Gewalträume – Michael Wildt diskutiert eine globale Verflechtungsgeschichte der genozidalen Gewalt im 20. Jahrhundert

Gefangene Herero-Frauen, DSWA, 1904; Bildarchiv der Dt. Kolonialgesellschaft, Frankfurt/M.

Seit einiger Zeit debattiert die Osteuropageschichte und zunehmend auch die NS-Forschung die räumliche Wendung in der historischen Genozidforschung und ihr bisher prominentestes Ergebnis, Timothy Snyders Bloodlands (München 2011). In der Süddeutschen Zeitung Online (23.5.12) diskutiert der Berliner Historiker Michael Wildt nun unter dem Titel “Ist der Holocaust nicht mehr beispiellos?” die Möglichkeiten, Probleme und die Kritik an dieser neuen Lesart der genozidalen Gewalt in Mittel- und Osteuropa. Insbesondere die Einfügung des Holocaust in die Gewaltgeografie des 20. Jahrhundert ist dabei umstritten. Wildt argumentiert in dieser Hinsicht weniger über die historische Methodik des einebnenden Systemvergleichs, sondern über neuere Konzeptionen der Verflechtungs- und Transfergeschichte:

Das gilt besonders für die “bloodlands”. Gewalt wird durch die vergleichende Analyse nicht gleich, sondern klarer. Die Schoah gehört in diesen Gewaltzusammenhang des zwanzigsten Jahrhunderts wie die stalinistische Politik und die europäische koloniale Gewalt in Afrika, Asien und Lateinamerika – als vielfach verflochtene, aufeinander Bezug nehmende, aber eben keineswegs gleichzusetzende Geschichte.

Damit werden die ideologischen und methodischen Untiefen des Historikerstreits von 1986/87 vermieden, ohne die globalen Beziehungen der verschiedenen genozidalen Ereignisse und Handlungen zu verdecken.

Zum “komplexen Geschehen, das Historiker heute untersuchen”, gehöre so Wild “eine Vielzahl von Gewaltakteuren, Gewaltsituationen und Gewaltentscheidungen”.  Dies führt zu einem weiteren Desiderat, das Wild nicht explizit anführt. Eine globale Transfergeschichte, die genozidale Gewalt als eine Geschichte verflochtener Räume, Ideologien und Handlungen zeigt, darf die Ebene der lokalen Aushandlung von Gewalt nicht übersehen. Diese Ebene sollte nicht hinter Chiffren wie “Kollaboration” oder “Mitschuld” verschwinden. Die Beziehungen und Aushandlungen auf und zwischen unterschiedlichen Untersuchungsebenen sind v.a. eine Herausforderung an die zukünftige Darstellung historischer Gewalt.


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Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/05/23/gewaltraume-michael-wildt-diskutiert-eine-globale-verflechtungsgeschichte-der-genozidalen-gewalt-im-20-jahrhundert/

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Debatte um die Österreichische Akademie der Wissenschaft

Die Austritte von Renée Schröder und Gunther Tichy aus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben in der Alpenrepublik eine Diskussion um die politische Ausrichtung dieser Forschungseinrichtung losgetreten. Anton Tantner hat dazu eine historische Notiz geschrieben, in der er die Akademie als “Sturmgeschütz der Reaktion” bezeichnet. Die Gründungsziele dieser Akademien sollte man sich vielleicht einmal genauer ansehen.

Ergänzung: Und in der aktuellen wissenschaftsinternen Debatte geht es um Mitbestimmung und transparente Mittelverteilung. Dabei wird kritisiert, dass ein Großteil der Akademiemitglieder dem Österreichischen Cartellverband angehören.  Es werden also sehr konservative Seilschaften bedient. Außerdem sind jüngere Disziplinen strukturell benachteiligt.  Eine Renée Schröder meint dann, der Gelehrtengesellschaft der ÖAW gehe es weder um die Förderung von Exzellenz noch um wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei allem Respekt, aber ich persönlich habe ja dieses Exzellenz-Gerede echt über. Die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ich kenne, haben keinen elitären Dünkel. Diese Akademien fördern aber genau das und gehören aus meiner völlig aufgelöst. Wir brauchen keine neuen “Exzellenzen”, sondern gar keine.


