Wie Elisabeth heilig wurde. (Teil 2)

Fortsetzung von Wie Elisabeth heilig wurde. (Teil 1)

Im Laufe der Kirchengeschichte ist es eigentlich immer schwieriger geworden, jemanden offiziell von Rom aus als heilig anerkennen zu lassen. In den ersten drei Jahrhunderten wurde praktisch jeder automatisch heilig, der im Namen des Christentums gefoltert und ermordet worden ist. Dieser Automatismus löste aber durchaus das Bedürfnis nach Regulierung von Seiten der Kirchenoberen aus. Man überprüfte bereit im 5. Jahrhundert, soweit möglich, die Identitäten der verehrten Märtyrer und ob es sich bei Ihnen auch wirklich um wegen ihres Glaubens ermordete handelte.[1]

Der Kult um Heilige im einfachen gläubigen Volk wurde auch Thema im 2. Konzil von Nicäa im Jahr 787. Dort legte man fest, dass Anbetung allein Gott zustünde (adoratio) und Heilige ausschließlich verehrt werden dürften (veneratio). Der Heilige nimmt so eine Art Mittlerrolle zwischen den Menschen und Gott ein und Gott wirkt dann die Wunder. Nun hatte dieses Dogma aber auf die Volksfrömmigkeit damals keinen Einfluss. Für die Leute ist der Heilige in seinem Grab bzw. in seinen Reliquien real präsent und es ist der Heilige der hilft, heilt oder straft.[2]

Ab dem 8. Jahrhundert wurde es allgemein üblich, dass man Heilige aus ihren Gräbern „erhob“ und diese entweder im Altar oder darauf in kostbaren Schreinen zur Verehrung ausstellte. Bei Heiligen, die keine Märtyrer der Christenverfolgung waren, bildete diese `Elevatio´, die `Erhebung´ eine Art Heiligsprechung  `per viam cultus´. Das Verfahren bildete eine eigene Liturgie, die von den örtlichen Bischöfen und immer auch im Beisein des Adels durchgeführt worden ist.[3]

Im Hohen Mittelalter wurden die Hürden, heilig zu werden, noch einmal verschärft. Es waren von nun an allein die Päpste, die jemanden nach eingehender Prüfung heilig sprechen konnten. Das ist auch heute noch so. Als erster Heiliger wurde Ulrich von Augsburg 993 durch Johannes XV heilig gesprochen.[4]

Bereits in diesen frühen Heiligsprechungsverfahren waren die wesentlichen Beweise für die Heiligkeit die Wunder, die auf den oder die Heilige zurückgehen sollen. Diese Wunder mussten auch glaubwürdig bezeugt werden.[5] Nun ist das so eine Sache mit den Wundern. In unserer Zeit mit weit entwickelten Naturwissenschaften ist die Wundergläubigkeit des Mittelalters schwer verständlich. Aber wenn man keine Erklärung für ein Phänomen oder eine spontane Genesung eines blinden Kindes etc. hat, führten es die Menschen auf ein Wunder zurück. Das war nun einmal so. Und diese Wunder waren dann Beweise für eine eventuelle Heiligkeit, vorausgesetzt, diese sind auch möglichst von mehreren Zeugen bestätigt worden.

Zurück zu Elisabeth von Thüringen. Kurz nach Elisabeths Tod schrieb Konrad von Marburg an Gregor IX einen Brief, dem er eine kurze Lebensbeschreibung Elisabeths, heute unter dem Namen `Summa vitae´ bekannt, und eine Zusammenstellung von Wundern beilegte. Papst Gregor beauftragte daraufhin eine Art Kommission, die die Zeugen der Wunder, aber auch des heiligmäßigen Lebens Elisabeths untersuchen sollten. Diese Kommission bestand aus dem Erzbischof Siegfried von Mainz, Abt Raimund von Eberbach und Konrad von Marburg, Elisabeths spirituellen Mentor.[6]

Dieses Verfahren kam allerdings in Stocken, weil Konrad 1233 in Beltershausen, unweit von Marburg, umgebracht worden ist. Historiker gehen davon aus, dass er es mit seiner Ketzerverfolgung womöglich etwas übertrieben hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es wurde also eine neue Kommission eingesetzt, bestehend aus Konrad von Hildesheim, Abt Hermann von Georgenthal und Abt Ludwig von Hersfeld, welche nun die Zeugenberichte zusammenstellen sollten und auch taten.[7]

Bereits 1235 wurde die Kanonisationsurkunde von Papst Gregor IX ausgestellt und ein Jahr später fand die feierliche Elevatio, die Erhebung der Reliquien Elisabeths unter Anwesenheit Kaiser Friedrich II aus ihrem Grab statt.

Das Verfahren wurde von Seiten Papst Gregors IX auffällig schnell abgewickelt. Gregor IX hatte nämlich ein politisches Interesse daran, die wichtigsten Persönlichkeiten der neuen Bettelordensbewegung heilig zu sprechen, denn diese war außerordentlich erfolgreich in ihrer Ausbreitung nördlich und südlich der Alpen. Für den Papst stand Elisabeth von Thüringen nämlich in einer Reihe mit Franziskus von Assisi, Antonius von Padua und Dominikus.[8]

Neben der Kurie in Rom hatten auch die Landgrafen von Thüringen ein Interesse, dass eine Angehörige ihrer Familie als Heilige verehrt wird, denn das konnte auch politisch nützlich sein. Das Hospitalgelände in Marburg war kurz vor der Heiligsprechung dem damals in seiner Blüte befindlichen Deutschen Orden übergeben worden. Dieser begann 1235 damit, eine gotische Kirche über dem Grab Elisabeths zu errichten, einem der frühesten rein gotischen Bauten auf deutschsprachigem Gebiet, der Elisabethkirche zu Marburg. Auch der Deutsche Orden hatte ein Interesse an einer Heiligsprechung Elisabeths, mehr aber noch an einer anhaltenden Elisabethverehrung durch die Gläubigen. Denn das schönste und prunkvollste Mausoleum, der prächtigste Reliquienschrein sind überflüssig, wenn die Gläubigen sich nicht dafür interessieren und sie die Kirche nicht besuchen.Und nebenbei bemerkt war, wie heute der Tourismus, damals das Pilgerwesen ein ein einträglicher Wirtschaftsfaktor.[9]

Und damit kommen wir zum Kernpunkt von Heiligkeit, es ist in erster Linie Volksfrömmigkeit. Es ist der Glaube der Menschen an die Wunder und an die Hilfe der heilige Elisabeth.[10] Die Verehrung der heiligen Elisabeth ist bis heute ungebrochen, auch wenn sich diese im Laufe der Zeit wandelte und inzwischen über die Konfessionsgrenzen hinweg reicht.

