Frühe Nachrichten über China: Seide, die vom Baum gekämmt wird …

Kostbare Seidenstoffe waren in Europa seit langem bekannt und begehrt, Herkunft und Gewinnung der Seide aber blieben ein gut gehütetes Geheimnis, [1] was zu zum Teil abenteuerlichen Erklärungsversuchen führte.

Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm heißt es unter “Seide“: “das gespinnst des seidenwurms, als noch unverarbeitetes naturerzeugnis: die seyden, sericum, bombyx Maaler 371c”. Der Beitrag verweist auf den Eintrag “Seide”  in Die teütsch Spraach[2] von Josua Maaler (1529-1599)) aus dem Jahr 1561.

Weiter heißt es im Wörterbuch der Gebrüder Grimm:

[...] ahd. Seres sizzent hina verro ôstert in eben India, die stroufent aba iro boumen eina wolla, dia wir heiʒên sîdâ, dia spinnet man ze garne, daʒ karn farewet man misselîcho, unde machôt darûz fellôla. Notker 1, 97, 7 Piper [...]

Also: “Die Seres wohnen im fernen Osten neben Indien.[3] Sie streifen von ihren Bäumen eine Wolle, die wir ‘sîdâ’ nennen, die spinnt man zu Garn, das Garn färbt man unterschiedlich, und macht daraus  ‘fellôla’.”
Diese Passage findet sich in der althochdeutschen Übersetzung und Kommentierung von De consolatione philosophiae des Anicius Manlius Severinus Boethius (um 480-524 oder 525) , die der St. Galler Mönch Notker der Deutsche (um 950-1022)[4] anfertigte.

Die Stelle im Codex Sangallensis 825[5], konkret die Zeilen 3-6:

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 825, p. 84 – Boethius, De consolatione philosophiae (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0825)

St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 825, p. 84 – Boethius, De consolatione philosophiae (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0825)

Demnach wächst die Seide in langen Fäden auf Bäumen und wird  ‘ausgekämmt’.  Das Bild von der Seide, die auf Bäumen wächst, findet sich unter anderem bei Plinius und Herodot. Ob dabei tatsächlichSeide gemeint ist, ist zweifelhaft, denn die Beschreibungen deuten eher auf Baumwolle (Gossypium arboreum) hin …

Bei Plinius, Naturalis historia 6, 23 heißt es:

[...]primi sunt hominum qui noscantur Seres, lanicio silvarum nobiles, perfusam aqua depectentes frondium canitiem, unde geminus feminis nostris labos redordiendi fila rursusque texendi: tam multiplici opere, tam longinquo orbe petitur ut in publico matrona traluceat. [...]

Bostock übersetzt diese Passage:

The first people that are known of here are the Seres, so famous for the wool that is found in their forests. After steeping it in water, they comb off a white down that adheres to the leaves; and then to the females of our part of the world they give the twofold task of unravelling their textures, and of weav- ing the threads afresh. So manifold is the labour, and so distant are the regions which are thus ransacked to supply a dress through which our ladies may in public display their charms. [6]

Der Übersetzer merkt an, dass Plinius Seidenraupen (eigentlich die Larven des Seidenspinners) und deren Kokons in Buch 11, Kapitel 27 im Abschnitt über die “Koische Seide”[7]. Plinius bezeichnet die Larven des Seidenspinners  als “bombyx”[8] und beschreibt die Entstehung der Kokons nicht als ein Sich-Einspinnen, sondern als Nester, die durch Filz- und Walkprozess entstehen.

Bei Herodot liest man, dass in Indien Bäume wild wachsen, die eine Wolle produzieren, die in Schönheit und Güte die von Schafen übertrifft, und dass die Inder Kleidung von diesen Bäumen tragen (Herodot, Historien III, 106).

Die Meinung, dass Seide auf Bäumen wächst, findet sich noch bei Isidor von Sevilla in den kurzen Bemerkungen zu den “Seres”:

Seres a proprio oppido nomen sortiti sunt, gens ad Orientem sita, apud quos de arboribus lana contexitur. [9]

Im Codex Sangallensis 621, S. 40,, einer im 9. Jahrhundert entstandenen St. Galler Abschrift der Historiarum adversum paganos libri VII des Paulus Orosius notiert im 11. Jahrhundert Ekkehart IV.[10] in einer Glosse zu “[...]  qua oceanus Sericus tenditur [...]”[11]:

Ubi et Seres gentes qui serica uellera arboribus natura quadam suis inpendentia mittunt. [...].

Heidi Eisenhut[12] verweist als Quelle für diese Informationen auf Stellen bei Plinius und Isidor von Sevilla, sieht aber die oben erwähnte Stelle im Boethius-Kommentar als wahrscheinlichere Quelle.

