Ferdinand Güterbock – Mediävist und Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica

Der Beitrag entstand im Rahmen der 2013/14 bei den MGH vorgenommenen Teilerschließung der Akten des „Reichsinstituts für ältere deutsche Geschichtskunde“, vgl. den Bericht unter: http://mittelalter.hypotheses.org/4036. Zu danken habe ich dem Leiter des MGH-Archivs, Prof. Dr. Mentzel-Reuters für die Möglichkeit, die Archivalien auch nach Abschluss des Projekts benutzen zu können.

 

Biographisches

 

Ferdinand Güterbock[1] wurde 1872 als Sohn des Historien- und Orientmalers Leopold Güterbock und einer ebenfalls als Malerin tätigen Mutter in Berlin geboren. Er entstammte einer alteingesessenen jüdischen Familie, ein Vetter war der Königsberger Rechtshistoriker Carl Eduard Güterbock.[2] Auch zu dem Orientalisten Bruno Güterbock, der mit der Schweizer Schriftstellerin Grethe Auer verheiratet war, bestanden verwandtschaftliche Beziehungen. Ursprünglich im kaufmännischen Bereich und im Bankgewerbe tätig, führten Teile der Familie ein Leben als Rentiers wie etwa der Vater von Bruno Güterbock, der mit seinen Brüdern das Bankgeschäft der Eltern aufgegeben hatte.[3] Ferdinand Güterbock heiratete eine Verwandte von Grethe Auer, nämlich Mina Güterbock-Auer. Die Familien Güterbock und Auer waren beide mit dem Schweizer Ort Engelberg verbunden, die Eltern von Ferdinand Güterbock verbrachten dort seit den 1860er Jahren ihre Sommerfrische.[4]

Ferdinand Güterbock promovierte bei Paul Scheffer-Boichorst 1895 über den Frieden von Montebello.[5] Die enge Verbundenheit zu seinem Lehrer geht aus dem Lebensabriss vor, den Güterbock als Mitherausgeber der Schriften Scheffer-Boichorsts verfasste.[6] Güterbocks bevorzugte Forschungsgebiete waren Friedrich Barbarossa, die Geschichte Italiens besonders der Stauferzeit sowie später die Geschichte der Schweiz. Die Archivlandschaft Italiens erschloss Güterbock sich durch regelmäßige Reisen.[7]

Güterbock lebte als Privatgelehrter, ohne jemals ein universitäres Lehramt zu erreichen.[8] Diese Existenz beruhte auf dem Vermögen seiner Familie, das ihm wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichte. In seiner auch mit Kunstsammlungen ausgestatteten Villa in Berlin-Steglitz führte er einen gastlichen Haushalt, der einen beliebten Treffpunkt für Historiker darstellte. Güterbock suchte dabei auch den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern.[9] Heute kaum noch bekannt und aufgrund der Exklusion infolge des ‘Dritten Reichs’ in der Wissenschaftsgeschichte marginalisiert, war Güterbock offensichtlich gut vernetzt und auch ohne akademisches Amt voll anerkannt. Mit dem Wissenschaftsorganisator und späteren Vorsitzenden der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, Paul Fridolin Kehr verband ihn Freundschaft[10] wie auch mit den Monumentisten Erich Caspar und Robert Holtzmann.[11] Für den Historiker Karl Hampe und seine Familie stellte Güterbock eine von deren engsten Vertrauenspersonen dar.[12]

Ob seine Gelehrtenexistenz mit den auch nach 1918/19 durchaus fortbestehenden Beeinträchtigungen, als Jude eine akademische Karriere erreichen zu können, zusammenhing, mag dahingestellt bleiben.[13] Dass Güterbock, der sich offensichtlich wie so viele jüdische Intellektuelle und Gelehrte voll mit dem Kaiserreich identifizieren konnte,[14] antisemitischen Anwürfen ausgesetzt war, belegt seine wissenschaftliche Kontroverse mit dem Schüler Hampes, Karl Schambach, über Heinrich den Löwen.[15]

Güterbock emigrierte 1937 in die Schweiz,[16] wo er sich in Weggis niederließ und kurz vor seinem Tod auch eingebürgert wurde.[17] In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich besonders mit der Geschichte der Benediktinerabtei Engelberg, in der er – mitten in der Arbeit an einer Studie über die Gründung des Klosters – 1944 infolge einer Embolie oder Herzattacke verstarb.[18]

 

Güterbock und die Monumenta Germaniae Historica

 

Bereits seit Mitte der 1890er Jahre stellte Güterbock den Ertrag seiner Archivreisen nach Italien wohl auch den Monumenta etwa in Form der Erstellung von Kollationen zur Verfügung.[19] Erstmals offizielle Verbindungen lassen sich nach der Jahrhundertwende feststellen. Oswald Holder-Egger als gewählter, aber nicht ernannter Vorsitzender der Zentraldirektion und Leiter der Abteilungen Scriptores und Epistolae stattete im Jahresbericht für 1905 Güterbock seine Dankesschuld für die Untersuchung einer Abschrift der von ihm selbst bearbeiteten Chronik des Salimbene de Adam aus dem 16. Jahrhundert ab.[20] Güterbock wurde außerdem Mitarbeiter des „Neuen Archivs“ und trug darin kurz vor dem Ersten Weltkrieg eine Fehde mit Johannes Haller aus, in der sich sowohl Harry Bresslau, als auch die Redaktion – Michael Tangl, Karl Zeumer und sein Mitarbeiter Richard Salomon – auf seine Seite stellten.[21] Güterbock übernahm immer wieder kleinere Aufgaben im Rahmen der Monumenta, so zum Beispiel die Vergleichung von Handschriften der Schrift „De ruina civitatis Terdonae“ im Rahmen einer Italienreise.[22] 1925 wurden ihm die „Historia Frederici I“ von Otto Morena sowie die Faventiner Chronik des Magister Tolosanus übertragen.[23] Die Bearbeitung von Quellen italienischer Schriftsteller aus der Stauferzeit durch Güterbock hatte bereits Holder-Egger beabsichtigt: Nach einer handschriftlichen Aufzeichnung bot dieser dem jüdischen Gelehrten nicht nur die Werke von Morena und Tolosanus an, sondern plante auch die Aufnahme von „De ruina civitatis Terdonae“ ins Editionsprogramm. Da die Ausgaben italienischer Schriftsteller nach dem Tod Holder-Eggers zurückgestellt worden waren, regte Güterbock ihre Wiederaufnahme selbst an.[24] Für die Arbeit an der Morena-Edition unternahm er 1926 eine Archivreise nach Mailand, Modena und Faenza.[25] Die Morena-Edition konnte bereits 1930 erscheinen.[26] Zu Tätigkeiten im Rahmen der Faventiner Chronik finden sich keine weiteren Hinweise.[27] Güterbock verfügte aber offensichtlich über ein gewisses Interesse, sich langfristig aktiv oder aber theoretisch in das Editionsprogramm der Monumenta einzubringen. 1931 legte er der Zentraldirektion ein Gutachten über die Scriptores-Abteilung vor, in dem er verschiedene Ideen zur Verbesserung der auf Holder-Egger und Bresslau zurückgehenden Editionsmethoden, aber auch der Druckgestaltung entwickelte.[28]

Die Aufnahme Güterbocks in die Zentraldirektion wurde unter der Ägide Paul Fridolin Kehrs erwogen. Anlässlich der Jahressitzung 1931 erörterte man die Frage der Zuwahl von neuen Mitgliedern ausführlich, wobei verschiedene Kandidaten zur Debatte standen. Der der Zentraldirektion bekanntermaßen grundsätzlich nicht unbedingt positiv gegenüberstehende Kehr schlug „nach dem Bedürfnis der Arbeiten“ der Monumenta Güterbock, der „viel gearbeitet“ habe und Ernst Perels, von dem „sachlich etwas […] zu erwarten“ sei, vor: „Beide könnten erwünscht oder doch tragbar erscheinen.“ Auch Karl Hampe sprach sich „entschieden für Güterbock“ sowie Perels aus, ein Votum, dem sich Wilhelm Levison anschloss. Ernst Heymann stimmte ebenfalls für Perels, für den nur Oswald Redlich „sich nicht recht erwärmen“ konnte, „obwohl er ein trefflicher Editor sei.“ Letztlich stellte jedoch nur Hampe einen offiziellen Antrag auf Zuwahl, und zwar von Erich Caspar. Nach Wiederaufnahme der Diskussion in der Nachmittagssitzung beantragten einzelne Zentraldirektoren die Zuwahl verschiedener Kandidaten: Levison die von Perels, Güterbock und Percy Ernst Schramm, Adolf Hofmeister die von Bernhard Schmeidler und Edmund Ernst Stengel sowie Hampe zusätzlich zu Caspar die von Robert Holtzmann. Kehr empfahl daraufhin, obwohl er selbst sich nochmals für Perels und Güterbock aussprach, „angesichts gewisser Schwierigkeiten, und da 3 Mitglieder der ZD. fehlen, wohl besser diesmal von Zuwahlen überhaupt abzusehen.“ Formell abgestimmt wurde schließlich nur über die Aufnahme von Caspar in die Zentraldirektion, wonach Levison, da die Abstimmung negativ ausfiel, seinen Antrag auf Zuwahl von Perels und Güterbock zurückzog. Eine Erweiterung der Zentraldirektion kam somit nicht zustande.[29] Eine erneute Diskussion zwei Jahre später und damit bereits nach der ‘Machtergreifung’ wurde nun von Kehr abgeschmettert. Weder die Zuwahl des von ihm später als seinen Nachfolger befürworteten Karl August Eckhardt, die Heymann vorgeschlagen hatte, noch die von Güterbock oder Perels waren Kehr jetzt genehm. Die Meinung Heymanns, man brauche einen ‘jüngeren Mann’, teilte Kehr nicht, er sah darin eine Bedrohung seiner Autorität als Vorsitzender.[30]

In den Akten der 1935 in ein „Reichsinstitut für Ältere Deutsche Geschichtskunde“ umgewandelten Monumenta taucht der Name Güterbocks nur noch am Rande auf, inwieweit nach der nationalsozialistischen ‘Machtergreifung’ noch persönliche Kontakte fortbestanden, lässt sich daraus nicht erschließen.[31] Güterbocks Arbeiten wurden allerdings im Reichsinstitut weiterhin wahrgenommen (und auch rezensiert). 1937 bat der damalige Leiter des Reichsinstituts, Wilhelm Engel, den Direktor des Departementalarchivs von Vesoul, Jacques Dropet, um Photographien von Siegeln aus Vesoul, die Güterbock in einem Aufsatz besprochen hatte.[32] Im Jahr 1938 leitete die Landesbibliothek Hannover einen Brief Güterbocks mit der Bitte um Bearbeitung an das Reichsinstitut weiter. Güterbock benötigte Photographien eines Briefes von Notar Burchard aus dem Jahr 1161, die Handschrift war gerade an das Reichsinstitut aus Hannover verliehen worden.[33] 1942 riet Präsident Edmund Ernst Stengel dem Archivar und Byzantinisten Werner Ohnsorge, in einem Aufsatz über die Byzanzpolitik Friedrich Barbarossas für das „Deutsche Archiv“[34], „im Text lieber keine Namen aus der neueren Forschung über den Prozeß Heinrichs des Löwen zu nennen“ und in den Anmerkungen „entweder nur die letzte Arbeit G a n a h l s [sic] mit Hinweis auf das dort gegebene Schrifttum oder aber neben ihr auch die übrigen wichtigsten neueren Arbeiten“ zu verzeichnen. Im letzteren Falle könne er auch auf Güterbock verweisen, dem „in vieler Beziehung“ zwar nicht zu folgen sei, der aber „das Problem unbedingt sehr stark“ gefördert habe.[35] Ohnsorge war an einer „leisen Hervorhebung“ u.a. der Arbeit von Güterbock, dem er inhaltlich nicht zustimmte, „gelegen“.[36] Planungen zwischen dem Präsidenten Theodor Mayer und Martin Lintzel bezüglich möglicher Beiträger zur Festschrift für Robert Holtzmann Ende 1942 schlossen Güterbock – neben Richard Koebner und Wilhelm Levison! – aufgrund des „Arierparagraphen aus“.[37]

 

Ferdinand Güterbock und Benito Mussolini

 

In politischer Hinsicht bemerkenswert ist Güterbocks Sympathie für Benito Mussolini, der Güterbock in zwei Audienzen 1923 und 1924 als ersten Deutschen überhaupt empfing.[38] Güterbock legte 1923 aus der Perspektive des wissenschaftlich ausgewiesenen, lebenslangen Quellenforschers in Italien und damit auch Kenners der zeitpolitischen Umstände eine Studie über die Entstehung des Faschismus vor. Er begründete dieses Werk mit der singulären Neuheit von Mussolini und seiner Bewegung, die eine reizvolle Aufgabe für jeden Historiker darstellen müsse.[39]

Güterbock nimmt in dem knapp 130-seitigen Werk, das auf der Auswertung italienischer Zeitungen beruht, zwar vordergründig eine objektive Position ein, das von Mussolini auf ihn ausgehende Faszinosum wird aber deutlich erkennbar. Die Charakterisierung als ‘Tatmensch’, ‘Führernatur’ und ‘Realpolitiker’ hebt auf die Singularität des ‘Duce’ ab, explizit nennt Güterbock „eine ausgesprochene Persönlichkeit, deren Bekanntschaft zu machen wohl der Mühe lohnt.“[40] Die von Güterbock vorgenommenen Zuschreibungen sind ohne weiteres im Kontext des Führer-Diskurses der Weimarer Zeit zu verorten.[41] Die Ehrlichkeit von Mussolinis Absichten sieht er für gegeben an, und auch die so wahrgenommene Entwicklung ‘vom Sozialismus zum Chauvinismus’ beurteilt er als logische Folge eines aufrechten Charakters.[42] Obwohl Güterbock in der gesamten Darstellung zwar den Ton des objektiven historiographischen Berichterstatters beibehält,[43] liefert er indirekte Stellungnahmen und am Schluss einen Ausblick, der seine eigene Haltung zu erkennen gibt.

