Nadja Boufeljah aus unserer Redaktion hat für die aktuelle Ausgabe zum Thema „Emotionen: Wie sozial sind unsere Gefühle?“ ein Interview mit Prof. Dr. Udo Thiedeke zur Soziologie der Liebe geführt. Was bedeutet es, wenn man liebt? Wie kommt es zu … Continue reading
Sade im Sumpf
Was bleibt von Marquis De Sade?
Ein Sumpf-Spezial zum 200. Todestag
Das 20. Jahrhundert war von ihm fasziniert. Guillaume Apollinaire nannte ihn göttlich, Adorno und Horkheimer erkannten ihn seinem Werk die schwarze Seite der Aufklärung, Pasolini machten aus seinen "120 Tagen von Sodom" eine Parabel über den Faschismus, und Feministinnen wollten seine Werke verbannen. Heute ist es stiller geworden um den vielleicht skandalösesten Autors der Moderne.
- außer in Frankreich. Eine aktuelle Ausstellung in Paris über De Sade und die Kunst trägt den Titel "Die Sonne angreifen".
Die Beiträge zum Sade-Sumpf:
ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Ernst Strouhal
eine Rückschau auf den Einfluss von De Sade auf die Popmusik und
einer neuen Ausgabe unserer zweiwöchentlichen Elektronikmesse "Die Unordnung der Dinge".
Quelle: http://adresscomptoir.twoday.net/stories/1022374492/
Neue Perspektiven auf (anti-)koloniale Gewalt in Mythen, Erinnerung und Praxis. Claire Mauss-Copeaux analysiert einen zentralen Wendepunkt des algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954-1962)
Rezension zu: Claire Mauss-Copeaux, Algérie 20 août 1955. Insurrection, répression, massacres. Paris 2011.
Wie kaum ein anderes Thema der Zeitgeschichte sorgt der zwischen 1954 und 1962 um die Unabhängigkeit Algeriens geführte Krieg bis heute in Frankreich immer wieder für breite und oftmals hoch emotional geführte Debatten. Seit der algerischen Unabhängigkeit 1962 schlugen die miteinander in Konflikt stehenden Erinnerungen und Deutungen der beteiligten Akteure bzw. ihrer (zum Teil selbsternannten) Repräsentanten immer wieder hohe Wogen, die u.a. als »Krieg der Erinnerungen« bezeichnet wurden. Obgleich die algerischen Aufstände vom 20. August 1955 seit jeher Gegenstand intensiver Kontroversen waren und als eines der Schlüsselereignisse dieses Krieges gelten, hat es – anders als etwa im Fall des Putschs vom 13. Mai 1958 – vergleichsweise lange gedauert, bis eine Monographie sich dieses Ereignisses und seiner unmittelbaren Folgen annahm. Claire Mauss-Copeaux hat diese Lücke gefüllt, und um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis, zu dem sie, aufbauend auf einem umfangreichen Fundus algerischer und französischer Archivalien und Zeitzeugenberichte kommt, ist in mehrfacher Hinsicht beeindruckend und als solches nicht nur Spezialisten französischer Kolonialgeschichte als besonders lesenswert zu empfehlen.
Zum historischen Kontext: Weniger als ein Jahr nach dem Beginn der algerischen Rebellion am 1. November 1954 war die Befreiungsfront Front de Libération Nationale (F.L.N.) bereits massiv angeschlagen. Seit Beginn des Jahres 1955 hatte die französische Armee dank ihrer ebenso technischen wie zahlenmäßigen Überlegenheit und ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten der Regierung in Paris zahlreiche führende Aktivisten verhaftet oder getötet. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Zweigen der Organisation war entweder gestört oder unterbrochen. In dieser Situation entschied sich der für die Region um Constantine (Le Constantinois) Verantwortliche des F.L.N. Zighoud Youcef dafür, einen breiten Aufstand zu organisieren, der am zweiten Jahrestag der französischen Absetzung des marokkanischen Königs mit großer Unterstützung der lokalen algerischen Bevölkerung in mehreren Orten des Constantinois stattfand. Ziel war es, das symbolträchtige Datum zu nutzen, um durch Angriffe auf Institutionen des kolonialen Systems internationale Aufmerksamkeit zu erregen und die allgemeine Mobilisierung für den F.L.N. voranzutreiben (84-89). Die Bilanz der Toten an diesem Tag betrug 123. Damals und bis in die jüngste Vergangenheit wurden insbesondere die angeblich in Form von Massakern umgekommenen 71 Toten europäischer Herkunft vielfach als Rechtfertigung für die anschließenden »Vergeltungsmaßnahmen« gegenüber der algerischen Bevölkerung in der gesamten Region angeführt (123-125).
