Bilder der Revolte: „Studium ist Opium“

Bilder der Revolte: „Studium ist Opium“

Die Demonstrationen rund um den Schah-Besuch, der Tod von Benno Ohnesorg oder die Proteste gegen die Notstandsgesetze sind Motive der Fotografien von Ludwig Binder (1928-1980). Der ehemalige Student der Freien Universität Berlin hatte 1961 ein eigenes Fotostudio eröffnet, nachdem er schon vorher für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen tätig gewesen war. Mit seinem Team aus freien Mitarbeitern hielt er nun viele große und kleinere Ereignisse im geteilten Berlin mit der Kamera fest. Trotzdem ist Binder heute nur noch einem kleinen Kreis von Personen bekannt, und auch in der Wissenschaft fanden seine Bilder wenig Beachtung. Diesen Zustand wollen die Initiatoren von „Bilder der Revolte“ ändern.

Die noch recht junge Webseite, die im Rahmen des Kultur-Hackathons „Coding da Vinci“ entstanden ist, ist ein relativ kleines Projekt:[1] Kulturinstitutionen stellen sonst schwer zugängliche Daten- oder Bildersätze ins Internet, die dann von allen Nutzern frei verwendet werden können. Das Projekt „Bilder der Revolte“ zeigt die Aufnahmen des Fotografen Ludwig Binder, die die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland digitalisiert und unter einer Creative Commons-Lizenz (CC BY-SA 3.0 DE) verfügbar gemacht hat.

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Quelle: https://www.visual-history.de/2016/12/19/bilder-der-revolte-studium-ist-opium/

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„He even looks evil …“

Screenshot facebook-Profil

Neue Wege in der Geschichtsvermittlung

Am 1. Januar 1945 erschoss Erich Muhsfeldt,[1] Kommandoführer der Krematorien in Auschwitz, 200 polnische Gefangene im Lager Auschwitz II. 489 Personen klickten den „Gefällt-mir“-Button unter dieser Information an, die das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau am 1. Januar 2011 auf seinem facebook-Profil veröffentlichte – samt Porträt des Täters.[2] Die historische Fotografie des SS-Oberscharführers löste eine Flut von Kommentaren aus, 176 insgesamt, in denen die Nutzer/innen und ein Mitarbeiter der Gedenkstätte sich vor allem über die Person Muhsfeldts und über die Persönlichkeit von NS-Tätern im Allgemeinen austauschten.

Screenshot facebook-Profil

Screenshot: facebook-Profil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau vom 1. Januar 2011, © Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Auf den ersten Blick mag es befremdlich erscheinen, auf facebook die Abbildung eines NS-Täters zu veröffentlichen und sich über so ernsthafte Themen wie Nationalsozialismus und Holocaust zu „unterhalten“.

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Quelle: https://www.visual-history.de/2015/10/12/he-even-looks-evil/

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Kirmizili Kadın – The Woman in Red

Twitter: esé Juni 2013

Hintergründe der Gezi-Park-Proteste

Als Ende Mai 2013 die Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul und kurz darauf in vielen Städten der Türkei entflammten, hatten die Hinter- und Beweggründe bereits eine lange Geschichte, deren Einzelheiten und Verflechtungen in der Retrospektive nur schwer zu trennen und rekapitulierbar scheinen. Zur Einordnung der Bildikone The Woman in Red (auch: lady in red oder girl in red) / Kirmizili Kadın in die Interessenkonflikte um den Gezi-Park empfehlen sich umfassende Abhandlungen der politischen Situation in der Türkei.[1] Die islamisch-konservative AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, zu Deutsch etwa: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) um Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan ist seit 2002 ununterbrochen stärkste Partei des Parlaments. Unmittelbar vor Ausbruch der Proteste wurde bekannt, dass die Regierung mit enormen Baumaßnahmen in der Millionenmetropole Istanbul die Volkswirtschaft fördern wollte. Bauarbeiten zur unterirdischen Verkehrsführung am Taksim-Platz, ein transkontinentaler U-Bahn-Tunnel unterhalb des Bosporus und die Errichtung einer der imposantesten Moscheen der Welt hatten zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen. Neben den Umbauarbeiten, die den zähen Straßenverkehr am zentralen Knotenpunkt Istanbuls in ein unterirdisches Tunnelsystem verlagern sollten, waren für den 28. Mai 2013 Abholzungen im Gezi-Park geplant. Die städtische Grünanlage grenzt unmittelbar an den Taksim-Platz an und sollte einem weiteren Einkaufszentrum weichen.

 

Gezi-Park-Proteste Juni 2013
Gezi-Park-Proteste, Istanbul, 6. Juni 2013, Foto: Zsombor Lacza (Flickr CC BY-NC-SA 2.0)
Gezi-Park Juni 2013
Taksim, Gezi-Park, Istanbul, 3. Juni 2013, Foto: VikiPicture (Flickr CC BY-SA 3.0 )

Über die Umstände der Aufnahme

Um die geplante Abholzung zu verhindern, versammelten sich schon am 27. Mai 2013 Demonstrierende auf dem Taksim-Platz, um auf den Gezi-Park anrückende Bulldozer aufzuhalten. Es kam zu Zusammenstößen, ein erstes Protestcamp wurde gewaltsam geräumt. Am Morgen des nächsten Tages pflanzten einige Demonstrierende, scheinbar vornehmlich befreundete Studierende und Mitarbeiter_innen einer nahegelegenen Universität,[2] dann eigenmächtig neue Bäume, um der geplanten Zerstörung aktiv entgegenzuwirken. Rund fünfzig Umweltaktivist_innen versammelten sich bis zum Nachmittag des 28. Mai dort und blockierten weitere Abrissarbeiten friedlich.[3] Die daraufhin bestellte Polizeieinheit, in voller Kampfmontur, sollte eine reibungslose Einhaltung des vorgesehenen Zeitplans gewährleisten.

Ein Polizist setzte Reizgas gegen die friedlichen Demonstrierenden ein. Die versammelten Menschen drehten sich um und versuchten, sich vor den Wirkungen des drohenden Reizgases zu schützen. Nur eine einzelne Person reagierte nicht sofort auf den plötzlichen Angriff: Ceyda Sungur, Dozentin für Architektur an der Istanbul Teknik Üniversitesi, in der Folge bekannt als Kirmizili Kadın. Diesen Namen, die Frau in Rot, erhielt sie durch ihr auffälliges rotes Sommerkleid, in dem sie der Polizeieinheit gegenüberstand, mit einem Jutebeutel über der Schulter, einer Kette um den Hals, unbewaffnet und augenscheinlich harmlos. Der direkte Reizstoffangriff auf ihr Gesicht war so stark, dass ihre Haare durch den Druck des Tränengases steil nach oben wehten.