Es ist offensichtlich gerade die Verbindung nationaler und sozialer Ideen, die Güterbocks Beifall findet und seine für das nationale Bürgertum so typische Furcht vor dem Sozialismus bedient: Mussolini habe die Sozialisten gezwungen, „von dem Plan einer Terrorisierung des Bürgertums Abschied zu nehmen.“[44] Sein Sozialismus sei der einer praktischen Anwendung durchaus berechtigter sozialer Ideen und nicht Ausdruck blinden Parteidoktrinarismus’.[45] Die grundsätzliche Zuschreibung eines weltfremden Utopismus an sozialistisch und kommunistische Gesellschaftsentwürfe wird in der Formulierung, dass jedoch Mussolini „gerade aus Liebe zum Proletariat praktisch durchführbare Vorschläge mache und keinen Utopien nachjage“[46], deutlich. Affirmativ erscheint Güterbocks Bemerkung, dass nach Mussolini „das Klasseninteresse des Proletariats dem Interesse der Nation unterzuordnen sei.“[47] Bei allem Verständnis für berechtigte soziale Forderungen, so offensichtlich auch Güterbock: Das Wohl des Volksganzen, der Nation, steht höher. Güterbocks Charakterisierung von Mussolinis „jugendfrische[...][m]“ Nationalismus lässt unschwer Sympathien für die darin von ihm perzipierten Elemente dieses Nationalgedankens fassen, „der dem Vaterlande die natürlichen Grenzen geben, der möglichst allen Volksgenossen in Europa die nationale Einigung bringen und sie zu einer ‘friedlichen Expansion im Mittelmeer und in der Welt’ führen“ wolle. Inhärent sei ihm zugleich die „Bekämpfung der krankhaften Keime des Staatsorganismus wie der Volksseele, durch eine Demokratisierung und Modernisierung der Verfassung, durch eine gesunde Sozialgesetzgebung, eine freiheitliche Wirtschafts- und eine strenge Finanzpolitik“ um das Land „innerlich [zu] regenerieren und mit neuen Kräften [zu] erfüllen […].“[48]

Auch die Elemente zeitgenössischer Parlamentarismuskritik scheinen auf, wenngleich Güterbock hier wiederum nicht direkt Stellung bezieht. Er vermerkt, dass Mussolini „hitzig […] gegen die Schwäche des liberalen Staates und gegen die Energielosigkeit der bisher herrschenden demokratischen Partei“ polemisiert habe.[49] Noch deutlicher spricht er an anderer Stelle von Mussolinis Eintreten gegen „das demokratisch-sozialistische Dogma der Vergötterung der Majorität, das dem gesunden Menschenverstand oft widerstreite“ und gegen „das demokratische System einer Nivellierung des Lebens und einer Züchtung des Mittelmaßes.“[50] Ein identifikatorisches Potenzial besitzen ganz offensichtlich Elemente der faschistischen Ideologie, die sich als Eintreten für die Interessen aller sozialen Klassen interpretieren lassen. So weist Güterbock den Vorwurf italienischer Sozialisten an den Faschismus als Interessenvertreter der „Kapitalisten, […] Industriellen und Großgrundbesitzer“ zurück. Obwohl „Angehörige der Industrie und der Landwirtschaft aus Besorgnis vor der bolschewistisch-sozialistischen Gefahr die Fascisten durch Zuwendung von Geld, Waffen und Automobilen unterstützt“ hätten und „heute hinter dem Unternehmen Mussolini stehen“ würden, könne man Mussolini nicht die Begünstigung „wirtschaftlicher Sonderinteressen“ vorwerfen und ihn „am allerwenigsten ein Diener kapitalistischer Interessen“ nennen. Güterbock bekräftigt vielmehr den in seinen Augen vorrangig idealistischen Charakter der Bewegung, „die in verschiedenen Gegenden verschiedene Bevölkerungsklassen […] ergriffen hat, die jedem etwas bieten und die alle Berufsstände in gleicher Weise umspannen möchte.“[51] Den Begriff der ‘Volksgemeinschaft’, der seit den 1860er Jahren für verschiedenste politische Richtungen feststellbar ist und von radikalnationalistischen wie völkischen Kreisen infolge des Ersten Weltkriegs zum verschiedene Minderheiten ausschließenden Konzept der rassischen Gemeinschaft umgedeutet wurde[52], verwendet Güterbock nicht.

Apologetisch klingen Güterbocks Bemerkungen zu möglichen Kritikpunkten aus bürgerlich-liberaler Sicht wie etwa zum Thema Antisemitismus, dem er eine Relevanz innerhalb der faschistischen Bewegung abspricht. So gebe es zwar Anklänge bei Mussolini selbst und einzelnen Vertretern des Faschismus, aber andererseits habe der ‘Duce’  den Antisemitismus 1921 öffentlich verworfen und auch im Parteiprogramm sei er nie ‘bemerkbar’ hervorgetreten.[53] Einen ähnlichen Tonfall schlägt er in Bezug auf den Einsatz von Gewalt als politisches Mittel durch den Faschismus an. Der „manchmal […] übermäßig rohe[...] Charakter“ des Faschismus gehe auf das Konto von „Verbrechernaturen“, Mussolini selbst hingegen erlaubte nach Güterbock Gewalt nur als „Abwehrmaßnahme[...]“.[54]  An anderer Stelle nennt er Gewalttaten „vorübergehende Rückfälle in Kinderkrankheiten“ oder ein „nur ein vorübergehend anzuwendendes Mittel im Kampf gegen antinationale Strömungen“.[55] Allerdings erklärt Güterbock mit der Begründung, Druck erzeuge Gegendruck, die zukünftige Aufgabe terroristischer Methoden zur Schicksalsfrage: Mussolini müsse sein Werk auf die Grundlage einer freiheitlichen Ordnung stellen.[56]

Die Bemerkungen zur Situation in Italien nach dem Staatsstreich zielen auf als positiv beurteilte Maßnahmen in verschiedenen Bereichen und spiegeln damit unverkennbar politische Urteile des Kommentators wider. In der Wirtschaftspolitik etwa diagnostiziert Güterbock das Überwiegen liberaler Prinzipien bei kleinstmöglichen staatlichen Eingriffen im Interesse der Produktionssteigerung.[57] Die beabsichtigte „Eindämmung der parlamentarischen Tätigkeit und eine Reform des parlamentarischen Wahlrechtes“ begründet Güterbock explizit mit Machtsicherung aber auch der angeblichen erzieherischen Absicht Mussolinis, „die […] Abgeordneten zu umsichtigeren Vertretern der italienischen Nation zu erheben“, eine Formulierung, aus der das parlamentarismuskritische Topos des ‘Parteiegoismus’ hervorgeht.[58] Die Metapher des Arztes, „der auch vor chirurgischen Eingriffen und scharfen Kuren nicht zurückschreckt“ zielt auf den so perzipierten Reformcharakter des Faschismus, „der in den lange verschlossenen dumpfen Bürokratenstuben rücksichtslos die Fenster“ aufreiße und „frische Zugluft eindringen“ lasse.[59]

Eine Parallelisierung zum Deutschland Anfang der 20er Jahre nimmt Güterbock selbst vor, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu präsentieren. Zwar sieht er im Reich „vielfach parallele Krankheitsempfindungen und Gefühlsregungen“ vorhanden und meint damit „eine Reaktion gegen übertriebene Sozialisierungsversuche, eine Unzufriedenheit mit dem unfähigen Bürokratentum, eine Abneigung gegen den schlaffen Parlamentarismus, eine Regeneration des Nationalismus“[60]; schätzt grundsätzlich Italien aber für ‘kränker’ und damit reformbedürftiger ein. Hier erteilt er explizit „äußere[n] Begleiterscheinungen […] wie de[...][m] Gummiknüppel“ die Absage, adaptionswürdig sei jedoch „die eigentliche fascistische Medizin mit ihren manchesterlichen und nationalistischen Bestandteilen“.[61] Hier geht Güterbock auch direkt auf die nationalsozialistische Bewegung ein, die er vom Faschismus abgrenzt. Mussolini selbst habe betont, dass es keine Berührungspunkte zum ‘bayerischen’ Nationalsozialismus gebe und auch Güterbock konstatiert, dass dieser sich „in der Tat von seinem italienischen Vorbild nur das Mittel des Gummiknüppels und das Ziel einer nationalen Diktatur aneignet, ohne in den Kern des Problems einzudringen.“[62]

In einem Beitrag zur Festschrift seines Schullehrers, des jüdischen Pädagogen und Historikers Moritz Schäfer, unternimmt Güterbock ein paar Jahre später eine eher kursorische Einordnung Mussolinis in die Geschichte der Stadt Rom seit der Antike.[63] Hier hebt er die Stützung der „Staatsautorität“ und des „Nationalgefühls“ der Italiener durch antike Reminiszenzen des Faschismus besonders hervor. Er weist ihre Einschätzung als „theatralische[...] Aueßerlichkeiten“ zurück, sie hätten vielmehr zu einem Aufschwung der italienischen Wissenschaft, besonders der Archäologie, geführt.[64] Neben der Förderung archäologischer Projekte durch Mussolini streicht Güterbock ausdrücklich die „politischen imperialistischen Tendenzen“ in Nachfolge „der alten Römer“ etwa in Form von Expansionstendenzen im Norden heraus. All dies habe dazu geführt, dem italienischen Volk, „das zum Partikularismus wie zur Schwäche und Korruption“ neige, ein „stärkeres Nationalgefühl“ zu verleihen, wie auch „Ordnungssinn und Selbstzucht“.[65] Der nach Güterbock seit dem Mittelalter in Italien eingetretenen „Verweichlichung“ – als Beispiel nennt er die Niederlage römischer Truppen 1167 vor Tusculum – suche der Faschismus „durch sportliche[...] und militärische[...] Ausbildung“ entgegenzutreten, um „ein neues männliches kampfbereites Geschlecht heranzuerziehen und zu diesem Behuf das Menschenmaterial des heimatlichen Bodens umzuformen durch Beschwörung der Geister der Ahnen.“[66]

Man wird Güterbocks Stellungnahmen zum italienischen Faschismus – und damit indirekt auch zur Weimarer Republik – als Ausdruck eines dem politischen Umsturz nach dem Ersten Weltkrieg skeptisch gegenüberstehenden bürgerlichen Liberalismus begreifen müssen. Kritik an einem als ausschließlichen Diener von Sonderinteressen aufgefassten Parlamentarismus, Sympathien für die Vorstellung einer nationalen Volkseinheit, scharfe Frontstellung gegen den Sozialismus und Bolschewismus bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Erneuerung und Reform, Führer-Diskurs – Güterbock artikuliert hier Denkmuster ehemals demokratisch-liberalen, nun in die politische Sinnkrise geratenen Bürgertums. Dazu tritt die Verkennung des faschistischen Antisemitismus – wobei seine diesbezügliche Einschätzung des Nationalsozialismus offenbleiben muss.[67]

 

[1]    Die biographischen Angaben folgen: Beck, Marcel, Ferdinand Güterbock +, in: Neue Zürcher Zeitung, 29.04.1944, Bl. 2; Vasella, Oskar, Nekrolog Ferdinand Güterbock, in: Zeitschrift für Schweizerische Kirchengeschichte 38 (1944), S. 160; Holtzmann, Walther, Nekrolog Ferdinand Güterbock, in: Deutsches Archiv 8 (1951), S. 498; ders., Ferdinand Güterbock, in: Historische Zeitschrift 172 (1951), S. 433f. Vgl. auch: Kies, Dorothea, Die Juden und die MGH. Jüdische und jüdischstämmige Monumenta-Mitarbeiter im Spiegel ihrer Zeit, Magisterarbeit Tübingen ca. 2012 (PDF-Version: http://www.mgh-bibliothek.de/dokumente/b/b070295.pdf), S. 91-93.

[2]    Carl (auch: Karl) Eduard Güterbock (1830-1914), seit 1851 evangelisch getauft, erlangte 1865 eine ordentliche Professur in Königsberg. Zu seinen Spezialgebieten zählte die Geschichte des mittelalterlichen Strafrechts; vgl.: Claußen, Hans-Kurt, „Güterbock, Carl Eduard“, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 290.

[3]    Zu Bruno Güterbock (1858-1940) und Grethe Auer (1871-1940) vgl. die Autobiographie: Auer, Grethe, Wenn ich mein Leben betrachte… Wien – Bern – Marokko – Berlin. Erinnerungen. Im Auftrag von Hans Gustav Güterbock hg. von Herzeleide Henning, Berlin 1995. Zur Familie Güterbock siehe auch: Panwitz, Sebastian, Die Gesellschaft der Freunde 1792-1935. Berliner Juden zwischen Aufklärung und Hochfinanz (= Haskala. Wissenschaftliche Abhandlungen, Bd. 34), Hildesheim u.a. 2007, S. 66 und 301. Bruno Güterbocks Name findet sich auch in den Akten der Monumenta Germaniae Historica: 1909 teilte der Vorsitzende der Zentraldirektion mit, dass durch Vermittlung Güterbocks die Bibliothek seines Freundes Ludwig Traube in das Eigentum des Reichs und in den Besitz der MGH übergegangen sei, Protokoll der 35. Plenarversammlung der Zentraldirektion, 15.04.1909, MGH-Archiv 338/47, Bl. 12. Bruno Güterbock konvertierte zum protestantischen Glauben; vgl. Renger, Johannes, Altorientalistik und jüdische Gelehrte in Deutschland – Deutsche und österreichische Altorientalisten im Exil, in: Jüdische Intellektuelle und die Philologien in Deutschland 1871-1933 (= Marbacher Wissenschaftsgeschichte 3), hg. von Wilfried Barner und Christoph König, Göttingen 2001, S. 247-262, hier S. 256.

[4]    Heer, Gall, Einführung, in: Güterbock, Ferdinand, Engelbergs Gründung und erste Blüte 1120-1223. Neue quellenkritische Forschungen von Ferdinand Güterbock. Aus seinem Nachlass herausgegeben von P. Gall Heer, Zürich 1948, S. VI-VII. Auch Bruno Güterbocks Familie hielt sich regelmäßig dort auf, siehe: Auer, Erinnerungen (wie Anm. 3), S. 259.

[5]    Güterbock, Ferdinand, Der Friede von Montebello und die Weiterentwicklung des Lombardenbundes. Von Ferdinand Güterbock. Mit Widmung des Verf. an Prof. Holder-Egger, Berlin 1895.

[6]    Güterbock, Ferdinand, Aus Scheffer-Boichorsts Leben, in: Gesammelte Schriften von Paul Scheffer-Boichorst. 1. Bd.: Kirchengeschichtliche Forschungen, Berlin 1903, S. 1-62.

[7]    Holtzmann, Nekrolog (wie Anm. 1), S. 498; Beck, Güterbock (wie Anm. 1), Bl. 2. Zu Güterbocks Werk siehe auch: Beck, Marcel, Bibliographie der historischen Arbeiten von Ferdinand Güterbock, in: Güterbock, Ferdinand, Engelbergs Gründung und erste Blüte 1120-1223. Neue quellenkritische Forschungen von Ferdinand Güterbock. Aus seinem Nachlass herausgegeben von P. Gall Heer, Zürich 1948, S. 144-147. Vgl. zu Güterbocks Forschungen zu Barbarossa: Berwinkel, Holger, Die Schlacht bei Legnano (1176), in: Kirche und Frömmigkeit – Italien und Rom. Colloquium zum 75. Geburtstag von Professor Dr. Jürgen Petersohn. Würzburg, 7. und 8. Mai 2010, hg. von Jörg Schwarz, Matthias Thumser und Franz Fuchs, Würzburg 2012, S. 70-80, hier S. 70f., S. 75f.

[8]    In den Jahresberichten der Monumenta Germaniae Historica nach dem Ersten Weltkrieg erscheint Güterbock unter dem Titel eines Professors, vgl. z.B.: Kehr, Paul, Bericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae Historica 1920, in: Neues Archiv 44 (1922), S. 1-10, hier S. 4. So auch Vasella, Nekrolog (wie Anm. 1), S. 160.

[9]    Holtzmann, Nekrolog (wie Anm. 1), S. 498; Beck, Güterbock (wie Anm. 1), Bl. 2.

[10]  So Holtzmann, Nekrolog (wie Anm. 1), S. 498; Beck, Güterbock (wie Anm. 1), Bl. 2.

[11]  Beck, Güterbock (wie Anm. 1), Bl. 2.

[12]  Reichert, Folker, Gelehrtes Leben. Karl Hampe, das Mittelalter und die Geschichte der Deutschen (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 79), Göttingen 2009, S. 249.

[13]  Eine Parallele stellt das Leben seines Verwandten Bruno Güterbock dar: Sein Amt als Schriftführer der Deutschen Orient-Gesellschaft, was u.a. die Herausgabe des Publikationsorgans wie auch der wissenschaftlichen Veröffentlichungen ihrer Mitarbeiter beinhaltete, übte er ohne Bezahlung aus. Güterbock erhielt später die Ehrenprofessorwürde; so Auer, Erinnerungen (wie Anm. 3), S. 271-273.

