Kanonen für katholische Iren

Während im Sommer 1645 immer mehr Gesandte nach Westfalen kamen, um dort endlich über eine Beendigung des Kriegs zu verhandeln, waren andernorts neue Konflikte ausgebrochen. So in Irland, wo seit 1641 ein Aufstand tobte, in dem sich sowohl der englische Konflikt zwischen Royalisten und Parlamentariern spiegelte, aber vor allem auch der konfessionelle Antagonismus eine große Rolle spielte. Vor dem Hintergrund ist ein Briefwechsel aus dem September 1645 zu sehen. Damals wandte sich der kaiserliche Feldmarschall Melchior von Hatzfeldt an Kurfürst Ferdinand von Köln und bat darum, daß er ihm wieder zwei halbe Karthaunen überlasse. Diese mittelgroßen Geschütze, die 12pfündige Kugeln verschossen, wolle er, Hatzfeldt, nun katholischen Iren „auf deren bewögliches ansuchen“ übergeben – ein kleines Beispiel für die kaum untersuchten Bezüge zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den Konflikten in England und Irland (Melchior Graf von Hatzfeldt an Kurfürst Ferdinand von Köln, Eger 9.9.1645, Schönstein, Fürstlich Hatzfeldt-Wildenburgsches Archiv, Kriegsarchiv Melchior von Hatzfeldt Nr. 236, Konzept mit Verbesserungen; Ferdinands Antwort aus Bonn am 27.9.1645 ebenda.).

Die Geschichte dieser zwei Geschütze reichte bis ins Jahr 1642 zurück, als Hatzfeldt, wie er in diesem Brief berichtete, die beiden Kanonen vom damaligen kurbayerischen Feldmarschall Graf Wahl gekauft hatte. Im Lager bei Zons habe er für beide Stücke, über deren Herkunft man nichts weiter erfährt (waren es vielleicht Beutestücke?), 800 Reichstaler in bar bezahlt. Als bald darauf der Kaiser verfügte, daß Hatzfeldt den Niederrhein verlassen und sich um den Schutz der kaiserlichen Erblande kümmern sollte, wollte er die erhandelten Kanonen dem Kaiser für denselben Wert weitergeben. Dieser Kauf kam jedoch nicht zustande, und die Kanonen verblieben nach Hatzfeldts Abmarsch im Rheinland, wo sie unter die Obhut des Kölner Kurfürsten kamen. An letzteren richtete sich daher nun das „vnterthenigste[.] bitten“, diese Kanonen wiederum nach Köln bringen zu lassen, wo Hatzfeldt begütert war.

Der Kurfürst konnte sich diesem Ansuchen kaum verschließen, nicht nur weil Hatzfeldt der tatsächliche Besitzer war. Auch sein Anliegen, diese Kanonen den konfessionsverwandten Iren zu überlassen, mußte ganz im Sinne Ferdinands von Köln gewesen sein. Offenbar hatte Hatzfeldt schon im Jahr 1642 mit den Vertretern der Irischen Katholischen Konföderation (Konföderation von Kilkenny) Kontakt und war willens, ihnen diese Geschütze zu übergeben. Allerdings hatte es den Iren „damals an gelegenhit ermanglet, selbige fortzubringen“. Doch nun (also im September 1645) hatten sie sich erneut an ihn gewandt, und Hatzfeldt war nach wie vor bereit, ihnen zu helfen. Er knüpfte diese Hilfe jedoch an dieses „beding, das solche [=die Karthauen, M.K.] in Jerrlandt gefüehrt, vnnd daselbsten zu der Cathollischen Religion aufnehmen, vnd bestes amployrt [!] werden sollen“. Deutlich wird daran der konfessionelle Impuls, der Hatzfeldt damals bewegte; immerhin war gegenüber den Iren nicht die Rede davon, daß sie für diese Kanonen Geld zahlen sollten. Der kaiserliche Feldmarschall hatte diese Artillerie (hier ganz Kriegsunternehmer, der auch in Rüstungsgüter investierte) zunächst aus eigenen Mitteln erworben, war aber nun bereit, sie unter Verzicht auf dieses Geld abzugeben – freilich für eine gute Sache, wie er überzeugt war.

