Die Wikinger kamen nach Berlin – in der Roskilde 6?

Ein Gastbeitrag von Ian Beuermann. Unser Gastautor hat sich die bis vor kurzem in Berlin gezeigte große Ausstellung "Die Wikinger kommen" für uns angesehen und besprochen. Die von den Staatlichen Museen zu Berlin gemeinsam mit dem dänischen Nationalmuseum und dem British Museum produzierte Ausstellung war zuvor bereits in Kopenhagen und London zu sehen. 

Ganz, wie es auch von den Kuratoren geplant war: Das Beindruckendste ist das Schiff:

Die Roskilde 6 im Berliner Martin-Gropius-Bau Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Die Roskilde 6 im Berliner Martin-Gropius-Bau
Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Die Roskilde 6 ist ein Riesenschiff, gut 37 Meter lang, das längste jemals gefundene Wikingerschiff, passenderweise entdeckt während Bauarbeiten für das Wikingerschiffmuseum in Roskilde. Das gut zu erkennende Loch, das die Baggerschaufel in den Rumpf gerissen hat, macht gleichzeitig klar, wie zufällig archäologische Funde sein können – und wie bruchstückhaft die uns überlieferten Quellen. Jedenfalls aber kann man sich den Schrecken vorstellen, den solche Schiffe verbreiteten, wenn sie in Europa auftauchten, plündernde und mordende Wikinger ausspien und mit Wertgegenständen und Sklaven wieder verschwanden. Aber genau das tat dieses Schiff wohl nicht: Es handelt sich um ein Prunkschiff, eventuell ein königliches Schiff, gebaut nach 1025, als die typischen hit-and-run Wikingerangriffe auf europäische Märkte und Klöster längst vorbei waren. Die Besatzung der Roskilde 6 waren keine “Wikinger” im klassischen Sinne.

Fibeln und Steigeisen — nur einige der vielen archäologischen Exponate in der Berliner Wikingerausstellung Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Fibeln und Steigeisen — nur einige der vielen archäologischen Exponate in der Berliner Wikingerausstellung
Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Und Wikinger im klassischen Sinne will uns die Ausstellung wohl eigentlich auch gar nicht zeigen. Mit ihrer räumlichen Anordnung nach den Themenfeldern “Kontakte und Austausch”, “Glaube und Ritual”, “Macht und Herrschaft” betont sie ökonomische und kulturelle Kontakte zwischen Skandinavien und Europa, sowie Heidentum, Christentum und Sozialstrukturen innerhalb der sich verändernden skandinavischen Gesellschaft. Die Ausstellung folgt also ganz dem Stil der Zeit, die Skandinavier zwischen c.800 und c.1200 als friedliche Händler und Siedler auf der ganzen Nordhalbkugel, und als Heiden und Halbchristen in hierarchischen Gesellschaften zu Hause darzustellen. Andere sonst typische Themen, die hier vielleicht zu kurz kommen, sind die Stellung von Frauen, Bauern und Sklaven.

Selbst das letzte Themenfeld “Krieg und Eroberung” bedient das Wikingerklischee nicht wirklich. Eine umfangreiche Sammlung von Schwertern, Äxten und Zaumzeug nimmt einen ganzen Saal in Anspruch, erscheint aber dank Beschränkung auf rein technische Informationen eher wie eine unblutige Eisenwarenausstellung. Im zweiten Kriegssaal läuft ein Endlosvideo mit dunklen Schwertkampfszenen ohne historischen Bezug, über einer Grube mit (echten!) Skeletten. Hier werden uns die Skandinavier als Opfer präsentiert; es handelt sich um ein Massengrab aus England, mit enthaupteten…ja, was genau? Enthaupteten Männern, in der Ausstellung und im Audioguide noch beschrieben als hingerichtete skandinavische Krieger, in der Führung schon re-interpretiert als erschlagene skandinavische Zivilisten (die Skelette indizieren nach neueren Untersuchungen ein unsportliches ungefährliches, kein Kämpfer-Leben). Harmlose Skandinavier, die von Angelsachsen im Blutrausch massakriert wurden? Das ist das Wikingerklischee auf den Kopf gestellt!

Zur eher friedlichen Stoßrichtung paßt vielleicht auch, daß es ganz überwiegend eine archäologische Ausstellung ist – das klassische Wikingerbild dagegen wird ja besonders eindrucksvoll in europäischen Texten über ihre Angriffe und in skandinavischen Texten über ihre Heldentaten zelebriert. Ein paar skandinavische Texte hat man aber trotzdem hie und da zwischen all den archäologischen Fundstücken eingestreut. Ohne Hintergrundinformation zu den Edda- und Saga-Auszügen, und ohne ein Wort zum schwierigen Verhältnis zwischen Archäologie und Text ist dies nicht sehr gelungen; ein Ganz-oder-gar-nicht bezüglich der schriftlichen Quellen wäre vielleicht besser gewesen.

Replik des Jellinge-Steins in der Wikingerausstellung Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Replik des Jellinge-Steins in der Wikingerausstellung
Flickr, CC-BY-NC-SA Gertrud K.

Was haben wir hier also? Eine eher traditionell aufgemachte und nicht immer gut beschilderte Ausstellung mit nicht unbedingt gleichmäßigem geographischen Fokus (sehr viel Dänisches, sehr wenig Isländisches), mit teils beeindruckenden berühmten archäologischen Fundstücken von ganz klein bis ganz groß im Original (vom Jellingbecher über den Hiddensee-Goldschatz bis zur Roskilde 6) oder als Replik (der Jellingstein), die einen guten Rundumeindruck vom archäologischen Stand der Forschung zu Skandinaviern zu Hause und in der Ferne c.800–c.1200 gibt, ohne bahnbrechendes Neues zu bieten. Und ja, eine Ausstellung, die uns dezidiert Skandinavier präsentiert, aber – aus Marketinggründen? – “Wikinger” titelt. Hineingehen hat sich trotzdem gelohnt.

Ian Beuermann hat seine Spezialisierung als Mediävist mit Schwerpunkt Nordeuropa vor allem in Norwegen an verschiedenen Institutionen durchlaufen. Seit mehreren Jahren ist er Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin, derzeit als Vertretungsprofessor für skandinavistische Mediävistik.

