aventinus studiosa Nr. 8 [11.06.2015]: Sebastian Conrad: Globalgeschichte. Eine Einführung (= Beck’sche Reihe; 6079), München: C.H.Beck 2013

http://sehepunkte.de/2013/09/22836.html In den vergangenen Jahren sind im deutschsprachigen Raum schon mehrere Versuche gemacht worden, Einführungen und Überblicke zum Feld der Globalgeschichte zu liefern. Sebastian Conrad von der Freien Universität Berlin ist einer der profiliertesten deutschen Vertreter dieses historiographischen Trends und bringt unzweifelhaft den für ein solches Unterfangen notwendigen Hintergrund mit. Conrad hat nicht nur für […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2015/06/5877/

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[cfp] Before ’68: The Left, activism & social movements in the long 1960s

The events of 1968, particularly those in France, have achieved a mythical status in both the memory and the historiography of the 1960s. For some, 1968 marked the end-point of a realignment of the European ‘New Left’. For others 1968 represented a student generation in revolt, and many of the first accounts which sought to explain the history and meaning of ’68 were written by that generation.
More recently historians have tried to demythologise ’68, looking both at less ‘glamourous’ locales and at the deeper histories of anti-colonial struggles and worker activism prior to the events of that year. The aim of this conference is to explore the diverse histories of social activism and left politics in Britain and elsewhere, and how they prepared the ground for and fed into ‘1968’. Themes might include, but are not limited to:

• Anti-nuclear & peace movements
• Civil Rights struggles
• The Black Power movement
• Anti-colonial politics
• The activities of the Labour movement and the ‘traditional’ Left
• The grassroots activism of the ‘New Left’
• Far Left challenges: Trotskyism & Maoism
• Campaigns around housing and the built environment
• Campaigns around race and discrimination in the workplace and housing
• Solidarity movements with struggles abroad (e.g. South Africa, Vietnam)
• Campaigns for Homosexual Equality
• Second Wave Feminism

We are seeking papers of 5000 to 10000 words on any aspects of left activism and social movements in the period preceding 1968 to be presented at the conference.

[...]

Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2015/05/20/cfp-before-68-the-left-activism-social-movements-in-the-long-1960s/

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Urkatastrophe oder Katalysator?


Die transregionale Perspektive zeigt: Der Erste Weltkrieg hatte viele Gesichter

Von Isabelle Daniel

„Wissen Sie, wie weit Sydney von Ypern entfernt liegt?“, fragt Christina Spittel in die Runde. Ypern, das ist im Ersten Weltkrieg der Schauplatz für den Einsatz von Giftgas des deutschen Heeres gegen die belgische Bevölkerung. In der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg steht die belgische Kleinstadt sinnbildlich für eine entgrenzte und totalisierte Kriegsführung. Sydney wiederum ist 1914 die Hauptstadt eines kleinen Teils des riesigen britischen Imperiums, international und politisch ziemlich unbedeutend und vor allem weit, weit weg vom europäischen Schauplatz des Krieges: 16.000 Kilometer.

<p>Sebastian Jobs und Christina Spittel</p>

Sebastian Jobs und Christina Spittel

Hinter der Frage der Literaturwissenschaftlerin verbirgt sich jedoch eine andere, wichtigere: Warum nahmen mehr als 330.000 australische Soldaten freiwillig am Ersten Weltkrieg teil und kämpften an der Seite der britischen Armee? Christina Spittel forscht und lehrt an der University of New South Wales in Canberra, Australien, und ist zum zweiten WeberWorldCafé in das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin gekommen. Hier ist sie eine von 16 so genannten TischgastgeberInnen, die in kleinen Runden mit historisch Interessierten über die Erfahrungen von Zivilgesellschaften verschiedener Regionen im Ersten Weltkrieg sprechen. Acht – grob gezogene – Regionen mit jeweils zwei ExpertInnen sind beim WeberWorldCafé vertreten. „Narrating the First World War from Transregional Perspectives“: Der Titel des WeberWorldCafés hätte kaum allgemeiner ausfallen können. In diesem Fall ist das jedoch auch gut so. Denn transregionale Ansätze mit gleichzeitig zu eng gefasster Fragestellung führen allzu oft dazu, dass unterschiedliche historische Prozesse zwanghaft in dasselbe Muster gepresst werden. Das WeberWorldCafé verfolgte den spiegelverkehrten Ansatz: Die Fragestellung blieb bis zum Ende offen; Gemeinsamkeiten und Parallelen zwischen den Regionen wurden auf diese Weise eher zufällig erarbeitet. Bei einer Veranstaltung mit geschichtswissenschaftlichem Schwerpunkt ist das erfolgversprechend. Denn wo, wenn nicht in der Arbeit mit historischen Quellen, befördert der Zufall sonst die erstaunlichsten Ergebnisse zutage?

Der Erste Weltkrieg als Katalysator
Spittels Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ für die freiwillige Kriegsteilnahme australischer Soldaten hat etwas erschütternd Banales. Eingesetzt wurden die australischen Soldaten vor allem an der Westfront. Um die Truppen dorthin zu bringen, ließ die australische Militärführung Kreuzfahrtschiffe umbauen. Auf dem Weg nach Europa passierten die Schiffe den Suez-Kanal; im britisch kontrollierten Ägypten wurden die Australier vor ihrem Einsatz an der Front in Trainingslagern ausgebildet. „Für die australischen Soldaten war der Weltkrieg auch eine Weltreise“, sagt Spittel. „Er bot die einmalige Möglichkeit, England zu sehen.“ Der enorme Einfluss des Ersten Weltkrieges auf die Globalisierung, auf das Reisen und etwa auch den zivilen Flugverkehr wird in der Forschung wiederholt hervorgehoben. Und immer wieder wird die eine bemüht: Die Metapher, die den Ersten Weltkrieg zu einem Katalysator erhebt – einem Katalysator für technische, militärische, emanzipatorische, ja: moderne Entwicklungen. War das wirklich so? Lässt sich dem ersten totalen Krieg, mit seinem unermesslichen Ausmaß an Blutvergießen und Gewalt, nachträglich noch etwas Modernisierendes zuschreiben, eine Art Koselleck‘scher Sinn? WeberWorldCafé

Die Ambivalenz des Moderne-Begriffs ist eines der wenigen Phänomene, die in den Diskussionen beim WeberWorldCafé immer wiederkehren. Da ist Valeska Huber vom Deutschen Historischen Institut in London, die zum Nahen und Mittleren Osten während des Ersten Weltkriegs forscht und zusammen mit Fatemeh Masjedi vom Berliner Zentrum Moderner Orient den Expertentisch „Near and Middle East“ betreut. Den Suez-Kanal beschreibt Huber als Mikrokosmos, in dem sich vieles von dem staut, wofür der Erste Weltkrieg – auch – steht: Sie zeigt ein Foto, eine Luftaufnahme einer Uferstelle im Suez-Kanal. Rechts auf dem Bild zu erkennen ist ein Lager für armenische Flüchtlinge, die dem Genozid entkommen konnten. Links daneben erstreckt sich ein großes Ölbecken. Das Foto ließe sich als der Inbegriff dessen bezeichnen, was mit der katalysierenden Wirkung des Ersten Weltkrieges gemeint ist. Als „modernes Flüchtlingslager“ bezeichnet Huber die Aufnahmestelle für die armenischen Flüchtlinge, deren Schicksal in der Türkei bis heute nicht adäquat aufgearbeitet wird. Die Installation erster Ölraffinerien und die Nutzung von Erdöl zu Kriegszwecken während des Ersten Weltkriegs markierten einen weiteren Aspekt, der die Verwobenheit des Ersten Weltkriegs mit der Moderne deutlich macht.

Der Erste Weltkrieg als Stagnation
Doch nicht für alle Regionen treffen diese Beobachtungen zu. Mancherorts war die Zerstörungswut so groß, dass zivilgesellschaftliche Errungenschaften der Vorjahre wenn sogar nicht ausgelöscht, so doch zumindest eingefroren wurden. Juliane Haubold-Stolle hat die Sonderausstellung „1914-1918“ im DHM mitkuratiert und ist Tischgastgeberin für die Region Westeuropa. Das vielzitierte Bild des Ersten Weltkriegs als Emanzipationsbeschleuniger weiß die Historikerin zu relativieren. „Frauenrechtsbewegungen gab es in West- wie Mitteleuropa schon vor dem Ersten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg hat diese Prozesse eher stagnieren lassen als beschleunigt.“ Die Frage nach der Emanzipation – von Frauen, vor allem aber auch von Minderheiten – ist mit dem Ersten Weltkrieg eng verwoben. In vielen Ländern Europas nahmen beispielsweise Juden mit großem Engagement und den entsprechenden Verlusten am Ersten Weltkrieg teil – in der Hoffnung, dadurch gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Vor allem die deutschen Juden wurden dabei enttäuscht. Trotz der stetigen Patriotismusbeweise der jüdischen Gemeinden und Verbände zog das antisemitische Konstrukt vom „jüdischen Drückeberger“ seit 1915 immer weitere Kreise. Im Herbst 1916 schließlich gab das preußische Kriegsministerium den Eingaben antisemitischer Verbände nach und ließ das Drückeberger-Gerücht in der sogenannten „Judenzählung“ überprüfen – eine fatale Entscheidung, die von vielen jüdischen Soldaten als diskriminierend empfunden wurde. Vergleichbar ist – auf der anderen Seite der Welt – das Schicksal der Afroamerikaner. Sebastian Jobs, Historiker am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin zeigt ein Foto von aus dem Krieg nach New York zurückkehrenden afroamerikanischen Soldaten, die in der Heimat gefeiert werden. Dazu legt er eine Karikatur aus einer zeitgenössischen schwarzen Publikation, auf der es heißt: „You‘re in the army now, you‘re not behind the plow.“ Es ist eine Referenz auf die versklavten Schwarzen in den Südstaaten und will sagen: Die Tatsache, dass Afroamerikaner in der Army kämpfen, bedeutet das Ende der Geschichte der Sklaverei und eine Anerkennung für die afroamerikanische Bevölkerung. „Afroamerikanern war es zuvor verboten, Waffen zu tragen“, erklärt Jobs. Von vielen sei es als Privileg empfunden worden, im Krieg zu kämpfen. „Der Citizen Soldier hatte etwas Aufwertendes“, resümiert Jobs. Gleichwohl gab es keine gemischten US-amerikanischen Regimenter, und von einer afroamerikanischen Emanzipation konnte auch viele Jahrzehnte nach dem Ersten Weltkrieg nicht die Rede sein.