[14]  Vgl. seine Reaktion auf den Ausbruch des 1. Weltkriegs: Reichert, Hampe (wie Anm. 12), S. 203.

[15]  Dargelegt bei: Reichert, Hampe (wie Anm. 12), S. 166, S. 251f.

[16]  So Kies, Juden (wie Anm. 1), S. 92.

[17]  Heer, Einführung (wie Anm. 4), S. VIf.

[18]  Kies, Juden (wie Anm. 1), S. 92f.; Beck, Güterbock (wie Anm. 1), Bl. 2.

[19]  Güterbock, Ferdinand, Einige Beobachtungen zu den SS-Editionen, 25.10.1931, MGH-Archiv 338/52, Bl. 137f., hier Bl. 138.

[20]  Holder-Egger, Oswald, Bericht über die 31. Jahresversammlung der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, in: Neues Archiv 30 (1905), S. 1-12, hier S. 5.

[21]  Güterbock hatte der Feststellung von Johannes Haller, das Privileg Friedrichs I. für Kloster Neuburg von 1174 stelle eine Fälschung dar, massiv und rhetorisch recht unverblümt widersprochen; vgl.: Güterbock, Ferdinand, Ein echtes und ein unechtes Privileg Friedrichs I. für Kloster Neuburg (im Elsass), in: Neues Archiv 38 (1913), S. 559-561. Eine Erwiderung Hallers erschien nicht, weil dieser sich weigerte, die aus Sicht der Redaktion zu ausfälligen Formulierungen seiner „Gegenerklärung“ zu modifizieren. Vgl. den Brief von Harry Bresslau an Karl Zeumer, 12.10.1913, MGH-Archiv 3338/66: Haller „unterstellt, daß er [d.i. Güterbock; Anm.d.V.] seinen Artikel nicht aus wissenschaftlich-sachlichen, sondern aus persönlichen Motiven, um Haller zu diskreditieren, geschrieben habe. Ein solcher Vorwurf, wenn er nicht bewiesen werden kann, erscheint mir unzuläßig.“ Siehe auch den Brief Karl Zeumers an Michael Tangl mit der Zustimmung zu Harry Bresslaus Gutachten, 14.10.1913 sowie den Briefwechsel zwischen Michael Tangl und Johannes Hallers Anwalt F. Sailer aus dem Mai 1914 mit dem Rückzug von Hallers Erwiderung; ebd. Zur Redaktion des „Neuen Archivs“ durch Karl Zeumer und Michael Tangl bzw. später Ernst Perels vgl.: Schaller, Annekatrin, Michael Tangl (1861-1921) und seine Schule. Forschung und Lehre in den Historischen Hilfswissenschaften (= Pallas Athene. Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Bd. 7), Stuttgart 2002, S. 250-252.

[22]  Kehr, Paul, Bericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae Historica 1920, in: Neues Archiv 44 (1922), S. 1-10, hier S. 4; ders., Bericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae Historica 1921, in: Neues Archiv 45 (1924), S. 1-13, hier S. 4. Im MGH-Archiv findet sich eine kurze Zusammenstellung der von Güterbock für die MGH geleisteten Arbeiten, darunter auch seine Aufsätze für das „Neue Archiv“, MGH-Archiv 338/52, Bl. 124.

[23]  Kehr, Paul, Bericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae Historica 1925, in: Neues Archiv 46 (1926), S. *I-*VIII, hier S. *IV.

[24]  Güterbock, Ferdinand, Pro memoria von Editionen italienischer Schriftsteller der Stauferzeit, 01.4.1926, MGH-Archiv 338/41, Bl. 136-138.

[25]  Kehr, Paul, Bericht über die Herausgabe der Monumenta Germaniae Historica 1926, in: Neues Archiv 47 (1928), S. I-VII, hier S. III. Belege für weitere Italienreisen im Dienst der Monumenta finden sich z.B. in der Jahresrechnung der Zentraldirektion für 1928 mit der Erstattung der Auslagen Güterbocks von 800 Mark, MGH-Archiv 338/191.

[26]  Güterbock, Ferdinand (Hg.), Das Geschichtswerk des Otto Morena und seiner Fortsetzer über die Taten Friedrichs I. in der Lombardei (= MGH SS rer. Germ. n.s. 7), Berlin 1930.

[27]  Nach Holtzmann, Nekrolog (wie Anm. 1), S. 498, hinderte die Vertreibung durch die Nationalsozialisten sowie der Kriegsausbruch Güterbock an der Inangriffnahme der Edition.

[28]  Güterbock, SS-Editionen (wie Anm. 19), Bl. 137f. Konkret mahnte Güterbock dabei an, auf genauere Feststellung der Entstehungsdaten von Textteilen zu achten, bei der Eruierung der Quellen noch weiterzugehen, im Fall zweifelhaften Wortlauts bei mangelhafter Überlieferung in der Edition Elemente zur Nachprüfung anzugeben sowie klassische und Vulgata-Zitate nicht wörtlich wiederzugeben. Für die Indizes schlug er möglichst vollständige Namen- und beschränkte Sachregister vor; geographische Ortsbestimmungen sollten allgemein verständlich nach nahe gelegenen größeren Städten oder Ortschaften nach dem Vorbild von Georg Heinrich Pertz vorgenommen werden. Die Namensformen von Orten und Personen seien nach Urkundenbüchern anzusetzen. Das Druckbild wünschte Güterbock sich möglichst klar und übersichtlich, außerdem eine weitergehende Vereinheitlichung aller Bände.

[29]  Protokoll der Sitzung der Zentraldirektion, 24.04.1931, MGH-Archiv 338/51, Bl. 116-118.

[30]  Protokoll der Ausschusssitzung der Zentraldirektion, 29.04.1933, MGH-Archiv 338/52, Bl. 55.

[31]  Vgl. dazu die Bemerkungen im Nachruf des Perels-Schülers Oskar Vasella, demzufolge „die Beziehungen mit dem einstigen Wirkungskreis auch nie ganz ab[rissen]“, ders., Nekrolog (wie Anm. 1), S. 160.

[32]  Wilhelm Engel an Jacques Dropet, 19.07.1937, MGH-Archiv B 539, Bl. 109. Es handelt sich um den Aufsatz: Güterbock, Ferdinand, Zur Geschichte Burgunds im Zeitalter Barbarossas, in: Zeitschrift für Schweizerische Geschichte 17,2 (1937), S. 145-229. Siehe auch die Rezension im Deutschen Archiv 2 (1938), S. 289f.

[33]  Landesbibliothek Hannover an das Reichsinstitut, 12.03.1938, MGH-Archiv B 540/41, Bl. 90f. (Brief Güterbocks beigefügt).

[34]  Ohnsorge, Werner, Die Byzanzpolitik Friedrich Barbarossas und der “Landesverrat” Heinrichs des Löwen, in: Deutsches Archiv 6 (1943), S. 118-149.

[35]  Edmund Ernst Stengel an Werner Ohnsorge, 06.01.1942, MGH-Archiv B 569, Bl. 415.

[36]  Werner Ohnsorge an Edmund Ernst Stengel, 09.01.1942, MGH-Archiv B 569, Bl. 413.

[37]  So Martin Lintzel an Theodor Mayer, 26.12.1942, MGH-Archiv B 569, Bl. 86.

[38]  Schieder, Wolfgang, Mythos Mussolini, München 2013, S. 106f.

[39]  Güterbock, Ferdinand, Mussolini und der Fascismus, München 1923, S. 5. Eine erweiterte, ins Spanische übersetzte Ausgabe erschien ein Jahr später; vgl. ders., Mussolini y el fascismo, Berlin 1924. Im Wintersemester 1924/25 nahm Güterbock an einer Vortragsreihe der Universität Königsberg zum Thema „Romanische Völker“ teil und fasste seine Beobachtungen zu Mussolini und zum Faschismus dort noch einmal bündig zusammen; ders., Mussolini und der Fascismus, in: Die romanischen Völker (= Auslandsstudien 1), Königsberg 1925, S. 89-110. Vgl. zu Güterbocks Buch auch: Damm, Matthias, Die Rezeption des italienischen Faschismus in der Weimarer Republik (= Extremismus und Demokratie, Bd. 27), Baden-Baden 2013, S. 181f. Rezensiert wurde Güterbocks Studie im Berliner Tageblatt von dem Kulturhistoriker und Schriftsteller Mario Krammer, der ebenfalls Mitarbeiter der Monumenta war, ebd.

[40]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 9. Vgl. ebd.: „Feuergeist, der mit zündenden Worten sein Land in den Weltkrieg trieb und der als ein geborener Beherrscher der Menge erscheint, [..] ein die Majorität verachtender Individualist, der ‘die Aristokratie der Intelligenz und Kraft’ verherrlicht; ein warmherzig für die Freunde empfindender Mensch und andererseits eine auf die Gegner rücksichtslos einstürmende, roh gewaltsame Kampfnatur […]; ein heißblütiger, begeisterungsfähiger Idealist und zugleich ein dogmenfeindlicher, klar und konsequent denkender Realpolitiker […]; bei alledem ein aufrechter Charakter, der ohne ein Prinzipienreiter zu sein, doch mannhaft für seine Überzeugung eintritt […].“

[41]  Eine Auswahl bei Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 126: „ein ganzer Mann; seinem Wesen haftet nichts Schwächliches oder Weichliches, nichts Dekadentes an.“; ebd.: „unersättlicher Tätigkeitsdrang“; S. 127: „aristokratische Machttheorien und Gewaltmethoden, mit denen er auch über Leichen geht und gleicherweise Gegner und Anhänger niederhält. Ja, er übertrumpft als Herrennatur sogar den eisernen Kanzler und wandelt als nietzschescher Übermensch auf den schwindelnden Pfaden eines Napoleon, indem er gelegentlich die drohende Geste des Diktators fast zynisch herausfordernd hervorkehrt“.

[42]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 23.

[43]  Güterbocks Bemühungen um eine Objektivierung zeigen sich besonders in seinen Ausführungen zum Ersten Weltkrieg, die der in anderen zeitgenössischen deutschen Schriften zum Thema so hervorstechenden nationalen bis nationalistischen Empörung vollständig entbehren. So beurteilt Güterbock die italienische Position äußerst verständnisvoll und begründet den Kriegseintritt aufseiten der Entente mit Fehlern Österreich-Ungarns auf dem Balkan; Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 25-39. Obwohl er die ‘Gräuelpropaganda’ der Entente gegenüber Deutschland kritisiert, versucht er ihren medialen Erfolg in Italien teilweise wiederum zu erklären. In Bezug auf die Deutschfeindlichkeit Mussolinis lässt sich nur eine indirekte Stellungnahme durch die Bezeichnung des „italienischen Clemenceau“ (S. 45) erkennen und er zieht aus ihr sogar den Schluss – auch wenn ‘uns’ diese Einstellung Mussolinis unsympathisch erscheine – dass der ‘Duce’ sich dadurch nationale Verdienste errang, weil er den italienischen Kriegswillen aufrecht erhielt, S. 46.

[44]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 76. Vgl. auch die Bemerkung Güterbocks im Kontext von Mussolinis Deutschlandreise: Das Reich habe „in schwierigster Lage sich von dem Bolschewismus nicht infizieren“ lassen „und der roten Sturmwelle einen unerschütterlichen Damm entgegen[...][gesetzt]“; ebd., S. 95.

[45]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 23.

[46]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 101. Der Faschismus stelle im Gegensatz zum Bolschewismus ein realpolitisches Reformieren statt des ‘Beseitigens’ in den Mittelpunkt, ebd., S. 129.

[47]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 100.

[48]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 62.

[49]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 105.

[50]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 106.

[51]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 75. Vgl. noch pointierter S. 131: „[...] die Einigung der verschiedensten Volksklassen auf ein gemeinsames Programm, der Zusammenschluß von Stadt und Land, von Intelligenz und Proletariat, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von konservativen Monarchisten und radikalen Republikanern zu einer einheitlichen Partei.“

[52]  Vgl. dazu: Bruendel, Steffen, Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg, Berlin  2003, bes. S. 275ff.

[53]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 63f.

[54]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 75.

[55]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 83 bzw. S. 87.

[56]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 128. Kurz darauf konstatiert Güterbock aber auch, der Faschismus habe den revolutionären Überschwang seiner Anfänge bereits überwunden, S. 129

[57]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 124.

[58]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 125.

[59]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 125.

[60]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 130. Vgl. ebd.: „Immerhin werden wir aus der Geschichte des italienischen Faschismus auch manches für die Behandlung unseres erkrankten Volks- und Staatskörpers – man denke nur an die bürokratischen Auswüchse unserer Wohnungsämter – lernen können.“

[61]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 130.

[62]  Güterbock, Mussolini (wie Anm. 39), S. 130.

[63]  Güterbock, Ferdinand, Roma Aeterna und der moderne Fascismus, in: Festschrift zum 70. Geburtstage von Moritz Schaefer, Berlin 1927, S. 79-84.

[64]  Güterbock, Roma Aeterna (wie Anm. 63), S. 80.

[65]  Güterbock, Roma Aeterna (wie Anm. 63), S. 82.

[66]  Güterbock, Roma Aeterna (wie Anm. 63), S. 83f.

[67]  Vgl. hier wiederum die Haltung seines Verwandten Bruno Güterbock: Nach Grethe Auer waren sie und ihr Ehemann Anhänger der rechtsliberalen DVP, weil die eigentlich bevorzugte DNVP wegen ihres Antisemitismus nicht wählbar erschien, Auer, Erinnerungen (wie Anm. 3), S. 377.  Das Ehepaar begrüßte sogar die ‘Machtergreifung’ von 1933, da es sie aus starker Sympathie mit der Arbeiterschaft als Revolution von rechts und verhinderten Klassenkampf begriff, ebd. S. 391. Die 1940 verstorbene Auer verharmlost in ihren Erinnerungen die antisemitischen Maßnahmen des NS-Regimes, von denen das Ehepaar und ihre zwei Söhne selbst betroffen waren.

 

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Empfohlene Zitierweise:
Nikola Becker: Ferdinand Güterbock – Mediävist und Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica, 18. September 2014, http://mittelalter.hypotheses.org/4304 (ISSN 2197-6120).

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/4304

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Akten des „Reichsinstituts für ältere deutsche Geschichtskunde“

Die Monumenta Germaniae Historica wurden zum 1.4.1935 mit Zustimmung des Vorsitzenden der Zentraldirektion, Paul Fridolin Kehr, unter Beseitigung der seit 1875 bestehenden bisherigen Organisationsform in ein „Reichsinstitut für altere deutsche Geschichtskunde“ umgewandelt. Mit Abschaffung der Zentraldirektion wurde auf Grundlage des ‚Führerprinzips‘ der Vorsitzende zum faktischen Leiter und später Präsidenten aufgewertet, der nicht nur sämtliche Geschichts- und Altertumsvereine überwachen sollte, sondern auch dem ehemaligen Preußischen Historischen Institut in Rom vorstand. Vonseiten des NS-Regimes war es als eine Schwesterinstitution zum ebenfalls 1935 begründeten „Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschland“ von Walter Frank konzipiert.

Der ca. 100 Faszikel umfassende, faktisch unversehrt gebliebene Aktenbestand des Reichsinstituts wurde bis zum 28.2.2014 in Eigenleistung teilerschlossen: Etwa die Hälfte der Archivalien konnte bearbeitet werden und steht über die Homepage des MGH-Archivs zur Verfügung.