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Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/05/12/debatte-um-die-osterreichische-akademie-der-wissenschaft/

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“Gernika kämpft gegen das Vergessen”

So der Titel eines Beitrags von Ralf Streck auf Telepolis über den Umgang der spanischen Regierung mit der Stadt Gernika. Bis heute erkennt diese das Kriegsverbrechen offiziell nicht an:

Die neue Regierung hat sich offensichtlich im Rahmen der Gedenkfeiern sogar zu Provokationen entschlossen. Denn so stufen es die Basken ein, dass ausgerechnet am Dienstag spanisches Militär zu Übungen im Dorf Elgeta einlief. Das war genau der Tag, an dem auch dieses Dorf vor 75 Jahren bombardiert wurde und nach sieben Monaten im Widerstand in die Hände der Putschisten fiel. Sie bekamen “freie Hand zum Mord und Vergewaltigung”, sagte Bürgermeister Oxel Erostarbe.

Die Verharmlosung, wenn nicht gedenkpolitische Stützung des Franco-Faschismus ist kein Einzelfall, wie  hier im Blog bereits in einem anderen Kontext vermerkt wurde.

Deutschland, genauer der Bundestag, hat sich 1998 etwas halbherzig entschuldigt. Es floss mal ein wenig Geld für eine neue Sporthalle. Aber so richtig konsequent ist man dann hierzulande auch nicht:

Erst am 6. Juni 1939 ehrte Adolf Hitler in Berlin seine Soldaten für ihren “heroischen Einsatz”. Die Straße, auf der einige der eingesetzten Soldaten defilierten, wurde von der “Wannsee-Allee” in die “Spanische Allee” umbenannt. Unter diesem Namen erinnert sie noch heute an die “Helden” im “Kampf gegen den Bolschewismus”.

So schauts aus. Aber es gibt auch Gegenwehr. Wie zum Beispiel durch diesen spanischen Richter.


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Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/04/26/gernika-kampft-gegen-das-vergessen/

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Deutungskämpfe in der griechischen Zeitgeschichte

Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City, Greece 01

Memorial for executed EAM rebels during World War 2, Platia Agiou Markou, Zakynthos City. By Christaras A, CC-Lizenz, via Wikimedia Commons


Griechenland ist nicht nur Schauplatz sozialer Kämpfe. Auch geschichtspolitisch gibt es eine anhaltende Kontroverse um die Deutung die Befreiung Griechenlands von der Besetzung durch die deutschen Faschisten (1941-1944) und dem anschließenden Griechischen Bürgerkrieg (1946-1949). Im Zentrum steht die Bewertung der von Kommunisten dominierten Nationalen Befreiungsfront (EAM) und der dazugehörigen Befreiungsarmee (ELAS).

Dazu hat Kaspar Dreidoppel 2009 eine Studie publiziert, die nach eigenen Aussagen „das in Wissenschaft und Öffentlichkeit dominierende m.E. allzu romantische Bild der EAM“ dekonstruieren will. Sein Buch Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944 wurde Anfang dieses Jahres von Adamantinos Skordos auf H-Soz-u-Kult besprochen. Gregor Kritidis hat sich daraufhin die Studie angesehen und eine kurze Einschätzung geschrieben:

1. Dreidoppels Stärke liegt in der Analyse von Wechselwirkungen

In seiner Rezension hebt Adamantinos Skordos insbesondere das Dritte Kapitel von Dreidoppels Studie positiv hervor, das die Verhältnisse in den befreiten Teilen des Landes beleuchtet:

Minutiös beschreibt er ein willkürliches Terrorregime, das einzelne ELAS-Anführer, wie etwa der legendäre Aris Velouchiotis, in ihren Kontrollzonen errichteten, ihr brutales Vorgehen gegen Vertreter und Nutznießer des alten Regimes sowie tatsächlichen, aber auch nur vermeintlichen Kollaborateuren. Die sogenannten „Kapetane“ der EAM/ELAS, so aus der Darstellung Dreidoppels zu entnehmen, litten unter Verfolgungswahn, sahen überall Verräter, Spione und Feinde.

Diese Charakterisierung wird der Arbeit Dreidoppels aber nur teilweise gerecht, versucht dieser doch gerade die Entwicklung der EAM im Kontext der Dynamik der Gewalt von Besatzungsterror, Partisanen- und Bürgerkrieg nachzuzeichnen. Das Urteil, Dreidoppel beabsichtige vor allem, im griechischen Historikerstreit aktiv mitwirken, “anstatt sich davon zu distanzieren und wissenschaftlich nüchterne Ergebnisse zu präsentieren”, scheint mir daher auch unzutreffend.