Ein Fragezeichen bleibt allerdings bei dem Wert, den diese Karthaunen darstellten. Daß Hatzfeldt sie für nur 800 Reichstaler erwerben konnte, stellt in meinen Augen doch einen sehr günstigen Preis dar. Ob es sich um eher minderwertige Kanonen handelte, die abzugeben vielleicht gar nicht so schwer fiel? In dem Fall relativiert sich auch Hatzfeldts Engagement für die Sache der Irischen Konföderation. Was immer auch aus diesen zwei halben Karthaunen geworden ist, Oliver Cromwell sollte dann die kurze Geschichte der Konföderation im Jahr 1649 beenden.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/455

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Friendly fire

In der Schlacht bei Mergentheim am 5. Mai 1645 wurde nicht nur mit großer Erbitterung gekämpft. Vielmehr ging es dabei derart unübersichtlich zu, „daß sogar Eurer Churfürstlichen Durchlaucht aigne reichsvölckher 2 compagnien von den ihrigen heftig chargiert unnd ihnen zimblich schaden gethann, ehe sie gewust, daß solliche von ihren eignen völckhern“ (Bericht an Kurfürst Maximilian vom 8.8.1645, in: Die diplomatische Korrespondenz Kurbayerns zum Westfälischen Friedenskongreß, Bd. 2: Die diplomatische Korrespondenz Kurfürst Maximilians I. von Bayern mit seinen Gesandten in Münster und Osnabrück, Teilband 2: August – November 1645, bearb. v. Gabriele Greindl und Gerhard Immler (Quellen zur Neueren Geschichte Bayerns, 2/2), München 2013, S. 358).

Derartige Episoden kommen offenbar immer wieder im Krieg vor, damals wie heute. Heute wird vielfach als „friendly fire“ bezeichnet, wenn durch Distanzwaffen auch eigene Truppen in Mitleidenschaft geraten. Die Szene hier war jedoch eine andere, denn hier waren Söldner im direkten Nahkampf aneinander geraten, ohne daß ihnen sofort bewußt wurde, daß sie doch für dieselbe Sache kämpften. Ein solches Mißverständnis war natürlich fatal, doch die Möglichkeit dazu war in den Schlachten des frühen 17. Jahrhunderts stets gegeben. Denn es gab keine Uniformierung, die eine eindeutige Unterscheidung zwischen den streitenden Parteien unmittelbar und eindeutig erlaubt hätte; erst mit der Etablierung stehender Heere setzte sich auch eine uniforme Ausstattung und Einkleidung der Truppen durch.

Sicher gab es Vorformen von Uniformen und das Bemühen, zumindest für einzelne Einheiten eine einheitliche Ausrüstung vorzugeben; die schwedischen blauen und gelben Regimenter lassen sich hier anführen. Auf kaiserlicher Seite war die rote Farbe ein beliebtes Erkennungsmerkmal; besonders eine rotgefärbte Schärpe, oftmals auch über dem Harnisch getragen, sollte die Identifizierung erleichtern. Auch den berühmten Zweig am Hut, wie man ihn vor dem Kampf verabredete, gab es nicht nur in Shakespeares Macbeth, sondern auch in den Schlachten des Dreißigjährigen Kriegs. Ansonsten sorgte der feste Platz in der Schlachtordnung eines Regiments dafür, daß jeder erkennen konnte, auf welcher Seite man kämpfte; auch das Feldzeichen oder die Regimentsfahne sorgten für Orientierung. Schwierig wurde es, wenn sich im Zuge einer längerdauernden Schlacht Kampfformationen auflösten. Auch der Pulverdampf von nur wenigen Musketensalven und der Feldartillerie wird das Schlachtfeld buchstäblich vernebelt haben. Wenn dazu noch der Staub auf dem Schlachtfeld durch die Kavallerie und die marschierenden Fußsoldaten aufgewirbelt wurde, kann man sich vorstellen, wie gering die Sicht auf das Geschehen insgesamt war – und wie groß die Gefahr, in dieser Unübersichtlichkeit die eigenen Kameraden anzugreifen.

