“Wie ich als Nachkriegskind trotzdem vom Krieg geprägt bin”

Elin Goldberg1  (geb.  1959)  schreibt über Ihre Erfahrungen aus der Generation der Nachkriegskinder, also der Kinder, die mit Eltern aufgewachsen sind, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Sowohl der Artikel bei Brigitte.de, als auch die Kommentare sind sehr lesenswert und aufschlussreich.

http://www.brigitte.de/frauen/stimmen/nachkriegskind-1220230/

Sie berichtet über die Erfahrungen aus ihrer Kindheit:

“Immer wieder sah ich an sonntäglichen Kaffeetafeln der Überlebenden in erstarrte Gesichter, wurden Gespräche abgebrochen, wenn wir Kinder vom Spielen ins Wohnzimmer zurückrannten, wo die Stimmung derweil von Kümmel und Korn verzweifelt erhitzt war. An diesen Sonntagen verdichtete sich mein Gefühl, dass das, was mir gezeigt und gesagt wurde, nicht mit dem übereinstimmte, was ich spürte.”

Diese Gefühlswelten blieben noch lange Zeit bestehen. Zum Ende des Artikels und im Rückblick aus dem Erwachsenenalter bleibt Ihr die Frage:

“Welche Bedeutung hat dieses Thema für die Enkelgeneration, welche konkreten Folgen für die Global Players, die in Peking und London studieren, worldwide deutsches Markenbier trinken und Frisuren tragen, die meine niederländische Freundin – mittlerweile lächelnd – als Nazi-Chic bezeichnet? Was haben wir an sie weitergegeben?”

Solche Artikel sind eine Fundgrube an Ideen und Anregungen für Forschungsfragen, die eine revitalisierte Nachkriegskinderstudie auf Basis der Kindheitsdaten beantworten könnte. Bis dahin sind jedoch noch einige Hürden zu überwinden. Schön ist es zu sehen, dass die Autorin mich kontaktiert hat, damit wir noch mal besonders auf Ihren Artikel in unserem Blog hinweisen, was ich sehr gerne tue. Kommentare dürfen gerne direkt im Artikel bei Brigitte gegeben werden, dort werden sie auch von der Autorin beantwortet.

  1. *Pseudonym

Quelle: http://zakunibonn.hypotheses.org/1510

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“Es wurde nicht über etwas gesprochen, was ja eh alle gleichzeitig erlebt hatten”: Erfahrungsbericht aus Berlin

Kurz nach dem Fernsehbeitrag bei nano auf 3sat erreichten mich wieder einige Rückmeldungen, darunter eine besonders interessante einer 1932 in Berlin geborenen Frau, deren Email ich hier gerne teilen möchte. Der Fernseh-Beitrag wurde später bei Quarks & Co. auf der Webseite gezeigt und bei Facebook diskutiert:
https://www.facebook.com/QuarksundCo/posts/10154313784930564

Ich bekam aber auch eine Email von einer Frau aus Berlin (geb. 1932), die mich besonders berührt hat und die ich hier gerne als persönlichen Erfahrungsbericht veröffentlichen möchte.1

Hallo Sascha Foerster,

nein, ich bin keines der 4000 Nachkriegskinder, von denen Studien gemacht wurden über 10 Jahre lang, schon darum, weil ich als Berlinerin (1932-1950) dafür gar nicht in Frage kam.

Ich habe mich jedoch in der Vergangenheit sehr oft mit dem auseinandergesetzt, was meine Generation erlebt hat und was niemals auch nur ansatzweise in irgendeiner Form hinterfragt wurde. Es ist, als wäre das, was wir erlebt hatten während unserer Kindheit (häufige nächtliche Fliegeralarme; Angst vor Bomben von den Flugzeugen am Himmel und den Splittern der Flakgeschosse; Angst dann vor den herannahenden sowjetischen Truppen; Angst zu hungern; Angst, die betrunkenen russischen Soldaten könnten mich (knapp 13), meine Mutter oder die Nachbarin die ersten Wochen im Mai 1945 nachts in unserem Versteck im Kohlenkeller finden; Angst, die zwei russischen Soldaten, die eines Tages in unser kleines Haus am Rand von Berlin kamen und ‘Uhri, Uhri’ suchten und meinem Vater eine Pistole an die Schläfe setzten, könnten ihn wirklich erschiessen, dann – ich weiss nicht, ob das nicht noch schlimmer war – die ersten Tages-Zeitungen, die einige Wochen nach dem Ende des Krieges wieder erschienen und über die Greuel des Volkes berichteten, zu dem ich gehörte, die an den Insassen der KZs begangen worden waren…… Und der Hunger, zwei Jahre lang. Ich erinnere mich lebhaft an die Lektüre der Morgenzeitung, ich denke, es war die MORGENPOST, die ich täglich las, jedes Wort über all’ die Verbrechen, die die Nazis an den Juden, Zigeunern, Andersgläubigen und denkenden begangen hatten. Ich erinnere mich daran, wie elend und hilflos ich mich damals gefühlt hatte und – wie allein. Niemals und niemand hat jemals mit mir über all’ diese Erlebnisse gesprochen. So war das eben. Es WURDE NICHT ÜBER ETWAS GESPROCHEN, WAS JA EH’ ALLE GLEICHZEITIG ERLEBT HATTEN. Man tat seine Pflicht, hatte seine Aufgaben und übte daneben Treu’ und Redlichkeit! Das scheint mir heute noch das Unmenschlichste an der Situation!

