Historische Pflichterfüllung – Ein Interview mit Gerd Krumeich

Gerd Krumeich war bis zu seiner Emeritierung 2010 Lehrstuhlinhaber für Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, die Geschichte Frankreichs sowie die Militärgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Im November 2013 wird er die Reihe der Thyssen-Vorlesungen des Orient-Instituts Istanbul und der Sabanci Universität in Istanbul mit einem Vortrag zum Ersten Weltkrieg eröffnen.

Gerd Krumeich

Gerd Krumeich

Zurzeit werden zahllose Ausstellungen, Konferenzen, Vorträge zum 100-jährigen Jubiläum des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs geplant. Stehen Sie vor einem Marathon an Auftritten, Vorträgen, Interviews?
Ja, ich stehe absolut im Jubiläums-Stress für das Jahr 2014. Aber, so befremdlich es klingt, diese Vorbereitungen spielen sich weniger in Deutschland ab als im Ausland. Ich bin sehr stark in Frankreich tätig und arbeite dort in verschiedenen Verbünden mit anderen Forschern zusammen, vor allem mit dem Centre Komde recherche de l‘Historial de la Grande Guerre in Péronne (Somme). Und mir fällt auf, dass der Erste Weltkrieg für die Deutschen zwar ein großes Kulturereignis ist, aber eigentlich nirgends und von niemandem als ein wichtiger Bestandteil der eigenen Nationalgeschichte oder gar der eigenen Identität empfunden wird. Das macht den ganz riesigen Unterschied aus zu Frankreich, zu Belgien, zu England, zu den USA, zu Australien, zu Kanada. Wir sind zwar durchaus sehr bemüht, auch in Deutschland etwas zu veranstalten, aber das Herz ist nicht dabei – dieser Krieg ist fast so weit weg wie die napoleonische Zeit.

Wird das Jubiläum in Deutschland eher als eine Art Pflichterfüllung betrieben?
„Historische Pflichterfüllung“ ist sehr treffend gesagt – ein Ereignis, das aber nicht unseres ist. Wir beschäftigen uns nicht mit diesem Ereignis, um über die eigene Vergangenheit und heutige Verfasstheit nachzudenken. Der Erste Weltkrieg soll bei uns möglichst als ein universelles, transnationales Ereignis erscheinen, möglichst weit entfernt, an der Ostfront und in Australien. Keine Spur mehr von der Aufregung, die beispielsweise in den siebziger Jahren die „Fischer-Kontroverse“ über die deutsche Verantwortung für den Kriegsausbruch 1914 verursachte. Es ist ja auch ein Forschungsfortschritt, dass wir uns heute um die Ostfront und um Asien kümmern. Aber wegen der Entwicklung bin ich etwas perplex, zumal ich bei Franzosen, Engländern, Belgiern und anderen fast täglich mitbekomme, wie sehr die Wahrnehmung dort differiert, der Krieg nämlich wirklich als Teil der Nationalgeschichte, als Teil der eigenen Identität verstanden wird.

Wie hat Ihre Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg begonnen?
Meine Doktorarbeit befasste sich mit der Rüstungspolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Damit habe ich von vornherein schärfer als andere Weltkriegshistoriker die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs im Blick gehabt. Die überwiegende Geschichtsschreibung des Krieges beginnt irgendwo im Juli 1914 – so absurd das klingt. Als Historiker komme ich eher aus der Vorkriegszeit und interessiere mich stärker als andere für den Verlauf wie dem Weg von der Agadir-Krise 1911 bis zur Rüstungspsychose von 1913/14.

Seit kurzem sind Sie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für die Konferenz „Not All Quiet on the Ottoman Fronts“, die das Orient- Institut (OI) Istanbul im April 2014 ausrichtet. Was ist Ihre Erwartung an die Tagung?
Als eine der wichtigsten Parteien im Ersten Weltkrieg ist die Türkei für mich ein sehr willkommenes Neuland. Ich bin nicht nur von meiner ganzen Ausbildung sondern auch von meiner Arbeit in den letzten Jahrzehnten her sehr stark in der Geschichte der Westfront verankert. Natürlich habe ich immer auch die Ostfront und die Dritte Welt mit im Blick gehabt, aber nicht in der Forschung und nicht vom Hauptinteresse her. Von daher eröffnen sich hier für mich neue Perspektiven. Ich sehe mich nicht als jemanden, der profunde etwas über die Türkei im Ersten Weltkrieg beitragen kann, aber doch als jemanden, der neugierig auf die Erkenntnisse der türkischen Kollegen ist. Mir ist besonders wichtig, wie und auf welche Weise überhaupt im Laufe der Zeit aus sehr verschiedenartigen militärischen Konflikten ein Weltkrieg geworden ist. Das waren ja zum Teil vollständig verschiedene Kriege, die zur großen Katastrophe ineinander geführt wurden. Die Osmanen kämpften auf der einen Seite mit den Deutschen zusammen und hatten auf der anderen Seite eine ganz eigene Front gegen die Araber, die wiederum von den Engländern unterstützt wurden. Sich mit dieser Genese auseinanderzusetzen, die verschiedenen Prozesse auseinanderzudividieren, darum geht es mir.