[1] J. Leinweber, Das kirchliche Heiligsprechungsverfahren bis zum Jahre 1234. Der Kanonisationsprozeß der hl. Elisabeth von Thüringen, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 128

[2] S. Komm, Heiligengrabmäler des 11. und 12. Jahrhunderts in Frankreich. Untersuchungen zu Typologie und Grabverehrung (Worms 1990) 126

[3] A. Angenendt, Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart (München 1994) 173-174

S. Beissel, Die Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien in Deutschland im Mittelalter (Nachdruck  Darmstadt 1983) 106-111

[4] J. Leinweber, Das kirchliche Heiligsprechungsverfahren bis zum Jahre 1234. Der Kanonisationsprozeß der hl. Elisabeth von Thüringen, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 128-129

[5] M. Wehrli-Johnes, Armenfürsorge, Spitaldienst und neues Büßertum in den frühen Berichten über das Leben der heiligen Elisabeth, in: D. Blume- M. Werner, Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige (Petersberg 2007) 153

[6] P. G. Schmidt, Die zeitgenössische Überlieferung zum Leben und zur Heiligsprechung der heiligen Elisabeth, In: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 1-6

[7] J. Leinweber, Das kirchliche Heiligsprechungsverfahren bis zum Jahre 1234. Der Kanonisationsprozeß der hl. Elisabeth von Thüringen, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 131

[8] O. Krafft, Papsturkunde und Heiligsprechung. Die päpstlichen Kanonisationen vom Mittelalter bis zu Reformation. Ein Handbuch. Archiv für Diplomatik. Schriftgeschichte Siegel und Wappenkunde Beiheft 9 (Köln 2005) 416-419/ M. Werner, Mater Hassiae B Flos Ungariae B Gloria Teutoniae, in: J. Petersohn (Hrsg.) Politik und Heiligenverehrung im Hochmittelalter (Marburg 1994) 450-452

[9] B. Demel, Die heilige Elisabeth von Thüringen Patronin des Ordens, in: Archiv Kirchengesch. Böhmen-Mähren-Schlesien 12, 1993, 80

[10] W. Brückner, Zu Heiligenkult und Wahlfahrtswesen im 13. Jahrhundert. Einordnungsversuch der volksfrommen Elisabeth-Verehrung in Marburg, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 119-124

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/1069

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Wie Elisabeth heilig wurde. (Teil 1)

Im heutigen Bistum Görlitz, zu dem meine Heimatstadt Cottbus gehört, ist es üblich, dass sich die jungen Katholiken zu ihrer Firmung, im Alter von 14 oder 15 Jahren, auch intensiv mit Heiligen auseinandersetzen. Jede und jeder Jugendliche sollte sich in seiner Vorbereitung eine Heilige bzw. einen Heiligen aussuchen, die oder der dann als eine Art spirituelle Inspiration und für manche sogar zum Vorbild wird. Den Namen dieses Heiligen nimmt man als Firmnamen an. Ich entschied mich dann für Johanna von Orleons, obwohl ich weder Stimmen hörte, noch in einen patriotischen Krieg ziehen oder gar am Ende auf dem Scheiterhaufen landen wollte. Aber im Mittelalter war das eine gute Möglichkeit, heilig zu werden. Bei meinen Freundinnen standen Theresa von Avila, Hedwig von Schlesien und natürlich Elisabeth von Thüringen hoch im Kurs.

Um Elisabeth von Thüringen dreht es sich ja immer wieder in diesem Blog und nun schauen wir mal, wie sie eigentlich heilig wurde. Die Frage ist, was die junge ungarische Königtochter eigentlich genau angetrieben hat, sich religiös so sehr zu engagieren. Wirklich seriös kann man diese Frage nicht beantworten, denn wir wissen nicht, was sich genau in ihrem Kopf abgespielt hat. Es bereitet Psychologen heute schon Schwierigkeiten, die Gedanken- und Gefühlswelt mancher Zeitgenossen richtig zu analysieren, bei einer historischen Persönlichkeit ist das abschließend nicht möglich und bleibt im Nebel der Geschichte. Sicher ist aber, dass sie sich mit der damals noch jungen Armutsbewegung des Franziskus von Assisi verbunden fühlte und diesen radikalen Weg der Nachfolge Christi auch gehen wollte.[1] Sie war allerdings eingebunden in das Leben als Landgräfin von Thüringen auf der Wartburg mit allen Pflichten und Privilegien. Als ihr Mann Ludwig im Kreuzzug blieb, verweigerte sie eine weitere Heirat und baute sich ein religiöses Leben nach ihren Vorstellungen in Marburg auf.  Elisabeth war ein Kind ihrer Zeit und so dachte sie auch.

Ihr damaliger Beichtvater und spiritueller Mentor war Konrad von Marburg, der zur damaligen Elite des deutschen intellektuellen Klerus gehörte. Er hatte an einer der „Elite-Universitäten“ wie Paris oder Bologna studiert und war einer der wohl radikalsten Ketzerprediger der Zeit. Er war es, dem Elisabeth gegenüber ein Gehorsamsgelübde ablegte. Solche Gelübde hatten auch Klara von Assisi Franziskus gegenüber und Maria von Oignies gegenüber Guido von Nivelles abgelegt.[2] Gehorsam war Teil der franziskanischen Spiritualität, der sich Elisabeth verbunden fühlte, genauso wie Askese, Ablehnung von Sexualität, jeglichem Genuss oder Luxus, ja eine regelrechte Feindlichkeit des eigenen Körpers gegenüber. Elisabeth wollte in Armut leben und entsagte ihrem hochadeligen Leben mit all seinen Privilegien. Freilich konnte sie es sich, im Gegensatz zu den meisten ihrer Landsleute, aussuchen, arm zu sein. Genau diese Einstellung, die Gründung des Hospitals in Marburg und ihre Arbeit dort trafen den Nerv der Zeit.[3]

Wie das mit der Geschichte der Heiligkeit einer Persönlichkeit nun einmal ist, beginnt die eigentliche Geschichte erst, wenn diese tot ist, so auch bei Elisabeth. Als Elisabeth 1231 starb, kamen die Menschen aus der Umgebung nach Marburg und verehrten sie als Heilige, obwohl sie noch nicht mal begraben war. Die Leute wollten sie als Heilige verehren und taten dies auch.