Der Aktenbestand bildet die Basis für die noch ausstehende Erforschung der Geschichte der Monumenta während der Zeit des ‚Dritten Reichs‘. Er dokumentiert ihre Einbindung in die wissenschaftlichen Strukturen und Netzwerke, die Entwicklung des Faches mittelalterliche Geschichte und verwandter Disziplinen sowie die intensiven Verflechtungen mit dem Reichswissenschaftsministerium und verschiedenen wissenschaftslenkenden Einrichtungen des NS-Staates. Zu den Korrespondenten zählen renommierte deutschsprachige und ausländische Geisteswissenschaftler, sowie Universitäten, Verlage, Archive und Bibliotheken, Akademien und kulturpolitische Einrichtungen des nationalsozialistischen Regimes in den besetzten Gebieten nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Akten geben Aufschluss über wissenschaftliche und (wissenschafts-)politische Aspekte des Wirkens der Leiter bzw. Präsidenten Paul Fridolin Kehr, Wilhelm Engel, Edmund Ernst Stengel und Theodor Mayer sowie weiterer Mitarbeiter und mit den Monumenta verbundener bedeutender Gelehrter wie Karl Brandi. Nicht zuletzt wird die wissenschaftliche Geschichte der Monumenta selbst mit ihren Editionen (MGH-Reihen), der Zeitschrift „Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters“ und weiteren Reihen und Projekten sichtbar.

Die Archivalien ermöglichen Erkenntnisse zu verschiedenen Themenkomplexen der Wissenschaftsgeschichte der NS-Zeit, wie etwa dem Monopolanspruch der deutschen Geschichtswissenschaft mit dem versuchten Gewinn einer ‚Deutungshoheit‘ in Europa und ihrem Verhältnis zum Regime, der Organisation der Geisteswissenschaften (z.B. das Verhältnis der Reichinstitute zu landesgeschichtlichen Institutionen), der Interpretation der deutschen Geschichte aus Sicht der NS-Ideologie, der ideellen Unterstützung der deutschen Kriegsführung (‚Kriegseinsatz Geisteswissenschaften’) oder der Geschichtswissenschaft in Österreich und im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“. Sie leisten darüber hinaus Beiträge zur Biographieforschung, einschließlich der Verdrängung und des Ausschlusses von Wissenschaftlern mit unerwünschter Abstammung oder missliebiger politischer Orientierung.

Einige Beispiele sollen im Folgenden vorgestellt werden:

  • Faszikel B 543 enthält Korrespondenzen zum „Kunst-, Bibliotheks- und Archivschutz“ während des 2. Weltkriegs in Frankreich und den Beneluxstaaten. Sie dokumentieren die Beteiligung des Reichsinstituts an der umfangreichen Fotokopierung von in zeitgenössischer Diktion dem Deutschen Reich ‚entfremdeten‘ Archivalien und Handschriften. Die Akten stammen aus dem Zeitraum zwischen 1940 und 1943 und machen besonders das Engagement des Präsidenten Edmund Ernst Stengel für die Tätigkeiten der „Gruppe Archivwesen“ deutlich. Der Kommissar für Archivschutz, Ernst Zipfel, bat Stengel bereits kurz nach seiner Ernennung um Mitwirkung bei der „Sicherung“ von Archivgut (Brief vom 28.06.1940). Bereits im Ersten Weltkrieg hatte es vonseiten der Monumenta Bestrebungen zur „Herausgabe der in den napoleonischen Kriegen entfremdeten Archivalien und Handschriften deutscher Herkunft“ gegeben (Vgl. den Brief von Stengel an die Witwe von Michael Tangl, 24.06.1940). Stengel sagte Zipfel die Hilfe des Reichsinstituts bei der „Betreuung“ der holländischen, belgischen und französischen Archive zu, legte den Schwerpunkt dann aber deutlich auf die Erstellung von Fotokopien (Brief vom 11.07.1940). Bereits am 03.07.1940 hatte er offensichtlich aus eigener Initiative ein Rundschreiben an Institutsmitglieder und Fachkollegen mit der bitte um Mitteilung von mittelalterlichen Archivalien bzw. nichtarchivalischen Handschriften für die laufenden amtlichen Erhebungen über dem Deutschen Reich ‚entfremdete‘ und nach Frankreich und Belgien ‚verschleppte‘ Kulturgüter verschickt. Auch darin betonte er  die Bedeutung der möglichst umfassenden Fotokopierung für die Arbeiten des Reichsinstituts. Sein Rundschreiben stieß bei amtlichen Stellen auf wenig Gegenliebe, am 25.09.1940 wurde ihm vom Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung nahegelegt, eigenmächtige Aktionen zukünftig zu unterlassen. Die Akten enthalten Zusammenstellungen der aufgrund von Stengels Umfrage ermittelten Handschriften zur Vervielfältigung.
  • Beziehungen des Reichsinstituts unter Wilhelm Engel und Edmund Ernst Stengel zu wissenschaftlichen Einrichtungen wie etwa dem „Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschland“ spiegeln Akten in den Faszikeln B 546 und B 563 wider. Vorbehalte Stengels gegenüber Walter Frank, seine Ablehnung einer räumlichen Vereinigung beider Reichsinstitute, aber auch die offizielle Wahrung gegenseitiger guter Beziehungen und praktische Zusammenarbeit werden hier deutlich. In einer Niederschrift vom Dezember 1937 in B 546 berichtet Stengel über ein Gespräch mit Frank, in dem dieser eine Zusammenarbeit anbot unter der Bedingung, dass Karl August Eckhardt nicht die Leitung der Leges-Abteilung erhalte. Aus Franks Worten geht dabei hervor, dass er Stengel für einen Gegner des Nationalsozialismus hielt und seine Ernennung zum Präsidenten nicht befürwortet hatte. Korrespondenzen in B 563, die aus der Zeit zwischen 1935 und 1940 stammen, dokumentieren den gegenseitigen wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Austausch, etwa durch die Erstellung von Gutachten. Thematisiert wird z.B. auch die Entfernung von Wilhelm Mommsen aus der Redaktion von „Vergangenheit und Gegenwart“ 1936 in der Amtszeit von Stengels Vorgänger Wilhelm Engel.
  • Zahlreiche Briefwechsel zeigen die Verbindungen des Reichsinstituts zur europäischen Geschichtswissenschaft in den gegnerischen, befreundeten und neutralen Staaten. Faszikel B 545-1 dokumentiert Kontakte des Reichsinstituts von 1942 bis 1943 mit der Schweiz in Form einer Vortragsreise von Präsident Theodor Mayer. Unter den Korrespondenten finden sich die Schweizerische Botschaft Berlin, das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Person von Herbert, der Deutsche Akademische Austauschdienst, das Auswärtige Amt, das Deutsche Studienwerk für Ausländer sowie die Schweizer Historiker Richard Feller und Anton Lagiadèr. Thematisiert werden die Lage der Schweizer Mediävistik, die Propaganda der „Feindmächte“ in dem neutralen Land, Absichten zur Errichtung einer ständigen Stelle eines Schweizer Mitarbeiters beim Reichsinstitut (mit Einladung der Stipendiaten Adolf Reinle und Eugen Bürgisser) und insgesamt der Versuch, eine Einflussnahme auf die Schweizer Geschichtswissenschaft zu erreichen. Faszikel B 577 enthält Materialien zu einer weiteren Vortragsreise von Mayer nach Rumänien und Briefwechsel mit rumänischen Wissenschaftlern wie z.B. Alexandru Marcu.
  • Geschichtspolitik im Sinne der NS-Ideologie in besetzten Gebieten offenbaren Akten von 1939 bis 1941 in Faszikel B 556 zur von Stengel geplanten Edition der deutschen Überarbeitung der alttschechischen Chronik des sogenannten „Dalimil“. Die Aufnahme auch der tschechischen Fassung in die MGH wird dabei angesichts der politischen Umstände nach der Eingliederung des Sudetenlandes und der Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ als ‚nationale Pflicht‘ angesehen. Die Korrespondenzpartner Stengels sind der Volkstumsforscher Bruno Schier, die Slawisten Ferdinand Liewehr und Max Vasmer, der Historiker Wilhelm Wostry sowie die Gruppe Unterricht und Kultus beim Reichsprotektor in Böhmen und Mähren. Der Editionsauftrag wurde an Liewehrs Schüler Karl Rösler übertragen. Die politische Brisanz des Projekts wird in den Bedenken des Reichsprotekorats, die Berücksichtigung des tschechischen Texts könne bei den Deustcehn Ärger erregen, deutlich. In Faszikel B 557 befinden sich Korrespondenzen von 1941 bis 1942 zur ebenfalls von Stengel beabsichtigten Herausgabe der Miniaturen des „Brünner Schöffenbuchs“ mit rechtsikonographischen Ausführungen der österreichischen Historikerin Gertrud Schubart-Fikentscher. Stengel warb bei Adolf Hitler persönlich um finanzielle Unterstützung in Hinblick auf die Werbewirkung des Werks für ‚deutsches Wesen‘ in Böhmen.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/4036

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“Neue alte Sachlichkeit” – Ein Einführungstext stellt sich zur Diskussion

Seit dem Jahr 2003 fördert die DFG „Wissenschaftliche Netzwerke“, die auf Initiative von Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern einen fachübergreifenden Dialog zu einem ausgewählten Thema etablieren. Romedio Schmitz-Esser und ich ergriffen im Sommer 2009 diese Gelegenheit, um einer gemeinsamen Leidenschaft folgend den Dingen des Mittelalters auf den Grund zu gehen.

Wir wussten erstaunlich wenig von dem, auf was wir uns unter dem Titel „Neue alte Sachlichkeit“ einließen. Von einem ‚material turn’ in den Geisteswissenschaften hatten wir damals noch kaum etwas läuten gehört und die ArchäologInnen und KunsthistorikerInnen des dreizehnköpfigen Teams hießen uns wohlwollend lächelnd auf ‚ihrem’ altgewohnten Forschungsterrain willkommen. Die ebenso kontroversen wie konstruktiven Diskussionen der folgenden Jahre erschlossen uns einen ganzen Kosmos innovativer Ideen und Impulse. Der nunmehr in Vorbereitung befindliche Sammelband unternimmt den Versuch, diese Vielfalt an Impressionen konzeptionell zu bündeln und in einen Einführungstext zu überführen, der sich wiederum an Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler richtet.

Im Hinblick auf die inspirierenden Erfahrungen der Netzwerkarbeit möchten wir diesen Schritt ebenfalls nicht in stiller Heimarbeit vollenden. Wir freuen uns daher über die Gelegenheit, auf diesem Forum der avisierten Zielgruppe einen ersten Textentwurf vorstellen zu dürfen. Erneut erhoffen wir uns eine reiche Ernte an weiterführenden Einwürfen und Anmerkungen. Dabei geht es sowohl um jene Denkanstöße und Details, die aus Sicht benachbarter Disziplinen zu kritischen Nachfragen provozieren. Ebenso dankbar sind wir für generelle Statements zum Stand mediävistischer Dingwissenschaften, für Literaturhinweise und Korrekturanmerkungen. Zentrales Anliegen unseres Bandes ist es, eine disziplinübergreifende Diskussion über die Dinge der Vergangenheit zu fördern. Damit möchten wir möglichst schon vor der Drucklegung beginnen.

Die Vorpublikation an dieser Stelle versteht sich als Experiment, dessen Fragestellung lautet: Können Blogs als niederschwellige Medien wissenschaftlicher Kommunikation einen Beitrag zu Qualität und interdisziplinärer Anschlussfähigkeit von Printpublikationen leisten? Sind sie ein geeigneter Ort des Austausches fachlicher Expertise? Oder gelten die interessen der User – was völlig legitim wäre – eher dem schnellen Meinungsaustausch über Detailprobleme, etwa die Zitierfähigkeit der wikipedia? Natürlich mag man bei diesem Versuch die Gefahr wittern, das Forum mit halbfertigen Textentwürfen zu überschwemmen. Wir verstehen es daher ausdrücklich als Privileg, diesen Beitrag hier posten zu dürfen. Längerfristige Strategien lassen sich erst mit Blick auf das Ergebnis entwickeln.

Zum Text: Einführung in die “Neue alte Sachlichkeit”

Das Layout versteht sich als ein Vorläufiges, die zahlreichen in den Text gesetzten Kästen bedürfen noch einer endgüligen Platzierung und optischen Abhebung. Sie verstehen sich vornehmlich als optionale Lektüren außerhalb des Argumentationsganges des Haupttextes.

 

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/3904

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Zitierpflicht für Wikipediaartikel – und wenn ja, für welche und wie?

Enzyklopädische Artikel aus Projekten wie dem Brockhaus oder der Encyclopedia Britannica können in wissenschaftlichen Arbeiten nicht zitiert werden, denn die Autoren1 der Artikel sind nur der Redaktion bekannt, nicht aber dem Leser. Dabei verfügen die ehemaligen Autoren der Brockhaus-Artikel über hohe wissenschaftliche Qualifikation, über 51 Prozent sind habilitiert, ein weiteres Drittel ist promoviert und die Verbleibenden besitzen einen universitären Abschluss.2

Ganz anders und doch vergleichbar sollte es bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia sein. Etwa sieben Prozent der angemeldeten Autoren sind promoviert3 und von vielen Autoren ist der Stand ihrer Ausbildung nicht bekannt. Den Artikeln können zwar Autoren zugeordnet werden, aber nur wenige der Autoren melden sich unter ihrem Klarnamen an. Der ganz überwiegende Teil der angemeldeten Autoren schreibt im Schutz eines Pseudonyms. Mehr noch, bei der Hälfte aller Veränderungen werden nur die Internetprotokoll-Adresse (IP) der Rechner, von denen diese Veränderungen ausgingen gespeichert. Wer der Autor ist, bleibt völlig unklar.

Unter diesen Voraussetzungen ist es kaum möglich einen Wikipedia-Artikel sauber, und wissenschaftlich korrekt zu zitieren, egal mit welcher Sorgfalt es versucht wird. Zwar ist es möglich auf sogenannte feste Versionen zu verlinken, deren Text so unveränderlich wie ein gedruckter ist, aber das Problem der fehlenden Zuordnung zu einem oder mehreren Autor/en bleibt.4 Dieser Status quo – die Wikipedianer wünschen sich zitiert zu werden, die Wissenschaft kann nicht zitieren, weil die Autorenangaben fehlen – hat sich seit Jahren kaum geändert, oder wie es aktuell formuliert wurde: „Jeder benutzt sie, keiner zitiert sie“.5

Allerdings gibt es drei Bedingungen, die, wenn sie erfüllt sind, dazu führen sollten, dass ein Artikel der Wikipedia wissenschaftlich korrekt mit Autorenangabe zitiert werden könnte. Diese Bedingungen sind zwar schwer zu erreichen, aber bei momentan 1,7 Mio. Artikeln in der deutschsprachigen Wikipedia, sollte es doch einige geben, die diese Anforderungen erfüllen. Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, einen Weg zu suchen, alle Wikipediaartikel wissenschaftlich zitierfähig zu machen – das kann aufgrund der von einem kollaborativen Ansatz ausgehenden Gesamtkonstruktion nicht funktionieren –, sondern umgekehrt zu schauen, unter welchen Bedingungen Artikel zitiert werden könnten und dann aber auch zitiert werden müssten, da sie einem oder mehreren Autor/en klar zuordenbar sind.

Die drei Bedingungen sind folgende: (1) Klarname: Der Hauptautor muss namentlich bekannt sein, (2) quantitativer Anteil: dessen Anteil am Text muss eine bestimmte Grenze überschreiten und (3) qualitative Korrektheit: der Autor muss die Korrektheit der zitierten Artikelversion verantworten.

