Wein für den neuen Gouverneur

Neue Nachbarn sollte man willkommen heißen, besonders wenn sie potentiell gefährlich waren. So oder so ähnlich wird der Rat der Stadt Wesel gedacht haben, als er davon hörte, daß die spanische Garnison im knapp 30 km entfernten Geldern „widder“, wie es hieß, einen neuen Kommandeur bekommen hatte. Am Montag, den 25. November 1647, wurde daraufhin in der Ratssitzung beschlossen, Arnhold Bongardt nach Geldern zu schicken. Dort sollte er dem neuen „Gubernator“, wie er im Ratsprotokoll genannt wurde, seine Aufwartung machen und ihm Wein verehren.

Am Dienstag, 3. Dezember 1647, erfolgte dann der Bericht des Weseler Abgesandten vor dem Rat der Stadt Wesel: Er habe dem Gouverneur „salutirt“ und ihm den Wein übergeben. Damit hatte er aber die Bitte verbunden, der Gouverneur möge die spanischen Streifparteien anhalten, „daß sie hiesige burger mit abpressungh einigh bier oder tuback [!] gelt nicht molestieren sollen.“ Tatsächlich versprach der Gouverneur darauf hin zu wirken, „daß die partheien keine vberlast den burgern zufuegen sollen.“

Was sich hier abspielte, war ohne Zweifel eine in langen Jahrzehnten eingeübte Praxis. Schon seit den frühen Jahren des niederländischen Aufstands, spätestens aber seit dem Niederrheinischen Erbfolgefall, in dessen Zug spanische und generalstaatische Truppen feste Positionen am Niederrhein besetzt hielten, waren die Streifparteien beider Armeen eine ständige Belastung für die Bevölkerung. Letztlich reagierte auch der Rat von Wesel relativ routiniert auf den Personalwechsel in Geldern, auch wenn man sich in der Stadt wenig Illusionen über den Effekt dieser Initiative gemacht haben wird. Doch war ein solcher Antrittsbesuch, wie Bongardt ihn namens Wesel unternahm, sicherlich wichtig; face-to-face-Kommunikation war durch verschickte Briefe nicht zu ersetzen.

Auffällig ist der Hinweis auf das Verfahren der spanischen Söldner: Daß sie einfach nur Geld für Bier und Tabak haben wollten, hört sich wie eine fast schon gutmütig-sympathische Form der Wegelagerei an. Sicher mag schon ein solches zwangserhobenes Trinkgeld dem einen oder anderen Betroffenen eine schmerzhafte Lücke in die Börse gerissen haben. Doch im Vergleich zu den Praktiken der 1620er Jahre, als man beim sog. „Fangen und Spannen“ die Reisenden gefangen setzte, verschleppte und für viel Lösegeld freikaufen ließ, erscheint das Biergeld tatsächlich recht harmlos. Ob sich die Kriegsparteien und die Bevölkerung im Laufe der Jahre und Jahrzehnte tatsächlich etwas aneinander gewöhnt und gleichsam humanere Formen des Straßenüberfalls entwickelt hatten? Oder war diese Formulierung nur ein Euphemismus für immer noch sehr gewalttätige Übergriffe?

Die Hinweise hier sind entnommen dem Ratsprotokoll der Stadt Wesel (Stadtarchiv Wesel, A 3: Ratsprotokolle Nr. 97 [1647-1648], hier fol. 103‘ und 106‘), übrigens eine wunderbare Fundgrube für ganz unterschiedliche thematische Aspekte (und gut lesbar zudem!). An der Stelle auch einen herzlichen Dank an meine Kollegin Irena Kozmanová, die derzeit mit diesem Material arbeitet und mir hier Einblick gewährte.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/572

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Die Wissenschaft vom Multitask

Wenn ich als Kind gerade nicht Schriftsteller werden wollte, war definitiv Wissenschaftler mein Berufswunsch. Ich weiß nicht, ob es euch auch so ging, aber ich hatte da einen verschrobenen Geist vor Augen, der sich 24 Stunden täglich und an sieben Tagen in der Woche um eine Forschungsfrage kümmern kann, die er dann irgendwann löst. Und wenn ich mir jetzt meine tägliche Arbeit so anschaue, muss ich feststellen, dass die Wirklichkeit bei mir - wie bei eigentlich allen Kolleg|inn|en in meinem näheren Umfeld - doch ein wenig anders aussieht.

Ich will hier jetzt gar nicht das große Klagelied anstimmen, dass ja sowieso immer alles auf den Mittelbau abgewälzt wird, der dazu meist noch unter dem Damoklesschwert der Befristung darbt. Nein, ich glaube, insgesamt geht es sicher auch der Professor|inn|enschaft nicht besser, die zwischen Lehre und administrativen Aufgaben auch um Zeit ringen muss, sich mit der eigenen Forschung beschäftigen zu können (was der PHD-Comic ganz nett einfängt, wobei der eher die amerikanischen Hochschullehrer abbildet).

PHD comics by Jorge Cham
www.phdcomics.com

Da meine Aufgaben in letzter Zeit immer mehr zerfaserten, musste ich eine Organisationsstruktur zurechtlegen, die mich überall einigermaßen auf dem Laufenden halten kann, welche Aufgaben dringend der Behandlung bedürfen, ohne aus den Augen zu verlieren, was noch so alles erledigt werden muss. Was habe ich nicht alles ausprobiert - Tafelbilder auf dem Whiteboard hinter mir oder Task-Listen auf Schmierzetteln vor mir festgehalten, e-Mails sortiert, zweistellige Zahlen von Google-Docs angelegt und dazu To-Do-Listen auf unterschiedlichen Plattformen ausprobiert. Momentan bin ich dabei angekommen, auf Evernote je eine Notiz zu allen verschiedenen Aufgaben, die ich im Moment betreue, anzulegen und dort wichtige Termine und ToDos festzuhalten. Momentan liegen in dem Ordner zehn dieser gegliederten Notizzettel. Über jeden dieser Zettel könnte ich eigentlich mal einen Blogpost schreiben, es sind durchweg interessante Aufgaben, denen ich aber leider immer nur einen Teil meiner Zeit opfern kann.

Da muss ich z.B. meine Lehrveranstaltungen vorbereiten, managen und eventuelle Prüfungsleistungen korrigieren. Mit dem Kollegen dessen Dissertation besprechen. Oder den BA-Studiengang Informationsverarbeitung für die Re-Evaluierung neu strukturieren. Den MA-Studiengang als 1-Fach-Master völlig neu konzipieren, Austauschmodule zu anderen Studiengängen entwerfen und absegnen. Mit meinen Kollegen Überlegungen zur strategischen Ausrichtung des Institutes anstellen, mit verwandten Fachbereichen Kooperationen absprechen, überlegen, wie wir uns besser in das Cologne Center for e-Humanities eingliedern, und ob ich dort meine Pflichten als stellvertretender Sprecher irgendwie besser ausfüllen könnte. Mögliche Forschungsprojekte ausdenken, ausgedachte anschieben, angeschobene beantragen, bewilligte beaufsichtigen, weiterdenken, Zwischen- und Abschlussberichte verfassen, Ergebnisse veröffentlichen, diverse Formblätter zur Drittmittelanzeige, zur Vollkostenkalkulation, zur Rechnungsstellung ausfüllen, vom Justiziariat belehrt werden, was der Unterschied zwischen Auftragsforschung und Kooperationsverträgen ist, Meetings ansetzen mit Projektmitarbeiter|inne|n, mit unseren Admins, mit dem gesamten Lehrstuhl, mit dem gesamten Institut, mit der CCeH-Geschäftsführung. Dazu irgendwie auf dem Stand der Forschung bleiben in so hochdifferenzierten und weitläufigen Bereichen wie der Computerlinguistik, der Softwaretechnologie und der Wissenschaftskommunikation.