Twitter: Reuters World Mai 2013

Twitter: © Reuters World, Tweet 28. Mai 2013

Die Szene wurde von mehreren Fotografen festgehalten, darunter Osman Orsal, der in Istanbul für die Agentur Reuters arbeitet.[4] Er schoss eine Fotostrecke, die den Ablauf der Tränengasattacke dokumentiert.[5] Die insgesamt fünf veröffentlichten Bilder[6] zeigen eindrucksvoll, mit welcher Aggressivität und Gewaltbereitschaft die türkische Polizei der vermeintlichen Gefahr für die öffentliche Ordnung in persona der Umweltaktivist_innen gegenübertrat. Das sommerliche, fast schon unbekümmerte Auftreten der Demonstrantin „wie auf einer Gartenparty“[7] wurde von den Medien als Gegenthese zur Behauptung der AKP-Regierung verstanden, die von extremistischem Widerstand sprach.[8] Eine zeitlich etwas später einsetzende Amateur-Videoaufnahme der Szene verdeutlicht die Brutalität und Willkür, mit der der angreifende Polizist gegen die friedlichen Aktivist_innen vorgegangen ist, während Ceyda Sungur taumelnd Schutz sucht.[9] Nach eigenen Angaben brach sie in der Folge auf einer Parkbank zusammen. Schon am nächsten Tag nahm sie wieder an den Protesten teil.

Taksim ist überall Juni 2013

Taksim ist überall! – Taksim is everywhere!, Hamburg, 8. Juni 2013, Foto: Rasande Tyskar (Flickr  CC BY-NC 2.0 )

Von dem Übergriff gibt es Aufnahmen weiterer Fotografen, die allerdings nicht den Verbreitungsgrad erlangten. Der für Nar Photos arbeitende Fotograf Tolga Sezgin fotografierte etwa aus einer anderen Perspektive.[11] Eine weitere Aufnahme der Szene wurde auf einem russischen Blog veröffentlicht. Der Urheber des Bildes ist allerdings nicht bekannt.[12] Am Folgetag der Aufnahme wurde der Reuters-Fotograf Osman Orsal selbst von einem Gasgeschoss getroffen und am Kopf verletzt.[13]

 

Rezeption und Bedeutung der Kirmizili Kadın

Eines der Bilder Orsals, das Zweite der Strecke, verbreitete sich in Windeseile und gelangte schnell zu Berühmtheit in sozialen Netzwerken.[14] Nachrichtensender und Zeitungen in der ganzen Welt maßen ihm eine hohe Bedeutung bei: eine Verbildlichung von friedlichem Protest auf der einen, Polizeigewalt und Willkür auf der anderen Seite.[15]

Als das brutale Vorgehen gegen friedliche Demonstrierende katalysiert durch das Foto bekannt wurde, vervielfachten sich die Proteste. Immer mehr Gegner_innen der Regierung kamen zum Taksim-Platz. Schon bald entstanden die Schlagworte und Hashtags Occupy Gezi und Diren Gezi Parkı („Widerstehe, Gezi-Park“). Schnell drehte sich der Protest nicht mehr ausschließlich um die Rodung des Gezi-Parks. Sämtliche Missstände in der türkischen Gesellschaft, die Machtpolitik der AKP, die Baupläne, mangelnde Emanzipation, steigende Islamisierung, Unterdrückung von Frauen und ethnischen Minderheiten sowie eine schleichende Entfernung von der EU wurden angeprangert, aber auch für Rechte von Lesben und Schwulen wurde demonstriert. Solidarische Proteste fanden bald auch in Izmir, Ankara und vielen anderen türkischen und europäischen Großstädten statt.

Am 31. Mai solidarisierten sich sogar eigentlich verfeindete Fußballfans der drei großen Istanbuler Mannschaften Beşiktaş, Galatasaray und Fenerbahçe miteinander und demonstrierten Solidarität.[16] Im Zuge dieser Vereinigung überquerten viele Anhänger_innen des Vereins Fenerbahçe, dessen Stadion auf der asiatischen Seite Istanbuls liegt, symbolkräftig die große Bosporusbrücke nach Europa, obwohl die Brücke nur im Rahmen des alljährlichen Istanbul Marathons offiziell für Passant_innen freigegeben ist.

Ceyda Sungur gab in einem ihrer seltenen Interviews mit der türkischen Zeitung „Radikal“ an, kein Interesse daran zu haben, das Gesicht der gewaltigen Proteste zu sein: „A lot of people no different from me were out protecting the park, defending their rights, defending democracy. They also got gassed.“[17] Spätere Interviewanfragen lehnte sie größtenteils ab; möglicherweise konnte sie zum Zeitpunkt des Interviews mit „Radikal“ nicht absehen, dass ihr Foto zur Ikone der jungen Proteste verklärt werden würde, so der Blog turkeyetc.[18]

 

Das Bild als Ikone und soziale Netzwerke als Problem der AKP

Die von Orsal verewigte Szene multiplizierte sich aber nicht nur statisch und unverändert über die ganze Welt. Beinahe in der gleichen atemberaubenden Geschwindigkeit entwickelte die Darstellung der attackierten Sungur ein Eigenleben. Die Szene wurde metaphorisch als Graffiti an Häuserwände gesprüht,[19] auf einer Leinwand in Izmir zur Fotoattraktion,[20] nachgestellt,[21] zu Kunst stilisiert,[22] ironisiert, verdreht und radikalisiert[23] sowie von TV-Stars auf T-Shirts als subtiler Protest im staatlichen Fernsehprogramm getragen[24]. Brisant ist letztere Verwendung der Szene vor allem, weil das staatliche Fernsehen nicht von den Protesten berichtete, da es der Regierung nahesteht und strenger Zensur unterliegt. Am 1. Juni 2013 sorgten Bilder für Aufsehen, die zwei Fernseher zeigten: CNN, auf dem einen Bildschirm, zeigte einen Livestream der Proteste, wohingegen CNN Türk, auf dem zweiten Bildschirm, eine Naturdokumentation über Pinguine ausstrahlte. In dem Zeitraum der Dokumentation fanden die Proteste ihr erstes Todesopfer; mehrere Demonstrierende verloren durch Tränengas und Gummigeschoss ihr Augenlicht.[25]

