Rezension: Filmfieber – Deutsche Kinopublizistik 1917-1937

Rezension: Filmfieber – Deutsche Kinopublizistik 1917-1937

Cover: Patrick Rössler, Filmfieber: Deutsche Kinopublizistik 1917 – 1937, Universität Erfurt 2017

Patrick Rössler, Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Empirische Kommunikationsforschung / Methoden der Universität Erfurt,[1] hat seiner Leidenschaft für historische Bildpublizistik freien Lauf gelassen und sich und uns ein opulentes, großformatiges Bilderbuch zur deutschen Kinopublizistik von 1917 bis 1937 geschenkt, erschienen im Privatdruck als Begleitbuch zu einer Ausstellung. Anlass war die Ausstellung KUNSTORT.KINO in der Kunsthalle Erfurt vom 15.7. bis 17.9.2017, veranstaltet von der Kulturdirektion der Stadt Erfurt und dem Erfurter Kunstverein in Kooperation mit der Universität Erfurt anlässlich des 100. Gründungsjubiläums der Universum-Film AG (Ufa). An den Vorarbeiten hat Rössler Dutzende von Studierenden und insbesondere eine Gruppe von sechs Studentinnen aus seinen Seminaren beteiligt, als Kuratoren fungierten Susanne Knorr von den Kunstmuseen der Stadt Erfurt und wiederum Patrick Rössler.

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Quelle: https://www.visual-history.de/2018/06/19/rezension-filmfieber-deutsche-kinopublizistik-1917-1937/

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Die Dinge beim Namen nennen?

Nun hat auch das niederländische Parlament „den im Osmanischen Reich an Armeniern begangenen Massenmord als Völkermord anerkannt“ (http://bit.ly/2oraefa). Die Zahl der Staaten, die sich dazu öffentlich festgelegt haben, wächst damit weiter an. Zwei Wege lassen sich unterscheiden. Die Niederlande sind den bundesdeutschen Weg gegangen: Das Parlament anerkennt den Völkermord, indem es die Geschehnisse per Parlamentsentscheidung „Völkermord“ nennt. Die Regierung wahrt Zurückhaltung und freut sich, sich nicht selbst äußern zu müssen. Der zweite Weg wird in Frankreich seit langem diskutiert: Dort gab es schon zwei Versuche, die Leugnung des Völkermords unter Strafe zu stellen; beide Male ist dieses Unterfangen verfassungsrechtlich gescheitert. Die Schweiz musste in Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte lernen, dass es diese Leugnung nicht unter Strafe stellen darf, weil die Meinungsfreiheit höher steht.

 



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Quelle: http://geschichtsadmin.hypotheses.org/507

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Denkmäler für eine verlorene Sache

Denkmäler für eine verlorene Sache

Der Süden und seine Denkmäler 

Am 24. April 2017, nach Jahren der politischen und juristischen Auseinandersetzung, machten sich vermummte Arbeiter in einer nächtlichen Aktion daran, das erste von vier Denkmälern in der Innenstadt von New Orleans abzutragen. Beim ersten handelt es sich um ein Denkmal der „Schlacht“ von Liberty Place im Jahr 1874, das an den Aufstand der paramilitärischen rassistischen White League gegen die Polizei und Miliz der Stadt New Orleans erinnert. Die drei anderen Denkmäler, die auch bald von ihrem Standort entfernt werden sollen, zeigen Statuen der konföderierten Generäle Robert E. Lee und P.G.T. Beauregard bzw.

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Quelle: https://www.visual-history.de/2017/05/02/denkmaeler-fuer-eine-verlorene-sache/

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Ut omnes unum sint – Teil II

Unter “Ut omnes unum sint” (http://geschichtsadmin.hypotheses.org/297) hatte ich schon vor einiger Zeit darum gebeten, am Überlegen zu partizipieren und über sinnvolle, nicht zielgruppenspezifische und nicht defizitorientierte Sensibilisierungen und Maßnahmen nachzudenken.

Sicher nicht die wichtigste Baustelle in den an der JGU Mainz laufenden Überlegungen, aber dennoch auf der mentalen Liste, ist die Frage nach Gebetsräumen auf dem Campus. Traditionell gibt es eine Katholische Hochschulgemeinde und eine Evangelische Studierendengemeinde, die auf Universitätsflächen auch Gebetsräume unterhalten. Seit einiger Zeit wird auch über Gebetsräume anderer Gruppen (vor allem über muslimische, d.h. i.d.