Ich hatte mich – (mit 9 Jahren wohlgemerkt!) – auf Fragen meines Vaters für den Besuch des Lyzeums entschieden und ging also dann nach angemessener Zeit wieder regelmässig zum Unterricht, meine Leistungen wurden aber immer schlechter und ich hielt mich schlicht für zu dumm und glaubte nicht einmal, das Abitur je zu bestehen. Bestand es dann aber doch knapp, dachte jedoch niemals an ein Studium und es war niemand da, der mit mir je darüber sprach oder mir zusprach. Man war wohl einfach froh, alles einigermassen heil überstanden zu haben, im Gegensatz zu meiner Grossmutter, die noch 3 Monate vor Ende des Krieges im Zentrum Berlins (Mitte), durch eine Sprengbombe bei einem Luftangriff im Luftschutzkeller ums Leben kam. Der Grossvater war zu diesem Zeitpunkt noch an seinem Arbeitsplatz, wenige Kilometer entfernt. Er hat den Tod seiner Frau nie mehr verwunden. Und diese Grossmutter hatte bei Familienfesten nie verabsäumt, über ‘diesen Verbrecher, diesen Halunken….’ zu schimpfen.
Nach dem Sommer 45, als die Dinge sich einigermassen wieder ‘normalisiert’ hatten, bekamen wir einen neuen Mathe-, Physik- und Chemielehrer’, direkt aus Auschwitz. Er sah sehr jüdisch aus und war mild und sehr freundlich. Er war, denke ich, nicht älter als Ende 2O. Er stellte uns auch seine junge Frau vor, ebenfalls sehr jüdisch aussehend. Sie hatten beide Auschwitz überlebt, aber nicht ihre dort geborenen Zwillinge. Etwa 25 Jahre später hatte ich beide in San Francisco/Cal. besucht und später mit einer Schulfreundin auch die
Witwe allein noch einmal. Sie hatten sich sehr über unsere Besuche gefreut, – auch wenn wir die einzigen Schülerinnen waren, von denen sie jemals noch nach ihrem Auszug aus Berlin etwas gehört oder gesehen hatten.

Verzeihen Sie, dass diese e-mail so lang geworden ist. Es ‘läppert sich’ zusammen, auch wenn man nur einige Punkte aus einem langen Leben erwähnen wollte.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Studien. Und viel verwendbares Material!

Mit freundlichen Grüssen
HL

Auf diese Email hin fragte ich nach, ob ich sie als Erfahrungsbericht veröffentlichen darf und ob sich die Erfahrungen ihrer Meinung nach auf ihren Lebenslauf ausgewirkt haben. Als Antwort erhielt ich eine weitere spannende Email:

Lieber Sascha Foerster,

ich bedanke mich sehr für Ihre e-mail, die nun schon seit dem 4. Juli auf meine Antwort hier auf meinem laptop wartet. Entschuldigung! Es ist so heiss hier, in Südwest-Spanien an der Küste und ich habe mich z.T. nicht gut genug gefühlt, um zu antworten. Aber – obwohl es heute genauso heiss ist – fühle ich mich doch beinahe genötigt, Ihnen zu antworten: es ist der 70. Jahrestag des Hitler Attentats und gleichzeitig der 70. Todestag des  damaligen Hitler-Attentäters Stauffenberg und ich kann mich noch sehr genau an meine Reaktion – die eines ignoranten 12-jährigen BDM-Mädchens – erinnern auf die Radiomeldung vor 70 Jahren! Heute bewundere ich Stauffenberg sowie den gesamten Hitler-Widerstand natürlich sehr, und bedaure ausserordentlich, dass Claus Schenk Graf von Stauffenberg sein Leben daraufhin lassen musste und der wahre Kriegsverbrecher und Mörder nochmals fast ein weiteres Jahr weiterherrschen konnte!