Quelle: http://nordichistoryblog.hypotheses.org/2821

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Ansgar, Horik und die Wikinger – der Überfall auf die Hammaburg um 845 n. Chr. (Teil I)

Unerwartet und schnell seien sie mit sechshundert Schiffen die Elbe hinaufgefahren und hätten die Hammaburg, die erste Wehrbefestigung, die beim heutigen Hamburger Domplatz am Speersort gelegen war, umzingelt und erstürmt. Plünderung, Feuer und Zerstörung machten um 845. n. Chr. die Holzbefestigung den Erdboden gleich. Seeräuber, angeführt vom dänischen König Horik I., führten diesen Überfall aus, so der Chronist Rimbert, der das Leben des Bischof Ansgar, seinerzeit geistliches Oberhaupt des Bistumsitzes in der Hammaburg in der Vita Anskarii dokumentierte.1

Jeglicher Widerstand war zwecklos und eine koordinierte Verteidigung der Stadt war in der Kürze der Zeit ohne fränkische Hilfstruppen nicht möglich. Zudem war der Stadtpräfekt, Bernhard, Gaugraf von Stormann nicht in der Stadt, um die Verteidigung zu organisieren. Bevor nun die „heraneilenden Heiden“ sich daran machten die Stadt zu plündern und flüchtende Bewohner niederzumachen, konnten Teile der Bevölkerung unter der Leitung von Bischof Ansgar entkommen und kostbare Reliquien des Bistumssitzes aus der Stadt schaffen. Nach zwei Tagen Besetzung legten die Plünderer die Stadt samt Kirche und Klosteranlage in Schutt und Asche.2 Soweit der Bericht von Rimbert.

Doch warum enthalten die Schilderungen des Chronisten, nach heutigem Kenntnisstand einige Schönheitsfehler? Warum ist es unwahrscheinlich, ja gar zu verneinen, dass Horik I. die Hammaburg angegriffen hat, um, wie von Rimbert behauptet, dem fränkischen Kaiser Ludwig den Frommen offen den Krieg zu erklären? Können darüber hinaus Aussagen über die Angreifer, ihre Motive und den Hintergrund des Feldzugs getroffen werden?

Seit 830 n. Chr. standen die Franken unter Ludwig dem Frommen in engerem wirtschaftlichen Austausch mit dem dänischen Alleinherrscher Horik I., der eine offene Konfrontation mit den Franken verhindern wollte und in einer Beschwichtigungspolitik versuchte den zunehmend häufiger auftretenden Wikingereinfällen durch das Bestrafen der verantwortlichen Rädelsführer, Herr zu werden. Doch obwohl Horik auf eine friedliche Koexistenz der beiden Reiche bedacht war, forderte er 836 n. Chr. im Gegenzug für seine freiwillig getätigten Strafexpeditionen unter den dänischen Plünderern eine Entlohnung vom fränkischen Kaiser. 838 n. Chr. verlangte Horik aus gleichem Grund die Herrschaft über die Gebiete der Friesen und Abodriten.3 Doch Horiks Forderung war vermutlich seiner Unwissenheit über das fränkische Herrschaftswesen geschuldet: Das Gebiet der Abodriten lag nicht im fränkischen Zuständigkeitsbereich und das friesische Gebiet konnte nur von jemanden beherrscht werden, der sich der Oberherrschaft des Kaisers unterstellte. Hierzu war Horik nicht bereit.4

Aufgrund häufiger werdenden Wikingerüberfällen im Frankenreich bis 840 n. Chr., geriet Horik als alleiniger dänischer König gegenüber Ludwig dem Frommen zunehmend in Erklärungsnot. Fränkische Vergeltungsmaßnahmen standen kurz bevor. Doch wollte Horik die Eigendynamik der Wikingerüberfälle unterbinden, musste er gegen die Verantwortlichen vorgehen, was ihm aber zunehmend innere Oppositionen im dänischen Reich bescheren konnte.5 Die Raubzüge gefährdeten schlichtweg seine Hausmacht. Horik stand in zweifacher Hinsicht mit dem Rücken zur Wand.

weiter zu Teil II

 

Bibliographie:

  1. Leben des heiligen Ansgar: zu dessen tausendjähriger Todesfeier am 3. Februar 1865. Hrsg.: Dreves, Leberecht/Rittinghaus, Eduard/Commans, Franz Heinrich. Übers.: Dreves,Lebrecht. Paderborn 1864. Kapitel 16, S. 55.
  2. Ebenda, Kapitel 16, S. 56.
  3. Helten, Volker: Zwischen Kooperation und Konfrontation. Dänemark und das Frankenreich im 9. Jahrhundert. Köln 2011. S. 202-203.
  4. Helten 2011. S. 204.
  5. Helten 2011. S. 204.

Quelle: http://jbshistoryblog.de/2014/12/ansgar-horik-und-die-wikinger-der-uberfall-auf-die-hammaburg-um-845-n-chr-teil-i/

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Ansgar, Horik und die Wikinger – der Überfall auf die Hammaburg um 845 n. Chr. (Teil II)

Wer verbarg sich hinter den Raubzügen um 845 n. Chr.?

Im Jahr 845 n. Chr. hatten die Plünderfahrten im Frankenreich zweifellos einen neuen Charakter erhalten: Richteten sich die Überfälle im Jahre 844 n. Chr. noch nicht ausschließlich gegen das Frankenreich, so erfolgten die Überfälle 845 n. Chr. planmäßig von West nach Ost gen Heimat gehend zunächst gegen westfränkische Gebiete in Paris und Saintonage in Aquitanien, dann gegen Friesland im Mittelreich und schließlich gegen das ostfränkische Hamburg.1 Im Jahr 845 n. Chr. wurde nun jedes der fränkischen Teilreiche von Überfällen heimgesucht. Womöglich von ein und demselben Wikingerverband durchgeführt, waren im Jahr 845 n. Chr. die überfallenen Regionen den Angreifern durch die fränkisch-dänischen Handelsbeziehungen hinreichend bekannt.2

Die Raubzüge im fränkischen Reich deuteten zunächst auf reine Beutezüge, nicht aber auf Eroberungsfeldzüge hin. Einzig und allein der Überfall auf die Hammaburg wies nicht nur wirtschaftliche Motive von Plünderung auf, sondern deutete auf politische Expansionsbestrebungen hin. Nach der Teilung des Frankenreichs 843 n. Chr. hatte die militärische Macht der Franken sichtlich nachgelassen. Hamburg, die Siedlung an der Elbe war im noch vereinten Frankenreich ein bedeutender Vorposten und sicherte fränkische Interessen in Nordalbingien. Fiel Hamburg, konnten die im Norden angrenzenden Dänen leicht ihr Territorium ausweiten und den fränkischen Einfluss im Norden brechen.3