Sehen Sie Auswirkungen der deutsch-osmanischen Allianz im Ersten Weltkrieg auf die heutige Beziehung zwischen beiden Ländern?
Für mich als Historiker steht die Armenier-Frage im Vordergrund. Da dürfte es immer wieder neue Probleme geben. Die offizielle Position Deutschlands zu den Gräueltaten an den Armeniern ist klar. Ebenso wie die Frankreichs, wo ihre Leugnung zu Strafandrohungen führt, und die anderer westeuropäischer Länder auch. Wenn ich es recht sehe, bewegt sich in der Türkei noch relativ wenig in Richtung einer unvoreingenommen Erforschung dieser Geschehen. Das dürfte das größte Sachproblem sein, eine vernünftige Diskussion zwischen Historikern und Mandatsträgern herzustellen bezüglich des türkischen – und des deutschen – Anteils an den Verbrechen gegen die Armenier.

Unmittelbare Auswirkung des Ersten Weltkriegs war der Zusammenbruch von vier Kaiserreichen, die in der Folgezeit sehr unterschiedliche Entwicklungen erlebten.
Auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Entwicklungen, ja! Aber dann hat sich durch den Totalitarismus eine ganz ähnliche Entwicklung in weiten Teilen dieser zerstörten Welt vollzogen – trotz aller Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus in Deutschland und dem Kommunismus in Sowjetrussland. Nur in der Türkei läuft das insgesamt anders, soweit ich das beurteilen kann. Aber in den beiden großen Empire aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die den Krieg verloren haben und zerrissen worden sind, tobten auf der einen Seite diese irrsinnigen, blutigen nationalen und ethnischen Kämpfe und herrschten auf der anderen Seite die orgiastischen Vernichtungsphantasien und Vernichtungsrealitäten. Man muss selbstverständlich unterscheiden zwischen den Hungerkatastrophen in Sowjetrussland und der Judenverfolgung in Deutschland. Aber was identisch bleibt für die beiden großen Nationen, ist die Gleichgültigkeit gegenüber dem massenhaften Leid und die Planbarkeit von millionenfachem Tod. Und das ist für mich das zentrale Vermächtnis des Ersten Weltkriegs.

Kein Krieg, weder im letzten Jahrhundert noch vorher, wurde – zu Beginn jedenfalls – von einer solchen Begeisterung getragen.
Das ist nicht wahr! Im 1870er Krieg zwischen Deutschland und Frankreich bestand am Anfang eine mindestens ebenso große Begeisterung. Wir sind den Dimensionen der Kriegsbegeisterung von 1914 inzwischen auf die Spur gekommen. Die Forschung hat aufgedeckt, dass von den alten Erzählungen, von dem „Hurra, Hurra, Hurra!“ und „Alles freut sich auf den Krieg!“ nicht viel übrig geblieben ist. Aufs Ganze gesehen, wenn man das Deutsche Reich, Frankreich und andere Länder wie Österreich-Ungarn betrachtet, ist dieser von Propagandafotos verbreitete Kriegsenthusiasmus ein sehr kurzes Aufflammen vor allem unter den großstädtischen Massen. Das hat wenig mit dem zu tun, wie der Kriegsbeginn auf dem platten Land erlebt wurde, in den kleinen Städten und Dörfern, die immerhin neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachten.

Es fällt ja heutzutage, gerade in Europa, schwer, sich einen Begriff von „Kriegsbegeisterung“ zu machen. Wie kann man sich die Begeisterung damals vorstellen?
In den 1980er Jahren ist Wolf-Rüdiger Osburg in Altersheime gegangen und hat Kriegsteilnehmer gefragt: „Wart Ihr begeistert?“ „Ja, natürlich waren wir begeistert. Das war eine Stimmung! Das war eine Stimmung wie in der Kirche.“ Und da bin ich hellhörig geworden: Eine Stimmung wie in der Kirche! „Sursum corda. – Erhebet die Herzen.“ Begeisterung hatte damals diesen Sinn: Geistigkeit. Damit kommen wir der allgemeinen Stimmung im August 1914 sehr viel näher, als wenn wir das einfach als oberflächliches Hurra-Geschrei ansehen.

