4 klassisch aufgebaute Hügelgräber freigelegt, die der Zahn der Zeit eingeebnet hatte. Ein Steinkreis umfasste die ehemalige Aufschüttung, in deren Mitte sich eine Steinpackung befand, die einst die Grabkammer mit einem oder mehreren Verstorbenen überdeckte. Aber um die Bestattungen selbst soll es hier gar nicht gehen, sondern eher um die Möglichkeiten der Aufspürung solcher Gräber. In diesem Fall waren die Erdaufschüttungen bereits weg und nur noch der Steinkreis mit einer in der Mitte befindlichen Steinpackung waren zu finden. Die Grabungskampagne neigte sich dem Ende zu und der Herbst kam. Direkt neben der Fläche sollte im nächsten Jahr weitergegraben werden. Dann kam es zu einer Begegnung der dritten Art.

Ein Herr kam mit seiner Wünschelrute auf die Grabung und erklärte, dass er grad mal die neue Fläche abgehen würde, damit wir Archäologen wüssten, was nächstes Jahr freizulegen ist. Ich durfte ihn begleiten und tat dies mit großem Interesse. Der Herr hielt zwei dünne Metallstäbe in den beiden Händen, die er so hielt, dass sie sich am Ende überkreuzten.  Er ging also, sein hochsensibles Prospektionsinstrument vor sich gestreckt, über die Fläche. Er schritt langsam und hochkonzentriert die rechteckige Fläche in Bahnen ab. Völlig unvermittelt klappte die Rute nach unten. „Das ist der Steinkreis“. Nach zwei Schritten klappte die Rute wieder nach oben. Nach zwanzig Schritten zog es die Rute wiederum, wie von einem Magneten gezogen, nach unten. „Die Steinpackung!“ Höchst interessant! Der erste Grabhügel war zentimetergenau lokalisiert. Auf diese Weise fand die Rute 3 weitere prähistorische Grabstätten, ohne dass ihr Herr dabei vergaß überzeugend zu versichern, dass er das schon sehr oft mit hundertprozentiger Treffsicherheit gemacht habe.

Der Job in der fränkischen Schweiz war vorbei und ich widmete mich wieder meinem Studium. Im  nächsten Jahr fuhr ich aus reiner Neugier wieder in die Gegend, um die Kollegen zu besuchen. „Na, wie schauds denn aus? Wievill Grabhüchela sinna kumma?“ fragte ich. „Goar kanna!“. Das Gräberfeld war schlicht zu Ende gewesen. Spannend war, dass sich in einer Ecke des Grabungsschnitts, genau dort wo der Herr mit seiner Wünschelrute absolut gar nichts lokalisiert hatte, eine bis oben mit Steinen angefüllte, vorgeschichtliche Pinge fand, ein Bergbauschacht, der mit einer konventionellen Prospektionsmethode vermutlich entdeckt worden wäre. Aber Wünschelruten zeigen halt nur Wünsche und Wünsch-Dir-Was war an diesem Tag eben nicht.

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/889

Weiterlesen

How to write about the Vienna School of Art History?

Ein Kommentar zu Matthew Rampleys Vortrag:[i]

“How to write about the Vienna School of Art History?” Diese Frage ist brisant. Ihre Antwort lieferte Erkenntnis daüber, was die Welt der Wiener Schule im Innersten zusammenhält.

Um es kurz zu machen, der Referent, Matthew Rampley ließ das Publikum diesbezüglich an einem der traditionellen Mittwochsvorträge in Faustischer Unwissenheit zurück. Die Formel des Vortrags „How to write about Vienna School of Art History“ hatte sich zu „Die Wiener Schule der Kunstgeschichte“ verwandelt. Ein semantischer Shift vonTragweite. Im ersten Fall hätte es nämlich darum gehen müssen, wie die Konstruktion „Wiener Schule“ funktioniert.

Für diese zeichnet maßgeblich Julius von Schlosser verantwortlich, der 1934 in einem Aufsatz zwei Dinge gemacht hat:[ii] Erstens zeichnete er eine Genealogie von österreichischen Kunstgelehrten, die diese Schule bildeten und zweitens betonte er die deutsche Identität dieses Konstrukts und richtete es somit 1934 auf den großen nördlichen Nachbarn. Schlossers Wiener Schule ist eben keine „neutrale“ Auflistung der forscherischen Leistungen, sondern inkludiert und exkludiert bestimmte Forscher. Albert Ilg und Josef Strzygowski beispielsweise spricht der Autor die Zugehörigkeit zur exklusiven Gemeinschaft weitgehend ab. Im Falle Strzygowskis hat dies tatsächlich dazu geführt, dass er schwer integrierbar in das Wiener System zu sein scheint. Solcherlei langlebige Verzerrungen zeigen dann, wie wirkmächtig Schlossers Erfindung schlussendlich ist.

