China-News: Yuan Shikai am Opfergelände des Himmels (1914/1915)

Das Opfergelände des Himmels (Tiāntán天壇) , in westlichen Darstellungen in der Regel vereinfachend und irreführend als “Altar des Himmels”/”Himmelsaltar” beziehungsweise “Himmelstempel” bezeichnet,[1] war der Ort, an dem die Kaiser drei der “großen Opfer” [dà sì 大祀] des Staatskultes vollzogen: im ersten Monat qígǔ 祈榖 ["Gebet für eine Reiche Ernte"], im vierten Monat yúsì 雩祀 ["Opfer der Bitte um Regen"] und im elften Monat dōngzhì 冬至 ["Wintersonnenwende"].[2] Das Ende der Qing-Dynastie 1912 bedeutete das Ende des Staatskults – und das Ende der Opferriten.

In den Machtkämpfen, die die ersten Jahre der Republik China kennzeichneten, griff Yuán Shìkǎi  袁世凱 (1859-1916), der seit 10.3.1912 Präsident der Republik war,  noch einmal auf die alten Rituale zurück[3] und vollzog am 23. Dezember 1914, zur Wintersonnenwende, die Opfer auf dem Opfergelände des Himmels.

Runder Hügel auf dem Opfergelände des Himmels, Beijing – Foto: Georg Lehner

Runder Hügel auf dem Opfergelände des Himmels, Beijing – Foto: Georg Lehner (2011)

Fast zwei Monate danach, im Februar 1915, finden  sich in österreichischen Lokal- und Regionalzeitungen kurze Artikel dazu, unter anderem ”Wie Jüanshikai dem Himmel opfert” in Der Arbeiterwille vom 9. Februar 1915[4] und “Juanshikkai als Hohepriester” in der Linzer Tages-Post vom 19. Februar[5]

Beide Artikel dürften auf einem Bericht der Daily News basieren, auf den in Der Arbeiterwille explizit verwiesen wird. Zur Bedeutung der Opfer heißt es in Der Arbeiterwille:

[...] Zum erstenmal in der Geschichte Chinas wurde dabei das heilige Opfer nicht von einem Kaiser dargebracht. Der Präsident bewies dadurch, daß er sich als den rechtmäßigen Nachfolger der chinesischen Herrschaft betrachtet. Der Präsident bewies dadurch, daß er sich als den rechtmäßigen Nachfolger der chinesischen Herrschaft betrachtet. Denn ein Machthaber, der im Himmelstempel die Opfer nach ritueller Sitte darbringt, ist für das chinesische Volk der Kaiser, da mit dem Himmelsopfer auf ihn das Ming[6] das Gottesgnadentum, übergeht.[7]

Die Überlegung, dass Yuán Shìkǎi mit der Vollziehung der Riten zur Wintersonnenwende seinen Herrschaftsanspruch demonstrieren (und legitimieren) wollte, passt zu Zeitungsmeldungen im Januar 1915, Yuán Shìkǎi habe ein Gesetz durchgebracht, das ihm das Präsidentenamt auf Lebenszeit sichern sollte.

Obwohl die alten Rituale befolgt wurden, gab es doch Unterschiede, die Der Arbeiterwille im Detail auflistet:

  • Yuán wäre “in einem Panzerautomobil” schnell gefahren, die Kaiser wören “zum Opferfest [...] stets in einem von Elefanten gezogenen Wagen langsam dahergefahren.”
  • “Der Präsident vollzog auch nicht den vorschriftsmäßigen Kotau, sondern verbeugte sich nur vor dem Altar, vor dem die Kaiser sich der Länge nach hingeworfen hatten.”
  • Auch bei der Vorbereitung hätte sich Yuán die Sache erleichtert: “Die Kaiser hatten auch stets [...] die ganze Nacht in einem neben dem Altar gelegenen Saal verbracht in tiefem Nachdenken und strengem Fasten [...]“. Yuán hingegen “war im ganzen nicht mehr als eine Stunde von seinem Palast abwesend.”[8]

Beide Berichte beschäftigen sich ausführlich mit den Sicherheitsvorkehrungen, die zum Schutz des Präsidenten notwendig waren:

Der erwählte Vertreter des Volkes, der es von der Mandschu-Herrschaft befreit hat, befindet sich täglich und stündlich in größter Lebensgefahr. [...] Der Präsident fürchtet die Rache der Jungchinesen, die auf alle erdenklichen Mittel sinnen, um ihn aus dem Wege zu räumen.[9]

