Hat Karl Marx dieses Haus jemals betreten? Schauplätze seines Pariser Exils 1843-1845

Nächstes Jahr jährt sich der Geburstag von Karl Marx zum 200. Mal. Zugleich feiern das Kommunistische Manifest (1847/48) mit 170 Jahren und „Das Kapital“ (1868) mit 150 Jahren runde Jubiläen. Anlass genug, um Leben, Werk und Wirkung von Karl Marx auf neue (geht das?) oder zumindest interessante Weise anhand von Biographien, Filmen, Dokudramen, Radiofeatures1, Ausstellungen2, Websites, Veröffentlichungen, Tagungen etc. zu beleuchten. Neben Fragen nach der Aktualität von Marx‘ Schriften liegt ein beliebter Aspekt im derzeitigen Marx-Hype auf Darstellungen zu seiner Person und seinem privaten Umfeld. Das zeigt sich am – wie ich finde – langweilig-bieder erzählten Film „Der junge Karl Marx“ ebenso wie an den neueren Biographien, die dafür allerdings ebenso Kritik einstecken mussten3.



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Quelle: http://19jhdhip.hypotheses.org/3008

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Grenzpassagen


Literarische Auseinandereinandersetzungen mit Flucht und Exil waren das Thema des Vortrags von Doerte Bischoff

Kriegsflugblatt mit einem Beitrag von Thomas Mann, 1943 © Foto H.-P.Haack, Privatbesitz, via Wikimedia CC BY 3.0
Kriegsflugblatt mit einem Beitrag von Thomas Mann, 1943 © Foto H.-P.Haack, Privatbesitz, via Wikimedia CC BY 3.0

Albert Einstein sieht müde aus. Neben ihm steht Erika Mann, dahinter ihr Vater Thomas Mann, mit ernstem Blick. Fritz Lang, Alfred Döblin, Arnold Schönberg, Kurt Weill – all diese deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, auch sich selbst und seine Frau, hat der Maler Arthur Kaufmann auf dem in dunklen Farben gehaltenen Bild „Die geistige Emigration“ versammelt (Auf der Website „Künste im Exil“ kann man es ansehen.). Im Hintergrund fährt ein Dampfer über das Meer Richtung Freiheitsstatue. Was die abgebildeten Künstler und Wissenschaftler eint, ist ihre Fluchtgeschichte.

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Quelle: https://migration.hypotheses.org/101

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Willy Brandt und Nordeuropa

Der Norden Europas hat im Leben Willy Brandts, der gestern 100 Jahre alt geworden wäre, eine essenzielle Rolle gespielt. 1933 emigrierte er, nachdem er kur zuvor seinen Decknamen angenommen hatte, über Dänemark (er floh in einem Fischerboot) nach Norwegen, wo er als Journalist tätig war, aber auch für die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), der er sich 1931 angeschlossen hatte, politisch aktiv blieb. In Norwegen sollte er eine Auslandsgruppe der SAP aufbauen und Kontakte zur Norwegischen Arbeiterpartei [Det norske Arbejderparti] aufzubauen. Von Norwegen aus unternahm er Reisen nach Deutschland und Spanien, wo er mit einer “geliehenen” Identität als Norweger auftrat. Ein gewagtes Unterfangen war eine  Reise nach Berlin 1936 mit dem Ziel, die Auslandsabteilung der SAP wieder aufzubauen. Die Reste dieser sozialdemokratischen Splitterpartei in Deutschland wurden indes 1937/38 zerschlagen, so dass sie quasi reine Exilpartei wurde. Brandt war 1937 Berichterstatter mehrerer norwegischer Zeitungen im Spanischen Bürgerkrieg. In der Phase ab 1937 integrierte sich Brandt stärker in die norwegische Arbeiterbewegung. Seine Bedeutung wuchs: Für den Kriegsfall wurde Oslo als Auslandszentrale der SAP mit Brandt als ihrem Leiter ausgewählt. 