Noch einmal: Ich will nicht jammern, im Gegenteil bin ich in meinem Job wirklich glücklich (gut, ohne Befristung schliefe ich besser). Man muss halt Kompromisse oder Synergien finden - eine Lehrveranstaltung bspw. an ein Thema koppeln, zu dem man gerade ein Projekt leitet. Projekte anschieben, die kompatibel mit dem eigenen Forschungsvorhaben sind. Teile der eigenen Forschung in davon unabhängig gestellte Projekte einbringen. Delegieren, netzwerken, den Überblick behalten. Ich war nie ein besonders guter Multitasker und ich werde es vermutlich auch nie werden. Mit der Nutzung geeigneter Software (Evernote für mich, Google Drive für die Bearbeitung gemeinsamer Dokumente, mitunter, wenn viel Kleinkram auf einmal kommt, auch eine ToDo-Liste wie Wunderlist) ist es mir aber in Teilen möglich, die Multitasks auf eine Reihe von Einzeltasks aufzuteilen, die mein Hirn nicht überfordern. Auch wenn ich froh sein werde, wenn die aktuellen Notizzettel weniger werden sollten, kann ich so noch eine Weile produktiv (Selbstbild) arbeiten. Immerhin hatte ich ja Zeit, diesen Blogpost zu schreiben. Und bald sind ja auch Weihnachtsferien, in denen man dann all das, was in den letzten Monaten hinten runter gefallen ist, aufarbeiten kann...

Quelle: http://texperimentales.hypotheses.org/1208

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Das Siegel der Universität Oxford an einer Urkunde des 18. Jahrhunderts

Oxford_Siegel_klein

 

Interessant sieht das Siegel aus, das die engliche Ehrendoktorwürde der Universität Oxford eines westfälischen Adeligen aus dem 18. Jahrhundert beglaubigte. Erstaunlicherweise hat es mit dem heutigen " Siegel" bzw. Logo der Universiät visuell kaum etwas zu tun (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Uni_oxford_logo,.svg&filetimestamp=20081116171714&).

Es zeigt im Bild die Universität des Mittelalters: In der Mitte übergroß der  Professor, der seinen Studenten eine Vorlesung hält. Die Studenten sitzen auf einem typisch mittelalterlichen Holzgestühl rund um ihren Professor gescharrt. Ob es sich bei dem abgebildeten Professor um einen Heiligen handelt, wird nicht deutlich. Er ist in jedem Fall, wie die sichtbare Tonsur erkennen lässt Mönch. Die Umschrift lautet: "+Sigill[um] cancellarii  et universitatis Oxoniens". Auch der Ochse, der sprechend in späterer Zeit im Siegel eine Rolle spielt. (Vgl. z.B. das Siegel von 1433:http://archives.balliol.ox.ac.uk/Archives/stcross01.asp)

Es ist tatsächlich zur Mitte des 18. Jahrhunderts das älteste Siegel der Universität Oxford, das an die Urkunde mit der Ehrendoktowürde gehängt wird. Es stammt nachweislich aus dem Jahr 1300.  Trotz anderer Siegel und eines schon füh aufkommenden Wappens (http://www.oua.ox.ac.uk/enquiries/arms.html), das in späterer Zeit als Siegel, bzw. Symbol der Universität genutzt wurde, griff man zu diesem besonderen Anlass auf das älteste Siegel zurück. Es wurden also zeitgleich mehrere Siegel gleichzeitig genutzt. Dies tat man einerseits aus legitimatorischen Gründen, anderseits aus traditionellen. Auf diese Weise wurde die lange Geschichte der Universität, die bis in das 11. Jahrhundert zurückreicht hervorgehoben und die Würde und Bedeutung der Ehrendoktorwürde betont. Vermutlich wurde es in der frühen Neuzeit für diese besonderen Zwecke genutzt, ähnlich wie in mittelalterlichen Städten das sogenannte "große Stadtsiegel". Die älteste Siegel an dieser Stelle hat damit in doppelter Weise beglaubigende Funktion, einmal in rechtlicher und dann in historischer Art und Weise.

 

Literatur: A Short History of the English People by J R Green (Macmillan, 1892).

 

 

 

Quelle: http://siegelblog.hypotheses.org/47

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Klassenkampf auf Grönländisch

Parlamentswahlen im Zeichen des Konflikts zwischen Zentrum und Peripherie

von Ebbe Volquardsen

Als das Grönländische Fernsehen (KNR) am Freitag, den 28. November 2014, kurz nach Schließung der Wahllokale seine Prognose veröffentlichte, sah alles danach aus, als würde sich bewahrheiten, was die Umfragen seit Wochen vorausgesagt hatten. Sara Olsvig, 36 Jahre alt, studierte Anthropologin und frisch gewählte Vorsitzende der linken Oppositionspartei Inuit Ataqatigiit (IA), würde, so ließ sich das Balkendiagramm lesen, gemeinsam mit den sozialliberalen Demokraten eine souveräne Mehrheit erhalten und Grönlands neue Premierministerin werden. Die bisherigen Regierungsparteien, die sozialdemokratische Siumut und die bürgerliche Atassut, lagen weit abgeschlagen. Doch es sollte anders kommen.

Der spannende Wahlabend begann mit der Veröffentlichung der Prognose. Foto: Ebbe VolquardsenDer lange Wahlabend begann mit der Veröffentlichung der Prognose. FOTO: EBBE VOLQUARDSEN

Als sich nicht mehr leugnen ließ, dass die tatsächlichen Hochrechnungsergebnisse erheblich von der Prognose abwichen, diese gar ins Gegenteil verkehrten, räumte der Moderator ein, auf welche Weise der »Exit Poll« zustande gekommen war. Man hatte direkt nach dem Urnengang gut 1100 Wähler nach deren tatsächlichem Wahlverhalten gefragt, eine Zahl, die bei rund 40000 Wahlberechtigten eigentlich repräsentative Daten versprach. Allerdings hatte das Fernsehen seine Demoskopen nur in die vier größten Städte geschickt. In der Hauptstadt Nuuk, dem wichtigen Fischereihafen Sisimiut, der Tourismushochburg Ilulissat und dem wirtschaftlich angeschlagenen Qaqortoq ganz im Süden lebt zusammen etwas mehr als die Hälfte der Grönländer. Verlässliche Daten ließen sich hier trotzdem nicht ermitteln.

Die Schwierigkeiten der Meinungsforscher verdeutlichen Besonderheiten, die in Grönland Teil der politischen Realität sind. Keiner der 74 bewohnten Orte ist mit einem anderen durch eine Straße verbunden. Flugzeuge, Helikopter und eine in den Sommermonaten verkehrende Fähre sind die einzigen Städte und Dörfer verbindenden Verkehrsmittel. Auch Politiker, Journalisten und Demoskopen verfügen nicht über ausreichend Zeit und finanzielle Mittel, um in allen Landesteilen präsent zu sein. In der Bevölkerung trägt die spärliche Infrastruktur zu sozialer Ungleichheit und zur Verfestigung höchst unterschiedlicher Lebensentwürfe bei, Konfliktlinien, die sich auch im Wahlverhalten niederschlagen. Während eine privilegierte, gebildete und global orientierte Elite aus Nuuk mittlerweile zum Einkaufen ins isländische Reykjavík, häufig nach Kopenhagen und von dort in alle anderen Teile der Welt fliegt, stellt schon eine Reise in die Hauptstadt in den Biografien vieler Bewohner der abgelegenen Landesteile ein einmaliges Ereignis dar. Das Durchschnittseinkommen in Nuuk ist viermal höher als in den ärmsten Küstenorten.

Unterschiedliche Lebensrealitäten
Die unterschiedlichen Lebensrealitäten in Zentrum und Peripherie werden besonders dann sichtbar, wenn auch diejenigen eine Stimme haben, die im Alltag nur selten Gehör finden. An den Wahlen nehmen auch die traditionell lebenden Fischer und Robbenfänger an den zahlreichen Außenposten teil, an der alltäglichen politischen Debatte in der Regel nicht. So bewahrheitet sich im selbstverwalteten Grönland, was der Soziologe Seymour Martin Lipset bereits zu Beginn der 1980er Jahre als generelle Entwicklung aller demokratischen Systeme prognostiziert hatte: die Relevanz der klassischen ökonomischen Scheidelinie zwischen links und rechts schwindet zugunsten eines neuen gesellschaftlichen Konflikts, der zwischen jenen ausgetragen wird, die in soziokulturellen Fragen postmaterielle Positionen vertreten (können) und jenen, die an traditionellen Werten festhalten.