Sie dürfen meine Reminiszenzen gerne weiterverwenden, wenn sie Ihnen für Ihr Projekt dienen können. Auf Ihre Frage nach direkten Einwirkungen des 2. Weltkrieges und besonders des Hitler-Regimes auf meinen Lebenslauf, kenne ich nur einen Punkt: Ich habe mich von meinem 13. Lebensjahr bis vor wenigen Jahren – bis es mir ganz bewusst war – als Deutsche SEHR SCHULDIG gefühlt! Vergessen Sie nicht: uns wurde schon bei den Jungmädchen (die jüngere Garde der BDM-
Mädchen, von 10 – 14 Jahren) eingeredet, dass WIR, besonders die blonden, blauäugigen Menschen die wertvolleren der Spezi Mensch waren. (Da kommt mir eine Erinnerung: Ich fuhr einmal während des Kriegs mit einem Zug – ich vermute von Küstrin oder Landsberg a. W. nach Berlin und, als der Zug kurz halten musste an einem kleinen Bahnhof, sah ich eine Gruppe, – wohl Kriegsgefangener,  -  dort stehen. Einer der Zuggäste meinte, es seien kanadische Kriegsgefangene. Daraufhin beobachtete ich die Männer ganz genau und fand, als 11-12-jähriges Kind, dass
diese eigentlich genauso aussähen wie Deutsche!) Irgendwie tröstet mich diese Erinnerung, die sehr lebhaft ist, denn sie zeigt, wie immer man uns von der Politik oder der Hitler-Jugend indoktriniert hatte:
Ich kleines Mädchen hatte mir eine eigene Meinung gebildet, wenn mir die Möglichkeit gegeben war, selber zu beurteilen. Natürlich lebten wir damals ohne die vielen Medien, die Kindern, resp. allen Menschen, heute zur Verfügung stehen. Meine Eltern konnten sich – finanziell - nur EINE Tageszeitung halten, es gab kaum, – oder meine Eltern konnten es sich nicht leisten- , Wochenzeitschriften, keine anderen politischen Radiosendungen als die NAZI-gesteuerten, die ebenfalls von
der Regierung erstellten Wochenschauen im Kino, natürlich kein Fernsehen etc. Ich frage mich natürlich, wenn ich meinen letzten Absatz nachlese, können Sie, ich meine, Ihre Generation, noch vollumfänglich die Grenzen nachvollziehen, die die den Menschen damals gezogen wurden? Das ist nicht als Kritik gedacht, natürlich nicht. Ich kann nur alle jungen Menschen ermuntern, sich für demokratische, freiheitliche Regierungen einzusetzen, dafür zu kämpfen, für sich und die folgenden Generationen.

Ja, jetzt möchte ich doch noch einmal auf meine Schuldgefühle, die mich als junges deutsches Mädchen bei Kriegsende befallen und mich dann mindestens 5 Jahrzehnte belagert hatten, ein-
gehen. Ich war als 13-Jährige so entsetzt, was ich nach Kriegsende in den Zeitungen las über die Naziverbrechen – besonders die KZs – und was den Juden dort angetan worden war, dass es meine Seele wohl für Jahrzehnte zugeschüttet hatte.

Nach Schulabschluss, 1950, in Berlin, war einerseits meine Angst davor, dass die Russen eines Tages/Nachts diese Insel einfach einnehmen konnten,so gross und andrerseits die Alternative: ‘Was tun?, sprach Zeus’  so erdrückend, dass ich mich als unerfahrene Achtzehnjährige (mein Vater hatte mir eröffnet, dass er mir kein Studium zahlen würde/könnte und mein Minderwertigkeitsgefühl so gross (Studium? Welches? Und : Das würde ich sowieso nicht schaffen/können) umsah und – mir einen Platz als mothers’ help (heute: au pair) in einem englischen Haushalt besorgte!  Wohlbemerkt: ohne PC, i-Pad, i-Phone, Fax, handy oder Telefon (wir hatten keines!).
Es ging auch mit Briefmarken, Adresse noch mit Füller aufs Couvert schreiben. Kugelschreiber gab es, glaube ich, auch noch nicht! Und, natürlich, ohne Flugticket, sondern als Beifahrerin in einem Laster bis Köln, glaube ich, und von da mit der Bahn (3. Klasse, Holz!) bis an den Kanal in Belgien. Dann kam der wunderbare englische Zug mit gepolsterten(!) Bänken, einem aufgeklappten Tisch zwischen den beiden Bänken, auf dem ein Zugkellner ‘high tea’ servierte. Gottlob war mein Englisch (8 Jahre am Lyzeum bis zum Abitur) recht gut und ich konnte meinen englischen Mitreisenden, die mich dann zum high tea eingeladen hatten, als sie das dünne, blonde, deutsche Mädchen hörten, eindrücklich auf Englisch alles erzählen. Von Berlin und von East Yorkshire, wohin ich noch mit dem Zug von London aus reisen musste. Nun, ich hatte sehr viel Glück
mit der englischen Familie mit drei kleinen Mädchen, dem etwa 30-jährigen Ehepaar, mit dem grossen englischen
Land-/Farmhaus und mit allen Verwandten und Nachbarn der Familie. Ich wäre dann gerne nach knapp 2 Jahren für immer
in England geblieben. Das liess sich jedoch nicht verwirklichen, 5 – 7 Jahre nach dem Krieg!
So bin ich danach wieder zurückgefahren nach Berlin, habe mich sofort umgesehen, fand aber keine Arbeit. Aber ich war hartnäckig. Und hatte nach 3 Monaten dann doch eine Stelle als ‘Empfangsvolontärin’ für DM 50.- im Monat!!!!  So bin ich also in die Hotelerie ‘gerutscht’, habe ich mich hochgearbeitet, mich selber weitergebildet und habe dann nochmal für 3 Monate eine Stelle in einem französischen Haushalt mit (5 Kindern) in Paris angenommen, um mein Schul-Französich aufzubessern. Anschliessend fand ich heraus, dass die Schweizer Hotelerie händeringend in den 50er-Jahren Sprachkundige als Hotelsekretärinnen suchte. So kam ich 1954 (wenige Wochen vor dem ‘Wunder von Bern’) in die Schweiz und konnte meine Sprachkenntnisse gut einsetzen und sogar noch eine weitere autodidaktisch dazulernen.