  1. Zu den ältesten Funden und zu ersten Nachrichten s. Anastasia Pekridou-Gorecki “Seide.” Der Neue Pauly. Herausgegeben von: Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Brill Online, 2014. Reference. Universitaet Wien. 09 July 2014  http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/seide-e1107010. First appeared online: 2006.
  2. Josua Maaler: Die teütsch Spraach : alle Wörter, Namen und Arten zuo reden in hochteütscher Spraach, dem ABC nach ordenlich gestellt unnd mit guotem Latein gantz fleissig unnd eigentlich vertolmetscht, dergleychen bisshär nie gesähen / Dictionarium germanicolatinum novum : hoc est, Linguae Teutonicae, superioris praesertim, thesaurus / durch Josua Maaler, Burger zuo Zürich = a Iosua Pictorio Tigurino confectus & in lucem nunc primum editus (Tiguri : excudebat Christophorus Froschouerus 1561). Digitalisat: e-rara.ch.
  3. Eduard von Tscharner übersetzt: “Die Seres wohnen fern von hier nach Osten in der Ebene Indien.” [Ed. von Tscharner: "China in der deutschen Dichtung des Mittelalters und der Renaissance" In: Sinica, JG. IX (1934) 8, Fußnote  e.]. Zur Übersetzung von ‘in eben’ vgl. Heinrich August Schrötensack: Grammatik der neuhochdeutschen Sprache [Nachdruck der Ausgabe Erlangen 1856] (Documente linguistica, Reihe VI: Grammatiken des 19. Jahrhunderts; Hildesheim/New York: Olms 1976) 336.
  4. Notker III., genannt Notker Labeo, Notker Teutonicus oder Notker der Deutsche. Zur Biographie: Anna Grotans: „Notker Labeo“, in: Neue Deutsche Biographie 19 (1998), S. 362-364 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118588869.html.
  5. St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 825, p. 84 (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0825).
  6. [Pliny the Elder,  Naturalis Historia. Translated, with copious notes and illustrations, by the late John Bostock and H. T. Riley. (Bohn's Classical Library, London: H.G. Bohn 1855) Book 6, ch. 20.].
  7. D.i. die Seide der Raupe des Pistazienspinners (Pachypasa otus), die von der Insel Kos stammte und in Rom begehrt war, bevor die Seide aus China verfügbar wurde. S. Rolf Hurschmann: “Coae Vestes.”  Der Neue Pauly. Herausgegeben von: Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Antike), Manfred Landfester (Rezeptions- und Wissenschaftsgeschichte). Brill Online, 2014. Reference. Universitaet Wien. 09 July 2014 http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue-pauly/coae-vestes-e302400. First appeared online: 2006.
  8. Bombyx mori = Seidenspinner oder Maulbeerspinner.
  9. Isidorus Hispalensis: Etymologiarum libri XX, 9, II, 40.
  10. Zur Biographie: Franz Brunhölzl: „Ekkehart IV.“, in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 433-434 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118529722.html.
  11. Heidi Eisenhut: Die Glossen Ekkeharts IV. von St. Gallen im Codex Sangallensis 621 (Diss. Zürich 2006). (Monasterium Sancti Galli 4, St. Gallen 2009)  (Betaversion), 1,2,47.
  12. Heidi Eisenhut: Die Glossen Ekkeharts IV. von St. Gallen im Codex Sangallensis 621 (Diss. Zürich 2006). (Monasterium Sancti Galli 4, St. Gallen 2009)  (Betaversion), 040a7-11.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1608

Weiterlesen

Der soziologische Blick der Weltbeobachtung im „Soziologischen Duett“- Ein Beitrag von Nicole Kleindienst

Zwei Wissenschaftler. Ein hochspannender Austausch über aktuelle Forschungsthemen. Und die digitale Aufzeichnung dieses Austausches. So sieht das Konzept des Blogs von Prof. Dr. Udo Thiedecke aus. Der Professor der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz lässt in seiner Audiopodcast-Reihe „Das soziologische Duett“ Wissenschaftler ihre … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/6930

Weiterlesen

Vortrag: FWF-Start-Projekt „Monastische Aufklärung“ zieht Projektbilanz (Wien, 28. Mai 2014)

Das FWF-Start-Projekt „Monastische Aufklärung und die benediktinische Gelehrtenrepublik“ (angesiedelt am Institut für Geschichte der Universität Wien und am Institut für österreichische Geschichtsforschung) läuft mit Anfang des Jahres 2015 aus. Mehrere Mitglieder der Projektgruppe präsentieren in der Vortragsreihe „Geschichte am Mittwoch“ am 28. Mai Ergebnisse der vergangenen fast sechs Projektjahre: von der Pez-Edition und dem digitalisierten Pez-Nachlass über mehrere aus dem Projekt hervorgegangene Sammelbände bis zu den weiteren Perspektiven einer Fortsetzung der Forschungen zur Geschichte der frühneuzeitlichen monastischen Gelehrsamkeit. http://www.univie.ac.at/monastische_aufklaerung/de/aktuelles/start-projekt-bei-geschichte-am-mittwoch.html   Zeit: Mittwoch, 28. Mai […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/7236