Letztere Wähler vertreten in Grönland die sozialdemokratische Siumut-Partei und die neue Partii Naleraq des ehemaligen Premierministers Hans Enoksen, die sich als Lobby der kleinen Leute und der Fischereiwirtschaft versteht. Wie die urban orientierte Inuit Ataqatigiit (und die inzwischen bedeutungslose Partii Inuit) verorten sich auch Siumut und Naleraq auf der linken Hälfte des politischen Spektrums. In der Tat: Mehr als 80 Prozent der Grönländer haben am Freitag links gewählt, mehr als 90, wenn man die sozialliberalen Demokraten dazurechnet. Von der »rotesten Demokratie der Welt« sprach Lars Trier Mogensen in der dänischen Zeitung Information. Dennoch: Bei der Suche nach einer gemeinsamen politischen Linie haben die Kategorien links und rechts jegliche Bedeutung verloren. In Grönland schwelt ein sozialer Konflikt, der sich mit dem Schlagwort »Nuuk gegen den Rest« beschreiben lässt. Eine Prognose, die die Stimmen aus der Hauptstadt überrepräsentiert, liefert zwangsläufig ein verzerrtes Bild.

Die Haupstadt Nuuk ist Hochburg der Partei Inuit Ataqatigiit. FOTO: EBBE VOLQUARDSEN

In der Hauptstadt Nuuk hat die Partei Inuit Ataqatigiit ihre Hochburg. FOTO: EBBE VOLQUARDSEN

Nachdem die Siumut-Partei mit ihrem neuen Vorsitzenden, dem Polizeibeamten Kim Kielsen, entgegen aller Erwartungen über den gesamten Wahlabend hinweg souverän in Führung gelegen hatte, wurde es kurz vor Schluss doch noch spannend. Endlich waren auch die Stimmen aus Nuuk ausgezählt. In der Hauptstadt hatten sich fast 70 Prozent der Wähler für Inuit Ataqatigiit und Demokraten entschieden. Auf einmal lagen reformaffiner Stadtblock und Traditionalisten landesweit fast gleichauf. Mit nur 300 Stimmen Vorsprung machte Siumut am Ende das Rennen. Seit Montag führt Kim Kielsen Koalitionsverhandlungen. Erwartet wird, dass sich Grönlands künftiger Premier gegen eine große Koalition und für eine Regierung aus Siumut, Naleraq und bürgerlicher Atassut entscheidet. Ein solches Bündnis hätte eine Einstimmenmehrheit. In den hippen Cafés im Stadtzentrum von Nuuk herrscht seither Katerstimmung; von einem »schwarzen Freitag« ist die Rede.

Jahre des Aufbruchs
Noch vor ein paar Jahren hatte alles ganz anders ausgesehen. 2008 hatte sich eine überwältigende Mehrheit der Grönländer in einer Volksabstimmung für die Selbstverwaltung ausgesprochen. Es begann eine Zeit des Aufbruchs. Grönländisch wurde Amtssprache, der lokalen Regierung wurden zahlreiche neue Verantwortlichkeiten übertragen, unter anderem für die Verwaltung der unter dem schmelzenden Eis vermuteten Rohstoffe, die langfristig eine völlige Loslösung von Dänemark finanzieren könnten. Die grönländischen Wähler hatten Mut bewiesen – und waren der Meinung, dass neue Politiker her mussten, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Bei den nächsten Wahlen schickten sie die jahrzehntelang dominierende Siumut-Partei erstmals in der Geschichte des grönländischen Parlamentarismus in die Opposition. Wie in vielen anderen ehemaligen Kolonien war die Regierungszeit der Partei wiederholt von Korruption und Vetternwirtschaft geprägt gewesen. Nun übernahm ein neues Bündnis aus Inuit Ataqatigiit und Demokraten unter Führung von Premierminister Kuupik Kleist (IA).

Kleist ist einer von den Menschen, die den meisten – unabhängig von politischer Nähe – sofort sympathisch und vertrauenserweckend erscheinen. Es muss irgendetwas mit seinem Äußeren zu tun haben, mit seiner Gestik und Mimik. Selbst der treueste Siumut-Anhänger in der grönländischen Provinz würde Kleist bedenkenlos einen Gebrauchtwagen abkaufen, wenn es denn Straßen gäbe, auf denen man damit fahren könnte. Dies und wohl auch seine Herkunft aus Qullissat, einer 1972 rabiat abgewickelten Bergarbeiterstadt und seither Symbol postkolonialer Empörung, mögen begünstigt haben, dass sich die Grönländer 2009 über alle sozialen Klassengrenzen hinweg mehrheitlich für einen politischen Neuanfang unter Kleists Führung aussprachen.

Erstmals hatte Grönland nun eine Regierung, deren Minister größtenteils an Universitäten studiert hatten, zumeist in Dänemark. Hatte Kleists Vorgänger, der heutige Naleraq-Vorsitzende Hans Enoksen, sich ausschließlich auf Grönländisch geäußert und selbst für dänische Gespräche einen Dolmetscher hinzugezogen, so verhandelten die Mitglieder des ersten Selbstverwaltungskabinetts, unter ihnen gleich mehrere junge Frauen, nicht nur auf Dänisch, sondern auch souverän auf Englisch. Zu einer Zeit, als Grönland aufgrund der neuen Selbstverwaltung, des Klimawandels und der im Land vermuteten Rohstoffe weltweite Aufmerksamkeit auf sich zog, machte Kleists Regierung eine gute Figur auf internationalem Parkett. Mit der grönländischen Sprache indes hatten einige der Minister ihre Schwierigkeiten.

Postkoloniale Nachwehen
Das sprachpolitische Schisma Grönländisch versus Dänisch ist eine der zähesten nur schwer zu überwindenden postkolonialen Nachwehen. Obwohl Grönland als zweisprachig zu bezeichnen ist, gilt das längst nicht für alle Bewohner. Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte der Grönländer nur wenig oder gar kein Dänisch spricht und versteht. Hinzu kommt, dass in Ostgrönland und ganz im Norden um die Siedlung Qaanaaq Dialekte gesprochen werden, die so stark von der grönländischen Standardvarietät abweichen, dass das Westgrönländische, wie es in Nuuk gesprochen wird, für diese Menschen praktisch erste Fremdsprache ist. Doch es gibt auch Grönländer, die ihre eigene Landessprache nur unzulänglich beherrschen.

Bis in die 1990er Jahre hinein war das Schulsystem streng zweigeteilt; es gab grönländischsprachige und dänischsprachige Klassen. Letztere waren ursprünglich eingerichtet worden, um die Kinder der im Land lebenden Dänen in deren Muttersprache zu unterrichten. Doch auch viele grönländische Eltern entschieden sich für die mit höherem sozialem Status verbundenen dänischen Klassen. Auf diese Weise entstand eine Minderheit von rein dänischsprachigen Grönländern, denen einerseits hervorragende Ausbildungsmöglichkeiten an dänischen Universitäten offenstanden, die aber andererseits nicht in der Lage waren mit ihren Landsleuten außerhalb des dänisch geprägten Nuuk zu kommunizieren, und denen daher zuweilen vorgeworfen wird, keine richtigen Grönländer zu sein.