Willy.Brandt.Stockholm.2007

Statue von Rainer Fetting im Willy-Brandt-Park in Stockholm
Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Seine Ausbürgerung beraubte ihn 1938 seiner deutschen Staatsbürgerschaft. Die Besetzung Norwegens durch die Deutschen 1940 beraubte ihn seiner ersten Exilheimat. Von den Deutschen gar verhaftet, rettete ihn die norwegische Uniform, die er trug, und seine Norwegischkenntnisse, deren Erwerb er bereits vor dem Exil begonnen hatte. Sein Weg führte ihn in das benachbarte Schweden, wo er die norwegische Staatsbürgerschaft von der dortigen Botschaft erhielt und wo er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin journalistisch und politisch tätig blieb. Anfangs war Brandt eher noch Vertreter des norwegischen Exils und unterstützte u.a. die norwegische Widerstandsbewegung. Später engagierte er sich in einem Kreis europäischer Exil-Sozialdemokraten, der später als “kleine Internationale” bekannt wurde.  Hier diskutierte er in den Jahren 1942–45 mit Vertretern wie Bruno Kreisky oder den schwedischen sozialdemokratischen Intellektuellen Alva und Gunnar Myrdal die Zukunft und den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands nach dem Kriegsende.

Brandt näherte sich wieder der SPD an, mit der er 1931 gebrochen hatte und trat seiner alten Partei im Exil wieder bei. Er begleitete das Schicksal Norwegens im Krieg publizistisch mit einer ganzen Reihe von Büchern und Artikeln über Krieg, Besatzung und Widerstandskampf in Norwegen in verschiedenen Facetten. Die Zukunftspläne für Deutschland und Europa thematisierte er in Publikationen wie dem 1942 erstmals erschienenen Efter segern [Nach dem Sieg]. Die Exiljahre hatten maßgebliche Auswirkungen auf Brandts politisches Denken. Die Begegnung mit den Arbeiterbewegungen in Norwegen und Schweden zeigte ihm eine andere Sozialdemokratie, die sich insbesondere in Schweden bereits auf dem Weg zum erfolgreichen Wohlfahrtsstaat (“Volksheim”) befand. Brandt war von dem Pragmatismus und der freiheitlichen Einstellung seiner nordeuropäischen Parteikollegen nachhaltig beeindruckt, was mit ein Grund für seine Rückkehr zur SPD war.

Brandt kehrte bald nach dem Krieg nach Deutschland zurück, zunächst als Berichterstatter von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Seine Beobachtungen dort veranlassten ihn 1946 zur Niederschrift seines erst vor wenigen Jahren in deutscher Übersetzung erschienenen Werks Forbrytere og andre tyskere [Verbrecher und andere Deutsche, dt. Bonn 2007]. Brandt ging es darum, gegenüber seinen verbitterten norwegischen Landsleuten zu zeigen, dass es ein anderes, ein besseres Deutschland durchaus gab und dass es – anders als es so mancher Norweger geneigt war, zu sehen – die Chance für einen Neuanfang verdient habe. Brandt kam dann 1947 als Presseattaché an die norwegische Militärmission (die erste diplomatische Vertretung Norwegens in Deutschland nach dem Krieg) nach Berlin. Er sollte über die politischen Entwicklungen in Deutschland berichten – die früheren Genossen aus Lübeck hatten ebenfalls versucht, ihn für sich als Bürgermeisterkandidaten zu werben und waren enttäuscht. In einem Schreiben legte Brandt seine Gründe für die Wahl Berlins dar.