War der Absturz von der Begeisterung in die Depression oder Desorientierung infolge der Grabenkriege bei Verdun und anderen Orten an der deutsch-französischen Front dann umso tiefer?
Die Kriegserfahrungen haben die Begeisterung zerstört. Übrig geblieben ist ein Bewusstsein, das Vaterland zu verteidigen, den „Wall aus Eisen und Feuer“ an der Somme zu legen. Heute ist klar nachweisbar, wie sich der Kriegsenthusiasmus im Lauf der Zeit abnutzte, in dem Maße, wie der Krieg zum Material- und Vernichtungskrieg würde. Die Leute haben nicht gewusst, wie viele Millionen Tote die großen Schlachten wirklich gekostet haben. Ich glaube nicht, dass sie dann im Krieg geblieben wären. Als Soldat oder auch als General sieht man immer nur den engeren Frontabschnitt. Es ist völlig ungeklärt, inwieweit auch den führenden Generälen während und nach den Schlachten überhaupt bewusst war, wie viel Tote diese gekostet haben. Ganz Europa war entsetzt, als 1919 vom Reichsarchiv und den französischen Militärarchiven die ersten offiziellen Berichte über die tatsächlichen Toten- und Verletztenzahlen kamen. 11 Millionen Gefallene? Das hatte man vorher nirgendwo auch nur geahnt, kein Mensch hatte während des Weltkrieges die Zahlen addiert.

Sie betreuen in Düsseldorf die Arbeitsstelle für die Herausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe. Gibt es eine Beziehung zu Ihren Forschungen über den Ersten Weltkrieg?
Ich habe ja jetzt die gesamten Kriegsbriefe Webers herausgegeben, zusammen mit M. Rainer Lepsius. Das sind mehr als 2.000 Seiten auf denen man erkennt, wie stark Weber im Krieg politisch engagiert war. Einerseits war er ziemlich nationalistisch eingestellt, jubelte über jede gewonnene Schlacht, glaubte viel zu viel von der Propaganda. Auf der anderen Seite war und blieb er der unbestechliche Intellektuelle und Kritiker, der sich auflehnte gegen die exorbitanten Annexionspläne und der auch stark kritisierte, wie sehr die Militärs in Deutschland während des Krieges die Macht übernommen hatten. Besonders spannend sind Webers Briefe in der Zeit der Beratungen des Versailler Vertrages. Schließlich war er ja als Sachverständiger für die deutsche Delegation in Versailles tätig.

Das Interview führte Thomas Schmitt (freier Journalist, Berlin).

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1433

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Die langen Schatten des „kurzen 20. Jahrhunderts“: Japan und der Erste Weltkrieg in Ostasien

Von Torsten Weber

Der Erste Weltkrieg spielt in der Geschichtsschreibung und im öffentlichen Diskurs Japans traditionell nur eine sehr untergeordnete Rolle. Dies liegt zum einen an anderen historiographischen Traditionen, denen zufolge der Weltkrieg in die kurze und meist weniger beachtete Regierungszeit des Taisho-Kaisers (1912–1926) fällt.

Plan des Kriegsgefangenenlagers Bando, Japan

Plan des Kriegsgefangenenlagers Bando, Japan.

Weit größere Beachtung finden dagegen die längeren und ereignisreicheren Meiji- (1868–1912) und Showa-Zeiten (1926–1989). Mit der Meiji-Zeit begann nicht nur die rapide „Modernisierung“ des Landes nach westlichen Vorbildern, sondern es fallen damit auch die militärischen Erfolge gegen das chinesische Qing-Reich (1894–1895) und das Russische Reich (1904–1905), die Japans regionale Vormachtstellung begründeten,zusammen. In Kombination mit der Showa-Periode, in die nicht nur der Zweite Weltkrieg fällt, sondern auch der Aufstieg Nachkriegsjapans zur wirtschaftlichen Weltmacht, wirkt die Taisho-Zeit als bloßes Interregnum. Zudem nimmt der Erste Weltkrieg verglichen mit der Bedeutung des Russisch-Japanischen und des sogenannten „Fünfzehnjährigen Krieges“ (1931–1945) gegen China sowie später die USA und andere westliche Kolonialmächte auch rein faktisch einen bescheideneren Platz in der Geschichte Japans ein.