In ihrem ersten Teil macht Mauss-Copeaux die zentrale Rolle der Gewalt für die Existenz und die Stabilisierung des kolonialen Staates in Algerien deutlich. Sie stellt fest, dass in über hundert Jahren kolonialer Unterdrückung Gewalt nicht das einzige Kommunikations- und Herrschaftsmedium der Franzosen in Algerien war. Ungeachtet dessen diente Gewalt während der gesamten französischen Besatzung in jedem Fall offener Revolte oder Infragestellung der kolonialen Hierarchie als letztes Mittel zum Erhalt des status quo (14). So wird verständlich, dass es in Algerien nach den ersten vereinzelten Anschlägen, die auf den 1. November 1954 folgten, nicht erst der massiven Aufstände des 20. August 1955 bedurfte, um das gesamte Land in einen Kriegszustand zu versetzen. Dafür hatten bereits zuvor die Anweisungen der Armeeführung (vor allem das seit dem 1. Juli 1955 auf ganz Algerien angewendete Prinzip der »kollektiven Verantwortung«) wie auch die Einsatzpraxis von Berufssoldaten und Wehrdienstleistenden gesorgt (Erschießungen von Gefangenen bzw. Verdächtigen z.T. mit anschließender öffentlicher Zurschaustellung der Leichen, Vergewaltigungen und Folter) (61-63).
Die Teile zwei und drei des Buchs rekonstruieren die Aufstände in den verschiedenen Orten des Constantinois. Besonders eingehend werden El Alia und Aïn Abid untersucht, da dort die meisten Zivilisten ums Leben kamen, wobei insbesondere die Angriffe auf private Häuser und die Morde an Frauen und Kindern das französische Entsetzen erregten. In der damaligen kolonialen Propaganda und zum Teil bis heute fungieren diese Morde als »massacre de réference« und Ausweis einer unmenschlichen Tyrannei des F.L.N. mit dem sich jede Form der Vergeltung rechtfertigen ließ (123).
Vor allem auf der Grundlage lokaler Quellen und den Berichten algerischer und europäischer Zeitzeugen gelingt es Mauss-Copeaux, eine neue Lesart des 20. August zu begründen. So gesteht sie zwar bei mindestens 42 der Morde den Tatbestand eines Massakers zu (126), entlarvt jedoch kursierende Horrorszenarien wie einen Mord mit einer Gabel und das Herausreißen eines Fötus aus dem Bauch einer Schwangeren als Gerüchte (158-159). Bezüglich der Verantwortung des F.L.N. für die Morde an europäischen Zivilisten gibt sich die Autorin skeptisch. Sie verweist darauf, dass der F.L.N. zumindest bis zu diesem Datum Angriffe auf europäische Zivilisten explizit verbot und es im Fall eines Schießbefehls auf Zivilisten an allen Orten des Aufstands zu Massakern hätte kommen müssen – nicht nur in El Alia und Aïn Abid. (91-93). Ohne den Anspruch zu erheben, eine vollständige Erklärung dieses »Rätsels« (134) liefern zu können, führt die Autorin die These an, dass die von Algeriern begangenen Massaker auf intensive lokale Spannungen zurückzuführen seien, die zwischen Algeriern und Europäern allgemein bestanden hätten, aber auch zwischen direkt involvierten Einzelpersonen. Hinzu seien situative Dynamiken gekommen, wie eine kurz zuvor erfolgte Denunziationen gegenüber den Kolonialbehörden, die Erschießung eines Algeriers durch einen Europäer auf offener Straße und der Umstand, dass die Häuser der europäischen Opfer unmittelbar neben den ursprünglich anvisierten Gebäuden lagen, die den kolonialen Staat repräsentierten. Auf der Basis dieser Argumentation erscheint es tatsächlich naheliegend, dass der Aufstand auf lokaler Ebene als Gelegenheit für individuelle Racheakte genutzt wurde (144).
