Unter falscher Flagge. Rechte “Identitäre” setzen auf Antiken-Pop. Die Geschichte ihrer Symbole dürfte ihnen kaum gefallen

Arg ramponiert nach missbräuchlicher Verwendung: Relikt der “Metapolitik” .

In der derzeit vieldiskutierten rechtsextremen  Szene fällt eine Gruppe als besonders aggressiv auf. Die übernational organisierte „Identitäre Bewegung“ (IB) agiert als eine Art Agit-Pop-Gruppe der völkischen Szene. Aus einer Nachfolgeorganisation der rechtsterroristischen französischen Unité radicale hervorgegangen, ist sie heute europaweit aktiv, besonders in Österreich. Vielerorts beobachtet sie der Verfassungsschutz. Ihre vergleichsweise schwache Mitgliederzahl versuchen die völkischen Aktivisten durch mediale Inszenierungen auszugleichen: Mit spektakulären “metapolitischen” Symbolhandlungen wie Besetzungen und Blockaden, dem demonstrativen Errichten von Grenzzäunen oder jüngst einem “Mahnmal” vor dem Brandenburger Tor plädieren die rechtsextremen Flash-Mobster für ein eingemauertes Europa und hetzen gegen Schwache, Geflüchtete und politisch Verfolgte. Unter dem Begriff des „Ethnopluralismus“ konstruieren sie unterschiedliche homogene Kulturen, die gegen Einflüsse von außen „verteidigt“ werden müssten, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.[1]



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Quelle: http://pophistory.hypotheses.org/2561

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Heinrich Kurtzig: Von jüdischen Bauern und Gutsbesitzer (1933)

Das Laubhüttenfest, vor Jahrtausenden als Ernte- und Herbstdankfest der Ackerbau und Viehzucht treibenden Juden eingesetzt, liegt hinter uns. Es ist in diesem Jahre wie immer von uns gefeiert worden. Aber man spricht uns Juden oft die Liebe zu Scholle, die Fähigkeit zu Landwirtschaft und die Freude am Ackerbau ab.

Es mag nicht leicht sein, die Frage zu beantworten, inwieweit Juden Anteil an der Bewirtschaftung deutschen Bodens haben und gehabt haben. Deshalb sollten alle diejenigen ihre Stimme erheben, die von jüdischen Bauern wissen und von Ihnen sagen können. Meine eigenen Kenntnisse auf diesem Gebiete erstrecken sich im wesentlichen auf einen engeren Bezirk, nämlich meine frühere Heimat, die ehemalige Provinz Posen. Sie sind aber wohl bemerkenswert genug, um einen Beitrag zu der Frage zu liefern: Wie steht der Jude im allgemeinen zum landwirtschaftlichen Beruf?
Betrachtungen und auch Äußerungen theoretischer Art dürften hierzu kaum genügen. Nur mit einem Hinweis auf nackte Tatsachen kann man erhärten, daß viele alteingesessene jüdische Familien seit Generationen ihrem Beruf als Landwirte treu geblieben sind.

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Quelle: http://phdj.hypotheses.org/507

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Artur Schweriner über Posenscher Heimat

Die Posener Heimatblätter brachten nicht nur regional-historische Abhandlungen und Berichte aus der Arbeit der Heimat-Vereine, sondern auch literarische Texte: Erzählungen, Gedichte und Anekdoten. Im ersten und im letzten Jahrgang waren es Posener, die ihren Humor ursprünglich in Westfalen geübt hatten, die solche Beiträge lieferten. 1938 war es der aus Wongrowitz stammende und in Dortmund praktizierende Tierarzt Norbert Bischofswerder, dessen Beiträge liebevolle Erwiderungen seines Cousins, des Oberkantors Magnus Davidsohn provozierten1 und 1926 Artur Schweriner, der im Lippischen wegen seiner scharfzüngigen Artikel einige Bekanntheit erlangt hatte und öfters verklagt wurde.

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Ein Gedicht von Artur Schweriner in „Posener Heimatblättern“. 6 (1927), S. 6.

Artur Schweriner wurde am 31. März 1882 in Czarnikau geboren.