Wie offen die aus dem Sprachenkonflikt resultierenden Wunden noch immer sind, illustriert die kurze Erfolgsgeschichte der Partii Inuit, die 2013 aus dem Stand mit über sechs Prozent der Stimmen ins grönländische Parlament einzog. Empört über Kleists Inklusion der rein dänischsprachigen Minister in sein Kabinett, erklärte sich die Partei zur Interessenvertreterin all jener, die nur die grönländische Sprache beherrschen, und forderte die Verbannung des Dänischen aus allen öffentlichen Institutionen. Konnte die Partei mit ihrer radikal antikolonialen Rhetorik beim ersten Mal noch punkten, so war sie bereits anderthalb Jahre später zur Splittergruppe geworden. Die konsequente Weigerung der freilich zweisprachigen Politiker, sich gegenüber den Medien auf Dänisch zu äußern und an den zahlreichen dänischsprachigen Podiumsdiskussionen teilzunehmen, wurde selbst von der eigenen Zielgruppe nicht goutiert. Nur Grönländisch zu sprechen, ist für die betreffenden Personen keineswegs ein Grund persönlichen oder nationalen Stolz zu empfinden. Im Gegenteil: Es ist ein Grund zur Scham. Privilegierte, die sich, indem sie freiwillig auf den Gebrauch des Dänischen verzichten, zu Repräsentanten der stigmatisierten Einsprachigen erklären, lassen die vermeintlich Repräsentierten die tägliche Demütigung gleich doppelt spüren.

In den kleineren Siedlungen entlang der Küste liegt bei Wahlen meist die Siumut-Partei vorn. FOTO: EBBE VOLQUARDSEN

Sozialer Aufstieg – das ist das postkoloniale Dilemma – ist in Grönland eng mit dem Beherrschen der dänischen Sprache verbunden. Für die gut bezahlten Jobs in Nuuk ist Zweisprachigkeit Voraussetzung, im Zweifelsfall reicht Dänisch aus. Die wiederkehrende Forderung, die erste Fremdsprache Dänisch doch gleich durch das international viel wichtigere und im Fall Grönlands kolonial unvorbelastete Englisch zu ersetzen, erscheint nur auf den ersten Blick als naheliegende Lösung. Grönländer sind dänische Staatsbürger, denen ein Umzug nach Kopenhagen, Aarhus oder Tullebølle jederzeit bedingungslos offensteht. Der für Grönländer am leichtesten zugängliche Arbeits- und Ausbildungsmarkt außerhalb des Heimatlandes würde wegfallen, entschiede man sich für die Hintanstellung des Dänischen auf den Lehrplänen.

Nation Branding
Auch wenn die Konflikte um Sprachfertigkeiten, Ethnizität und die seit dem 19. Jahrhundert immer wieder aufgeworfene Frage, was einen Grönländer eigentlich ausmacht, noch längst nicht beigelegt sind, konnte man in der Regierungszeit Kuupik Kleists den Eindruck gewinnen, dass andere Themen den Grönländern zumindest wichtiger waren. Auf der Welle der positiven Grundstimmung, die die errungene Selbstverwaltung ausgelöst hatte, wurden originelle – teilweise witzige – Nation Branding-Kampagnen entworfen, grönländische Akteure aus Politik, Wirtschaft und Kultur traten souverän und selbstbewusst im Ausland auf, und selbst in Dänemark häuften sich die Anzeichen dafür, dass der verbreitete paternalistische Blick auf die ehemalige Kolonie allmählich einer Sichtweise wich, die Grönland als gleichberechtigte Partnerin innerhalb des Königreichs anerkannte. Wie ausgeprägt der Akzent des Einzelnen, wie dunkel sein Haar, und wie ausgewogen das Verhältnis zwischen Dänen und Inuit auf seinem Stammbaum ist, schienen auf einmal nebensächliche Fragen zu sein. Wer sich mit dem neuen selbstverwalteten Grönland identifizierte, gehörte auch dazu. Am Horizont über der Davis Strait ließ sich bereits die souveräne Staatsnation erahnen.

Angesichts der durchweg gut bewerteten Performanz des ersten Selbstverwaltungskabinetts und der sich positiv entwickelnden Wirtschaft ist erstaunlich, dass die grönländischen Wähler Kuupik Kleist bei den Wahlen im Frühjahr 2013 eine zweite Amtszeit verwehrten. Eine Erklärung dafür mag sein, dass die Realpolitik des besonnenen Premiers den durch die Selbstverwaltung euphorisierten Grönländern nicht markant genug in Richtung einer erhofften wirtschaftlichen Unabhängigkeit und einer daraus folgenden Loslösung von Dänemark wies. Denkbar ist auch, dass sich manche Wähler von der Regierung übergangen oder misrepräsentiert fühlten, jene etwa, die sich aufgrund mangelnder Ausbildung nicht schnell genug an das von Kleist skizzierte global orientierte Grönland anzupassen vermochten. Die postkolonialen Wunden, von denen in Kleists Regierungszeit kaum noch die Rede war, sind noch nicht überall verheilt. An dieser Stelle kam Aleqa Hammond von der Siumut-Partei ins Spiel, die vorgab die heilende Salbe zu kennen. Von März 2013 bis Oktober 2014, als Nuuks Bürger sie förmlich aus dem Amt jagten, war Hammond Grönlands erste Premierministerin.

Ask Rostrup kriegt einen Schreck
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte man dem politischen Kommentator des Dänischen Rundfunks (DR) Ask Rostrup anmerken, dass er selbst darüber erschrocken war, was er soeben gesagt hatte. Während ganz Grönland auf die Ergebnisse aus Nuuk wartete, die darüber entscheiden würden, ob das neue Oberhaupt des Landes Kim Kielsen oder Sara Olsvig hieß, hatte das grönländische Fernsehen einige Experten ins Studio geladen. Zusammen mit Rostrup, bekannt für seine scharfzüngigen Analysen, ließ der Moderator Aleqa Hammonds anderthalbjährige Regierungszeit Revue passieren. Dann folgte die Schlussbewertung des dänischen Gasts. Zu keinem Politiker weltweit, resümierte Rostrup, habe Dänemarks Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt je ein schlechteres Verhältnis gehabt als zu Hammond. Ein kurzes Zucken beim Moderator. Derart deutliche Worte von dänischer Seite waren im grönländischen Fernsehen selten. Ein kurzes Zucken beim Gast. Hatte er die Grenze dessen, was zu sagen sich für einen Medienvertreter der ehemaligen Kolonialmacht ziemt, überschritten? Schließlich ein einvernehmliches Nicken. Rostrups Statement war direkt, aber treffend gewesen. Wie hatte es dazu kommen können, dass die zwei Frauen, Regierungschefinnen im selben Königreich und noch dazu beide Sozialdemokratinnen, ein derart angestrengtes Verhältnis zueinander pflegten?

2013 war das internationale Medieninteresse an den grönländischen Parlamentswahlen groß gewesen. Es gab eine Geschichte zu erzählen. Das an Bodenschätzen reiche Grönland stand am Scheideweg, »arktisches Dubai oder arme Fischernation« zu werden, wusste etwa der Fernsehsender n-tv plakativ zu berichten. Dabei herrschte in der grönländischen Politik grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die zahlreichen Rohstoffe, etwa die für die Elektronikindustrie so wichtigen Seltenen Erden, gehoben werden mussten, wenn das Land eines Tages wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen sollte. Die strittige Frage war also nicht das Ob, sondern das Wie. Kuupik Kleists Regierung machte niemandem Illusionen. Erst künftige Generationen würden von den Rohstoffeinnahmen profitieren. Die aufwändigen Bergbauvorhaben wollte Kleist von langer Hand vorbereiten und mit Hilfe internationaler Experten planen; auf den Abbau von Uran wollte er verzichten. Herausforderin Aleqa Hammond hingegen vermittelte den Eindruck, als könne nun alles ganz schnell gehen – und vor allem ohne dänische Hilfe. Ihr Ziel sei, ließ sie die Wähler wissen, ein unabhängiger grönländischer Staat zu ihren Lebzeiten, finanziert aus den Einnahmen der Minenindustrie. Hammond war zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre alt.

Grönländischer Nationalismus
Die nationalistischen Untertöne in der Rohstoffdebatte wurden von den internationalen Medien zumeist nicht zur Kenntnis genommen; für die Grönländer waren sie wahlentscheidend. Es war Hammond gelungen, einen Keil zwischen die einfachen Leute und die international orientierte Nuuker Elite zu treiben, die sich im Dänischen ebenso zu Hause fühlte wie im Grönländischen, und für die die Aufarbeitung etwaiger postkolonialer Traumata daher keine Rolle mehr spielte. Hammonds diskursive Allianzbildung zwischen Volk und Regierung, die sich gegen eine vermeintlich volksferne kulturelle Elite richtet, erinnert stellenweise an die Strategien rechtspopulistischer Parteien auf dem europäischen Festland.