Mit den hier angesprochenen “Jungchinesen” sind die Anhänger der Reformbewegung der 1890er und der Revolutionäre von 1911, die Yuán für einen Verräter hielten, der nur danach strebte, sein diktatorisches Regime zu festigen. Obwohl es Yüan sich schließlich selbst unter der Devise Hóngxiàn 洪憲 selbst zum “Kaiser des Kaiserreichs China” (Zhōnghuá Dìguó Dà Huángdì 中華帝國大皇帝) machte, blieben die Opfer zur Wintersonnenwende 1914 die letzten am Opfergelände des Himmels.

 

  1. S. dazu auch: Georg Lehner: “Das Opfergelände des Himmels und der konfuzianische Staatskult“. Zur Funktion der Opfergelände: Lei Gao/Jan Woudstra: “From landscape of gods to landscape of man: Imperial altars in Beijing.” In: Studies in the History of Gardens & Designed Landscapes Vol. 31 (2011) Nr. 4, 231-268 – DOI: 10.1080/14601176.2011.587279.
  2. H.S. Brunnert, V. V. Hagelstrom: Present Day Political Organization of China (Shanghai: Kelly & Walsh, 1911) 203 (no. 572) – Digitalisate → Bibliotheca Sinica 2.0.
  3. Zu den Gründen s. Peter Zarrow: “Political Ritual in the Early Repubic of China.” In: Kai-wing Chow; Kevin Michael Doak; Poshek Fu (eds.): Constructing nationhood in modern East Asia (Ann Arbor: University of Michigan Press, 2001) 149-188, speziell 151-153.
  4. Der Arbeiterwille Nr. 40 (9.2.1915) 6 f. – Online: ANNO.
  5. Tages-Post (Linz) Nr. 48 (19.2.1915) 3 – Online: ANNO.
  6. D.i. tiānmìng 天命 ["Mandat des Himmels"],
  7. Der Arbeiterwille Nr. 40 (9.2.1915) 6 – Online: ANNO.
  8. Der Arbeiterwille Nr. 40 (9.2.1915) 7. – Online: ANNO.
  9. Tages-Post (Linz) Nr. 48 (19.2.1915) 3 – Online: ANNO.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1838

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Das “Kiosque lorrain” – ein Beispiel für die Projekte zur Digitalisierung der französischen Regionalpresse (Mittwochstipp 50)

Eine ganze Reihe von Archiven, Bibliotheken und Mediatheken in Frankreich hat es sich zur Aufgabe gemacht, die französische Regionalpresse aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zu digitalisieren und online zugänglich zu machen. Als gelungenes Beispiel soll hier stellvertretend das … Weiterlesen

Quelle: http://francofil.hypotheses.org/2864

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China-News: “Das erste Theeschiff aus China” (1866)

Das Ende des Teehandelsmonopols der East India Company  eröffnete in den 1830er Jahren den Wettbewerb auf den Teehandelsrouten. Um die (besonders profitable) erste Teeladung der neuen Ernte nach Europa zu bringen, wurden nun kleinere und schnellere Schiffe, die sogenannten Teeklipper gebaut. Ab den 1850ern wurden für die erste Ladung einer Ernte, die London erreichte, Prämien ausgelobt. Die Rennen wurde zunächst über die “Shipping Intelligence”-Kolumnen der Tageszeitungen verfolgt. In den 1860ern wurden die Berichte in englischen Tageszeitungen immer umfangreicher, mit täglichen Berichten und zum Teil wilden Spekulationen, denn ‘echte’ Nachrichten waren spärlich.

Die Schiffe warteten in der Regel vor Fúzhōu 福州 auf die Ladung. Die übliche Route führte über das Südchinesische Meer durch die Sunda-Straße über den Indischen Ozean. Nach der Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung führte die Route mitten im Atlantik nach Norden bis zur Höhe der Azoren, dann ostwärts durch den Ärmelkanal und um das Kap der Guten Hoffnung in den Atlantik und durch den Ärmelkanal – insgesamt rund 14 000 Seemeilen (oder knapp 26 000 Kilometer). Die Angaben schwanken, die tatsächlichen Routen wurden den Windverhältnissen angepasst – und der Sieger im Great Tea Race of 1866 notierte rund 15 800 Seemeilen (29 260 km).[1]