Die Agentur Reuters selbst reagierte schon am 3. Juni 2013 auf die kreativen Bild-Stilisierungen und sprach von einem „cult image“. Der internationalen Berichterstattung wurde und wird von Anhänger_innen Erdoğans nach wie vor vorgeworfen, tendenziös zu berichten, indem die Prostestierenden bedingungslos unterstützt und die AKP-Regierung als autokratisch oder gar diktatorisch dargestellt würden. Erdoğan wandte sich auf einer Kundgebung Ende Juni 2013 unter anderem sogar gezielt gegen die Agentur Reuters und ihre Berichterstattung.[26]

Twitter: Reuters World Juni 2013

Twitter: © Reuters World, Tweet 3. Juni 2013

Foto-Ikonen der Gezi-Park-Proteste

Am 18. Juni 2013, also nur drei Wochen nach Beginn der Proteste, veröffentlichten zahlreiche Blogs, die die Demonstrierenden unterstützten, eine Art Heldenstilisierung ausgewählter Personen, die durch Verbreitung in sozialen Netzwerken um die Welt gegangen und, zumindest für Angehörige und Unterstützer der Proteste in der Türkei, zu Bildikonen der Bewegung geworden waren.[27]

Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Bild den Duran Adam (der „wartende Mann“) zeigt, der mit seinem stummen Protest des reglosen Dastehens auf dem Taksim erst am selben Tag zu schneller Bekanntheit gekommen war.[28] Neben Kirmizili Kadın war der Duran Adam alias Erdem Gündüz wohl der weltweit bekannteste Prostierende in Istanbul. Die klare, globale Aufmerksamkeit für die Figur des Duran Adam in der verwirrenden Unübersichtlichkeit der Proteste war deshalb wahrscheinlich Auslöser für die Retrospektive am 18. Juni und die Rekapitulation der ikonografischen Figuren der Proteste. Wer Urheber der Stilisierung ist, ist nicht bekannt. Unbestreitbar ist allerdings, dass bereits wenige Tage nach Entstehung der Protestbewegung, spätestens aber mit dem Erscheinen des Duran Adam, zumindest bei einigen Bloger_innen, die die Proteste unterstützten, ein Gespür dafür entstanden sein muss, dass gewisse Fotos einen ikonenhaften, aus dem unmittelbaren Kontext lösbaren Stellenwert für die Demonstrierenden bekommen hatten. Diese These stützt auch die Bildüberschrift im Hintergrund: Yenilmezler ist die türkische Übersetzung von The Avengers („Die Rächer“), ein Superheldenteam des US-amerikanischen Comicverlags Marvel – ein durchaus aussagekräftiger Titel für die abgelichteten Held_innen der jungen Protestbewegung gegen den vermeintlichen Willkürstaat der AKP-Regierung.

Twitter: esé Juni 2013

Twitter: © esé@psychlgst, Tweet 18. Juni 2013

Ebenfalls am 18. Juni 2013 wurde eine weitere, etwas ausführlichere Liste mit berühmten Figuren des Protestes veröffentlicht, die bemerkenswerte Schnittmengen mit der Auswahl auf der bildlichen Stilisierung aufweist.[29]

 

Politische Bedeutung: Eine Frau als Ikone der türkischen Gesellschaft

Hunderte, wenn nicht Tausende Bilder unterschiedlichen Ursprungs von verschiedener Qualität und Seriosität wurden während der Proteste bis Ende Juli 2013 über Twitter, Facebook und Blogs tagtäglich verbreitet, geteilt und aufgegriffen.[30] Ungewöhnlich viele der Bilder wurden zu Ikonen. Wieso ist dann gerade die Kirmizili Kadın das herausragende Symbol der Proteste? Ein Zufall? Die Gunst der frühen Stunde? Lässt sich die Berühmtheit dieses Bildes so einfach erklären oder greift dieser Ansatz zu kurz?

Das islamisch-konservative Weltbild der Regierung mit ihren umweltschädigenden Bauprojekten kollidierte mit den ökologischen Vorstellungen der ersten Protestierenden im Gezi-Park. Es wäre vermessen, alle Teilnehmer_innen der sich rasch ausweitenden Demonstrationen als eine homogene Gruppe zu sehen: Ältere, religiöse Türk_innen nahmen genauso am Widerstand teil wie kemalistische Nationalist_innen – im Großen und Ganzen waren die Ideen und Visionen der Protestbewegung aber durch eine westlich-demokratische Werteordnung und einen toleranten, emanzipierten und offenen Umgang zwischen den Geschlechtern und Gesinnungen geprägt. Dies zeigte sich unter anderem durch die offenen „Buffets“ für die Protestierenden, die von Unbeteiligten zur Versorgung bereitgestellt wurden, aber auch im schützenden „Asyl“, das anliegende Firmen und Hotels Demonstrierenden gewährten, wenn die Polizei Tränengas in die Straßen und Gassen schoss.

Im Laufe der Proteste nahm auch die LGBT-Bewegung[31], die in der Türkei stark unterdrückt wird und um Anerkennung ringt, immer stärker und selbstbewusster an den Protesten teil: Regenbogenfahnen prägten neben Türkeiflaggen immer wieder das Bild der „Schlachtfelder“. Somit wurden die Proteste auch zum Kampf um Bürgerrechte und Gleichstellung von Minderheiten. Viele junge Paare lernten sich während der Proteste am Taksim kennen und lebten ihre Zuneigung ungezwungen durch Küsse in der Öffentlichkeit aus. Dieser Umgang gilt in der Türkei unter normalen Umständen als verpönt.[32]

Zu Beginn all dieser Entwicklungen wurde das Bild einer jungen Frau verbreitet, die mit ihren offenen, lockigen Haaren, ihrem roten, wehenden Sommerkleid in ihrer Weiblichkeit mit etwas Fantasie zumindest ansatzweise an das ikonische Still der Marilyn Monroe auf dem U-Bahnschacht in Das verflixte 7. Jahr erinnert und mit ihrem Jutebeutel auch in einem Bio-Laden in Berlin-Prenzlauer Berg nicht auffallen würde, während sie sich entschlossen der Willkür der männlichen Aggressoren entgegenstellte. Dieses selbstbewusste, gleichzeitig selbstlose Eintreten für den Umweltschutz in einem nach traditionellen türkischen Maßstäben „aufreizenden“ Outfit ist für die spätere oppositionelle Bewegung ein nahezu perfekt maßgeschneidertes Sinnbild.