2. Die Schwäche der Studie hat mit einem eingeschränkten Emanzipationsverständnis und einem fragwürdigen Extremismusbegriff zu tun

Die Quellenauswertung und -bewertung gerät bei Dreidoppel nach meiner Auffassung etwas schief, weil er mit einem eingeschränkten Emanzipationsbegriff operiert. So gesteht er durchaus Fortschritte bei der Gleichstellung der Frau, in der kommunalen Selbstverwaltung oder der Bildung zu. Die Befreiung aus sozioökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen gehört für ihn aber nicht dazu. Nun kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass eine soziale, politische und wirtschaftliche Neuordnung Griechenlands das Hauptziel großer Teile der EAM bildete.

Dreidoppel stellt diese emanzipatorischen Bestrebungen einerseits in Abrede, andererseits macht er diese gerade als Essenz des von ihm an keiner Stelle begrifflich erörterten “Extremismus” aus. Dieser Vorwurf wurde nicht nur von der bürgerlichen Kollaboration, sondern auch von der Führung der die EAM dominierenden Kommunistischen Partei (KKE) gegen sozialrevolutionäre “Abweichungen” in Anschlag gebracht. Für eine wirksame Kritik an der “Willkür” und dem “Terror” der Partisanenführer muss man aber differenzieren. Sonst werden die aus den Bedingungen des Partisanenkampfes resultierenden Gewaltmaßnahmen und die Maßnahmen zur Überwindung der sozialen Abhängigkeit und der überkommenen Sozialordnung mit instrumentellen, terroristischen Formen von Gewaltanwendung gegen Abweichler und bürgerliche Kräfte vermengt. Wer die Ursachen von Gewalt untersuchen und erklären will, muss hier scharf trennen.

3. Die von Dreidoppel kritisierte Literatur wird von ihm gar nicht in die Analyse einbezogen

Eine Schwäche der Studie sieht auch der Rezensent nicht: Dreidoppels Untersuchung stützt sich vor allem auf Memoirenliteratur, was angesichts der späteren Legitimationszwänge der Beteiligten eine besondere Quellenkritik notwendig macht. Vor diesem Hintergrund überrascht, dass Dreidoppel die 1997 erschienene voluminöse, auf einer breiten Quellenauswertung basierende Biografie über den oben genannten legendären Velouchiotis von Dionysis Charitopoulos, die im Literaturverzeichnis aufgelistet ist, an keiner Stelle zitiert und zu seiner Untersuchung heranzieht. Die einschlägige ältere Studie von Dominique Eudes “The Kapitanioi”, die in Griechenland in zahlreichen Auflagen erschienen ist, findet ebenfalls keine Berücksichtigung.

Dies ist umso bemerkenswerter, als es sich doch um die Literatur handelt, die Dreidoppel gerade kritisieren will. Und schließlich läßt er eine systematische Kritik an der Stalinisierung der KKE und der EAM aus, obwohl von der verdeckt operierenden OPLA im Zuge der Befreiung dutzende Vertreter der linken Opposition liquidiert wurden, wie z.B. Spyros Stinas, ein Weggefährte von Cornelios Castoriadis, in seinem 1997 in zweiter Auflage erschienenen Buch “EAM – ELAS – OPLA” umfangreich dargestellt hat.

Es bleibt das positive Fazit, dass Dreidoppels Buch indirekt eine Reihe von weitergehenden Fragen aufwirft, die in der Diskussion bisher nicht thematisiert worden sind.

Dreidoppel, Kaspar (2009): Der griechische Dämon. Widerstand und Bürgerkrieg im besetzten Griechenland 1941-1944. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2009.


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Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/04/23/deutungskampfe-in-der-griechischen-zeitgeschichte/

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Nachdenken als Gedenken – Michel Foucaults Vorlesung über Biomacht und Rassismus vom 17. März 1976

Morgen findet in Berlin die “Gedenkfeier für die Opfer der fremdenfeindlichen Mordserie” (Bundespräsidialamt) statt. Von einer Gruppe Neonazis ermordert wurden zwischen 2000 und 2006 Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter (meine Quelle ist hier Wikipedia).