Man kann davon ausgehen, daß solche Situationen häufiger vorkamen. Allerdings sind mir diesbezügliche Berichte fast gar nicht bekannt; wahrscheinlich hat man über solche Vorkommnisse nicht viel Aufhebens gemacht: Das kam halt vor, war kaum zu vermeiden und schon gar nicht rückgängig zu machen. Daß hier doch einmal eine solche Szene erwähnt wurde, hing mit Vorwürfen zusammen, die französischerseits erhoben wurden: Angeblich hätten die bayerischen Truppen viele französische Söldner massakriert – Vorwürfe, die auch noch Wochen und Monate später in den Korrespondenzen weitergetragen wurden (deswegen auch hier noch im August, also drei Monate später, der Rekurs auf diese Schlacht). Die bayerische Seite war eifrig bemüht, derartigen Anschuldigungen die Spitze zu nehmen. Dabei verwiesen die kurbayerischen Gesandten in Münster auch auf die Heftigkeit der Kämpfe, daß man mit „furie unnd calor“ gefochten habe (ebd.). Und in dem Kontext erschien der Hinweis ganz passend, daß die bayerischen Kriegsknechte sogar aufeinander losgegangen wären.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/447

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Krieg um Kreta

Die Beratungen und Sondierungen auf dem Friedenskongreß wurden im Sommer 1645 durch ein neues Thema bereichert: „Es hetten die Türckhen albereit in Candia [= Kreta; M.K.] ein statt eingenommen undt contra datam fidem alles darinnen unbarmhertzig nidergehawen.“ So hatte es der päpstliche Nuntius den kurbayerischen Gesandten mitgeteilt (Bericht an Kurfürst Maximilian vom 3.8.1645, in: Die diplomatische Korrespondenz Kurbayerns zum Westfälischen Friedenskongreß, Bd. 2: Die diplomatische Korrespondenz Kurfürst Maximilians I. von Bayern mit seinen Gesandten in Münster und Osnabrück, Teilband 2: August – November 1645, bearb. v. Gabriele Greindl und Gerhard Immler (Quellen zur Neueren Geschichte Bayerns, 2/2), München 2013, S. 352). Die Invasion starker osmanischer Truppen auf Kreta im Juni 1645 war tatsächlich ein Ereignis, das europaweit für Aufsehen sorgte. Wie waren die Vorgänge einzuschätzen, und wie ging man in Münster mit dieser Nachricht um?

Auf den ersten Blick möchte man an das übliche Spiel mit den Stereotypen denken, wie es vom Nachrichtenwesen auch schon in dieser Zeit virtuos gespielt wurde. Die Hinweise auf gebrochene Zusagen und die Unbarmherzigkeit der Kriegführung bedienten sicherlich vorhandene Reflexe, die sich um die Begriffe der „Türkengefahr“ rankten. Doch ging es hier gar nicht so sehr um einen vielleicht sogar wohligen Grusel angesichts grausiger Neuigkeiten von einem weit entfernten Kriegsschauplatz im östlichen Mittelmeer.