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Quelle: http://geschichtsadmin.hypotheses.org/352

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“Dialog für Frieden” – oder Orwell 2.0

Rückblick auf das Ausstellungsprojekt: Am 09. Mai schrieb mir Ali Söylemezoglu, Vorsitzender des Vereins mit dem sprechenden Namen: “Dialog für Frieden e.V.”, wir würden eine Veranstaltungsreihe anbieten, in der die Behauptung erhoben werde, dass die Türken 1915 einen Völkermord verübt hätten. Das war schon einmal falsch: “Die Türken” hatten wir nirgendwo geschrieben, wohl aber tauchte der Begriff “Völkermord” in Vortragstiteln der die Ausstellung begleitenden Vortragsreihe auf. Erstaunlich, wie man missverstanden werden kann, wenn jemand missverstehen will. Der Dialog für Frieden (laut eigener Internet-Recherche ein nur 15 Köpfe starker, aber eben lautstarker Verein) fuhr fort, wir seien uns jedenfalls darin einig, dass die Ereignisse 1914-1922 in Anatolien von größter Bedeutung seien. Insofern wären wir sicher alle der Meinung, dass eine gemeinsame öffentliche Diskussion der Ereignisse an unserer Universität (mit gleichen Redeanteilen der “Vertreter der Völkermordthese” und der “Vertreter der Gegenposition”) sinnvoll sei, um insbesondere das Für und Wider der Einstufung der Ereignisse als Genozid abzuwägen. Eben letzteres war aber gar nicht die Intention von Ausstellung und Vortragsreihe; wie wir unter http://www.blogs.

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Quelle: https://geschichtsadmin.hypotheses.org/330

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Deutschland und die Armeniergräuel im Ersten Weltkrieg

Seit Veröffentlichung seines neuen Buches mit dem Titel “Beihilfe zum Völkermord: Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier” wird Jürgen Gottschlich, Mitbegründer der taz und seit vielen Jahren als Journalist in Istanbul tätig, in vielen Medien angefragt und zitiert – es etabliert sich damit, jedenfalls kurzfristig, ein bestimmtes Narrativ. Gottschlich wird auf tagesschau.de etwa so zitiert:

“Es gab eine deutsche Beteiligung bei der Planung der Deportation. Die Deutschen haben das politisch abgewehrt. Sie haben die Deportation und Vernichtung, die ihre osmanischen Partner durchgeführt haben, politisch gedeckt und geschützt”, ist der Journalist überzeugt.

Ich habe den Auftrag, das Buch für die Sehepunkte zu rezensieren. Ich bin daher schon sehr gespannt, wie er das ausgeführt hat. In der Ausstellung, die ich unter http://geschichtsadmin.hypotheses.org/304 angekündigt habe, gehen wir nicht davon aus, dass es eine klar benennbare “deutsche” Rolle gibt, aber jede Menge Eigenlogiken deutscher Akteure unter ihren je verschiedenen institutionellen Rahmenbedingungen. Das ist eine komplexe und interessante Geschichte; sie lässt sich nicht ohne Weiteres auf den Begriff der “Beihilfe zum Völkermord” bringen.

Am Wochenende beginnt dazu übrigens im Deutschen Historischen Museum eine Tagung des Lepsiushauses, an der ich mit 2 Studierenden aus dem Projekt teilnehmen werde (eine davon, Frau Perisic, trägt selbst vor). Auch da hoffe ich noch auf neue Perspektiven, mit denen sich die Auseinandersetzung lohnt.

Quelle: http://geschichtsadmin.hypotheses.org/309

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Farben bei Twenty Fourteen ändern: Links, Menüs und Hintergrund

Neuerdings können bei Twenty Fourteen die Farben des Themas verändert werden. Im Menü “Design > Customize > Farben” können die entsprechenden Einstellungen vorgenommen werden (siehe rote Umrandung).