Das Gedenken an die Opfer des Rassismus und das Mitgefühl für ihre Angehörigen, die durch rassistische Voreingenommenheit der Öffentlichkeit, der Medien und der Polizei nach der Ermordung ihrer Väter, Brüder, Söhne und Freunde zum zweiten Mal Opfer wurden, könnte ein guter Anlass sein, über die Grundlagen rassistischen Denkens in modernen Gesellschaften nachzudenken. Ein interessanter Ansatz, der Rassenlehre, “Bevölkerungspolitik”, staatliche Herrschafts- und Reinigungstechniken vom Gesundheitsamt über Grenzregime und Einwanderungpolitiken zu kriminalpolizeilichen Screening-Methoden bis hin zur absoluten Vernichtungspolitik des Holocaust differenziert erfassen kann, ist Michel Foucaults “Biomacht”. Man muss nicht in allen Teilen mit dieser Sicht der Rassismus-Geschichte einverstanden sein – zumindest aber regt sie zum Nachdenken über den Zusammenhang von Rassismus und staatlicher Herrschaft an, im Nationalsozialismus und weit darüber hinaus.

Der Berliner Philosophie-AK MoMo hat den Schlüsseltext, Foucaults Vorlesung am Collège de France vom 17. März 1976 (gedruckt erschienen bei Suhrkamp 1999 in der Übersetzung von Michaela Ott), online gestellt. Danke dafür.

 


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Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2012/02/22/nachdenken-als-gedenken-michel-foucaults-vorlesung-uber-biomacht-und-rassismus-vom-17-marz-1976/

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Public Historians: Dahin gehen, wo es brennt…

Day 9 Occupy Wall Street September 25 2011 Shankbone 27

Source: David Shankbone, Creative Commons Attribution 3.0 Unported, Wikimedia Commons

Dominik Rigoll hat hier vor einem Jahr geschrieben, eine kritische Geschichte müsse sich an die Tabus heranwagen. An die allgemeinen und an die „eigenen“. Sie müsse dahin gehen, wo es wehtut. Ich will diese These aufgreifen und verstärken: Engagierte Historikerinnen und Historiker müssen in Zukunft vor allem wieder dahin gehen, wo es brennt. Sie müssen effektiver in die öffentlichen Debatten eingreifen.

Occupy History: Die praktische Unterstützung einer Bewegung

Wagen wir einmal einen Blick über den großen Teich. Da ist seit zwei Monaten das Weblog Occupy History online (nicht verwechseln mit dieser gleichnamigen Seite). Betrieben wird die Seite zur Unterstützung von Occupy Wall Street und der Occupy Bewegungen in den USA. Auf dieser Webseite findet man entsprechend Beiträge zur Finanzwelt, zur Geschichte des zivilen Ungehorsams, Erinnerungen an historische Konflikte, Besetzungen und Polizeigewalt – und natürlich eine Geschichte des Pfeffersprays. Das selbsterklärte Ziel ist “revive a sense of national memory, to restore context and continuity to the conversation”.

Nun kann man diese nationale Fokussierung von Occupy History angesichts des globalen Charakters des Kapitalismus in Frage stellen. Und es werden viele zustimmen, wenn ich sage, dass diese Form der Erinnerungspolitik nicht reichen wird. Das Ziel wäre doch etwas weiter zu stecken: die Entwicklungen der heutigen Verhältnisse analysieren, sie in den historischen und sozialen Kontext stellen, um daraus differenziert Handlungsmöglichkeiten in den politischen Kämpfen aufzuzeigen. Das ist sicher alles wünschenswert. Aber wer kann das? Und ist das nicht eine sehr “deutsche” Herangehensweise? Erst einmal über Jahre das Konzept debattieren?

Ich finde es viel wichtiger, dass Leute anfangen, als Historikerinnen und Historiker Themen von Bewegungen aufzugreifen, um ihren spezifischen Beitrag für die tagesaktuellen Diskussionsprozesse zu leisten. Und das ohne sich gleich aufzuspielen und zu behaupten, bereits auf alles eine fertige Antwort zu haben. Mir gefällt erst einmal diese Haltung. Und mir gefällt dieser sehr praxisnahe Ansatz.