Nachdem er 1948 wieder deutscher Staatsbürger geworden war, wurde Brandt, wie allgemein bekannt, als Regierender Bürgermeister zu einer Symbolgestalt West-Berlins und zu einem Vorkämpfer gegen die deutsche Teilung. Die Verbindungen nach Norwegen würden nie ganz nachlassen, doch politisch für einige Zeit nicht die wichtigste Rolle spielen. Mit seiner norwegischstämmigen zweiten Frau Rut und ihren Söhnen gehörten Sommerurlaube in Norwegen indes zum festen Familienprogramm. Nordeuropa geriet wieder stärker in den Blick, als Brandt 1966–69 Außenminister der ersten Großen Koalition wurde. In seine Amtszeit als Bundeskanzler 1969–74 fielen auch die norwegischen Beitrittsbemühungen zur EWG, zu deren Fürsprecher er sich machte. Deutschland war wie auch später, der Anwalt Nordeuropas in der EWG/EU und Brandt sprach gar auf einer Kundgebung am Youngstorget (dem Sitz zentraler Institutionen der norwegischen Arbeiterbewegung) und warb – auf Norwegisch! – um die Zustimmung der Norweger zum EWG-Beitritt. Diese erfolgte im entsprechenden Referendum indes nicht und Brandt war enttäuscht, dass eine stärker skandinavische Prägung (nur Dänemark trat 1973 neben Großbritannien und Irland bei) der EWG somit ausblieb.

Für seine Verdienste um die Annäherung zwischen Ost und West im Rahmen der von ihm und seinem politischen Umfeld angestoßenen “neuen Ostpolitik” erhielt Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis, der ja bekannterweise in Oslo verliehen wird. Die Zeremonie im Dezember 1971 war für Brandt ein emotionales Erlebnis, und aus Sicht der norwegischen Bevölkerung wurde da einer der Ihren ausgezeichnet. Die Sicht der Norweger auf Deutschland war für lange Zeit durch das harte Besatzungsregime und große Verbitterung geprägt. Dass zwischen der Bundesrepublik und Norwegen eine gewisse Annäherung erreicht wurde, ist nicht zuletzt Brandts politischem Wirken und der großen Sympathie für ihn in Norwegen zu schulden.

Quelle: http://nordichistoryblog.hypotheses.org/2042

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Opposition und Fluchthelfer. Die Mordanschläge der Stasi auf Wolfgang Welsch

Wolfgang Welsch überlebte drei Attentate der Stasi auf sein Leben. Nach jahrelanger politischer Haft gelangte er 1971 in die Bundesrepublik und arbeitete als Fluchthelfer. Das machte ihn in den Augen der Stasi zum Staatsfeind der DDR. Die Stasi scheute in der Folge keinen Aufwand und verübte auf ihn mehrere Mordanschläge. Im MONTAGSRADIO, Ausgabe 17/2011, spricht Wolfgang Welsch über seine Biographie: über Widerstand, Haft, die Attentate und darüber, wie man aufhört zu hassen.

Wolfgang Welsch geriet schon als Jugendlicher in eine oppositionelle Haltung. Ein erster Fluchtversuch im Jahr 1964 scheiterte jedoch, und Welsch wurde zu politischer Haft verurteilt. Die inhumanen Haftbedingungen, die Folter und das Unrecht, die er als Häftling erlebt hat, führten zu einer Radikalisierung Welschs. Das Angebot eines “Freikaufs” durch die Bundesrepublik, lehnte er ab. Nach seiner Haftentlassung begann er mit Dreharbeiten zu einem Film; sein Vorhaben wurde jedoch verraten und Welsch musste erneut ins Gefängnis. 1971 wurde er auf politischem Druck aus der Haft entlassen. Wolfgang Welsch reiste nun aus in die Bundesrepublik und arbeitete fortan als Fluchthelfer. Einen versuchten Giftmordanschlag der Stasi in Israel überlebt er nur knapp. Zeitgleich verschwindet auch ein derzeitiger Freund und Welsch hält ihn für tot. Die Zusammenhänge erfährt Wolfgang Welsch erst Jahre später, er stellt Strafanzeige und trifft den tot geglaubten Freund vor Gericht wieder.