Bis heute haben mehrere Überblickswerke französischer Historiker über den Algerienkrieg viele (zu einem großen Teil erfundene) Details der Morde an europäischen Zivilisten im Constantinois aufgeführt und die anschließenden Repressalien der Armee nur kursorisch behandelt. Ohne sie zu verschweigen, wurde der »Tod« von schätzungsweise 12 000 Algeriern oftmals vereinfacht als Konsequenz der vorherigen »Massaker« eingeordnet und damit abgehandelt (177-180). In dem vierten Teil ihrer Monographie zeigt Claire Mauss-Copeaux eindrucksvoll, dass auch diese Lesart revidiert oder zumindest ergänzt werden muss: Erst am 28. August 1955 wurde der eine Woche zuvor erteilte Befehl an die französischen Soldaten eine »schnelle und brutale Wiederherstellung der Ordnung« durchzuführen, dahingehend präzisiert, dass das Leben von Frauen und Kindern zu schonen sei (184-185). Bis dahin warfen Flugzeuge der französischen Armee über mehreren Dörfern des Constantinois Bomben und Napalm ab, Bodentruppen legten ganze Dörfer in Brand nachdem die Häuser zuvor von Panzerfahrzeugen unter schweren Beschuss genommen worden waren. Sogar ein Escorteur der Marine wurde eingesetzt, um das Umland der Küstenstadt Collo breitflächig zu bombardieren (190-192). Auf diese mehr oder weniger wahllos durchgeführten Aktionen kollektiver Bestrafung folgten planmäßige Verhaftungen und anschließende Massenerschießungen hunderter algerischer Männer und Jugendlicher, deren Leichen in Massengräbern verscharrt wurden. Angesichts der aktiven Verschleierung derartiger Verbrechen durch die französische Armee wird hier die Bedeutung des Zugangs der Oral History besonders deutlich: Nicht nur Archivmaterial und Fotos wurden systematisch zerstört (199). Auch die Körper der Hingerichteten sollten ausgelöscht werden. So wurden in Guelma nach einer Massenerschießung die Leichen algerischer »Verdächtiger« zur Unkenntlichmachung mehrfach von Kettenfahrzeugen überfahren und zerquetscht (220-225).
Dass die beschriebenen Exzesse des französischen Militärs vor allem Unbeteiligte treffen mussten und auch an Orten begangen wurden, an denen es keine Aufstände gegeben hatte, zeigt das ganze Ausmaß willkürlich eingesetzter Gewalt während des Kolonialkrieges. Entgegen einer bislang weit verbreiteten Interpretation sind die Aufstände des 20. August somit durchaus als Auslöser nicht aber als hinreichende Erklärung für die anschließenden Massaker zu verstehen. Deren systemischen Charakter macht nicht zuletzt der Umstand deutlich, dass die Regierung in Paris über das Vorgehen der Armee genauestens Bescheid wusste, aber weder eingriff noch Sanktionen verhängte (183-184). Claire Mauss-Copeaux hat hiermit ein für das differenzierte Verständnis des algerischen Unabhängigkeitskrieg essenzielles Werk vorgelegt. Dass die Autorin die Verwendung von Bezeichnungen der Gewalt durch die Akteure von damals und heute mehrfach diskutiert ohne jedoch selbst die Frage zu klären, was zum Beispiel unter »Massaker« verstanden werden soll, ist ihr in jedem Falle nachzusehen. Ihre durch Karten, Abbildungen und eine Vielzahl von Zitaten angereicherte Monographie hat nicht nur einen der entscheidenden Wendepunkte des algerischen Unabhängigkeitskrieges in ein neues Licht gerückt. Weit darüber hinaus werden auch Studien über koloniale Gewalt ebenso wie Oral History Projekte in diesem Buch Anknüpfungspunkte finden.
