Ein süddeutsches Graduale des Deutschen Ordens: die Handschrift St. Peter a VII 20 in Salzburg

Bernhart Jähnig zum 75. Geburtstag gewidmet Gliederung 1. Einleitung 2. Die Handschrift: Kodikologie 3. Die Handschrift: Inhalt und Besonderheiten 3.1. Das Temporale 3.2. Das Sanktorale 3.2.

[...]

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/8903

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Michael Romeisen, Kanoniker in Rasdorf (um 1600)

In der vom Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf zur Verfügung gestellten Übersicht seiner frühneuzeitlichen Handschriften, die früher der Düsseldorfer Landesbibliothek gehörten, fiel mir die Agenda von 1579/80 des Rasdorfer Kanonikers Michael Rhommeysen auf und ich recherchierte nach ihm in Netz. Leider ließ sich trotz zusätzlicher Unterstützung durch freundliche Mail-Auskünfte [1] kaum etwas über ihn herausfinden. Berthold Jäger teilte mit: “Über die Person Romeisen ist außer den von ihm in den eigenen Handschriften und in dem von ihm benutzten Büchern gemachten Angaben (Stiftskanoniker/Stiftskustos 1578, 1587, 1594, 1605, 1613) […]

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/6835

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“Haec sunt in fossa Bedae venerabilis ossa” – Ein Besuch bei Beda Venerabilis

Das Datum des letzten Blogbeitrages liegt schon etwas länger zurück, trotzdem war ich in den letzten Wochen nicht untätig. Neben Arbeit, der Vorbereitung meines Exposés und vielen anderen Dingen habe ich mir auch eine Woche „Erholungsurlaub“ gegönnt. Die Reise ging unter anderem in den Nordosten Englands in die Kleinstadt Durham. Aber egal wie weit man reist, der eigenen Dissertation entkommt man nicht. Im Folgenden daher ein paar Gedanken zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Religion im Mittelalter, die mich auf und nach der Reise beschäftigt haben. Aber zunächst einige Worte zu Durham.

Durham ist vor allem für seine Kathedrale und sein Castle bekannt, danach für seine Universität und für Liebhaber antiquarischer Bücher und bizarrer Geschichte durch den erst jüngst aufgedeckten Diebstahl der Erstausgabe des shakespeareschen Gesamtwerkes. Feinschmecker schätzen das Städtchen übrigens als Ursprung des feinen englischen Senfes. Alles in allem ist Durham gerade für Mediävisten einen Abstecher wert, vor allem ab Juli, wenn der Lindisfarne Gospel in den Norden zurückkehrt, worauf man dort verständlicherweise äußerst stolz ist. Auch das hiesige Institut for Medieval and Renaissance Studies ist sehr renommiert, twittert und bietet ein interessantes Masterprogramm an.

Im Mittelalter war die Stadt als Sitz des Prince Bishops ein machtpolitisches Zentrum im Norden und bot aufgrund seiner natürlichen Lage eine ideale Verteidigung gegen wechselnde Bedrohungen, vor allem natürlich gegen Wikinger und Schotten. Aus diesem Grund kamen auch die wertvollen Gebeine Saint Cuthberts und der Kopf des heiligen Oswalds nach Durham, das nun auch als Kultstädte Bedeutung genoss. Aus der Fülle an Literatur sei hier lediglich auf das Buch von Christian Liddy verwiesen, dass sich zwar auf das späte Mittelalter konzentriert aber natürlich auch die frühere Geschichte anreißt.[1]

Besonders die Kathedrale ist wirklich beeindruckend. Vor allem bei untergehender Sonne und aus der richtigen Perspektive begreift man die Begeisterung, die Nathaniel Hawthorne in seinen Reiseberichten festhielt:

“We paused upon the bridge, and admired and wondered at the beauty and glory of the scene, with those vast, ancient towers rising out of the green shade, and looking as if they were based upon it. The situation of Durham Cathedral is certainly a noble one, finer even than that of Lincoln, though the latter stands even at a more lordly height above the town. But as I saw it then, it was grand, venerable, and sweet, all at once; and I never saw so lovely and magnificent a scene, nor, being content with this, do I care to see a better.” 