Die Planmäßigkeit und Vielzahl der Überfälle im Jahre 845 n. Chr. und mögliche Absichten der territorialen Expansion beim Überfall auf Hamburg, deuteten zunächst auf Horik als Urheber hin. Insgesamt bestand der Erlös der Überfälle im Frankenreich aus Beutegütern, Lösegeldern und Sklaven. Neben bereits genannten Gefahren durch dänische Aufrührer und möglichen fränkischen Vergeltungsschlägen, stand für Horik, ökonomisch gesehen, der Umfang der Beuteerlöse nicht im Verhältnis zu dem Risiko der fränkischen Vergeltung und vor allem zu dem Versiegen seiner wichtigsten Einnahmequelle – dem Handel im dänischen Raum und mit den Franken.4

Warum sollte also Horik die Raubzüge im Frankenreich und gegen Hamburg, wie von Rimbert behauptet, durchführen und sich damit selbst schaden? Die Umstände und Hintergründe des Überfalls auf die Hammaburg im Jahre 845 n. Chr. geben hierzu weitere Aufschlüsse.

Unmittelbar nach dem Überfall auf Hamburg gab es einen Feldzug von Ludwig dem Deutschen gegen die Nordwestslawen, vermutlich gegen die Abodriten, gegen die der fränkische König bereits im Jahre 844 n. Chr. gekämpft hatte. Möglicherweise führten die Slawen im Jahre 845 n. Chr. gemeinsam mit den dänischen Wikingern die Überfälle im Frankenreich durch. Der Überfall auf die Hammaburg erfolgte jedoch von Wikingern, da er von See aus, unvermittelt und äußerst schnell, aufgrund von besten Ortskenntnissen, erfolgte.5 Die Gesamtorganisation der Raubzüge im Frankenreich um 845 n. Chr. muss konsequenterweise auch von Wikingern bzw. von einem Wikingerfürsten koordiniert worden sein. Der 845 n. Chr. bei den Raubzügen im Frankenreich betriebene Aufwand an Organisation, Material und Kriegern sowie die Koordination, Kombination und das Ausmaß der Raubzüge mussten vom Wikingerfürsten gesteuert worden sein, die für die Durchführung einer solchen Reihe von Überfällen über ausreichend Macht und Ressourcen verfügten.

Laut den Annales Xantenses war jedoch nicht Horik, sondern ein gewisser Rorik, Mitglied der dänischen Königssippe, der 850 n. Chr. als Lothars (I.) Gefolgsmann Karriere im mittleren Frankenreich machte, Drahtzieher der Überfälle im Jahre 845 n. Chr.. Dieser wurde von den Annales Xantenses irritierender weise als rex bezeichnet. Sein princeps war demnach der Wikingerfürst Reginher.6 Trotz mancher Detailtiefe und Kenntnisse der dänischen Königssippe wird Horik I. in den weiteren Erzählungen der Annales Xantenses nicht namentlich erwähnt, sondern nur in der Erläuterung der Thronfolge im dänischen Königshaus umschrieben. Horiks Name und Person scheint dem Verfasser der Annalen unbekannt gewesen zu sein. Horiks Todesjahr datiert er fälschlicherweise auf das Jahr 856 n. Chr. und nennt auch bei dieser Erläuterung nicht seinen Namen. Rorik erwähnt der Verfasser der Annalen hingegen mehrfach namentlich und berichtet von ihm im Zusammenhang mit den Überfällen von 845 n. Chr. und als Gefolgsmann von Lothar I. im fränkischen Mittelreich 850 n. Chr..7

Es sprechen drei Aspekte dafür, dass nicht Horik, sondern Rorik Drahtzieher der Überfälle im Jahre 845 n. Chr. war. 1. Horiks Machtstellung im dänischen Königreich, das durch die Überfälle auf das Frankenreich gefährdet war, 2. Horiks politisches und wirtschaftliches Verhältnis zu den Franken war durch die Überfälle gefährdet und schuf die konkrete Gefahr von fränkischen Vergeltungsschlägen, 3. Horik führte jahrelang eine konsequente Beschwichtigungspolitik gegenüber den Franken. Laut der Annales Bertiani und den Fuldaer Annalen beschwichtigte Horik auch nach dem Überfall auf die Hammaburg, den König des Ostfrankenreichs, Ludwig den Deutschen.8

Motive für die Überfälle 845 n. Chr. im Frankenreich

In den Jahren von Horiks Herrschaft waren für dänische Wikingerfürsten und Verwandte von Horik (z. B. Gudurm, Neffe von Horik) ein nennenswerter Machtzuwachs, das Scharen einer kampferprobten Kriegerschaft und materieller Reichtum nur über die Zuweisung von materiellen Gütern (beneficia) seitens Horiks, Raubzüge im Ausland oder aber über die konkrete Zusammenarbeit mit den Franken möglich.9 Letztere beide Aspekte stimmen mit Roriks Werdegang in den Jahren 845 n. Chr. bis 850 n. Chr. überein. Der Bericht der Annales Xantenes wirkt an dieser Stelle glaubwürdiger als der Bericht Rimberts in der Vita Anskarii.

Horik war während seiner Herrschaft stets darauf bedacht den Austausch und Kontakt mit den Franken aus wirtschaftlichem Interesse zu halten. Auch der Bau einer Kirche im dänischen Hedeby durch Ansgar um 850 n. Chr. war rein wirtschaftlichen Interessen geschuldet und belebte die Handelsaktivitäten in der Region Schleswig-Hedeby. Horik vermittelte weiterhin erfolgreich bei Ansgars Schwedenmission, um das belastete Verhältnis zu den Franken zu verbessern. Obwohl laut Rimbert zwischen Horik und Ansgar über die Jahre eine große Vertrautheit entstand, konnte Ansgar Horik nicht für das Christentum gewinnen. Ein wichtiges Ziel Ansgars war somit verfehlt.10

Mit manchen Indizien des Überfalls auf die Hammaburg, wie der geografischen Nähe, der Möglichkeit auf politische Expansion und der Tatsache, dass die Überfälle 845 n. Chr. von einem mächtigen Wikingerfürsten durchgeführt werden mussten, passte Horik als Drahtzieher für Rimbert perfekt ins Raster. Als Rimbert, der Vitenschreibers Ansgars, um 876 n. Chr. die Vita Anskarii verfasste, musste er sich an Horiks persönliche Verschlossenheit gegenüber dem Christentum erinnern. Doch statt dies zu erwähnen, feierte Rimbert Ansgar als denjenigen, der einen ehemaligen heidnischen Kirchenzerstörer von 845 n. Chr. und heidnischen Plünderer zum Kirchenstifter im Jahre 850 n. Chr. und Unterstützer der christlichen Kirche in Skandinavien machte. Rimberts Darstellungen der „Leistungen des Heiligen [Ansgars] in den schillerndsten Farben“11 erhielten somit keine Schönheitsfehler.