Bild: Buchcover, Editions Payot & Rivages,
Quelle: http://gewalt.hypotheses.org/659
Legende und Geschichte – die römische Königszeit, Teil 4
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| Tarquinius Superbus |
| Tarquinius Thronergreifung, Comic aus den 1850er Jahren |
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| Michaelangelos Darstellung der Sibyll |
| Lucius Junius Brutus |
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| Tyrannenmord |
Quelle: http://geschichts-blog.blogspot.com/2014/11/legende-und-geschichte-die-romische.html
Digital Humanities Summit 03. bis 04. März 2015 in Berlin
Die Projektverbünde TextGrid und DARIAH-DE veranstalten einen DH-Summit 2015 vom 3. bis 4. März 2015 in Berlin (Harnack-Haus).
Das Event richtet sich in erster Linie an die DH-Projekte, Zentren und Nachwuchsgruppen aus den letzten beiden BMBF-Calls sowie weitere assoziierte Projektpartner von TextGrid und DARIAH-DE.
Für das Veranstaltungsprogramm konnten hochkarätige Vertreter aus den Digital Humanities gewonnen werden, so werden die Keynotesprecher Prof. M. Thaller, Universität zu Köln und Dr. K. Fendt, Massachusetts Institute of Technology bespielsweise eine Bestandsaufnahme bzw. Notwendigkeiten und Bedingungen der Digital Humanities präsentieren, geplant sind zudem zwei Panels zu den Perspektiven aus Sicht der Wissenschaft, Infrastruktureinrichtungen und Förderinstitutionen sowie Pro- und Contrapositionen zum Thema Zukunft mit Tradition in den Geisteswissenschaften.
Flankierend sind weitere Veranstaltungen vorgesehen, unter anderem eine TextGrid Grand Tour (6. TextGrid Nutzertreffen) am 5. März 2015.
Alle Informationen rund um das Veranstaltungsprogramm gibt es auf unserer Website www.dhsummit2015.de
Quelle: http://dhd-blog.org/?p=4331
Historisches Lernen mit mobilen Endgeräten
Der Einsatz von Tablets und Smartphones bietet spannende neue und jugendgemäße Methoden für die historische Bildung.
Quelle: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Online-Lernen/content/12142
Sport, Stadion, Stadt
Seit dem Zweitligaaufstieg der Lilien machen sich zweiwöchentlich über zehntausend Menschen auf dem Weg zum Böllenfalltor um zweiundzwanzig Menschen beim Bewegen eines Lederballes mit den Füßen zu beobachten. An solchen Spieltagen wird das Stadion ganz besonders sichtbar. Doch welchen Ort haben Stadien und Sportstätten in Städten in historischer Perspektive?
Dieser Frage ging der viele Jahre am Institut für Geschichte beschäftigte Historiker PD. Dr. Noyan Dinckal aus Paderborn in einem Vortrag im Rahmen des 29. Darmstädter Sport-Forums nach. Er betrachtete dabei die Entwicklung moderner Sportstätten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und konstatierte zum einen, wie diese mit zunehmender Popularisierung zunehmenden Einfluss auf den urbanen Raum nahmen. Straßenbahnanschlüsse, Erdumwälzungen, Parkplätze mussten gebaut oder bewältigt werden und wirkten so in starkem Maße auf die Kommune zurück. Zum anderen wurden die Stadien durch das zunehmende Interesse der Bevölkerung zu „Orten architektonischer Massenkultur und urbaner Riten“, wie Dinckal betonte.