Bloghaus - Farben 1

Bloghaus - Farben 2

  • “Accent Color” entspricht dabei der Farbe der Verlinkungen und des ausgewählten Menüpunktes (rot in der unten stehenden Abbildung).
  • “Contrast Color” entspricht der Farbe der Widgets und des Menüs sowie der Hintergrundfarbe bei den hervorgehobenen Inhalten (blau in der unten stehenden Abbildung).
  • Bei besonders breiten Bildschirmen wird die Fläche rechts vom Blog mit der “Hintergrundfarbe” gefüllt (gelb in der unten stehenden Abbildung).

Bloghaus - Farben - Customize 2

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Textausschnitt aus dem französischen Originaltext Passer à Twenty Fourteen von Martin Clavey: http://maisondescarnets.hypotheses.org/1896

Übersetzung ins Deutsche und Anpassung: Lisa Bolz

Artikelbild: Mongolfiere innamorate 2008 von ecatoncheires, Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Quelle: http://bloghaus.hypotheses.org/1350

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#wünschdigiwas. Brainstorming für weitere Aktivitäten der Arbeitsgruppe Digitale Geschichtswissenschaft

dgw-postitZu den vorrangigen Zielen der Arbeitsgruppe Digitale Geschichtswissenschaft nach ihrer Gründung auf dem Historikertag in Mainz 2012 gehörte, sich als Plattform für Aktivitäten im Bereich der digitalen historischen Forschung, Edition und Archivierung zu etablieren und auf diesem Wege geschichtswissenschaftlichen Projekten im Bereich der Digital Humanities höhere Sichtbarkeit zu verschaffen und Projekte und Projekttreibende stärker zu vernetzen.

Mit Blick auf die Arbeit der letzten zwei Jahre sind wichtige Ziele eingelöst worden: Mit insgesamt fünf Sektionen war die Arbeitsgruppe auf dem Historikertag vertreten und hatte so die Gelegenheit Akzente innerhalb des VHD zu setzen. In Anschluss an die Eröffnungsveranstaltung, die Akteure aus Politik und Wissenschaft zusammenbrachte, hat die AG, so der Bericht des Komitees auf der Mitgliederversammlung, vor allem die Vernetzung nach außen gestärkt, beispielsweise durch die Konstitutierung zweier historischer Facharbeitsgruppen innerhalb von CLARIN-D oder auch durch Austausch mit Fachcommunities wie der Mommsen-Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund wurde sowohl zwischen den Sektionen als auch während der Mitgliederversammlung der Wunsch geäußert, künftig auch die Vernetzung innerhalb der Arbeitsgruppe zu stärken, um als solche inhaltlich arbeiten und Verbindungen zwischen einzelnen Projekten und Arbeitsbereichen herstellen zu können.

Mit Hinblick auf diesen Wunsch ist das neue Komitee angesprochen, dem auf der Mitgliederversammlung weitere konkrete Ideen und Fragestellungen nahegelegt wurden (so etwa die Einrichtung einer Kategorie “Fragen” oder “Projektaustausch” auf dem Blog oder die Auseinandersetzung mit Urheberrechten in digitalen Projekten). Daneben ist jedoch auch die Community gefragt, bei der Ausgestaltung der Arbeitsgruppe aktiv mitzuwirken, da sich die Arbeit des Komitees vor allem an dem Bedarf der Mitglieder ausrichten sollte: Wie stellen sich die Mitglieder die zukünftige Arbeit (in) der AG vor? Welche Themen sollten perspektivisch in den Vordergrund gestellt werden? Welche konkreten Workshops oder Tagungen finden die Mitglieder für ihre eigene Arbeit hilfreich?

Aus diesem Grund rufen wir zu einem gemeinsamen Brainstorming hier & unter dem Hashtag #wünschdigiwas und hoffen auf spannende konkrete Ideen für die nächste Arbeitsphase der Arbeitsgruppe.

Quelle: http://digigw.hypotheses.org/1093

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Vom Lächeln der Henker im Ersten Weltkrieg

Cover: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, Primus Verlag ²2014
Cover: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, Primus Verlag ²2014

Cover: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918, Primus Verlag ²2014

„Ach, dieses Lächeln im Krieg war erschütternder als das Weinen“, schrieb Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“. Und das Lächeln des Wiener Henkers nach der Hinrichtung des italienischen Patrioten Cesare Battisti im Jahr 1916 ist wahrhaft erschütternd. Heiter, als wären sie beim Heurigen, posieren der Henker und seine Assistenten vor der Kamera. Erst auf den zweiten Blick erfasst das Auge den erhängten Mann in ihrer Mitte, der an dem Pfahl wie eine Gliederpuppe wirkt – als Trophäe gehalten vom stolzen Henker, der mit seinen Händen den Besitz anzeigt.