Nun bietet die Wikipedia-Datenbank alle Möglichkeiten, um die Erfüllung dieser Bedingungen zu überprüfen.

Denn neben den Texten der Artikel speichert die Datenbank auch alle Veränderungen und alle zugehörigen Autoren zeichengenau in der Versionsgeschichte ab. Aufgrund dieser Metadaten lässt sich exakt nachweisen, wer wann welches Zeichen geschrieben oder verändert hat. Im Durchschnitt stehen pro Artikel etwa 50 Versionen zur Verfügung. Diese Daten „von Hand“ durchzuschauen ist äußerst zeitaufwendig, seit einigen Jahren haben Programmierer aber Werkzeuge (weiter-)entwickelt, mit denen sich die Versionsgeschichte maschinell auswerten lässt. So kann leicht und schnell ermittelt werden, wie groß der quantitative Anteil eines Autors am Artikeltext ist.6 Für diese Autorenanteile wurden Durchschnittswerte ermittelt: So verfassen etwa 2,6 Nutzer mehr als fünf Prozent eines Artikeltextes. Im Schnitt schreibt ein Hauptautor etwa 70 Prozent des Textes und ein zweiter Autor trägt noch einmal 13 Prozent bei. Im Durchschnitt lassen sich also 83 Prozent eines Artikels zwei Autoren eindeutig zuordnen.7

Natürlich gibt es auch viele Artikel, an denen über 3 000 Autoren mitgeschrieben haben und an denen aufgrund der hohen Dichte verschiedener Bearbeiter kaum jemand mehr als zehn Prozent beigetragen hat.8 Bei diesen Artikeln erreicht kein Autor die Grenze der eindeutigen Zuordenbarkeit und die Artikel sind deshalb nicht zitierfähig.

Um zitierfähige und damit auch zitierpflichtige Artikel zu sein, müssen die oben genannten Bedingungen wie folgt erfüllt sein:

(1) Der Hauptautor muss sich unter seinem Klarnamen angemeldet haben. Dies betrifft momentan etwas über sieben Prozent aller angemeldeten Autoren.9 Die Möglichkeit zu den im Artikel gegebenen Informationen eine reale Person zuzuordnen, ist nur bei diesen gegeben.10

(2) Beim quantitativen Anteil sollten mindestens die Durchschnittswerte überschritten sein, der erste Hauptautor sollte also mindestens 70 Prozent und der zweite Hauptautor mindestens 13 Prozent des Artikels verfasst haben. Oder der Anteil eines einzelnen Hauptautors am Text muss über diesen 83 Prozent liegen. Je spezieller ein Thema, umso eher ist diese Bedingung erfüllt. Je allgemeiner, umso mehr Autoren fühlen sich berufen kollaborativ etwas beizutragen.

(3) Der Hauptautor muss die qualitative Korrektheit der Artikelversion garantieren. Er verantwortet, dass beispielsweise ein falsch eingefügtes „nicht“ den Sinn nicht komplett entstellt, sondern wieder entfernt wird. Dies ist am meisten gegeben bei Artikeln, die durch einen Begutachtungsprozess gelaufen sind und als Prädikat den Status „Lesenswert“ oder „Exzellent“ erhalten haben. Bei der Version, die am Ende dieser Begutachtung steht, ist vergleichsweise sicher, dass der Hauptautor alle Veränderungen aktiv beobachtet hat und diese Artikelversion korrekt ist.

Artikel für die diese drei Bedingungen erfüllt sind, Klarname des Autors bekannt, Autor ist quantitativ für mindestens 83 Prozent des Textes verantwortlich und zum Zeitpunkt einer Begutachtung steht der Autor dafür ein, dass diese Artikelversion qualitativ korrekt ist, wären zitierfähig.

Als Beispiele sollen hier zwei Artikel von Frank Schulenburg genannt werden. Der Autor ist der sogenannten Wikipedia-Community vertraut, war er doch 2005 Administrator der Wikipedia und hat in größerer Zahl Edits beigetragen. Er ist aber auch im Wissenschaftsbereich bekannt, hat an der Universität Göttingen studiert und arbeitet heute im Wikipedia-Hochschulprogramm in den Vereinigten Staaten. Da er unter seinem Klarnamen bekannt ist und auch so bei Wikipedia angemeldet, wäre damit die erste Bedingung (Klarname) erfüllt.

Am Wikipediaartikel über den französischen Autor „Claude Bourgelat“ hat Frank Schulenburg etwa 96 Prozent geschrieben. Da die Anteile aller anderen Autoren sich auf die Korrektur von Formalien und Tippfehlern beschränken, wäre auch die zweite Bedingung (quantitativer Mindestanteil) erfüllt. Zudem wurde der Artikel „Claude Bourgelat“ am 26. April 2008 nach einem von Frank Schulenburg begleiteten Begutachtungsprozess in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen. Der Hauptautor steht dafür, dass diese Version qualitativ korrekt ist, damit wäre auch die dritte Bedingung erfüllt. Werden nun Informationen aus diesem Artikel zitiert, müsste also korrekt angegeben werden:

Art. „Claude Bourgelat“, bearb. von Frank Schulenburg u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Oktober 2013, 11:53 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Claude_Bourgelat&oldid=123217566 (Abgerufen: 8. Mai 2014).

Das gleiche gilt beispielsweise für die Artikel zu „John Hunter (Chirurg)“11 oder zu „Johann Heinrich Zedler“12, bei denen Frank Schulenburg 90 und 92 Prozent verfasst hat. Oder für verschiedene Artikel des mit seinem Klarnamen angemeldeten Historikers Hans-Jürgen Hübner, wie die „Geschichte der Tr’ondek Hwech’in First Nation“13, die „Urgeschichte Italiens“14, die „Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig“15 oder der Artikel zum „Francesco Datini“16, die Anteile Hübners liegen hier bei 98 Prozent, zwei Mal 96 Prozent und 91 Prozent.

Die Zahl der solchermaßen zitierfähigen Artikel kann aufgrund der kollaborativen Arbeit nicht sehr hoch sein, aber es macht künftig eine grundsätzliche Prüfung notwendig, wenn aus der Wikipedia Informationen entnommen werden, ob damit nicht in dem Fall gegen die mögliche Zitierpflicht mit Autorenangabe verstoßen wird. Es gibt also künftig nicht mehr einfach die Ausrede „Jeder benutzt sie, keiner zitiert sie“, sondern für jede einzelne Information ist zu prüfen – und das ist der große Unterschied zu den früheren gedruckten Enzyklopädien wie Brockhaus oder Encyclopedia Britannica – ob nicht gerade dieser Artikel die Hürden für die Zitierfähigkeit überschreitet und dann zitiert werden muss.

Die Wikipedia sollte die notwendigen Werkzeuge schnell allen Benutzern der Datenbank verfügbar machen, denn die Benutzer kommen nach dem Gesagten um eine genaue Prüfung, zur Vermeidung von Verstößen gegen das Urheberrecht, nicht mehr herum. Auch der Verweis darauf, dass die Wikipediainhalte ja vermeintlich frei sind, ändert daran nichts, denn die zugrundeliegende Creativ Commons Lizenz beinhaltet explizit die „Namensnennung — Sie müssen die Urheberschaft ausreichend deutlich benennen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung des Werks besonders.“17

Künftig gilt für den Umgang mit der Wikipedia: Jeder der sie benutzt, muss prüfen, ob er sie unter bestimmten Umständen nicht sogar mit Autorenangabe zitieren muss.

1     Wenn im Folgenden überwiegend die Form „Autor“ oder „Hauptautor“ verwendet wird, hat dies allein Lesbarkeitsgründe, mitzudenken sind sowohl die Formen „Autorin“ oder „Hauptautorin“ sowie „Autoren“ oder „Hauptautoren“.

2     Vgl. Brockhaus, 17. Auflage, Band 20: Wam-ZZ, Wiesbaden 1974, S. 827–835: Bei 1445 namentlich aufgelisteten Autoren. Der Anteil der Autorinnen liegt bei nur sechs Prozent.

3     Vgl. Ruediger Glott, Philipp Schmidt, Rishab Ghosh: Wikipedia Survey – Overview of Results. 2010. Online: http://www.wikipediasurvey.org/docs/Wikipedia_Overview_15March2010-FINAL.pdf (Abgerufen: 13.12.11), S. 7.

4     Johannes Becher, Viktor Becher: Gegen ein Anti-Wikipedia-Dogma an Hochschulen. Warum Wikipedia-Zitate nicht pauschal verboten werden sollten, in: Forschung und Lehre 18 (2011), H. 2, S. 116–118; Maren Lorenz: Der Trend zum Wikipedia-Beleg. Warum Wikipedia wissenschaftlich nicht zitierfähig ist, ebd., S. 120–122.

5     Stellungnahme des Verlags C. H. Beck zu Plagiatsvorwürfen bezüglich des Buches „Große Seeschlachten. Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skagerrak“ (München 2013), vgl. online: http://chbeck.de/_assets/pdf/pm_grosse-seeschlachten.pdf (Abgerufen: 9. Mai 2014).

6     Vgl. online: https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:APPER/WikiHistory (Abgerufen: 9. Mai 2014) und online: https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:APPER/WikiHistory/Programm (Abgerufen: 11. Mai 2014).

7     Vgl. online: https://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:APPER/WikiHistory/Autorenbestimmung (Abgerufen: 11. Mai 2014).

8     Beispielsweise der Artikel „Deutschland“ mit 3 460 Bearbeitern, vgl. online: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschland (Abgerufen: 9. Mai 2014).

9     Vgl. die Erhebung von Jürgen Engel im Jahr 2011 unter online: http://gemekon.de/dokumente/protokoll.pdf (Abgerufen: 11. Mai 2014), S. 2.

10    Zusätzlich zur Klarnamenanmeldung, die missbraucht werden könnte, gibt es die Möglichkeit das Benutzerkonto gegenüber dem Support-Team mit der E-Mail-Adresse einer Institution zu verifizieren.

11    Art. „John Hunter (Chirurg)“, bearb. von Frank Schulenburg u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 15. November 2013, 08:52 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=John_Hunter_(Chirurg)&oldid=124478660 (Abgerufen: 15. Mai 2014).

12    Art. „Johann Heinrich Zedler“, bearb. von Frank Schulenburg u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Februar 2014, 18:38 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Johann_Heinrich_Zedler&oldid=127940244 (Abgerufen: 8. Mai 2014).

13    Art. „Geschichte der Tr’ondek Hwech’in First Nation“, bearb. von Hans-Jürgen Hübner u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. Mai 2014, 21:01 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Geschichte_der_Tr%E2%80%99ondek_Hwech%E2%80%99in_First_Nation&oldid=130047818 (Abgerufen: 15. Mai 2014).

14    Art. „Urgeschichte Italiens“, bearb. von Hans-Jürgen Hübner u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 5. Mai 2014, 13:47 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Urgeschichte_Italiens&oldid=130119732 (Abgerufen: 8. Mai 2014).

15    Art. „Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig“, bearb. von Hans-Jürgen Hübner u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. Mai 2014, 06:21 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wirtschaftsgeschichte_der_Republik_Venedig&oldid=130140526 (Abgerufen: 8. Mai 2014).

16    Art. „Francesco Datini“, bearb. von Hans-Jürgen Hübner u.a., in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 28. März 2014, 09:49 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Francesco_Datini&oldid=128974223 (Abgerufen: 15. Mai 2014).

17    Vgl. online: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de (Abgerufen: 9. Mai 2014).

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Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/3721

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DFG-Projekt: Historische Bio-Bibliographien als OPAC-Bausteine an den Monumenta Germaniae Historica

Durch das vom 01. Juni 2011 bis 30. Mai 2013 von den Monumenta Germaniae Historica bearbeitete DFG-Projekt „Historische Bio-Bibliographien als OPAC-Bausteine“ wurde eine Web 2.0-kompatible Erweiterung der Sacherschließung im OPAC der MGH-Bibliothek vorgenommen. Sie erfolgte durch die Einbindung der Personennamen aus der Gemeinsamen Normdatei GND (bzw. vorher der Personennamendatei PND) der Deutschen Nationalbibliothek auf Grundlage bereits digitalisierter historischer Bio-Bibliographien.

Die Bibliothek der MGH als international renommierte Spezialbibliothek mit ca. 140.000 Bänden und umfangreichste Sondersammlung für das europäische Mittelalter trug mit dem Projekt zur Verbesserung einer wissenschaftlich gesicherten Erschließung mittelalterlicher Personen bei. Durch den Abgleich mit der Normdatei GND werden die digitalisierten Bio-Bibliographien in kritischer Form neu für die wissenschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt.

1.) Historische Bio-Bibliographien

Grundlage des Projekts waren folgende Werke:

- Trithemius, Johannes: Liber de scriptoribus ecclesiasticis. Basileae: Amerbach 1494 (= Hain 15613; Klebs 0990,1; BMC III 755; BSB-Ink T-459), http://www.mgh-bibliothek.de/cgi-bin/trithemius.pl?blatt=-5&rv=r

- Fabricius, Johann Albert: Bibliotheca latina mediae et infimae aetatis (5 Bde., 1734- 1736), (Digitalisat der neusten Ausgabe in 3 Bänden, ed. D. Mansi, Florenz 1858), http://www.mgh.de/bibliothek/digitale-bibliothek/hifo/fabricius/

Obwohl sachlich überholt, handelt es sich beim „Liber de scriptoribus ecclesiasticis“ von Trithemius um eine bedeutende Quelle zur spätmittelalterlichen Bildungsgeschichte. Die „Bibliotheca latina mediae et infimae aetatis“ steht in der Tradition des Trithemius, den Fabricius – neben zahlreichen frühneuzeitlichen bio-bibliographischen Verzeichnissen und Quellenzusammenstellungen – nahezu vollständig ausgewertet hat.

Für die einzelnen Lemmata der beiden Bio-Bibliographien wurden jeweils eigene, über den OPAC der MGH-Bibliothek abrufbare Datensätze angelegt. Trotz der Abhängigkeit des Fabricius von Trithemius kam es nicht zu einer werkübergreifenden Zusammenführung der Lemmata.

Zusätzlich wurde im Projektzeitraum erschlossen:

- Trithemius, Johannes, Cathalogus illustrium virorum, Mainz 1495 (=Hain 15615)

Die MGH-Bibliothek stellt in ihrem OPAC darüber hinaus in gleicher Weise die Lemmata der im Internet verfügbaren „Catholic Encyclopedia (CE)“ und des „Bio-Bibliographischen Kirchenlexikons (BBKL)“ aus dem Bautz-Verlag zur Verfügung.

2.) Durchgeführte Arbeiten

Die in den Lemmata der digitalisierten Bio-Bibliographien verzeichneten mittelalterlichen (bei Trithemius teils antiken) Autoren wurden mit der Gemeinsamen Normdatei (GND) der Deutschen Nationalbibliothek abgeglichen. Im Fall eines bereits existierenden Personensatzes der GND erfolgte dessen Einspielung in den MGH-OPAC unter Verknüpfung mit den entsprechenden Datensätzen aus Trithemius und Fabricius. Bei diesen übernommenen GND-Datensätzen musste in etwa 300 Fällen eine Änderung vorgenommen werden. Diese bezog sich meist auf die Ergänzung von Verweisungsformen bei den Namen. Bei rudimentären GND-Sätzen waren teilweise aber die Zufügung biographischer Informationen zur Verbesserung der Erschließung, aber auch Korrekturen nötig.