Die zunehmende Bedeutung des Zuschauersports brachte begleitende Diskussionen hervor, die auch dem heutigen Ohr bekannt vorkommen. Schon damals gab es Debatten über Gewalt auf den Rängen, über die Rolle von Kommerz im Stadion (auch damals gab es Logen), über die durch das Stadion herbeigeführte Trennung von Profi- und Breitensport und über das Stadion als Prestigeobjekt für die Kommunen.
Ein Blick in die Geschichte des Stadionbaus eröffnet so neue Einblicke auch in aktuelle Diskussionen um Stadionneubauten. Manche Argumentationslinien wirken in historischer Dimension anders, andere Argumente können mit historischen Erfahrungen angereichert werden. Dinckals Vortrag regt auf jeden Fall zum Nach-, Mit- und Andenken an –gerade auch wenn man sich am Wochenende mal wieder auf den Weg ins Stadion am Böllenfalltor macht und dessen Zukunft im Halbzeitgespräch thematisiert wird.
Weiterführende Links:
Verlagsinformation zu Dinckals Buch über Sportlandschaften
Quelle: http://mgtud.hypotheses.org/150
International Journal of Digital Art History – Call for Manuscripts
gemeldet von Dr. Harald Klinke M.Sc., Institut für Kunstgeschichte, LMU München
The Digital Age has revolutionized economy, society and our private lives. For decades now, digitalization has also touched most branches of the humanities. With the rising importance of the so called Digital Humanities, Art History is about to change significantly. Since the slide library is irreversibly replaced by image databases, the fact that our media have turned digital opens up to new possibilities. Academic books and journals are increasingly accessed and published via internet. Data-driven approaches enable us to visualize large data-sets and big image data. Computer vision, gamification and citizen science spur new epistemic approaches.
Many such approaches are currently evolving in the international sphere of Art History. Those ideas and projects are in need of a platform of interchange and discourse. A discourse that is linked to Digital Humanities, but regards the special interests and needs of Art History as a historical image science at the interface to Information Science. Thus, the “International Journal of Digital Art History” (DAH) will give authors in this field the opportunity to reach a wider audience, spark a discussion on the future of our discipline and generate an international and interdisciplinary network of scholars and practitioners.
This is a call for manuscripts. The first issue of DAH is scheduled for early 2015. It will focus on the definition of “Digital Art History” in relation to “non-digital”, to information science and general DH. It will encompass the range of the field and its vector into the future. It will also highlight exceptional projects and feature book reviews.
Featured author will be Lev Manovich. He is Professor at The Graduate Center, CUNY, and a Director of the Software Studies Initiative that works on the analysis and visualization of big cultural data.
Manuscripts may be sent to the editors Harald Klinke and Liska Surkemper (editors@dah-journal.org) by Jan, 30 2015. For more information for authors, please visit “Information for Authors”.
ISSN-Print 2363-5398
ISSN-Internet 2363-5401
Quelle: http://dhd-blog.org/?p=4327
24. Alltagslebenstauglichkeit von Philosophen (1/2)
Ich wurde neulich mit einer interessanten Ansicht konfrontiert, die mich zum Nachdenken angeregt hat: Kurz nachdem ich mir meinen Montagsfrack angezogen habe und kurz bevor ich bemerkte, dass ich vergessen hatte, Schuhe dazu anzuziehen, geriet ich in eine Meinungsverschiedenheit über den Besitzanspruch eines Sackes Kartoffeln am Markt. Jemand riet mir dort im Handgemenge, ich solle die Situation doch nicht gänzlich aufgrund meiner moralischen Standards bewerten. Denn diese wären naturgemäß (so die Implikation) für jemanden der sich mit Philosophie beschäftige, sehr hoch, vielleicht sogar ideal und deshalb zu hoch, zu lebensfern (wie mein Scheitel an jenem unheivollen Tag).