Caesarius von Heisterbach schreibt in seiner Elisabeth-Vita, dass während der drei Tage, als Elisabeth aufgebahrt dalag, viele Menschen aus der näheren und ferneren Umgebung nach Marburg kamen, um Elisabeth die letzte Ehre zu erweisen. Zudem schreibt er:

„Als ihr hochheiliger Leib, in ein graues Gewand gehüllt, das Gesicht mit Tüchern gebunden, auf der Bahre lag, haben viele der Anwesenden, die von der Heiligkeit ihres Körpers wussten, aus Verehrung kleine Stückchen von den Tüchern abgeschnitten und abgerissen, manche schnitten von den Nägeln ihrer Hände oder Füße etwas ab.“[4]

Es wäre nicht möglich gewesen, die Leiche, wie damals bei Heiligen üblich, zu zerteilen, in kostbare Gefäße zu verpacken und zur Anbetung auszustellen. Eine öffentliche Verehrung war bis zur offiziellen Heiligsprechung, wofür es damals ein geregeltes Verfahren gab, verboten.[5] Manche Gläubige hielt es trotzdem nicht davon ab, sich im Vorfeld einer Heiligsprechung schon mal eine Reliquie, also ein Stück der Leiche, bzw. eines Kleidungsstückes o.ä., zu sichern.

Sie wurde erst einmal in einem einfachen Bodengrab in ihrem Hospital bestattet. Archäologisch sprechen wir bei einem Grab in dieser Lage innerhalb eines Kirchenschiffs oder einer Hospitals, das in der Mittelachse oder sogar in direkter Nähe zum Hauptaltar angelegt ist, von einem Stiftergrab. Solche Grabstätten sind Privilegierten, in der Regel Adligen, vorbehalten, die das jeweilige Kloster, Kirche, Hospital u.ä. gegründet bzw. mit Finanzmitteln ausgestattet haben. Die Personen bekamen nach ihrem Tod eine Öffentlichkeit, die der normalen Bevölkerung verwehrt blieb. Auch Elisabeth wurde dieses Privileg zuteil und die Menschen bekamen so auch Zugang zu ihrem Grab, was wichtig war, denn dort geschahen die Wunder, welche für ein ordentliches Heiligsprechungsverfahren nötig waren.[6]

Fortsetzung folgt…

[1] M. Werner, Elisabeth von Thüringen, Franziskus von Assisi und Konrad von Marburg, in: D. Blume- M. Werner, Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige (Petersberg 2007) 110-115

[2] M. Werner, Elisabeth von Thüringen, Franziskus von Assisi und Konrad von Marburg, in: D. Blume- M. Werner, Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige (Petersberg 2007) 115-116

[3] M. Wehrli-Johnes, Armenfürsorge, Spitaldienst und neues Büßertum in den frühen Berichten über das Leben der heiligen Elisabeth, in: D. Blume- M. Werner, Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige (Petersberg 2007) 154-155

[4] E. Könsgen (Hrsg.) Caesarius von Heisterbach. Das Leben der heiligen Elisabeth und andere Zeugnisse, Veröff. Hist. Kommission Hessen 67,2 = Kleine Texte mit Übersetzungen 2 (Marburg 2007) 89

[5] J. Straub, Die Heiligengräber der Schweiz ihre Gestalt und ihr Brauchtum – Ein Beitrag zur Geschichte der Schweizerischen Heiligenverehrung. Diss. Zürich maschinenschr. 1987, 60

[6] M. Borgolte, Stiftergrab/ Grabkirche, LexMA 177-178

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/1067

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Mittelalterarchäologie, eine hochspekulative Wissenschaft?

Am Ende eines aktuellen Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu den Plagiatsvorwürfen gegen Olaf Rader bezeichnet Patrick Bahners die Mittelalterarchäologie an sich als hochspekulativ:

„Aber warum unterbricht der Biograph seine Schilderung der Schlacht von Bouvines, um ein Mikroepochenschema aus einer hochspekulativen Disziplin wie der Mittelalterarchäologie als sicheres Wissen zu präsentieren?“[1]

Patrick Bahners wirft Olaf Rader nicht nur Plagiate, sondern zusätzlich das Einflechten eines mittelalterarchäologischen Exkurses vor. Mit anderen Worten: Schlimm genug, dass Herr Raders plagiiert. Nein, er zieht zudem Erkenntnisse aus der hochspekulativen Mittelalterarchäologie heran.

Es geht uns hier explizit nicht darum, Herrn Raders Arbeitsweise in Schutz zu nehmen, sondern wir sehen hier unser eigenes Fach, die Mittelalterarchäologie, falsch dargestellt.

Der Autor Patrick Bahners bezeichnet die gesamte Fachrichtung als hochspekulativ und das ist völlig unzutreffend. In der Mittelalterarchäologie wird durch die Analyse der bei der Grabung gewonnenen Stratigraphie die relative Chronologie eines Fundplatzes gesichert bestimmt. Zur Datierung der Phasen zieht sie als historische Disziplin neben den schriftlichen Quellen auch immer die vielfältigsten naturwissenschaftlichen Methoden, wie z. B. die Dendrochronologie und die C14-Methode, heran, um zu gesicherten Ergebnissen zu kommen, die eben nicht hochspekulativ sind.

[1] FAZ Feuilleton vom 5. Mai 2014: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/der-plagiatsfall-grosse-seeschlachten-12924883.html

Dr. Kai Thomas Platz und Maxi Platz M.A.

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/3670

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Archäologie und StarTrek. Zu Gast beim Trekcast #029

Der aktuelle Podcast des Trekcast befasst sich diesmal mit dem spannenden Thema Archäologie.