Aleqa Hammond ist eine soziale Aufsteigerin. Darüber spricht sie gern und viel. Als Tochter eines nordgrönländischen Robbenfängers ist sie in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Da sie nicht in Roskilde oder Kopenhagen studiert hat, sondern in den USA und Kanada, sind ihre persönlichen Verbindungen nach Dänemark weniger stark ausgeprägt als die der meisten anderen privilegierten Grönländer. Als sie die dänische Zeitung Information fragte, was das Beste sei, das sie von den Dänen gelernt habe, antwortete Hammond freilich im Scherz, das sei das Rezept für braune Soße – und bewies damit erhebliches diplomatisches Ungeschick. Die Äußerung war allzu symptomatisch für den harschen Ton, den die neue Regierung gegenüber Dänemark und der dänischsprachigen Minderheit im eigenen Land angeschlagen hatte.

Gleich mehrere der zu Kuupik Kleists Regierungszeit eingestellten Experten an den Spitzen der landeseigenen Unternehmen ersetzte Hammond durch die sprichwörtlichen Vettern, die oftmals die nötigen Qualifikationen vermissen ließen. Zudem setzte die Premierministerin eine Versöhnungskommission ein, die sich mit der Aufarbeitung des in der Kolonialzeit und darüber hinaus begangenen Unrechts befassen sollte. Was grundsätzlich keine schlechte Idee war, verwandelte sich schnell zur rhetorischen Kriegserklärung. Es lag auf der Hand, dass die dänische Regierung in einem solchen Gremium nicht Platz nehmen würde. Sie hätte unweigerlich dem indirekten Vergleich der eigenen Kolonialvergangenheit mit dem südafrikanischen Apartheitsregime zugestimmt. Es war Mandelas Südafrika, wo 1996 erstmals eine Versöhnungskommission ihre Arbeit aufnahm.

Als Hammonds Koalition das bislang geltende Uranabbau-Verbot mit der denkbar knappsten Parlamentsmehrheit aufhob, fühlten sich nicht nur große Teile der Grönländer vor den Kopf gestoßen. Auch die Dänen sahen sich übergangen. Man war der Ansicht, dass eine solche Entscheidung ins Ressort der Außen- und Sicherheitspolitik und somit in Kopenhagener Zuständigkeit fiel. Auch die internationalen Konzerne, die Interesse bekundet hatten in die grönländischen Bergbauprojekte zu investieren, registrierten die neuen internen und externen Spannungen und die zuweilen schlichtweg unseriös wirkende Performanz von Hammonds Kabinett. Auf einmal erschien ein Engagement in Grönland ein äußerst risikobehaftetes Vorhaben zu sein; das »Rohstoffabenteuer«, von dem die internationalen Medien im Vorfeld der Wahlen teils euphorisch berichtet hatten, war nur wenige Monate später in weite Ferne gerückt.

Neuwahlen
Es war das versuchte Aussitzen eines Spesenskandals, das Aleqa Hammond im Oktober 2014 zu Fall brachte. Aus einem Prüfungsbericht des Finanzausschusses war hervorgegangen, dass die Premierministerin private Reisen und eine Familienfeier aus öffentlichen Mitteln finanziert hatte. In den Augen vieler Grönländer war die Affäre, die Hammond bei geschickterer Handhabung durchaus hätte überleben können, der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Hier zeigte sich, dass Grönland eben nicht jene »Bananenrepublik« war, von der die dänischen Zeitungen – hier Børsen – inzwischen wieder sprachen. Die Sympathien der dänischen Öffentlichkeit für die Führung der arktischen Insel waren binnen eines Jahres merkbar abgekühlt. Doch Hammonds arrogantes Auftreten und ihr offenkundiger Mangel an Demut nach Bekanntwerden der Veruntreuung erinnerten zu sehr an überwunden geglaubte Zeiten, als dass die Grönländer die Verfehlungen der Premierministerin hätten durchgehen lassen. Atugagdliutit und Sermitsiaq, die beiden einzigen Zeitungen des Landes, sprachen sich unmissverständlich für Neuwahlen aus, und nachdem ein Misstrauensvotum im Parlament zunächst gescheitert war, dauerte es nur wenige Tage, bis der kleine Koalitionspartner Atassut und einige Siumut-Minister Hammond endgültig das Vertrauen entzogen. Insbesondere die Jugendverbände der Parteien hatten ihre Abgeordneten mit Nachdruck zu diesem Schritt aufgefordert. Für die junge Generation im selbstverwalteten Grönland ist Machterhalt kein Selbstzweck mehr – unabhängig vom politischen Standpunkt.

Am Tag des Misstrauensvotums forderten vor dem Parlament in Nuuk rund 600 Menschen Hammonds Rücktritt. Eine so große Demonstration hatte es in der Geschichte Grönlands noch nicht gegeben. Dass der Protestzug nicht nur die Meinung der Nuuker Bildungselite repräsentierte, die Hammond ohnehin kritisch gegenüber stand, veranschaulicht eine von der Zeitung Sermitsiaq in Auftrag gegebene Umfrage. Auf dem Höhepunkt des Spesenskandals sprach sich selbst in den abgelegenen Siedlungen eine Mehrheit für die junge IA-Politikerin Sara Olsvig als Premierministerin aus. Zu diesem Zeitpunkt stand die Kür Kim Kielsens als Hammonds Nachfolger im Amt des Siumut-Vorsitzenden freilich noch bevor. Kielsens Sieg bei den Neuwahlen am 28. November 2014 kam dennoch einer Überraschung gleich. Nur einen Tag zuvor war durchgesickert, dass der Haushalt des Siumut-Kabinetts ein erhebliches Defizit aufwies, eine unangenehme Wahrheit, die Finanzminister Vitus Qujaukitsoq (S) offensichtlich bis nach den Wahlen hatte geheim halten wollen. Hatten vor anderthalb Jahren die Rohstoffdebatte, die angestrebte Unabhängigkeit und allgemein nationalistische Töne den Wahlkampf dominiert, so stand nun die in die Krise geratene Ökonomie des Landes im Fokus.

In den Zentren der Fischereiwirtschaft, etwa in Sisimiut, konnte Hans Enoksens Partii Naleraq punkten. FOTO: EV

Kim Kielsens Partei ist beides: Wahlgewinnerin und -verliererin. Zwar konnte sich Siumut knapp als stärkste politische Kraft behaupten, hat aber gegenüber 2013 rund acht Prozentpunkte verloren, während das Ergebnis von Inuit Ataqatigiit nahezu gleich geblieben ist. Dass Kielsen, wenn er denn will, dennoch auf eine große Koalition verzichten kann, liegt vor allem am Wahlerfolg von Hans Enoksens Partii Naleraq, die als Anwältin der Fischereiwirtschaft ein ähnliches Programm vertritt wie Siumut. Allein in der Uran-Frage sind sich die beiden Parteien uneinig. Enoksen hatte zu Beginn des Jahres aufgrund eines persönlichen Konflikts mit Aleqa Hammond mit seiner ehemaligen Partei gebrochen. Nach dem Spesenskandal bot sich Naleraq vielen vorherigen Siumut-Wählern offenbar als unvorbelastete Alternative an. Auch in der neuen Siumut-Fraktion sitzen mehrere politische Newcomer, während einige prominente Regierungsmitglieder den erneuten Einzug ins Parlament verfehlten. Das grönländische Personenwahlsystem ermöglicht es, den einzelnen Politiker abzustrafen und doch seiner Stammpartei treu zu bleiben. Überhaupt spielen familiäre und freundschaftliche Verbindungen zu den Kandidaten in einem Land mit nur 56000 Einwohnern oft eine größere Rolle als politische Zustimmung zu deren Positionen. Während Siumut fast überall verloren hat, konnte die Partei in Kim Kielsens Heimatstadt Paamiut um immerhin drei Prozent zulegen.