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Quelle: https://phdj.hypotheses.org/312

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Arthur Kronthal zur Heimatliebe und Auswanderung aus Posen nach 1919

Eine bürgerliche Familiengeschichte aus dem 19. Jahrhundert: Der Großvater Simon Kronthal gründet 1820 eine Fabrik; der Vater Wolf Kronthal engagiert sich politisch und sitzt im Stadtrat; Arthur Kronthal selbst studiert zwar Maschinenbau, absolviert eine technische Ausbildung und kaufmännische Praktika, seine Bestimmung findet er aber in Geschichte, Kunst und Heimatpflege.

Am 25. November 1859 wurde er in Posen geboren. Seine schwache Gesundheit machte eine Tätigkeit als Leiter einer Fabrik unmöglich, öffnete ihm aber die Möglichkeit eines breiten ehrenamtlichen Engagement als Handelsrichter, Stadtrat (1906-1918), als Kurator einiger Institute für Kunst und Wissenschaft, als leitendes Vorstandsmitglied in Vereinigungen wissenschaftlicher, künstlerischer, sozialer und wohltätiger Art. Seine Stiftung für Kunst spendete dem Kunstmuseum zahlreiche Gemälde.1

Arthur Kronthal beschäftigte sich in unzähligen Beiträgen in Tageszeitungen und Monatsschriften mit der allgemeinen und jüdischen Geschichte und Kunst der Provinz Posen,2 hielt Vorträge zu diesen Themen, in denen er „den liberalen, bürgerlichen und auch jüdischen Beitrag zur Urbanen Modernisierung“ betonte.3 Auch deshalb ernannte ihn die Historische Gesellschaft für Posen, die auch Dank der Beteiligung der jüdischen Posener zu der größten in Deutschland gehörte, zum Ehrenmitglied.

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Quelle: https://phdj.hypotheses.org/158

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Arthur Kronthal zur Heimatliebe und Auswanderung aus Posen nach 1919

Eine bürgerliche Familiengeschichte aus dem 19. Jahrhundert: Der Großvater Simon Kronthal gründet 1820 eine Fabrik; der Vater Wolf Kronthal engagiert sich politisch und sitzt im Stadtrat; Arthur Kronthal selbst studiert zwar Maschinenbau, absolviert eine technische Ausbildung und kaufmännische Praktika, seine Bestimmung findet er aber in Geschichte, Kunst und Heimatpflege.

Am 25. November 1859 wurde er in Posen geboren. Seine schwache Gesundheit machte eine Tätigkeit als Leiter einer Fabrik unmöglich, öffnete ihm aber die Möglichkeit eines breiten ehrenamtlichen Engagement als Handelsrichter, Stadtrat (1906-1918), als Kurator einiger Institute für Kunst und Wissenschaft, als leitendes Vorstandsmitglied in Vereinigungen wissenschaftlicher, künstlerischer, sozialer und wohltätiger Art. Seine Stiftung für Kunst spendete dem Kunstmuseum zahlreiche Gemälde.1

Arthur Kronthal beschäftigte sich in unzähligen Beiträgen in Tageszeitungen und Monatsschriften mit der allgemeinen und jüdischen Geschichte und Kunst der Provinz Posen,2 hielt Vorträge zu diesen Themen, in denen er „den liberalen, bürgerlichen und auch jüdischen Beitrag zur Urbanen Modernisierung“ betonte.3 Auch deshalb ernannte ihn die Historische Gesellschaft für Posen, die auch Dank der Beteiligung der jüdischen Posener zu der größten in Deutschland gehörte, zum Ehrenmitglied.

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Quelle: https://phdj.hypotheses.org/158

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durchsichten: Antisemitismus im 19. Jahrhundert in transnationaler Perspektive

http://de.hypotheses.org/8390 Die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten hat in Deutschland zu einer intensiven Beschäftigung mit der Geschichte des deutschen Antisemitismus geführt. Die Literatur ist mittlerweile in einer Weise angewachsen, dass sie auch von Experten kaum noch übersehen werden kann. Trotz der Vielzahl an Veröffentlichungen ist der Forschungsstand aber durch eine deutliche Fehlstelle gekennzeichnet, […]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2014/07/5210/