Ich durfte mit Yann-Patrick Schlame, Thorsten Kroke und Malte Kirchner ausführlich darüber reden und das ist dabei herausgekommen.

http://www.startrek-index.de/trekcast/trekcast-029-star-trek-und-die-archaeologie/

Letztes Jahr haben der Kollege Mirco Gutjahr vom angegraben Podcast schon einmal darüber gesprochen, den Podcast finden Sie hier.

Die Interviews gehen auf drei Artikel zurück, die ziemlich genau vor einem Jahr hier auf MinusEinsEbene veröffentlicht habe.

Faszinierend! Ein archäologischer Ausflug ins Science-Fiction

Das archäologische Geschichtsbild bei Star Trek

Archäologie als narratives Mittel bei Star Trek

Wer sich intensiver damit auseinandersetzen will, sei auf die weiterführende Literatur verwiesen. Denn ob Sie es glauben oder nicht, das Thema ist bereits gut erforscht!

R. Bausch, Assimilation – Koexistenz – Unzugänglichkeit. Soziologische Betrachtungen des Fremden in Star trek, in: N. Rogotzki- T. Richter- H. Brandt- P. Friedrich- M. Schönhoff- P. M. Hahlbohm (Hrsg.) Faszinierend! Star Trek und die Wissenschaften 2 (Kiel 2003) 19-49

D. L. Bernardi, Star Trek and history. Race-ing toward in a white furure (New Brunswick, New Jersey u. London 1998)

H. Brandt-F. Schindel-J. Wellhöner, Indiana Jones im Weltraum? Das Bild der Archäologie in Star Trek, in: N. Rogotzki- T. Richter- H. Brandt- P. Friedrich- M. Schönhoff- P. M. Hahlbohm (Hrsg.) Faszinierend! Star Trek und die Wissenschaften 2 (Kiel 2003) 139-164

R. Heilmann, Über die Rolle von Archäologie und Geschichtsforschung im Film Planet of the Apes, in: K. Denzer, Funde, Filme, falsche Freunde. Der Archäologiefilm im Dienst von Profit und Propaganda (Kiel 2003) 21-42

K. U. Hellmann- A. Klein (Hrsg.) “Unendliche Weiten…”. Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie (Frankfurt 1997)

T. Harrison, S. Projansky, K.A.Ono, E.R. Helford (Hrsg.), Enterprise Zones. Critical Positions on Star Trek (Boulder, Colorado u. Oxford 1996)

A. Rauscher, Das Phänomen Star Trek. Virtuelle Räume und metaphorische Weiten (Fulda 2003)1

L. Russell, Archaeology and Star Trek: Exploring the past in the future, in: M. Russell (Hrsg.) Digging Holes in popular culture. Archaeology and science fiction, 2002, 19-29

O. Wenskus, Umwege in die Vergangenheit. Star Trek und die griechisch-römische Antike. Literaturwissenschaftliche Studien zu Antike und Moderne 13 (Innsbruck 2009)

S.E. Whitfield-G. Roddenbery, The making of Star Trek (New York 1968)

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/1045

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Die Phantomphase zu Lorsch oder was Archäologie mit Pythagoras zu tun hat

Kennen Sie Stille Post? In einer unterhaltsamen Runde erzählt einer der Anwesenden eine Geschichte und am Ende des Abends ist diese nicht mehr wiederzuerkennen? Ob Sie es glauben oder nicht, so etwas ähnliches gibt es manchmal auch in der Archäologie.

Ab dem 19. Jahrhundert begann in Lorsch die leidenschaftliche Suche nach dem Gründungskloster Lorsch, dem Altenmünster. An einem der zwei „verdächtigen“ Fundorte wurden insgesamt 4 Ausgrabungen durchgeführt: 1883 durch Friedrich Kofler, 1906 durch Heinrich Giess, 1935 durch Friedrich Behn und schließlich noch einmal 1983 durch das Landesamt für Denkmalpflege in Darmstadt.

Der publizierte Befundplan Friedrich Koflers zeigt Gebäude, die um einen quadratischen Hof herum gruppiert sind. Im Süden liegen die Fundamente eines Kirchenbaues und an den anderen Seiten des Hofes  befinden sich die Gebäude, die in einem seltsamen Winkel angebaut sind. Diese Schiefwinkligkeit in Bezug auf die anderen Befunde erwähnt der Ausgräber in seinem Bericht in keiner Silbe, obwohl das dem Betrachter zuallererst auffällt.

Der Ausgrabungsplan der zweiten Untersuchung 1906 unterscheidet sich von dem ersten Plan durch eine höhere Befunddichte. Das liegt vor allem daran, dass Heinrich Giess ein sehr erfahrener Ausgräber war und ein guter Beobachter vor Ort, was aus seinen Beschreibungen auch deutlich herauszulesen ist. Wir sehen auch auf diesem Plan einen quadratischen Hof, mit einem Kirchenbau im Süden. Anders als beim Vorgänger sind jetzt aber Gebäude in Westen und Osten angebaut, die in einem rechten Winkel zum Hof errichten worden sind. Die schiefwinkligen Gebäude aus dem Koflerschen Plan wurden mit einer Strichellinie eingetragen.

Abb. 1 Übersichtspläne der Ausgrabungsbefunde auf der Kreuzwiese. von links F. Kofler, mitte H. Giess, rechts F. Behn

Im Folgenden wurde es ruhig um die Archäologie in Lorsch. Der erste Weltkrieg kam und die turbulente Zeit während der Weimarer Republik ließen die Problematik: „Wo wurde das Kloster Lorsch gegründet“ in den Hintergrund treten.