<p>Michelle Moyd</p>

Michelle Moyd

In höchst dramatischer Weise vom Ersten Weltkrieg betroffen war der afrikanische Kontinent. Michelle Moyd von der Indiana University ist Kolonialhistorikerin und forscht zum damaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf diese Region beschreibt Moyd als verheerend. Obwohl auch afrikanische Männer von der deutschen Kolonialmacht gezwungen wurden, im Krieg zu kämpfen – in erster Linie gegen die Kolonialarmee des britischen Empires – begann laut Moyd in den ehemals deutschen Kolonien erst Jahre 1918 der eigentliche Prozess, in dem über die Bedeutung dieses beispiellos brutalen Krieges reflektiert worden sei. „Für Deutsch-Ostafrika war der Erste Weltkrieg eine Art Verstärkung bereits zuvor gekannter Kämpfe – allerdings in einer völlig anderen Größenordnung.“ Das Fehlen einer gemeinsamen Fragestellung des WeberWorldCafés zum Ersten Weltkrieg mag kohärente Diskussionen an den verschiedenen Tischen verhindert haben. Dieser Zugriff ermöglichte aber ein Resümee, das der historischen Wahrheit vielleicht am nächsten kommt und das Moderator Sebastian Conrad von der Freien Universität Berlin treffend formulierte: „Aus einer globalen Perspektive auf den Ersten Weltkrieg verbietet sich jede Generalisierung.“

Zur Autorin: Isabelle Daniel promoviert an der Technischen Universität Berlin zum Thema “Antisemitismus in den Medien der Weimarer Republik“ und hat das WeberWorldCafé als Science Reporterin begleitet.

Quelle: http://wwc.hypotheses.org/498

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Blogs – Globalgeschichte – Gefängnisse. Ein erster Versuch

Schon seit längerem beobachte ich die deutschsprachige gesichtswissenschaftliche Blog- und Social Mediaszene und habe mich mit dem Gedanken getragen, selber über meine Arbeit und meine Interessensgebiete zu schreiben. Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt genug zu sagen habe, was für andere interessant sein könnte und wage jetzt doch einen Versuch.

Meine Hoffnung ist, dass das Blog ein Forschungstagebuch zu meiner Dissertation ist und mit meinen Erkenntnisfortschritten wächst. Außerdem soll das Blog eine Schreibübung sein. In vielen Gesprächen mit Bekannten, Freunden und Familienmitgliedern kommt immer wieder die Frage: „Was machst du eigentlich genau in deiner Arbeit?“ Die Antwort fällt mir nicht immer leicht und ich fürchte, dass oft der Eindruck entsteht, Historiker machen komische und unverständliche Sachen, die nur wenig mit der Realität zu tun haben. Deshalb will ich hier üben, das was ich täglich tue, allgemeinverständlich auszudrücken: Was mache ich? Warum mache ich das? Warum finde ich Geschichte so interessant und wichtig? Ich habe die Erfahrung gemacht, das solche Zuspitzungen auch die eigenen Gedanken schärfen und die Arbeit voranbringen.

Zu einer genaueren Beschreibung meines Themas werde ich später noch etwas genaueres bloggen. Das bringt mich aber zu meiner zweiten Absicht: Da ich momentan am Anfang meiner Arbeit stehe, lese ich gerade wieder sehr breit zu vielen Aspekten der Kolonialgeschichte und Globalgeschichte. Deshalb sollen die Themen des Blogs über meine Dissertation hinaus, viele Aspekte der Kolonial- und Globalgeschichte ansprechen. Eine meiner bisherigen Beobachtungen der Blogszene ist, das solche Themen bislang eher selten vertreten sind. Auch zur Epoche, die mich besonders interessiert, grob gesagt das sehr lange 19. Jahrhundert, wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit. Pointiert ausgedrückt: so dominant die Globalgeschichte im akademischen Diskurs geworden ist (nach meiner Wahrnehmung), so schwach repräsentiert ist sie in der deutschsprachigen Blogszene. Das kann natürlich an meiner ausschnitthaften Wahrnehmung liegen, was aber wenigstens für die mangelnde Sichtbarkeit solcher Beiträge spricht. Außer dem dem Blog des DHI Paris kenne ich nicht viel.1 Es wäre schön, wenn ich durch dieses Blog einige Kollegen kennen lernen könnte, die zu ähnlichen Themen arbeiten.

 

  1. Einen Versuch, solche Themen zu lancieren, habe ich hier gemacht: http://openblog.hypotheses.org/63

Quelle: http://rajprisons.hypotheses.org/31

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Lieutenant-General Jochmus / Jochmus Pascha / Jochmus Freiherr von Cotignola: der transkontinentale Lebensweg eines Ministers der Zentralgewalt

 

Er zählt nicht zu den bekannten Gestalten unter den Regierungsmitgliedern der Provisorischen Zentralgewalt, und auch die historische Forschung hat von ihm wenig Notiz genommen: August Giacomo Jochmus. Wenige Jahre nach seinem Tod wurden einige in seinem Nachlass druckfertig vorliegende Schriften entsprechend seiner eigenen testamentarischen Verfügung herausgegeben1; sie enthalten eine autobiographische Skizze2 sowie ein kurzes, wesentlich darauf fußendes Lebensbild, das der Editor Georg Martin Thomas erstellte3. Der 1905 veröffentlichte Artikel der Allgemeinen Deutschen Biographie4 fasste nochmals die dort gebotenen Angaben zusammen – und seit dann ist so gut wie gar nichts mehr zu Jochmus erschienen. In neueren Lexika sucht man ihn vergebens, auch sonstige Forschungsliteratur zu ihm ist kaum zu finden, allenfalls hie und da eine beiläufige Erwähnung5. Was heute über seinen Lebensweg bekannt ist, dürfte daher zum überwiegenden Teil direkt oder mittelbar auf seine eigenen Angaben zurückgehen – ein Mangel, dem auch hier nur in wenigen Einzelheiten abgeholfen werden kann.

Zeitgenössische Karte des nordspanischen Kriegsschauplatzes im Feldzug von 1836Zeitgenössische Karte des nordspanischen Kriegsschauplatzes im Feldzug von 1836.

In jedem Fall war es ein ausgesprochen vielfältiges Leben, das er führte – im Hinblick auf Orte, Milieus und Betätigungen. Jochmus war 1808 in Hamburg geboren; über sein Elternhaus ist nicht viel überliefert. Der Vater starb früh. Nach dem Willen seiner Mutter hätte Jochmus den Beruf eines Kaufmanns ergreifen sollen, zog jedoch eine militärische Laufbahn vor6. Bereits mit 19 Jahren ging er nach Griechenland, um sich den Philhellenen anzuschließen, und machte dort die Feldzüge von 1827 bis 1829 mit; danach war er einige Jahre als Hauptmann des Generalstabs im griechischen Kriegsministerium beschäftigt, wobei er unter anderem mit Vermessungs- und Planungsarbeiten befasst gewesen zu sein scheint. Über Vermittlung des britischen Gesandten in Athen schloss er sich 1835 während des Ersten Carlistenkrieges in Spanien der Anglo-Spanischen Legion an, die auf der Seite der Königin Isabella kämpfte. Hier stieg er weiter rasch auf und brachte es bis zum Brigadegeneral und Chef des Generalstabs des spanischen Armeecorps in Kantabrien; zu dieser Zeit gewann er auch die wohlwollende Aufmerksamkeit des britischen Außenministers Henry John Temple, Viscount Palmerston7. 1838 ging er nach England und wurde von dort nach Konstantinopel entsendet, um mit dem britischen Gesandten Lord John Ponsonby (der 1849 als Botschafter in Wien nochmals ein wichtiger Korrespondent Jochmus’ war) die von Großbritannien angeführte Intervention mehrerer europäischer Mächte in Syrien in die Wege zu leiten.