Ich war in die Schweiz gekommen, um  eine halbwegs gut bezahlte Arbeitsstelle zu finden, war aber im heiratsfähigen Alter und – blieb dann insgesamt knapp 50 Jahre dort, bis ich mich entschloss, mich in Südspanien niederzulassen, weil meine Schweizer Rente hier weiter reicht.

Erst in den letzten – vielleicht 15 – 20 Jahren – fühle ich mich nicht mehr ständig schuldig dafür, in den dreissiger Jahren in Berlin/Deutschland geboren worden zu sein. Mein ‘Herumzigeunern’ in verschiedenen europäischen Ländern jedoch ist wohl mein ganz persönliches Schicksal, das – so wie ich es sehe, – wenig mit der politischen Vergangenheit meines Heimatlandes zu tun hat. Aber als ‘Deutsche’ habe ich den Kopf oft einziehen müssen (oder freiwillig eingezogen) – auch in der Schweiz – , wohl vor allem aus eigenen Schuldgefühlen.

Falls Sie noch ein bisschen Hitze brauchen können: Ich würde Ihnen gerne ein paar Grad C schicken. Aber der Osten Deutschlands hat momentan wohl auch noch rund 30°. Wir hier haben seit langem keinen Regen mehr gehabt!

Ich wünsche Ihnen alles Gute und grüsse Sie
freundlich,
Ihre
HL

  1. Natürlich veröffentliche ich solche Emails nur nach Zustimmung und anonymisiert.

Quelle: http://zakunibonn.hypotheses.org/1269

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Erfahrungsbericht: „Was mich selbst und meine Geschichte betrifft…“

Vor einigen Wochen habe ich ein interessantes Telefonat mit einer Frau geführt, die mir von ihren Erfahrungen berichtete, nachdem Sie von diesem Forschungsprojekt erfahren hat. Eine der Forschungshypothesen ist die Frage, welche psychischen Wirkungen der Zweite Weltkrieg für die heutigen Generationen noch haben kann. Natürlich kann man im Nachhinein vieles erklären und ein solcher Einzelfall kann nur helfen Forschungshypothesen zu generieren, die überprüft werden müssen. Weil auf viele dieser Fragen Antworten fehlen, ist es ja so dringend nötig Forschung zu diesem Thema zu betreiben, eben um zu sehen, ob die Ursachen tatsächlich in der Kindheit zu finden sind. Vielleicht lässt es sich auch gar nicht nachweisen? Doch die Geschichte, die mir diese Frau später mit einer Email schickte und viele andere Erfahrungsberichte deuten darauf hin, dass es transgenerationelle Effekte gibt und dass sie ein interessantes Forschungsthema sein können.

Die folgende Email wurde anonymisiert und stilistisch korrigiert. Inhaltlich ist die Email nicht bearbeitet worden.

„Ich habe nicht nur das sogenannte „Kriegsenkelsyndrom“ diagnostiziert bekommen, sondern auch einige andere gravierende Erkrankungen im psychischen und körperlichen Bereich, die mich vor einigen Jahren dazu brachten, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Inzwischen kann ich einigermaßen bei meinen Diagnosen Zusammenhänge mit den Erkrankungen meiner Vorfahren herstellen. Das Kriegsenkelsyndrom ist bei mir auf die Erlebnisse meines Großvaters (geboren um 1910) zurückzuverfolgen, der unter anderem in russischer Kriegsgefangenschaft war. Diese Erlebnisse versuchte er mit Alkoholmissbrauch und Gewalt zu kompensieren, was für meinen Vater (geboren um 1940) bedeutete, dass er immer wieder massiv Prügel, auch mit Gegenständen, bekam. Diese Gewalterfahrung gab mein Vater dann eins zu eins an mich (geboren um 1970) weiter. Ich habe vor vielen Jahren lernen müssen, dass ich einen sehr hohen Risikofaktor für Suchterkrankungen (speziell Alkohol) habe. So habe ich mich vor über 15 Jahren bewusst entschieden keinen Alkohol mehr anzurühren, da ich nicht in diesen Teufelskreis von Alkohol und Gewalt geraten wollte. Es steht auch in Frage, ob mir der väterliche Zweig mein ADHS adult vererbt hat. Meine psychische Labilität kann ich auf einen anderen Familienzweig zurückverfolgen, da dort ich dort vermehrt Vorfahren gefunden habe, die mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Ich selbst habe im Alter von 10 Jahren mit Psychotherapien angefangen, die nie wirklich etwas brachten, auch weil mein Vater an diesen niemals teilnahm. Aktuell bin ich seit 5 Jahren in intensiver Dauertherapie, die wohl nie beendet werden darf. Ich habe gerade diese Woche wieder festgestellt, dass die ganzen Themen wie tradierende Erkrankungen nicht ernst genommen werden oder auch frühere Erfahrungen oft totgeschwiegen werden und, wie bei mir, durch charakterliche Verhaltensweisen von anderen Familienmitgliedern negativ de-kompensiert werden.”