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Foto: Privat

Bei aller Begeisterung für das Offensichtliche, für mich liegt der wichtigste Schatz der Kathedrale etwas versteckt in der sogenannten Galilee Chapel aus dem späten 12. Jahrhundert (auf dem Foto unter den Türmen). Denn dort „sunt in fossa Bedae venerabilis ossa“, dort ruhen die Gebeine des Beda venerabilis im Grabe. Beda war wohl einer der bedeutendsten Gelehrten des frühen Mittelalters und lebte ganz in der Nähe im Kloster Jarrow im heutigen Sunderland als Mönch und Gelehrter.

 

Foto: Robin Widdison 

Bekannt ist Beda heute vor allem für die Historia ecclesiastica gentis Anglorum, also die Kirchengeschichte des englischen Volkes, sowie seinen „naturwissenschaftlichen“ Schriften zur Zeitberechnung und Kosmologie, vor allem De temporum ratione und De natura rerum bzw. De temporibus[2]. Zeitgenossen hätten sicher auch sein Werk zur Metrik, vor allem aber seine zahlreichen exegetischen Kommentare genannt.

Damit tritt uns also als ein sehr vielschichtiger Gelehrter entgegen, als Verfasser von Heiligenbiographien, Historiker, Theologe, Naturwissenschaftler und natürlich als Mönch. In dieser Vielschichtigkeit entzieht er sich einer eindeutigen Klassifikation. Gerade dem modernen Betrachter ist eine solche Klassifikation aber sehr wichtig, da er in klar ausdifferenzierten und getrennten Systemen wie Religion, Wissenschaft, Recht, Politik, Kultur etc. zu denken gewohnt ist.

Worum es mir heute geht, ist die Frage, ob eine solch strikte Klassifikation, vor allem die Abgrenzung und Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft in der Vormoderne überhaupt angemessen ist, oder ob sich durch einen solchen Ansatz nicht viel eher hermeneutische Schwierigkeit für den Historiker und Kulturwissenschaftler ergeben. Meine vorläufige These ist, dass eine solche grundsätzliche Trennung, also der Dualismus von Religion und Naturphilosophie oder Naturwissenschaft für das Mittelalter eine künstliche ist, die zuweilen die Wahrnehmung dieser Epoche und ihres Weltbildes verzerrt. Diesen Gedanken möchte ich an ein paar Beispielen verfolgen.

Bedas Grab ist mit einem Zitat aus seinem Kommentar zur Apokalypse, hier zur Offenbarung 2,28 und 22,16 überschrieben, das ich persönlich sehr beeindruckend finde:

“Christus est stella matutina, qui nocte saeculi transacta, lucem vitae sanctis promittit et pandit aeternam

„Christus ist der Morgenstern, der, wenn die Nacht des Diesseits vorüber ist, den Heiligen das ewige Licht verspricht und schenkt“

Im Bild des Morgensterns kommt tiefe Erlösungshoffnung des Autors zum Ausdruck. Es ist daher nicht verwunderlich, dass es in der religiösen Welt des Mittelalters vielfach rezipiert worden ist. So zum Beispiel im 12. Jahrhundert in einem süddeutschen Offizium (Diesen Hinweis verdanke ich Eva Ferro, Freiburg), und zwar, wie ich finde in einer außerordentlich faszinierenden Weise. Zum Invitatorium der Matutin, also dem nächtlichen Gebet, das in die morgendlichen Laudes übergeht, ziehen die Mönche noch im Dunkel der Nacht singend in die Kirche:

“Stellam Christum matutinam/cum Maria prestolantes/ne sola stet foris plorans/nos cum ea vigilemus/ut per noctem quem insomnis/queritando dilexerat/hunc inventum simul una/procidentes adoremus.“[3]