Bis heute wird das Foto als die erste der zahlreichen Foto-Ikonen der Gezi-Park-Proteste gesehen: „That photo encapsulates the essence of this protest.“[33] Zahlreiche Blogs, Nachrichtenseiten, aber auch Musikvideos von Protestsongs verwenden das Bild immer und immer wieder als Symbol gegen den autoritären Herrschaftsstil Erdoğans und dessen Staatsapparat. Die Fotografie war also nicht nur ein erster Schnappschuss der Proteste, sondern avancierte binnen kürzester Zeit zur symbolhaften und aktiven Triebfeder der gesamten Proteste um den Gezi-Park.

Die AKP selbst hat einen Frauenanteil von rund 15%, Gleichstellung und Emanzipation werden von ihr nicht verfolgt. Im Gegenteil: Schon seit Jahren propagiert die AKP ein sehr traditionelles, patriarchalisches Familienbild.[34] Im Sommer 2014 sorgten Regierungsmitglieder, darunter auch Erdoğan selbst, mit Aussagen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft für Diskussionen.[35] Im Gegensatz dazu wird das zunehmend selbstbewusstere Auftreten von Frauen in der türkischen Gesellschaft durch das Bild von Ceyda Sungur versinnbildlicht. Alles, was die Regierung an der Moral „der Frau“ bemängelt, scheint auf dieses Bild projizierbar zu sein. Mittlerweile ist Schülerinnen in der Türkei das Tragen von Make-up verboten, dafür aber das Tragen von Kopftüchern wieder gestattet.[36]

 

Fazit

Zugegeben, das Bild von Osman Orsal ist ein Produkt des Zufalls. Er war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, als noch gar nicht abzusehen war, dass aus den wenigen versprengten Umweltaktivist_innen im Gezi-Park die größten und umfassendsten Proteste in der Geschichte der Türkei werden würden. Genauso wenig war die rasante Verbreitung und vor allem die baldige Ikonisierung der Fotografie vorhersehbar. Dabei lässt sich nicht endgültig beurteilen, ob das Bild letztlich nur ein zufälliger Internethype war. Viel wahrscheinlicher aber, so legen es die Rezeption, die Weiterverbreitung und -nutzung des Bildes, aber auch seine Symbolhaftigkeit nahe, war das Bild eine aktive Triebfeder im Verlauf der Proteste.

Das liegt, wie oben erläutert, vor allem an der Repräsentativität des Fotos. Es ist ein besonderes, aber ebenso einschlägiges Sinnbild für die Proteste im Gezi-Park: Es zeigt die ursprüngliche Idee am Entstehungstag des Protestes: den Erhalt des Gezi-Parks, gleichzeitig aber auch die Unschuld und den Idealismus, die die Protestierenden im Verlauf der Aufstände zeigten. Auf der anderen Seite steht die unverhältnismäßige Polizeigewalt in Person der männlichen Aggressoren, die scheinbar grundlos Menschen verletzt, ihnen das Augenlicht nimmt, letztlich sogar mehrfach tötet.

Wichtig für das Bild als Ikone ist aber auch zweifelsfrei das Geschlecht der Protagonistin: Als junge, sommerlich und leicht bekleidete Frau steht sie entgegen der islamisch-konservativen Regierung stellvertretend für Visionen Tausender unterdrückter Frauen, aber auch Lesben, Schwuler und ethnischer Minderheiten in der Türkei. Spätestens mit dem Auftreten des Duran Adam am 18. Juni 2013 etablierte sich eine Stilisierung mehrerer Protagonist_innen der Gezi-Park-Proteste. Weshalb manche Figuren stärker wahrgenommen und diskutiert wurden als andere, und wie entscheidend das Auftreten des Duran Adam für die ikonografische Wahrnehmung in Istanbul war, müsste in weiteren und intensiveren Untersuchungen zu den Foto-Ikonen der Gezi-Park-Proteste überprüft werden.

 

[1] Vgl. etwa Wolfgang Gieler/Christian Johannes Henrich/Alica Henrich, Konflikte der türkischen Gesellschaft. Hintergründe der Proteste um den Gezi Park, Bonn 2014.

[2] Vgl. Luke Harding, Turkey’s resistance image forged as pepper spray burns woman in red dress, in: The Guardian Online, 5.6.2013, http://www.theguardian.com/world/2013/jun/05/turkey-lady-red-dress-ceyda-sungur (10.4.2015).

[3] Vgl. Alexander Christie-Miller, The girl in the red dress, in: Turkeyetc, 5.6.2013, https://turkeyetc.wordpress.com/2013/06/05/the-girl-in-the-red-dress/ (10.04.2015).

[4] Das Profil auf der Website der Agentur Reuters: http://widerimage.reuters.com/photographer/osman-orsal.

[5] Die Bildbeschreibung zur Bildstrecke aus dem Reuters Online Bildarchiv: „A combination photo of a Turkish riot policeman using tear gas against a woman as people protest against the destruction of trees in a park brought about by a pedestrian project, in Taksim Square in central Istanbul May 28, 2013. In her red cotton summer dress, necklace and white bag slung over her shoulder she might have been floating across the lawn at a garden party; but before her crouches a masked policeman firing teargas spray that sends her long hair billowing upwards. Endlessly shared on social media and replicated as a cartoon on posters and stickers, the image of the woman in red has become the leitmotif for female protesters during days of violent anti-government demonstrations in Istanbul. REUTERS/Osman Orsal“. Turkey’s lady in red, in: Reuters Online, 4.6.2013, http://www.reuters.com/news/picture/turkeys-lady-in-red?articleId=USRTX10BDX#a=2 (10.4.2015).

[6] Für alle Bilder in Einzelansicht siehe http://www.reuters.com/news/pictures/slideshow?–articleId=USRTX10BDX#a=1 (10.4.2015).

[7] Beispielsweise in einem Artikel der Agentur Reuters selbst: Alexandra Hudson, Woman in red becomes leitmotif for Istanbul’s female protesters, in: Reuters Online, 3.6.2013, http://www.reuters.com/article/2013/06/03/us-turkey-protests-women-idUSBRE95217B20130603 (10.4.2015).

[8] Ministerpräsident Erdoğan leugnete später die Massenproteste Hunderttausender und bezeichnete das, was am Taksim passiere, als terroristische Akte einiger weniger Plünderer („Birkaç Çapulcu“), die zu glauben wissen, dass etwas Unrechtmäßiges geschehe. Vgl. Ruth Sherlock, Turkey: Erdogan brands protesters ‘extremists’ and ‘looters’, in: Telegraph Online, 3.6.2013, http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/turkey/10096762/Turkey-Erdogan-brands-protesters-extremists-and-looters.html (10.4.2015), sowie Erdoğan Birkaç Çapulcu (Video): Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=2z-U2qD-itk (10.4.2015).