Ergänzend muss ich sagen, dass es denn Begriff „Kriegsenkelsyndrom“ nicht in der offiziellen psychotherapeutischen Diagnostik gibt. Er ist mehr ein Arbeitsbegriff, um die Zusammenhänge von Geschichte und Psyche zu erfassen. Die Email stammt nicht von einer Teilnehmerin der damaligen Nachkriegskinder-Studie. Trotzdem glaube ich, dass es eine mögliche Perspektive auf diese Generation darstellt und zur Diskussion anregen kann.

Quelle: http://zakunibonn.hypotheses.org/588

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Praxen wissenschaftlichen Bloggens – ein Metabericht zum Workshop „Wissenschaftliches Bloggen in Deutschland: Geschichte, Perspektiven, praktische Umsetzung“ am 11.04.2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Gefördert vom Universitätsbund der Universität Würzburg richteten Katrin Betz und Dr. Christof Schöch vom Würzburger Lehrstuhl für Computerphilologie einen betont praxisorientierten Workshop zum kulturwissenschaftlichen Bloggen in Deutschland aus (Twitter: #dehypo). Der Workshop gliederte sich in drei Teile: (A) konzeptionelle Überlegungen, (B) Erfahrungsberichte aus der Praxis und (C) eine praktische Einführung in die deutsche Hypotheses-Plattform (de.hypotheses.org), die nach französischem Vorbild seit März 2012 mittlerweile schon über 80 Weblogs deutscher Wissenschaftler einen Raum bietet: Tendenz steigend.

A

Nach einer Begrüßung der ca. 25 TeilnehmerInnen aus ganz Deutschland, die zu einer großen Zahl Nachwuchswissenschaftlerinnen waren (was der Weblogdemografie korrespondiert; vgl. Schmidt 2009), machte der Literaturwissenschaftler Dr. Christof Schöch (Würzburg, http://dragonfly.hypotheses.org, Mitglied der de.hypotheses.org-Redaktion) den Auftakt, mit Wissenschaftliches Bloggen im Kontext digitaler Publikationsmedien im Dreischritt einige konzeptionelle Überlegungen zur Einführung in den Workshop vorzulegen: Dabei verortete er Weblogs (1) im Rahmen aktueller „web-basierter Medien der Publikation und Kommunikation“, (2) im Rahmen der „Entwicklung digitaler Medien“ und (3) im Hinblick auf die „Interaktion mit anderen Medien“ im Internet.

(1) Im Versuch einer systematischen Perspektive stellte Schöch vor allem Unterschiede zwischen Internetkommunikationsformen und klassischen Kommunikationsformen (der Wissenschaft) aus dem Printbereich anhand sieben Punkten gegenüber: Im Internet (i) sei naturgemäß freie Zugänglichkeit gewährleistet, also eine nicht ökonomisch motivierte Kommunikationspraxis zu finden (Stichwort: Open Access). Ebenso (ii) sei eine schnelle Publikations- und Aktualisierungsmöglichkeit gegeben, die nicht nur eine beständige Veränderbarkeit sondern auch eine beständige Entwicklungsmöglichkeit böte. Hinzu kommt, dass (iii) klassische institutionelle Intermediäre wie Verlage und Universitäten entfielen, diese Unabhängigkeit sich aber gerade aufgrund der unterschiedlichen Ansprüche wissenschaftsinterner Kommunikation an institutionelle Intermediatoren nicht vollständig realisieren könne und daher andere an deren Stelle treten (Stichwort: Aufmerksamkeit, Archivierung, Zitierbarkeit). Ein (iv) kollaboratives, ortsungebundenes (Zusammen-)Arbeiten werde ermöglicht und mache im wissenschaftlichen Diskurs neue Kommunikations- und Wissensqualitäten sichtbar. Das (v) Verhältnis zu Vorgängermedien stelle sich als komplex dar, da es keine eindeutigen Vorläufer zu wissenschaftlichen Weblogs gebe: Ein komplexes Remediationsgefüge (vgl. Bolter/Grusin 2000) im Anlehnungs- und Ablösungsverhalten kennzeichne daher die Gattungen wissenschaftlichen Schreibens in Weblogs (noch). Bei den klassischen Publikationswegen sind feste Ökonomien der Qualitätskontrolle und der sog. Impact-Erhebung vorhanden: Weblogs haben hier ihre eigenen Ordnungs- und Kontrollmechanismen entwickelt, die anstatt auf eine vorgängige Selektion der Inhalte, auf eine der Publikation nachgeordnete Selektion durch den ‚Schwarm‘ setze. Damit werde auch eine veränderte Aufmerksamkeitsökonomie des Lesers nötig, die wiederum softwareseitig sehr präzise quantifizierbar ist. Schließlich entwarf Schöch im Punkt (vii) eine Typologie entlang der zwei Kontinua monologisch—dialogisch und objektzentriert—subjektzentriert: In diesem Koordinatensystem stellt er Weblogs im Vergleich zu anderen Internetkommunikationsformen als Hybride heraus, die eine Qualität herausgebildet haben, die im Spektrum webbasierter Medien noch nicht besetzt gewesen sei und auch offline keine Vorläufer habe.