Nun stellt sich natürlich die Frage, was die Ursache für diese seltsamen Befunde sein könnten. Der Kunsthistoriker Weise schreibt in seinem Buch über frühmittelalterliche Architektur

Nach dem Plan, den Gieß auf Grund der Aufzeichnungen Koflers gibt, scheinen jene Mauerzüge teilweise von den Resten der festgestellten Klosteranlage überschnitten zu werden, sind also deutlich älteren Ursprungs, teilweise mit ihr im Zusammenhang zu stehen. Hier hätte Gieß mit seinen Grabungen vor allem einsetzen müssen, um das Verhältnis dieser verschiedenen Reste zueinander festzustellen, hier wären für die Baugeschichte dieser Anlage wichtige Ergebnisse zu erwarten gewesen.”[1]

Er greift den Ausgräber Heinrich Giess direkt an, er hätte diese offensichtliche Fragestellung nicht erkannt und auf der Grabung geklärt. Der dritte Ausgräber vor Ort, Friedrich Behn, will diese Frage nun seinerseits während einer Untersuchung klären und schreibt bevor die Grabungen stattfanden:

„Es kam darauf an, das Verhältnis der beiden übereinander liegenden Baukomplexe sowie das Verhältnis des ältesten Klosters zum gräflichen Landgut und unter Umständen zu einem diesem vorangegangenen römischen Gutshofe zu klären; auch durfte erwartet werden, mit den Mitteln neuzeitlicher Grabungstechnik dem Boden noch weitere Aussagen abzuringen. Es mußte ferner geprüft werden, ob die früheren Untersuchungen das Objekt wirklich in seiner vollen räumlichen Ausdehnung erschöpft hatten.”[2]

Er geht also gesichert davon aus, dass es sich um zwei getrennt voneinander anzusprechende Bauphasen handelt, wobei die ältere im Vorfeld schon mal als „gräfliches Landgut“  angesprochen wird, die zweite Phase sei das Kloster Altenmünster. Schaut man sich jetzt den Befundplan Friedrichs Behn an, so erkennt man gar keine schiefwinkligen Gebäude.

Was war passiert?

Friedrich Behn und seine Zeitgenossen gingen in der Betrachtung des Plans von Heinrich Gieß davon aus, dass zwei übereinanderliegende Bauphasen bei den vorrangegangen  Ausgrabungen freigelegt und dokumentiert worden sind. Allerdings, wenn man sich den Plan Friedrich Koflers betrachtet, sind hier nur schiefwinklige Fundamente zu sehen und die rechtwinkligen fehlen. Wie ist das zu erklären?

Es ist durchaus möglich, dass es sich hier um eine Phantomphase handelt. Jeder Archäologe kennt die Situation während einer Ausgrabung, wenn eine schnurgerade Mauer auf dem Papier auf einmal krumm wird, oder eine rechtwinklige Mauerwerksecke auf dem Papier plötzlich spitzwinklig ist. In einem solchen Fall liegt ein Fehler in der Vermessung vor und das passiert sehr schnell. Jedem Archäologen wird deswegen auf Lehrgrabungen beigebracht, wie man schnell und unkompliziert mit Schnur und Maßband einen rechten Winkel auf dem freien Feld festlegt. Und das geht natürlich mit dem Satz des Pythagoras am einfachsten: a2+b2=c2 So können drei Mitarbeiter sehr schnell einen rechten Winkel konstruieren, wenn sie mit Maßbändern ein Dreieck mit den Seitenlängen von 3, 4 und 5m bilden. Diese Faustformel wird jedem Archäologen von Anfang an mitgegeben, aus gutem Grund. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass den Mitarbeitern der ersten Ausgrabung Friedrich Koflers so ein Winkelfehler passiert ist. Kofler selbst ließ den falschen Plan nicht mehr ändern und publizierte das so, ohne dies in seinem Text zu erwähnen. Friedrich Gieß, bemerkte den Fehler und zeichnete dies vollständigkeitshalber ein. Die nachfolgenden Forscher hielten es für eine zweite Bauphase, die der dritte Ausgräber logischerweise nicht vorfand. So kam es zur Phantomphase zu Lorsch, die mit der korrekten Anwendung des Satz des Pythagoras vermeidbar gewesen wäre.

Dieser Blogpost beruht auf meiner Magisterarbeit mit dem Titel: „Altenmünster – Seehof – Kreuzwiese. Neue Betrachtungen zum Siedlungsraum Lorsch von der Spätlatènezeit bis zum Ende des Hochmittelalters“.

Exkurs an den Oberrhein: Die Gründung des Klosters Lorsch aus archäologischer Sicht

Wo wurde das Kloster Lorsch gegründet?

Abb 1: F. Kofler, Lorscher Ausgrabungen. Quartalsbl. Hist. Ver. Hessen, 1983, S. 17. H. Giess, Lorscher Ausgrabungen. 1910. Kreuzwiese, in: Vom Rhein, 1911, Beilage. F. Behn, Die karolingische Klosterkirche von Lorsch an der Bergstraße (Berlin/ Leipzig 1934) Plan 1.

[1] G. Weise, Untersuchungen zur Geschichte der Architektur und
Plastik des Frühen Mittelalters (Leipzig/ Berlin 1916) 48

[2] F. Behn, Neue Ausgrabungen in Lorsch. Denkmalpflege. 1933,
161.

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/1032

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Wo wurde das Kloster Lorsch gegründet?

„Wo wurde das Kloster Lorsch gegründet?“ ist eine Frage, die nur dann spannend ist, wenn man erstens weiß was dieses Kloster Lorsch eigentlich ist, zweitens dass es woanders gegründet wurde, also praktisch irgendwann umgezogen ist.

Zu erstens: Das Kloster Lorsch ist eines der berühmtesten karolingischen Reichsklöster auf deutschem Boden, es ist die Begräbnisstätte unter anderem von Ludwig dem Deutschen und beherbergte eine der bedeutensten mittelalterlichen Bibliotheken nördlich der Alpen. Lorsch ist heute eine hübsche kleine Stadt im Kreis Bergstraße im hessischen Rheinried gelegen, im Dreiländereck Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Zu zweitens: Das Kloster Lorsch ist kurz nach seiner Gründung tatsächlich umgezogen. Man weiß genau wohin, aber die Frage nach dem woher bewegt die Gemüter seit dem 19. Jahrhundert.

Alles was wir darüber wissen, stammt aus dem Lorscher Codex aus dem 12. Jahrhundert, in dem die Gründungsgeschichte erzählt wird, die aus der Sicht des Chronisten bereits 400 Jahre her ist. Zum Verständnis hier nur die deutsche Übersetzung:

Im zwölften Jahre also der Regierung Pippins  stifteten Cancor, der berühmte Graf des Oberrheingaues, und seine fromme gottwohlgefällige Mutter Williswinda, die Witwe des Grafen Rupert, das Kloster Lorsch auf der Insel, welche jetzt Altenmünster genannt wird. Sie übergaben es dem verehrungswürdigen Metzer Erzbischof Rutgang (742-766), damit er dort eine Schar Mönche ansiedle.[1]

Da man für eine anständige Klostergründung auch eine wichtige Reliquie für die Weihe der Klosterkirche benötigt, brachte man eine Reliquie des Heiligen Nazarius, einem Märtyrer aus dem 4. Jahrhundert, nach Lorsch.