Anton Holzer hat dieses Foto für den Umschlag seines Buchs „Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung“ gewählt, das 2014 als Sonderausgabe zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs in zweiter Auflage erschienen ist. Es reiht sich in eine lange Reihe von Bildern ein, mit denen Holzer die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im Ersten Weltkrieg im Osten dokumentiert: Die Menschen hängen an Galgen, in den Bäumen oder an Pfählen. Diese Bilder vom österreichisch-ungarischen Kriegsschauplatz sollten neben denen vom Stellungskrieg an der Westfront Teil des Bildgedächtnisses werden – um auch den Mythos vom angeblich „sauberen“ Krieg zu widerlegen. Sie berichten von der systematischen und staatlich legitimierten Gewalt gegen Zivilisten gerade in den ersten Kriegsmonaten. Männer, Frauen wie auch Kinder wurden als „Spione“ und „Verräter“ zu Tausenden im Osten und Südosten Europas durch die Militärjustiz am Galgen hingerichtet. Meist waren es Angehörige ethnischer Minderheiten, Juden, Ruthenen (Ukrainer), Polen, Serben, Bosnier, Montenegriner, Tschechen und Italiener, die als „Fremde“ kollektiv verdächtigt, vertrieben und auch ermordet wurden.

Die Hinrichtung des italienischen Patrioten Cesare Battisti, Trient, 12. Juli 1916, Fotograf: namentlich nicht bekannter österreichischer Kriegsfotograf. Abb. aus: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Darmstadt ²2014, S. 24

Die Hinrichtung des italienischen Patrioten Cesare Battisti, Trient, 12. Juli 1916, Fotograf: namentlich nicht bekannter österreichischer Kriegsfotograf. Abb. aus: Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Darmstadt ²2014, S. 24

Neben der Darstellung dieses Kriegs gegen die Bevölkerung versucht sich Holzer der Frage zu nähern, was für Motive die Täter wie die zahlreichen Schaulustigen hatten, sich mit den Opfern am Galgen fotografieren zu lassen. „Beutestücke einer abgründigen Schaulust“ (S. 10) nennt Anton Holzer diese Bilder, die er in Archiven in Tschechien, in Polen, in der Ukraine, in Serbien und Montenegro, in Bosnien und Slowenien gefunden hat. Sie waren dort, im Gegensatz zu westlichen offiziell-militärischen Sammlungen, wo es solche Fotos nicht geben durfte, archiviert worden, um die brutale und unrechtmäßige Kriegführung der Mittelmächte zu beweisen. Denn die Vorfälle waren keineswegs Exzesse Einzelner, sondern zentraler Teil der militärischen Strategie bei Kriegsbeginn, um die „verdächtige“ Zivilbevölkerung mit Zwangsdeportationen, Internierungen und systematischen Hinrichtungen zu „bändigen“ (S. 13). Nach zeitgenössischen Berichten waren es allein für die k.u.k. Monarchie zwischen 11.400 und 36.000 Zivilisten, die in den ersten Kriegsmonaten am Galgen ermordet wurden. (S. 19)

Die Fotos von den Hinrichtungen waren begehrt. Die Soldaten trugen sie in ihrem Gepäck oder direkt am Körper bei sich. In einzelnen Fällen wurden sie sogar als Feldpostkarten vervielfältigt und über die offiziellen Verkaufsstellen der Armee vertrieben. Was aus heutiger Sicht absolut unvorstellbar ist – wer verschickte solche Postkarten? –, zeugt aber auch von dem fehlenden Unrechtsbewusstsein. Erst als einzelne Bilder ab 1915/16 öffentlich zu Dokumenten der Anklage wurden, kursierten sie zwar immer noch, wurden jetzt aber geheim weitergereicht. Warum ließen sich die Täter überhaupt mit ihren Opfern fotografieren? Holzer nähert sich aus mehreren Perspektiven dieser Frage an. Zum einen waren die Fotografien sicherlich Trophäen für die beteiligten Soldaten, fast wie ein Fetisch Beweis ihrer Überlegenheit in einer Zeit, in der es sich so schnell starb. Auch wurden die Hinrichtungen als voyeuristisches Gewalt-Ritual öffentlich in Szene gesetzt, ein schreckliches Schauspiel, das Faszination und eine Art Lust auslöste – sie lässt sich in vielen Gesichtern der Umstehenden auf den Fotos im Buch erkennen. „Diese Lust hat zwei Seiten. Sie besteht darin, den Akt der Gewalt sehen zu wollen und in dem Wunsch, bei diesem Zuschauen gesehen (fotografiert) zu werden.“ (S. 96) Der Akt des Fotografierens selbst war sowohl Teil der Schaulust wie auch Ausdruck der Distanz zum Geschehen mittels des Apparates; er war also ganz selbstverständlich Teil der öffentlichen Gewalt.