Und hier die Timeline von dem Gespräch:

1:00 die “dunklen Stunden” in der Biographie: Scheinhinrichtung während der Haft, Attentate

3:00 erste Flugblätter nach dem Mauerbau

7:30 Fluchtwunsch

12:00 Vorbild “Weiße Rose”, politisches Bewusstsein

14:00 Der Begriff “Widerstand”

18:00 Folter während der Haft und in der Gegenwart

23:00 Bewertung der Situation von Flüchtlingen heute

28:00 erneute Haft wegen “Hochverrat”; Kontakt nach außen

32:00 Kritik an Aufarbeitung, nachträgliche Konstruktion einer DDR-Opposition

40:00 Giftmordanschlag in Israel

43:00 Der Attentäter im Auftrag der Stasi

49:00 Verdachtsmomente

53:00 1990 Erstattung der Strafanzeige gegen Erich Mielke

56:00 Ermittlungen finden nicht statt

01:00:00 Exil wegen Morddrohungen; 1993: der Stern beginnt mit Recherchen

1:06:00 Begegnung mit dem Attentäter im Gerichtssaal

1:10:00 Vergebung und das Ende des Hasses

1:13:00 Fragebogen

Und hier gehts direkt zum MP3.

Quelle: http://www.montagsradio.de/2011/11/07/erst-freund-dann-feind-die-mordanschlage-der-stasi-auf-wolfgang-welsch/

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Geschichte als Graphic Novel: Tina Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhunderts

Tina Modotti in the 1920 film The Tiger's Coat.

Spätestens seit der Publikation von „Maus“, für die der Autor Art Spiegelman 1992 mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, sind Graphic Novels ein ernst genommenes und honoriertes Genre der Literatur. Spiegelman bewies, dass man auch in comicartiger Form Lebensgeschichten erzählen und dabei spielerisch Wissen vermitteln kann. Barbara Eder, die am Soziologischen Institut der Universität Wien zur Thematik promoviert, geht davon aus, dass sich das Medium Graphic Novel zur Erzählung einer Lebensgeschichte sogar besser eigne, da

die extrem brüchige Erzählform von Comics – mit den leeren Räumen zwischen den Bildern – einer Biographie, die nicht linear verlaufen ist, möglicherweise mehr entspricht als eine literarische Erzählung.

Der spanische Comiczeichner Ángel de la Calle scheint dies ähnlich zu sehen und wählte jene Form, um das bewegte und sagenumwobene Leben der politischen Künstlerin Tina Modotti nachzuzeichnen. Bereits im Jahr 2003 erschien der erste Teil der zweibändigen Graphic Novel auf Spanisch und erhielt einige Auszeichnungen. Nun wurde er von Timo Berger ins Deutsche übersetzt und, zusammengefasst als Doppelband, beim Rotbuch Verlag herausgegeben.

Von der Fotografie zur Politik

Tina Modotti - Woman with Flag, 1928

Tina Modotti - Woman with Flag, 1928

Tina Modotti, die 1896 als Kind einer einfachen Familie in Italien geboren wurde und durch bis heute ungeklärte Umstände bereits 45-jährig allein in einem mexikanischen Taxi verstarb, ist keine heute noch jedem bekannte Persönlichkeit. Am berühmtesten ist wohl ihre Fotografie mit dem Titel „Frau mit Fahne“, die ihre zwei größten Leidenschaften zum Ausdruck bringt – Kunst und Politik. Als emanzipierte Frau wurde sie in ihren Mittzwanzigern von ihrem Geliebten Edward Weston, den sie 1923 nach Mexiko begleitete, in das Fotohandwerk eingeführt. Hier begann sie, sich in Kreisen der „postrevolutionären Bohème“ zu bewegen – unter Künstlern wie Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros und José Clemente Orozco. Schnell radikalisierte sich ihre politische Haltung: sie wurde Mitglied der Internationalen Roten Hilfe, der Antifaschistischen Liga, im Komitee „Hände weg von Nicaragua“, der antiimperialistischen Liga und trat 1927 in die Kommunistische Partei Mexiko ein.