Dennoch gibt es seit einigen Jahren Bestrebungen, den Ersten Weltkrieg auch in Japan wieder stärker ins Zentrum des historischen Interesses zu rücken. Dies liegt auch am Einfluss globalhistorischer und transnationaler Geschichtsschreibung, durch die unter anderem Themen aus der Geschichte der ostasiatischen Nachbarländer Japans stärker in die japanische Historiographie einfließen. Dort nimmt vor allem das Jahr 1919 als Ursprung des anti-japanischen Widerstandes eine besondere Position ein. Darüber hinaus versucht insbesondere der renommierte japanische Ideenhistoriker Yamamuro Shinichi (Kyoto Universität) schon seit einigen Jahren, die historische Bedeutung des Ersten Weltkrieges auch für Japan selbst zu unterstreichen. Im Jahr 2008 setzte er in einer Befragung der Zeitung Asahi Shinbun den Ersten Weltkrieg an die Spitze einer Liste der zehn bedeutendsten Ereignisse der modernen Geschichte Ostasiens, noch vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Russisch-Japanischen Krieg. Aus seiner Sicht entsprangen dem „Großen Europäischen Krieg“, wie er zeitgenössisch in Japan überwiegend bezeichnet wurde, viele politische Ideen sowie Ereignisse, die die folgenden Jahrzehnte bis in die Gegenwart geprägt haben. Als Beispiele nennt Yamamuro unter anderem die Entstehung anti-kolonialer Bewegungen, eines durch internationale Organisationen institutionalisierten Internationalismus sowie die Herausbildung einer modernen Massenkultur, die gleichzeitig auch eine Kritik an der Moderne hervorbrachte. Für Japan, das in Folge des Ersten Weltkrieges zunehmend in Konflikt mit den USA, China und Russland gekommen war, habe der Krieg gleichzeitig auch die Konstellation des Zweiten Weltkrieges vorangekündigt. Yamamuro geht darüber hinaus davon aus, dass sich in Japan verhältnismäßig früh – um das Jahr 1920 – bereits ein Bewusstsein bildete, dass es sich beim Weltkrieg nur um einen ersten handelte, dem bald ein zweiter (gegen die USA) folgen könnte.

Damit sieht Yamamuro ähnlich wie Eric Hobsbawm große ideelle und strukturelle Kontinuitäten, die als Beginn des „Zeitalters der Extreme“ (Hobsbawm) ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg haben,  allerdings im Falle Ostasiens nicht mit dem Ende des Kalten Kriegs enden. In Ostasien dauert der Kalte Krieg vielmehr an und mit ihm in mancher Hinsicht auch das „Zeitalter der Extreme“. Anstelle ideologischer Spannungen, die auch in Ostasien deutlich in den Hintergrund getreten sind, markieren wirtschaftliche und strategische Interessen sowie nationalistische Rhetorik die Eckpunkte der Streitigkeiten. Als lange Schatten des „kurzen 20. Jahrhunderts“ (Hobsbawm) reichen diese bis in die Gegenwart. Für Japan sind dabei besonders die angespannten Beziehungen zu seinen Nachbarn problematisch. Mit Russland, Südkorea, der Volksrepublik China und auch Taiwan streitet es über Territorien. Zwar hat keiner dieser rivalisierenden Gebietsansprüche direkt mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, doch ist er durch entsprechende Regelungen territorialer Fragen zugunsten Japans eng mit dieser Problematik verbunden. Insbesondere mit Südkorea und der Volksrepublik China streitet Japan zudem auch über zahlreiche historische Fakten (u. a. Nanking-Massaker, Zwangsprostitution, Invasionskrieg) und die Bewertung dieser (u. a. in  Geschichtsbüchern, Museen und Gedenkstätten) innerhalb der modernen Geschichte Ostasiens. Auch diese haben meist nur indirekt mit dem Ersten Weltkrieg und Japans Beteiligung daran zu tun. Dessen eigentliche Geschichte ist nämlich schnell erzählt: Als Verbündeter Englands erklärte Japan im August 1914 dem Deutschen Reich den Krieg und erreichte im September die deutsche Kolonie Jiaozhou (Kiautschou) um die Stadt Qingdao (Tsingtau) in der Provinz Shandong (Shantung) an der Nordostküste Chinas. Mit der Kapitulation des deutschen Kommandanten Alfred Meyer-Waldeck im November 1914 endete der militärische Teil des Ersten Weltkrieges in Ostasien im engeren Sinne, lange bevor die Schlacht um Verdun überhaupt begonnen hatte. Bereits zuvor hatten Japan, Australien und Neuseeland die deutschen Besitzungen im Pazifik erobert. Die mehr als 4.000 deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen verbrachten nach der Kapitulation eine vergleichsweise angenehme Zeit in verschiedenen Lagern in Japan, von denen das in Bando auf der Insel Shikoku besonders bekannt wurde. Dort wurde nicht nur Kuchen gebacken, Tennis gespielt und eine Lagerzeitschrift gedruckt, sondern im Juni 1918 auch zum vermutlich ersten Mal in Japan Beethovens Neunte Symphonie komplett mit Schlusschor aufgeführt. Das Deutsche Institut für Japanstudien (DIJ) Tokyo verfügt über eine umfassende Sammlung zum Bando-Lager, die online zugänglich ist (bando.dijtokyo.org).

