Warum Lemgo „Alte Hansestadt“ heißt – ein fürstliches Geschenk vor 100 Jahren

Verleihungsurkunde vom 30. Mai 1916 (StaL B 2080)

Verleihungsurkunde vom 30. Mai 1916 (StaL B 2080)

Der offizielle Titel Lemgos „Alte Hansestadt“ wurde 1916 vor 100 Jahren vom lippischen Fürsten Leopold IV. als Ehrentitel verliehen. Neben Lemgo tragen nur noch Hamburg, Bremen und Lübeck (bis 1937) den offiziellen Beinamen „Hansestadt“. Im Gegensatz zu diesen Städten, die ihre Unabhängigkeit und Freiheit bis in die Neuzeit retten konnten (bzw. bei Hamburg und Bremen in eigener Staatlichkeit bis heute), verlor Lemgo den besonderen Status innerhalb der Grafschaft Lippes nach dem 30jährigen Krieg zunehmend. Eine Wiederbelebung der kommunalen Unabhängigkeit war mit dieser Titelverleihung 1916 also nicht mehr verbunden.

Warum wurde dann Lemgo dieser schmückende und an das historische Erbe erinnernde Titel 1916 verliehen?

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Quelle: http://liparchiv.hypotheses.org/583

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Eric Schnakenbourg (Nantes): Kann man die Neutralität im Mittelalter denken?

Deutschsprachige Zusammenfassung des Vortrags vom 15.06.2015: Peut-on penser la neutralité à l’époque médiévale? Genau genommen bekommt der Begriff „Neutralität“ im 15. Jahrhundert den Sinn der politischen Objektivität, was zahlreiche Autoren zu der Betrachtung geführt hat, dass es jene Neutralität im … Continue reading

Quelle: http://jeunegen.hypotheses.org/1466

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Piraterie: Der Mythos Klaus Störtebeker

Die Legende des furchtlosen Seeräubers, des Schreckens der Hanse und ihrer Pfeffersäcke ist wohl die beliebteste und bekannteste Geschichte der deutschen Piraterie. Ihr Ende soll sie in Hamburg gefunden haben. Betrachten wir das Legendengespinst einmal genauer, sieben wir Fiktion und dramaturgische Zusätze heraus – was bleibt übrig von der norddeutschen Heldengestalt Klaus Störtebeker?

von Dennis Störtebecker

Der historische Kontext

Klaus, Nicolaus oder Clawes Störtebeker hat als historische Figur eine Präsenz in unserer Gesellschaft, welche auf eine reichhaltige Quellenlage hindeutet. Betrachten wir die tatsächlich vorhandenen Dokumente über ihn, wird schnell klar: Die Gestalt des Piraten, wie wir sie heute kennen, ist historisch nicht fassbar. Zu wenige Quellen überliefern Informationen zur Person Klaus Störtebeker. Die jüngere Forschung zu seiner Biografie ist eng mit dem Wandel im Forschungsfeld der Piraterie verbunden. Sie konzentriert sich auf die Sozialgeschichte; auf das soziale Elend, das Piraterie hervorbringt und ihre Auswirklungen. Das vorrangige Problem, welches sich dem Historiker daher stellt, ist das Herausfiltern der wenigen Fakten über Störtebeker, von denen mit größtmöglicher Sicherheit gesagt werden kann, dass sie wahrscheinlich sind. Die konkrete Aufgabe lautet nun, die Sagengestalt des Klaus Störtebeker mit Hilfe der historischen Quellen zu entwirren und die wahre Person (soweit möglich) zu rekonstruieren. Die Trennung von Legende und historischer Person fällt nach über 600 Jahren Zeitspanne schwer, auch durch den Einfluss des Bildes von Störtebeker, welches sich (unabhängig von der Quellenlage) schon in der Gesellschaft verfestigt hat.

Wo und wann Störtebeker genau geboren wurde, ob er als einfacher Sohn eines Landarbeiters oder als Erbe eines Adelsgeschlechtes das Licht der Welt erblickte, wurde uns nicht überliefert. Seine Existenz kann erstmalig auf das Jahr 1380 datiert werden, in der Stadt Wismar, welche vermutlich seine Geburtsstadt war (wobei noch um die 20 weitere Städte dieses von sich behaupten).  Im liber proscriptorum1 der Stadt, dem Verfestigungsbuch, taucht der Name Nicolao Störtebeker als Opfer einer Schlägerei auf. Die Schläger werden aus der Stadt verbannt; mehr sagt uns die Quelle nicht. Bei einem Abgleich derartiger Überlieferungen mit dem angeblichen Wissen, welches wir heute über Störtebeker besitzen, zeigt sich eine tiefe Kluft.