Für Autoren, die bisher noch nicht in der Normdatei der GND erfasst waren, mussten Neuansetzungen vorgenommen werden. Im Zeitraum des Gesamtprojekts wurden dabei neue GND-Sätze für ca. 1450 Personen angelegt. Die Recherchen stützten sich in erster Linie auf BISLAM (Online-Datenbank im System „Mirabile“ von SISMEL in Florenz) und dem auf Mikrofiche publizierten „Biographical Archive of the Middle Ages“ (BAMA/WBIS) des Saur-Verlags. Darüber hinaus wurden weitere digitale und gedruckte Nachschlagewerke wie das „Oxford Dictionary of National Biography“ oder das „Dizionario Biografico degli Italiani“ herangezogen.

Bei der Abgleichung wie Neuerstellung von GND-Sätzen ergaben sich verschiedene Probleme. Aufgrund der häufig sehr unzureichenden Informationen bei Fabricius stellte sich die Überprüfung einzelner von ihm lemmatisierter Personen an den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung in manchen Fällen sehr schwierig dar. Sie verlangte daher einen langwierigeren Rechercheaufwand, der sich aber als notwendig erwies, um falsche Neuansetzungen, und damit Doppelungen, zu vermeiden. Problematisch erschien auch die Neuansetzung von Autoren, die trotz ausführlicher biographischer Hinweise von Fabricius nicht in neueren Nachschlagewerken oder neuerer Forschungsliteratur nachgewiesen werden konnten. In solchen Fällen wurde bei der Anlegung des GND-Satzes ausdrücklich auf die unsichere Identität der Person hingewiesen.

Zu den Problemen bei der Umsetzung historischer Namenszeugnisse auf eine Normdatenbank siehe den Aufsatz der Projektbearbeiterin: „DFG-Projekt ‚Historische Bio-Bibliographien als OPAC-Bausteine’ an den Monumenta Germaniae Historica – Probleme bei der Erschließung mittelalterlicher Personennamen“ (in: Bibliothek. Forschung und Praxis, Preprint-Artikel: http://www.mgh-bibliothek.de//dokumente/b/b072526.pdf)

3.) Errichtung einer BEACON-Schnittstelle

Um die Personendaten über die PND/GND und den MGH-OPAC hinaus nutzen zu können, wurde eine BEACON-Schnittstelle geschaffen.

Folgende BEACON-Dateien sind über die Homepage der MGH zu erreichen:

- http://www.mgh-bibliothek.de/beacon/trithemius

- http://www.mgh-bibliothek.de/beacon/trithemius_cathalogus

- http://www.mgh-bibliothek.de/beacon/fabricius

- http://www.mgh-bibliothek.de/beacon/mghopac

- http://www.mgh-bibliothek.de/beacon/cathen

Diese BEACON-Dateien sind in technischer Form über folgende URL verfügbar, wobei für “GND” die jeweilige GND-Nummer zu setzen ist: http://www.mgh.de/services/seealso/?id=GND

Die Schnittstelle ist dokumentiert unter:

http://www.mgh.de/datenbanken/beacon/

Für die externen Links wird der SeeAlso-Service von beacon.findbuch.de abgefragt. Alle BEACON-Dateien wurden im zentralen Nachweis bei der Wikipedia eingetragen (http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia%3ABEACON). Die spezielleren Angebote „Fabricius“ und „Trithemius“ fanden Aufnahme unter die „weiteren Informationen“ des ABD/NDB-Portals in der neugeschaffenen Rubrik „historische Lexika“ (vgl. z.B. http://www.deutsche-biographie.de/sfz64782.html#adb für Johannes Trithemius als historische Person).

4.) Ergebnisse

Durch die Vernetzung der Personenerschließung des MGH-OPAC und der Erschließung der Digitalisate zu einem Web 2.0-kompatiblen Gesamtangebot ergibt sich ein Beitrag zur Anreicherung der Literaturerschließung. Der OPAC wird als bibliographisches Subsystem für beliebige Web-Angebote nutzbar. Die Gemeinsame Normdatei (GND) erfährt eine Erweiterung durch die Neuanlegung von Datensätzen zu bisher nicht erschlossenen mittelalterlichen Autoren. Das Projekt stellt insgesamt die Voraussetzung für ähnlich gelagerte künftige Erschließungen historischer Forschungsumgebungen wie z.B. der Magdeburger Centurien dar.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/3137

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Carolingian Critters III: Munich, BSB, Clm 6253

Munich, BSB, Clm 6253, fol. 243r

The pick of today is slightly less Carolingian than the other critters that were paraded here. It is another manuscript from Bayerische Staatsbibliothek in Munich with a shelfmark Clm 6253. Clm 6253, the first volume of a three-volume copy of Expositio Psalmorum of Cassiodorus[1], was produced at Freising in the second quarter of the ninth century, during the times of Hitto (811/812-836) and his nephew Erchenbert (836-854).[2] This period saw copying of as many as forty books identified by Bischoff and thus a significant growth of the scriptorium of the Freising cathedral.[3] Originally, a complete set of three manuscripts was copied at Freising, but of these only the first two volumes survive, now Clm 6253 and Clm 6254.[4]

The manuscripts, as it seems, were stationery as is evidenced by the ownership marks of the Freising cathedral from the twelfth (Clm 6254) and fifteenth century (Clm 6253). Nevertheless, the three volumes of the Expositio were tied to other manuscripts in the area, and it cannot be excluded that they left Freising for short periods of time. According to Bischoff, two surviving volumes of the Expositio Psalmorum from the Abbey of saint Emmeram in Regensburg, Clm 14077 and Clm 14078[5], were copied from the Freising volumes.[6] Bischoff dates their copying to the third quarter of the ninth century, i.e., shortly after the production of the Freising exemplars themselves. This implies movement of books and/or people between the two intellectual centers, particularly since the copyist of the St. Emmeram volumes might have been trained at Tegernsee, a foundation some 80 km south of Freising. The hand of the same scribe can be seen in many other St. Emmeram books from the period, a sign that we should speak not of a casual migration but a transplantation of a particular skilled individual from one center to another.

Cassiodorus in the early Middle Ages

Together with Augustine’s Ennaratio in Psalmos and with somewhat younger Glosa ex traditione seniorum (first half of the 7th century) compiled from Patristic sources, Cassiodorus’ Expositio was the basic reference toolkit for the study of the Psalms up to the times of Lanfranc of Bec (11th century) and of Anselm of Laon (d. 1112).[7] The centrality of Cassiodorus’ exposition, which was the only continuous exposition of the whole Psalter, is best attested by the fact that since the early medieval times, Cassiodorus’ running commentary was appropriated multiple times, including as a marginal commentary, as an epitomized one-book version and as tituli, i.e., short summaries of Psalms, which were attributed to Bede.[8] Younger, derivative commentaries such as the Breviarium of ps-Jerome (mid-seventh century) and the marginal commentary on the Psalms once attributed to Bruno of Würzburg (c. 1005-1045) drew heavily on Cassiodorus, blending his exegesis with that of Augustine and, in case of the latter, of ps-Jerome. It is not surprising then, that, as Stoppacci shows in her overview of the transmission of the text, a copy of the Expositio was present in almost every major Carolingian monastic centre.[9]

Yet, Cassiodorus’ commentary itself did not attract annotators, at least none working very intensely, a fact easy to understand, given that the material from Cassiodorus was rather exported into Psalters and pandect Bibles. Clm 6253, nevertheless, suggests that even the Expositio could have been occasionally annotated.

Annotations in Clm 6253

Many marginalia can be found in Clm 6253, starting from the critical sigla that were integral to the text itself[10] and copied into Clm 6253 by the hand of the main scribe. At least three, and probably more, other hands were active in the margin after the manuscript was produced. Of these those that interests us here belong to scribes writing between the tenth and the eleventh century, whose annotating activity is first visible in fol. 5r as a probation Dominus deus.[11] This same series of hands added Cassiodorian sigla to some passages, e.g. in fol. 262v[12], it also added nota signs, made minor corrections, occasionally glossed the text[13], and most importantly these hands contributed also six larger annotations (A-F).

The transcription below first gives the passage/element from the Expositio to which the annotations are tied by means of their position (A, D, E) or by signes de renvoi[14], and then the text of the excerpts as it is found in the manuscript in italics. The source of the annotation is then given, and further comments are provided as necessary.

 

A. annotation to two of the Cassiodorian critical signs, Praef. 10-11 (10r)

(chi et rho): Crisimon haec sola ex uoluntate uniuscuiusque ad aliquid notandum ponitur.

(pi et rho): Biatro id est frontis haec ubi aliquid obscuritatis est ob sollicitudinem ponitur.

Source: Isid. Etym. 1.21.22-23; Cassiodorus provides explanation of the signs in Interpretatio notarum in folia 1v-3v of Clm 6253 as hoc in dogmatibus vel de necessariis (chi et rho), and hoc in definitionibus (pi et rho).

 

B. annotation to Ps. 2, 10 (32r)

Ubi oritur pulcherrimum deliberativum dicendi genus: Genera causarum sunt quattuor, deliberativum, demonstrativum, iudicale. Deliberatiuum genus est in quo de quibuslibet utilitatibus vitae quod aut debeat aut non debeat fieri tractatur. Demonstratiuum est in quo laudabilis persona aut vituperabilis ostenditur Iudicale in quo de eius prius personae facto aut poenae aut praemii sententia datur. Dictum autem iudicale eo quod iudicet hominem et sententiam suam ostendat utrum laudabilis praemio dignus sit, aut certe reus condemnari liberarique supplicio. Deliberativum genus uocatur eo quod de unaquaque re in eo deliberatur. Demonstrativum dictum quod unamquamque rem aut laudando aut uituperando demonstrat.

Source: Isid. Etym. 2.4.1-5; the excerpt in Clm 6253 contains some notable variants/errors with respect to the text of the Etymologies, including quattuor instead of tria (an error of reasoning, or of transcription?), and vituperabilis for reprehensibilis, which have no parallel among manuscripts used by Lindsay for his edition of the Etymologiae[15], nor is to be found it in the digitized manuscripts available online.[16] The corruption in quo de eius prius instead of in quo de ipsius has parallel in two manuscripts. Lindsay’s K (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, MS Weiss. 64, s. 8, ½, Bobbio) reads in quod ei prius and a similar corruption occurs also in Lindsay’s A (Milan, Biblioteca Ambrosiana, MS L 99 sup., s. 8, Bobbio), where one reads in quo ei prius.[17] Presence of the variant might thus imply what was the provenance of the original used in the excerpt, although it does not say much about how the original was used, e.g., whether a florilegium was not consulted. Also, this error strikes me as an error that could have arisen spontaneously from writing, as the graphemes for r and s are to some extent interchangeable, but not from hearing, perhaps an indicator of an alternative emergence.

 

C. annotation to Ps. 4, divisio Psalmi (37v)

Et ideo sub figura mythopoeia, ecclesiam dicamus loqui: Ethopopeya est, cum sermonem ex aliena persona inducimus, ut hic David sub persona ecclesiae.

Source: Isid. Etym. 2.21.32.

 

D. annotation to Ps. 4, 3 (38v)

Cum superiori uersu pro nobis orauerit, hic per energiam alloquitur genus humanum: Energia est rerum gestarum aut quasi gestarum sub oculis inductio.

Source: Isid. Etym. 2.21.33.

 

E. annotation to Ps. 38, 12 (243r)

Hieronimi. tabescit anima cum caro luxuriis et concupiscentiis refrenatur. Tabescere hoc est obstupescere de anterioribus delictis. Et hoc intellegendum est ut ad tantam subtilitatem per abstinentiam decoquatur, ut ad instar filiorum illorum deducatur.

Sources: ps-Jerome, Breviarium to Ps. 38, 12[18]; and Bruno of Würzburg, Expositio Psalmorum to Ps 38, 12.[19] While the two potential sources of the excerpt contain the same text, there are two indicators that rather than from a copy of Breviarium, this excerpt was taken from the Expositio attributed to Bruno of Würzburg. First, E is the only excerpt in Clm 6253 that is tagged with the source name, Hieronimi. Such a tag, a reference to the Breviarium, can be found in the Expositio.[20] Second, the Breviarium differs from Expositio of Bruno by containing caro a luxuriis instead of caro luxuriis.[21]

 

F. Annotation to Ps. 48, 4 (291v)

Sapientia pertinet ad mysteria diuina declaranda; prudentia uero ad mores probabiles instruendos; sic omnis sermo diuinus duabus his uirtutibus plenissimus indicatur: Hinc enim quae narraturus est inchoauit, quod sint uerba sua mirabili prius complexione describens, ut omnes desideranter quaererent quod promissum sub tali praedicatione sentirent. Sapientia pertinet ad res divinas edocendas, prudentia ad mores probabiles instituendos; sic omnis sermo divinus duabus his virtutibus indicatur.

Source: section Sapientiainstituendos taken from Hraban Maur, De rerum naturis 6.1.[22] The annotator also made a correction of a large lacuna at the end of Ps 48, 4 in the same folio. Such a correction could have been made from another exemplar of Cassiodorus’ running commentary or from Cassiodorian material in a form of a marginal commentary.

Ps-Jerome, (Ps-)Bruno from Würzburg or someone else?

The presence of excerpts A-D and F in Clm 6253 is to some extent explainable by them being derived from encyclopedic texts. The E is distinct from the rest and worth of additional attention. Of the six annotations, this is the only one that comes from a non-encyclopedic source, a commentary even. Such a text can to be expected to turn up in the margin, naturally, but a margin of a different book – a Psalter. A somewhat similar comment on Ps 38, 12 can be, for example, found in the famous annotated Psalter, St. Gallen, Stiftsbibliothek, MS 27 (850-860, St. Gallen).

How come then that we can see a Psalm commentary in the margin of another Psalm commentary?

The history of commentaries on the Psalter is in its nature similar to the history of commentaries on many Classical texts such as that of Martianus Capella, Boethius and Terence.[23] As Margaret Gibson observes, already early after Cassiodorus, commentaries began to emerge which were in effect compilations of earlier material.[24] They were freely assembled from loose capsules of learning and only gradually solidified into traditions, although there was always some room to add or subtract something, and otherwise engage with the little parcels of learning. Already around 800, there were advanced psalteria cum sua expositione, i.e., Psalters with commentaries, which were purposefully inserted into the margin, but which were not associated explicitly with a particular author and differed exemplar per exemplar.[25] The first known individual that can be associated with certainty with a Psalm-commentary after Cassiodorus is Lanfranc of Bec from the late eleventh century. Before him, we have the material, but we know little about when, where, and how was the material assembled and re-assembled in the process of transmission. False attribution was common, as was the case with Jerome in case of Breviarium, which is in fact a compilation of Patristic sources, and with Bede in case of the Psalm tituli.