Tsingtau und Umgebung

Tsingtau und Umgebung

Die Folgen des schnellen japanischen Erfolges vor allem gegen die deutsche Kolonie in China beflügelten die Expansionspläne des japanischen Militärs. Im Januar 1915 übergab die japanische Regierung dem chinesischen Präsidenten Yuan Shikai die berüchtigten „21 Forderungen“, mit denen sich Japan langfristig wirtschaftliche und politische Kontrolle über China verschaffen wollte. Der Tag der Annahme der Forderungen wurde als „Tag der nationalen Demütigung“ (9. Mai) in China über Jahrzehnte in Erinnerung gehalten. Der Ausdruck „nationale Demütigung“ (guochi) spielt bis heute in China eine wichtige Rolle in der patriotischen Erziehung und im öffentlichen Diskurs. Allerdings wird er heute selten mit den „21 Forderungen“ in Verbindung gebracht, sondern bezieht sich auf verschiedene historische Ereignisse oder auf die japanische Invasion Chinas insgesamt. Auch in den anti-japanischen Demonstrationen der vergangenen Jahre, die sich zumeist gegen japanischen Geschichtsrevisionismus und die Besuche hochrangiger japanischer Politiker des umstrittenen Yasukuni-Schreins in Tokio richten, dient „Vergesst niemals die nationale Demütigung“ (wuwang guochi) als Slogan der Demonstranten. Diese nationalistischen Massendemonstrationen stehen nicht nur rhetorisch in engem Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg. Die Entscheidung der Versailler Friedenskonferenz, die japanischen Kriegseroberungen in China nicht direkt an China zurückzugeben, sondern zunächst unter japanische Verwaltung zu stellen, riefen im Frühjahr 1919 die ersten umfangreichen Massenproteste in chinesischen Städten hervor. Die darauf folgende Vierte-Mai-Bewegung gilt als Geburtsstunde des populären politischen Nationalismus in China. Sie hat zu einer massiven und nachhaltigen Verschlechterung des Japanbildes in weiten Teilen der chinesischen Bevölkerung geführt.

Ähnlich liegt der Fall Koreas, das seit dem Ende des Russisch-Japanischen Krieges 1905 unter weitgehender japanischer Kontrolle stand und 1910 von Japan annektiert wurde. Lenins und Wilsons Proklamationen des Selbstbestimmungsrechtes der Völker weckten hier wie in weiten Teilen der übrigen kolonialisierten Welt hohe Erwartungen. Doch der „Wilsonsche Moment“ (Manela) verstrich, und die Neugestaltung der Weltordnung in Versailles ließ das Leid und die Interessen der Kolonialisierten weitgehend außer Acht. Enttäuschungen darüber führten in Korea wie in China zu Massendemonstrationen. Am 1. März 1919 versammelten sich bis zu zwei Millionen Koreaner, um landesweit für die Unabhängigkeit von Japan zu demonstrieren. Die Bewegung wurde von den japanischen Besatzern brutal unterdrückt, Korea blieb bis 1945 unter Japans Herrschaft. Der 1. März ist heute nationaler Feiertag in Südkorea, der 4. Mai wird als „Tag der Jugend“ in der Volksrepublik China in Erinnerung gehalten.