„Zur feierlichen Wallfahrt der Übertragung strömte die Bevölkerung des ganzen Landgebietes bis zum Wasgenwald haufenweise herbei, viel Volk beiderlei Geschlechtes “Jünglinge und Jungfrauen, die Alten mit den Jungen” (Psalm 148,12). Die weitbekannten Grafen Cancor (vom Oberrheingau) und Warin (vom Ladengau) und andere vornehme und achtbare Männer der Gegend hoben den durch Gottes Fügung ihrer Heimat bestimmten Schatz des heiligen Körpers auf ihre eigenen Schultern und verbrachten ihn, begleitet von den Hymnen und geistlichen Gesängen einer ungeheuren Volksmenge (am 11. Juli 765), an den vom Himmel vorgesehenen Ort. Da aber der verfügbare Raum jener oben erwähnten Insel klein und beengt war, reichte er für die Aufnahme einer solchen Menschenmenge und selbst der alltäglichen Besucherzahl nicht aus. Auch die örtliche Lage entsprach nicht einem Kloster von so berühmtem Namen. Sie entsprach auch keineswegs der durch die Verdienste ihres Märtyrers in der nächstfolgenden Zeit erreichten hohen Würde. Der Wunsch und die Ansicht aller ging daher dahin, dass Kloster und Kirche baulich bedeutend zu erweitern und auf den Hügel zu verlegen seien, auf dem man die Anlage heute noch sieht.”[2]

Wir fassen zusammen: Graf Cancor gründet ein Kloster auf der Insel, das heute, also im 12. Jahrhundert zum Zeitpunkt der schriftlichen Überlieferung, Altenmünster genannt wird. Er ließ eine Reliquie des Heiligen Nazarius nach Lorsch kommen, die man in einer feierlichen Prozession in die Klosterkirche überführte. Die Kirche und das Kloster wurden den Mönchen bald zu klein und so beschloss man, es auf den „Hügel“ zu verlegen.Die Weihe der Klosterkirche, deren Rest heute noch steht, fand nach dem Lorscher Codex, 774 statt, also bereits 9 Jahre nach der Weihe der Klosterkirche auf der Insel.Das Inselkloster wurde aber keineswegs aufgegeben. Es ist überliefert:

“Im Jahre 1056 nach des Herrn Menschwerdung. Nach Abt Arnold wurde Udalrich (1056- 1076) einstimmig gewählt. … Auch die nächst unserem Kloster gelegene und Altenmünster genannte Insel entriß er ihrem seit langem vernachläßigten Zustand, ließ zweckmäßige Bauten errichten, erneuerte die ganze Anlage und machte sie wieder zur Abhaltung von Gottesdiensten geeignet. Auch für die geistigen und leiblichen Bedürfnisse der Mönche, die künftig dort wohnen sollten, sorgte er aufs beste“[3]

Das Kloster Altenmünster auf der Insel wurde also weiterhin von Mönchen bewohnt und Mitte des 11. Jahrhunderts noch einmal gründlich generalüberholt. Auch hundert Jahre später ist das Altenmünster noch besiedelt, danach verliert sich die Überlieferung und wir wissen nicht genau, wann es aufgegeben wurde.

Die Frage ist nun, wo stand dieses Altenmünster auf der Insel? Eine Frage, die schrifthistorisch nicht zu beantworten ist, und so versuchte man, dieser Sache bereits im 19. Jahrhundert archäologisch auf den Grund zu gehen.

Zunächst einmal, heißt es, sich auf die Suche nach Inseln im näheren Umkreis von Lorsch zu begeben. Da hier im Kreis Bergstraße kein größerer natürlicher See ist, wird es sich wohl um eine Flussinsel handeln, die von der Weschnitz umflossen wird. Heutzutage gibt es dort keine Inseln mehr, weil wegen des starken Siedlungsdrucks im erweiterten Frankfurter Umland die Weschnitz kanalisiert und viele feuchte Niederungen trockengelegt wurden. Vor etwa 10.000 Jahren allerdings, kurz nach dem Ende der letzten Eiszeit, durchzogen Wanderdünen den unbewaldeten Rheingraben. Als die Vegetation zunahm, wurden die Sanddünen zu den natürlichen hochwasserfreien Siedlungsplätzen der dort lebenden Menschen. Die Weschnitz wechselte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ihr Bett und umspülte zeitweise auch die ein oder andere Sanddüne, die dann zur Insel wurde. Der Hügel, auf dem die Reste des Kloster Lorsch stehen, ist eine sehr große Sanddüne. Etwa 300 m östlich dieser Hauptdüne befindet sich eine zweite, sehr viel seichtere, aber hochwasserfreie Düne, die Kreuzwiese, und 3,5km südlich eine dritte, die man Seehof nennt.

Die Kreuzwiese wie auch die Düne am Seehof waren eine Zeit lang von der Weschnitz umspült und somit Inseln. Beide Dünen waren auch besiedelt und bebaut, sodass sie als potenzielle Gründungsklöster Altenmünster in Frage kommen. Ende des 19. Jahrhunderts entbrennt eine kontroverse Debatte über die Lokalisierung des Gründungsklosters, die man ohne weiteres als leidenschaftlich bezeichnen kann. Es bildeten sich zwei Lager, die einen wollten das Kloster am Seehof, die anderen auf der Kreuzwiese sehen.

1882 wurde schließlich das erste Mal archäologisch untersucht. Friedrich Kofler leitete die Ausgrabungen und legte zahlreiche unverkennbar mittelalterliche Fundamente frei, die klar die Überreste einer sakralen Anlage waren. Die Befunde sprachen eine eindeutige Sprache, aber als Heinrich Giess 1904 auf dem Gelände am Seehof untersuchte, kam ebenfalls ein mittelalterlicher Sakralbau zutage. Die Frage nach dem Gründungskloster war also wieder offen. Also führte Heinrich Giess 1907 noch einmal Grabungen auf der Kreuzwiese durch und konnte die Befunde seinen Vorgängers im Wesentlichen bestätigen, widersprach aber der Theorie dort sei das Gründungskloster Altenmünster. Stattdessen identifizierte er den Fundplatz mit der „Ecclesia Varia“, die „bunte Kirche“, die Ludwig der Deutsche in Auftrag gegeben hat und eine Kaisergrablege sein sollte. Die Identifizierung der „Ecclesia Varia“ ist bis heute nicht geklärt.