Natürlich geht es hier in erster Linie um den Ausdruck einer monastischen Spiritualität. Gleichzeitig funktioniert die Stelle aber auch auf einer zweiten, realen Ebene. Denn das Bild des Morgensterns erinnert die Mönche nicht nur an die Auferstehung Jesu und die damit verbundene Erlösung, sondern es verweist darüber hinaus auch auf eine reale Beobachtung außerhalb der Liturgie und des Gebetes: Denn tatsächlich erwarten die Mönche Tag für Tag den Morgenstern, der in Wirklichkeit identisch mit der Venus ist und besonders – je nach Phase abwechselnd – in den frühen Morgen- oder Abendstunden zu sehen ist. Mehr noch, die Beobachtung der Sterne war Alltag eines Klosters, half sie doch, die Gebetszeiten und liturgischen Feste, aber auch den Beginn der Jahreszeiten und anderer fundamentaler Dinge des Lebens zu bestimmen.[4] Die Handschrift Ms 1 Aus dem Archivio Capitulare in Faenza enthält übrigens eine sehr schöne Illumination, die die singenden Mönche unter dem Sternenhimmel zeigt. Wer den Wolfenbütteler Sammelband Divinia Officia (hg. von Patrizia Carmassi 2004) zur Hand hat, kann hier auf Seite 161 nachschauen. Online habe ich die Abbildung leider nicht finden können, dafür aber die tolle Abbildung einer Sternenbeobachtung in cod. sang. 18.

 Mönche beobachtet die Sterne. Abbildung aus Cod. Sang. 18, fol. 43

 Astronomische Phänomene wie der Morgenstern, der bezeichnenderweise im Osten aufgeht und dadurch das spirituelle Bild noch verstärkt, waren damit auch Gegenstand alltäglicher „naturwissenschaftlicher“ Beobachtung und Nutzung. Wenn man so will stellt der Morgenstern hier also einen Nexus zwischen den Bereichen der religiösen Spiritualität und naturwissenschaftlicher Beobachtung dar, die sich beide befruchten, vielleicht sogar bedingen.

Man könnte weitere Beispiele anführen, etwa die vergleichsweise häufige annalistische Nennung von Sonnenfinsternissen, ein Phänomen, dass immerhin die Kreuzigung Jesu begleitete und schon durch die Evangelisten einer durch und durch religiösen Deutung unterworfen wurde. Und trotzdem bestand schon im frühen Mittelalter und bis in die höchsten Kreise des Kaiserhofes ein Interesse an einer rationalen Erklärung dieser Phänomene.[5]

Religiöse Deutung und rationale Erklärung der natürlichen Zusammenhänge schließen und schlossen sich offenbar nicht aus, im Gegenteil. Gerade die Klöster zeigen im frühen Mittelalter ein großes Interesse an der Astronomie, das vom Kaiserhof aus gefördert und gefordert wurde und vom dem noch heute viele Handschriften zeugen. Etwa die am Kaiserhof gefertigte Leidener Aratea, die gegenwärtig ausgestellt wird.

Ich glaube allerdings, dass man dieses Interesse nicht, wie es oft geschieht, primär auf eine Rolle als christliche bzw. theologische Hilfswissenschaft reduzieren darf. Natürlich diente etwa die Chronologie im Kloster vor allem zur Berechnung liturgischer Daten. Aber das hierfür notwendige Verständnis und die laufende Beobachtung der Gestirne, von Sonne und Mond, dem Wechsel von Tag und Nacht oder den Jahreszeiten bedurfte doch eines breiteren naturwissenschaftlicheren Wissens.

Deshalb hat Beda zum Beispiel De temporibus, also seiner Schrift zur Chronologie das kosmologische Werk De natura rerum vorangestellt, und auch die karolingischen Enzyklopädien kommen nicht ohne grundsätzliche Aussagen über den Ablauf der natürlichen Welt aus. Hinter der praktischen Anwendung dieses Wissens verbarg sich eben immer auch ein Interesse an umfassender und theoretischer Kosmologie.