[9] Vgl. Insan insan fazil say (Video): Youtube ab 2:48, https://www.youtube.com/watch?v=EqPSZ8uqBZM (10.4.2015).

[10] Vgl. Harding: Turkey’s, in: Guardian Online, 5.6.2013, http://www.theguardian.com/world/2013/jun/05/turkey-lady-red-dress-ceyda-sungur (10.4.2015).

[11] Vgl. Jessica Testa, How the “Lady in Red” became Turkey’s most inspiring meme, in: Huffington Post Online, 4.6.2013, http://www.buzzfeed.com/jtes/how-the-lady-in-red-became-turkeys-most-inspiring-meme#.jydWWK6vp (10.4.2015). Ursprüngliche Quelle auf facebook.com nicht mehr vorhanden.

[12] Vgl. In Turkey. Days of Anti-Government Protests and Harsh Crackdowns, http://photo.sf.co.ua/id191?lang=ru (10.4.2015).

[13] Journalists hurt as police disperse Istanbul protest, in: Committee to protect journalists, 31.5.2013, http://www.cpj.org/2013/05/journalists-hurt-as-police-disperse-istanbul-prote.php (10.4.2015); O fotoğrafı çeken Reuters muhabiri de yaralandı, in: Hürriyet Planet, 1.6.2013, http://www.hurriyet.com.tr/planet/23408158.asp (10.4.2015).

[14] Bei Twitter wurden die Bilder binnen weniger Stunden mehrere tausend Male retweetet. Siehe @ReutersWorld, 28.5.2013, https://twitter.com/ReutersWorld/status/339478977028689920 (10.4.2015).

[15] Vgl. die Berichterstattung des NBC (Video): Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=_a5u5Emv8FY (10.4.2015) sowie die Berichterstattung der BBC (Video), http://www.bbc.com/news/world-europe-22798827 (10.4.2015). Außerdem die Nachrichten des Senders LASEXTA TV (Video): Youtube, https://www.youtube.com/watch?v=uyKvQRbvCAY (10.4.2015) und Rob Williams, Turkey protests: ‘Woman in red’ Ceyda Sungur becomes reluctant symbol of Turkish resistance, in: The Independent Online, 5.6.2013, http://www.independent.co.uk/news/world/europe/turkey-protests-woman-in-red-ceyda-sungur-becomes-reluctant-symbol-of-turkish-resistance-8645091.html (10.4.2015).

[16] Der Dokumentarfilm „Istanbul United“ zu diesem Phänomen feierte beim Istanbuler Filmfest im April 2014 Premiere, Filmstart in Deutschland war September 2014. Istanbul United (Film), http://www.istanbulunitedthemovie.com/ (10.4.2015).

[17] Zitiert nach Harding: Turkey’s resistance. Vgl. dazu ebenfalls: Elif Ince, Gezi Parkı’ndan mesaj: Mesele sadece ağaç değil, in: Radikal Online, 29.5.2013, http://www.radikal.com.tr/turkiye/gezi_parkindan_mesaj_mesele_sadece_agac_degil-1135478 (10.4.2015).

[18] Christie-Miller: Girl in red dress.

[19] Vgl. Girişinde Kadınlar Tuvaleti, ‘Kırmızılı Kadın’ Figürü, in: Haberler.com, 3.9.2013, http://www.haberler.com/kadinlar-tuvaleti-girisinde-kirmizili-kadin-figuru-5014602-haberi/ (10.4.2015) sowie Yaman Kayabali, #occupygezi. Gezi Protests in Turkey, in: Victoria and Albert Museum Online, 16.6.2013, http://www.vam.ac.uk/blog/posters-stories-va-collection/occupygezi-gezi-protests-turkey (10.4.2015).

[20] Vgl. Sherlock, Turkish Rebirth.

[21] Vgl. Gezi’nin sembolü kırmızılı kadın, ABD’de cadılar bayramının yıldızı oldu, in: Halkin Habercisi Online, 1.11.2013, http://www.halkinhabercisi.com/gezinin-sembolu-kirmizili-kadin-abdde-cadilar-bayraminin-yildizi-oldu (10.4.2015); Fotostrecke auf CNN Türk, http://www.cnnturk.com/fotogaleri/turkiye/gezinin-yil-donumunde-kirmizili-kadinlar-yuruyusu (10.4.2015).

[22] Vgl. Kırmızılı kadın tuvale yansıdı, in: Milliyet Online, 16.4.2014, http://www.milliyet.com.tr/kirmizili-kadin-tuvale-yansidi/gundem/detay/1867688/default.htm (10.4.2015).

[23] Vgl. Istanbul Revolution: „I have a dream”, 31.5.2014, https://www.facebook.com/istanbulrevolution/photos/a.1428276517389641.1073741827.1428274680723158/1484656178418341/?type=3&theater (10.4.2015); Kırmızılı Kadın, in: Yeni Cikanlar Online, 3.6.2013, http://www.yenicikanlar.com.tr/kirmizili-kadin-8073 (10.4.2015).

[24] Vgl. Ve hatta Eser Yenenler “Kırmızılı Kadın” T-Shit’ü ile program sunmaktan keyif aldı, http://femolecom.files.wordpress.com/2013/07/star-tv-31-eser-ibo-oguzhar-gezi-parki-tisort-ani-izle.jpg?w=650(10.4.2015).

[25] Vgl. dazu Cooper Fleishman, CNN-Turk airs penguin documentary during Istanbul riots, in: The Daily Dot , 2.6.2013, http://www.dailydot.com/news/cnn-turk-istanbul-riots-penguin-doc-social-media/ (10.4.2015).

[26] Vgl. Maximilian Popp, Erdogan geht auf ausländische Medien los, Spiegel Online, 28.6.2013, http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-kampagne-gegen-auslaendische-presse-a-908377.html (10.4.2015).

[27] Vgl. Soruyorum, in: Zalim Ananas Online, 18.6.2013, http://www.zalimananas.com/2013_06_01_archive.html (10.4.2015); Unbeatables, in: Cagan Dekinelli Online, 18.6.2013, http://cagandikenelli.blogspot.de/2013/06/unbeatables.html (10.4.2015); Hoanes Online, 18.6.2013, http://hoanes.tumblr.com/post/53292166279 (10.4.2015); #Avengers, in: Batasal Blog Online, 18.6.2013, http://batasalblog.wordpress.com/2013/06/18/avengers/ (10.4.2015).