 

Empfohlene Zitierweise: Blümel, Jonathan (2014): Ansgar, Horik und die Wikinger – der Überfall auf die Hammaburg um 845 n. Chr. In: JBSHistoryBlog.de. URL: http://jbshistoryblog.de [Zugriff: DD:MM:YYYY]

 

Bibliographie:

  1. Helten 2011. S. 210.
  2. Helten 2011. S. 210.
  3. Helten 2011. S. 210.
  4. Helten 2011. S. 209.
  5. Helten 2011. S. 212-213.
  6. Helten 2011. S. 216. Anm.: Wikingerfürsten während der Überfälle als Könige zu bezeichnen war typisch in der fränkischen Historiographie.
  7. Helten 2011. S. 215.
  8. Helten 2011. S. 211.
  9. Helten 2011. S. 217.
  10. Helten 2011. S. 205-206.
  11. Helten 2011. S. 205.

Quelle: http://jbshistoryblog.de/2014/12/ansgar-horik-und-die-wikinger-der-uberfall-auf-die-hammaburg-um-845-n-chr-teil-ii/

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13. Interdisziplinäre Sommerakademie des Zentrums für Mittelalter- und Renaissancestudien (ZMR) „Piraten“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München (02. bis 06. September 2013)

By Astrid Riedler-Pohlers, Claudia Hefter, Anil Paralkar
Veranstalter: Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien an der Ludwig-Maximilians- Universität, München
Organisation: Prof. Dr. Eva Haverkamp, Dr. Karoline Döring
Datum, Ort: 02. bis 06. September 2013, München

Die Seeleute (K.Döring, 2013)

Die Seeleute
(K.Döring, 2013)

Das Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien der Ludwig-Maximilians-Universität München, hervorgegangen aus dem Projektforum Mittelalter und frühe Neuzeit, widmet sich seit seiner Gründung im Jahre 2008 der Erforschung und Lehre im Bereich der mediävistischen Wissenschaften. Dabei stützt sich das Zentrum auf über 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sechs unterschiedlichen Fakultäten. Auch in diesem Jahr konnten die Teilnehmenden der mittlerweile 13. Sommerakademie von dieser einmaligen Vielfalt interdisziplinärer Forschung profitieren. Vom 2. bis 6. September 2013 stand die Veranstaltung dieses Jahr unter der Flagge der „Piraten“.

So stach am Montag eine Crew aus 30 Studierende internationaler Universitäten in See, um gemeinsam mit Kapitän Eva Haverkamp (Mittelalterliche Jüdische Geschichte) und Steuerfrau Karoline Döring (Mittelalterliche Geschichte) die schwierigen Gewässer um den Begriff „Piraterie“ herum zu befahren. Als Grundlage diente eine Einführung in die teilweise unklare Terminologie, wie beispielsweise dem Unterschied zwischen Pirat und Kaperfahrer. Ein weitreichender Fragenkatalog sollte Denkanstöße für die Module der kommenden Tage geben. Ein Versuch das Phänomen zu lokalisieren führte dessen Internationalität vor Augen. Besondere Berücksichtigung fand dabei die Perspektive jüdischer Kaufleute als Opfer von Piraterie im Indischen Ozean.

Im Anschluss präsentierte Albrecht Berger (Byzantinistik) eine umfassende Darstellung der „Pirates of the Aegean – Piraten im griechisch-byzantinischen Raum von der Spätantike bis zum 15. Jahrhundert“. Hierbei zeigte, er dass Völkerwanderungen häufig mit Piraterie einher gingen. Eine besondere Rolle kam dabei Kreta zu, welches als Tor zur Ägäis häufig als Piratennest diente. Im Zuge seiner Ausführungen wies er auf Piraten als populäres literarisches Motiv seit der Spätantike hin. Die Breite des Themas regte dazu an, sich mit den einzelnen Zeitabschnitten noch einmal im weitergehenden Studium gezielt zu befassen.

Unter dem Motto „Piraterie und Kaperfahrt im spätmittelalterlichen Hanseraum“ gab Kilian Bauer (Mittelalterliche Geschichte) einen Einblick in Welt und Struktur der deutschen Hanse. Daraufhin stellte er die dortigen Ursachen für Seeraub und Kaperei in den Raum. Zu einer ausführlichen Diskussion führte die Frage nach dem Selbstverständnis, der Organisation und dem Alltagsleben der Vitalienbrüder. Auch die Interaktion lokaler Machthaber mit den Vitalienbrüdern spielte eine große Rolle.

Der Kapitän mit einem Teil der Mannschaft. Erste Beute (K. Döring, 2013)

Der Kapitän mit einem Teil der Mannschaft: I. Fees, A. Riedler-Pohlers, C. Hefter, J. P. Schirrmacher, A. Paralkar (von links nach rechts). Erste Beute
(K. Döring, 2013)

Inhaltlich schloss Romedio Schmitz-Esser (Mittelalterliche Geschichte) mit dem Thema „Der Leichnam der Piraten (Sterben auf See, Exekution von Piraten)“ unter besonderer Berücksichtigung des norddeutschen Raums an. Der Tod eines Christen auf See stellte ein spezielles Problem dar, weil nicht nur medizinische, sondern auch religiöse Vorstellungen beachtet werden mussten. Im zweiten Abschnitt seines Moduls ging der Dozent auf die öffentliche Hinrichtung von Piraten ein, welche eine abschreckende Wirkung für andere Piraten und ein Gefühl von Sicherheit für die Bevölkerung erzeugen sollte. Dazu diente auch die Wahl der Richtstätte, wie zum Beispiel des Grasbrooks in Hamburg, wo man zwei genagelte Schädel gefunden hat. Zuletzt wurde auf die heutige Medialisierung von Piraten am Beispiel der Gesichtsrekonstruktion des Seeräubers Klaus Störtebeker eingegangen.