Die Entstehung der Vitalienbrüder

Viele Jahre lang deutet nichts auf eine Karriere Störtebekers als Freibeuter hin, bis 1389 Königin Margarete von Dänemark zunächst Norwegen ihrem Reich zufügt und dann Schweden erobert, den schwedischen König gefangen nimmt und Stockholm belagert, welches sich der dänischen Belagerung allerdings widersetzen kann. In dem durch Familienbande mit dem König von Schweden verbundenen Mecklenburg, in den Städten Wismar und Rostock, werden alle Leute willkommen geheißen, die der Dänenkönigin schaden wollen und können, so auch „omnes malefici, omnes profugi, sive proscripti“. Zwielichtigen Seeleuten, Übeltätern und Geächteten wird eine sichere Zuflucht und Reichtum versprochen. Der versprochene Reichtum und die Aussicht auf einen sicheren Aufenthaltsort lockt große Gruppe von Menschen an, die sich einen Vorteil aus dem laufenden Konflikt versprechen. Sie sollen das belagerte Stockholm mit Lebensmitteln versorgen und werden mit herzöglichen Kaperbriefen ausgestattet, um Seeraub zu betreiben. Ausgerufenes Ziel der Piraterie waren dänische Schiffe und jene, die mit Margarete verbündet sind. Die Seeräuber lassen diese feine Unterscheidung jedoch schon bald über Bord gehen und rauben, plündern und entern jedes Schiff, das ihnen auf der Ostsee in die Hände fällt, ungeachtet der Herkunft und Nationalität.

Diese Gruppe von Seemännern wird schon bald unter dem Namen „Vitalienbrüder“ (die Lebensmittelbeschaffer) bekannt und mit ihr einer ihrer Hauptmänner, Klaus Störtebeker. Klaus Störtebeker selbst wird, wie bereits beschrieben, nur in wenigen Quellen direkt erwähnt. Informationen über die so genannten Vitalienbrüder, jene Söldner- und Kapergruppe, die im 14. Jahrhundert die Nord-und Ostsee unsicher machte, finden sich in Dokumenten, Verträgen und Briefen dagegen vielfach.

In einem Auszug aus der Lübecker Stadtchronik, der sogenannten Detmar-Chronik, ist die Gründung der Vitalienbrüder beschrieben: „In deme sulven iare warp sik tosamende en sturlos volk…unde heten sik vitalienbroder. Se spreken, se wolden tenn up de koninghinnen van Denemarken to hulpe deme koninghe von Sweden…” (In dem Jahr bildete sich eine nicht kontrollierbare Gruppe von Menschen… diese nannten sich Vitalienbrüder. Sie sagten, sie wollen wollten Krieg führen gegen die Königin von Dänemark, um dem König von Schweden zu helfen…).2

Das organisierte Treiben der Vitalienbrüder und der rege Schiffsverkehr auf der Ostsee machte sie, besonders aus dem Blickwinkel der Hanse, zur größeren Gefahr als der Krieg selbst. Ein Zoll wird von den Hansestädten erhoben, um Frieden erzwingende Schiffe auszurüsten, die sogenannten Vredeschepen. Auch lassen die Herren der Hanse verkünden, dass jeder, der den Seeräubern in irgendeiner Weise helfen sollte, das – beinhaltet die Ausrüstung mit Lebensmitteln, Waffen, Unterkünften oder auch einfach den Handel mit ihnen – mit Strafen bis hin zum Tode rechnen müsse.

Beutezug in der Nordsee

Eine weitere Nennung Störtebekers können wir auf den 15. August 1400 datieren, da sein Name in einem Vertrag zwischen dem Herzog von Holland und den Vitalienbrüdern genannt wird. Der Herzog befindet sich im Streit mit der Hanse, und die Vitalienbrüder sollen diesen Streit für ihn ausfechten. Der Herzog heuert die Vitalienbrüder als Söldner an, um die Hanse an ihrer fundamentalsten Stelle zu schädigen, dem Handel. In dem Vertrag werden Störtebeker und weitere Hauptleute erwähnt: „…dat wii een voerwarde ende gemacct heben mit…Stortebeker…van hore gemeenre vitaelgebroedere wegen tot honderte ende 114 manne toe“3 (…das wir einen Vertrag gemacht habenmit…Störtebeker…wegen der gemeinen Vitalienbrüder genannt, insgesamt 114 Mann…)

 

Mittelalterliche Karte des Nord- und Ostseeraums / Grafik: University of Texas Libraries