Vielmehr wurde diese Nachricht sofort in die laufenden diplomatischen Aktivitäten einsortiert und für bestimmte Zielsetzungen instrumentalisiert. So hatten die bayerischen Gesandten sicher gern vom allgemeinen Friedensappell des Papstes an die anderen Mächte nach München berichtet, zumal der päpstliche Gesandte vor allem den französischen Vertretern die „pericula Europae“ vor Augen geführt habe (ebd.). Denn die kurbayerische Seite war in diesen Wochen und Monaten sehr um einen allgemeinen Waffenstillstand bemüht; zu groß waren die Belastungen des Kriegs, zu vage die Aussicht auf militärischen Erfolg. Entsprechend bezogen sich die bayerischen Gesandten, als sie Anfang August wieder mit den Franzosen verhandelten, auch auf den osmanischen Angriff auf Kreta und machten daraus ein Argument in eigener Sache: Wie könne man es vor Gott verantworten, wenn in Deutschland katholische und gehorsame Fürsten und Stände angegriffen und verfolgt würden, während der Erbfeind der Christenheit jede Gelegenheit habe, „in Europam einzuebrechen […] unnd alle unmenschliche tyranney zu verüben“? (Bericht an Maximilian vom 8.8.1645, ebd. S. 359).

Wenn es weiter hieß, daß man besser die Truppen nicht bei den Kämpfen im Reich verwenden, sondern sie gegen die Osmanen führen sollte, stand dahinter durchaus ein altbekannter Gedanke: Die Einigkeit der Christen sollte der Verteidigung gegen die osmanische Bedrohung zugute kommen. Ähnliche Gedanken waren schon in früheren Jahren des Dreißigjährigen Kriegs immer wieder einmal aufgekommen; sie lassen sich etwa bei Wallenstein, Tilly, Pappenheim oder bei Père Joseph nachweisen. Teilweise schien dahinter durchaus eine gewisse Kreuzzugsromantik durch, doch hier ging es – eigentlich sehr durchsichtig – um etwas ganz anderes: Bayern wollte dringend ein Ende der Kämpfe im Reich. Und wenn die Türkengefahr ein weiteres Argument bot, um das Ziel eines armistitium zu befördern, griff man in den Verhandlungen eben auch Nachrichten aus dem Türkenkrieg auf: Das Schicksal Kretas ging in diesem Fall auch den Gesandten in Münster sehr nahe.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/445

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Nürnberg hilft Kriegsgeschädigten

Anfang August 1629 wandte sich der Rat von Nürnberg direkt an den Kaiser. Es war ein Hilferuf, daß die vom kaiserlichen Militär geforderten Leistungen nicht mehr zu erbringen waren. Seit zehn Jahren seien viele Regimenter, ja ganze Armeen vorbeigekommen und hätten versorgt werden müssen. Der Rat sei es nun seinen Untertanen schuldig, auf die immensen Schäden und Verluste hinzuweisen, die man mit etlichen Tonnen Gold beziffern könne (siehe Franz Ludwig Freiherr von Soden, Kriegs- und Sittengeschichte der Reichsstadt Nürnberg vom Ende des sechzehnten Jahrhunderts bis zur Schlacht bei Breitenfeld 7. (17.) September 1631, 3. Theil: Von 1629 bis 1631, Erlangen 1862, S. 18 ff.). Mit dieser Eingabe tat der Rat der Reichsstadt, was üblicherweise in einer solchen Situation getan wurde: Man brachte seine Klagen vor, berief sich auf den stets erwiesenen Gehorsam und die allzeit bereitwillig geleisteten treuen Dienste und erhoffte sich daher nun eine Erleichterung von diesen unerträglichen Belastungen.

Der Rat beließ es aber nicht dabei, sondern wurde darüberhinaus am 28. August (a.St.) seinerseits aktiv (Stadtarchiv Nürnberg B 7 Nr. 35). Er beschloß, jeden der Untertanen, der durch die Einquartierung mit Soldaten belastet worden waren war, mit einer Summe von 20 bis 25 Talern zu unterstützen, je „nach gestalt seines Gütleins“. Offenbar war dem Rat durchaus bewußt geworden, daß es allein mit einer verringerten Belastung für die Nürnberger Untertanen nicht getan war; es bedurfte einer spürbaren Erleichterung, die direkt bei den Betroffenen ankommen sollte.