Nach diesen Grabungen wurde es erst mal still in der Debatte, da Erster Weltkrieg und die politisch instabile Weimarer Republik  dazwischen kamen. 1927/28 wurde der Fundplatz Kreuzwiese schließlich ein drittes Mal ausgegraben. Der Ausgräber Friedrich Behn, der in den 30er Jahren auch das Kloster Lorsch auf der Hauptdüne sehr umfangreich aufgraben wird, kam zu dem glasklaren Ergebnis: Auf der Kreuzwiese ist das Altenmünster. Alles andere ist Blödsinn. Die Debatte ist geklärt. Fertig. Friedrich Behn war nämlich ein Mann klarer Ansagen und Widersprüche waren spätestens ab 1933 nirgendwo in Deutschland mehr erwünscht, auch nicht in der Wissenschaft.  Die verschiedenen Argumente zum Für und Wider habe ich in meiner Magisterarbeit zusammengefasst, die Sie hier herunterladen können.

Abb. 1 Übersichtspläne der Ausgrabungsbefunde auf der Kreuzwiese. von links F. Kofler, mitte H. Giess, rechts F. Behn

Abb. 1 Übersichtspläne der Ausgrabungsbefunde auf der Kreuzwiese. von links F. Kofler, mitte H. Giess, rechts F. Behn

Heute sind die Fundamente des vermeintlichen Altenmünsters auf der Kreuzwiese mit niedrigen Steinmauern angedeutet. Das Gelände ist genauso wie das Kloster Lorsch auf der Hauptdüne Unesco-Weltkulturerbe. Unweit davon sollen ein paar neckische Holzhütten einen optischen Eindruck von Lauresham (Lorsch) während der Karolingerzeit geben. Das Freilichtdorf soll noch dieses Jahr eröffnet werden und man darf gespannt sein, wie die Rekonstruktionen angelegt sein werden.

1983 ergab sich noch einmal die Gelegenheit, auf der Kreuzwiese eine Ausgrabung durchzuführen, was durch Mitarbeiter des Landeamts für Denkmalpflege in Darmstadt geleitet wurde.

Abb. 2: Blick auf den Grabungsschnitt 1983 (Bild: LfDH Darmstadt)

Es ist die einzige der vier Grabungen, bei denen die zeichnerische Originaldokumentation vorliegt. Der Schnitt wurde im Bereich der vermeintlichen Klosterkirche des Altenmünsters durchgeführt. Es zeigt sich sehr schnell, dass keinerlei Mauerwerk mehr erhalten war, so dass die ehemaligen Fundamente sich ausschließlich durch sogenannte Mauerausbruchsgräben, also Verfärbungen im Erdreich, zu erkennen waren. Während der Auswertung konnte ein vermutlich sakraler Bau rekonstruiert werden, der nicht ganz dem Kirchenbautyp entspricht wie er auf den Plänen von Kofler, Giess und Behn eingezeichnet ist. Es ist eher ein Saalbau, also ein Raum ohne Innengliederung, mit einem eingezogenen Rechteckchor. Die Mauerstärke der Außenwände kann nicht stärker als 60 cm betragen haben. Um diesen Bau befand sich ein Friedhof, es wurde auch in dem Gebäude bestattet und die sich nördlich anschließenden Gebäude, die um den quadratischen Hof gruppiert sind, sprechen schon dafür, dass es sich tatsächlich um eine Klosterkirche gehandelt hat. Saalbauten mit eingezogenem Rechteckchor sind sehr weit verbreitet und wurden durch das gesamte Mittelalter hindurch gebaut, aber die Mauerstärke von nur 60 cm verweist tatsächlich auf die Vorromanik. Es kann sich also hierbei tatsächlich um das legendäre Gründungskloster Altenmünster handeln.

Abb. 3: Rekonstruktion des Sakralbaues, anhand der dokumentierten Mauerausbruchsgruben (Bild: Maxi Platz)

Schauen wir 3,5 km südlich zum Seehof auf den zweiten Fundplatz mit einem abgebrochenen Kirchenbau.  Hier haben wir einen dreischiffigen Bau vor uns, mit einem Querhaus und drei Apsiden, wobei die mittlere etwas größer ist. Deutlich zu erkennen ist auch, dass die mittlere Apside später durch eine gestelzte ersetzt worden ist. Es gab also Umbauarbeiten an diesem Kirchenbau.

Abb. 4: Grundriss des Kirchenbaus am Seehof.

Nördlich schließen sich hier Befunde an, die möglicherweise auf einen Kreuzgang hinweisen, so dass hier auch ein Kloster gestanden haben könnte. Allerdings weist die Architektur an dieser Stelle auf eine jüngere Erbauungszeit. Wenn wir uns also auf die Planzeichnung von Heinrich Giess verlassen können, ist dieser Bau wohl eher romanisch oder jünger, also möglicherweise ins 11. Jahrhundert oder später einzuordnen.

Das hieße, wenn das Gründungskloster Altenmünster auf einem der beiden ehemaligen Inseln errichtet worden ist, dann wäre die Kreuzwiese, nach allem was wir bisher wissen, der wahrscheinlichere Ort.

 

Dieser Blogpost beruht auf meiner Magisterarbeit mit dem Titel: „Altenmünster – Seehof – Kreuzwiese. Neue Betrachtungen zum Siedlungsraum Lorsch von der Spätlatènezeit bis zum Ende des Hochmittelalters“. In diesem Rahmen kann natürlich nicht die gesamte Argumentationskette wiedergeben werden.

Abb 1: F. Kofler, Lorscher Ausgrabungen. Quartalsbl. Hist. Ver. Hessen, 1983, S. 17.