Denkwürdig ist dieser Rat aber allemal: Erstens enthält er nämlich die Meinung, dass Philosophen gerade nicht die Realität im Auge haben, sondern ein von der Realität losgelöstes Konzept untersuchen. Dieses Konzept würde dann über die nicht-ideale Lebenswirklichkeit gestülpt und passe deshalb nur bedingt. Philosophie sei also weltfremd. - Aber wenn dies der Fall wäre, dann müsste man auf eine andere, nicht-philosophische Meinung rekurrieren, welche vermeintlich näher an der Realität dran wäre. Das hätte die paradoxe Konsequenz zur Folge, dass eine Person, die sich weniger mit der Theorie der Moral beschäftigte, eine bessere moralische Bewertung vornehmen könnte als eine Person, die sich viel damit beschäftigte (ja, Vergangenheit, nicht Konjunktiv). Derselbe Vorwurf scheint bei Juristen bezüglich Rechtsstreitigkeiten, Betriebswirtschaftswissenschaftlern bezüglich betriebswirtschaftlicher Fragen oder Biologen bezüglich anderer Biologen unplausibel, warum also anders bei der Philosophie? "Ja, genau, warum?". Wir sollten tatsächlich immer die Realität, die Wahrheit im Auge haben und kein dünnes Abbild der Wirklichkeit, das in seiner Gültigkeit reduziert ist.
Zweitens denke ich aber tatsächlich nicht, dass Philosophen selbst grundsätzlich moralisch besser dastehen als Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Biologen. „Warum?“ Naja, es gibt viele Gründe: Beispielsweise ist die Bewertung einer Situation im Nachhinein eine ganz andere Sache als die Anwendung der Theorie auf die eigene Handlungsmotivation (Stichwort: Fußball). „Warum?“ Ist doch klar: Solange der Unterschied zwischen einer moralischen und einer amoralischen Handlung im Bruchteil einer Sekunde getroffen wird, während der also keine Zeit zum Abwägen und Durchdenken ist, müsste Ihr moralisches Reflexsystem bereits so gut geschult sein, dass es im Notfall auch ohne langes Nachdenken funktionieren kann. Wie häufig moralische Reflexe zur Anwendung kommen (, ob es sie gibt, was der Unterschied zur plötzlichen Erkenntnis) und wie häufig Zeit zum Denken ist, kann ich Ihnen leider nicht genau sagen.
Selbst wenn aber Aristoteles aus Menschen keine hirnlosen Tugendmaschinen machen wollte, sagte er dennoch zurecht, dass der gute Mensch das Gute gerne tut. Er hat Lust am Guten. Wenn sich Ihnen also der Magen verdreht, wenn Sie eher jemanden vor dem Ertrinken retten sollen, als Ihren Scheitel bei Coiffeur nachziehen zu lassen, sind Sie nach Aristoteles noch nicht tugendhaft.
„Wenn sonach die Tugend zweifach ist, eine Verstandestugend und eine sittliche Tugend, so entsteht und wächst die erstere hauptsächlich durch Belehrung und bedarf deshalb der Erfahrung und der Zeit; die sittliche dagegen wird uns zuteil durch Gewöhnung [...].“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik Buch II, Kapitel 1).
Jetzt wollen Sie sicher wissen, wie die Geschichte mit dem Kartoffelsack ausgegangen ist. Ich sage es Ihnen: Als ich mich kurz bückte, um meine Schnürsenkel zuzubinden, da es mir an den Füßen kalt zu sein schien, zog mein Gegner mir einen passenden Scheitel mit seiner Handkante, nahm den Kartoffelsack weg und bestellte schöne Grüße aus dem Naturzustand.
Piketty vs. Graeber
Zwei Bücher haben in letzter Zeit das Thema soziale Ungleichheit und Kapitalismus aufs Tapet gebracht und Feuilleton- und WirtschaftsjournalistInnen umgetrieben. David Graeber zielte mit seinem Buch über „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ auf die ganz großen Kontinuitäten der Menschheitsgeschichte und versuchte, der Welt „ewig Weh und Ach / So tausendfach / Aus einem Punkte“ zu erklären. Das ist intellektuell anregend, aus der gewohnheitsmäßig kleinlichen Sicht des Historikers aber methodisch und theoretisch angreifbar. Angreifbar machte sich auch Thomas Piketty mit seinem „Le Capital au XXIe […]