Bemerkenswert ist der Hinweis, daß es nicht nur um eine Unterstützung für diejenigen ging, die für den Unterhalt des Militärs aufzukommen hatten, sondern auch für diejenigen, „welche der Religion halber betrangt“ wurden: Kriegsbelastungen und konfessioneller Konflikt verschränkten sich hier also – vielleicht kein Zufall in einer Phase, als das Restitutionsedikt gerade erlassen worden war und für erhebliche Unruhe im Reich sorgte.

Eine Einschränkung machte der Ratsbeschluß aber insofern, als er verfügte, daß diese Gelder „vff ein geringe Zeit vor[zu]strecken“ seien: Es handelte sich also nicht um eine Erstattung der Schäden, sondern um eine Art Darlehen. Von Zinsen war hier nicht die Rede, immerhin. Trotzdem wird man der Stadt den Willen, soziale Härten abzufedern (um es modern auszudrücken), nicht absprechen wollen. Dabei sah sich die Reichsstadt in dieser Zeit mit einer wachsenden Zahl von Religionsflüchtlingen konfrontiert, die in der lutherischen Reichsstadt Zuflucht suchten. Nürnberg nahm viele von ihnen auf und unterstützte sie auch finanziell (Soden S. 44 f.).

Daß sich Nürnberg den von Einquartierungen belasteten Untertanen direkt zu helfen bemühte, war aber auch insofern eine kluge Maßnahme, als die Eingabe am Wiener Hof keine wirkliche Erleichterung brachte. Wallenstein beharrte ohnehin darauf, daß für seine Truppen kontribuiert wurde. Die andere, auch nicht geringe Belastung rührte von einquartierten Reitern des ligistischen Regiments Schönberg. Seit Ende 1628 hätten diese Truppen mehr als 88.000 Gulden gekostet, dazu wären noch Sachleistungen gekommen – so wiederum die Supplik an den Kaiser im August 1629. Doch auch auf dem Ligatag zu Mergentheim Ende 1629 wurden weiterhin Eingaben vorgebracht, die die Exzesse der ligistischen Reiterei bei Nürnberg beklagten (siehe Briefen und Akten, Bd. 2,5, S. 209 Anm.).

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/437

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Kurbayern und der Westfälische Friedenskongreß

Der Weg zum Frieden war bekanntermaßen ausgesprochen verschlungen; es dauerte lange Jahre, bis die Instrumenta pacis unterzeichnet und ratifiziert werden konnten. Entsprechend umfänglich ist das Aktenmaterial, das im Umfeld dieser Verhandlungen angefallen und überliefert ist. Neben den Acta Pacis Westphalicae hat es sich seit einigen Jahren auch die bayerische Landesgeschichte zur Aufgabe gemacht, die einschlägigen kurbayerischen Korrespondenzen zu publizieren. Auf diese Weise werden ergänzend zu den anderen Korrespondenzserien Einblicke in die Verhandlungsführung eines der einflußreichsten Reichsstände und wichtigsten Bündnispartners des Kaisers ermöglicht.

Nachdem bereits die Hauptinstruktionen von 1644 und ein erster Teilband für die Zeit von 1644 bis Juli 1645 veröffentlicht werden konnten, ist kürzlich der zweite Teilband erschienen. Er deckt den Zeitraum von August bis Ende November 1645 ab und versammelt reiches Material für die Phase unmittelbar vor dem Eintreffen des kaiserlichen Prinzipalgesandten Trauttmansdorff in Münster (erst mit ihm nahmen die Verhandlungen wirklich an Fahrt auf). Man mag im ersten Augenblick erstaunt sein, daß gerade diese Frühphase in dieser Edition so intensiv dokumentiert ist. Doch eben damit wird deutlich, wie sinnvoll es ist, neben den kaiserlichen, französischen und schwedischen Korrespondenzserien auch die kurbayerische Sicht der Dinge aufzuarbeiten.

Verhandlungsführer für Kurbayern waren die Gesandten Georg Christoph Freiherr von Haslang und Dr. Johann Adolf Krebs, die ihr Prinzipal Maximilian von Bayern in gewohnter Weise zu einer intensiven Korrespondenz anhielt, um über die Vorgänge in Münster genau im Bilde zu sein; komplementär dazu versorgte der Kurfürst seine Gesandten seinerseits mit Informationen und noch mehr Anweisungen.