Zu Beginn des zweiten Tages stellte Hans-Georg Hermann (Rechtsgeschichte) in seinem Modul „Keine Krankheit und doch von großem Übel: Grundruhr und Strandrecht“ die Definitionen dieser beiden Begriffe vor. Danach stand stets die Frage im Mittelpunkt, ob sich Aneigner fremder Sachen im legalen oder illegalen Bereich bewegten. Hierbei sprach der Dozent nicht nur Beispiele aus der Seefahrt an, sondern ging auch auf die Flussschiffahrt ein. Anhand des Sachsenspiegels und zahlreicher anderer Quellen wurde der signifikante Bedeutungswandel dieses „etablierten Rechtsinstituts“ veranschaulicht. Dieses wurde im Laufe der Geschichte je nach Deutungshoheit des Gesetzgebers kriminalisiert oder schließlich in Form von Bergelohn legalisiert.

Ihren Blick auf Italien und das Mittelmeer richtete Irmgard Fees (Historische Grundwissenschaften) mit der Betrachtung der „Gefahren des Meeres – aus der Sicht venezianischer Kaufleute des 12. Jahrhunderts“. An Hand einer Urkunde des Jahres 1112 führte sie in den Aufbau venezianischer Handelsgesellschaften ein. Unter Berücksichtigung der Handelsrouten wurden Abwehrmaßnahmen der Gesellschaften gegen Piraterie erläutert, wozu Schiffskonvois und Risikostreuung unter den Gesellschaftern dienten. Der stark diplomatische Zugang ermöglichte eine Erweiterung des Blickwinkels bei der Quellenexegese über die rein inhaltliche Betrachtung hinaus.

Arbeit an Deck (K. Döring, 2013)

Die Arbeit an Deck
(K. Döring, 2013)

Karl Borchardt (MGH) präsentierte im ersten Nachmittagsmodul „Piraterie im östlichen Mittel¬meer im Umfeld der Johanniter“. Nachdem sich die Johanniter auf Rhodos niedergelassen hatten, zählte besonders die Bekämpfung der muslimischen Seeräuberei zu ihren Hauptaufgaben. Unterstützung bei diesem Vorhaben fanden sie in Katalonien und in den italienischen Hafenstädten. In ihrem Vorgehen unterschieden sie sich häufig nicht von ihren Gegnern. Noch heute finden sich auf dieser damals strategisch so wichtigen Insel Überreste, die auf die einstige Existenz des Johanniterordens hinweisen. Neben den Ruinen von Zuckerrohrmühlen lebt ihr Andenken vor allem auch in den Straßennamen der Insel weiter, wie es zum Beispiel die Rittergasse heute erahnen lässt.

Erstmalig nahm dieses Jahr auch die Arabistik an der interdisziplinären Sommerakademie teil, vertreten durch Daniel Potthast (Arabistik) mit dem Thema „Die Sicherung der Seewege – Initiativen gegen Piraterie im Schriftverkehr zwischen Aragon und Granada“. Nach einer Einführung in die arabische Begrifflichkeit und die islamische Expansion, wurden völkerrechtliche Grundlagen auf der iberischen Halbinsel besprochen. Im Anschluss an einen Überblick zur Quellenlage folgte die Analyse des diplomatischen Austauschs zwischen Aragon und Granada in Bezug auf freibeuterische Aktivitäten. Besonders beeindruckte das weitreichende Informationsnetz Granadas, welches auch Schäden der einfachen Bevölkerung zur Kenntnis nahm. Zuletzt ging der Dozent auf die besonderen Charakteristika arabischer Briefe ein, was zu einer angeregten Diskussion führte.

Anthony Hu (Sinologie) leitete den dritten Tag der Sommerakademie mit dem Thema „Maritime Traders, Smugglers and Pirates: A Brief Introduction to Piracy in China during the period roughly between the 15th and 18th centuries“ ein. Von besonderem Interesse waren dabei die Gründe für chinesische Piraterie, welche vor allem in Armut und Rebellion gegen den Staat lagen, wobei staatlich auferlegte Handelssperren für den Seeverkehr ebenfalls dazu beitrugen. Folglich war der Übergang zwischen Seekaufleuten, Schmugglern und Piraten häufig fließend. Dies zeigte Anthony Hu an Hand der drei großen Phasen chinesischer Piraterie auf (bis Mitte 3. Jahrhundert, bis Anfang 10. Jahrhundert, 15.-18. Jahrhundert), wobei er besonders auf die späteste Phase einging. Gleichzeitig erläuterte er auch die Machtposition der Piraten, welche zeitweilig Züge eines eigenen Staatsbildungsprozesses annahm.

Roman Deutinger (Mittelalterliche Geschichte) präsentierte „Nordmänner, Dänen, Waräger“ und stellte die Frage „Wer waren die Wikinger?“. Ausgehend von ihrer etymologischen Abstammung erläuterte er die Unterschiede zwischen den nordischen Seevölkern und grenzte die Epoche ihrer Herrschaft zeitlich ab. Außer auf Schiffsbau und Kampftaktik ging der Dozent besonders auf die Motivation der Nordmänner auf víking-Fahrt zu gehen, ein. Das Modul endete mit einem Einblick in die spannende Harald-Hardrades-Saga.

Landgang (K. Döring, 2013)

Der Landgang
(K. Döring, 2013)

Den Nachmittag gestaltete Tanja Jorberg (Kunstgeschichte) im Rahmen einer Führung durch die Alte Pinakothek. Dabei stand „Das neue Raumbewusstsein der Renaissance im Spiegel der Kunst“ im Fokus der Aufmerksamkeit. Den Einstieg bildeten Seedarstellungen von Jan Brueghel d. Ä.. Später führte der Weg in der Pinakothek zu mittelalterlichen Goldgrundbildern und religiösen Darstellungen bei Rembrandt van Rijn, sowie zum Selbstbildnis von Albrecht Dürer. Leider fehlte bei den späteren Ausführungen der Zusammenhang zum Thema der Sommerakademie. Dennoch sollte der Besuch der Alten Pinakothek als Programmpunkt der Akademie beibehalten werden.