Campaigning von Historikerinnen und Historikern

Und sucht man weiter in den USA, stellt man fest, dass Occupy History absolut kein Einzelfall ist. Schon nach kurzer Recherche findet man ähnlich gelagerte Projekte, die sogar noch wesentlich aktiver Themen in die Gesellschaft tragen. Hier nur wenige Beispiele von History News Network (HNN):

  • Die Historians against War sind wahrscheinlich dem einen oder der anderen bekannt als Aktionskreis gegen den Irak-Krieg.
  • Beim Network of Concerned Historians war unleugbar Amnesty International Vorbild. Es werden jährliche Länder-Berichte publiziert. Vor allem setzt man sich aber international für verfolgte Historikerinnen und Historiker ein. Ob in der Türkei, in Aserbaidschan, Russland, Peru, Ruanda oder sonst wo.
  • The Feminist Historians for a new New Deal, eine Kampagne im Rahmen der Präsidentschaftswahl.

Die kanadische Active History oder History is a Weapon wären weitere Beispiele aus dem ganzen “demokratischen” bis “radikalen” Spektrum (im us-amerikanischen Wortsinn), die jeweils auf ihre Weise versuchen, eine tagesaktuell eingreifende Wissenschaft zu organisieren. Und das ist die Gemeinsamkeit der hier genannten Projekte. Ganz selbstverständlich wird etwa eine anstehende Präsidentschaftswahl genutzt, um Themen in der demokratischen Öffentlichkeit zu platzieren, um  Lern- und Diskussionsprozesse anzustoßen. Und selbst eine Fachzeitschrift wie die Radical History Review ist mit ihren Heftthemen verhältnismäßig nah am tagesaktuellen Geschehen. Die letzten Ausgaben beschäftigten sich mit dem 11. September, “Radical Foodways”, “Enclosures”, “Rethinking the Political Economy of Nature in a Global Age”.

Digital Public Historians

Mir scheint, sowas fehlt bei uns. Natürlich gibt es viele geschichtspolitische Akteure, die qualitativ ausgezeichnete Arbeit leisten, unterstützenswert und sympathisch, die sich auch als bewegungsnah verstehen und langfristige Ziele verfolgen. Das ist nicht mein Thema. Aber die unmittelbare Bereitstellung historischer Analysen und geschichtswissenschaftlich fundierter Argumente für tagesaktuelle Konflikte (Europa, Finanzkrise …) ist nur selten zu finden. Ist es nicht so? Und wenn ich recht habe, warum ist es so? Und was kann man daran ändern?

Und ist es dann nicht so, dass wir im deutschsprachigen Raum mehr über den Tellerrand schauen müssten? Über die eigene fachliche Nische hinaus? Sollten wir nicht stärker davon ausgehen, welche Fragen aktuell gestellt werden? Die bestehenden Netzwerke und das Internet ermöglichen es doch, viel schneller auf diese Anforderungen zu reagieren. Gefragt sind dabei im besten Sinne Intellektuelle, die diese Informationen zusammenstellen, aufbereiten, weitergeben, andiskutieren.

Viele nordamerikanischen Webprojekte sind hier beispielgebende Orientierungspunkte, aber man muss diese Projekte nicht einfach kopieren. Es gibt verschiedene politische Felder und Formen. Man kann Quellen und Paper publizieren, Awards ausschreiben, Resolutionen verabschieden, Videoblogs starten. Was immer geeignet erscheint und wofür ausreichend Leute da sind. Wesentlich scheint mir, die Balance zwischen langfristigen Forschungsprojekten und tagesaktuellen Kampagnen zu finden. Aber das wäre doch ein schönes Ziel für 2012: Raus aus den Nischen, und dahin gehen, wo es brennt.

Wer weitere (Gegen-)Beispiele hat, einfach hier als Kommentar posten :-)


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Quelle: https://kritischegeschichte.wordpress.com/2011/12/28/public-historians-dahin-gehen-wo-es-brennt/

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Karl Bosl in Cham abmontiert

Wie die Süddeutsche Zeitung (sueddeutsche.de, 29.11.2011, 12:20) gestern berichtete und der Nachrichtendienst für Historiker verlinkte, hat der Stadtrat von Cham vergangene Woche beschlossen Karl Bosl (1908-1993) die Ehrungen durch seine Geburtsstadt abzuerkennen. Ummittelbar danach wurde das Straßenschild des nun ehemaligen Prof.-Karl-Bosl-Platzes abmontiert. Gleiches soll mit einer 50.000 Euro teueren Bronzebüste Bosls geschehen, die die Stadt 2003 aufgestellt hatte.  Zuvor hatte der Stadtrat den Stadtarchivar Timo Bullemer beauftragt, Vorwürfe zu prüfen, Bosl habe seine Rolle als Widerstandskämpfer während der NS-Zeit erfunden.