Der Hype um die Teeklipper erreichte 1866 einen Höhepunkt, nicht zuletzt deshalb, weil hohe Wetten liefen. Ins Rennen von Fuzhou nach London gingen -  neben vielen anderen – fünf aussichtsreiche Kandidaten: Ariel (gebaut 1865[2]), Fiery Cross (gebaut 1860 und 1861, 1862, 1863 und 1865 Sieger im Teeclipper-Rennen[3]), Serica (gebaut 1863[4]), Taitsing (gebaut 1865[5]) und Taeping (gebaut 1863[6]).[7]

Taeping, Ariel und Serica verließen am 28. Mai 1866 die Ankerplätze in der Mündung des Mǐn Jiāng 閩江 und erreichten am 6. September die die Docks in London. Taeping lag 28 Minuten vor Ariel, Serica 75 Minuten nach Ariel, 28 Stunden danach folgte Fiery Cross und am folgenden Tag Taitsing.

Ariel 1866 track recropped.png
Ariel 1866 track recropped” by ThoughtIdRetired – track added from data in Lubbock, Basil (1919 reprinted 1981) The China Clippers, Glasgow: Brown, Son and Ferguson Ltd. ISBN: 0 85174 109 6.. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

Während englische Blätter mit Fortdauer des Rennens immer ausführlicher berichteten, wurde das Great Tea Race  in den Wiener Blättern eher als Kuriosum gesehen:

Eine neue Art von Sport macht gegenwärtig von sich reden. Es handelt sich nämlich um ein Wettrennen, dessen Bahn keine geringere sein soll, als der ganze Ozean. Die Renner sind die sämmtlichen Theeschiffe [...][8]

Über den Start der “Wettfahrt der Theeschiffe zwischen China und England” berichtete Das Vaterland am 23. Juni 1766  kurz:

Die große Wettfahrt der englischen Theeschiffe über den Ocean von China nach England hat so eben begonnen.
Zehn Schiffe gehen diesmal gleichzeitig von Hongkong (sic!) ab, wo starke Wetten gemacht wurden. Ein neues Schiff, „Ariel”, ist der Liebling, „Tanping”[9] und „das feurige Kreuz”[10]

Diese kurze Notiz erschien rund vier Wochen nach dem Start des Rennens, die Informationen sind nicht sehr exakt – denn keines der weit mehr als zehn Schiffe ging von Hongkong ab.

Zu den Teilnehmern am Rennen heißt es weiter:

Die beiden letztgenannten Schiffe machten voriges Jahr die ganze Reise neben einander, bis sie im englischen Canal van einer Windstille überfallen wurden; letzteres Fahrzeug verschaffte sich den Beistand eines Remorqueurs und gewann einen Vorsprung von mehreren Stunden bei einer Reisedauer von 88 Tagen.[11]

Die Darstellung ist etwas irreführend. Die Clipper forderten auf der Höhe von Dungeness (Grafschaft Kent) Lotsen und Schlepper an, ab Gravesend (Grafschaft Kent) wurden sie von Schleppkähnen die Themse hinauf nach London gebracht.  1865 lag  Serica knapp in Führung, doch Fiery Cross wurde zuerst ins Schlepptau genommen und konnte so das Rennen für sich entscheiden. Für die Fahrt von Fuzhou 福州 nach London hatten die Schiffe 106 Tage (28.5.-11.9.1865) gebraucht.[12] Die “88 Tage” beziehen sich auf den Teeklipper Taeping, der 1864/65 von Xiamen 廈門 nach London 88 Tage gebraucht hatte.[13]

Zum Ausgang des Rennens hieß es in der Wiener Zeitung vom 27. September 1866:

Wiener Zeitung (27.9.1966) S. 830 [Ausschnitt]

Wiener Zeitung Nr. 238 (27.9.1866) 870 [Ausschnitt] – Quelle: ANNO.

Auch hier werden die Details leicht verzerrt wiedergegeben.

[...] An der Wettfahrt zwischen den Schiffen, welche den ersten Thee neuer Ernte aus China nach Europa bringen, beteiligten sich dieses Mal 3 Clipper, [...]

Ins Rennen gingen wesentlich mehr als drei Clipper, doch nur die oben erwähnten konnten sich wirklich Chancen auf den Sieg ausrechnen.