Ihr Dasein als Fotografin war vom politischen Wandel stark beeinflusst. Zunächst wurde ihr Werk immer stärker von ihrem politischen Engagement geprägt und ihre anfangs unpolitische Portraitfotografie zunehmend durch gesellschaftskritische Aufnahmen ersetzt, bis schließlich ihr Interesse an Kunst derart nachließ, dass sie die Fotografie zu Beginn der 1930er Jahre zugunsten politischer Aktivitäten gänzlich aufgab. Nachdem sie 1930 aufgrund ihrer politischen Aktivitäten aus Mexiko ausgewiesen wurde, lebte sie unter anderem in Berlin, Moskau, Paris und Madrid, bis sie 1939 nach Mexiko zurückkehrte, wo sie 1942 verstarb. Nach Aufgabe der Fotografie arbeitete sie bei der Internationalen Roten Hilfe als Übersetzerin ausländischer Presseberichte, verfasste selbst Artikel und war in russische Geheimdienstaktivitäten verflochten.

Spurensuche

De la Calle schafft es, Tina Modottis Vielseitigkeit, ihr Dasein als Muse, Schauspielerin, Fotografin und Revolutionärin in Beziehung zueinander zu setzen und verstehbar zu machen. Interessant ist dabei seine Vorgehensweise. Er selbst wird zur Nebenfigur der Graphic Novel und führt aus, wie er zur Thematik kam und etliche Recherchen durchführte, um Modotti näher zu kommen. Die umstrittene und schwierige Quellenlage wird thematisiert, abgewogen und mögliche Interpretationsmöglichkeiten geboten. Sein offener Umgang ist dabei zwar einerseits begrüßenswert, da schließlich etliche Ereignisse in Modottis Lebensgeschichte ungeklärt und umstritten sind, andererseits bleibt zu fragen, inwiefern der Prozess der Recherche für den Leser interessant ist und ob man wirklich so genau darüber Bescheid wissen will.

Seite im Buch

Àngel de la Calle (Rotbuch Verlag)

Jener Erzählstrang über den Entstehungsprozess der Novel wird immer wieder unvermittelt, ohne besondere Überleitungs-versuche, zwischen den Episoden aus Modottis Leben eingeschoben.
Diese wiederum werden nicht chronologisch geschildert, sondern bruchstückhaft, als Erinnerungen, Erzählungen von der Figur Modotti selbst oder entfernt aus einer Art Vogelperspektive wieder-gegeben. Die Erzählstücke erinnern dabei an ein Tagebuch, in welchem die datierten Einträge durch-einander gewürfelt werden, bevor man sie darstellt. Zusammengesetzt ergeben sie zwar Sinn, doch ist ein erneutes Lesen nötig, damit die Teile eine komplette Lebensgeschichte ergeben.

Zwei große Themenschwerpunkte werden dabei dennoch ersichtlich. Während es im ersten Teil des Buches vor allem um Modottis Entwicklung als Fotografin geht und mit der Ausweisung Modottis aus Mexiko endet, beginnt der zweite Teil mit ihrem Tode und thematisiert ihre Entwicklung als linientreue Kommunistin. In beiden Teilen werden etliche Personen gezeichnet, die Modotti im Laufe ihres Lebens kennen lernte und deren Namen teils bis heute bekannt sind. So war sie beispielsweise mit der Malerin Frida Kahlo befreundet, traf Walter Benjamin in Paris und begegnete dem Reporter Egon Erwin Kisch. Es ist recht spannend zu erfahren, mit wem Tina Modotti in Kontakt stand, wen sie unter welchen Umständen kennen lernte und wie bestimmte Ereignisse und Persönlichkeiten zusammen hängen. Im Grunde sind es jedoch zu viele, um alle im Gedächtnis zu behalten. Vielleicht hätten sie aber auch auf eine andere Art und Weise eingeführt werden sollen. Hier und da werden in einem einzelnen Panel Personen genannt und gezeichnet, auf die erst etliche Seiten später näher eingegangen wird. Das muss auf den Leser verwirrend wirken, vor allem im Zusammenspiel mit der zuvor beschriebenen Erzählweise.