[28] Vgl. Maximilian Popp/Mirjam Schmitt, Stummer Protest in Istanbul. Schweigen für den Widerstand, in: Spiegel Online, 18.6.2013, http://www.spiegel.de/politik/ausland/stiller-protest-in-istanbul-duran-adam-wird-held-des-widerstands-a-906374.html (10.4.2015).

[29] Vgl. Kırmızılısı, Duranı ve Çıplağı: Gezi Parkı Eylemlerinin 15 Kahramanı, in: ListeList.com, 18.6.2013, http://listelist.com/gezi-parki-eylemlerinin-kahramanlari/ (10.4.2014).

[30] Vgl. den Occupy Gezi Tumblr als Übersicht der getwitterten Fotos, http://occupygezipics.tumblr.com (10.4.2015).

[31] Die LGBT-Bewegung bezeichnet ein loses Interessenbündnis aus Lesbian-, Gay-, Bisexual- und Transsexual-Rechtler_innen.

[32] Vgl. Özlem Topçu, Was eure Kinder so treiben, in: Zeit Online, 4.12.2013, http://www.zeit.de/2013/47/tuerkei-erdogan-studenten-wohngemeinschaft (10.4.2015).

[33] ‘Woman in red’ sprayed with tear gas becomes symbol of Turkey protests, in: Daily News Online, 4.6.2013, http://www.nydailynews.com/news/world/woman-symbol-turkey-protests-article-1.1362428 (10.4.2015).

[34] 2010 appellierte Erdoğan am Weltfrauentag an die türkischen Frauen, doch mindestens drei Kinder zu gebären, damit die Türkei nicht aussterbe, vgl. Strittmatter, Kai: „Weltgebärtag“ in der Türkei, in: Süddeutsche Online, 17.5.2010, http://www.sueddeutsche.de/politik/erdogan-und-die-tuerkischen-frauen-weltgebaertag-in-der-tuerkei-1.261927 (10.4.2015).

[35] Anfang August 2014 mahnte der Ministerpräsident eine kritische Journalistin auf chauvinistische Art, vgl. „Schamlose Frau, erkenne deinen Platz“, in: Die Welt Online, 8.8.2014, http://www.welt.de/politik/ausland/article131042332/Schamlose-Frau-erkenne-deinen-Platz.html (10.4.2015). Wenige Tage zuvor plante sein Vize, Bülent Arinc, türkischen Frauen in der Öffentlichkeit das Lachen zu verbieten und wieder Ehre und Scham beizubringen, vgl. Erdogan-Vize will Frauen das Lachen verbieten, in: Spiegel Online, 29.7.2014, http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-erdogans-stellvertreter-will-frauen-das-lachen-verbieten-a-983400.html (10.4.2015). Vgl. dagegen etwa den Hashtag #DirenKahkaha, mit dem (türkische) Frauen Fotos twitterten, auf denen sie als Reaktion auf die Äußerungen zum Lachverbot der AKP-Regierung ungehemmt lachen.

[36] Vgl. Türkei verbietet Schülern Piercings und Tattoos, in: Spiegel Online, 28.9.2014, http://www.spiegel.de/schulspiegel/tuerkei-verbietet-schuelern-piercings-und-tattoos-und-make-up-a-994235.html, (10.4.2015).

Quelle: https://www.visual-history.de/2015/04/13/kirmizili-kadin-p-the-woman-in-red/

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„Gastarbeiter“ im eigenen Land

Skarbit (in der Mitte) und seine Kollegen vor dem Westbahnhof in Budapest.

Eine Grundfrage der von Péter Korniss erstellten fotografischen Arbeiten war stets die nach den Möglichkeiten der transgenerationalen Weitervermittlung von Werten innerhalb einer Gemeinschaft. Geht die „alte Welt“, gehen die ländlichen Traditionen in unserer modernen Zeit unwiederbringlich verloren? Werden die Bräuche vom Neuen überlagert? Oder gibt es Spuren des Vergangenen, die erfolgreich mit in die Zukunft übernommen werden können? Bei der Beschäftigung mit Korniss‘ fotografischem Werk fällt auf, dass er im Zuge seiner Arbeit eine Bindung, teilweise sogar Freundschaften, zu den fotografierten Menschen aufbaute und dass er sie über längere Zeiträume hinweg begleitete.

Die ersten Bilder der hier vorgestellten Fotoreihe hat der Fotograf Ende der 1970er-Jahre aufgenommen. Das Konzept des Projekts entwickelte sich im Laufe der Arbeit, wobei zu Beginn keineswegs klar war, ob und in welcher Form das Ergebnis später präsentiert werden würde. „Der Gastarbeiter“ entstand im eigenen Auftrag.

Der Titel „A vendégmunkás“ („Der Gastarbeiter“) stammt von Korniss selbst und wurde für die große Schau in der Budapester Kunsthalle 1988 und das im gleichen Jahr veröffentlichte Buch ebenfalls verwendet. Der Fotograf wählte diesen Titel, der nicht zuletzt auf die Entwicklungen in Westeuropa seit den 1960er-Jahren verwies, bewusst aus. Mit diesem Begriff wollte er darauf hindeuten, dass in Ungarn zwischen den Arbeitsmigranten sowie der Bevölkerung am Arbeitsort enorme kulturelle Unterschiede, große Differenzen in der Sozialisation sowie in der Bildung bestehen, obwohl in diesem Fall keine einzige Staatsgrenze überquert werden musste.

Das Phänomen des „schwarzen Zuges“ (fekete vonat) bot und bietet auch noch heute einen zentralen Referenzpunkt für die Auseinandersetzung mit dem Staatssozialismus, mit der Gesellschaft und der Arbeitswelt in den 1970er- und 1980er-Jahren. Bei den sogenannten schwarzen Zügen handelt es sich um die visuelle Verdichtung eines Phänomens der Arbeitsmigration in Ungarn: Pendler, meist Männer, nutzten diese Sonderzüge der Ungarischen Staatseisenbahn, um die Strecke zwischen ihren Wohnorten in kleineren Dörfern und ihren Arbeitsplätzen, die sich in den Fabriken der größeren Industriestandorte befanden, zurückzulegen. Viele waren unter der Woche in Arbeiterwohnheimen untergebracht und besuchten die Daheimgebliebenen im Dorf nur am Wochenende. Die Fahrzeit konnte pro Strecke zwischen fünf und zehn Stunden betragen.