Der letzte Tag der Sommerakademie begann mit einem Vortrag von Ulrike Krischke (Anglistik) und Judith Huber (Anglistik), welche gemeinsam über „Pirates, Coursaires, and Skummers of the sea – Eine Begriffsgeschichte“ sprachen. Dies leiteten sie mit einem Überblick über die englische Sprachentwicklung und die englische Piraterie bis zur Frühen Neuzeit ein. Im zweiten Teil des Vortrags wurde vor allem die Entwicklung verschiedener nautischer Begriffe, wie auch der Bezeichnungen für Seeräuber in der englischen Sprache, erläutert. Insbesondere im Altenglischen wurden Freibeuter dabei gerne mit Wikingern assoziiert. Zusätzlich zeigte sich, dass die Begriffe für verbrecherische Piraten und staatlich legitimierte Kaperfahrer fließend waren und eine klare Trennung kaum möglich ist.

„Die zeitgenössische (und moderne) Wahrnehmung der Wikinger am Beispiel Irland“ war Gegenstand des Moduls von Sebastian Zanke (Mittelalterliche Geschichte). Er begann mit einer Einführung zur Geschichte des frühmittelalterlichen Irlands und ging auch auf die Quellenlage ein. Die Analyse der Annals of Ulster diente der genaueren Datierung der beiden großen Phasen von Wikingereinfällen sowie der Untersuchung, wie deren Wahrnehmung in den Quellen greifbar wird. Dabei entstand eine Diskussion über die Begriffsentwicklung, die die zunehmende Integration der neu angesiedelten Wikinger und deren Auswirkungen aufzeigte.

Anschließend setzte sich Anita Sauckel (Nordistik) mit „Óláfr Haraldsson“ auseinander, der als „Pirat und Nationalheiliger“ Gegenstand der Skaldendichtung war. Nach der Vorstellung der verfügbaren lateinischen und altisländischen Quellen zu Óláfr präsentierte die Dozentin seinen Lebenslauf, der geprägt war von Vikingfahrten und Konflikten um den Herrschaftsanspruch in Norwegen. Obwohl seine Taufe keine Erwähnung fand, wurde Óláfr bereits zwei Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen. Dies führte zu einer interessanten Debatte darüber, ob man gleichzeitig Pirat und Nationalheiliger sein konnte.

Die Gastcrew aus Moskau beim zweiten Landgang zu den MGH (K. Döring, 2013)

Die Gastcrew aus Moskau beim 2. Landgang zu den MGH
(K. Döring, 2013)

Eine freie Abschlussdiskussion ermöglichte eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Sommerakademie. Hier ruderte man zur ersten Sitzung und der Problematik der Terminologie zurück. Ein Versuch eine eigene Definition von Pirat / Kaperfahrer etc. zu finden, zeigte deutlich, wie schwer es ist, eine klare Abtrennung zu treffen. Besondere Aufmerksamkeit fand dabei die Unterscheidung zwischen Selbstverständnis und Fremdzuschreibung der Seeräuber. Ein Diskussionspunkt war auch Piraterie als Werkzeug zur Kreation und Etablierung von Herrschaft. Daran schloss sich ein allgemeines Feedback an, welches über die Erwartungen der Teilnehmenden an die Sommerakademie resümierte.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Sommerakademie mit ihrer interdisziplinären Herangehensweise und ihrem weitem Blick über etablierte geographische und zeitliche Grenzen hinaus den Studierenden einen Zugang zur bisher wenig erforschten Geschichte der Piraterie von der Spätantike bis zur Frühen Neuzeit ermöglichte. Dadurch konnten bisherige Klischees über Seeräuber, die vor allem durch Romane und Filme über das goldene Zeitalter der Piraterie geprägt waren, gegen historisch fundierte Zugänge ersetzt werden. Leider konnten trotz des sehr breiten und abwechslungsreichen Programms Themen der Lebenswirklichkeit der Piraten (z. B. Schiffsbau, Erkennungszeichen und Selbstverständnis) nur wenig behandelt werden. Trotz starker Bemühung konnte eine chronologische und thematische Abfolge der Kurseinheiten nicht immer eingehalten werden. Die sehr quellennahe Arbeit schuf jedoch die Grundlage für eine stets sehr angeregte und angenehme Diskussionsatmosphäre. Diese wurde zudem durch die Teilnahme fünf russischer Studentinnen der HSE unter der Leitung von Michail A. Bojcov, welche eigens zur Sommerakademie aus Moskau angereist waren, stark gefördert. Durch die gute Zusammenarbeit sowohl der Teilnehmenden als auch des sehr engagierten Dozierendenteams kann die Sommerakademie als voller Erfolg verstanden werden. Wir würden uns freuen in den kommenden Jahren weiterhin in diesem Fahrwasser mitsegeln zu können und wollen mit einem lauten, bejahenden „ARRRR“ enden! Schiff ahoi!

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/2728

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Der Wikingersturm

von Tim Pleschka -

Inzwischen war es draußen stockfinster geworden. Der Himmel war bewölkt, der Mond kaum zu sehen. Kein Licht ging von ihm aus. Gregor lag wach auf seiner Schlafstädte. Das Schnarchen Bruder Gebhards hielt ihn wach, außerdem war es recht kühl geworden. Zwi-schen den monotonen Geräuschen, die Gebhard von sich gab, herrschte tiefste Stille. Zwei Jahre waren vergangen, seit dem Tage, als der Hof seiner Eltern geplündert und gebrandschatzt wurde. Obwohl er nach seiner Flucht niemals zurückgekehrt war, wusste er, dass seine Eltern den Überfall nicht überlebt hatten. Seinen Vater hatte er sterben sehen. Die Schreie seiner Mutter und die der Magd ließenn ihn auch nach 2 Jahren noch nachts aus dem Schlaf hochfahren. Es waren marodierende Teile eines Heeres, die auf dem Weg in ihre Heimat zufällig das Gehöft antrafen.

Damals flüchtete Gregor in Richtung Norden, versteckte sich im dichten Wald. Bis er einige Tage später auf Ansgar traf, den Erzbischof der Hammaburg. Er gab ihm zu essen, gab ihm Kleidung und bot ihm an, sich seiner anzuschließen. Nach zwei Tagen Fußmarsch erreichten sie die Befestigungsanlage. Die Straße, die zur Burg führte, war gesäumt von kleinen Hütten. Rechts und links boten Händler ihre Waren feil. Sie passierten den Wall und die hölzerne Brücke über den Graben. Und nachdem sie das Tor durchschritten hatten, fühlte sich Gregor nach Tagen das erste Mal wieder einigermaßen sicher.