 

Auf dem Weg zum Galgen. Hinrichtung eines „verdächtigen“ Zivilisten, Bosnien, Ende 1915. Fotograf: unbekannt (Abb. aus: Anton Holzer: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Darmstadt ²2014, S. 54)

Auf dem Weg zum Galgen. Hinrichtung eines „verdächtigen“ Zivilisten, Bosnien, Ende 1915. Fotograf: unbekannt (Abb. aus: Anton Holzer: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Darmstadt ²2014, S. 54)

Die Bilder, die Holzer in seinem Buch zeigt, sind erschreckend. Die Frage, ob man derartige Fotos abdrucken darf, beantwortet er mit einem klaren „ja“ (S. 14): Die Fotografien und zugleich die Geschichten, die sie erzählen (sofern er sie rekonstruieren konnte), berichten von den Gewalttaten hinter den Linien, sie geben den Opfern ein Gesicht (wenn auch meistens keinen Namen) und zeigen auch die Täter, unsere „Groß- und Urgroßväter“; so Holzer (S. 161). Aber er geht noch einen Schritt weiter und fragt auch danach, warum „uns“ heute diese und andere Bilder der Gewalt nicht mehr loslassen: Was ist das für ein Sog, in den wir durch den medialen Voyeurismus gezogen werden? Was hat es auf sich mit der Verknüpfung von Fotografie und Gewalt?

Die Gewalt, wie sie sich unmittelbar in den Fotos im Buch zeigt, geht weit über den Ersten Weltkrieg hinaus: Sie ist der Anfang einer langen Gewaltgeschichte, die ihren Höhepunkt mit dem nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug fand, der aber, und das zeigt Holzer eindringlich, „ohne die ‚Vorarbeit‘ der Jahre 1914 bis 1918 kaum denkbar“ gewesen wäre. (S. 161) Aber auch in den Kriegen nach 1945, in Vietnam, Afghanistan oder im Irak, sind Zivilisten Opfer systematischer militärischer Übergriffe geworden. Der lächelnde Wiener Henker im Jahre 1916 und die ausgelassenen amerikanischen Folterer von Abu Ghraib 2003 sind daher gar nicht so weit voneinander entfernt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Dies zu zeigen, ist das Anliegen Anton Holzers.

 

Anton Holzer, Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung 1914-1918
Primus Verlag Darmstadt, Sonderausgabe 2014 (2., überarb. Aufl.), 244 S. mit ca. 114 s/w-Abb. und 2 farbigen Karten, gebunden mit Schutzumschlag, Format 21,0 x 27,0 cm, ISBN 978-3-86312-063-4, 24,95€

 

Dr. Anton Holzer ist Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“. Er arbeitet als Fotohistoriker, Publizist und Ausstellungskurator in Wien. Bücher zum Ersten Weltkrieg: Das Lächeln der Henker. Der unbekannte Krieg gegen die Zivilbevölkerung, 2. Aufl. Darmstadt 2014; Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg, 3. Auflage, Darmstadt 2012; Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus, Darmstadt 2013.