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Versteckter Antisemitismus in Frankreich im Ersten Weltkrieg

Dissertationsprojekt: Zwischen Union sacrée und verstecktem Antisemitismus – Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden in Frankreich während des Ersten Weltkriegs 

Alice_an_Robert_Hertz_vorneDer Erste Weltkrieg gilt in der französischen Historiographie als Kristallisationsmoment der Herausbildung eines starken jüdischen Patriotismus. Die vollständige jüdische Integration in die Nation sollte mithilfe militärischen Engagements und dem damit verbundenen Opfer auf dem Schlachtfeld gelingen. Durch den gemeinsamen Kampf sollte erreicht werden, was zu Friedenszeiten nicht möglich gewesen war: die Überwindung antisemitischer Ressentiments im Anschluss an die Dreyfus-Affäre und damit die uneingeschränkte Aufnahme der jüdischen Minderheit in die französische Gesellschaft.

 Hinter diesem Narrativ, das die Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden und ihre Erfahrungen während der Kriegsjahre fast ausschließlich auf den patriotischen Gedanken im Kontext des Schützengrabens reduziert, tritt eine darüber hinausgehende Vielstimmigkeit des Kriegserlebens weitgehend zurück. Diese wird zwar in den Editionen von Korrespondenzen französischer Juden wie Marc Bloch oder Émile Durkheim deutlich, doch geben diese Quellen lediglich Einblicke in die männlichen Erfahrungswelten von Soldaten und Agitatoren im Dienste Frankreichs. Die Dialogpartnerinnen dieser Briefwechsel bleiben hingegen oftmals stumm und damit auf die Rolle passiver Empfängerinnen beschränkt. Durch dieses Nicht-Beachten der Briefe der Korrespondentinnen werden bislang nicht nur komplexe Dialoge zweier Individuen auf einseitige Monologe verkürzt, sondern es entsteht auch eine deutliche Leerstelle in Bezug auf die weiblichen Erfahrungswelten während des Krieges.

Im Rahmen meines Dissertationsprojektes strebe ich deshalb eine gleichwertige Einbeziehung der vielfach – sowohl in der Historiographie zum Ersten Weltkrieg als auch in der Antisemitismusforschung – vernachlässigten weiblichen Perspektive an. Anhand einer auf die Verschränkung und Verflechtung männlicher und weiblicher Perspektiven ausgerichteten Analyse von Kriegskorrespondenzen französischer Intellektueller und ihrer Ehepartner widmet sich mein Projekt dabei erstens Strukturen und Besonderheiten im Sprechen über den Krieg und sein Erleben. Wie unterscheiden sich die Darstellungen und das Verständnis des Konflikts? Welche Rollen schrieben sich die Briefpartner selbst und gegenseitig zu? Wo sahen sie ihre Positionen und Verpflichtungen innerhalb des Konflikts und welche Hoffnungen projizierten sie auf die Zeit nach Kriegsende? Neben diesen allgemein auf das Kriegserleben ausgerichteten Fragestellungen liegt der Fokus meines Projekts auf der Analyse der Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden während der Kriegsjahre. Welchen Stellenwert hatte die Religionszugehörigkeit für die Korrespondenten beziehungsweise definierten sie sich selbst als Juden? Wie charakterisierten sie ihre Beziehungen zu ihren Mitkombattanten oder innerhalb ihrer sozialen Netzwerke? Wurden sie zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe oder berichteten sie von derartigen Vorfällen? Und zuletzt, welche Rolle schrieben sie dem Aufruf zur Union sacrée zu, wobei in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis von Zensur und Autozensur zu reflektieren ist?