(2) In der historischen Perspektive stellt er heraus, dass die frühen digital-vernetzten Kommunikationsformen dialogische Formen waren (E-Mail, Mailingliste, Diskussionsforen), die seit 1989 mit dem http- und html-gestützten World Wide Web erst einmal durch statisch-monologische Kommunikationsformen ergänzt wurden (Website, Homepage, Online-Journal), bevor im Rahmen dessen, was heute als Internetmedialität gefasst werden könnte, dialogische Kommunikation möglich wurde. Als Wegsteine dieser Kommunikationsformengeschichte können für die Wissenschaft genannt werden: 1987 wissenschaftliche Mailingliste, 1990 wissenschaftliches Online-Journal, 2003 wissenschaftlicher Weblog Hosting Service, 2008 wissenschaftliche Social Network Site.

(3) Mit Blick auf die Vernetzung der webbasierten Medien der Wissenschaft folgert Schöch gerade aufgrund der oben diagnostizierten Hybridität von Weblogs eine hohe Anschlussfähigkeit zu anderen wissenschaftlich genutzten Kommunikationsformen wie Twitter, Diskussionsforen, Social Network Sites, Homepages und Online Journals. Sie alle treten – außer vielleicht die wissenschaftlichen Zeitschriften – in ein (verlinkendes und thematisierendes) Wechselverhältnis zu Weblogs, das ihre und die Sichtbarkeit der gesamten wissenschaftlichen Blogosphäre gewährleistet. Sein Fazit: „Erst diese Einbindung macht den Blog lebendig!“ In der noch zurückhaltenden Beziehung zu Online Journals wiederum wird die noch problematische Stellung von Weblogs im Feld der internen Wissenschaftskommunikation deutlich.

Weblogs – könnte man mit Schöch abschließend resümieren – fügen sich aber zunehmend in die Publikations- und Kommunikationspraxis der wissenschaftlichen Diskursordnung ein (vgl. Foucault 1977) und haben so – folgt man den aktuellen Entwicklungen in der Wissenschaftskommunikation – ganz automatisch auch einen eminenten Anteil an der Bildung der akademischen Identität der bloggenden Wissenschaftler.

Die anschließende Diskussion verglich wissenschaftliche Homepages mit wissenschaftlichen Weblogs und wog ihre Vor-/Nachteile und Zukunftsträchtigkeit ab. Sebastian Gießmann stellte dabei heraus, wie die statische ‚Raumordnung‘ von Homepages und die dynamische ‚Zeitordnung‘ von Weblogs wahrscheinlicher zur einer ergänzenden Konvergenz führen würden als zu einer vollkommenen Verdrängung von Homepages. Mit dem Verweis auf die Zeitordnung ist m.E. auch die wesentliche Bestimmungsstruktur periodischer Aktualisierung erkannt (vgl. Meiler i.V.), die Weblogs allgemein mit einer ganzen Reihe sowohl Online- wie auch Offline-Kommunikationsformen verwandt erscheinen lässt: nicht zuletzt auch zu wissenschaftlichen Zeitschriften, denen übrigens anfangs von der wissenschaftlichen Community eine vergleichbare Skepsis entgegengebracht wurde (vgl. Csiszar 2012).

B

Die Literatur- und Editionswissenschaftlerin Dr. Anne Baillot (Berlin, http://digitalintellectuals.hypotheses.org) stellte in ihrem Vortrag Projektbegleitendes Bloggen – eine neue Art der Mäeutik? die Veränderungen in ihrer Bloggingpraxis anhand des Blogs vor, der die Arbeit an einem Projekt zur Erstellung digitaler Editionen begleitete und reflektierte dabei Motivation, Form und Funktion der Beiträge. Dabei zeichnete sie nach, wie sich der primäre Gattungszuschnitt ihres Blogs wandelte von einer Visitenkarte über ein Archiv der eigenen Arbeit und eine Projektpräsentation zur begleitenden Berichterstattung zum akademischen und universitären Betrieb samt seiner Highlights und Tücken. Thematisch wurden dabei vor allem auch die Leserschaft und deren erwartbare Erwartungen, die ihren Schreibprozess bzw. das Redigieren vor dem Posten nicht unerheblich steuerten: In dieser antizipierten Vorwegnahme von Kritik und dem kommunikativen Umgang damit wird die Typik wissenschaftlichen Schreibens produktionsseitig deutlich, die das wissenschaftliche Streitgeschäft – von Ehlich (1993) „Eristik“ getauft – wesentlich prägt. Ebenso in die Figuration der Leserschaft ging die Entscheidung für das Englische als hauptsächliche Blog-Sprache ein, um damit eine möglichst große Community zu adressieren. Gleichzeitig sprach Baillot die Schranken und Probleme einer fremdsprachlichen Wissenschaftskommunikation an und ihr nur folgerichtiges Switchen in eine ihrer beiden primären Sprachen ist ein ideales Beispiel für eine notwendig zu praktizierende Mehrsprachigkeit in den europäischen Wissenschaften (vgl. Ehlich 2010, 30).