Das ist auch nicht verwunderlich, denn im Grunde gibt es in der Vormoderne überhaupt keinen Lebensbereich, der ohne eine Kosmologie auskommt. Bevor man im 18. Jahrhundert die Beobachtung der physikalischen Welt ins Labor verbannte, sie mechanisierte und mathematisierte und damit von der eigenen Lebenswelt entkoppelte, war war sie unumgänglicher Bestandteil des alltäglichen Lebens in einer Agrargesellschaft, dem man sich nicht wie heute entziehen konnte. Um diese Beobachtungen der Natur für das alltägliche Leben nicht nur praktisch nutzbar zu machen, sondern sie auch mit Bezug zur eigenen Lebenswelt zu deuten, bedarf es aber zwangsläufig der Kosmologie.

Wenn Kosmologie und Naturwissenschaft also nicht, wie das heute der Fall ist, abstrakte Probleme behandeln, sondern unmittelbar die eigene Lebenswelt erklären und deuten, dann nehmen sie im Grunde eine ganz ähnliche Funktion ein, wie die Religion. Denn auch Religion dient und diente der Deutung der Welt und der eigenen Existenz. Im Christentum liegt diese vor in der Heilsgeschichte und dem besonderen Band zwischen Schöpfergott und Schöpfung begründet. Religion und kosmologische Naturbeobachtung sind damit, wenn man so will, zwei Seiten derselben Medaille, die durch das Geschaffensein der Welt zwar ihre untrennbare Verbindung finden, gleichzeitig aber auch unterschiedliche Modi der Weltdeutung darstellen. Eine Ausdifferenzierung von Religion und Wissenschaft als eigenständige und isolierte Systeme mit unterschiedlichen Zielsetzungen kann es in der Vormoderne und ihrer Lebenswelt daher gar nicht geben. Sie sind weder getrennt voneinander zu verstehen, noch erschöpft sich die Kosmologie darin, eine religiöse Hilfswissenschaft zu sein.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass sich die Lebens- und Geisteswelt des Mittelalters nur durch Würdigung beider Aspekte und ihrer Verknüpfung rekonstruieren lässt. Vielleicht ließe sich dies sinnvoller bewerkstelligen, wenn dafür nicht die Kategorien unserer ausdifferenzierten Moderne – Wissenschaft und Religion verwendet werden –, sondern stattdessen auf den Begriff der Weltdeutung zurückgegriffen würde.

Beda erschiene unter diesem Aspekt dann weder als Naturwissenschaftler, Theologe und/oder Historiker, sondern als Weltdeuter, in dessen Werken sich verschiedene Modi dieser Weltdeutung ergänzen und überscheiden. Damit wäre er im wahrsten Sinne des Wortes ein Universalgelehrter – und hätte mit der Universitätsstadt Durham wohl eine passende letzte Ruhestädte gefunden.

 

[1] Liddy, Christian D.: The Bishopric of Durham in the late Middle Ages: lordship, community and the cult of St Cuthbert. Woodbridge 2008. Bei Googlebooks.

[2] Hier sei noch einmal auf die Übersetzungen, vor allem aber die sehr nützlichen inhaltlichen Kommentare von Wallis und Kendall hingewiesen: Kendall: Calvin/Wallis, Faith: Bede On the Nature of Things and On Times. Liverpool 2010 (Googlebooks); Wallis, Faith: Bede The Reckoning of Time. Liverpool 1999 (Googlebooks).

[3] Ferro, Eva: Suavissime universorum domine: Ein unediertes Offizium für Maria Magdalena im Kontext der Hirsauer Reform. Unveröffentlichte Masterarbeit Erlangung des akademischen Grades Master of Arts an der Universität Freiburg im Sommersemester 2011, S. 14.

[4] Wiesenbach, Joachim: Der Mönch mit dem Sehrohr : die Bedeutung der Miniatur Codex Sangallensis 18. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 44 (1994), S. 367-388.

[5] Eine gute Einführung bietet Eastwood, Bruce: Ordering the Heavens. Roman Astronomy and Cosmology in the Carolingian Renaissance. Boston/Leiden 2007. Googlebooks.