Bosl – Erneuerer der Bayerischen Landesgeschichte im Sinne einer Struktur- und Sozialgeschichte in den 1950er und 60er Jahren -  war seit 1930 Mitglied des Stahlhelm gewesen, im Mai 1933 in die NSDAP, in den NS-Lehrerbund und danach auch in die SA eingetreten. Der Historiker Matthias Berg verweist in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft darauf, dass Bosl zunächst keine aktive Rolle in den NS-Organisationen eingenommen habe, die Mitgliedschaft  sogar nach Wohnungswechseln einschlafen ließ. Nach seiner Promotion 1938 allerdings erwies sich Bosl als linientreuer Nachwuchsforscher und übernahm ein Forschungsprojekt des SS-Ahnenerbes zur Lehensgeschichte. Dass dem jungen Bosl keine Dozentur zuerkannt wurde, lag viel eher daran, dass das Kriegsende nahte, als an einer vermeintlich Widerstandstätigkeit, wie Bosl nach 1945 vorgab. Um eine Einstufung als ‘Mitläufer’ zu verhindern, gab Bosl unter Eidesstatt an, er sei Mitglied des Ansbacher Widerstands gewesen. Zeugen oder Quellenbelege gibt es dafür keine. Im Gegenteil deuten die von Berg  untersuchten Akten auf eine ‘mustergültige’ Wissenschaftlerkarriere und Vernetzung im NS-Wissenschaftsapparat hin, die vor allem über die Beziehung zu seinem Lehrer Karl-Alexander v. Müller ging.

Vgl. Matthias Berg, Lehrjahre eines Historikers. Karl Bosl im Nationalsozialismus, in: ZfG 59 (2011) 1, S. 45-63.


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Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2011/11/30/karl-bosl-in-cham-abmontiert/

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Gesucht: Alternative Konzeptionen zu Europa

Manche in im linken Spektrum sind ja der Meinung, dass die heutige Europäische Union ein neoliberales, imperiales und undemokratisches Projekt sei, an dessen Fortbestand man nicht interessiert sein müsse. Dagegen ist einzuwenden, dass ein Auseinanderfallen der Europäischen Union unvermeidlich den nationalistischen und rechten Kräften Auftrieb geben würde. Und es fehlt heute an Visionen für eine demokratische und soziale Integration der europäischen Gesellschaften. Es gibt zwar Teilkonzepte, aber das wars dann auch schon.

Und deshalb sind meiner Meinung nach auch engagierte Historikerinnen und Historiker gefragt: Denn in der Geschichte der Linken gab es, soweit ich weiß, immer wieder vereinzelt Programmatiken für ein demokratisches und solidarisches Europa. Deswegen frage ich mal in die Runde: Hat jemand Ideen oder Hinweise? Beispielsweise zu interessanten Konzepten des europäischen Widerstands im Zweiten Weltkrieg, in der Partisanenbewegung, aber auch in der Nachkriegszeit und rund um „1968″? Was und wer sollte berücksichtigt werden? Was würde eurer Meinung nach in eine alternative europäischen Geschichte reingehören? Nicht nur ideengeschichtlich, sondern darüber hinaus. Gibt es Leute, die sich damit beschäftigen?


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Quelle: http://kritischegeschichte.wordpress.com/2011/09/24/gesucht-alternative-konzeptionen-zu-europa/

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«Jefe» Franco? Wie krass ist das denn?

Von der Empörung, die das Erscheinen des spanischen biographischen Lexikon in der spanischen Öffentlichkeit ausgelöst hat, erfahren wir dank Kollege Eisenmengers Sprachkompetenz in seinem ausführlichen Berichts. Im besagten Lexikon, das eben erschienen ist, wird Francisco Franco als “Generalisimo e jefe del Estado español” bezeichnet, ja, fast gefeiert (PDF-Auszug: hier). Dass die Verfolgungen politischer Gegner nicht [...]

Quelle: http://weblog.hist.net/archives/5449

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