Stilistisch empfiehlt sie ‚lieber viel und kurz als wenig und lang‘ zu bloggen und dabei persönliche und sachliche Darstellungen abzuwechseln. Ebenso schätze sie ein ergebnisoffenes, essayistisches Schreiben, das den Blog zu einem Versuchsraum und damit zum titelgebenden mäeutischen Reflexionswerkzeug mache. Mit ihrem Konzept von der in den Alltag integrierten Bloggingpraxis, die als das beschriebene Reflexionsmittel alle Prozesse universitären Handelns flexibel begleiten könne, spricht sie sich resümierend für das Plädoyer „Bloggen im Jetzt für ein unbekanntes Später“ aus.

Die Kunstwissenschaftlerin Sabine Scherz (München, http://games.hypotheses.org) widmete sich in ihrem Erfahrungsbericht Das Blog[1] als ständiger Begleiter – wie schaffe ich Qualität und Kontinuität? den Fragen: Warum, worüber, wie, mit wem und was bloggen? Dabei betonte sie, wie produktiv ihre Blogbeiträge wie eine „Kladde“ ihr Dissertationsprojekt begleiten, indem sie darin Gedanken sammelt und Einarbeitungen in Themen quasi als Arbeitsnachweise einerseits für sich dokumentiert und andererseits als Experte in einem lockeren, ungezwungenen Stil für andere aufarbeiten kann. Dabei stellte sie vor allem praktische Hinweise wie Themenfindungs- und Strukturierungstechniken und auch Hinweise zur sukzessiven Stilfindung vor, die das Bloggen zur regelmäßigen Schreibübung machen können. Die Bedürfnisse der (adressierten) Leserschaft nicht aus den Augen zu verlieren, erachtet sie dabei als Schlüssel zu einem funktionierenden Weblog: Informativität und Zeitersparnis seien die wesentlichen Argumente, die einen Blogleser am Ball halten können. So wendet sie die weblogkritische Frage „Muss ich das lesen?“ (Groebner 2013) gerade gegen den „Buch-Fetischisten“ Valentin Groebner (Graf 2013, 12).

Auch Scherz betont den Gemeinschaftsaspekt des Bloggings, der nicht nur in medialer Vernetzung sondern ebenso in wechselseitigem Bloglesen und Blogkommentieren, also kommunikativer Vernetzung besteht und darüber die Aufmerksamkeit von Lesern bindet und so über den Erfolg des Weblogs entscheidet. Gerade auch damit weist sie auf die karriereförderliche Möglichkeit hin, eine digitale wissenschaftliche Identität aufzubauen, das aber umsichtig d.h. ‚authentisch‘.

Die abschließende titelgebende Frage nach der Qualität und Kontinuität des Bloggens beantwortete sie mit dem Schlüsselwort Motivation, die durch die Anerkennung der Community und durch die Bloggingpraxis selbst als ständiger Begleiter im Hinterkopf von ganz allein geschürt würde. In der Diskussion wurde auf diese Praxis wissenschaftlicher Tätigkeit als eine Möglichkeit hingewiesen, die noch vor den klassischen Kommunikationsformen (Vortrag, Zeitschrift) dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu (inter-)disziplinärer Sichtbarkeiten verhelfen könne, die zudem eingeschränkt quantifiziert werden kann. Ebenso wurden die Ästhetiken des Bloggens angesprochen, die maßgeblich durch z.B. WordPress’ Möglichkeiten und Einschränkungen für Varietät und damit auch Identität im Design bestimmt sind. Eine veränderte forschende Wissens- und Welt-Aisthetisierung scheine zudem im wissenschaftlichen Weblog auf: Im Vergleich zu Printpublikationen können Daten z.B. in Form von vollständigen Digitalisaten direkt im Weblog sichtbar gemacht werden.

Der Sprachwissenschaftler Prof. Martin Haase (Bamberg, http://neusprech.org) plauderte in seinem Vortrag Zwischen Wissenschaft und Politik: Populärwissenschaftliches Bloggen auf neusprech.org ein wenig aus dem Nähkästchen der Erfolgsgeschichte des Grimme-prämierten Bloggens mit seinem Ko-Autor Kai Biermann (Journalist), und stellte die Mittel heraus, mit denen einem Weblog besonders viel Aufmerksamkeit zukommen wird. Dabei betonte er besonders den Wert der sog. Social-Media-Dienste (Facebook, Google+, Perlentaucher, Rivva, Twitter) und von diversen Vermarktungsmöglichkeiten (Bücher, E-Books, Shirts, Flattr). Ebenso plädierte er für individualisierte Designs, die mit den verfügbaren Weblogsoftwares wie z.B. WordPress nur bedingt möglich sind und andere Alleinstellungsmerkmale wie bspw. das von ihm und Biermann unregelmäßig angebotene Podcast „neusprechfunk“ oder live gestreamte Radio-Sendungen mit xenim.de. Neusprech.org zeigt sich abgesehen davon besonders bibliophil: Gattungsanleihen für die einzelnen Beiträge kommen von Wörterbüchern her, das neu vorgestellte Design ist in seiner Dreispaltigkeit zeitungsorientiert: Gattungs- und Kommunikationsformenmerkmale die – weblogtypisch – freilich reichhaltig um internetmedialitätstypische Aspekte wie u.a. Verlinkungen/Vernetzung, dynamische Verschlagwortung und flexible Strukturierbarkeit und Überarbeitbarkeit ergänzt sind (vgl. Meiler i.V.). In der Diskussion wurde vor allem noch einmal auf den Unterschied zwischen einem Weblog und einem daraus generierten E-Book hingewiesen, der in der Art der chronologischen Ordnung, der Seitenstruktur, Statik/Dynamik und Orientierungsmöglichkeit im Text/in den Texten begründet ist und damit zwei unterschiedliche Rezeptionsqualitäten bedingt, die dem Blogleser einerseits immer das Aktuelle zeigt, den E-Book-Leser aber andererseits i.d.R. vom frühesten Eintrag bis zum letztaufgenommenen Eintrag führt.