Der Kampf gegen die Sachsen im Norden

Es ist das Jahr 845. Seit fast zwei Jahren lebt Gregor bereits hier im kalten Norden als Novize in der Hammaburg. Sachsen bewohnten das Gebiet, wo Elbe, Bille und Alster zusammentreffen, bereits im 7. Jahrhundert. Sie betrieben Ackerbau und Viehwirtschaft. Bis Karl der Große sein Territorium zu erweitern suchte und die Sachsen dem „corpus christianum“ einverleiben wollte. An der Alster sollte ein Stützpunkt etabliert werden, von wo aus die Missionen in den Norden zur Christianisierung der Heiden organisiert werden konnten.

Zum Ausgang des 8. Jahrhunderts, von 794 bis 799, kämpfte der Stamm der Obotriten an der Seite des Frankenkönigs Karls des Großen gegen die Sachsen im nordelbischen Raum. Nach der erfolgreichen Unterwerfung der Sachsen wurden die verbündeten Obotriten hier ange-siedelt.
Zur Grenzsicherung des Frankenreiches und als Puffer zu einer weiteren Bedrohung, den verfeindeten Dänen, gründeten sie hier die geplante Siedlung. Diese hatte aber nicht allzu
lange Bestand. Schon im Jahr 808 griffen die Dänen an, besiegten die Siedler und unterwar-fen sie. Karl der Große, seit dem Jahr 800 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, sah sich gezwungen erneut vor Ort eingreifen zu müssen.

Mit seinem Heer bezwang er die Dänen und besetzte vorerst die eroberten Gebiete. Die Obotriten wurden vertrieben. Die Grenze des Reiches wurde nach Norden ausgedehnt, wodurch schließlich das Gebiet des heutigen Hamburgs gänzlich in das Reichsgebiet der Karolinger einverleibt wurde. 814 verstarb der Kaiser. Doch unter der Herrschaft seines Sohnes, Ludwigs des Frommen, florierte die Siedlung in den folgenden Jahren. Damit sich die Ereignisse nicht wiederholten, wurde zur Sicherung eine Festung begründet und aufgebaut. Die Hammaburg, wie sie in einer päpstlichen Quelle genannt wird, wurde wahrscheinlich in den zwanziger Jahren errichtet.

Eine Burg zum Schutz

Zu Norden hin, zum Schutz vor den Dänen, wurde eine Palisade errichtet. Zudem wurde die komplette Anlage, die die Größe von einem Hektar besaß, durch einen Wall gesichert. Dieser war bis zu 7 Meter hoch und hatte eine Breite von bis zu 15 Metern. Ein Graben, 7 Meter breit und 2 Meter tief umlief das ganze Areal. Von hier aus sollte auch die christliche Missionierung des paganen Nordens betrieben werden. Diese sollte allerdings erst in den dreißiger Jahren durch Ansgar erste Früchte tragen.

Diese Festung war ein Zentralisationspunkt im sonst so städtearmen Norden des Frankenreiches. Festungen solcher Art, Städte, Klöster und Burganlagen zogen Handwerker und Kaufleute an. Im Schutze der Burganlagen konnten sie ihre Waren herstellen oder ihre Dienste anbieten. Für die hergestellten Waren gab es in unmittelbarer Nähe potenzielle Käufer und zudem boten diese befestigten Anlagen im Bedarfsfall Schutz. So entstanden bereits im 8. Jahrhundert die sogenannten Wiken.

Ein Wik ist eine unbefestigte Siedlung, die nur saisonal als Handelsniederlassung dient. Der direkte Zugang zum Wasser ermöglicht das Umschlagen von Handelswaren. Diese werden dort gelagert, gekauft und gehandelt. Zahlreiche solcher Wiken sind aus dieser Epoche in-nerhalb des norddeutschen Raumes bekannt. Im Norden des Karolingerreiches war es nun auch die Hammaburg, die die Händler anzog. Diese bauten in der unmittelbaren Umgebung Hütten aus Holz, Flechtwerk und Lehm. Mittels Pfählen schufen sie Anlegeplätze für die Schiffe.

Marktrecht für die Siedlung

Zwischen den Jahren 808 und 831 florierte die Siedlung am Nordrand des Reiches. In den Jahren des Friedens bildete sich eine stadtähnliche Gesellschaft heraus. Durch Ausgrabungen wissen wir, dass um die Hammaburg mit Waffen, Tuche und Keramik gehandelt wurde. Fischer, Handwerker und Kaufleute ließen sich hier nieder. Die Siedlung aus Burg und Wik bekam das Marktrecht verliehen. Auch einen eigenen Bischof sollte die aufstrebende Stadt bald bekommen.

831 wurde das Bistum Hamburg gegründet. Von der nördlichsten Grenze des Reiches Ludwigs des Frommen, einem Sohn Karls des Großen, sollten die Heiden außerhalb der Grenzen christianisiert werden. Nur ein Jahr später ist das Bistum vom Papst Gregor IV. zum Erzbistum erhoben worden. Alle Kirchen des Nordens sollten ihr unterstehen. Dazu sollten auch die künftigen Kirchen von Slawen, Schweden oder Dänen gehören, die man zum christlichen Glauben noch bringen wollte. Zum Erzbischof ernannte Kaiser Ludwig den Benediktinermönch Ansgar, den Speer Gottes.

Bereits 823, mit 22 Jahren, lehrte und predigte der in Nordfrankreich geborene im Kloster in Corvey an der Weser. Ab 826 zeichnete er sich dadurch aus, dass er in den Norden zog, um dort zu missionieren. Der „Apostel des Nordens“ reiste noch 830/31 durch Schweden, um das Wort Gottes zu verkünden. Kaum ein anderer war bereit, die Strapazen und Gefahren einer solchen Mission auf sich zu nehmen. Der Ausgang einer solchen Unternehmung war stets ungewiss. Die Reaktionen der Heiden auf sein Anliegen waren nicht vorauszusehen und das Reisen selbst war auch nicht ungefährlich. Doch waren seine Reisen mit Erfolg gekrönt. Viele ließen sich bekehren, wechselten zum christlichen Glauben.

Nach seiner Berufung zum Erzbischof ließ er innerhalb der Anlage der Hammaburg eine Taufkapelle errichten. Der Bau aus Holz wurde der Mutter Gottes geweiht. Ein Kloster und eine Bibliothek sollten bald folgen. Heiligenreliquien fanden ihren Weg in die Kapelle. Ansgar missionierte unermüdlich weiter, ließ im Umfeld Schulen, Kirchen und Hospize errichten, nahm sich selbst der Kranken an. Zum Marktrecht der Siedlung folgten bald das Zoll- und Münzrecht. Jedoch dürften 845 in der Hammaburg nicht mehr als 40 oder 50 Menschen ge-lebt haben. In dem Wik waren es wohl an die 200.