Austrohungarypostcarddubrovnik1914-05-20

Dass es viele Einzelstudien zu Akteuren der Wiener Schule gibt, denen wenige zur Wiener Schule als solcher entgegenstehen, damit eröffnete Rampley die Erörterung. Der erste Versuch, die Wiener Kunstgeschichte in ihrer Methodik insgesamt zu erfassen, stammt von Vincenc Kramář.[iii]

Im Zentrum der in der rezenten wissenschaftsgeschichtlichen Aufarbeitung steht die „Riegl-Renaissance“, seit den 1970er Jahren.[iv] Hier wurde Riegl nachträglich zu einem der Antipoden der Visual Culture. Dabei wies Rampley auf die wichtige Tatsache hin, dass Riegls Multikulturalismus durchaus imperialistisch zu lesen ist und in der habsburgischen Staatsideologie als Vielvölkerreich gründet. In dieser herrschte eine – wenn man so will – deutsche Leitkultur, die zwangsläufig mit nationalistischen Bestrebungen der Kronländer in Konflikt geriet. Um die Berufung des Tschechen Max Dvořak auf die Wiener Lehrkanzel entzündete sich dann auch ein heftiger Streit.

Die Wechselwirkungen zwischen ihm, Riegl und der tschechisch-sprachigen Kunstforschung konnte Rampley überzeugend am El Greco-Vortrag Dvořaks nachweisen. So fußt der Vortrag auf einem Aufsatz des kubistischen tschechischen Malers Emil Filla, dessen theoretische Basis wiederum Riegls Kunstwollen bildet. Diese Reziprozität ist ein bisher unbearbeitetes Terrain, angesichts der Sprachbarrieren und territorialen Barrieren in Zeiten des Kalten Kriegs aber längst überfällig. Die spezifische Wiener Situation offenbart sich am Gegensatz von Zentrum und Peripherie innerhalb der Donaumonarchie, sie ist als solche atypisch im deutschsprachigen Raum. Innerhalb dieses kulturrelativistischen Systems kommt es sowohl zur kulturellen Mimikry als auch zum Widerstand. Kunstgeschichte diente als Instrument des Widerstandes, als Manifest spezifischer kultureller Identität.

Denkt man Rampley weiter und fragt danach, wie eine Geschichte der Wiener Schule zu schreiben wäre, so hätte man eine Phase 1, die von 1849-1918 reicht und deren Amalgam der Liberalismus und die Habsburger Monarchie mit Fokus auf dem Deutsch-Österreichertum bilden. Einen Sonderstatus nimmt dabei einzig Strzygowski ein, der mit seinem vergleichenden bildwissenschaftlichen globalen Ansatz die Debatte nach der Frage um die gesamte europäische Identität insgesamt anstößt. Dieses progressive Denken wird allerdings vom „Nordstandpunkt“ seines völkischen Spätwerks fast vollständig verdeckt. Auch erklärt sie nicht dieses Paradoxon. Die Komplexität der politischen Haltungen nimmt in den 1920er und 1930er Jahre zu – vorausgesetzt man betrachtet alle Akteure, die am Institut in dieser Zeit lehren und nicht nur die Ordinarii. Eine Auseinandersetzung mit der Frage des Österreichischen in der Kunst liefert beispielsweise Sedlmayr mit seinem “Österreichischen Barock”.

Man ist geneigt, zu sagen: Lieber Julius von Schlosser, danke für Ihren gelungenen PR-Gag, jetzt wenden wir uns wieder wichtigeren Dingen zu. Aber solche Setzungen sind keine belanglosen Erscheinungen. Sie verschaffen Akteuren einen Zuschreibungsrahmen in ein spezifisches, exklusives elitäres Wissenschaftsdispositiv, denn nicht jede/r AbsolventIn repräsentiert(e) automatisch die Institution. Daher muss die Frage lauten: Wie wurde die Geschichte der Wiener Schule geschrieben? Oder: Wie ist die Geschichte der Wiener Schule zu schreiben. Ob sich diese Zauberformel, des Pudels Kern gewissermaßen jemals offenbaren wird, darüber bin ich sehr gespannt.

 

[i] Matthew Rampleys Vortrag, “Die Wiener Schule der Kunstgeschichte” fand am 23. Oktober 2013 im Rahmen der Mittwochsvorträge der Kunsthistorischen Gesellschaft statt. Rampley hält eine Professur für Kunstgeschichte an der University of Birmingham. Seine Monographie, The Vienna School of Art History. Scholarship and the Politics of Empire, 1847-1918 (University Park, 2013) ist derzeit in Vorbereitung.