C

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Dr. Sebastian Gießmann (Darmstadt, http://www.netzeundnetzwerke.de/; Mitglied der de.hypotheses.org-Redaktion) gab schließlich mit Jeder kann Bloggen! eine praktische Einführung in die deutsche Plattform von Hypotheses. In einem eigens angelegten Schulungsblog wurden für alle Teilnehmer des Workshops die ersten Schritte im Umgang mit WordPress vom Gestalten eines Blogeintrags samt Einbindung multikodaler Webinhalte bis zur Strukturierung und Hierarchisierung des Weblogs als Ganzem erfahrbar. Daneben wurden auch die nötigen Schritte erläutert, welche auf de.hypotheses.org zum eigenen wissenschaftlichen Weblog führen. Ganz so einfach, wie mit Anbietern wie blogger.com ist es nämlich nicht. Hypotheses stellt im Anmeldeformular u.a. mit einer geforderten Projektskizze zum Blogvorhaben z.B. sicher, dass nicht eine Unmenge unüberlegter und bald wieder aufgegebener Blogs die Plattform überschwemmen. An Weblogs, die sich über einen entsprechenden Zeitraum als regelmäßig aktualisiert bewährt haben, werden zudem ISSNs vergeben und die entsprechenden Blogs von der Französischen Nationalbibliothek archiviert.

Ausblick

Somit sind die ersten Schritte geebnet, die Ängste abzubauen, die (in Deutschland) weithin mit Open-Access-Publikationen verbunden sind (vgl. Kuhlen/Brüning 2006, 22f.) und das wissenschaftliche Bloggen im Spektrum der (internen) Wissenschaftskommunikation einerseits institutionell zu stabilisieren und zu verankern und andererseits – darüber herrschte einhelliger Tenor im Workshop – sind die ersten Schritte getan, wissenschaftliche Weblogs (mit den unterschiedlichen Gattungsausprägungen) als produktiv und sinnvoll anzuerkennen und somit im „kommunikativen Haushalt“ (Luckmann 1988) der wissenschaftlichen Gemeinschaft als akzeptabel und funktional zu etablieren. Dass dies aber noch am Anfang steht, zeigen auch die (noch regelmäßigen) Blogeinträge, die sich auf der Metaebene mit dem wissenschaftlichen Bloggen selbst befassen (nicht nur auf hypotheses.org sondern z.B. auch auf dem SOZBLOG (http://soziologie.de/blog/) der DGS). Die (Selbst-)Reflexion und (Selbst-)Verortung einer „community of practice“ (Wenger 1998) ist also augenblicklich (in Selbstbeobachtung) beobachtbar, was für die Würzburger auch das Hauptargument für einen praxisorientierten Workshop war.

Nicht relevant gesetzt wurde das Bloggen im Kontext der rezenten Publikations- bzw. „Zeitschriftenkrise“ (Hagendoff et al. 2007, 10) und den Veränderungen, die mit dem Open-Access-Paradigma auf die Wissenschaft zukommen und welche Rolle Weblogs in einem veränderten Publikations- bzw. Kommunikationsgefüge universitärer Wissenschaft einnehmen können oder gar sollten. Denn wenngleich Weblogs und auch die anderen Internetkommunikationsformen der Wissenschaft eigene Reputationssysteme (Klickzahlen, Kommentarquoten) hervorgebracht haben, stehen sie doch noch außerhalb der umfangreichen Rankingsysteme, die danach trachten, Forschungsleistung quantifizierend zu erfassen und vergleichbar zu machen und die damit die Forschung zunehmend rückkoppelnd beeinflussen (vgl. Kieser 2010, 355ff.). Vor diesem Hintergrund ist es nicht unbedeutend, die Frage zu stellen, wie erstrebenswert es wirklich ist, Weblogs ‚vollkommen‘ in die wissenschaftliche Publikationspraxis zu integrieren und ob Weblogs nicht gerade aufgrund ihrer spezifischen Außenseiterrolle in der Lage sein werden, produktive Impulse für die Forschung zu geben, die von Zeitschriftenartikeln – folgt man Kieser (ebd., 357f.) – bald nicht mehr zu erwarten sind.

Literatur

Bolter, Jay David/Gruisin, Richard (2000): Remediation. Understanding New Media. Cambridge, London: MIT Press.

Csiszar, Alex (2012): Serialität und die Suche nach Ordnung. Der wissenschaftliche Druck und seine Probleme während des späten 19. Jahrhunderts. In: Zeitschrift für Medienwissenschaft 2/7. S. 19–46.

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[1] Zum Genus von Weblog/Blog siehe Stefanowitsch (2011).

Quelle: http://dhd-blog.org/?p=1565

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