Letztere bezogen sich auch auf Rangfragen und die Problematik der Präzedenz – kein Wunder, wurden doch gerade in der Frühphase des Friedenskongresses erste Koordinaten für die jeweiligen Ansprüche und ihre Realisierung gesetzt. Für Kurbayern war dies in erster Linie die Frage der Kurwürde, die bekanntermaßen im Zentrum der Kriegsziele Maximilians stand. Klar war auf kurbayerischer Seite, daß eine Alternation der Kurwürde in keinem Fall zu akzeptieren war; gerade die schlechten Erfahrungen, die die bayerischen Herzöge mit der Regelung des Vertrags von Pavia gemacht hatten, ließen Maximilian darauf dringen, daß seiner Linie die Kurwürde dauerhaft zugesprochen werden würde.

In den Korrespondenzen schlugen sich auch die parallel zu den Verhandlungen weiterlaufenden Kriegsereignisse nieder. Für den genannten Zeitraum war dies vor allem die Schlacht bei Alerheim, in der mit dem kurbayerischen General Capo Franz von Mercy einer der talentiertesten Militärs dieser Jahre fiel. Die Bedeutung dieses Verlustes war sofort klar und schlug sich in den Korrespondenzen entsprechend nieder.

Wer den Griff nach der umfänglichen Edition scheut, mag sich zunächst in dem Beitrag orientieren, in dem Gabriele Greindl den aktuellen Korrespondenzband vorstellt: Die diplomatische Korrespondenz Kurbayerns beim Westfälischen Friedenskongress, in: Wittelsbacher-Studien. Festgabe für Herzog Franz von Bayern zum 80. Geburtstag, hrsg.von Alois Schmid und Hermann Rumschöttel, München 2013, S. 417-440.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/434

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Der Söldner Michael Burchardt

Der Werdegang von einfachen Söldnern hat von je her besondere Aufmerksamkeit erregt. Erhofft man sich hier doch konkreten Aufschluß darüber, wie die sog. kleinen Leute den Krieg erlebten. Der prominenteste einfache Söldner ist ohne Zweifel Peter Hagendorf, dessen Schicksal durch sein Tagebuch bekannt geworden ist. Von Michael Burchardt ist zwar kein Selbstzeugnis überliefert, doch aus Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert läßt sich sein Schicksal in Umrissen rekonstruieren.

Geboren im Jahr 1599 zog es ihn offenbar schon in den ersten Kriegsjahren zum Militär. Über seine Konfession erfahren wir explizit nichts, doch als Sohn des Stadtrichters von Jena hing er sicherlich der lutherischen Konfession an. Gleichwohl entschied er sich offenbar bewußt für den Kriegsdienst in der Armee der Katholischen Liga. Hier diente er im Leibregiment Tillys, wurde in einer der Kompagnien Quartiermeister. Er nahm an der Belagerung Magdeburgs teil, kurz darauf quittierte er den Dienst. Dies angeblich aus persönlichen Gründen, doch bald schon nahm er Kriegsdienste beim Herzog von Weimar für Gustav Adolf von Schweden an. Unter Banér kämpfte er dann bei Wittstock mit so großem Einsatz, daß man ihm anbot, Oberstleutnant zu werden. Aus nicht bekannten Gründen lehnte er ab, und im Jahr 1638 schied er endgültig aus dem Kriegsdienst aus.

Wir wissen zu wenig über ihn, um die Beweggründe für bestimmte Entscheidungen zu erkennen. Warum er überhaupt in den Krieg zog, ist nicht klar. Der Hinweis auf „in ihm steckendes Soldatenblut“ ist wohl eher dem Zeitgeist von 1939 geschuldet, als eine knappe biographische Skizze über Michael Burchardt erschien. Immerhin nahmen auch Michaels ältere Brüder Kriegsdienste an. Daß sein Bruder Samuel ihn zunächst in seiner Kompagnie unterbrachte, ist ein gutes Beispiel für die verwandtschaftlichen Verflechtungen im Militär – beileibe kein Einzelfall, wie es sich auch bei Jan von Werth nachvollziehen läßt, in dessen Windschatten und unter dessen Protektion einige seiner Brüder Kriegsdienste leisteten.