Around 1060, four splendid, almost identical exemplars of a Psalter with marginal commentary were produced at Tegernsee.[26] One of them, Oxford, Bodleian Library, MS Rawl. G 163[27], features a running title Bruno episcopus, which was once thought to refer to the author of the commentary, Bruno, bishop of Würzburg (1005-1045). This is how the commentary can be found in the Patrologia Latina, but thanks to the examination of Margaret Gibson, the attribution was since dropped and it is now believed that the commentary, which falls in line with what was said above about the process of anonymous, flexible compilation, is a house product.[28] This could also explain, why the earliest manuscripts of the commentary come from Tegernsee (c. 1060), and from St. Emmeram, Regensburg (c. 1100)[29], and also why a bit from this commentary-to-be can be found in a manuscript that from Freising, our Clm 6253. As we saw earlier, the three centers had mutual ties that involved exchange of books and people, and of texts as well.[30]

Naturally, we must be very cautious about what we can learn from the excerpt in Clm 6253. One possibility is that E was taken from a Psalm-commentary, perhaps from a manuscript similar to the four manuscripts mentioned above, and gives us thus a micro-glimpse on the prehistory of the commentary ascribed to Bruno of Würzburg. It is, however, likewise possible that what landed in Clm 6253 as an excerpt had separate existence outside a fixed commentary. We must remember that in its most original form, the material presented in E, could be found in the Breviarium of ps-Jerome and is present in encapsulated form akin to that of E already in a Carolingian annotated Psalter, such as St. Gallen 27. Rather than a witness of a particular commentary tradition, that of Tegernsee, the excerpt E should be seen perhaps as symptomatic of the larger and necessarily more vague regional development, a peculiar form of the material from the Breviarium which can be found, among others, also in the Tegernsee commentary. The physical existence of the Tegernsee tradition as we perceive it today rests on four manuscripts, which were copied in a short span of time at a single place, and thus owes more to the incidence of time and place than to an intention, less so to a design of an individual. Or in other words, the Tegernsee manuscripts, as also Gibson points out, are just a peak of the iceberg in a larger, more fluid regional tradition/s, which entailed re-writing and re-assembling of textual resources from the oldest times. Gibson herself hypothesizes that the commentary which emerges in Bavaria with the Tegernsee manuscripts might have had a Carolingian predecessor, and it is perhaps this predecessor, and we can think of a Carolingian annotated Psalter, which supplied Clm 6253.[31]

Conclusion

Clm 6253 provides us with a welcomed probe into the life of a text in the tenth and eleventh century Bavaria. The ninth century manuscript containing Cassiodorus’ commentary on Psalms was clearly still being used and studied in the tenth century and was extended by three other texts, one of which was itself a Psalm-commentary. Although the prototype for this commentary was the Breviarium of ps-Jerome, the annotation derived from it has a particular regional tinge, and is found  in a similar form in the Psalm commentary from the Abbey of Tegernsee available around 1060. The parallelism between the annotation and the Tegernsee commentary may indicate that the commentary was known and used at Freising shortly after the time of its compilation, but it can be equally an independent witness of a more fluid, less consistent tradition with older roots. If the annotations could have been dated more precisely, it would be perhaps possible to assess better what is the relationship between the Breviarium as a proto-source[32], the Tegernsee manuscripts and Clm 6253.

Because of its centrality in the study of the Psalms before the appearance of the early scholastic Psalm-commentaries, Cassiodorus’ Expositio Psalmorum in Clm 6253 seems to have exerted a “gravitational pull” on the material that could have been used in the exposition of the Psalter, whether these were clippings from encyclopedias, or capsules of exegesis on the same text. Yet, the annotation of Clm 6253 never became anything more than a casual enterprise without a clear steer, but in fact, that is what annotations often were at their roots. We will never know why the annotator chose only a single snippet of what was possibly a larger corpus of material to insert into Clm 6253, nor why he chose five other fragments of larger texts to be inserted here and there into the manuscript. Perhaps, we must imagine that his prototype was just a scanty, lightly annotated copy of a Psalter, where capsules of exegesis such as E were most likely to be found. In a long run, the Expositio Psalmorum preserved in Clm 6253 might have been itself a part of the story, as it was a likely source of the marginal annotations for a Carolingian Psalter. Once these eventually coagulated with other annotations into a richer, more fixed corpus, this proto-commentary became the source of the very same annotations by which Clm 6253 was enriched in the tenth century.

[1] This was the original form of Cassiodorian archetype. Majority of the early copies of the Expositio are three-volume. See James W. Halporn, “The Manuscripts of Cassiodorus’ ‘Expositio Pslamorum’,” Traditio 37 (1981): 389.

[2] Dating and localization according to Bernhard Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). II: Laon-Paderborn, Bayerische Akademie der Wissenschaften. Veröffentlichungen der Kommission für die Herausgabe der Mittelalterlichen Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz (Wiesbaden: Harrassowitz, 2004), 234 no. 3008; and Katharina Bierbrauer, Die vorkarolingischen und karolingischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek (Munich: Reichert, 1990) nos. 56-57.

[3] Bernhard Bischoff, Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit: Die vorwiegend Österreichischen Diözesen, vol. 1 (Wiesbaden: Otto Harrassowitz Verlag, 1940), 65–67.

[4] The three Freising manuscripts are discussed in Ibid., 1:108–09.

[5] Their descriptions in Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts (mit Ausnahme der wisigotischen). II, no. 3129; and Bierbrauer, Die vorkarolingischen und karolingischen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek, no. 126. These are volumes one and three of the commentary on Psalms. Of volume two, only fragment survives, now Graz, Universitätsbibliothek, MS 1703/81.

[6] Bischoff, Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, 1:218.

[7] Margaret Gibson, “Carolingian Glossed Psalters,” in The Early Medieval Bible. Its Production, Decoration and Use (Cambridge, 1994), 96. See also Margaret T. Gibson, “The Place of the Glossa Ordinaria in Medieval Exegesis,” in Ad Litteram: Authoritative Texts and Their Medieval Readers (Notre Dame: University of Notre Dame Press, 1992), 5–27.

[8] See Gibson, “Carolingian Glossed Psalters,” 96–97.

[9] Patrizia Stoppacci, “Cassiodorus Senator. Expositio Psalmorum,” in La Trasmissione Dei Testi Latini Del Medioevo, TETRA II (Firenze: SISMEL, 2005), 143–159.

[10] These cues marked certain topics discussed by Cassiodorus and in his words were to be used to more easily access particular passages, e.g. a M-like sign to indicate de musica. See James W. Halporn, “Methods of Reference in Cassiodorus,” The Journal of Library History (1974-1987) 16, no. 1 (1981): 71–91.

[11] My dating is based on the comparison with the Die datierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München, Datierte Handschriften in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland Bd. 4 (Stuttgart: Hiersemann, 1994), Abb. 2.

[12] This annotator was not the only one to add Cassiodorian sigla. Because of their discreteness and minuteness, it is not possible to distinguish when the tenth-century hand is at work, and when another hand writing in light ink made the signs.

[13] I was able to find the following glosses: 12v, 17b, disciplinis: VII. liberalibus artibus; 14r, 17a, cuius: sanctae scripturae; 16v, 15a, drama: fabula; 16v, 19a, schemata: figurae; 34r, 6a, Abessalon: Hebrei dicunt(?); 51v, 17b, aurei oris: Crysostomus; 52v, 25b, pietate: religione; 149r, 20b, catheristae: expurgatos; 164v, 4a, acti: inspirati; 254r, 20b, sibi: id est Iudeis; 254r, 20b, mihi: id est Christo.

[14] The signs used are: a hybrid symbol combining letter h and asterisk (B), antisigma (C), and a hybrid symbol combining letter h and a cluster of dots (F). The h-like symbols are used in Clm 6253 elsewhere as signes de renvoi for corrections.

[15] Cf. Wallace Martin Lindsay, Etymologiarum Sive Originum Libri XX, vol. 1, 2 vols. (Oxford: Clarendon Press, 1911).

[16] I consulted the following online resources: “Europeana Regia | Bibliotheca Carolina,” accessed May 12, 2013, http://www.europeanaregia.eu/en/historical-collections/bibliotheca-carolina; “E-codices – Virtuelle Handschriftenbibliothek Der Schweiz,” accessed May 12, 2013, http://www.e-codices.unifr.ch/; and “Biblioteca Ambrosiana Digital,” accessed May 12, 2013, https://store.codex2.cilea.it/store#/index.

[17] Lindsay, Etymologiarum Sive Originum Libri XX, vol. 1, bk. 2.4.

[18] PL 26, 943b.

[19] PL 142, 168c-d.

[20] At least in the PL edition.

[21] Although there are exemplars of the Breviarium containing the same variant, e.g. Wolfenbüttel, HAB, MS Guelf. 17 Weiss. (first half of the 9th century, Weissenburg), at: http://diglib.hab.de/mss/17-weiss/start.htm?image=00175.

[22] PL 111, 154b; also at: http://www.mun.ca/rabanus/drn/6.html.

[23] See Mariken Teeuwen, “The Pursuit of Secular Learning: The Oldest Commentary Tradition on Martianus Capella,” The Journal of Medieval Latin 18 (2008): 36–51.

[24] Gibson, “The Place of the Glossa Ordinaria in Medieval Exegesis,” 6–12.

[25] See for example Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibliothek, MS Barth. 32 (c. 800), at: http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/msma/content/zoom/3591549.

[26] These were: Munich, BSB, MS Clm 18121; Oxford, Bodl., MS Rawl. G 163; Oxford, Bodl., MS Laud. lat. 96; and Vatican, Biblioteca Apostolica Vaticana, MS Vat. Ross. 184. Described in Christine Elisabeth Eder, Die Schule des Klosters Tegernsee im frühen Mittelalter im Spiegel der Tegernseer Handschriften (Munich: Arbeo-Ges., 1972), 103–106.

[27] Description in A Summary Catalogue of Western Manuscripts in the Bodleian Library at Oxford, Which Have Not Hitherto Been Catalogued in the Quarto Series with References to the Oriental and Other Manuscripts [vol. 6: To the Oriental Manuscripts and Papyri] (Oxford: Clarendon, 1895), 3:371-72, at:  http://www.bodley.ox.ac.uk/dept/scwmss/wmss/online/medieval/rawlinson/rawl-g.bak. The manuscript was later at Würzburg, possibly even prepared for this destination; see Eder, Die Schule des Klosters Tegernsee im frühen Mittelalter im Spiegel der Tegernseer Handschriften, 95.

[28] Cf. Gibson, “The Place of the Glossa Ordinaria in Medieval Exegesis,” 12.

[29] This is Munich, BSB, MS Clm 14124, which contains another fragment of the commentary in fol. 152r, see at: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00034636/image_305.

[30] The hand that copied Oxford Laud. lat. 96 and Oxford Rawl. G 163 is the same hand that copied Freising, Dombibliothek, MS 50, a fragment of a sacramentary used at an unknown place; see Eder, Die Schule des Klosters Tegernsee im frühen Mittelalter im Spiegel der Tegernseer Handschriften, 106 and 122. This manuscript fragment might be the link between Tegernsee and Freising.

[31] Gibson, “The Place of the Glossa Ordinaria in Medieval Exegesis,” 12.

[32] Note Clm 29404/3, a ninth-century fragment of the first volume of the Breviarium, which was present at Freising around 1000 at the latest. Unfortunately, the text of Ps 38 does not survive in the fragment, see at: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00071371/image_1

Quelle: http://de.hypotheses.org/71957

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Bayern und die MGH – (Fast) 200 Jahre gemeinsame Geschichte

In principio erat verbum et verbum erat manu scriptum1

Im Anfang war das Wort, und das Wort war von Hand geschrieben. Im Anfang war es ungedruckt. In ihm war das historische Leben. Aber es war verborgen in Archiven und Bibliotheken. Es trat ein Mann an den Wassern des Mains auf, der von Gott gesandt war.

Reichsfreiherr vom Stein (Quelle: MGH-Archiv)

Reichsfreiherr vom Stein
(Quelle: MGH-Archiv)

Sein Name war Heinrich Friedrich Karl, Reichsfreiherr vom Stein (1757-1831), und die Welt der deutschen Mittelalterforschung ist durch ihn das geworden, was sie noch heute darstellt. Das Paradies war in weiter Ferne. Es galt die Erkenntnis, dass Dornen und Disteln den schwer bestellbaren Boden bedeckten, und Staub war ein ständiger Begleiter. Diese Situation besteht noch heute, nach fast 200 Jahren.

Am Anfang stand die romantische Begeisterung für ein deutsches Reich vor dem Deutschen Bund. Ein altes Reich vor der Abdankung des römischen Kaisers Franz II., ein gemeinsames Reich vor den fast 20jährigen Kriegen Napoleons und seiner Fremdherrschaft, ein religiös geeintes Reich vor den Glaubenskämpfen, kurzum: ein einheitliches Reich – so wie man sich das Mittelalter vorstellen wollte. Am Anfang verbrüderten sich also Vaterlandsliebe und aufgeklärter Wissensdurst nach historischer Wahrheit, unverfälscht und unverschleiert.

Dieser Vortrag handelt also von Worten und Menschen und dem langen Weg der Monumenta Germaniae Historica nach Bayern und in die Moderne.

Man schrieb das Jahr 1819. Am 20. Januar, einem Mittwoch, „um zwei Uhr des Nachmittags“ trafen sich in der Privatwohnung des preußischen Ministers a. D. Karl Freiherr vom Stein (1757-1831) am Ort der Bundesversammlung Frankfurt die Bundesgesandten Bayerns, Badens, Württembergs und Mecklenburgs, um die „Societas aperiendis fontibus rerum Germanicarum medii aevi“ – die „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“, genauer zunächst deren Zentraldirektion zu gründen. Der Gesandte Bayerns, Johann Adam Freiherr von Aretin (1769-1822), hatte zusammen mit dem württembergischen Gesandten (Karl August Freiherr von Wangenheim) Stein bereits im Vorfeld bei seinen Plänen intensiv unterstützt. Letzterer schrieb wenig später: „Seit meinem Zurücktreten aus öffentlichen Verhältnissen beschäftigte mich der Wunsch, den Geschmack an deutscher Geschichte zu beleben, ihr gründliches Studium zu erleichtern und hierdurch zur Erhaltung der Liebe zum gemeinsamen Vaterland und Gedächtnis unserer großen Vorfahren beizutragen. Meine Absicht war auch, dahin zu wirken, daß die durch die Umwälzung des Jahres 1803 zerstreuten vielen Urkunden sorgfältig gesammelt und gegen den Untergang aufbewahrt würden, welches aber hauptsächlich von Maßregeln der Regierungen abhängt und wozu der Entschluß von einzelnen nicht ausreicht.“ „Im ganzen würden etwa 8 bis 10 Gelehrte sich das Hauptwerk teilen und in etwa eben so vielen Jahren wohl damit zustande kommen“. Der nicht nur gelehrte, sondern auch kluge Aretin ging keine zwei Wochen nach dem ersten formalen Treffen in einem ausführlichen Gutachten bereits von 10 bis 20 Jahren Dauer aus und regte die Schaffung einer erweiterten „gelehrten Gesellschaft“ an, in der neben Adeligen auch Wissenschaftler wirken sollten.

Johann Adam Freiherr von Aretin (Quelle: MGH-Archiv)

Johann Adam Freiherr von Aretin
(Quelle: MGH-Archiv)

Der Bayer Aretin sollte auch im Juli/August als stellvertretender Vorsitzender der zwischenzeitlich gegründeten Zentraldirektion an Stelle des abwesenden Stein das Projekt der Bundesversammlung erfolgreich vorlegen. Es wurde einstimmig angenommen, doch die von der Bundesversammlung zugesprochenen Geldmittel blieben großenteils aus. Ständige Geldnot bedrohte das Unternehmen von Anfang an erheblich, doch „Zuspruch und Zuwendung kamen von unerwarteter Seite, zum Beispiel von Zar Alexander I. von Russland, der sogar bereit war, die gesamten Kosten zu übernehmen. Stein wies diese Offerte aus patriotischer Selbstachtung zurück … „, wie Horst Fuhrmann bemerkt. Stein hatte bis zu seinem Tod 1831 ein Viertel der Kosten aus seinem Privatvermögen zugeschossen. Man darf bitte auf gut Bayerisch kommentieren: Respekt – Herr Minister a. D.! Bayern tat sich in keiner Weise rühmlich hervor, die Regierung Maximilians I. Joseph knauserte, und Akademie wie Reichsarchiv lehnten auch nur geringfügige Unterstützungen ab. Auch König Ludwig I. übertraf seinen Vater nicht an Großzügigkeit. Von den ursprünglich sechs subskribierten Bänden der Monumenta-Editionen in Edelausstattung gab man 1830 zwei zurück, da die Universitäten Erlangen und München neben der königlichen Bibliothek diese auf eigene Kosten bezogen hatten und man für die übrigen keine Verwendung fand!