Zwei unterschiedliche Kandidaten
»Die Dänen kennen den richtigen Kim Kielsen nicht«, schrieb Bent Højgaard Sørensen am Wahltag in der dänischen Zeitung Berlingske. Vorausgesetzt man hat nur den dänischsprachigen Teil des Wahlkampfs verfolgt, fällt es aus europäischer Perspektive in der Tat schwer zu verstehen, warum sich die grönländischen Wähler nicht eindeutig für Sara Olsvig entschieden haben. Während Olsvig, eine attraktive junge Frau, als eloquente und sympathische Politikerin auftrat und in akzentfreiem Dänisch ihre Standpunkte darlegte, wirkte Kielsen nervös, oft aggressiv und geriet immer wieder ins Stocken. Er machte einen umprofessionellen Eindruck. Zwar ist Kielsen absolut in der Lage, an einer dänischsprachigen Debatte teilzunehmen, doch verglichen mit Kuupik Kleists, Aleqa Hammonds und eben auch Sara Olsvigs Sprachkenntnissen wirkt sein Dänisch geradezu mangelhaft. Auch wird sich manch ein dänischer Beobachter des politischen Grönland selbstkritisch fragen müssen, ob Kielsen, der konsequent im blauen Anorak auftrat, nicht auch rein physiognomisch ein bisschen zu sehr »Eskimo« ist, als dass man dem Politiker aus europäischer Sicht Vertrauen schenken könnte. Mehrere Jahrhunderte stereotyper dänischer Darstellungen von Grönländern haben ihre Spuren hinterlassen. Frantz Fanon lässt grüßen.

Für die grönländischen Wähler indes haben derartige Überlegungen keine Rolle gespielt. Wie zu lesen ist, konnte Kielsen in den grönländischsprachigen TV-Duellen durchaus überzeugen und schließlich, indem er sich als bodenständiger Mann aus dem Volk präsentierte, den Rückstand seiner Partei wettmachen. Mit Kielsen und Olsvig standen zwei äußerst unterschiedliche Politikercharaktere zur Wahl, was die auseinanderklaffenden Wahlergebnisse in Hauptstadt und Peripherie nur unterstreichen. Während die Anthropologiestudentin Olsvig im Kopenhagen der Nuller Jahre Bourdieu und Lévi-Strauss las, ging Polizist Kielsen im sozial belasteten Paamiut auf Ganovenjagd. Während Olsvig mit den meisten ihrer Wähler auf Facebook befreundet ist, steht in Kielsens Büro - wie er dem dänischen Fernsehen stolz vorführte - eine Tiefkühltruhe mit selbst erlegtem Rentierfleisch.

Die beiden Kandidaten repräsentieren je einen Teil der grönländischen Bevölkerung, die einander fremd geworden sind. Kuupik Kleists von manchen als zu rasant empfundener Reformeifer und Aleqa Hammonds schädliches Ausspielen der Armen gegen die Reichen, der Fischer gegen die Studierten und der Grönländischsprachigen gegen die Bilingualen haben die gesellschaftliche Spaltung befördert. Es wäre im Interesse des wirtschaftlich angeschlagenen Landes, wenn Kielsen und Olsvig zueinanderfänden und eine Koalition der inneren Einigung bildeten. Doch auch wenn sich Kielsen anders entscheidet, weiß er, dass die alten Zeiten nicht zurückkommen. Seit Einführung der Selbstverwaltung ist Grönland politisch gereift und hat binnen kurzer Zeit eine starke Zivilgesellschaft entwickelt, in der auch der Opposition eine wichtige Rolle zukommt. Egal ob man Kielsens oder Olsvigs Wirtschaftspolitik für überzeugender hält, muss man sich um die Verfassung einer Nation, die eine schlechte Regierung zu stürzen vermag, eigentlich keine Sorgen machen.

Quelle: http://nofoblog.hypotheses.org/61

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Filmproduktion im Museum – Wael Shawkys „Cabaret Crusades“

Wael Shawky bei Dreharbeiten

Wael Shawky bei den Dreharbeiten im K20 im Oktober 2014.
Foto: Kunstsammlung, © Kunstsammlung NRW

In der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) ist zurzeit eine Einzelausstellung des Ägypters Wael Shawky zu sehen. Der 1971 in Alexandria geborene Künstler präsentiert dort sein Filmprojekt "Cabaret Crusades", das während der dOCUMENTA (13) im Jahr 2012 viel Beachtung erfahren hat und auf Amin Maaloufs Buch "Der heilige Krieg der Barbaren. Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht" von 1983 basiert.

In Shawkys dreiteiliger Arbeit sind Marionetten Akteure der historischen Geschehnisse der Kreuzzüge vom ausgehenden 11. bis ins frühe 13. Jahrhundert: Der erste, in Italien produzierte Teil "The Horror Show File" (2010) stellt die Geschichte des Ersten Kreuzzugs von 1095 bis zur Einnahme Jerusalems durch die Franken im Jahr 1099 dar. Die Protagonisten – in dem Fall kostbare Holzmarionetten aus dem 18. Jahrhundert – vertont Shawky wie auch in den beiden weitern Filmen in Hocharabisch. In dem zweiten, in Frankreich entstandenen Teil "The Path to Cairo" (2012) spielen detailreiche, handgefertigte Marionetten aus Keramik die Ereignisse der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts nach, in der den Muslimen mit der Einnahme von Edessa 1144 ein wichtiger Schlag gegen die europäischen Kreuzritter gelingt. Und in dem letzten, längsten und aufwendigsten der drei Filme – "The Secrets of Karbalaa" (2014) – führen eigens für das Projekt auf Murano produzierte Glasmarionetten den Zweiten und den Dritten Kreuzzug im 12. Jahrhundert auf. Die Trilogie endet mit der Zerstörung Konstantinopels durch venezianische Kreuzfahrer im Jahr 1204.

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Marionette aus Murano-Glas für den dritten Teil "The Secrets of Karbalaa".
© Achim Kukulies / © Kunstsammlung NRW

Shawky thematisiert mit seinen Filmen – und zwar bereits vor dem Ausbruch des Arabischen Frühlings 2010/11 – die Konflikte im Nahen Osten, deren Schauplätze damals, vor rund 1000 Jahren, wie heute Aleppo, Bagdad und Damaskus sind.Mit dem Perspektivenwechsel, nämlich der Schilderung der christlichen Kreuzzüge aus arabischer Sicht, wirft der Künstler Fragen nach den Mechanismen und Konstruktionen der Geschichtsschreibung auf. Auch die Darsteller, die an Schnüren geführten, ferngesteuerten Marionetten, unterstützen diesen Aspekt: Wer eigentlich sind die Fädenzieher?

Was interessiert nun uns, Mitglieder des GRK1678 an dieser Ausstellung? Das für uns Besondere an der Düsseldorfer, von Doris Krystof kuratierten Schau ist die Tatsache, dass der dritte Film "The Secrets of Karbalaa" während der Ausstellung im Museum produziert wurde – sichtbar für alle Besucher. Die Grabbehalle des K20 wurde dafür dreigeteilt: In einem Kinosaal sind die beiden ersten Teile der "Cabaret Crusades" zu sehen. Darüber hinaus sind einige der Keramikmarionetten aus dem zweiten Teil in Vitrinen präsentiert, und den größten Teil der Ausstellung nimmt das eigens für die Shawky-Produktion eingerichtete Filmstudio ein. Gut einen Monat lang hat ein etwa dreißigköpfiges Team – Künstler, Kulissenbauer, Beleuchter, Marionettenspieler, Kostümbildner, Techniker – dort akribisch an dem Projekt gearbeitet. Wer im Oktober das Museum besuchte, konnte durch eine Glasscheibe in das Studio blicken und den Betrieb beobachten: Manchmal wurde laut gehämmert, manchmal lag der Geruch von Weihrauch in der Luft, weil für die Filmhandlung Rauch benötigt wurde. Der Künstler gab seine Anweisungen, die Kulisse wurde umgebaut, Marionetten wurden angekleidet. Alles unter den Blicken der Besucher. Das Museum als Herstellungsstätte, als Ort der Produktion, als temporäres Künstleratelier. Der Herstellungsprozess, der kreative Akt als öffentliches, als ausstellungswertes Ereignis.