Weiterlesen

Archivwesen: Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.-18. Jahr­hundert) [Sonderdrucke online], hrsg v. Josef Pauser / Martin Scheutz / Thomas Winkelbauer (= MIÖG Erg.bd. 44), Wien u.a. 2004

http://archiv.twoday.net/stories/805774325/ Die Quellenkunde gliedert sich in eine Übersicht nach Provenienzen, wobei neben den verschiedenen Stellen der Zentralinstanz (Hof, Militär) landesfürstliche sowie städtische Instanzen und nicht zuletzt auch die Konfessionen und Universitäten Berücksichtigung finden. Der zweite Teil behandelt unterschiedliche Quellengattungen wie Briefe, Selbstzeugnisse und kann aus pragmatischen Gründen nur exemplarisch vorgehen. Auf den Seiten Klaus Grafs […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/05/5080/

Weiterlesen

Neuerscheinung: Melk in der barocken Gelehrtenrepublik

Als zweiter Band in der von P. Gottfried Glaßner für das Stift Melk herausgegebenen Reihe „Thesaurus Mellicensis“, die der wissenschaftlichen Publikation von Quellen und Forschungsergebnissen aus den reichen Bibliotheks- und Archivbeständen des Klosters gewidmet ist, liegt nun vor: Melk in der barocken Gelehrtenrepublik. Die Brüder Bernhard und Hieronymus Pez, ihre Forschungen und Netzwerke, hg. von Cornelia FAUSTMANN–Gottfried GLASSNER–Thomas WALLNIG (Thesaurus Mellicensis 2, Melk 2014). Die MitarbeiterInnen des Wiener START-Projekts „Monastische Aufklärung und die benediktinische Gelehrtenrepublik“ sowie weitere ForscherInnen bieten hier in kurzen Beiträgen, von […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/7072

Weiterlesen

aventinus nova Nr. 47 [12.04.2014]: ›Schwarze‹ Haut als biblischer Fluch? Im Anfang war die Bibel — einige postkoloniale Überlegungen [=whitemasks.blogsport.de [09.01.2014]]

Seit dem frühen Mittelalter führten Kirchengelehrte die Bevölkerung der Welt auf die drei Söhne Noahs zurück: Den Japhiten gehörte Europa, den Semiten Asien und den — von einem biblischen Fluch zu Sklaven degradierten — Chamiten Afrika. http://bit.ly/1hrC6r5

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/04/5046/

Weiterlesen

Kann jemand Hinweise zur Korrespondenz Irseer Mönche des 18. Jahrhunderts geben?

Unsere Tagung über Kloster Irsee in der Zeit der Katholischen Aufklärung im 18. Jahrhundert und die Bedeutung des Klosters in der Gründungsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften haben wir im November 2013 mit vielen schönen und wertvollen neuen Forschungsergebnissen durchgeführt. Im Verlauf der Tagung ist klar geworden, dass man über Mönche wie Ulrich Weiß, Eugen Dobler und Candidus Werle sicher noch mehr Dokumente finden kann, als sie hier ausgewertet wurden. Wenn Sie bei den Recherchen für Ihre eigenen Projekte auf Korrespondenz oder andere Dokumente über oder von Irseer Mönche des […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/6299

Weiterlesen

durchsichten: Transnationale Geschichte Bd. 1ff., hrsg. v. Michael Geyer u. Matthias Middell, Göttingen 2013ff.

http://www.v-r.de/de/seriesdetail-0-0/transnationale_geschichte-921 Lange Zeit standen bei der Erklärung sozialen Wandels vor allem die internen Dynamiken nationaler Gesellschaften im Vordergrund. Inzwischen wächst in der Geschichtswissenschaft jedoch das Interesse an den politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Interaktionen zwischen verschiedenen Gesellschaften im Rahmen von Globalisierungsprozessen. Die Bände dieser Reihe wenden sich entsprechenden transnationalen Zusammenhängen und Grenzüberschreitungen in unterschiedlichen Gegenden […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/03/4988/

Weiterlesen

Michael Romeisen, Kanoniker in Rasdorf (um 1600)

In der vom Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf zur Verfügung gestellten Übersicht seiner frühneuzeitlichen Handschriften, die früher der Düsseldorfer Landesbibliothek gehörten, fiel mir die Agenda von 1579/80 des Rasdorfer Kanonikers Michael Rhommeysen auf und ich recherchierte nach ihm in Netz. Leider ließ sich trotz zusätzlicher Unterstützung durch freundliche Mail-Auskünfte [1] kaum etwas über ihn herausfinden. Berthold Jäger teilte mit: “Über die Person Romeisen ist außer den von ihm in den eigenen Handschriften und in dem von ihm benutzten Büchern gemachten Angaben (Stiftskanoniker/Stiftskustos 1578, 1587, 1594, 1605, 1613) […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/6835

Weiterlesen