Quelle: http://www.visual-history.de/2014/08/12/vom-laecheln-der-henker-im-ersten-weltkrieg/

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Propaganda- und Privatfotografie im Zweiten Weltkrieg

Ein finnisches PK-Foto von PK-Fotograf Manninen, aufgenommen in der Nähe von Sortavala im August 1941. Laut Bildunterschrift zeigt das Bild sowjetische Gefangene. Vorne sind zwei Soldatinnen zu erkennen, die nicht dem deutschen Feindbild von blutrünstigen „Flintenweibern“ entsprachen. Das Bild ist, womöglich wegen der Unschärfe von der Zensur als "nicht zu veröffentlichen" klassifiziert. Quelle: Finnish Wartime Photograph Archive (CC)

Olli Kleemola promoviert am Institut für Zeitgeschichte der Universität Turku (Finnland) zum Thema „Das Feindbild an der Ostfront anhand von deutschen und finnischen Fotobeständen aus dem Zweiten Weltkrieg“.
Lucia Halder (Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung) sprach mit dem Fotohistoriker über seine Arbeit.

 

Lucia Halder: Bereits der Erste Weltkrieg ist durch eine Vielzahl visueller Erzeugnisse dokumentiert. Welche Rolle spielte deiner Ansicht nach das Medium Fotografie im Zweiten Weltkrieg?

Olli Kleemola: Der Zweite Weltkrieg kann durchaus als erster wirklicher „Fotokrieg“ bezeichnet werden, da die Fotografie erst während dieses Krieges in den Propaganda-Apparaten der kriegsführenden Länder zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Diese Entwicklung spiegelt sich unter anderem darin, dass im Zweiten Weltkrieg die Fotopropaganda zunehmend in die Hände von staatlich und militärisch gelenkten Profis geriet: NS-Deutschland hatte seine Propagandakompanien, Finnland seine Informationskompanien, wie die Propagandaeinheiten dort genannt wurden. Während des Zweiten Weltkriegs waren überdies die Chancen eines „normalen Frontsoldaten“ zu fotografieren größer, da die technische Entwicklung die Kameras im Vergleich zu den Zeiten des Ersten Weltkriegs erschwinglicher gemacht hatte.

Heeresfilmstelle. Bildarchiv, 341.321.7 356.255.2 Deutschland, März 1940 Bildberichter der P.K. bei der Auswertung ihrer im Labor der P.K. entwickelten Aufnahmen. Bildberichter: Schröter. P.B.z. Neg.Nr. P.K. 104/1

Heeresfilmstelle. Bildarchiv, 341.321.7 356.255.2
Deutschland, März 1940
Bildberichter der P.K. bei der Auswertung ihrer im Labor der P.K. entwickelten Aufnahmen.
Bildberichter: Schröter. P.B.z., Neg.Nr. P.K. 104/1
Quelle: Bundesarchiv
CC-BY-SA

Lucia Halder: In den „Anweisungen für Kriegs-Photographen und Kinematographen“ des deutschen Generalstabs vom Dezember 1914 war streng geregelt, was veröffentlicht werden durfte und sollte und was nicht. Gab es solche Steuerungsbestrebungen auch im Zweiten Weltkrieg?

Olli Kleemola: Durchaus, in NS-Deutschland gab es etwa in Form „halboffizieller Kompanie-Fotografen“ viele Versuche, die knipsenden Soldaten gewissermaßen in den Dienst der NS-Propaganda zu stellen. In Finnland  versuchte man währenddessen, ein Monopol der Kriegsfotografie zu schaffen, indem die Fotografie an der Front neben den Propagandaeinheiten nur denjenigen gestattet war, die über eine besondere Lizenz verfügten. In der Lizenz stand festgeschrieben, dass die aufgenommenen Fotos beim Vorgesetzten vorzuzeigen waren und dass bestimmte Motive wie Gefallene nicht fotografiert werden durften. Dieser Versuch war natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Neben dem Knipsen wurde natürlich auch die Arbeit der offiziellen Propagandafotografen streng geregelt. In finnischen Archiven habe ich die Übersetzung einer Liste von verbotenen Motiven für deutsche Propagandafotografen gefunden, die meines Wissens in deutschen Archiven nicht überliefert ist. Die an finnische Propagandafotografen gerichteten Anweisungen sind in Finnland komplett überliefert und bilden eine wichtige Grundlage meiner Arbeit. Allein die Richtlinien für Fotozensur fehlen in beiden Ländern – sollte jemand diesbezüglich einen Hinweis für mich haben, wäre ich natürlich sehr dankbar!