Der Stein-Biograph Heinz Duchhardt stößt in seiner jüngsten Steinbiographie ins selbe Horn: „Dass die Monumenta … eine Erfolgsgeschichte werden sollten, war gleichwohl lange nicht absehbar – manche bitteren Worte Steins sind überliefert, mancher Ärger über seine Direktionskollegen aus dem Kreis der Bundestagsdiplomaten musste hinuntergeschluckt werden, manche Krisensitzungen waren anzusetzen, manche Enttäuschungen waren zu verkraften, wenn der eine oder andere Bundesstaat aus durchsichtigen Gründen sich gegenüber Bitten um Zuschüsse verweigerte oder wenn Standeskollegen auf seine ‚Bettelbriefe’ nicht reagierten. Die Empfehlung des Frankfurter Bundestags, das Unternehmen finanziell oder durch Subskriptionen zu unterstützen, hatte zunächst allenfalls begrenzten Widerhall gefunden.“ … Preußen, die Fürsten und die meisten Bundesstaaten versagten auf voller Linie. Einmal brach es aus Stein heraus: „Man macht kostbare naturhistorische Expeditionen von Wien, München und Berlin nach Ägypten, Nubien, Brasilien, dem Kap, man erforscht die Geschichte der Pharaonen, das Leben und Weben der Kolibris, Gazellen und Affen mit und ohne Schwänzen, aber für die Geschichte unseres Volkes geschieht nichts.“ [...] Der vollständige Artikel kann hier gelesen werden.

1Vortrag anlässlich des Symposions zur Ausstellungseröffnung „Bayern und die Monumenta Germaniae Historica“ am 19. Januar 2013 veranstaltet im Historicum der Ludwig-Maximilians-Universität München basierend auf Vorarbeiten zum „Zeitstrahl“ von Nikola Becker.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/1427

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“Karl der Große – Pater Europae?” Empfehlung für das Mooc Production Fellowship

Als Blog für mediävistische Forschung und Rezeptionsgeschichte, das sich die Vermittlung von Wissenschaft im Open Access von Beginn an auf die Fahnen geschrieben hat, ist es nur selbstverständlich, dass wir das MOOC Production Fellowship für eine sehr gute Sache halten.

MOOC, das bedeutet ”Massive Open Online Courses” – also eine hervorragende Möglichkeit, vielen Menschen gleichzeitig und offen Wissen zu vermitteln. Im Rahmen des Mooc Production Fellowship, einer Initiative der Bernauer iversity GmbH und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft werden innovative Konzepte für solche Online-Kurse gefördert. 253 Kurse stehen zur Auswahl, bis zu 10 Projekte werden gefördert, die Abstimmung läuft.

Zugegeben, es ist recht spät, die Frist für die Abstimmung läuft heute Mittag (12 pm CEST) ab. Quasi “auf den letzten Drücker” möchten wir aber hiermit eine Empfehlung aussprechen.

Von den 25 Kursen, die im Bereich Sprach- und Kulturwissenschaften zur Auswahl stehen, liegt uns der Kurs von Rainer Leng, “Karl der Große – Pater Europae?” am Herzen. Lassen wir den Stuttgarter Mediävisten selbst zu Wort kommen:

“Der Kurs erklärt die Bedeutung Karls des Großen für die Geschichte Europas. Im Zentrum stehen Quellen und Forschungen zur Herrschaft Karls, zu den Strukturen seines Reiches und zu seiner Rolle als “Pater Europae”. Ziele sind vertiefte Kenntnisse zu einem zentralen Abschnitt mittelalterlicher Geschichte und Befähigung zu einem kritischen Urteil.”

Dies und noch viel mehr ist hier, in der offiziellen Vorstellung des Kurses zu erfahren. Dort kann auch gleich abgestimmt werden – am besten gleich, denn die Frist läuft wie dargelegt in wenigen Stunden ab!

Zur Liste aller zur Abstimmung stehenden Kurse geht es hier entlang.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/1298

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Snorri Sturlusons Mythologie und die mittelalterliche Theologie

1000 Worte Forschung: Dissertation LMU München, abgeschlossen im Juli 2012

Snorris Statue in Reykholt (Bildhauer: Gustav Vigeland) Foto: Jan van Nahl

Snorris Statue in Reykholt
Foto: Jan van Nahl

Eine Insel im Nordatlantik – Finanzkrise und Vulkanausbruch zum Trotz nur am Rande öffentlicher Wahrnehmung – rückte mit der Frankfurter Buchmesse 2011 in den Fokus eines literarisch interessierten Publikums aus aller Welt: Island. Zur Weltliteratur indessen zählten die volkssprachlichen Werke des isländischen Hoch- und Spätmittelalters schon vorher. Qualitativ und quantitativ scheuen sie keinen Vergleich im gesamteuropäischen Kontext, und in mancher Hinsicht ist ihnen auch gar nichts Vergleichbares an die Seite zu stellen: Weder die hochkomplexe Skaldendichtung noch die berühmten Isländerssagas blicken auf kontinentale Vorbilder.

Besonderes Interesse unter Wissenschaftlern und Laien gleicher­maßen hat aber die so genannte Edda des isländischen Gelehrten, Politikers und Dichters Snorri Sturluson auf sich gezogen. Geboren im Winter 1178/79, kam Snorri bereits als Kind in die Obhut des seinerzeit mächtigsten Mannes in Island, Jón Loftsson, dessen Herrschersitz Oddi doch zugleich auch ein Zentrum mittel­alterlicher Gelehrsamkeit war. Es wundert wenig, dass Snorri schon in jungen Jahren erste politische und wirtschaftliche Erfolge verbuchen konnte, aber auch ein Interesse an der Dichtkunst seiner Vorfahren wird bald erwacht sein. Als geschickter Taktiker wusste Snorri sich im Laufe der Jahre zur einflussreichsten und vermögendsten Persönlichkeit Islands zu erheben. Mehrere Aufenthalte am Hof des norwegischen Königs Hákon Hákonarson zeugen von politischem Weitblick, belegen aber auch ein Interesse, das der eloquente Machtmensch Snorri in elitären Kreisen Skandinaviens zu wecken vermochte. Indessen: Sein Streben nach Einfluss und Besitz, wohl auch manche Unstimmigkeit in weltanschaulichen Fragen ließ Snorri und Hákon zum Ende der 1230er Jahre im Streit auseinandergehen; gegen Befehl des Königs reiste Snorri zurück nach Island. Im September 1241 wurde er in den Kellerräumen seines Gehöfts in Reykholt von Hákons Häschern erschlagen – das frühzeitige, aber vielleicht vorhersehbare Ende einer Ausnahmegestalt des nordischen Mittelalters.

Hinterlassen hat er der Nachwelt ein literarisches Werk, das bereits seine Zeitgenossen zur Auseinandersetzung reizte. Sicher zugeschrieben wird ihm heute zum einen die Edda, ein Lehrbuch der Mythologie und Dichtkunst, dessen einzelne Abschnitte durchaus eigene Ziele verfolgen; zum zweiten die Heimskringla, eine umfangreiche Sammlung nordischer Königsgeschichten, die den Blick von mythischer Vorzeit auf dem asiatischen Kontinent bis weit hinein ins 12. Jahrhundert Skandinaviens richtet. Es besteht kein Zweifel, dass Snorris Edda das Fundament einer modernen Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Mythologie und Religion Nordeuropas bildet – und das seit über zwei Jahrhunderten. Entsprechend voluminös tritt die Forschungsliteratur in Erscheinung, Regalmeter werden gefüllt von Studien zum literarischen Erbe dieses Mannes, aber auch von mannigfachen Editionen und Übersetzungen.

Snorralaug, das von einer heißen Quelle gespeiste Bad Snorris aus dem 13. Jahrhundert Foto: Jan van Nahl

Snorralaug, das von einer heißen Quelle gespeiste Bad Snorris aus dem 13. Jh.
(Foto von 2004)
Foto: Jan van Nahl

Im Zuge der Überwindung fachgeschichtlicher Problema­tisierungen, wie sie das Ende des Dritten Reichs gefordert hatte, erstarkte die Forschung im deutschsprachigen Raum seit den 1980er Jahren. Namhafte Germanisten und Skandinavisten wussten ihre Thesen in zahlreichen Publi­kationen zu entfalten, aber auch die internationale Forschung trug wesentlich zur Diskussion bei. Rückblickend kristallisiert sich in dieser Debatte die zunehmende Zementierung gewisser Überzeugungen zu Snorris Werk heraus, die ihre Deu­tungsdominanz wirkungsvoll vor allem in Lexika und Anthologien zu manifestieren verstanden. Das Gros der aktuellen Forschung (und dies betrifft auch manche Studie des „wissenschaftlichen Nachwuchses“) ist solchen Linien des methodischen und thematischen Zugangs bewusst oder unbewusst verpflichtet. Dabei treten zwei wesentliche Aspekte aber in den Hintergrund.

Zum ersten ist dies die zeitgeschichtliche Bedingtheit von Fach und Forschung: Ein Fundament für Arbeiten der 80er und 90er Jahre wurde vor allem die epochale Abhandlung des „Nestors der altgermanischen Religionsforschung“ Walter Baetke (1884–1978): In seiner schmalen Akademieschrift „Die Götterlehre der Snorra-Edda“ (1950) [1] entfaltete er das wirkungsmächtige Konzept einer Odinstheologie, verband er nordische Mythologie mit theologischen Konzepten, Snorris Allvater-Odin mit dem unerkannten Christengott einer religio naturalis. Kriegsbedingt einem christlichen Standpunkt besonders verpflichtet, kam der akribische Quellenkritiker Baetke abschließend aber zu dem Ergebnis, Snorri habe trotz aller Relationen das nordische Heidentum eben doch als teuflischen Trug brandmarken wollen. Baute nachfolgende Forschung erheblich auf dieser Überzeugung, geriet deren zeitgeschichtlicher Kontext zunehmend aus dem Blick – mit Auswirkungen bis in jüngste Forschung: Zum zweiten nämlich scheint die neuerliche Untersuchung der mittelalterlich überlieferten Texte gleichsam gehemmt angesichts des unbestreitbaren Verdienstes international renommierter Forscher der letzten Jahrzehnte. Bisweilen aber überwiegt der Eindruck einer Abhängigkeit von diesen Arbeiten, die den Blick in festen Bahnen hält und eher eine Bestätigung denn Weiterentwicklung vorangehender Forschung zeitigt.

Dem Desiderat einer kritischen Aufarbeitung der gleichermaßen komplexen wie umfänglichen Forschung tritt die Münchner Dissertation „Snorri Sturlusons Mythologie und die mittelalterliche Theologie“ in mehreren Schwerpunkten entgegen. Nicht nur galt es, in grundsätzlicher Methodenreflexion den eigenen Standort zunächst zu erkennen und zu erklären; im Besonderen die Frage nach mittelalterlichen Kontexten der Person Snorris und seines Werks war zu stellen: Das betraf eine viel diskutierte Autorschaft, mehr noch aber Fragen nach Textfassungen, Sprachverständnis und vor allem kontinentalen Diskursen in ihrer Wirkung auf die Gelehrtenwelt Norwegens und Islands. Die Forschung der letzten Jahrzehnte hat Konzepte der Natürlichen Theologie [2], des Euhemerismus [3] und der Analogie [4] teils vehement vertreten – eine Synthese dieser Ideen scheint jedoch nur bedingt möglich, vielmehr ist die konstruktive Konfrontation gefordert.

Eine Basis künftiger Diskussion mittelalterlicher Interpretationsmethodik erarbeitete die Dissertation in ihrem Hauptteil, einer lexematischen Analyse der überlieferten Fassungen von Snorris Werk, der Gylfaginning und Ynglinga saga im Speziellen. Die Untersuchung so genannter „Schlüsselwörter“ gereichte bereits 1964 der einflussreichen Abhandlung „Studier i Snorres mytologi“ der norwegischen Philologin Anne Holtsmark (1896–1974) zum methodischen Ausgangspunkt [5]. Doch auch Holtsmark folgerte, Snorri habe sich in seinem Werk strikt von aller heidnischen Überlieferung distanziert, den nordischen Götterglauben kontrastiv zum Teufelskult degradiert. Demgegenüber kam die vorliegende Studie in Untersuchung mehrerer Dutzend Lexeme und dahinterstehender Konzepte zu gegenteiligem Ergebnis: In Analyse eines Wortschatzes, der in zeitgenössischen theologischen Werken Träger zentraler christlicher Vorstellungen war, konnte wahrscheinlich gemacht werden, dass Snorri – in Orientierung an epochalen Ereignissen wie dem 4. Laterankonzil 1215 oder dem 5. Kreuzzug von 1217–1229 – vielmehr die würdigende Konstruktion einer vorchristlichen Glaubenswelt vor Augen hatte. Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass dieser unbezweifelte Meister der Sprache zwei Ebenen des Verständnisses in seinen Werken konstruierte: einerseits eine oberflächlich unterhaltende; andererseits eine viel tiefer reichende, die dem aufmerksamen Rezipienten wegweisende Analogien zwischen christlichem und nordisch-paganem Glauben eröffnete. Erstmals konnte darin auch eine werkübergreifende Konzeption Snorris wahrscheinlich gemacht werden.

Mit diesen Ergebnissen positioniert sich die Studie konträr zum Gros bisheriger und auch aktueller Forschung. Sie fordert keine Deutungshoheit, versteht sich aber als provozierender Impulsgeber künftigen Disputs zu einem interdisziplinären Forschungsthema.

Jan Alexander van Nahl (2013): Snorri Sturlusons Mythologie und die mittelalterliche Theologie. (Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 81.) Berlin, Boston.

[1] Baetke, Walter (1950): Die Götterlehre der Snorra-Edda. (Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, phil.-hist. Klasse, 97/3.) Berlin.
[2] Vgl. z.B. Weber, Gerd Wolfgang (1986): Edda, Jüngere. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 6, S. 394–412. Berlin, New York.
[3] Vgl. z.B. Clunies Ross, Margaret (2006): The measures of Old Norse religion in longterm perspective. In: Anders Andrén/Kristina Jennbert/Catharina Raudvere (Hrsg.), Old Norse religion in long-term perspectives, S. 412–416. (Vägar til Midgard 8.) Lund.
[4] Vgl. z.B. Beck, Heinrich (2007): Die Uppsala-Edda und Snorri Sturlusons Konstruktion einer skandinavischen Vorzeit. In: Scripta Islandica 58, S. 5–32.
[5] Holtsmark, Anne (1964): Studier i Snorres Mytologi. (Skrifter utg. av Det Norske Videnskaps-Akademi i Oslo. II. Hist.-Filos. Klasse. Ny Serie 4.) Oslo.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/960

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mediaevum.net: Mittelalter. Interdisziplinäre Forschung und Rezeptionsgeschichte

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Quelle: http://www.einsichten-online.de/2013/01/3801/

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