Ibrahim Pascha (Gemälde von Charles-Philippe Larivière)Ibrahim Pascha (Gemälde von Charles-Philippe Larivière)

Dort hatten die Streitkräfte des Ibrahim Pascha, Sohn des faktisch autonomen Gouverneurs von Ägypten Mehmet Ali Pascha, wiederholte Versuche der osmanischen Armee zurückgeschlagen, die Kontrolle des Sultans über die Gebiete an der Ostküste des Mittelmeers wiederherzustellen. Frankreich unterstützte zudem die ägyptische Seite, was den Konflikt auch zum potentiellen Kriegsanlass zwischen den europäischen Mächten werden ließ: zur sogenannten „Orientkrise“ von 1839–18418, parallel zur für die Entwicklung in Deutschland bedeutsamen „Rheinkrise“9. Jochmus erreichte hier, im Alter von wenig mehr als 30 Jahren, den Höhepunkt seiner aktiven militärischen Tätigkeit zunächst als Chef des Generalstabs der kombinierten englischen, österreichischen und osmanischen Landstreitkräfte, dann in der Schlussphase der Kämpfe als deren Befehlshaber. Als solcher verdrängte er im Winter 1840/41 die ägyptischen Truppen aus Syrien und trug damit zur Schaffung der militärischen Voraussetzungen für den „Meerengenvertrag“ von 1841 bei, der die Krise vorerst beilegte10. Jochmus trat in der Folge in das osmanische Kriegsministerium ein, wo er im Range eines Paschas von zwei Roßschweifen bis 1848 beschäftigt blieb. Während seiner Zeit im Osmanischen Reich knüpfte er offenbar auch jene Kontakte zur österreichischen Diplomatie und zu Mitgliedern des habsburgischen Kaiserhauses, die für seinen späteren Weg von großer Wichtigkeit waren; doch sollte er sich auch enge Verbindungen zu England zeit seines Lebens bewahren.

Im April 1848 verließ Jochmus seine Stellung in Konstantinopel und kehrte nach Deutschland zurück – den späteren Darstellungen zufolge anscheinend aus freien Stücken und veranlasst durch die Märzrevolution11. Im diesbezüglichen Erlass des Sultans, der sich in seinem Nachlass findet, ist freilich nicht von einer Resignation die Rede, sondern von einer Neuorganisierung des Ministeriums, durch welche für ihn keine weitere Verwendung bestehe12. Auch die Aktivitäten Jochmus’ während des folgenden Jahres sind weitgehend unbekannt. Im Mai 1849 hielt er sich in Baden auf, als er von Seiten des Reichsverwesers – bezeichnenderweise durch den österreichischen Gesandten bei der Reichsstadt Frankfurt und ehemaligen Bevollmächtigten bei der Zentralgewalt, Ferdinand von Menßhengen – mit der Aufforderung kontaktiert wurde, „ein Reichs-Ministerium zu bilden und daran Theil zu nehmen“13. Seine Heranziehung scheint also von Anbeginn an vor allem durch seine Beziehungen zur österreichischen Diplomatie veranlasst gewesen zu sein. Die Bildung des letzten Ministeriums der Zentralgewalt verlief freilich hektisch und recht konfus, da neben Jochmus noch weitere Persönlichkeiten mit ähnlichen Aufträgen bedacht worden waren und viele potentielle Minister angesichts der denkbar ungünstigen Lage der Zentralgewalt ablehnten14. Letztlich erhielt Jochmus, der zeitweise auch zum Finanz- und Handelsminister vorgeschlagen worden war, das Außen- und ein neuerrichtetes Marineministerium.

Wie das Ministerium insgesamt, dem unmittelbar nach seiner Vorstellung von der Nationalversammlung das Misstrauen ausgesprochen wurde, so stieß auch Jochmus seitens der erbkaiserlichen Partei wie der Linken auf scharfe Ablehnung. Maximilian von Gagern lästerte in Anspielung auf Jochmus’ Karriere in Konstantinopel, die ihm wohl als Söldnertum ausgelegt wurde, angesichts der fortschreitenden Auflösung der Versammlung werde den neuen Minister bald nichts mehr hindern, „statt des Kreuzes auf der Paulskirche die drei Roßschweife mit dem Halbmond aufzupflanzen“15. Selbst sein Ministerkollege Johann Hermann Detmold nannte Jochmus nach einem guten Monat gemeinsamer Tätigkeit einen „Strohkopf“ und freute sich darüber, dass dieser den Reichsverweser auf dessen mehrmonatigem Kuraufenthalt in Gastein begleitete, weil in seiner Abwesenheit „die Sachen viel einfacher und leichter“ gingen16. Dennoch fällt es schwer, sich dem Urteil anzuschließen, von den Mitgliedern des letzten Reichsministeriums habe Jochmus „am wenigsten konkrete Arbeit“ geleistet17.

Eines von mehreren Projekten Jochmus’ zur Neugestaltung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Österreich (Fürstlich Leiningensches Archiv Amorbach, Familienarchiv, Nachlass Fürst Karl zu Leiningen, Karton VI)

Vielmehr scheint er in mehrerlei Hinsicht keine unwichtige Rolle gespielt zu haben: Durch das rasch aufgebaute besondere Vertrauensverhältnis zum Reichsverweser, das sich auch nach dem Ende der Zentralgewalt in einem bis fast an das Lebensende des Erzherzogs fortgesetzten Briefwechsel niederschlug18, dürfte er viel dazu beigetragen haben, jenen trotz seiner immer wieder starken Rücktrittsgelüste zum Verbleiben zu bewegen19. Auch an den Verhandlungen sowohl mit den deutschen Regierungen als auch mit außerdeutschen Mächten über die Auflösung der Zentralgewalt und den Übergang zu einer neuen gemeinsamen Institution der deutschen Staaten war er, obwohl sie formell überwiegend vom Ministerpräsidenten Wittgenstein geführt wurden, maßgeblich beteiligt; dabei spielte er nicht zuletzt seine etablierten Verbindungen zur britischen Diplomatie immer wieder aus20 und legte zudem selbst mehrere Pläne zur Neuordnung Mitteleuropas vor21.

Schließlich sei noch darauf  hingewiesen, dass gerade Jochmus’ Marineressort im Sommer und Herbst 1849 zu den aktivsten Dienststellen der Zentralgewalt zählte, weil es eine Flotte mit einem knappen Dutzend Kriegsschiffen und ein entsprechend zahlreiches Personal unter sich hatte22. Dies stand im Kontrast dazu, dass ab Mai 1849 der Geschäftsgang einiger Ressorts (insbesondere des Justiz- und des Handelsministeriums, aber in beträchtlichem Maße auch des Inneren) nahezu zum Erliegen kam, weil in Abwesenheit eines Parlaments weder Gesetzgebungsprojekte noch zu vollziehende Beschlüsse vorhanden waren und auch die Kooperation der Einzelstaaten hinsichtlich ihrer inneren Angelegenheiten gegen Null ging. In den Sitzungsprotokollen des Reichsministeriums aus diesem Zeitraum tritt Jochmus daher keineswegs als inaktiver Minister in Erscheinung, sondern hatte im Gegenteil häufig über Flottenangelegenheiten zu berichten, unter anderem über die schwierige Suche nach einem sicheren Winterhafen oder über die Auseinandersetzungen um das erbeutete dänische Kriegsschiff „Gefion“. Diese Fregatte war nach dem glücklich verlaufenen Seegefecht vor Eckernförde am 5. April 184923 in deutsche Hände geraten und wurde, obwohl in unbrauchbarem Zustand, unter dem Namen „Eckernförde“ der deutschen Flotte eingegliedert. Nach dem im Juli mit Dänemark geschlossenen Waffenstillstand wäre Preußen nur zu gerne bereit gewesen, den materiell wenig wertvollen Rumpf zurückzugeben; die Schleswig-Holsteiner hingegen waren ebenso wie die von Jochmus vertretene Zentralgewalt entschlossen, die symbolträchtige Trophäe zu halten. Angesichts der drückenden Übermacht der Dänen zur See und der preußischen Truppen zu Lande kam es so weit, dass Jochmus den Befehlshaber der kleinen Reichsflottenmannschaft der „Eckernförde“ anwies, das Schiff im Falle eines Gewaltstreichs in die Luft zu sprengen24. Letztlich fand sich ein Kompromiss, der das Schiff durch Überwinterung in einem preußischen Hafen zwar der Verfügung Schleswig-Holsteins entzog, aber formell der Zentralgewalt und der deutschen Kriegsmarine erhielt.

Nach dem Ende der Provisorischen Zentralgewalt im Dezember 1849 bekleidete Jochmus längere Zeit keine öffentlichen Ämter. Finanziell unabhängig, konnte er es sich leisten, in den 1850er Jahren eine mehrjährige Weltreise zu unternehmen, während der er sich nicht nur neuerlich längere Zeit im arabischen Raum aufhielt, sondern auch Indien, China und Amerika besuchte. Er rühmte sich später auch, mit der einzigen Ausnahme Portugals jedes europäische Land bereist zu haben25. Er veröffentlichte Reiseberichte und Militärhistorisches in der Zeitschrift der Londoner Royal Geographical Society26 und wurde 1858 korrespondierendes Mitglied der Wiener Geographischen Gesellschaft27. Seit 1856 lebte er zumeist in Wien, weil sein Adoptivsohn Carlos dort die Offiziersausbildung begonnen hatte. Sichtlich band sich Jochmus, der bereits im November 1849 für sein Wirken als Reichsminister den österreichischen Leopolds-Orden erhalten hatte28, in diesen Jahren zusehends enger an den österreichischen Staat. Der Österreichisch-sardinische Krieg von 1859 bot eine erste Gelegenheit, bei der die Aufnahme Jochmus’ in die österreichische Armee als Feldmarschallleutnant beabsichtigt war, was jedoch vor dem raschen Ende des Kriegs nicht mehr vollzogen wurde.