Lucia Halder: Soldaten in Kriegshandlungen stehen im Einflussbereich von Streitkräften, Regierung, Gesellschaft und auch des internationalen Umfelds. Der Kriegsberichterstatter  Phillip Knightley bezeichnete Angehörige seines Berufsstands gleichermaßen als „Hero, Propagandist, and Myth-Maker“. Spiegelt sich diese Ambivalenz auch in den von dir analysierten Aufnahmen wider?

Olli Kleemola: Ja und nein. Anhand der deutschen Propagandafotos kann man erkennen, dass die Fotografen dazu geschult worden sind, propagandistische Fotos zu machen. In Deutschland mussten die Angehörigen der Propagandakompanien an einem Kurs teilnehmen, in welchem ihnen die Grundlagen der Propaganda beigebracht wurden. Die Inhalte dieser Kurse sind meines Wissens nicht genau überliefert, doch ist es mir gelungen, eine Übersichtsdarstellung zu finden. In Finnland gab es solche Kurse nicht, und anhand der Fotos von finnischen Propagandaeinheiten kann man auch leicht erkennen, dass die finnische Propagandafotografie weitaus realitätsnaher und weniger propagandistisch aufgeladen war.

Lucia Halder: Was  verraten uns die Fotografien aus dem Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zu den Presseberichten?

Olli Kleemola: Interessant ist vor allem das, was die Fotos nicht zeigen, obwohl sie es angeblich tun. Ein Beispiel sind  deutsche Propagandafotos, die laut Begleittext „Flintenweiber“ zeigten, die „ihre Weiblichkeit abgelegt und mit Kind und Kegel in den Krieg gezogen sind“. Auf den Fotos waren jedoch oft sehr junge, erschrockene Frauen zu sehen, die von den Deutschen gefangengenommen worden sind. In solchen Fällen kann man leicht erkennen, wie die Propagandisten in Erklärungsnot geraten sind. In dem besagten Fall kam es zu einer Anweisung des Reichspropagandaleiters, dass jene Fotos in der deutschen Presse nicht mehr veröffentlicht werden durften, weil sie mehr Mitleid als Hass erzeugen könnten. In dem Sinne sind Fotos vielleicht ein wenig wahrheitsgetreuer, denn Textberichte können ja beliebig umgeschrieben werden.

Ein finnisches PK-Foto von PK-Fotograf Manninen, aufgenommen in der Nähe von Sortavala im August 1941. Laut Bildunterschrift zeigt das Bild sowjetische Gefangene. Vorne sind zwei Soldatinnen zu erkennen, die nicht dem deutschen Feindbild von blutrünstigen „Flintenweibern“ entsprachen. Das Bild ist, vielleicht auch wegen der Unschärfe, von der Zensur als "nicht zu veröffentlichen" klassifiziert. Quelle: Finnish Wartime Photograph Archive (CC)

Ein finnisches PK-Foto von PK-Fotograf Manninen, aufgenommen in der Nähe von Sortavala im August 1941. Laut Bildunterschrift zeigt das Bild sowjetische Gefangene. Vorne sind zwei Soldatinnen zu erkennen, die nicht dem deutschen Feindbild von blutrünstigen „Flintenweibern“ entsprachen. Das Bild ist, vielleicht auch wegen der Unschärfe, von der Zensur als “nicht zu veröffentlichen” klassifiziert.
Quelle: Finnish Wartime Photograph Archive (CC)

Lucia Halder: In deiner Dissertation analysierst du aber nicht nur Bilder von ausgebildeten Fotografen, sondern auch private Fotografien. Wie unterscheiden sich die sogenannten Knipserbilder von den offiziellen Bildern?

Olli Kleemola: Obwohl manche Knipserfotos auch den jeweiligen Tenor der Propaganda scheinbar nur wiederholen, gibt es durchaus auch Fotos, die ein anderes Bild des Krieges vermitteln – etwa Fotos, die geschändete Leichen des Gegners zeigen.

Lucia Halder: Viele dieser privaten Bilder verschwanden nach Kriegsende in privaten Schränken. Wie hast du sie aufgestöbert?

Olli Kleemola: Was die finnischen Privatbilder angeht, habe ich – angeregt durch Erzählungen meines Großvaters, der selbst Kriegsteilnehmer war –  bereits mit elf Jahren begonnen, Privatfotos von finnischen Soldaten zu sammeln. Die Sammlung, die mittlerweile etwa 11.000 Fotos umfasst, stellt eine bedeutende Grundlage meiner Arbeit dar, obwohl natürlich auch Bestände zahlreicher Museen ergänzend mit einbezogen werden.