Mittelalterliche Karte von Nord- und Ostsee – Störtebeker war auf beiden Meeren zuhause / Grafik: University of Texas Libraries
 
 
 

Im Gegenzug für das Plündern der Schiffe der Hanse bietet der Herzog den Vitalienbrüdern einen Rückzugsorts und sichere Häfen an, in welchen sie ihr Beutegut verkaufen können. Die Vitalienbrüder sind wie elf Jahre zuvor mit herzoglichen Kaperbriefen und einem sicheren Rückzugsgebiet ausgestattet und bedrohen die Hanse erneut: „dat wii se tot onser vriensscap nehmen ende gheven him ludden goet, vry, vaste ende zeker geleide…”4 (Wir sie in unser Freundschaft aufnehmen und ihren Leuten ein gutes freies Geleit geben).

Die Aktionen der Vitalienbrüder ab dem Jahr 1400 führen auf Seiten der Hanse, insbesondere der Englandfahrer, welche von den Machenschaften der Seeräuber besonders schwer getroffen werden, zu der Entscheidung, eine Flotte auszurüsten, welche das Treiben der Piraten endgültig beenden soll. Auf Helgoland enden die Aktivitäten der Vitalienbrüder – und damit Störtebekers – mit der Niederlage gegen die hanseatische Flotte. Ob wirklich Klaus Störtebeker gefangen genommen wurde, kann nicht mit historisch genauer Sicherheit gesagt werden, aber da den Historikern aus der nachfolgenden Zeit keine größeren Piratenaktivitäten überliefert sind, können wir annehmen, dass wir das Ende des Seeräubers Störtebeker und den Beginn der Legendenbildung erreicht haben.

Historie und Legendenbildung

Im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts erfuhr die Legende (beziehungsweise war es zu jener Zeit noch eine Erzählung oder Geschichte) relativ wenig Veränderung; der historische Störtebeker und die Vitalienbrüder dürften noch im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung verblieben sein. Ab dem 16. Jahrhundert verfestigten sich jedoch die Geschichten, die sich mehr oder weniger von realen Geschehnissen unterschieden und sich mit den Ausschmückungen der Erzähler und deren Phantasie vermischten. Die Legende unterlag einer Um- und Überarbeitung, welche die Erfindung neuer und angeblich wahrer Tatsachen zur Folge hatte, die oft von aktuellen, zeitgenössischen Ereignissen beeinflusst wurden. Da die karge Quellenlage viel Interpretationsspielraum gelassen hatte (und immer noch lässt), konnte die Geschichte des Freibeuters immer so angepasst und umgedichtet werden, dass sie auf zeitgenössische Ereignisse anwendbar war.

Störtebeker wurde im Laufe der Zeit zum Ideal der einfachen Leute stilisiert, seine Piratenbande zu einer Gruppe von Sympathieträgern erhoben, welche den reichen Pfeffersäcken der Hanse zusetzten. Störtebeker wurde als Heldengestalt wahrgenommen, so wie es mit Piraten oft geschieht. Das Freibeutertum besitzt ein leicht als heldenhaft zu klassifizierendes Attribut: Freiheit. Piraten erscheinen uns als freiheitsliebende Romantiker, den Kampf gegen die Mächtigen suchend und niemandem als sich selbst verpflichtet. Dieses Attribut prägt das Bild Störtebekers noch im 21. Jahrhundert.

Historisch gesehen wurde der Seehandel durch die Piraterie Störtebekers und seiner Kumpane stark beeinträchtigt. Im Jahr 1392 stellte ein Beschluss auf dem Hansetag den gesamten Schonenverkehr der westlichen Ostsee für drei Jahre ein. Chroniken aus jener Zeit sowie Überlieferungen der Hanse berichten von enormen Preissteigerungen in Bezug auf die Güter, welche per Seeweg gehandelt wurden. Auch Lebensmittel, wie etwa Hering, wurden teurer. Sogar zu Hungersnöten soll das Treiben der Vitalienbrüder geführt haben. Aus einem Eintrag der Magdeburger Schöppenchronik wird die Situation deutlich: „…starben viele Leute und vor allem ungezählte Kinder. In diesen vier Jahren gab es einen großen Mangel an Korn, Nahrung, an Heringen und vielen Arten von Waren…“5 Als Held dürfte Störtebeker somit nicht auf alle seiner Zeitgenossen gewirkt haben.

Wer nach Bildern von Störtebeker sucht, trifft in der Regel auf einen Irrtum, welcher sich fest in der Geschichte Störtebekers verankert hat.