Inzwischen ist der Dreh abgeschlossen, das Studio aber bleibt weiter ausgestellt: Eine aufwendig gestaltete Drehbühne, technisches Equipment, Werktische, Regale voller Requisiten und vor allem die bizarren Glasmarionetten in ihren auf den Leib geschneiderten Kostümen sind weiterhin sichtbar und zeugen von einem einzigartigen Experiment.

Der Film befindet sich zurzeit in der Postproduktion, am 04.12.14 wird er im Düsseldorfer Schmela Haus uraufgeführt – wir sind gespannt!

Linda Walther & Anja Gottwaldt

Uraufführung: "The Secrets of Karbalaa", 04.12.14, 19:00 Uhr, Schmela Haus

Ausstellung: "Wael Shawky. Cabaret Crusades", bis 04.01.15, Kunstsammlung NRW (K20)

Konferenz: "The Art of Making History", 11. + 12.12.14, Schmela Haus

Ausstellungskatalog: "Wael Shawky. Cabaret Crusades", Kerber Verlag

Quelle: http://grk1678.hypotheses.org/243

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Hitler auf der Weinflasche. Zwischen Werbekniff und Verharmlosung

Janine Schemmer Mussolini, Stalin und Hitler „zieren“ Etiketten von Weinflaschen, die in Schaufenstern einiger italienischer Cafés und Geschäfte ausgestellt sind und manch vorübergehenden Passanten zum Stehenbleiben und Staunen bringen. Als ich italienischen Freunden gegenüber meinen Unmut vor allem über die … Weiterlesen

Quelle: http://netzwerk.hypotheses.org/2120

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Soziologie der Liebe – Ein Interview mit Prof. Dr. Udo Thiedeke

Nadja Boufeljah aus unserer Redaktion hat für die aktuelle Ausgabe zum Thema „Emotionen: Wie sozial sind unsere Gefühle?“ ein Interview mit Prof. Dr. Udo Thiedeke zur Soziologie der Liebe geführt. Was bedeutet es, wenn man liebt? Wie kommt es zu … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/7870

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Neue Perspektiven auf (anti-)koloniale Gewalt in Mythen, Erinnerung und Praxis. Claire Mauss-Copeaux analysiert einen zentralen Wendepunkt des algerischen Unabhängigkeitskriegs (1954-1962)

Rezension zu: Claire Mauss-Copeaux, Algérie 20 août 1955. Insurrection, répression, massacres. Paris 2011.

Wie kaum ein anderes Thema der Zeitgeschichte sorgt der zwischen 1954 und 1962 um die Unabhängigkeit Algeriens geführte Krieg bis heute in Frankreich immer wieder für breite und oftmals hoch emotional geführte Debatten. Seit der algerischen Unabhängigkeit 1962 schlugen die miteinander in Konflikt stehenden Erinnerungen und Deutungen der beteiligten Akteure bzw. ihrer (zum Teil selbsternannten) Repräsentanten immer wieder hohe Wogen, die u.a. als »Krieg der Erinnerungen« bezeichnet wurden. Obgleich die algerischen Aufstände vom 20. August 1955 seit jeher Gegenstand intensiver Kontroversen waren und als eines der Schlüsselereignisse dieses Krieges gelten, hat es – anders als etwa im Fall des Putschs vom 13. Mai 1958 – vergleichsweise lange gedauert, bis eine Monographie sich dieses Ereignisses und seiner unmittelbaren Folgen annahm. Claire Mauss-Copeaux hat diese Lücke gefüllt, und um es vorwegzunehmen: Das Ergebnis, zu dem sie, aufbauend auf einem umfangreichen Fundus algerischer und französischer Archivalien und Zeitzeugenberichte kommt, ist in mehrfacher Hinsicht beeindruckend und als solches nicht nur Spezialisten französischer Kolonialgeschichte als besonders lesenswert zu empfehlen.
Zum historischen Kontext: Weniger als ein Jahr nach dem Beginn der algerischen Rebellion am 1. November 1954 war die Befreiungsfront Front de Libération Nationale (F.L.N.) bereits massiv angeschlagen. Seit Beginn des Jahres 1955 hatte die französische Armee dank ihrer ebenso technischen wie zahlenmäßigen Überlegenheit und ausgestattet mit weitreichenden Vollmachten der Regierung in Paris zahlreiche führende Aktivisten verhaftet oder getötet. Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Zweigen der Organisation war entweder gestört oder unterbrochen. In dieser Situation entschied sich der für die Region um Constantine (Le Constantinois) Verantwortliche des F.L.N. Zighoud Youcef dafür, einen breiten Aufstand zu organisieren, der am zweiten Jahrestag der französischen Absetzung des marokkanischen Königs mit großer Unterstützung der lokalen algerischen Bevölkerung in mehreren Orten des Constantinois stattfand. Ziel war es, das symbolträchtige Datum zu nutzen, um durch Angriffe auf Institutionen des kolonialen Systems internationale Aufmerksamkeit zu erregen und die allgemeine Mobilisierung für den F.L.N. voranzutreiben (84-89). Die Bilanz der Toten an diesem Tag betrug 123. Damals und bis in die jüngste Vergangenheit wurden insbesondere die angeblich in Form von Massakern umgekommenen 71 Toten europäischer Herkunft vielfach als Rechtfertigung für die anschließenden »Vergeltungsmaßnahmen« gegenüber der algerischen Bevölkerung in der gesamten Region angeführt (123-125).
In ihrem ersten Teil macht Mauss-Copeaux die zentrale Rolle der Gewalt für die Existenz und die Stabilisierung des kolonialen Staates in Algerien deutlich. Sie stellt fest, dass in über hundert Jahren kolonialer Unterdrückung Gewalt nicht das einzige Kommunikations- und Herrschaftsmedium der Franzosen in Algerien war. Ungeachtet dessen diente Gewalt während der gesamten französischen Besatzung in jedem Fall offener Revolte oder Infragestellung der kolonialen Hierarchie als letztes Mittel zum Erhalt des status quo (14). So wird verständlich, dass es in Algerien nach den ersten vereinzelten Anschlägen, die auf den 1. November 1954 folgten, nicht erst der massiven Aufstände des 20. August 1955 bedurfte, um das gesamte Land in einen Kriegszustand zu versetzen. Dafür hatten bereits zuvor die Anweisungen der Armeeführung (vor allem das seit dem 1. Juli 1955 auf ganz Algerien angewendete Prinzip der »kollektiven Verantwortung«) wie auch die Einsatzpraxis von Berufssoldaten und Wehrdienstleistenden gesorgt (Erschießungen von Gefangenen bzw. Verdächtigen z.T. mit anschließender öffentlicher Zurschaustellung der Leichen, Vergewaltigungen und Folter) (61-63).
Die Teile zwei und drei des Buchs rekonstruieren die Aufstände in den verschiedenen Orten des Constantinois. Besonders eingehend werden El Alia und Aïn Abid untersucht, da dort die meisten Zivilisten ums Leben kamen, wobei insbesondere die Angriffe auf private Häuser und die Morde an Frauen und Kindern das französische Entsetzen erregten. In der damaligen kolonialen Propaganda und zum Teil bis heute fungieren diese Morde als »massacre de réference« und Ausweis einer unmenschlichen Tyrannei des F.L.N. mit dem sich jede Form der Vergeltung rechtfertigen ließ (123).
Vor allem auf der Grundlage lokaler Quellen und den Berichten algerischer und europäischer Zeitzeugen gelingt es Mauss-Copeaux, eine neue Lesart des 20. August zu begründen. So gesteht sie zwar bei mindestens 42 der Morde den Tatbestand eines Massakers zu (126), entlarvt jedoch kursierende Horrorszenarien wie einen Mord mit einer Gabel und das Herausreißen eines Fötus aus dem Bauch einer Schwangeren als Gerüchte (158-159). Bezüglich der Verantwortung des F.L.N. für die Morde an europäischen Zivilisten gibt sich die Autorin skeptisch. Sie verweist darauf, dass der F.L.N. zumindest bis zu diesem Datum Angriffe auf europäische Zivilisten explizit verbot und es im Fall eines Schießbefehls auf Zivilisten an allen Orten des Aufstands zu Massakern hätte kommen müssen – nicht nur in El Alia und Aïn Abid. (91-93). Ohne den Anspruch zu erheben, eine vollständige Erklärung dieses »Rätsels« (134) liefern zu können, führt die Autorin die These an, dass die von Algeriern begangenen Massaker auf intensive lokale Spannungen zurückzuführen seien, die zwischen Algeriern und Europäern allgemein bestanden hätten, aber auch zwischen direkt involvierten Einzelpersonen. Hinzu seien situative Dynamiken gekommen, wie eine kurz zuvor erfolgte Denunziationen gegenüber den Kolonialbehörden, die Erschießung eines Algeriers durch einen Europäer auf offener Straße und der Umstand, dass die Häuser der europäischen Opfer unmittelbar neben den ursprünglich anvisierten Gebäuden lagen, die den kolonialen Staat repräsentierten. Auf der Basis dieser Argumentation erscheint es tatsächlich naheliegend, dass der Aufstand auf lokaler Ebene als Gelegenheit für individuelle Racheakte genutzt wurde (144).
Bis heute haben mehrere Überblickswerke französischer Historiker über den Algerienkrieg viele (zu einem großen Teil erfundene) Details der Morde an europäischen Zivilisten im Constantinois aufgeführt und die anschließenden Repressalien der Armee nur kursorisch behandelt. Ohne sie zu verschweigen, wurde der »Tod« von schätzungsweise 12 000 Algeriern oftmals vereinfacht als Konsequenz der vorherigen »Massaker« eingeordnet und damit abgehandelt (177-180). In dem vierten Teil ihrer Monographie zeigt Claire Mauss-Copeaux eindrucksvoll, dass auch diese Lesart revidiert oder zumindest ergänzt werden muss: Erst am 28. August 1955 wurde der eine Woche zuvor erteilte Befehl an die französischen Soldaten eine »schnelle und brutale Wiederherstellung der Ordnung« durchzuführen, dahingehend präzisiert, dass das Leben von Frauen und Kindern zu schonen sei (184-185). Bis dahin warfen Flugzeuge der französischen Armee über mehreren Dörfern des Constantinois Bomben und Napalm ab, Bodentruppen legten ganze Dörfer in Brand nachdem die Häuser zuvor von Panzerfahrzeugen unter schweren Beschuss genommen worden waren. Sogar ein Escorteur der Marine wurde eingesetzt, um das Umland der Küstenstadt Collo breitflächig zu bombardieren (190-192). Auf diese mehr oder weniger wahllos durchgeführten Aktionen kollektiver Bestrafung folgten planmäßige Verhaftungen und anschließende Massenerschießungen hunderter algerischer Männer und Jugendlicher, deren Leichen in Massengräbern verscharrt wurden. Angesichts der aktiven Verschleierung derartiger Verbrechen durch die französische Armee wird hier die Bedeutung des Zugangs der Oral History besonders deutlich: Nicht nur Archivmaterial und Fotos wurden systematisch zerstört (199). Auch die Körper der Hingerichteten sollten ausgelöscht werden. So wurden in Guelma nach einer Massenerschießung die Leichen algerischer »Verdächtiger« zur Unkenntlichmachung mehrfach von Kettenfahrzeugen überfahren und zerquetscht (220-225).
Dass die beschriebenen Exzesse des französischen Militärs vor allem Unbeteiligte treffen mussten und auch an Orten begangen wurden, an denen es keine Aufstände gegeben hatte, zeigt das ganze Ausmaß willkürlich eingesetzter Gewalt während des Kolonialkrieges. Entgegen einer bislang weit verbreiteten Interpretation sind die Aufstände des 20. August somit durchaus als Auslöser nicht aber als hinreichende Erklärung für die anschließenden Massaker zu verstehen. Deren systemischen Charakter macht nicht zuletzt der Umstand deutlich, dass die Regierung in Paris über das Vorgehen der Armee genauestens Bescheid wusste, aber weder eingriff noch Sanktionen verhängte (183-184). Claire Mauss-Copeaux hat hiermit ein für das differenzierte Verständnis des algerischen Unabhängigkeitskrieg essenzielles Werk vorgelegt. Dass die Autorin die Verwendung von Bezeichnungen der Gewalt durch die Akteure von damals und heute mehrfach diskutiert ohne jedoch selbst die Frage zu klären, was zum Beispiel unter »Massaker« verstanden werden soll, ist ihr in jedem Falle nachzusehen. Ihre durch Karten, Abbildungen und eine Vielzahl von Zitaten angereicherte Monographie hat nicht nur einen der entscheidenden Wendepunkte des algerischen Unabhängigkeitskrieges in ein neues Licht gerückt. Weit darüber hinaus werden auch Studien über koloniale Gewalt ebenso wie Oral History Projekte in diesem Buch Anknüpfungspunkte finden.