Zu Anfang des folgenden Jahres wurde Jochmus in den österreichischen Adel als „Freiherr Jochmus von Cotignola“ erhoben. Das italienisch klingende Adelsprädikat hatte er selbst ausgewählt – wie aus Notizen in seinem Nachlass hervorgeht, hatte er im Vorfeld der Adelserhebung intensive genealogische Nachforschungen angestellt und insbesondere die gewagte Behauptung zu erhärten versucht, die Familie Jochmus (welche nach eigener Überlieferung aus Böhmen nach Norddeutschland gekommen war) stamme von italienischen Adeligen ab und sei insbesondere mit den Sforza-Herzögen von Mailand verwandt, unter deren Ahnen er einen „Giacomuzzo“ ausgemacht hatte29. In seine an die österreichischen Behörden eingereichten Papiere hatte er diese eher hanebüchenen Kombinationen letztlich nicht aufgenommen, sondern nur jenes „Cotignola“, das ihm als Besitzung der Sforza-Ahnen untergekommen war, wohl ohne Erläuterung der Hintergründe vorgebracht30. Diese an sich recht belanglose Episode wirft vielleicht einiges Licht darauf, was einem Mann mit einem so abenteuerlichen bisherigen Lebensweg alles als möglich erscheinen konnte: Wer es von Hamburg über Griechenland, Spanien, Syrien und Konstantinopel bis Frankfurt und Wien gebracht hatte, englischer Offizier, osmanischer Pascha und deutscher Reichsminister gewesen war, sich Freund und Briefpartner eines britischen Ministers, eines österreichischen Erzherzogs, aber auch russischer Adliger und Diplomaten nennen konnte, warum sollte der nicht auch mit italienischen Dynasten verwandt sein?

Für seine letzte Lebensphase scheint sich Jochmus allerdings vorbehaltlos Österreich verschrieben zu haben. In einer Denkschrift an Carlos von 1864 äußerte er sich höchst verbittert über die Entwicklungen in Deutschland seit 1849 und wollte mit der Vorstellung eines deutschen Staates nichts mehr zu tun haben: „[...] als im Jahre 1859 Deutschland sich selbst aufgab, ‘indem es Oesterreich verließ’, habe ich mich besitzlich und staatsrechtlich unverweilt, nach ernstester Erwägung von Deutschland losgesagt. Die höchste Lebensbedingung der Staaten, wie der Individuen ist die Ehre. Mein Entschluß ist gerechtfertigt worden [...] ‘Die deutsche Frage’ – sagte hingegen vor wenigen Wochen, bei Eröffnung des Reichsrath der Abgeordneten deren Präsident Ritter von Hasner – ‘ist die Nichtigkeits-Beschwerde gegen den verlorenen Proceß der Weltgeschichte’. – Verloren in letzter Instanz 1859, denn es ist mindestens gegen die Wahrscheinlichkeits-Berechnung, daß eine spätere Generation den dummen Frevel der Gegenwärtigen wieder gutmachen könne. Dem Finis Poloniae steht das Finis Germaniae ‘als Gesammt-Nation’, historisch begründet, zur Seite. Hauptursachen beider Erscheinungen sind der Mangel an innerer Organisations-Fähigkeit und an Staatszwecks-Gemeinsamkeit gegenüber dem Auslande. Der deutsche Bund bildete weder eine einheitliche Nation, noch eine Regierung. Seinem Wesen nach war er ein Staaten-Verband ‘deutscher Völkerschaften’ und dieser ist durch den thatsächlichen, wenn auch nicht formellen, Bundesbruch Preußens 1859 zerrissen worden; denn die Zerklüftung von 1863 in Frankfurt am Main und von 1864 in Schleswig-Holstein sind nur ‘Folgen’ des ersten Bundesbruches.“31 Die Schuld sah Jochmus also unzweideutig bei Preußen – eine Haltung, die durchaus als logische Fortsetzung seines Wirkens von 1849 verstanden werden kann32.

Der Preußisch-österreichische Krieg von 1866 brachte ihm dann doch noch die Würde eines Feldmarschallleutnanten der österreichischen Streitkräfte; allerdings dauerte auch diesmal die Ernennung so lange, dass der Waffengang bereits entschieden war, bevor Jochmus aktiv werden konnte. Er zog sich danach aus dem öffentlichen Leben zurück und reiste 1870–71 nochmals um die Welt. Seine letzten Jahre verbrachte er, anscheinend von einer langwierigen Krankheit gezeichnet, bei seiner Schwester in Bamberg, wo er auch starb33.

Trotz des Vorhandenseins eines recht umfangreichen Nachlasses und der vier Bände gedruckter Schriften ist es nicht leicht, sich ein Bild von der Persönlichkeit Jochmus’ zu verschaffen. Er hat im Laufe seines Lebens eine außerordentliche Fülle von Rollen gespielt und sich in verschiedenen, zum Teil fast inkompatibel erscheinenden Milieus bewegt. Die Vorstellung, dass einmal sein weltumspannender Lebensweg jenseits des Bereichs der Miszelle quellengestützt aufgearbeitet werden könnte, ist zugleich verlockend und einschüchternd: Ersteres, weil dies Licht in viele Aspekte der Verflechtung Europas mit anderen Weltregionen, insbesondere dem heutigen Nahen Osten, zu bringen verspräche. Potentiale, aber auch Grenzen und Ambivalenzen des globalen wie des innereuropäischen Kulturkontakts im 19. Jahrhundert müssten an Jochmus sichtbar werden: Wie viel verstand er wirklich von den Menschen und Lebensweisen der Länder, die er teils als Beobachter und Forscher, teils und vor allem aber als Soldat im Dienste des Interventionismus europäischer Mächte bereiste? Hat er sich etwa die türkische oder arabische Sprache je angeeignet? Konnten Begegnungen in solchem Kontext für gegenseitiges Verständnis sorgen, oder führten sie eher zur weiteren Ausprägung von Abgrenzungen Europas gegen Außereuropa im wissenschaftlichen wie im politischen Diskurs? – Einschüchternd ist demgegenüber die Vorstellung, wie hoch die Ansprüche an die Bearbeitung einer Jochmus-Biographie wären, die nicht seinen eigenen retrospektiven Aussagen verpflichtet bliebe, sondern seinen diversen Lebensstationen an Ort und Stelle archivalisch nachginge. Die Zahl der zu bereisenden Länder und Institutionen, die verschiedenen zu beherrschenden Sprachen und Überlieferungszusammenhänge, wären von einer einzigen Person kaum oder gar nicht zu bewältigen. Dem kann natürlich auch im Rahmen unseres Eichstätter Projekts nicht abgeholfen werden. Wohl aber verspricht dieses, über die Tätigkeit Jochmus’ in jenem Jahr 1849 einiges bekannt zu machen, das bis jetzt in den Frankfurter Akten vergraben war.

 