Anders als lange vermutet, stellt es nicht den berühmten Seeräuber dar, sondern Kunz von der Rosen, einen Berater des deutschen Kaisers Maximilian I. Dennoch zeigt die Abbildung das Bild Störtebekers, das die Menschen lange Zeit von ihm gehabt haben mögen: Ein wilder, zugleich edler Kumpane – natürlich mit verwegenem Barte.

Störtebekers Ende?

Besonders um die letzten Ereignisse im Leben des berühmten Seeräubers hat sich der legendenhafte Aspekt der Geschichte Störtebekers gerankt. Die Legende berichtet von einem heimtückischen Akt der Feinde Störtebekers, welche flüssiges Blei in die Ruderösen seines Schiffes gossen und die Seeräuber somit hilflos den hanseatischen Feinden auslieferten. Die historisch korrekte Version klingt allemal nüchterner: Störtebeker lag vor Helgoland im Schutz der Bucht (damals bestand noch eine Verbindung zwischen dem Inselfelsen und der östlich gelegenen Düne, welche einen nur von Nordwesten befahrbaren Naturhafen bildete) und ein starker Ostwind machte es seinem Schiff schlicht unmöglich, vor der aus Hamburg heraneilenden Flotte der Hanse zu fliehen. Dass Klaus Störtebeker wirklich am 22. April bei Helgoland von der Hanse gefangen wurde, wird durch einen Auszug aus der Chronik des Rufus (die Chronik der Hansestadt Lübeck im 12. und 13. Jahrhundert) bekräftigt, in dem es heißt : „Desser vytalien vovetlude weren genomet Wichman unde Clawes Störtebeker.“6 (Die Hauptleute der Vitalienbrüder Wichman und Klaus Störtebeker wurden gefangen genommen.) Dafür spricht zudem, dass der Name Klaus Störtebeker nach diesem Datum nicht mehr in den Berichten über Piraterie zu finden ist.

Auf dem Grasbrook im Süden Hamburgs sollen Störtebeker und seine Kumpanen schließlich ihr Ende gefunden haben. Und auch hier ist die Legendenbildung zu erahnen. Um seine Mannschaft vor dem Henker zu retten, schlägt Störtebeker einen Handel vor: Jeder seiner Leute, an welchen er nach seiner Enthauptung noch vorbeischreiten kann, soll begnadigt werden. Somit findet sich in nahezu jeder Geschichte über Störtebeker – sei es in Büchern, bei Festspielen oder in Filmen – die augenscheinliche Bestätigung dafür, dass der Geköpfte an elf seiner Kumpanen vorbeigeschritten sei und so ihr Leben gerettet hätte, wenn die anwesenden Offiziellen der Hanse die Abmachung nicht gebrochen hätten und daher alle Vitalienbrüder hinrichten ließen.

Eine historische Quelle, die dieses belegt, gibt es nicht. Von der Hinrichtung Störtebekers wissen wir nicht viel, nicht einmal, ob sie tatsächlich auf dem Grasbrook stattfand. Als 1887 auf dem Grasbrook zwei Schädel gefunden wurden, war schnell klar, dass einer der Schädel von Störtebeker sein müsse und man entschied sich, dass es der besser erhaltende von beiden sei.

Im Museum für Hamburgische Geschichte ist eine Rekonstruktion zu besichtigen, die nach diesem Schädel angefertigt wurde; eine wissenschaftliche Zusicherung, dass es sich bei dem erschaffenen Abbild wirklich um den Schädel des Piraten handelt, gibt es nicht.

Dem Quellenmangel zum Trotze

Das Interesse an der Geschichte des verwegenen Piraten führte über die Jahrhunderte dazu, dass die Lücken und leeren Seiten der Geschichte Störtebekers von den Menschen gefüllt wurden. Der Mythos hat ein Eigenleben entwickelt. Wir wissen heute so gut wie nichts über Störtebeker. Wer er wirklich war, ist nicht belegbar. Die Quellen schweigen beharrlich, oder sie sind uns nicht erhalten geblieben. Doch gerade das lückenhafte Wissen und das Verlangen der Menschen, der Geschichte ein Gesicht zu geben, beflügelt die Fantasie seit Jahrhunderten. Die wenigen Daten und Fakten, die wir aus dem Umfeld Störtebekers haben, werden dabei fest in die Legende eingebunden. Gut verdeutlichen lässt sich dies am Beispiel des Schiffes Bunte Kuh: Mal taucht es als das Schiff Störtebekers auf, mal als hanseatisches Schiff, auf welchem Störtebeker nach Hamburg gebracht wurde. Ein anderes Mal wird es zum Flaggschiff der hanseatischen Flotte, die gegen die Vitalienbrüder kämpft. Dabei wissen wir lediglich, dass die Bunte Kuh ein Schiff ist, das an der Aktion gegen die Vitalienbrüder teilgenommen hat. Allein der Name wurde, dank einer Rechnung über die Reparatur von Kampfschäden, in diesem Zusammenhang überliefert. Weder wurde es von Störtebeker kommandiert, noch war es das Schiff von Simon von Utrecht, dem Ratsherren, welchem fälschlicherweise der Sieg über die Vitalienbrüder zugesprochen wurde.