H. Giess, Lorscher Ausgrabungen. 1910. Kreuzwiese, in: Vom Rhein, 1911, Beilage.

F. Behn, Die karolingische Klosterkirche von Lorsch an der Bergstraße (Berlin/ Leipzig 1934) Plan 1.

Abb. 2: Grabungsüberblick der Untersuchung auf der Kreuzwiese Lorsch 1983 (Foto: LfDH Darmstadt)

Abb. 3: aus dem Nachlaß Giess, Stadtarchiv Bensheim

Abb.4: Maxi Platz. Hintergrund auf Basis Überblicksplan Friedrich Behn: F. Behn, Die karolingische Klosterkirche von Lorsch an der Bergstraße (Berlin/ Leipzig 1934) Plan 1.

[1] K.-J. Minst, Lorscher Codex I. II. Deutsch. Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch (Lorsch 1966) S. 49

[2]K.-J. Minst, Lorscher Codex I. II. Deutsch. Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch (Lorsch 1966) S. 52-53

[3] K.-J. Minst, Lorscher Codex I. II. Deutsch. Urkundenbuch der ehemaligen Fürstabtei Lorsch (Lorsch 1966)S. 167

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/1008

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Archäologisches zum Kloster Lorsch

Archäologische Forschung wird im Kloster Lorsch seit dem 19. Jahrhundert betrieben. Moderne Untersuchungen wurden vom Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit in Bamberg von 1998 bis 2008 durchgeführt. Die Grabungen sind noch nicht abschließend ausgewertet und vorgelegt. Zur Zeit  finden Ausgrabungen vom Lehrstuhl für europäische Kunstgeschichte in Heidelberg statt. Ich selbst habe meine Magisterarbeit in Bamberg zu dem Lorscher Gründungskloster Altenmünster geschrieben. Die Arbeit mit dem Titel: “Altenmünster – Seehof – Kreuzwiese. Neue Betrachtungen zum Siedlungsraum Lorsch von der Spätlatènezeit bis zum […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/6800

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Die Institutsstreichungen in Leipzig: Zufall oder Folge einer wirtschaftsorientierten Hochschulpolitik?

In diesen Wochen ist der Protest über die Schließung von Klassischer Archäologie und Theaterwissenschaften an der Universität Leipzig laut. Am 20.1.2014 machte das Rektorat über eine Pressemeldung die Streichungen öffentlich. Natürlich werden die Kürzungen nachdrücklich bedauert, aber die schulterzuckende Alternativlosigkeit ist zwischen den Zeilen heraus zu lesen.

Neben diesen Sparmaßnahmen werden in der physikalischen Chemie noch 4 Stellen und insgesamt 12  Azubistellen gestrichen.

Natürlich müssen die öffentlichen Haushalte sparen und aus Sicht vieler Bundesländer sollen sich die Universitäten daran beteiligen. Dieser Zwang hat in den letzten 15 Jahren dafür gesorgt, dass der sogenannte akademische Mittelbau fast verschwunden ist und stattdessen befristet Beschäftigte mit Halbjahres- oder allerhöchstens Zweijahresverträgen Lehre, Forschung und zum Teil auch Verwaltung bestreiten.

Nach Schätzungen der GEW wird etwa ein Drittel der Lehre von Lehrbeauftragten übernommen. Lehre, die mit einer Aufwandsentschädigung von 1000 bis 1050 € im Semester! vergütet wird. Lehre zum Spottpreis.

Nun sind die Universitäten an einem Punkt, an dem ihnen keine Wahl bleibt, als ganze „Muskelgruppen“ zu amputieren. Ist das so? Oder haben die Verantwortlichen in Wissenschaftsministerien, Rektorenkonferenz, Wissenschaftsrat usw. nicht den Umbau des Wissenschaftsbetriebes so gesteuert, dass es auf solche Streichungen hinausläuft?

Schlagworte der Wissenschaftspolitik der letzten 15 Jahre waren „Leistungsfähigkeit“, „Wettbewerb“, „Zukunftsfähigkeit“, „Professionalisierung der Management- und Leitungsfunktionen“, sogar von „hoher volkswirtschaftlichen Rendite“ ist die Rede. [1] Das Problem ist, dass es Fächer gibt, die keine „volkswirtschaftliche Rendite“ versprechen.

Ebenfalls ein Schwerpunkt der letzten 15 Jahre Hochschulpolitik war die Fokussierung auf Drittmittelfinanzierung. Natürlich beteiligen sich Bund und Länder an der Mittelvergabe über Forschungsfördertöpfe usw., aber eine der größten Drittmittelgeber ist die deutsche Wirtschaft. So hat Frau von Schorlemer eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie bekannt gibt, dass der Freistaat Sachsen vom Institut der Deutschen Wirtschaft für seine Ingenieurs-Ausbildung gelobt wird. Und so wundert auch nicht, dass die TU-Dresden von den Sparmaßnahmen der Landesregierung ausgenommen wird.

Nun könnte man sagen, dass in Mitteldeutschland drei Institute für klassische Archäologie zu viel seien, schließlich werden dort Akademiker ausgebildet, die zu lange volkswirtschaftlich Unnötiges studieren und auf dem Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind. Also wäre es doch besser, wenn es weniger von solchen Lehrstühlen gäbe.

Die aktuellen Institutsstreichungen von klassischer Archäologie und Theaterwissenschaft sind nur konsequent, wenn man die Schwerpunktsetzung der  Hochschulpolitik der letzten 15 Jahre betrachtet.

Vom Humboldtschen Bildungsideal hat sich die deutsche Hochschulpolitik längst verabschiedet. Es wird allerdings gern auf Festakten zitiert, auf denen die Partner aus großen Unternehmen in der ersten Reihe sitzen. Das heißt, nicht dass sie dort nicht sitzen dürften, sondern nur, dass die Freiheit der Wissenschaft auch die Freiheit von Wirtschaftlichkeit und ökonomischen Interessen sein muss.

[1] Einen sehr guten Artikel dazu hat Felix Grigat verfasst, der auf academics.de erschienen ist.

Dazu siehe auch die “Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems” herausgegeben vom deutschen Wissenschaftsrat 2013.

Zur Petition des Deutschen Archäologen-Verbandes e.V.

Blindes Sparen nach dem Zufallsprinzip: Streichung der Klassischen Archäologie in Leipzig auf archaeologik

Kommentar zu den Zielvereinbarungen zwischen dem Rektorat und dem sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf dem extra ins Leben gerufenen Protestblog ausgegraben

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/929

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