Ähnlich liegt der Fall Koreas, das seit dem Ende des Russisch-Japanischen Krieges 1905 unter weitgehender japanischer Kontrolle stand und 1910 von Japan annektiert wurde. Lenins und Wilsons Proklamationen des Selbstbestimmungsrechtes der Völker weckten hier wie in weiten Teilen der übrigen kolonialisierten Welt hohe Erwartungen. Doch der „Wilsonsche Moment“ (Manela) verstrich, und die Neugestaltung der Weltordnung in Versailles ließ das Leid und die Interessen der Kolonialisierten weitgehend außer Acht. Enttäuschungen darüber führten in Korea wie in China zu Massendemonstrationen. Am 1. März 1919 versammelten sich bis zu zwei Millionen Koreaner, um landesweit für die Unabhängigkeit von Japan zu demonstrieren. Die Bewegung wurde von den japanischen Besatzern brutal unterdrückt, Korea blieb bis 1945 unter Japans Herrschaft. Der 1. März ist heute nationaler Feiertag in Südkorea, der 4. Mai wird als „Tag der Jugend“ in der Volksrepublik China in Erinnerung gehalten.

Auch in Japan selbst wurden während des Krieges und in dessen unmittelbarer Folge Rufe nach sozialen, politischen und ökonomischen Reformen lauter: 1918 demonstrierten Hunderttausende gegen steigende Reispreise, 1919 wurde das Wahlrecht reformiert, 1920 eine sozialistische Partei gegründet ebenso wie eine Gesellschaft für Frauen, die sich erfolgreich für deren Recht auf politische Betätigung einsetzte. Zahlreiche kulturelle und politische Publikationen und Organisationen entstanden, wie die Frauenzeitschrift Fujin Koron (1916 bis heute) und die Gesellschaft für Aufklärung (Reimeikai, 1918), die offen für die Rechte der von Japan kolonialisierten Völker eintrat. Die vom Wilsonschen Idealismus und der Russischen Revolution inspirierten Bewegungen für Gleichheit, Freiheit, Demokratie und Pluralismus sorgten so für eine gesellschaftliche, kulturelle und intellektuelle Blüte in der Nachkriegszeit – blieben aber ohne nennenswerten Einfluss auf die japanische Kolonialpolitik.

Deutsche Kriegsgefangene in Bando

Deutsche Kriegsgefangene
in Bando

Die japanische Geschichtswissenschaft hat in den vergangenen Jahren im Zuge transnationaler Forschungen oft kollaborativ mit chinesischen und koreanischen Kolleginnen und Kollegen wichtige Werke zur Aufarbeitung der japanischen Kolonialgeschichte vorgelegt und damit zur wissenschaftlichen Stabilisierung historischer Narrative beigetragen. Gleichzeitig hat allerdings die japanische Regierung durch Maßnahmen, die wohlwollend als ungeschickt, anders aber auch als provokativ eingestuft werden können, schwelende Konflikte um das historische Bewusstsein und die Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit weiter verschärft. Die ambivalenten und oft auch offen apologetischen Äußerungen führender japanischer Politiker zum japanischen Imperialismus sowie der öffentlich vorgetragene Geschichtsrevisionismus müssen Chinesen und Koreaner fast zwangsläufig an die historisch erlittenen nationalen Demütigungen durch Japan erinnern. Diese langen Schatten des „kurzen 20. Jahrhunderts“, das als „Zeitalter der Extreme“ in mancher Hinsicht auch für Japan und Ostasien im Ersten Weltkrieg begann, reichen noch heute sogar bis in Fußballstadien. Dort zeigten südkoreanische Fans während eines Spiels ihrer Mannschaft gegen Japan beim Ostasien-Cup im Juli 2013 ein übergroßes Banner mit der Aufschrift „Ein Volk, das seine Geschichte nicht kennt, hat keine Zukunft“. Ein gemeinsames Erinnern an den Ersten Weltkrieg und dessen vielfältige – auch positive – Folgen für Japan und Ostasien könnte einen großen Schritt in Richtung Aussöhnung und friedlicher Koexistenz bedeuten.

Torsten Weber ist seit April 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIJ Tokyo. Er forscht zur modernen Geschichte Ostasiens mit Schwerpunkt auf Asiendiskursen und Geschichtspolitik. Am DIJ leitet er das Forschungsprojekt „Sozio-politische Glücksdiskurse im imperialen Japan“.