Betrachten wir diese Art der Legendenbildung, liegt der Schluss nahe, dass Klaus Störtebeker – der Quellenlage zum Trotze – nicht aus den Köpfen der Menschen verschwinden wird. Der Pirat, der Vitalienbruder, der einfache Mann Klaus Störtebeker mag uns zwar nicht überliefert sein, doch die Legende um die norddeutsche Heldengestalt wird nichts von ihrer Bedeutung einbüßen, denn ihre Hauptfigur, der Seeräuber Störtebeker, verkörpert das Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit.

 

Quellen:

1 Wismarisches Verfestigungsbuch, Wismar, 1380.

2 MUB (Mecklenburgisches Urkundenbuch)XXII12442, Anm.

3+4HR (Hanserezesse) I 4, 605, Vertrag Herzog Albrecht –Vitalienbrüder.

5 Magdeburger Schöppenchronik, Magdeburg 1350.

6 Chronik des franciscaner Lesemeisters Detmar.

Literatur:

  • Bents, Harms: Störtebeker. Dichtung und Wahrheit. Norden, 2003.
  • Puhle, Matthias: Die Vitalienbrüder. Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit. Frankfurt a. M., 1992.

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=1147

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13. Interdisziplinäre Sommerakademie des Zentrums für Mittelalter- und Renaissancestudien (ZMR) „Piraten“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München (02. bis 06. September 2013)

By Astrid Riedler-Pohlers, Claudia Hefter, Anil Paralkar
Veranstalter: Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien an der Ludwig-Maximilians- Universität, München
Organisation: Prof. Dr. Eva Haverkamp, Dr. Karoline Döring
Datum, Ort: 02. bis 06. September 2013, München

Die Seeleute (K.Döring, 2013)

Die Seeleute
(K.Döring, 2013)

Das Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien der Ludwig-Maximilians-Universität München, hervorgegangen aus dem Projektforum Mittelalter und frühe Neuzeit, widmet sich seit seiner Gründung im Jahre 2008 der Erforschung und Lehre im Bereich der mediävistischen Wissenschaften. Dabei stützt sich das Zentrum auf über 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sechs unterschiedlichen Fakultäten. Auch in diesem Jahr konnten die Teilnehmenden der mittlerweile 13. Sommerakademie von dieser einmaligen Vielfalt interdisziplinärer Forschung profitieren. Vom 2. bis 6. September 2013 stand die Veranstaltung dieses Jahr unter der Flagge der „Piraten“.

So stach am Montag eine Crew aus 30 Studierende internationaler Universitäten in See, um gemeinsam mit Kapitän Eva Haverkamp (Mittelalterliche Jüdische Geschichte) und Steuerfrau Karoline Döring (Mittelalterliche Geschichte) die schwierigen Gewässer um den Begriff „Piraterie“ herum zu befahren. Als Grundlage diente eine Einführung in die teilweise unklare Terminologie, wie beispielsweise dem Unterschied zwischen Pirat und Kaperfahrer. Ein weitreichender Fragenkatalog sollte Denkanstöße für die Module der kommenden Tage geben. Ein Versuch das Phänomen zu lokalisieren führte dessen Internationalität vor Augen. Besondere Berücksichtigung fand dabei die Perspektive jüdischer Kaufleute als Opfer von Piraterie im Indischen Ozean.

Im Anschluss präsentierte Albrecht Berger (Byzantinistik) eine umfassende Darstellung der „Pirates of the Aegean – Piraten im griechisch-byzantinischen Raum von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert“. Hierbei zeigte, er dass Völkerwanderungen häufig mit Piraterie einher gingen. Eine besondere Rolle kam dabei Kreta zu, welches als Tor zur Ägäis häufig als Piratennest diente. Im Zuge seiner Ausführungen wies er auf Piraten als populäres literarisches Motiv seit der Spätantike hin. Die Breite des Themas regte dazu an, sich mit den einzelnen Zeitabschnitten noch einmal im weitergehenden Studium gezielt zu befassen.