[...] welche sämmtlich an einem Tage, Donnerstag den 6. d. M., in London eintrafen. Dieses gleichzeitige Zurücklegen einer dreimonatlichen Fahrt über den Ocean ist einer der sonderbarsten Zufälle, welche in den Annalen der modernen Schifffahrt verzeichnet sind.

Den Ausgang als “Zufall” zu bezeichnen, schmälert die Leistung der Beteiligten. Die Ausgänge waren in den 1860ern immer knapper geworden, dass drei Schiffe innerhalb weniger Stunden das Ziel erreichten war sicher kein “Zufall”.

[...] Der Sieger erhält von der Genossenschaft der Londoner Theehändler eine Prämie von 10 Sh. per Ton und in China werden große Wetten darauf gemacht.[14]

Die Prämien waren im Konnossement (“bill of lading”) eingetragen und mussten vom Warenempfänger an das erste Schiff, das London erreichte, gezahlt werden.  Das rechnete sich nur, wenn der Gewinn, der aus der ersten Ladung erzielt werden konnte, hoch genug war – was nicht mehr der Fall war.  Die Rennverläufe wurden zunehmend knapper, 1865 und 1866 hatten die ersten Schiffe  am selben Tag London erreicht. Die damit verfügbare ‘erste’ Teemenge drückte den Preis.  Dazu kam, dass die erste Teeladung 1866 mehr als zwei Wochen vor den Klippern in London angekommen war:  Der Auxiliary Steamer  Erl King, der nicht zu den Teilnehmern des Great Tea Race of 1866 zählte, hatte Fuzhou am 5. Juni 1866 verlassen und nach 77 Tagen am 20. August 1866 London erreicht. Damit wurde die ‘erste Ladung’ aus dem Great Tea Race zum Verlustgeschäft, denn die Ladung, die  Erl King gebracht hatte, war längst auf dem Markt und das große Angebot führte zum Preisverfall. Um weitere Verluste zu vermeiden, wurden nach 1866 keine weiteren Prämien ausgelobt.

Das Great Tea Race of 1866 markiert den Anfang vom Ende der Ära der Klipper, an ihre Stelle traten Dampfer, die den 1869 eröffneten Suezkanal passieren konnten – das letzte Tea Race lieferten sich 1872 Thermopylae (gebaut 1868[15]) und Cutty Sark (gebaut 1869[16]).

  1. Basil Lubbock: The China clippers. Fourth Edition (Glasgow: J. Brown 1919), 269-285.
  2. ((The Maritime History Virtual Archives: “Ariel”. <abgerufen am 2.10.2014>.
  3. The Martitime Historiy Virtual Archives: “Fiery Cross” <abgerufen am 2.10.2014>.
  4. The Maritime History Virtual Archives: “Serica”. <abgerufen am 2.10.2014>.
  5. The Maritime History Virtual Archives: “Taitsing”. <abgerufen am 2.10.2014>.
  6. The Maritime History Virtual Archives: “Taeping”. <abgerufen am 2.10.2014>.
  7. S. Basil Lubbock: The China clippers. Second edition (Glasgow: J. Brown 1914), Kapitel  “The Great Tea Race of 1866″ , 217-235.
  8. Die Debatte Nr. 169 (23.6.1866) 2 – Online: ANNO.
  9. D.i. “Taeping”.
  10. D.i. “Fiery Cross.””erregen ebenfalls großes Vertrauen unter dem wettenden Publicum. [...] Dasjenige Schiff, welches den ersten neuen Thee nach England bringt, erhält einen Preis von 1000 Pfund St., welcher Betrag durch die Londoner Theehändler aufgebracht wird. ((Das Vaterland Nr. 142 (23.6.1866) 3 – Online: ANNO.
  11. Das Vaterland Nr. 142 (23.6.1866) 3 – Online: ANNO.
  12. Vgl. Lubbock (1914) 2010.
  13. Taeping war ursprünglich am 1.7.1864 von Fuhzou abgegangen, musste aber am 23. Juli beschädigt in Xiamen ankern. Von Xiamen ging Taeping im Oktober aus und erreichte im Januar 1865 London. Vgl. Lubbock (1914) 208 f.
  14. Wiener Zeitung Nr. 238 (27.9.1866) 870 – Online: ANNO.
  15. The Maritinime History Virtual Archives: “Thermopylae” <abgerufen am 2.10.2014>.
  16. The Maritime History Virtual Archives: “Cutty Sark” <abgerufen am 2.10.2014>.

Quelle: http://mindthegaps.hypotheses.org/1764

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