Quelle: http://quadrivium.hypotheses.org/89

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Unterdrückte der Deutsche Orden die Wallfahrt zur Elisabeth ?

Diese Frage klingt wie aus einer Verschwörungstheorie. Dahinter steckt aber eine These, die jahrelang von namhaften Wissenschaftlern vertreten wurde und teilweise noch vertreten wird.

Nachdem Elisabeth 1231 in ihrem Hospital gestorben war setzte eine Wallfahrt nach Marburg ein, die Ihresgleichen sucht. Herrscharen von Kranken, Behinderten und Bettlern kamen nach Marburg, um bei der Elisabeth um Heilung zu bitten.

Caesarius von Heisterbach schreibt in einer Predigt, die er anlässlich der Translation wohl 1236 schrieb, dass das Hospital nach Elisabeths Tod so voll war, dass man kaum noch herein- bzw. heraustreten konnte. In zwei zeitgenössischen Berichten wird der Besuch des Grabes Elisabeth verglichen mit der Wallfahrt nach Santiago de Compostela.[1]

Woher kamen diese Menschen?

Anlässlich des Elisabethjubiläums 1981 hat Ursula Braasch die Herkunftsorte der Pilger zusammengestellt, die in den 161 überlieferten Wunderberichten genannt sind. Die meisten der genannten Menschen stammen aus der unmittelbaren Umgebung Marburgs und aus dem hessisch-thüringischen Raum. Vereinzelte Geheilte stammen auch vom Oberrhein oder von der Weser.[2]

W. Brückner zeigt in seinem Artikel zu Heiligenkult und Wallfahrtswesen im 13. Jahrhundert auf, dass die sogenannte Elisabethwallfahrt, die kurz nach ihrem Tode einsetzte, streng genommen nicht als solche zu bezeichnen sei. Vielmehr seien die Geschehnisse als eine Form mittelalterlicher Volksfrömmigkeit zu benennen. Das Wallfahrtswesen, bei dem mehrere größere Wallfahrtsorte innerhalb Mitteleuropas um Aufmerksamkeit buhlten, entwickelte sich erst im Laufe des 14. Jahrhunderts. Wallfahrten nach Köln zu den Heiligen Drei Königen oder Wilsnack seien also damit in keiner Weise mit der Elisabethkirche zu Marburg zu vergleichen. Dieses sei laut Brückner eher als normaler Heiligen- und Reliquienkult anzusehen nicht als Wallfahrt. Bei anderen Heiligen, bei denen auch nach dem Tode Wunderheilungen protokolliert wurden, sei nicht gleich von einer Wallfahrt die Rede. So wird das Beispiel des Bruno von Würzburg angeführt, dessen Heiligsprechungsverfahren zwischen 1202-1203  durchgeführt wurde und protokollarisch mit dem der Elisabeth vergleichbar sei.

Nach dem Tode der Elisabeth und der Übertragung des Hospitals an den Deutschen Orden ist 1235 bereits mit dem Bau der heutigen gotischen Elisabethkirche begonnen worden. Eine damals übliche Einnahmequelle zur Baufinanzierung ist das sogenannte „Geläuf“, also zeitlich beschränkte Ablassprivilegien für diejenigen, welche das Grab oder Kirche besuchen. Zudem stellt Heiligen- und Reliquienkult eine ganz normale Form der mittelalterlichen Volksfrömmigkeit dar. Den verschiedenen Heiligen sind jeweils einzelne Tage zugeordnet, in der Regel der Todestag. Das Zusammenkommen von Gläubigen an diesen bestimmten Tagen, an dem einzelne Reliquien gezeigt wurden, gehört zum normalen Ritual im Jahreskreis.[3]