Alice_an_Robert_hintenDie Quellenbasis der Untersuchung bilden die Kriegskorrespondenzen von vier Ehepaaren: dem Ethnologen Robert Hertz und seiner Frau Alice, dem Historiker Jules Isaac und seiner Frau Laure, dem Soziologen Maurice Halbwachs und seiner Frau Yvonne sowie dem Philosophen Michel Alexandre und seiner Frau Jeanne. Die ausgewählten Paare repräsentieren sowohl Verbindungen zwischen zwei jüdischen Partnern als auch zwischen Juden und Nicht-Juden. Alle vier Paare entstammten dem universitären Milieu und waren miteinander bekannt beziehungsweise standen – im Falle von Maurice Halbwachs und Jeanne Alexandre – in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander. Trotz dieser engen sozialen Verbindungen repräsentieren sowohl die Frauen als auch die Männer der ausgewählten Paare sehr unterschiedliche Positionierungen und Erfahrungen während der Kriegsjahre. So meldete sich Robert Hertz zu Kriegsbeginn freiwillig zum Militärdienst und starb bereits im April 1915 an der Front, wohingegen Maurice Halbwachs nach seiner Ausmusterung im Kriegsministerium arbeitete. Laure Isaac zog sich mit ihren Kindern in die Bretagne zurück; Jeanne Alexandre dagegen engagierte sich zusammen mit ihrem Mann im sozialistisch-pazifistischen Milieu.

Eine verflechtende Analyse der Kriegskorrespondenzen dieser vier Ehepaare ermöglicht Einblicke in die Vielfältigkeit des Kriegserlebens sowie der alltäglichen Beziehungen von Juden und Nicht-Juden und zeichnet ein differenzierteres Bild der Kriegserfahrungen französischer Jüdinnen und Juden.

Zur Erweiterung der Perspektive über das universitäre Milieu hinaus werden zudem exemplarisch Zeitungen, Dossiers der Polizeipräfektur von Paris sowie Berichte aus den militärischen Einheiten, in denen Robert Hertz und Jules Isaac dienten beziehungsweise Akten ihrer Mitkombattanten, in die Analyse einbezogen. Durch diese Ausweitung des Quellenkorpus erscheinen die Korrespondenzen nicht als isolierte Einzelschicksale, sondern werden in einen milieuübergreifenden Kontext des Kriegserlebens von Jüdinnen und Juden in Frankreich während der Kriegsjahre eingebunden.

Methodisch bezieht sich das Projekt sowohl auf die Konzepte der „Kriegserfahrung“ des gleichnamigen Sonderforschungsbereichs der Universität Tübingen und der „Kriegskultur“ des Historial de la Grande Guerre, Péronne als auch auf die Verbindung von Antisemitismusforschung und Geschlechtergeschichte. Das Ziel der Dissertation ist es somit, einen Beitrag zur Verschränkung von kulturgeschichtlichen Ansätzen der  Militärgeschichte und einer um die Kategorie Geschlecht erweiterten Antisemitismusforschung zu leisten.

Das Dissertationsprojekt wird mit einem Wissenschaftsblog begleitet.

Abbildungen:

Vor- und Rückseite der Postkarte von Alice Hertz an ihren Mann Robert vom 21. November 1914: Carte. Charoy, 21 novembre 1914© Collège de France. Archives Laboratoire d’anthropologie social/ Fonds Robert Hertz. Mit Dank an das Collège de France für die Publikationserlaubnis. Alle Rechte vorbehalten.

Quelle: http://19jhdhip.hypotheses.org/1787

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Ausstellungen zur Dreyfusaffäre in Frankreich und Deutschland – eine Übersicht

„Nombreux sont ceux qui pouvaient penser

qu’il n’y avait plus guère à écrire ou à montrer sur l’affaire Dreyfus.“1

Was kann über 1046636b6649d582dd57c0db56d81e2d420 Jahre nach einem Ereignis noch Neues darüber gesagt werden? Dieser Problematik wird nicht nur 2014 im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg nachgegangen, mit ähnlichen Fragestellungen sahen sich auch die Veranstalter der Ausstellungen konfrontiert, welche die Dreyfusaffäre auch Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts nicht ruhen ließen. Wie wurde die „immortelle affaire“2 in Ausstellungen in Deutschland und Frankreich in den letzten Jahrzehnten behandelt, welche Schwerpunkte wurden gesetzt und welche Quellen herangezogen? Neben kleineren Ausstellungen zur Dreyfusaffäre, wie etwa in Mulhouse 1981 und Orleans 19963, veranstaltete 1994 – der 100. Jahrestag der ersten Verurteilung Dreyfus‘ – das Pariser Musée d’histoire Contemporaine die Ausstellung „L’affaire Dreyfus et le tournant du siècle, 1894-1910“ und 2005 wurde die Wanderausstellung „J’accuse…! … ich klage an!“ des Moses Mendelssohn Zentrums in mehreren deutschen Städten gezeigt.4