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1418

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Abstract: Enrica Costa Bona „Le Bureau international permanent de la Paix et les Congrès universels“

Le Bureau international de la Paix lors de sa constitution donna un relief tout particulier à l’organisation des «Congrès universels de la Paix» pour mieux représenter le mouvement pacifiste au niveau international. Ils s’avérèrent être une significative affirmation de l’activité générale du BIP et une manifestation de sa propre raison d’être. Ces congrès étaient considérés comme l’un des instruments les plus efficaces et utiles pour la diffusion des idées pacifistes. Après la conférence de La Haye (1899) les congrès abordèrent surtout les problèmes du droit international et le thème du désarmement, sans oublier les principales questions économiques et sociales, toujours à la lumière de ce qui se déroulait sur la scène politique internationale. Les congrès voulaient aussi contribuer à la diffusion des idées de paix, justice, liberté, respect mutuel etc. en présentant soit l’analyse – parfois très sévère – des évènements mondiales contemporains soit de pressants appels à la propagande à tous niveaux.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1414

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Abstract: Jean-Rémy Bezias „Albert Ier de Monaco et Bertha von Suttner. Une relation au service de la paix (1900–1914)“

Le rôle actif de défenseur de la paix du prince Albert Ier de Monaco a rencontré, à partir de 1900, celui de Bertha von Suttner. Au pacifisme se mêle une condamnation commune de l’antisémitisme. La baronne correspond avec Gaston Moch, devenu en 1902 chef de cabinet du prince de Monaco. Insérée dans le même réseau pacifiste, Bertha von Suttner participe activement au XIème congrès universel de la paix à Monaco (avril 1902) puis devient membre de l’Institut international de la Paix fondé en 1903 par Albert Ier. Elle appuie la diffusion dans les pays germaniques de la Carrière d’un navigateur. Le prince cultive sa relation avec Guillaume II et s’efforce d’œuvrer en faveur du rapprochement franco-allemand. Cette volonté d’action commune se heurte toutefois à des obstacles : réticences des hommes d’Etat et diplomates, mais aussi des opinions publiques, manque de moyens financiers. Bertha von Suttner décède le 21 juin 1914, alors qu’elle préparait l’organisation à Vienne du XXIème congrès universel de la paix, auquel elle conviait le prince avec insistance. Quant au déclenchement de la Première Guerre mondiale, il réduit brutalement à néant les rêves franco-allemands du prince de Monaco.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1412

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Abstract: Julien Chuzeville „Le comité pour la reprise des relations internationales, ou le rassemblement du mouvement ouvrier pacifiste révolutionnaire en France (1915–1917)“

“Le Comité pour la reprise des relations internationales (CRRI) fut l’organisation regroupant en France les militants et courants du mouvement ouvrier partisans de la Conférence internationale de Zimmerwald – à laquelle avaient participé les deux premiers secrétaires du CRRI, Alphonse Merrheim et Albert Bourderon. Créé en 1915 pour lutter contre la guerre pendant le conflit lui-même, le CRRI rassemblait des minoritaires venus des différents courants du mouvement ouvrier : syndicalistes, socialistes et libertaires. Prenant au mot les résolutions internationalistes votées par les congrès de la Deuxième Internationale à Stuttgart (1907), Copenhague (1910) et Bâle (1912), ainsi que par les congrès de la CGT, le CRRI diffusait des tracts et brochures pacifistes, et se confrontait aux directions « d’Union sacrée » du Parti socialiste SFIO et de la CGT. Ses militants se confrontaient aussi à la censure, à la répression, et au discours dominant imposé pendant le conflit.”

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1410

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Abstract: Donatella Cherubini „Pacifist and Anti-revolutionary Italian Socialism in the Context of World War I. G.E. Modigliani in the Zimmerwald Movement: “War to war” and the United States of Europe (1915–1917)“

In 1914 the choice between patriotism and pacifism was dramatic, both for Peace and Socialist activists: the call of the country defeated pacifist and antimilitarist stances rooted in previous European history.

While the Second International collapsed, the Italian G.E. Modigliani (brother of the painter and anti-revolutionary leader) played a relevant role in war to war.

In 1915-16 he was deeply involved in the Zimmerwald Movement, aiming to summon the proletariat to a common action of peace. Modigliani opposed Lenin who forecast a revolutionary exit; led the majority which confirmed the imperialist character of the war; drafted the final Manifesto along with Trotsky and Rakowsky. The call for a peace without annexations and indemnities was later restated, requesting an immediate armistice.