Elisabeth war gerade für die Bettelorden eine der herausragenden Gründungsgestalten. Sie leisteten für ihre eigenen Heiligen (vor allem für Franziskus, Klara und Antonius) eine „Kultpropaganda“, die überwiegend auf Predigen beruhte.[4] Das Hospital der Elisabeth wurde nach ihrem Tode aber nicht dem Franziskanerorden gestiftet, sondern aus machtpolitischen Interessen heraus dem Deutschen Orden. Nun ist der Deutsche Orden kein Prediger-Orden, wohl aber ein Hospitalorden allerdings ohne Ambitionen, sich den Armen und Kranken in ähnlicher Aufopferung zu widmen, wie Elisabeth das getan hat. Das führte schnell dazu, dass die Betten im Marburger Hospital entweder leer blieben oder von gutsituierten Pfründnern besetzt wurden.[5] Auch die Elisabethkirche selbst ist keine Wahlfahrtskirche, verglichen mit den Grabeskirchen von Franziskus und Klara in Assisi. Sie auch nicht der Elisabeth geweiht, sondern der Mutter Gottes. In der kunsthistorischen Forschung ist sogar versucht worden nachzuweisen, dass Elisabeth vom Deutschen Orden regelrecht versteckt worden sei.[6]

Was wollte der Deutsche Orden denn mit der Elisabeth?

Streng genommen, nichts Besonderes. Die Heilige hat mit diesem Orden eigentlich nichts gemein, außer dass ihm ihr Grab durch Stiftung in die Hände fiel. In den darauf folgenden Jahrzehnten wurde Elisabeth zu der wichtigsten Heiligen für den Deutschen Orden hinter der Gottes Mutter und neben dem Heiligen Georg. Eine Untersuchung Udo Arnolds der Deutschordenspatrozinien im Deutschordensland Preußen im Mittelalter ergab, dass Georg dort sogar etwas beliebter war als Elisabeth.[7]

Nun ist die Frage, welchen Aussagewert  die Tatsache hat, dass man in Preußen Hospitälern lieber den Namen Georg gab als Elisabeth?

Der Heilige Georg repräsentiert die Ritterlichkeit des Deutschen Ordens. Eine Ritterlichkeit, die in der militärisch-brutalen Missionierung  und Eroberung Preußens deutlich wird. Elisabeth repräsentiert dagegen quasi das caritative Element. Udo Arnold resümiert nun, der ritterliche Georg spielte in der Liturgie des Deutschen Ordens eine höhere Rolle als Elisabeth eben wegen dieser „Patrozinienhäufung“ im ehemaligen Deutschordensland.[8]

Schaut man in die Liturgie des Deutschen Ordens ergibt sich ein anderes Bild. Im Mittelalter gibt es keine einheitliche Liturgie: sie unterscheidet sich je nach Orden, Diözese oder Region. Beim Gedenken der Heiligen unterscheiden sich die Liturgien sehr stark voneinander. Das Gedenken einzelner Heiliger ist einer starken Auswahl unterworfen, weil es einfach tausende gibt und im Laufe eines Jahres nicht alle „unterzubringen“ sind, wobei Feste wie Ostern, Pfingsten usw. natürlich vor allem Vorrang haben. Der Deutsche Orden hat wie alle Orden also den Gedenktagen der Heiligen eine Rangordnung gegeben, das sich in festum simplex (niedrig), semiduplex (dritthöchster), duplex (zweithöchster) und totum duplex (höchster) Rang einteilte. Anette Löffler hat nun in einem Artikel überprüft, welchen Rang die Elisabethfeste, ihr Todestag und ihre Translation (Erhebung aus dem Grab/bzw. Freigabe der Reliquien zur Verehrung) in den einzelnen liturgischen Handschriften des Mittelalters haben. Den drei Heiligen des Ordens wurde unterschiedlich Priorität im liturgischen Jahreskreis zugedacht: Die Marienfeste hatten immer den höchsten Festtag, also totum duplex. Kein/e Heilige/ stand über Maria. Soweit klar. Der Todestag Elisabeths und der Gedenktag ihrer Translation ist in den unterschiedlichen Handschriften mit dem Zusatz duplex und totum duplex versehen, wobei dem Gedenktag Georgs fast ausschließlich ein semiduplex zugefügt wurde.