Was die deutschen Privatfotos angeht, konnte ich zum Glück auf Bestände verschiedener Museen und Privatarchive zurückgreifen. Vor allem die Bestände im Deutsch-Russischen Museum in Berlin und im Hamburger Institut für Sozialforschung sind für meine Arbeit von großer Bedeutung.

Lucia Halder: Ein sehr bekanntes Bild hat ein deutscher Soldat 1942 während des sogenannten Russlandfeldzugs aufgenommen. Das Bild zeigt ein auf den ersten Blick nahezu idyllisches Motiv: Eine Frau watet mit geschürztem Rock durch eine Furt. Erst die Beschriftung auf der Rückseite des Fotos verdeutlicht das tatsächliche Motiv: „Die Minenprobe“ steht dort geschrieben.[1] Die Frau wurde als Minensucherin missbraucht und hätte zum Zeitpunkt der Aufnahme jeden Moment einem Sprengsatz zum Opfer fallen können. Oft sind Fotografien aber ohne Begleittexte überliefert. Wie kannst du den Entstehungskontext dieser Bilder ermitteln?

Olli Kleemola: Eine sehr gute Frage. Es ist ohne Weiteres klar, dass ich die Fotos anders anschaue als zum Beispiel ein Soldat der deutschen Wehrmacht oder der finnischen Armee in den 1940er-Jahren. Um die Denk- und Handlungsorientierungen der Soldaten zu rekonstruieren, greife ich auf neuere Forschungen etwa von Felix Römer oder Sönke Neitzel und Harald Welzer zurück.

Ich habe aber auch nicht vor, jedes einzelne Bild als solches zu analysieren. In den Bildmassen suche ich Tendenzen, allgemeine Entwicklungslinien, und versuche diese dann zu deuten. Oftmals entwickeln sich dabei viele verschiedene Deutungsmöglichkeiten.

Lucia Halder: Du vergleichst in deiner Arbeit finnische und deutsche Fotografien. Was sind die frappierendsten Unterschiede und Ähnlichkeiten, die du bislang feststellen konntest?

Olli Kleemola: Jedes kriegführende Land hat sicher seine eigenen Fotos gehabt, die das eigene Volk von der „Bestialität“ der Gegner überzeugen sollten. Ähnliche Muster in der Propaganda sind also durchaus vorhanden.

Eine teils entkleidete Sowjetsoldatin, Mitglied eines sowjetischen Spähtrupps, von finnischen Soldaten getötet. Dieses Foto war in Fotoalben finnischer Soldaten weit verbreitet.

Eine teils entkleidete Sowjetsoldatin, Mitglied eines sowjetischen Spähtrupps, von finnischen Soldaten getötet. Dieses Foto war in Fotoalben finnischer Soldaten weit verbreitet.

Ein prägnantes Distinktionsmerkmal ist zunächst das Rassentheorem, das in der deutschen Propaganda im Vergleich zur finnischen eine sehr große Rolle spielte. Aber der vielleicht interessanteste bisher feststellbare Unterschied besteht darin, dass die finnischen Soldaten relativ oft tote, teils entkleidete sowjetische Soldatinnen fotografiert haben, die anhand ihrer Bekleidung als solche zu erkennen sind. In deutschen Fotobeständen finden sich ähnliche Privatfotos, doch beim genaueren Betrachten konnte ich feststellen, dass die Frauen auf den deutschen Fotos tote Zivilistinnen sind, die wiederum in den finnischen Fotobeständen nicht zu finden sind. Aus irgendeinem Grund gibt es hier also keine Übereinstimmungen zwischen den Fotobeständen beider Länder. Diesen Grund gilt es nun zu eruieren.

Lucia Halder: Olli Kleemola, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

[1] Das Bild wurde in der Ausstellung Fremde im Visier – Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg gezeigt (20.10.2012 bis 1.9.2013 im Universalmuseum Joanneum in Graz).

 

Institution: Institut für Zeitgeschichte der Universität Turku, Finnland
Kontakt: owklee@utu.fi

Quelle: http://www.visual-history.de/2014/02/03/propaganda-und-privatfotografie-im-zweiten-weltkrieg/

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