Seit den 1950er- und 1960er-Jahren verließen immer mehr Menschen die Landwirtschaft, um als ungelernte Aushilfskräfte in der Industrie Geld zu verdienen. Sie fanden in verschiedenen Unternehmen eine Beschäftigung, wobei den meisten Bedarf an Arbeitskräften das Baugewerbe, der Bergbau und die Textilindustrie zu verzeichnen hatten.1970 waren 320.000, 1980 immerhin noch 270.000 Menschen (meist Männer) als „Wanderarbeiter“ beschäftigt. Bis ca. Anfang der 1980er-Jahre wuchsen die Zahlen stetig. Die Pendler waren schlechter qualifiziert als die ortsansässigen Arbeitnehmer, zudem verrichteten sie häufig schwere körperliche Arbeit.[1]

Weshalb wurden aber die Pendlerzüge als „schwarzer Zug“ bezeichnet? „First of all because of the dreadful conditions on them, and secondly because a good deal of the passengers were gypsies. At the beginning of the seventies film director Pál Schiffer made a memorable documentary about the black trains. There was even a pop song on the subject which went, ‚Dear, oh dear, the black train / took away my love again …‘“[2] – so Korniss über die Entstehung des Namens.

Mit der nach 1945 in immer größeren Zahlen auftretenden, gesellschaftlich relevanten Figur des „Wanderarbeiters“ (vándormunkás) setzten sich die Zeitgenossen – Parteifunktionäre, Soziologen, Filmemacher usw. – seit den 1960er-Jahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln auseinander. Korniss wählte die fotografische Perspektive, wobei er für seine Fotoreihe 1985 international Anerkennung erntete. Seine Bilder wurden mit dem World Press Photo Award in der Kategorie Daily Life Stories ausgezeichnet.

 

Korniss‘ Arbeitsweise der allmählichen Annäherung zeigt sich auch in der Reportage über den „Gastarbeiter“ András Skarbit. Zu Beginn des Fotoprojekts entstanden allgemeine Aufnahmen von den „schwarzen Zügen“ sowie den Arbeiterwohnheimen.

Bahnhof Miskolc: Menschen warten auf dem Bahnsteig auf die Einfahrt eines Arbeiterzuges. Links unten im Bild ist András Skarbit, die Hauptfigur der zwischen 1978 und 1988 erstellten Fotoreihe, zu sehen.

Bahnhof Miskolc: Menschen warten auf dem Bahnsteig auf die Einfahrt eines Arbeiterzuges. Links unten im Bild ist András Skarbit, die Hauptfigur der zwischen 1978 und 1988 erstellten Fotoreihe, zu sehen.

Erst allmählich schärfte sich der Fokus: Im Mittelpunkt stand nun eine Gruppe von sechs Männern aus Tiszaeszlár, eine Hilfsarbeiter-Brigade, die ihr Brot mit körperlicher Arbeit bei den Budapester Gaswerken verdiente. Schließlich konzentrierte sich die Reportage auf die Geschichte eines Mannes.[3] Die Unterschiede zwischen den zwei Leben von András Skarbit in der Hauptstadt auf der einen (Arbeit, Wochentage, Wohnheim, die Straßen von Budapest, Baustellen) und Tiszaeszlár auf der anderen Seite (Familie, Wochenenden und Feiertage, Haus und Garten, die dörfliche Gemeinschaft) wurden mit jedem neuen Bild deutlicher. Skarbit erlaubte es dem Fotografen, die Abendessen im Arbeiterwohnheim, die tägliche Arbeit unterhalb der Erdoberfläche, aber auch die Zugfahrten oder die kleinen Erfolge der Gartenarbeit abzulichten.

Das Projekt zielte – laut Korniss – nicht darauf ab, Missstände aufzudecken oder die Unzulänglichkeiten des sozialistischen Systems zu entlarven. Korniss‘ Motivation war sein Interesse am Menschen. Er wollte mehr über das Leben des Pendlers erfahren. Auf die Frage hin, ob es Tabuthemen in der Kádár-Zeit[4] gab, antwortete Péter Korniss in einem Interview Anfang 2013: „Solche Themen gab es für mich nicht, denn wenn ich dieses Projekt über den Gastarbeiter realisieren konnte … Da war doch alles Mögliche drin: die schwarzen Züge und auch die Arbeiterwohnheime!“[5]

Ein Charakteristikum des Mediums Fotografie ist seine Uneindeutigkeit. Korniss’ Bilder können allein für das stehen, was sie zeigen: das Leben eines ungarischen Arbeitsmigranten mit all seinen Facetten. Sie können aber auch als Ankerpunkt für weiterführende Fragen betrachtet werden: Was ist der Grund für die Arbeitsmigration? Warum finden die Männer keine Arbeit in ihrer Heimatregion? Was bedeutet ihr unstetes Leben für das Familiengefüge und die Gemeinschaften daheim? Welche historischen und gesellschaftlichen Veränderungen beschleunigen den Zerfall der dörflichen Gemeinschaften und die Entwurzelung in Ungarn?

Ob die Fotos mit einem explizit politischen oder unpolitischen Vorzeichen erstellt wurden, ist insofern unerheblich, als sie in jedem Fall auf die gesellschaftlichen Umwälzungen verweisen. Sie stellen die Folgen des forcierten Ausbaus der Schwerindustrie während des Sozialismus, die Auflösung der traditionellen bäuerlichen Welt und die Veränderung von Gemeinschaften gut sichtbar ins Rampenlicht.

Auch nach den politischen Veränderungen 1989/1990 kann die Fotoreportage von Korniss auf verschiedene Arten gedeutet werden. Der Fotograf berichtete in dem Gespräch Anfang 2013 darüber, wie er vor wenigen Jahren zwei identisch strukturierte Präsentationen mit den Motiven aus „Der Gastarbeiter“ hielt, aber die Reaktionen des Publikums vollkommen unterschiedlich ausfielen. Bei dem einen Vortrag betonte jemand aus dem Publikum, dass diese Bilder die dunklen Seiten des Sozialismus zeigen würden – die schlechten Arbeitsbedingungen und die Vereinzelung –, weshalb die Erstellung der Reihe als eine oppositionelle Handlung zu deuten sei. Im Anschluss an den anderen Vortrag interpretierte dagegen jemand die Aufnahmen ganz eindeutig als einen Hinweis dafür, dass während der Ära Kádár für die meisten Menschen die Möglichkeit bestand, eine Arbeitsstelle zu finden und solides Geld zu verdienen. Schließlich hätte András Skarbit mit dem Pendeln ein Haus für seine Familie finanziert.