  1. THOMAS, Georg Martin (Hrsg.): August von Jochmus’ Gesammelte Schriften, 4 Bde., Berlin 1883–1884.
  2. Ebd., Bd. 3, IX–XII.
  3. THOMAS, Georg Martin: Vorerinnerung des Herausgebers, in: THOMAS, Georg Martin (Hrsg.): August von Jochmus’ Gesammelte Schriften, Bd. 1: The Syrian War and the Decline of the Ottoman Empire 1840–1848 in Official and Confidential Reports, Documents, and Correspondences with Lord Palmerston, Lord Ponsonby, and the Turkish Authorities, Volume 1, Berlin 1883, VII–XXI, hier IX–XV.
  4. CRISTE, Oscar: Jochmus: August Freiherr J. von Cotignola, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 50, Leipzig 1905, 745–746.
  5. Vgl. etwa BERTSCH, Daniel: Anton Prokesch von Osten (1795–1876). Ein Diplomat Österreichs in Athen und an der Hohen Pforte. Beiträge zur Wahrnehmung des Orients im Europa des 19. Jahrhunderts (Südosteuropäische Arbeiten 123), München 2005, 104–105, mit Benutzung einer Quelle aus dem Nachlass Jochmus; GOREN, Haim: Dead Sea Level. Science, Exploration and Imperial Interests in the Near East, London 2011, 91–92, 97–98.
  6. THOMAS, Vorerinnerung, X; leicht abweichende Angaben bei CRISTE, Jochmus, 745.
  7. WEBSTER, Charles: The Foreign Policy of Palmerston 1830–1841. Britain, the Liberal Movement and the Eastern Question, 2 Bde., London 1951, hier Bd. 1, 450.
  8. Eine ausführliche Darstellung aus britischer Sicht bietet WEBSTER, Foreign Policy, Bd. 2, 619–776. Für neuere Bearbeitungen mit genauerem Eingehen auf die Ereignisse in der Levante vgl. FARAH, Caesar E.: The Politics of Interventionism in Ottoman Lebanon, 1830–1861, Oxford – London 2000, 30–51; KARSH, Efraim – KARSH, Inari: Empires of the Sand. The Struggle for Mastery in the Middle East, 1789–1923, Cambridge (Massachusetts) – London 1999, 36–41. Wichtige Aktenstücke finden sich bei HUREWITZ, Jacob Coleman: The Middle East and North Africa in World Politics. A Documentary Record, Bd. 1: European Expansion, 1535–1914, New Haven – London 1975, 267–279.
  9. Zu dieser vgl. GRUNER, Wolf D.: Der Deutsche Bund, die deutschen Verfassungsstaaten und die Rheinkrise von 1840. Überlegungen zur deutschen Dimension einer europäischen Krise, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 53 (1990) 51–78.
  10. Abdruck bei HUREWITZ, Middle East, Bd. 1, 279.
  11. CRISTE, Jochmus, 745. Ausgesprochen vage formulierte Jochmus selbst seine Darstellung des Abgangs: THOMAS (Hrsg.), Jochmus’ Schriften, Bd. 3, X.
  12. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana A II.
  13. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana A II Nr. 42, Menßhengen an Jochmus, 10. Mai 1849.
  14. Fürstlich Leiningensches Archiv Amorbach, Familienarchiv, Nachlass Fürst Karl zu Leiningen, Karton V, Denkschrift „Das Ministerium Wittgenstein“ (wohl von Alexander von Bally verfasst); vgl. JACOBI, Helmut: Die letzten Monate der provisorischen Zentralgewalt für Deutschland (März – Dezember 1849), Frankfurt am Main 1956, 105–110.
  15. PASTOR, Ludwig von: Leben des Freiherrn Max von Gagern 1810–1889. Ein Beitrag zur politischen und kirchlichen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Großenteils nach ungedruckten Quellen bearbeitet, Kempten – München 1912, 303.
  16. STÜVE, Gustav (Hrsg.): Briefwechsel zwischen Stüve und Detmold in den Jahren 1848 bis 1850 (Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens 13), Hannover – Leipzig 1903, 244: Detmold an Johann Karl Bertram Stüve, 4. Juli 1849.
  17. So, ohne nähere Begründung, JACOBI, Letzte Monate, 109.
  18. Zahlreiche dieser Briefe sind publiziert bei THOMAS (Hrsg.), Jochmus’ Schriften, Bd. 4.
  19. Zu dieser Auffassung gelangte bereits VALENTIN, Veit: Geschichte der deutschen Revolution von 1848–49, 2 Bde., Berlin 1930–1931, Bd. 2, 466.
  20. Vgl. die Korrespondenz und Akten bei THOMAS (Hrsg.), Jochmus’ Schriften, Bd. 3.
  21. Er ließ insgesamt vier Projekte in Form von Diagrammen lithographisch vervielfältigen und verbreiten. Exemplare finden sich in seinem eigenen Nachlass sowie in jenem von Karl zu Leiningen: Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana C II Nr. 5; Fürstlich Leiningensches Archiv Amorbach, Familienarchiv, Nachlass Fürst Karl zu Leiningen, Karton VI. Nur die Amorbacher Überlieferung kennend, gelangte Veit Valentin zu der irrigen Annahme, dass die Blätter von Fürst Leiningen herrühren müssten: VALENTIN, Revolution, Bd. 2, 468f., 671. Die Urheberschaft Jochmus’ geht jedoch aus seinen Bemerkungen dazu in Verbindung mit der Münchner Überlieferung ebenso hervor wie aus einem Begleitschreiben zu einer Sendung von Exemplaren der Blätter an Arnold Duckwitz: Staatsarchiv Bremen, 7,183: Nachlass Arnold Duckwitz, Mappe 6, Jochmus an Duckwitz, 19. Dezember 1849.
  22. Eine im Dezember 1849 vorgelegte Übersicht weist für die Flotte eine faktische Mannschaft von 921 Mann bei einer Sollstärke von 1503 Mann aus: BArch, DB 52/16, fol. 91. Hinzu kommt das zivile Personal im Ministerium. Zur deutschen Kriegsmarine von 1848/49 vgl. BÄR, Maximilian: Die deutsche Flotte von 1848–1852. Nach den Akten der Staatsarchive zu Berlin und Hannover dargestellt, Leipzig 1898; HUBATSCH, Walther – BERNARTZ, Hanswilly – FRIEDLAND, Klaus – GALPERIN, Peter – HEINSIUS, Paul u. a.: Die erste deutsche Flotte 1848–1853 (Schriftenreihe des Deutschen Marine-Instituts 1), Herford – Bonn 1981; MOLTMANN, Günter: Die deutsche Flotte von 1848/49 im historisch-politischen Kontext, in: RAHN, Werner (Hrsg.): Die deutsche Flotte im Spannungsfeld der Politik 1848–1985. Vorträge und Diskussionen der 25. Historisch-Taktischen Tagung der Flotte 1985 (Schriftenreihe des Deutschen Marine-Instituts 9), Herford 1985, 21–41; PETTER, Wolfgang: Programmierter Untergang. Die Fehlrüstung der deutschen Flotte von 1848, in: MESSERSCHMIDT, Manfred – MEIER, Klaus A. – RAHN, Werner – THOSS, Bruno (Hrsg.): Militärgeschichte. Probleme – Thesen – Wege (Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte 25), Stuttgart 1982, 150–170.
  23. STOLZ, Gerd: Die schleswig-holsteinische Erhebung. Die nationale Auseinandersetzung in und um Schleswig-Holstein von 1848/51, Husum 1996, 121–125.
  24. Jochmus teilte ein umfangreiches Dossier an Akten und Schriftverkehr in dieser Angelegenheit als Zirkularschreiben den Bevollmächtigten sämtlicher deutschen Staaten bei der Zentralgewalt mit, um die Unterstützung ihrer Regierungen für die Position der Zentralgewalt anzurufen: BArch, DB 52/15, fol. 5–27.
  25. THOMAS (Hrsg.), Jochmus’ Schriften, Bd. 3, XI.
  26. JOCHMUS, August Giacomo: Notes on a Journay into the Balkan, or Mount Haemus, in 1847, in: The Journal of the Royal Geographical Society 24 (1854) 36–85; JOCHMUS, August Giacomo: Commentaries (Written in 1830 and 1834.) 1. On the Expedition of Philip of Macedon against Thermus and Sparta; 2. On the Military Operations of Brennus and the Gauls against Thermopylae and Aetolia; 3. On the Battle of Marathon etc.; 4. On the Battle of Sellasia, and the Strategic Movements of the Generals of Antiquity between Tegea, Caryae, and Sparta, in: The Journal of the Royal Geographical Society 27 (1857) 1–53; JOCHMUS, August Giacomo: On the Battles of Sellasia, Marathon, and Thermus, in: Proceedings of the Royal Geographical Society of London 1 (1857) 481–483.
  27. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana A II Nr. 49–50.
  28. Vgl. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana A II Nr. 45.
  29. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana A II Nr. 79. Die Säule im Familienwappen bot zu weiteren Spekulationen in Richtung einer Verwandtschaft mit den Colonna Anlass.
  30. Österreichisches Staatsarchiv Wien, Allgemeines Verwaltungsarchiv, Adel HAA AR, Karton 210.
  31. Bayerische Staatsbibliothek München, Jochmusiana C II Nr. 5.
  32. Nach THOMAS, Vorerinnerung, XV, soll Jochmus dennoch 1871 bei der Schaffung des Wilhelminischen Reiches Genugtuung empfunden haben: „[...] das hohe, stolze Gefühl, ein Deutscher zu sein, trat nun auch bei Jochmus voll in seine Rechte ein“. Sofern dies keine – nach damaligem Empfinden – Behübschung durch den Herausgeber der (in Berlin erschienenen) Schriften Jochmus’ ist, wäre es ein weiterer Beleg für die außerordentliche Wandelbarkeit seiner Einstellungen.
  33. CRISTE, Jochmus, 746; THOMAS, Vorerinnerung, XV.

 

 

Quelle: http://achtundvierzig.hypotheses.org/201

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Wie global ist eigentlich global? Oder: Weltbeziehungen, Region, Peripherie

 

Ich betreibe ja Mikrogeschichte. Vergleichend, immerhin (darüber gibt’s demnächst auch mal was). Aber der Fokus liegt auf sehr kleinen Räumen/sozialen Gruppen, eben auf ländlichen Gemeinden, Dörfern. In meinem Fall: so um 1000 Einwohner. Das ist möglicherweise unmodisch. Denn besonders attraktiv wirken ja die großen Ansätze, am besten direkt Globalgeschichte. Das verkauft sich gut, hat was Exotisches und muss sich garantiert nicht fragen lassen, „wie repräsentativ“ das Ganze denn nun sei.

Nun kann man allerdings fragen, wie weit eigentlich die Ansätze von Globalgeschichte und Mikrogeschichte auseinanderliegen – im Zweifel sehr weit. Aber muss das so sein? Nicht erst seit meiner Rezension zum Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2012: Im Kleinen das Große suchen (erscheint hoffentlich bald in der ZfG) denke ich über das Verhältnis von Mikro- und Makrogeschichte nach. Und da ich das ja nicht komplett alleine machen muss, es ganz im Gegenteil viele andere Menschen gibt, die sich auch so ihre Gedanken dazu machen, werde ich in den nächsten Wochen immer wieder Texte diskutieren, die sich dieses Problems annehmen.

Den Auftakt mache ich heute mit einem aktuellen Aufsatz von Johannes Paulmann, erschienen in der letzten HZ und direkt von mir markiert als „muss ich lesen“ (passiert inzwischen häufiger – wer hat sich verändert, die HZ oder ich?).

Worum geht’s? Paulmann versucht, Ansätze der Regionalgeschichte aufzubrechen und in globale Kontexte zu stellen. Er diskutiert unterschiedliche methodische Ansätze und Diskussionen, vor allem solche, die den Konstruktionscharakter von Regionen herausstellen. Statt also von einem gegebenen Territorium auszugehen, wie es die Landesgeschichte lange gemacht hat, soll der Blick darauf gelenkt werden, wie die verschiedensten Akteure an der Konstruktion und Veränderung von Regionen (Regionsvorstellungen und –bezügen) beteiligt sind.