Bild: Buchcover, Editions Payot & Rivages,

Quelle: http://gewalt.hypotheses.org/659

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Sport, Stadion, Stadt

Seit dem Zweitligaaufstieg der Lilien machen sich zweiwöchentlich über zehntausend Menschen auf dem Weg zum Böllenfalltor um zweiundzwanzig Menschen beim Bewegen eines Lederballes mit den Füßen zu beobachten. An solchen Spieltagen wird das Stadion ganz besonders sichtbar. Doch welchen Ort haben Stadien und Sportstätten in Städten in historischer Perspektive?

Dieser Frage ging der viele Jahre am Institut für Geschichte beschäftigte Historiker PD. Dr. Noyan Dinckal aus Paderborn in einem Vortrag im Rahmen des 29. Darmstädter Sport-Forums nach. Er betrachtete dabei die Entwicklung moderner Sportstätten zu Beginn  des 20. Jahrhunderts und konstatierte zum einen, wie diese mit zunehmender Popularisierung zunehmenden Einfluss auf den urbanen Raum nahmen. Straßenbahnanschlüsse, Erdumwälzungen, Parkplätze mussten gebaut oder bewältigt werden und wirkten so in starkem Maße auf die Kommune zurück.  Zum anderen wurden die Stadien durch das zunehmende Interesse der Bevölkerung zu „Orten architektonischer Massenkultur und urbaner Riten“, wie Dinckal betonte.

Die zunehmende Bedeutung des Zuschauersports brachte begleitende Diskussionen hervor, die auch dem heutigen Ohr bekannt vorkommen. Schon damals gab es Debatten über Gewalt auf den Rängen, über die Rolle von Kommerz im Stadion (auch damals gab es Logen), über die durch das Stadion herbeigeführte Trennung von Profi- und Breitensport und über das Stadion als Prestigeobjekt für die Kommunen.

Ein Blick in die Geschichte des Stadionbaus eröffnet so neue Einblicke auch in aktuelle Diskussionen um Stadionneubauten. Manche Argumentationslinien wirken in historischer Dimension anders, andere Argumente können mit historischen Erfahrungen angereichert werden. Dinckals Vortrag regt auf jeden Fall zum Nach-, Mit- und Andenken an –gerade auch wenn man sich am Wochenende mal wieder auf den Weg ins Stadion am Böllenfalltor macht und dessen Zukunft im Halbzeitgespräch thematisiert wird.

Weiterführende Links:

Bericht im Darmstädter Echo

Verlagsinformation zu Dinckals Buch über Sportlandschaften

 

 

Quelle: http://mgtud.hypotheses.org/150

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Können wir unsere Emotionen wählen – und warum sollten wir? Die rationale Wahl von Emotionen und die sozialen Entscheidungsregeln (Teil 1) – von Kathrin Behrens

Kernfrage dieses Artikels ist die grundsätzliche Wählbarkeit von Emotionen und der daraus folgenden Möglichkeit, Emotionen als eigenen Gegenstand von rationalen Entscheidungen zu betrachten. Dazu werden zwei zentrale Theorien der Emotionssoziologie miteinander verglichen: das Emotionskonzept nach Jon Elster und die Theorie … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/7316

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