Unter dem Motto „Piraterie und Kaperfahrt im spätmittelalterlichen Hanseraum“ gab Kilian Bauer (Mittelalterliche Geschichte) einen Einblick in Welt und Struktur der deutschen Hanse. Daraufhin stellte er die dortigen Ursachen für Seeraub und Kaperei in den Raum. Zu einer ausführlichen Diskussion führte die Frage nach dem Selbstverständnis, der Organisation und dem Alltagsleben der Vitalienbrüder. Auch die Interaktion lokaler Machthaber mit den Vitalienbrüdern spielte eine große Rolle.

Der Kapitän mit einem Teil der Mannschaft. Erste Beute (K. Döring, 2013)

Der Kapitän mit einem Teil der Mannschaft: I. Fees, A. Riedler-Pohlers, C. Hefter, J. P. Schirrmacher, A. Paralkar (von links nach rechts). Erste Beute
(K. Döring, 2013)

Inhaltlich schloss Romedio Schmitz-Esser (Mittelalterliche Geschichte) mit dem Thema „Der Leichnam der Piraten (Sterben auf See, Exekution von Piraten)“ unter besonderer Berücksichtigung des norddeutschen Raums an. Der Tod eines Christen auf See stellte ein spezielles Problem dar, weil nicht nur medizinische, sondern auch religiöse Vorstellungen beachtet werden mussten. Im zweiten Abschnitt seines Moduls ging der Dozent auf die öffentliche Hinrichtung von Piraten ein, welche eine abschreckende Wirkung für andere Piraten und ein Gefühl von Sicherheit für die Bevölkerung erzeugen sollte. Dazu diente auch die Wahl der Richtstätte, wie zum Beispiel des Grasbrooks in Hamburg, wo man zwei genagelte Schädel gefunden hat. Zuletzt wurde auf die heutige Medialisierung von Piraten am Beispiel der Gesichtsrekonstruktion des Seeräubers Klaus Störtebeker eingegangen.

Zu Beginn des zweiten Tages stellte Hans-Georg Hermann (Rechtsgeschichte) in seinem Modul „Keine Krankheit und doch von großem Übel: Grundruhr und Strandrecht“ die Definitionen dieser beiden Begriffe vor. Danach stand stets die Frage im Mittelpunkt, ob sich Aneigner fremder Sachen im legalen oder illegalen Bereich bewegten. Hierbei sprach der Dozent nicht nur Beispiele aus der Seefahrt an, sondern ging auch auf die Flussschiffahrt ein. Anhand des Sachsenspiegels und zahlreicher anderer Quellen wurde der signifikante Bedeutungswandel dieses „etablierten Rechtsinstituts“ veranschaulicht. Dieses wurde im Laufe der Geschichte je nach Deutungshoheit des Gesetzgebers kriminalisiert oder schließlich in Form von Bergelohn legalisiert.

Ihren Blick auf Italien und das Mittelmeer richtete Irmgard Fees (Historische Grundwissenschaften) mit der Betrachtung der „Gefahren des Meeres – aus der Sicht venezianischer Kaufleute des 12. Jahrhunderts“. An Hand einer Urkunde des Jahres 1112 führte sie in den Aufbau venezianischer Handelsgesellschaften ein. Unter Berücksichtigung der Handelsrouten wurden Abwehrmaßnahmen der Gesellschaften gegen Piraterie erläutert, wozu Schiffskonvois und Risikostreuung unter den Gesellschaftern dienten. Der stark diplomatische Zugang ermöglichte eine Erweiterung des Blickwinkels bei der Quellenexegese über die rein inhaltliche Betrachtung hinaus.

Arbeit an Deck (K. Döring, 2013)

Die Arbeit an Deck
(K. Döring, 2013)

Karl Borchardt (MGH) präsentierte im ersten Nachmittagsmodul „Piraterie im östlichen Mittel¬meer im Umfeld der Johanniter“. Nachdem sich die Johanniter auf Rhodos niedergelassen hatten, zählte besonders die Bekämpfung der muslimischen Seeräuberei zu ihren Hauptaufgaben. Unterstützung bei diesem Vorhaben fanden sie in Katalonien und in den italienischen Hafenstädten. In ihrem Vorgehen unterschieden sie sich häufig nicht von ihren Gegnern. Noch heute finden sich auf dieser damals strategisch so wichtigen Insel Überreste, die auf die einstige Existenz des Johanniterordens hinweisen. Neben den Ruinen von Zuckerrohrmühlen lebt ihr Andenken vor allem auch in den Straßennamen der Insel weiter, wie es zum Beispiel die Rittergasse heute erahnen lässt.