Korniss‘ „Der Gastarbeiter“ ist eine der bedeutendsten ungarischen Fotoserien aus der Zeit des Sozialismus. Für die Deutung der Aufnahmen sollte der zeitgenössische kulturelle und wissenschaftliche Kontext mit bedacht werden. Der von Korniss erwähnte Dokumentarfilm von Pál Schiffer (1939-2001), die soziologischen Untersuchungen von István Kemény (1925-2008), Keménys Auseinandersetzung mit Armut und Ungleichheit, weisen auf weitere zeitgenössische Reflexionen über die Arbeitsmigration hin. Sowohl der 1970 gedrehte Schiffer-Film als auch die in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre generierten Forschungsergebnisse von Kemény waren sehr explizit in der Thematisierung von Problemen, die in Verbindung mit der Arbeitsmigration auftraten.[6] Ein kurzer Blick (siehe die Minuten 20 bis 23) auf die Lebensumstände der im Schiffer-Film porträtierten Arbeiter und ihrer Familien zeigt, dass die Darstellung des „Wanderarbeiters“ unmöglich allein mit den Korniss’schen Fotografien abzudecken war. Korniss zeigt weder die Schnapsleichen noch das Erbrochene im Zug, er richtet seine Kamera nicht auf beengte Wohnverhältnisse in undichten Häuschen oder auf verwahrloste Kinder.

Allerdings war die Rezeption der Arbeitsergebnisse von Schiffer und Kemény stark eingeschränkt, während Korniss‘ Bilder 1988 in der Kunsthalle in Budapest gezeigt wurden und dadurch einem breiten Publikum zugänglich waren. Mehr Sichtbarkeit für das Thema war im (noch) sozialistischen Ungarn kaum möglich.

 

 


[1] Vgl. Tibor Valuch, Magyarország társadalomtörténete a XX. század második felében [Die Sozialgeschichte Ungarns in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts], Budapest 2005, S. 224-229 und Eszter Zsófia Tóth, A fekete vonat, Cséplő Gyuri, A pártfogolt. Ingázók a dokumentumfilmekben [Der schwarze Zug, Gyuri Cséplő und Der Schutzbefohlene. Wanderarbeiter in den Dokumentarfilmen], in: Eszmélet (2008), H. 77, S. 1-5.

[2] Péter Korniss, Attachment. 1967-2008, Budapest 2008, S. 275.

[3] Korniss beschreibt den langen Prozess der allmählichen Schärfung seines Blicks für die Geschichte seiner Hauptfigur wie folgt: „After two years I came to realize that from among the increasing number of pictures, those of András Skarbit stood out. He was relaxed and natural while I photographed him – and though he wasn’t a great talker, he opened up to me through the camera.“ Péter Korniss, Attachment. 1967-2008, Budapest 2008, S. 114.

[4] Gemeint sind die Jahre zwischen 1957 und 1989, in denen der kommunistische Politiker János Kádár das Land prägte.

[5] Interview der Autorin mit Péter Korniss am 4. Januar 2013 in Budapest.

[6] Unter anderem: die unzureichende Qualifizierung der sogenannten Wanderarbeiter, niedrigere Löhne für die ausgeübten Tätigkeiten, eine geringere Anerkennung sowie Vorurteile der Stammbelegschaft am Arbeitsplatz, familiäre Probleme wegen des Pendelns, Armut, Alkoholmissbrauch.

 

„Der Gastarbeiter“ 1978-1988:

Die Brigade aus Tiszaeszlár arbeitet unweit der Burg in Budapest.

Die Brigade aus Tiszaeszlár arbeitet unweit der Burg in Budapest.

Im Graben: András Skarbit

Im Graben: András Skarbit

Die tägliche Routine: das Mittagessen im Anhänger, den die Männer als "die Bude" bezeichneten. Der Anhänger wurde stets mit Hilfe eines Traktors in die Nähe der aktuellsten Baustelle gezogen.

Die tägliche Routine: das Mittagessen im Anhänger, den die Männer als „die Bude“ bezeichneten. Der Anhänger wurde stets mit Hilfe eines Traktors in die Nähe der aktuellsten Baustelle gezogen.

Das von zu Hause aus mitgebrachte Essen (Brot, Speck, kolbász usw.) wickelten die Arbeiter in Zeitungspapier ein. Der Titel des Artikels lautet: „Épül az ország!” [Das Land wird aufgebaut!]

Das von zu Hause aus mitgebrachte Essen (Brot, Speck, kolbász usw.) wickelten die Arbeiter in Zeitungspapier ein. Der Titel des Artikels lautet: „Épül az ország!” [Das Land wird aufgebaut!]

Beim Abendessen im Gemeinschaftsraum des Arbeiterwohnheims essen die Männer - jeder für sich - aus dem eigenen Topf. Nebenbei wird ferngeschaut.

Beim Abendessen im Gemeinschaftsraum des Arbeiterwohnheims essen die Männer – jeder für sich – aus dem eigenen Topf. Nebenbei wird ferngeschaut.

András Skarbit in seinem Garten in Tiszaeszlár

András Skarbit in seinem Garten in Tiszaeszlár

An einem Sonntag, nach der Messe: Die Älteren im Dorf unterhalten sich mit Skarbit. Sie hören ihm zu, während er über die Hauptstadt Budapest berichtet.

An einem Sonntag, nach der Messe: Die Älteren im Dorf unterhalten sich mit Skarbit. Sie hören ihm zu, während er über die Hauptstadt Budapest berichtet.

Einer der intimeren Momente, den Korniss in den zehn Jahren seiner Arbeit festhalten durfte. Skarbit liegt mit seiner Ehefrau im Bett. Da der Ehemann unter der Woche abwesend ist, wird die eine Hälfte des Bettes gar nicht bezogen bzw. genutzt.

Einer der intimeren Momente, den Korniss in den zehn Jahren seiner Arbeit festhalten durfte. Skarbit liegt mit seiner Ehefrau im Bett. Da der Ehemann unter der Woche abwesend ist, wird die eine Hälfte des Bettes gar nicht bezogen bzw. genutzt.

Skarbit (in der Mitte) und seine Kollegen vor dem Westbahnhof in Budapest.

Skarbit (in der Mitte) und seine Kollegen vor dem Westbahnhof in Budapest.

Quelle: http://www.visual-history.de/2014/06/12/gastarbeiter-im-eigenen-land/

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