Zunächst soll auf die Begleitkataloge der beiden letztgenannten größeren Ausstellungen eingegangen werden, wobei beide als Aufsatzsammlungen konzipiert sind und so weniger auf die Ausstellungsobjekte eingehen. Der Pariser Katalog von 1994, dessen reichliches (Bild-)Quellenmaterial Großteils aus dem Fundus der Bibliothèque de documentation internationale contemporaine (BDIC) stammt, behandelt zunächst die Affäre in ihrem chronologischen Verlauf. Er stellt dem Leser die Ereignisse und Akteure vor, um dann – wie der zweite Teil des Namens der Ausstellung schon verrät – auf das Frankreich der Jahrhundertwende einzugehen:  Neben den (un-)mittelbaren Auswirkungen der Affäre auf die Gesellschaft5 und der ausführlichen Darstellung der zeitgenössischen Berichterstattung mit ihren unzähligen und teils durch ihre Bösartigkeit sehr einprägsamen (oft antisemitischen) Karikaturen, denen im beginnenden Massenzeitalter von den Autoren dieses Bandes eine kaum zu unterschätzende Bedeutung beigemessen wird, werden auch von der Affäre unabhängige Themen, wie etwa der technologische Wandel, behandelt.

Die Wanderausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums 2005 beruht auf der umfangreichen Sammlung an Dreyfusiana der US-amerikaMusée_des_Horreurs_6nischen Sammlerin Lorraine Beitler.6 Auf dieses reiche Quellenmaterial greift auch der Begleitband der Ausstellung zurück. Neben zahlreichen Parallelen zum Pariser Ausstellungskatalog, wie etwa dem Fokus auf die zeitgenössischen Medien und die Karikaturen, weisen Aufbau und Schwerpunktsetzung Unterschiede zum Pariser Band auf: Ausgehend von dem Situation des französischen Judentums um die Jahrhundertwende werden das Auftauchen des Borderaus und die Verurteilung Dreyfus‘ behandelt, die beteiligten Personen dargestellt, und die Ursachen der Affäre untersucht (so die Stellung von Militär und Kirche in der Dritten Republik). Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf der Macht und Bedeutung der Medien in der Affäre: Die Berichterstattung in Frankreich, die Reaktionen der deutschen und internationalen Presse, die Bedeutung des Karikaturenwesens7 sowie der Nachhall der Affäre im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb. Abschließend wird die Revision von 1899, die endgültige Rehabilitierung Dreyfus‘ 1906 und das Vermächtnis der Affäre betrachtet, wobei sich hier die interessante Fragestellung findet, inwieweit das deutsche Publikum von gestern und heute einen zu einseitig negativen Blick auf die Affäre wirft und deren Ausgang – den „Triumpf der Wahrheit“8 – dabei fast vergisst.

Neben diesen Katalogen haben auch die beiden eingangs erwähnten Ausstellungen in Mulhouse und Orléans kleine, mit zahlreichen Illustrationen versehene Katalogbände hervorgebracht; auch hier liegt das Hauptaugenmerk auf der Bedeutung der Karikaturen.9

Abschließend kann festgehalten werden, dass die hier analysierten Kataloge ihren Hauptfokus auf die Medien und besonders auf die die Berichterstattung begleitenden Karikaturen legen. Darüber hinaus betonen sie die Bedeutung der Affäre für die französische (und europäische) Gesellschaft und ihre andauernde Aktualität als „Modellfall der Herausforderung der Staatsbürger, in Grundsatzfragen Stellung zu nehmen“.10 Alfred Dreyfus‘ Zeitgenosse und Mitstreiter Anatole France zog folgendes Fazit zur Affäre: „Die Dreyfusaffäre wird vermutlich niemals aufhören, künftige Generationen zu interessieren, da sie ein Gesamtbild des ‚menschlichen Gewissens‘ bietet, indem sie sowohl ihre besten als auch ihre schlechtesten Seiten zeigt.“11