Bei diesem konstruktivistischen Charakter bleibt er aber nicht stehen, sondern betont abseits der Stabilisierung von Regionen deren Verflechtungen und Grenzüberschreitungen. Er greift das Konzept von Translokalität auf und erweitert es zu einem Werkzeug für die Regionalgeschichte: „Transregionalität“ greift also den grenzüberschreitenden Charakter globaler Bezüge auf, ohne die „Region“ als Ausgangspunkt der Interaktion vorauszusetzen. Region entsteht vielmehr auch in dieser Grenzüberschreitung globaler Art.

Dieses Konzept von Transregionalität erprobt Paulmann nun am Beispiel des Südwestens Deutschlands, also letztlich des heutigen Baden-Württembergs bis ins 19. Jahrhundert zurückprojiziert. Anhand von „Welt-Läufern“ (Reisenden und (Re-)Migrierenden) und Institutionen der globalen Wissenserzeugung und Zirkulation (von Völkerkundemuseen bis hin zu alternativen Informationszentren zur „Dritten Welt“) untersucht er, welche Vorstellungen von Region sich in solchen (hierarchischen!) Beziehungen zur „Welt“ niederschlugen und verfestigten, aber auch aufgebrochen wurden.

Über den Aufsatz kann man insgesamt sicher viel diskutieren – etwa, inwieweit gerade der „Südwesten“ ein geeigneter Untersuchungsraum ist, da die Schwierigkeit doch darin besteht, dass er kaum als „Geschichtsregion“ wahrgenommen wird, als Identitätsraum mit historischer Tiefenwirkung also. Oder warum die Weltbeziehungen in erster Linie solche in die südliche Hemisphäre sind, ob die „Welt“ nicht noch mehr ist.

Da aber Paulmann den Aufsatz vor allem als Forschungsaufriss nutzt, um zu zeigen, in welcher Form regionale Ansätze global eingebettet werden können, sind diese Fragen zwar natürlich wichtig, sollten aber nicht als Fundamentalkritik verstanden werden.

Im Gegenteil, ich glaube, dass diese Form der „Beziehungsforschung“ eine interessante Facette regionalhistorischen Arbeitens (und auch globalhistorischen Arbeitens) umreißt, die meiner Meinung nach noch zu wenig beachtet wird, nämlich die Verknüpfung von lokalen Praktiken und „Welt“. Oder, um mit Bruno Latour zu sprechen: „Auch ein großes Netz bleibt in allen Punkten lokal“ (Latour S. 155). Global ist eine Perspektive, keine Seins-Beschreibung. Bleibt man im Konkreten, sind globale Beziehungen lokale Vernetzungspraktiken.

Diese Perspektive ermöglicht es, sehr unterschiedliche Akteure in ihren Praktiken sichtbar zu machen – nicht nur „die“ Politik, „den“ Imperialismus oder „den“ Kapitalismus. Dabei bleibt es aber meiner Meinung nach eine wichtige Aufgabe, die Verkettung dieser Praktiken ebenso sichtbar zu machen – nicht nur einfach alles in einer Menge von Kleinstpraktiken aufzulösen, sondern die Netze dahinter zu rekonstruieren (Latour lässt grüßen), die Zusammenhänge und Machtgeflechte,

So interessant ich den Aufsatz finde, so bleiben trotzdem Fragen. Vielleicht ist das aber auch gerade ein Zeichen dafür, wie weiterführend ich die Idee der Weltbeziehungen finde, als Art und Weise, Fragen zu stellen.

Das ist erstens das Problem der Konstituierung von Regionen. Im Aufsatz von Paulmann geht mir das manchmal zu schnell, die Institutionen und Personen werden in einem Raum situiert, als Beispiel für Weltbeziehungen des Südwestens. Nicht in allen Fällen ist nachweisbar, wie sie an der Regionsbildung selbst teilhaben (etwa: beim Freiburger Informationsdienst Dritte Welt). Wie kann man diese Region wirklich in ihrem Konstruktionscharakter verdeutlichen, und wann ist eine Region etwas „relativ“ Verfestigtes?

Zweitens, davon ausgehend: Warum handelt es sich, so Paulmann, um Transregionalität und nicht um Translokalität? In vielen Fällen sind es sehr punktuelle Praktiken der Raumbeziehung, eine wichtige Rolle spielen konkrete Orte, etwa Stuttgart oder auch die Gemeinde Korntal. Kann man diese Punkte wirklich in einer Fläche aufheben? Wenn ja, wie?

Und schließlich ist die Region hier sehr stark von Punkten, im Zweifel sogar von Zentren her gedacht, noch dazu (häufig, bei den Weltläufern nicht immer) von sozialen Eliten. Das liegt natürlich auf der Hand, weil die Städte und die bürgerlichen Akteure wichtige Ausgangspunkte der offensiven Herstellung von Weltbeziehungen waren. Was aber machen wir eigentlich mit den Orten jenseits der (regionalen) Zentren? Gibt es dort Weltbeziehungen? Rechnen wir einfach die Weltbeziehungen der Städte auf die Regionen hoch? Oder müssen wir von einer punktuellen Globalität des 19. und 20. Jahrhunderts ausgehen, aus denen beispielsweise ländliche Gesellschaften ausgeklammert waren?

Die Perspektive für mich ist natürlich: Welche Formen von Weltbeziehungen bildeten eigentlich ländliche Akteure aus? Welche „Welt“ meinten sie, und wie veränderte sich das? Und: Wie kann ich diese Weltbeziehungen jenseits eigener Migration oder dominanter Institutionen wie Völkerkundemuseen sichtbar machen? Oder muss ich dann bereits die Segel streichen und sagen: Provinz blieb Provinz und der eigene Kirchturm das Zentrum der eng begrenzten dörflichen Welt?

Ich glaube ja, dass die Vernetzung und die Herstellung von Weltbeziehungen analysierbar ist. Die Frage ist nur: Was war die Welt? Möglicherweise endete sie in München. Oder in Rom. Oder in St. Louis (dazu auch bald mehr). Auszuschließen ist das nicht. Ich werde berichten.

Paulmann, Johannes: Regionen und Welten. Arenen und Akteure regionaler Weltbeziehungen seit dem 19. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift 296 (2013), S. 660-699.

Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Franfurt/Main 2008 [frz. Original 1991].

 

 

Quelle: http://uegg.hypotheses.org/79

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Schweiz: Kolonialismus ohne Kolonien?

Es wird Zeit, dass sich die Schweiz ihren kolonialen Verstrickungen und den daraus hervorgegangenen Bildern und Denkmustern stellt. Das ist der Tenor der Forschungen einiger jüngerer kritischer Historiker_innen und Ethnolog_nnen. Besprechung von drei Büchern zum Thema in der linksliberalen schweizerischen Wochenzeitung vom 30. Mai 2013.


Einsortiert unter:Ereignis, Erfahrungen, Erinnerung, Geschichtspolitik, Globalgeschichte, Historiker, Kolonialismus, Literatur, Museum

Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2013/06/22/schweiz-kolonialismus-ohne-kolonien/

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Neue Wege statt der “staubigen Straße der Chronologie” | Entwurf Kernlehrplan Geschichte für die Sek II NRW erschienen

Der neue Kernlehrplan Geschichte für die Sekundarstufe II NRW in der Entwurfsfassung für die Verbändebeteiligung ist seit letzter Woche veröffentlicht. In den Abiturjahrgängen seit 2007 waren in NRW die jährlich neu aufgelegten Vorgaben für das Zentralabitur maßgeblich, die für die beiden Qualifikationsjahrgänge (in G8: Stufe 11 und 12) einen chronologischen, stark auf deutsche Nationalgeschichte verengten Durchlauf durch das 19. und 20. Jahrhundert vorsahen. Die bisherigen Zentralabiturvorgaben standen vielfach in der Kritik, entsprechend hoch sind die Erwartungen an den ersten Kernlehrplan für die Oberstufe. Besonders die Schulbuchverlage scharrten schon mit den Hufen: Wie weitreichend verändert sich das Inhaltsprofil des Geschichtsunterrichts in der Oberstufe im bevölkerungsreichsten Bundesland? Die Antwort heißt: Der neue Kernlehrplan wird den Schulbuchautoren viel Arbeit bescheren, denn es soll sich einiges ändern. Ein kurzer Überblick:

Dem neuen Kernlehrplan liegt dasselbe Kompetenzmodell für alle Gesellschaftswissenschaften wie auch schon beim Kernlehrplan für die Sek I zugrunde (Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenzen), das unter politikdidaktischer Domäne entstanden und nicht ganz passend zu den geschichtsdidaktischen Kompetenzmodellen ist. Besonders die „Handlungskompetenz“ mit dem Ziel „Prozesse und Ergebnisse historischen Denkens lebensweltlich wirksam werden zu lassen“ (S. 14) scheint in geschichtsdidaktischer Hinsicht nicht ganz unproblematisch. Wie bereits beim KLP Sek I klingt im einführenden Absatz „Aufgaben und Ziele des Faches“ ansonsten stark das FUER-Modell (Waltraud Schreiber u.a.) durch, wenn beispielsweise auf die Operationalisierung historischen Denkens als Rekonstruktion von Vergangenheit und Dekonstruktion von Geschichte Bezug genommen wird (S. 9). Beim Kompetenzbegriff also (mit Blick auf den KLP Sek I) nicht viel Neues.