Elisabeth hatte also in der Liturgie des Deutschen Ordens einen außerordentlich hohen Rang, einen höheren Rang als der ritterliche Georg.[9]

Elisabeth war die zweitwichtigste Heilige des Deutschen Ordens hinter der Gottesmutter Maria. Nach ihrem Tode kamen viele Menschen überwiegend aus Hessen und Thüringen, um zu ihr zu beten, aber eine Wallfahrt verglichen mit Rom oder Santiago de Compostela war es freilich nicht. Die gotische Elisabethkirche in Marburg ist zwar eine Marienkirche, aber sie wurde durch Ablässe für den Besuch Elisabeths mitfinanziert. Der Deutsche Orden hat also nichts unterdrückt oder Elisabeths Reliquien versteckt. Der Orden behandelte seine zweitwichtigste Heilige wie man eine Heilige im Mittelalter eben behandelte. Die Reliquien wurden verwahrt, in diesem Fall in der Sakristei, an ihrem Gedenktag herausgeholt und den Gläubigen gezeigt. Eine normale katholische Praxis, wie sie überall auf der Welt heute noch üblich ist.


[1] M. Werner, Die Heilige Elisabeth und die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg, in: E. Dettmering-R. Grenz (Hrsg.), Marburger Geschichte. Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen (Marburg 1980) 159

[2]  U. Braasch, Pilger in Marburg. Herkunftsort der durch bezeugte Wunder Elisabeths Geheilten (1231-1235), in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 450-452

[3] W. Brückner, Zu Heiligenkult und Wahlfahrtswesen im 13. Jahrhundert. Einordnungsversuch der volksfrommen Elisabeth-Verehrung in Marburg, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 119

[4] O. Krafft, Papsturkunde und Heiligsprechung. Die päpstlichen Kanonisationen vom Mittelalter bis zur Reformation. Ein Handbuch. Archiv für Diplomatik. Schriftgeschichte Siegel und Wappenkunde Beiheft 9 (Köln 2005) 421

[5] H. Boockmann, Die Anfänge des Deutschen Ordens in Marburg und die frühe Ordensgeschichte, in: Philips-Universität Marburg in Verbindung mit dem Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde (Hrsg.), Sankt Elisabeth. Fürstin Dienerin Heilige (Sigmaringen 1981) 145

[6] A. Köstler, Die Ausstattung der Marburger Elisabethkirche . Zur Ästhetisierung des Kultraumes im Mittelalter (Berlin 1995)

[7] U. Arnold, Elisabeth und Georg als Pfarrpatrone im Deutschordensland Preußen. Zum Selbstverständnis des Deutschen Ordens, in: Elisabeth, der Deutsche Orden und ihre Kirche. Festschrift zur 700jährigen Wiederkehr der Weihe der Elisabethkirche Marburg 1983 (Marburg 1983) 163-185

[8] A. Löffler, Die Liturgie des Deutschen Ordens, in: Elisabeth von Thüringen und die neue Frömmigkeit in Europa, in: Kulturgeschichtliche Beiträge zum Mittelalter und der frühen Neuzeit 1 (Frankfurt/Main 2008) 136

[9] A. Löffler, Die Liturgie des Deutschen Ordens, in: Elisabeth von Thüringen und die neue Frömmigkeit in Europa, in: Kulturgeschichtliche Beiträge zum Mittelalter und der frühen Neuzeit 1 (Frankfurt/Main 2008) 137-149

Quelle: http://minuseinsebene.hypotheses.org/237

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mediaevum.net: The Liturgy Archive

www.liturgies.net Mit gemischten Informationen zum Großbereich Liturgie bietet das Archiv eine solide Einstiegshilfe und neben einer großen Auswahl an Gebetstexten weitere infomative Ressourcen, darunter beispielsweise  Übersichten zum Festtagskalender und Heiligenlisten mit Hintergrundinfos. Irritierend ist allerdings die technische Umsetzung mit seitenweise variierendem Layout, welches spätestens mit dem Einsatz semitransparenter Muster-Hintergründe die Inhalte unlesbar macht. Im akademischen [...]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2012/03/2581/

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