Ausgewertete Ausstellungskataloge:

  • L’affaire Dreyfus et le tournant du siècle, 1894-1910. Exposition, Paris, Musée d’histoire contemporaine et Nanterre, Bibliothèque de documentation contemporaine. Sous la dir. de Laurent Gervereau et Christophe Prochasson, Nanterre 1994.
  • L’affaire Dreyfus par l’image. Exposition, Médiathèque et Centre Charles-Péguy, Orléans, 1er avril-15 mai 1996. Catalogue par Julie Bertrand-Sabiani, Orléans 1996.
  • Autour de l’affaire Dreyfus. Une bibliographie commentée ; Exposition, Bibliothèque municipale de Mulhouse, novembre 1981, Mulhouse 1981.
  •  J’accuse…! … ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation; Begleitkatalog zur Wanderausstellung in Deutschland Mai bis September 2005. Hrsg. im Auftrag des Moses Mendelssohn Zentrum von Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps, Berlin 2005.

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Bildquellen: Cover des Ausstellungskataloges “J’accuse…! … ich klage an! Zur Affäre Dreyfus. Eine Dokumentation; Begleitkatalog zur Wanderausstellung in Deutschland Mai bis September 2005“; Karikatur Le Traître von Victor Lenepveu.

  1. L’affaire Dreyfus et le tournant du siècle, 1994, S. 8.
  2. L’affaire Dreyfus par l’image, 1996, S. 7.
  3. Weitere Ausstellungen fanden auch in Paris (Musée d‘art et d‘histoire du Judaïsme) und Frankfurt (Jüdisches Museum) 2006/2007 statt, jedoch ohne Publikation eines Katalogs. Dies ist auch beim Stadtmuseum Rennes der Fall, welches eine Dauerausstellung zu den Geschehnissen um Alfred Dreyfus zeigt.
  4. Eine Übersicht über Ausstellungen zur Dreyfusaffäre weltweit findet sich bei Vincent Duclert: L’affaire Dreyfus. Quand la justice éclaire la République, Toulouse 2010, S. 517.
  5. So stieg beispielsweise die Anzahl der Duelle während der Dreyfusaffäre strak an, vgl. L’affaire Dreyfus et le tournant du siècle, 1994, S. 169.
  6. Mittlerweile befindet sich der Großteil dieser Sammlung in der Bibliothek der University of Pennsylvania, vgl. J’accuse…! … ich klage an!, 2005, S. 15.
  7. So findet sich u.a. am Ende des Bandes ein Exkurs über „Le Musée des Horreurs“, eine Reihe von Karikaturen von Persönlichkeiten, die mehr oder weniger direkt an der Affäre beteiligt waren, welche ab 1899/1900 in Frankreich zu erhalten war. Der Karikaturist, der ein Pseudonym verwendete, focht den Kampf der Anti-Dreyfusards also auch nach der Revision von Rennes 1899 weiter, vgl. J’accuse…! … ich klage an!, 2005., S. 204.
  8. Ebd., S. 187.
  9. Der Mulhouser Band ist zudem mit einer ausführlichen Bibliographie versehen.
  10. Ebd., S. 198.
  11. Zit. nach: Autour de l’affaire Dreyfus, 1981, S. 12.

Quelle: http://19jhdhip.hypotheses.org/1590

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Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert – Eine Rezension von Dana Ionescu

Die Linguistin Monika Schwarz-Friesel und der Historiker Jehuda Reinharz haben mit „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ eine umfassende empirisch fundierte Monografie zu aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in Deutschland vorgelegt. Das Ziel der Arbeit ist es, die vielfältigen „Verbalmanifestationen … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/5778

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“K. Holz (2001): Nationaler Antisemitismus” – Eine Rezension von Ulrich Wyrwa

Eines der ersten groß angelegten Forschungsprojekte zum Antisemitismus, das zudem auch methodisch ungemein ambitioniert war, wurde in den 1940er-Jahren von dem nach Amerika emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung durchgeführt. Auch eine der ersten geschichtswissenschaftlichen Studien zum Antisemitismus – Paul Massings … Continue reading

Quelle: http://soziologieblog.hypotheses.org/5723

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