Ganz anders bei den Inhaltsfeldern: Gemessen an der „staubigen Straße der Chronologie“ (Reinhart Koselleck), die bislang in NRW in Sek I und Sek II gleich zweifach beschritten werden musste, ist die Benennung der sieben neuen Inhaltsfelder (1 bis 3 in der Einführungsphase 10, 4 und 5 in der Qualifikationsphase 11, 6 und 7 in der Qualifikationsphase 12) überaus bemerkenswert:

1 | Erfahrung mit Fremdsein in weltgeschichtlicher Perspektive

2 |  Islamische Welt – christliche Welt: Begegnung zweier Kulturen in Mittelalter und früher Neuzeit

3 |  Die Menschenrechte in historischer Perspektive

4 | Die moderne Industriegesellschaft zwischen Fortschritt und Krise

5 | Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen

6| Nationalismus, Nationalstaat und deutsche Identität im 19. und 20. Jahrhundert

7 | Friedensschlüsse und Ordnungen des Friedens in der Moderne

Drei Auffälligkeiten:

  • Mit den neuen Inhaltsfeldern werden hauptsächlich themenorientierte, diachrone (Längsschnitt‑) Zugänge zur Geschichte eröffnet, die viel stärker Zusammenhänge und Beziehungen deutlich machen sollen und können. Beispielsweise reichen die Themen zu Aspekten der Selbst- und Fremdwahrnehmung im Inhaltsfeld 1 von der Antike (Konstruktcharakter der Bezeichnung „Römer“ oder „Germane“) über Mittelalter (christliche Mehrheit, jüdische Minderheit) und frühe Neuzeit (Entdeckungsfahrten) bis zu den Folgen der Arbeitsmigration ins Ruhrgebiet – oder im Inhaltsfeld 7 Friedensschlüsse vom Dreißigjährigen Krieg über die napoleonischen Kriege hin zu beiden Weltkriegen.
  • Die Inhaltsfelder markieren eine deutliche Abkehr der bisherigen Engführung bezogen auf deutsche Geschichte (nur Inhaltsfeld 5 und 6 verfolgen hauptsächlich diesen Fokus) hin auch zu globalgeschichtlichen Aspekten und solchen, die historische Beziehungen zwischen Ländern und Räumen deutlich werden lassen. Insbesondere Themenschwerpunkte wie Fremdsein, Menschrechte und Friedensschlüsse eignen sich für Fremdverstehen, interkulturelles Lernen, Multiperspektivität und das Einbringen von Gegenwartsbezügen. Es wäre wünschenswert, dass die Freiräume, die der Kernlehrplan gibt, tatsächlich dazu genutzt werden, stärker auch gesamteuropäische Perspektiven und zugleich außereuropäische Räume vermehrt einzubeziehen.
  • Mit einem Schwerpunkt auf politikgeschichtliche Aspekte werden dennoch sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte stärker betont als bisher. Eine solche Hinwendung – auch zu Aspekten der Geschichtskultur – spiegelt die Ausdifferenzierung der Geschichtswissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten wider und war somit überfällig.

Im hinteren Teil des Kernlehrplans werden einzelne Aspekte der Inhaltsfelder in konkrete Kompetenzanforderungen übersetzt, wobei sich erst in der Anwendung in Unterrichtsplanungen erweisen wird, wie hilfreich diese Vorschläge sind (beim KLP Sek I waren sie es nicht immer). Offen bleibt zunächst auch die (für die bisherige Unterrichtspraxis in der Qualifikationsphase oft wesentliche) Frage, zu welchen inhaltlichen Schwerpunkten in Zukunft Zentralabiturklausuren gestellt werden; dies wird man aber frühestens 2016 sehen. Übrigens werden die Operatoren ersetzt in einer neuen, gebündelten Übersicht „Überprüfungsformen“.

Das Konzept der Inhaltsfelder ist innovativ und die grundsätzliche Frage: themenorientierter oder chronologischer Geschichtsunterricht? wird eindeutig beantwortet. Die Verbändebeteiligung bis Mai 2013 wird zeigen, ob und wie sich der Vorschlag behaupten kann.

 

empfohlene Zitierweise    Pallaske, Christoph (2013): Neue Wege statt der “staubigen Straße der Chronologie” | Entwurf Kernlehrplan Geschichte für die Sek II NRW erschienen. In: Historisch denken | Geschichte machen | Blog von Christoph Pallaske, vom 26.3.2013. Abrufbar unter URL: http://historischdenken.hypotheses.org/1616, vom [Datum des Abrufs].

Quelle: http://historischdenken.hypotheses.org/1616

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Kolonialismus im Deutschen Historischen Museum – ein kritischer Audioguide

[UPDATE] Bericht in der taz, Berlin-Teil am 4.3. 2013: Eine Gruppe junger Wissenschaftlerinnen wirft dem Deutschen Historischen Museum vor, die koloniale Vergangenheit auszublenden – und bietet dafür einen alternativen Audioguide an

Was wissen wir über die deutsche Kolonialvergangenheit? Was hat Kolonialismus mit deutscher Geschichte zu tun? Welche Auswirkungen hatte und hat er noch heute auf die deutsche Gesellschaft? Über die gewaltvolle Geschichte des deutschen Kolonialismus wird in der deutschen Gesellschaft kaum diskutiert. Auch im Deutschen Historischen Museum in Berlin bleibt sie bestenfalls eine Randnotiz. In einer Glasvitrine abseits der historischen Erzählung über das Kaiserreich sollen sich Betrachterinnen und Betrachter mittels eines Sammelsuriums kolonialer Artefakte ein Bild von der kolonialen Vergangenheit machen. Auf diese Weise wird die Kolonialgeschichte von allen anderen Entwicklungen abgetrennt, die in der Ausstellung dargestellt werden – als gäbe es zwischen Kolonialismus und Populärkultur, Reichstagsdebatten oder Wissenschaften keinen Zusammenhang.

Der von der Initiative „Kolonialismus im Kasten?“ unabhängig vom DHM konzipierte und produzierte Audioguide, der ab sofort im Internet zum Herunterladen zur Verfügung steht, setzt sich kritisch mit dieser Art von Darstellung „nationaler“ Geschichte auseinander. In 30 Hörstücken verknüpft er den deutschen Kolonialismus mit den in der Dauerausstellung präsentierten Themen und Objekten – von der Reichsgründung über Arbeitskämpfe bis hin zur Populärkultur und Geschlechterpolitik. Dabei erzählt er Geschichten von kolonialer Gewalt, Rassismus und wirtschaftlicher Ausbeutung, aber auch von Selbstbehauptung und erbittertem Widerstand.

In Kooperation mit der Werkstatt der Kulturen lädt die Initiative „Kolonialismus im Kasten?“ zur Präsentation des Audioguides und zum feierlichen Launch ihrer Website ein.

Mit Hörbeispielen und Bildern werden die fünf Historikerinnen der nationalen Kolonialvergessenheit und -verklärung eine audiovisuelle Kritik entgegensetzen. Im Anschluss kann bei Sekt und Musik weiter diskutiert werden. Mit Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek und Kristin Weber von „Kolonialismus im Kasten?“ Sprecher und Sprecherinnen (Audioguide): Salome Dastmalchi, Patrick Khatami und Lara-Sophie Milagro

Samstag, 2. März 2013 um 18 Uhr im Foyer der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstr. 32, 12049 Berlin-Neukölln. Eintritt fre.

Der Audioguide ist kostenlos von der Webseite www.kolonialismusimkasten.de herunterzuladen bzw. zu streamen und lässt sich auf MP3-Player und Smartphone abspielen.| kolonialismusimkasten@gmail.com


Einsortiert unter:Aktion, Erinnerung, Geschichtspolitik, Globalgeschichte, Kolonialismus, Vermittlung

Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2013/02/20/kolonialismus-im-deutschen-historischen-museum-ein-kritischer-audioguide/

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Drei hochaktuelle Grundlagenwerke für die Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Sollte es nicht doch einen gewissen Kanon von Büchern geben, die alle Menschen, die mit Geschichte arbeiten, irgendwie kennen müssen? Das ist manchen sicher zu apodiktisch. Dennoch glaube ich, dass man so etwas brauchen kann. Damit sich alle auf etwas positiv wie negativ beziehen können. Wie umfangreich wäre dann so eine Kanon? Keine Ahnung. Diese drei Bücher aus dem Bereich Politik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte gehören für mich auf jeden Fall dazu. Alle drei beschäftigen sich auf ihre Weise mit der Formation von Gesellschaften.

wallerstein_IVImmanuel Wallerstein: Der Siegeszug des Liberalismus (1789-1914). Das moderne Weltsystem IV. Wien 2012.

Dieses 2011 geschriebene Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, steht nur stellvertretend für das ganze Hauptwerk Wallersteins: Das moderne Weltsystem. Wallersteins Weltsystemanalysen sind nicht nur für Globalhistoriker/innen wichtig. Auch für lokale Studien ist es von Bedeutung, den Horizont mit Wallerstein zu weiten und Vorgänge vor Ort in größere Veränderungsprozesse einzubetten.