Erstmalig nahm dieses Jahr auch die Arabistik an der interdisziplinären Sommerakademie teil, vertreten durch Daniel Potthast (Arabistik) mit dem Thema „Die Sicherung der Seewege – Initiativen gegen Piraterie im Schriftverkehr zwischen Aragon und Granada“. Nach einer Einführung in die arabische Begrifflichkeit und die islamische Expansion, wurden völkerrechtliche Grundlagen auf der iberischen Halbinsel besprochen. Im Anschluss an einen Überblick zur Quellenlage folgte die Analyse des diplomatischen Austauschs zwischen Aragon und Granada in Bezug auf freibeuterische Aktivitäten. Besonders beeindruckte das weitreichende Informationsnetz Granadas, welches auch Schäden der einfachen Bevölkerung zur Kenntnis nahm. Zuletzt ging der Dozent auf die besonderen Charakteristika arabischer Briefe ein, was zu einer angeregten Diskussion führte.

Anthony Hu (Sinologie) leitete den dritten Tag der Sommerakademie mit dem Thema „Maritime Traders, Smugglers and Pirates: A Brief Introduction to Piracy in China during the period roughly between the 15th and 18th centuries“ ein. Von besonderem Interesse waren dabei die Gründe für chinesische Piraterie, welche vor allem in Armut und Rebellion gegen den Staat lagen, wobei staatlich auferlegte Handelssperren für den Seeverkehr ebenfalls dazu beitrugen. Folglich war der Übergang zwischen Seekaufleuten, Schmugglern und Piraten häufig fließend. Dies zeigte Anthony Hu an Hand der drei großen Phasen chinesischer Piraterie auf (bis Mitte 3. Jahrhundert, bis Anfang 10. Jahrhundert, 15.-18. Jahrhundert), wobei er besonders auf die späteste Phase einging. Gleichzeitig erläuterte er auch die Machtposition der Piraten, welche zeitweilig Züge eines eigenen Staatsbildungsprozesses annahm.

Roman Deutinger (Mittelalterliche Geschichte) präsentierte „Nordmänner, Dänen, Waräger“ und stellte die Frage „Wer waren die Wikinger?“. Ausgehend von ihrer etymologischen Abstammung erläuterte er die Unterschiede zwischen den nordischen Seevölkern und grenzte die Epoche ihrer Herrschaft zeitlich ab. Außer auf Schiffsbau und Kampftaktik ging der Dozent besonders auf die Motivation der Nordmänner auf víking-Fahrt zu gehen, ein. Das Modul endete mit einem Einblick in die spannende Harald-Hardrades-Saga.

Landgang (K. Döring, 2013)

Der Landgang
(K. Döring, 2013)

Den Nachmittag gestaltete Tanja Jorberg (Kunstgeschichte) im Rahmen einer Führung durch die Alte Pinakothek. Dabei stand „Das neue Raumbewusstsein der Renaissance im Spiegel der Kunst“ im Fokus der Aufmerksamkeit. Den Einstieg bildeten Seedarstellungen von Jan Brueghel d. Ä.. Später führte der Weg in der Pinakothek zu mittelalterlichen Goldgrundbildern und religiösen Darstellungen bei Rembrandt van Rijn, sowie zum Selbstbildnis von Albrecht Dürer. Leider fehlte bei den späteren Ausführungen der Zusammenhang zum Thema der Sommerakademie. Dennoch sollte der Besuch der Alten Pinakothek als Programmpunkt der Akademie beibehalten werden.

Der letzte Tag der Sommerakademie begann mit einem Vortrag von Ulrike Krischke (Anglistik) und Judith Huber (Anglistik), welche gemeinsam über „Pirates, Coursaires, and Skummers of the sea – Eine Begriffsgeschichte“ sprachen. Dies leiteten sie mit einem Überblick über die englische Sprachentwicklung und die englische Piraterie bis zur Frühen Neuzeit ein. Im zweiten Teil des Vortrags wurde vor allem die Entwicklung verschiedener nautischer Begriffe, wie auch der Bezeichnungen für Seeräuber in der englischen Sprache, erläutert. Insbesondere im Altenglischen wurden Freibeuter dabei gerne mit Wikingern assoziiert. Zusätzlich zeigte sich, dass die Begriffe für verbrecherische Piraten und staatlich legitimierte Kaperfahrer fließend waren und eine klare Trennung kaum möglich ist.