A fundamental stage was the European Federation, bound to the interests of bourgeoisie and governments but also a guarantee of disarmament and hence of peace. The United States of Europe remained a decisive benchmark until WWII, placing Modigliani among the major defenseurs de la paix.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1407

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Abstract: Elisa Marcobelli „La SFIO face à la loi de trois ans: conjuguer antimilitarisme et défense de la patrie“

La Loi de trois ans, votée en 1913, permettant de prolonger d’un an le service national et d’augmenter le nombre de soldats dans l’éventualité d’un conflit armé avec l’Allemagne, a fait polémique. Les exposants de la SFIO s’y opposent dès les premiers débats au parlement sur le sujet. Si d’un côté ils expriment leurs sentiments d’amitié à l’envers des camarades allemands, de l’autre côté ont eux aussi beaucoup à cœur la question de la défense de la France face à une possible attaque armée. Dans cette intervention il sera question d’analyser comment ils arrivent à conjuguer ces deux variables : opposition acharnée à la réforme de 1913 et volonté de donner à leur patrie la possibilité de se défendre face à une attaque.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1405

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Abstract: Dagmar Wernitznig „Between Frontlines: The Militant Pacifist Rosika Schwimmer (1877–1948) and Her Total Peace Effort“

Dagmar Wernitznig attempts to contextualise Rosika Schwimmer’s (1877–1948) transnational activism and campaigns, relating to the nexus and occasionally problematic interplay of pacifism and first-wave feminism before and during the First World War. As one of the few agitators to decipher the catastrophic potential of a militarist chain reaction at the earliest moment, Schwimmer was pertinent in initiating war resistance and peace rallies on both sides of the Atlantic by mostly appropriating very unorthodox strategies and alternative ideologies for contemporary observers. Overwhelmingly eclipsed from historiography and academic discourse, Schwimmer, despite her eccentricities and solipsism, practiced a decidedly postmodern and professional interpretation of and approach to peace. Hence, this quite atypical conduct and uncompromising realisation of pacifism did not simply juxtapose Schwimmer to militarists and patriots but also marginalised her amongst most feminist, suffragist, and pacifist peers.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1402

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Abstract: Maria Grazia Suriano „War, Peace and Suffrage. The Italian Section of the Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) between Pacifism, Internationalism and Fascist Persecutions (1915–1927)“

This paper aims to illustrate the political and human case of the WILPF first Italian section. The political framework, where the Italian section is placed, was responsive to internationalist, socialist and pacifist demands, which characterized the European as well as the Italian political life in late nineteenth and early twentieth century. In this context women of different social milieu met at the International Congress of Women (The Hague, on April 28th 1915), seeing in it opportunities to occupy the narrow public space, otherwise reserved for them, in a whole new peculiar way.

I will describe therefore initiatives undertaken by Italian women, while being fought between the desire for lasting peace and personal affirmation in political and public sphere. I will put particular attention on difficulties faced in pursuing their goals, because of the tightened police controls to which they where subjected. And last, I will illustrate how difficult was the relationship between WILPF Italian section and the International Executive Committee, and how blind was the latter about local political matters, marginalizing the Italian section eventually more and more.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1400

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Abstract: Anna Norris „Madeleine Vernet: itinéraire d`une féministe pacifiste et antimilitariste“

Cette présentation traitera de Madeleine Vernet, l’une grandes voix du féminisme français, liée aux mouvements anarcho-syndicalistes et communistes libertaires. Contrairement à de nombreuses féministes françaises, elle refusa d’adhérer à la cause de l’Union Sacrée et s’éleva contre la guerre tout au long du conflit.

Educatrice et fondatrice de L’Orphelinat Ouvrier, nous parlerons tout d’abord de son projet éducatif qu’elle applique puis théorise dans ses ouvrages.  Elle y préconise un enseignement non dogmatique, qui enseigne l’égalité entre tous, au delà des classes sociales, des genres, des races et des nationalités, et qui dénonce la violence et la guerre pour promouvoir les idées de paix et de fraternité. Nous parlerons ensuite des nombreuses actions de propagande pacifiste qu’elle entreprend dès 1914 à travers ses discours, ses conférences et ses écrits.  Nous traiterons enfin du précieux soutien qu’elle apporte aux instituteurs et institutrices démis de leurs fonctions en 1917, arrêtés puis jugés coupables de défaitisme et d’anti patriotisme, Marie et François Mayoux et Hélène Brion, syndicaliste et collaboratrice de Vernet dans L’avenir social.

Colloque international “Les défenseurs de la paix 1899-1917. Approches actuelles, nouveaux regards”, 15-17 janvier 2014

Quelle: http://grandeguerre.hypotheses.org/1398

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