Autor und Protagonistin – Ein schwieriges Verhältnis

Zeitweilig anstrengend ist zudem die Art und Weise, wie der Autor zu seiner Protagonistin steht. De la Calle scheint Modotti regelrecht verfallen zu sein, womit er recht offen umgeht und es immer wieder zur Sprache bringt. So beschreibt er einen Besuch in New York, bei dem er das Museum of Modern Art (MOMA) besucht, allein um eine ausgestellte Fotografie der Calla-Blüten von Modotti aufzusuchen. In dieser Szene zeichnet er sich selbst vor dem Bild schwebend und schreibt dazu in der Textbox:

Endlich war ich einem Gegenstand nahe, den sie selbst berührt hatte! Es war wie eine Erscheinung. Ich wandte meinen Blick erst ab, als das Museum schloss. Es war ein Moment wahrer Empfindung. Wie wenn dich eine Sehnsucht nach exotischen Ländern überfällt, in denen du nie gewesen bist. (S.59)

Wenn man eine Biografie einer Persönlichkeit verfasst, ist eine starke Bindung zur dargestellten Persönlichkeit zwar selbstverständlich, doch wird immer wieder deutlich, dass er wie besessen von ihrem Leben und insbesondere ihrer Schönheit, die er unentwegt betont, ist. Amüsanterweise zeichnet de la Calle auch eine Szene, in der Tina Modotti selbst kritisiert, dass es immer wieder um ihr Äußeres geht, nämlich als sie anlässlich ihrer Ausweisung aus Mexiko um Interviews gebeten wurde. Ihr leuchtete es nicht ein, welchen Zusammenhang es zwischen ihrer Schönheit und der revolutionären Bewegung oder der Abschiebung von Kommunist(inn)en gebe, schrieb sie in einem Brief. (Vgl. S. 130) Um ihre Bedeutung als selbstbewusste, eigenständige Frau – insbesondere jener Zeit, in der sie lebte – geht es hingegen nur am Rande. So müssen Fragen offen bleiben, inwiefern sie als Vorbild diente, andere Frauen inspirierte oder sie auf antiemanzipatorischen Widerstand in kommunistischen und Künstlerkreisen stieß.

Einblick in eine künstlerisch-politische Szene

Trotz der genannten Schwächen der Graphic Novel muss dem Vorwortschreiber von de la Calles Werk, seinem Freund Paco Ignacio Taibo, zugestimmt werden, der die Sorgfalt der Arbeit und Vielfalt der Geschichten lobt, die dazu führt, dass nicht nur das Leben einer politischen Künstlerin dokumentiert wird, sondern zugleich ein Abriss einer künstlerischen und politischen Szene zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboten wird – auch mithilfe von Fotografien Modottis und anderer Kunstwerke jener Zeit, die de la Calle nachzeichnet und in seine Geschichte geschickt einflechtet. Taibo gab zur Lektüre folgenden Tipp:

Der Leser täte gut daran, mit dem Bleistift zu lesen und die zahlreichen Ehrerweise Ángels an Fotos, Bilder, Gebäude, Plakate und Gedichte zu notieren. Und die Namen, die wiederentdeckt wurden. (…) Man könnte das Beste Europas finden und einen Teil des Besten von Amerika. (S.268)

Bleibt zu ergänzen, dass es empfehlenswert wäre, vor der Lektüre de la Calles eine kurze Biographie von Tina Modotti zu lesen, um der drohenden Gefahr einer Verwirrung durch seine recht eigenwillige Erzählweise entgegen zu wirken.
Cover Modotti
Ángel de la Calle: Modotti – Eine Frau des 20. Jahrhunderts
Rotbuch Verlag

Graphic Novel, Broschur, 17,3 x 24,5 cm

272 Seiten, € 16,95


Einsortiert unter:Arbeiterbewegung, Biographie, Literatur

Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2011/09/25/geschichte-als-graphic-novel-tina-modotti-eine-frau-des-20-jahrhunderts/

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