„Die zeitgenössische (und moderne) Wahrnehmung der Wikinger am Beispiel Irland“ war Gegenstand des Moduls von Sebastian Zanke (Mittelalterliche Geschichte). Er begann mit einer Einführung zur Geschichte des frühmittelalterlichen Irlands und ging auch auf die Quellenlage ein. Die Analyse der Annals of Ulster diente der genaueren Datierung der beiden großen Phasen von Wikingereinfällen sowie der Untersuchung, wie deren Wahrnehmung in den Quellen greifbar wird. Dabei entstand eine Diskussion über die Begriffsentwicklung, die die zunehmende Integration der neu angesiedelten Wikinger und deren Auswirkungen aufzeigte.

Anschließend setzte sich Anita Sauckel (Nordistik) mit „Óláfr Haraldsson“ auseinander, der als „Pirat und Nationalheiliger“ Gegenstand der Skaldendichtung war. Nach der Vorstellung der verfügbaren lateinischen und altisländischen Quellen zu Óláfr präsentierte die Dozentin seinen Lebenslauf, der geprägt war von Vikingfahrten und Konflikten um den Herrschaftsanspruch in Norwegen. Obwohl seine Taufe keine Erwähnung fand, wurde Óláfr bereits zwei Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen. Dies führte zu einer interessanten Debatte darüber, ob man gleichzeitig Pirat und Nationalheiliger sein konnte.

Die Gastcrew aus Moskau beim zweiten Landgang zu den MGH (K. Döring, 2013)

Die Gastcrew aus Moskau beim 2. Landgang zu den MGH
(K. Döring, 2013)

Eine freie Abschlussdiskussion ermöglichte eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Sommerakademie. Hier ruderte man zur ersten Sitzung und der Problematik der Terminologie zurück. Ein Versuch eine eigene Definition von Pirat / Kaperfahrer etc. zu finden, zeigte deutlich, wie schwer es ist, eine klare Abtrennung zu treffen. Besondere Aufmerksamkeit fand dabei die Unterscheidung zwischen Selbstverständnis und Fremdzuschreibung der Seeräuber. Ein Diskussionspunkt war auch Piraterie als Werkzeug zur Kreation und Etablierung von Herrschaft. Daran schloss sich ein allgemeines Feedback an, welches über die Erwartungen der Teilnehmenden an die Sommerakademie resümierte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Sommerakademie mit ihrer interdisziplinären Herangehensweise und ihrem weitem Blick über etablierte geographische und zeitliche Grenzen hinaus den Studierenden einen Zugang zur bisher wenig erforschten Geschichte der Piraterie von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit ermöglichte. Dadurch konnten bisherige Klischees über Seeräuber, die vor allem durch Romane und Filme über das goldene Zeitalter der Piraterie geprägt waren, gegen historisch fundierte Zugänge ersetzt werden. Leider konnten trotz des sehr breiten und abwechslungsreichen Programms Themen der Lebenswirklichkeit der Piraten (z. B. Schiffsbau, Erkennungszeichen und Selbstverständnis) nur wenig behandelt werden. Trotz starker Bemühung konnte eine chronologische und thematische Abfolge der Kurseinheiten nicht immer eingehalten werden. Die sehr quellennahe Arbeit schuf jedoch die Grundlage für eine stets sehr angeregte und angenehme Diskussionsatmosphäre. Diese wurde zudem durch die Teilnahme fünf russischer Studentinnen der HSE unter der Leitung von Michail A. Bojcov, welche eigens zur Sommerakademie aus Moskau angereist waren, stark gefördert. Durch die gute Zusammenarbeit sowohl der Teilnehmenden als auch des sehr engagierten Dozierendenteams kann die Sommerakademie als voller Erfolg verstanden werden. Wir würden uns freuen in den kommenden Jahren weiterhin in diesem Fahrwasser mitsegeln zu können und wollen mit einem lauten, bejahenden „ARRRR“ enden! Schiff ahoi!

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/2728

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aventinus mediaevalia Nr. 16 [29.04.2011]: „Ein schrîber uoch bî mir beleip …“ Der Einfluss der Hanse auf das mittelalterliche Bildungswesen [=PerspektivRäume Jg. 1 (2010), H. 2, S. 32-51]

http://www.aventinus-online.de/mittelalter/allgemeines/art/Ein_schribe/html/ca/bcb9f141d0303582764954bcb87d03c9/?tx_mediadb_pi1[maxItems]=10 Die Betrachtung nimmt sowohl die Ergänzung des kirchlichen Bildungsangebotes durch neue bürgerliche Latein- und Schreibschulen in den Städten als auch die Ausbildung der Kaufleute zur nun städtisch geprägten bürgerlichen „Bildungselite“ des Spätmittelalters in den Blick.

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2011/04/1256/

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