[ii] Julius von Schlosser, Die Wiener Schule der Kunstgeschichte. Rückblick auf ein Säkulum deutscher Gelehrtenarbeit in Österreich.” Mitteilungen des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung Erg. Bd. 13 (1934).

[iii] Vincenc Kramář, “Videňská Škola Dějin Umění,” in: Volné Směry (1910).

[iv] Georg Vasold, Alois Riegl und die Kunstgeschichte als Kulturgeschichte. Überlegungen zum Frühwerk des Gelehrten,  Freiburg i. Br. 2005, S. 6.

Quelle: http://artincrisis.hypotheses.org/530

Weiterlesen

“1914. Die Avantgarden im Kampf” – Ausstellung in der Bundeskunsthalle

1914_beckmann2_960x397

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt vom 8. November 2013 bis 23. Februar 2014 die Ausstellung “1914. Die Avantgarden im Kampf”.

Die Ausstellung untersucht das Schicksal der modernen Kunst in ihrem Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg anhand von über 300 herausragenden Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen sowie dokumentarischen Fotografien von 60 der wichtigsten Künstler aus ganz Europa, darunter Max Beckmann, Otto Dix, Wassily Kandinsky,  Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde, Pablo Picasso und vielen anderen.

Während vor dem Krieg die europäischen Avantgarden einen engen Austausch untereinander pflegten, zerstörte der große Krieg dieses fruchtbare Zusammenspiel auf brutale Weise. Durch die völlig neuen, existenziellen Erfahrungen des Leidens und der Zerstörung fanden zahlreiche Maler und Zeichner noch in diesen Kriegsjahren zu bewegenden neuen Themen und bildnerischen Verfahren. Bei Kriegsende waren die Weichen für die richtungsweisenden Strömungen des 20. Jahrhunderts gestellt.

Ausführliche Informationen, Videos und Impressionen zur Ausstellung “1914. Die Avantgarden im Kampf” und zur Begleitausstellung “Missing Sons. Verlorene Söhne”.

Quelle: http://1914lvr.hypotheses.org/855

Weiterlesen

Die Novemberpogrome 1938 und das Microblogging-Projekt @9nov38

Im vergangenen Jahr wagte sich der MDR an ein innovatives Format der Geschichtsvermittlung. In 244 zwischen dem 4. Oktober und dem 10. November verfassten Tweets auf dem Microblogging-Dienst Twitter sollte an die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze am 9. November 1989 erinnert werden. Diese Darstellung des aus den unterschiedlichsten Perspektiven (Journalist, DDR-Bürger, Grenzsoldat usw.) beleuchteten historischen Ereignis verfolgten mehrere hundert Follower.

#OberstleutnantJaeger Ich sehe jubelnde Menschen, die einfach in den Westen laufen. Schaue schweigend zu.

— 9Nov89live (@9Nov89live) November 9, 2012

Auf der Homepage des MDR sind bis heute zusätzliche Informationen zur Konzeption des Projekts, zu den historischen Hintergründen und den dargestellten Personen einsehbar.

Seit einigen Tagen erregt ein vergleichbares Projekt überregionales Aufsehen und wurde zuletzt im englischsprachigen Teil von SpiegelOnline und bei Tagesschau.de prominent besprochen. Unter dem Accountnamen “Heute vor 75 Jahren” @9nov38 bloggen fünf junge Historikerinnen und Historiker zu den Ereignissen rund um den 9. November 1938. Was zunächst wie eine Neuauflage der Idee des MDR anmutet, folgt jedoch einem anderen Ansatz. Auf der begleitenden Homepage wird der wissenschaftliche Ansatz betont, dem sich Macher verpflichtet fühlen und den sie beim letztjährigen Projekt vermissten. Alle Tweets orientieren sich an Quellen, sind nach wissenschaftlichen Maßstäben ausgewählt und aufbereitet worden und werden im Anschluss an das Projekt auf der Homepage durch die entsprechenden Quellennachweise und Literaturverweise belegt.

In Kassel werden gerade die Kultgegenstände der Synagoge in der Unteren Königsstraße auf dem Vorplatz zerstört und verbrannt.

— Heute vor 75 Jahren (@9Nov38) November 7, 2013

Ergänzt wird dieses Angebot durch selbstreflektierende Ausführungen zur Auswahl der Quellen, zur Gestaltung und zeitlichen Platzierung der Beiträge sowie durch kurze Darstellungstexte zu ausgewählten Themen wie der nationalsozialistischen Presselandschaft und der Propaganda.

Bemerkenswert an dem Projekt ist die Tatsache, dass es sich bei den fünf Autoren um junge Historikerinnen und Historiker handelt, die sich noch im Studium befinden oder jüngst ihren Abschluss erworben haben. Die Professionalität und das Engagement ist vorbildlich.

 

Quelle: http://zwopktnull.hypotheses.org/93

Weiterlesen