Denn Wallerstein sieht die Geschichte des modernen Weltsystems von zwei großen Zyklen bestimmt: Kondtratjew-Zyklen mit einer Dauer von 50 bis 60 Jahren und länger andauernden Zyklen des Aufstiegs und Falls von Hegemonialmächten. Zu diesem Ansatz kommen weitere Themen dazu: Der Entwicklung von Zentren und Peripherien, sowie die jeweiligen Klassenkämpfe, von denen dieses Veränderungen ausgehen.

Wallersteins Thesen sind im Detail streitbar, aber er eröffnet immer wieder neue Sichtweisen, wie zum Beispiel die Interpretation der Französischen Revolution als letzten Versuch, England in der Auseinandersetzung um die Stellung als Hegemonialmacht zu besiegen und als erste “antisystemische”, antikapitalistische Revolution des modernen Weltsystems, die jedoch scheiterte.

In Band vier geht es um den Triumph des Liberalismus im 19. Jahrhundert, den zentristischen Liberalismus als Ideologie, über den liberalen Staat und seine Klassenwidersprüche. Thema sind außerdem die Bürger im liberalen Staat und der Liberalismus als Sozialwissenschaft. Das Buch könnte angesichts des gegenwärtigen neoliberalen Dogmas nicht aktueller sein. So räumt Wallerstein unter anderem mit der Vorstellung auf, dass der Liberalismus je eine Metastrategie gegen den gegen den Staat gewesen sei, er strebte nicht einmal den sogenannten Nachtwächterstaat an und stand auch nicht zum Laissez-faire:

Liberalismus war letztendlich immer die Ideologie des starken Staates im Schafspelz des Individualismus, oder genauer gesagt, die Ideologie eines starken Staates als einzig möglichen Garant des Individualismus.

Wallerstein spielt mit der Idee, dass es seit 1789 nur eine einzige wahre Ideologie gegeben habe, die des dieser zentristischen Liberalismus, die in unterschiedlichen Spielarten auch von den anderen beiden politischen Grundströmungen, dem Konservatismus und dem Sozialismus, geteilt wurde. Zumindest konnten sich die anderen Strömungen nicht erfolgreich gegen diese Ideologie positionieren. Hierzu bringt Wallerstein viel Material. Das ist sehr lesenswert und diskussionswürdig.


polanyi transformationKarl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Orig. 1944. Diverse Auflagen

Eine Ergänzung zu Wallerstein ist dieses Buch; ein Klassiker und bereits 1944 erschienen. Trotzdem kennen es viel zu wenige. Karl Polanyi, einer der bedeutendsten Wirtschafts- und Sozialhistoriker des 20. Jahrhunderts, wird aber innerhalb des Fachs kaum wahrgenommen. Dabei ist schon sein Lebensweg als undogmatischer sozialistischer Wissenschaftler im Spannungsfeld zwischen den sozialistischen Idealen des „roten Wiens“ und den Erfahrungen der beiden Weltkriege und des Aufstiegs des Faschismus eine nähere Beschäftigung wert.

Auf die Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts antwortet Polanyi mit einer originellen wie einleuchtenden Analyse des Zusammenbruchs der “Zivilisation des 19. Jahrhunderts” – The Great Transformation.

Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Frage, wie es denn sein kann, dass im 19. Jahrhundert zwischen den Großmächten ein beinahe 100-jähriger Frieden herrschte.

Wir haben uns allzusehr daran gewöhnt, die Ausbreitung des Kapitalismus des Kapitalismus als einen alles anderen als friedlichen Prozeß zu betrachten, und das Finanzkapital als den Hauptanstifter zahlloser Kolonialverbrechen und expansionistischer Aggressionen. […] Die Geschäfts- und Finanzwelt waren in der Tat für viele Kolonialkriege verantwortlich, aber auch für die Tatsache, dass ein allgemeiner Krieg vermieden wurde. […] Fast jeder Krieg war das Werk der Financiers, aber auch der Friede war ihr Werk.

Polanyi rechtfertigt nicht, sondern möchte einen nüchternen Blick. Das selbstregulierende Marktsystem des 19. Jahrhunderts hatte Institutionen, die es im Zaum hielten. Hierzu arbeitet er unter anderem die widersprüchliche Funktion der Hochfinanz heraus. Er untersucht das 19. Jahrhundert intensiver und kommt zum Schluss, dass die Welt des 19. Jahrhunderts auf vier Einrichtungen beruhte: Dem System des Kräftegleichgewichts, den internationalen Goldstandard, den selbstregulierenden Markt und den liberalen Staat. Polanyi weiß natürlich um die Probleme dieser Vereinfachung. Aber er reduziert seine Analysen bewusst auf die von ihm ausgewählten Themen, um zu zeigen, dass der Zusammenbruch dieses Systems in ihm selbst angelegt war.

Es gab eine „Doppelbewegung“, die ein sich selbst regulierendes Marktsystem und Institutionen zum Schutz vor den Gefahren dieses Systems hervorbrachte. Letztere verloren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Einfluss. Eine Ursache für zwei Weltkriege. Doch konnte es für Karl Polanyi kein Zurück in das System des 19. Jahrhunderts geben, sondern nur ein Darüberhinaus. Deswegen kritisierte er unter anderem Roosevelts zurückhaltende Politik des „New Deal“: Ein organisatorischer Interventionismus ohne den gleichzeitigen Ausbau demokratischer Willensbildung führten von der Demokratie als stabilisierendes Steuerungselement weg. Man sollte das mit Blick auf den heutigen “Green Deal” noch einmal nachlesen.

Den Volkswirt Polanyi interessierte die Frage, wie eine andere Welt ganz konkret politisch und ökonomisch aussehen könnte. Dennoch musste er sich auf einer Metaebene mit den wichtigsten ideologische Grundideen des Liberalismus auseinandersetzen.

  • Mit der “krassen Ideologie” des selbstregulierenden Marktes, der die menschliche und natürliche Substanz des Menschen vernichten musste
  • und mit den zeitgenössischen Spekulationen über die „Natur“ des Menschen und über “natürliche” Wirtschaftssysteme, um nur die zwei wichtigsten zu nennen.

Die Auseinandersetzung über das Wesen des Menschen wurde in den 1930er und 1940er Jahren durch die Interpretation frühgeschichtlicher Funde und durch die kulturanthropologische Erforschung von „Naturvölkern“ neu befeuert. Insofern ist Polanyis Werk auch ein historisches Zeugnis seiner Zeit.

Es lohnt sich, mit Polanyi vertieft auseinanderzusetzen, weil sein Werk volkswirtschaftliche Grundlagen und historische Zugriffe vermittelt. The Great Transformation ist sehr dicht geschrieben und man merkt dem Werk an, dass hier Ideen zusammengeführt werden, die an anderer Stelle ausführlicher entwickelt wurden.

Seit ein paar Jahren sind diese Vorarbeiten verfügbar. Michele Cangiani und Claus Thomasberger haben im Metropolis Verlag die Aufsätze Polanyis in der dreibändigen Chronik der großen Transformation: Artikel und Aufsätze (1920-1945) herausgegeben. Polanyi entwickelt hier zum Beispiel konkrete Ansätze für eine sozialistische Organisation der Wirtschaft.

hoffmann handelnJürgen Hoffmann: Politisches Handeln und gesellschaftliche Struktur. Politische Soziologie der europäischen und der deutschen Geschichte. 3. Auflage 2009

Kein Historiker, sondern ein politischer Soziologe meldet sich hier zu Wort und das Buch ist eine sehr gute Einführung für Studierende ab dem dritten oder vierten Semester. Das Buch passt zu den beiden vorangehenden, weil es sich u.a. mit Strukturierungs- und Formierungsprozessen beschäftigt. Entstanden aus Manuskripten für eine Vorlesung zur Einführung in die politische Geschichte präsentiert Hoffmann einen sehr reizvollen Zugang, der nicht einfach historischen Stoff vermittelt, sondern auch zeigt, wie gesellschaftliche Strukturierungsprozesse vor allem in Deutschland abliefen und analysiert werden können.

Was wir hier haben, ist über weite Strecken ein Gegenentwurf zu Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte, der jedoch an vielen Stellen positiv aufgegriffen wird. Im Unterschied zu Wehler hat Hoffmann die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie gelesen und verstanden. Er bezieht sie in seine Analysen ein, ohne zu behaupten, dass damit schon alles getan sei. Hoffmann arbeitet darüber hinaus mit Handlungsanalysen von Anthony Giddens, mit Pierre Bourdieu und mit Arbeiten der in der Disziplin noch viel zu unbekannten Historikerin Heide Gerstenberger. Die Liste der verarbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist weitaus länger und offenbart den begrenzten Horizont einer auf Max Weber fixierten Sozialgeschichte, wie er von Wehler praktiziert wird.

Als Kind seiner Zeit ist der Text so auch immer auch eine Auseinandersetzung mit den geschichtspolitischen und geschichtswissenschaftlichen Hauptströmungen in der alten Bundesrepublik. In jedem Fall bekommen die Leserinnen und Leser ein gutes Arbeitsbuch in die Hand.

Alle drei Werke sind ergänzende Grundlagenwerke, die keinen Anspruch erheben, sämtliche Dimensionen menschliche Gesellschaft ausreichend beschrieben zu haben. Und alle drei bemühen sich um Zugriffe auf die Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte jenseits jeder Rechtfertigung der gegenwärtigen Verhältnisse.


Einsortiert unter:Globalgeschichte, Literatur, Sozialgeschichte

Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/12/30/drei-hochaktuelle-grundlagenwerke-fur-die-politik-wirtschafts-und-sozialgeschichte/

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