Angriff der Nordmänner

Plötzlich fing an Hund an zu bellen und durchbrach die Stille, die zwischen dem Schnarchen einsetzte. Kurz darauf hörte Gregor ein Baby schreien. Draußen wurde es unruhig. Gregor entzündete ein Licht und streifte seine Kutte über. Er stand an der Tür. Lauschte. Auch Gebhard war inzwischen wach geworden. Gregor stieß die Tür auf, trat hinaus und blickte sich um. An der Südseite der Burg wurde es hell. Ein warmer Wind zog an ihm vorüber. Manche liefen wild umher. Plötzlich kam Ansgar aus dem Dunkel auf Gregor zu. Er trug keine Kutte. „Die Nordmänner kommen“. Dann machte er sich schnell wieder davon.

Gregor hatte die Geschichten gehört, die die Händler erzählten. Aus dem Nichts sollen sie auftauchen. Hunderte Schiffe mit Drachenköpfen. Die Loire sind sie hinaufgesegelt, haben Nantes, Toulouse und Paris dem Erdboden gleichgemacht. Niemand soll sie aufhalten können, die Geißeln Gottes. Niemand kann sich retten. Und Herr Bernhard, der Vertreter des fränkischen Königs und Befehlshaber, war gestern abgereist.
Gregor fand Ansgar in der Marienkirche, der dort die Reliquien und anderes in Beutel stopfte. Er werde nach Süden reiten, nach Bremen. Für die Verteidigung sei es zu spät. Man müsse fliehen.

Gregor lief zurück zu seiner Hütte. Bruder Gebhard war nicht mehr da. Er schnappte sich was er konnte und lief wieder hinaus. Als er nach Süden blickte, sah er, dass es brannte. Am Feuer vorbei liefen etliche Gestalten. Gregor erkannte nur deren Umrisse. Sah, wie diese scheinbar größer wurden, sich näherten. Dann plötzlich zerstreuten sie sich in alle Richtungen. Schnell schlich er hinter die Hütte, wo er sich vorerst versteckte.

Es wurde immer heller. Das Feuer breitete sich aus. Menschen liefen brennend aus ihren Hütten. Gregor sah im Schein der Flammen, wie zwei bärtige Männer, mit Pelz bekleidet, einen seiner Brüder mit einer Axt erschlugen. Er wehrte sich nicht. Von der anderen Seite näherten sich drei Gestalten der Hütte, hinter der er sich versteckte. Im Schatten der Flammen schlich er von Hütte zu Hütte weiter in Richtung Tor. Bettelnde Mönche wurden auf den Platz gezerrt. Sie flehten, baten um Gnade und um ihr Leben. Nach einem Schlag auf den Kopf verstummten sie und sackten zusammen. Hin und wieder hörte man ein Lachen oder das Schreien von Frauen. Eine schrie in der Hütte hinter der sich Gregor gerade verschanzte. Dazwischen das Gelächter mehrerer Männer. Ein dumpfer Schlag, dann wurde es still in der Hütte.

Flucht aufs freie Feld

Gregor hielt einen Augenblick inne. Dann schlich er weiter zu dem Tor, noch immer hinter der Häuserreihe. Als er das Tor erreichte, lief er los. Durch das Tor, durch den Wik aufs freie Feld hinaus. Links im Fluss sah er die Schiffe stehen. Zehn, vielleicht zwölf, vielleicht mehr. Das Baby schrie nicht mehr. Auch der Hund hatte aufgehört zu bellen. Gregor erreichte den Wald und kroch in das Dickicht.

Erst nach zwei Tagen verließen die Wikinger die Hammaburg. Einige Frauen nahmen sie mit sich. Brüder oder andere Männer sah Gregor nicht unter ihnen. Sie beluden die Schiffe, und fuhren nach Norden ab. Er wartete noch, bis die Sonne aufging. Dann ging er zurück zur Burg. Es war noch immer heiß hier. Manches glühte noch und Rauch stieg auf. Etliche Leichen lagen verstreut. Dazwischen einzelne Körperteile, nackte Frauen. Vorräte und Wertgegenstände waren nicht zu finden.

Gebhard und ein weiterer Bruder kamen ebenfalls zurück zur Burg. Sie berichteten, dass Ansgar hatte entkommen können. Er sei nach Süden geflüchtet, nach Bremen. Nach kurzer Verweildauer wurde den Mönchen klar, dass hier für sie nichts weiter zu tun sei. So machten sie sich schließlich auch nach Süden auf.
Nach der Plünderung der Wikinger war die Hammaburg zerstört. Sie wurde nicht wieder er-richtet. Zwei Jahre nach der dem Vertrag von Verdun und der Teilung des Frankenreiches war die Hammaburg den Einfällen der Wikinger schutzlos ausgeliefert. Inwieweit der Wik hingegen zerstört wurde, lässt sich nicht rekonstruieren. Allerdings erholte dieser sich rasch von dem Angriff und breitete sich weiter aus.

Ansgar blieb in Bremen, das 848 dem Erzbistum Hamburg angeschlossen wurde. Fortan wurde es von Bremen aus verwaltet. Ansgar leitete das Erzbistum Hamburg-Bremen bis zu seinem Tode im Jahr 365. Die Missionierung des Nordens blieb nicht flächendeckend. Die einzelnen Erfolge Ansgars waren nicht von Dauer. Und durch die Zerstörung der Hammaburg unterlag die Christianisierung der Heiden beinahe 100 Jahre dem Stillstand.

Literatur:

  • Marlies Lehmann-Brune, Harald G. F. Petersen: Hamburg. Geburt einer Weltstadt, Nor-derstedt 2012.
  • Eckart Klessmann: Geschichte der Stadt Hamburg, Hamburg 2002.
  • Manfred Krieger: Geschichte Hamburgs, München 2006.
  • Hans K. Schulze: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen. Merowinger und Karolin-ger, aus der Reihe Siedler Deutsche Geschichte, Bd. 2, Berlin 1998.

Quelle:

  • Rimbert: Vita Anskarii, Übersetzt von G. Waitz, Hannover 1884.

Quelle: http://www.hh-geschichten.uni-hamburg.de/?p=687

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