Ob Burchardt wirklich die Armee des Kaisers nur verließ, weil sein Vater auf den Tod erkrankt war, möchte ich mit einem Fragezeichen versehen. Denn er taucht doch sehr schnell wieder als Soldat auf, nur eben auf der Seite Gustav Adolfs: Ob er nicht doch der Faszination des „Löwen aus Mitternacht“ erlegen war und nun lieber für die protestantische Sache streiten wollte? Wenn ja, verflog diese Begeisterung in den Folgejahren. Denn einer militärischen Karriere verweigerte er sich, wurde eben nicht Oberstleutnant, sondern Bürger in Salzwedel, wo er eine Familie gründete und noch bis 1671 lebte. So besehen stellt Burchardt eine Instanz für die Söldner dar, die durch den Kriegsdienst keineswegs entwurzelt wurden; vielmehr stellten die Jahre im Militär nur eine Episode in seinem Leben dar und mündeten sehr bewußt in eine zivile Existenz.

Eine knappe Skizze zu Burchardt wurde von Ernst Otto Wentz in den Jahresberichten des Altmärkischen Vereins für vaterländische Geschichte zu Salzwedel, Bd. 53 (1939), S. 24-27, veröffentlicht. Die Jahresberichte übrigens hat der Verein dankenswerterweise komplett auf seiner Homepage als PDF frei zugänglich gemacht.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/430

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Die Politik Ferdinands II.

Kaiser Ferdinand II. hat es noch nie leicht gehabt: weder zu Lebzeiten, als er sich in den Kriegswirren zu behaupten hatte, noch nach seinem Tod, als die Historikerschaft ihn eher negativ beurteilt hat. Es entstand das Bild eines schwachen, zaudernden, sich allzu sehr von seinen Ratgebern, zumal den Geistlichen, abhängig machenden Monarchen, der in seiner Bigotterie das gesunde Maß für eine realistische Politik verloren habe. Mit der Politik des Kaisers hat sich jüngst Thomas Brockmann in seiner 2011 erschienenen Habilitationsschrift auseinandergesetzt.

Meine Meinung zu diesem Buch habe ich in einer Besprechung dargelegt, die gerade erschienen ist: ZHF 40 (2013), S. 720-722 (Eine weitere Besprechung liegt noch von Johannes Arndt vor.). Daß ich diese Arbeit sehr schätze, wird hoffentlich deutlich. Und mein positives Votum will ich auch durch die geäußerte Kritik nicht geschmälert wissen. Ja, ich finde es schade, daß die Studie um 1630 abbricht und nicht mehr die Phase des Schwedischen Kriegs miteinbezieht, in der sich die kaiserliche Politik angesichts der schweren militärischen Krisensituation neu ausrichten mußte. Doch relativiert dies nicht die analytische Leistung dieser Arbeit insgesamt.

Mir gefällt einfach der sehr ruhige und wägende Ton, mit dem eine komplexe archivalische Situation ausgewertet und eine lange Forschungstradition gewichtet wird, so daß am Ende historische Einschätzungen zustande kommen, die mindestens sehr erwägenswert sind. Ich sage dies sehr bewußt so, weil Brockmann in der Beurteilung mancher Sachverhalte durchaus zu anderen Ergebnissen gekommen ist als ich in meiner Dissertation (etwa bei einigen Aspekten bezüglich des Regensburger Kurfürstentags von 1630). Diese divergenten Ansichten anzunehmen, fällt aber deswegen umso leichter, als in dieser Studie stets erkennbar wird, daß der Autor sehr skrupulös gearbeitet und es sich wahrlich nicht einfach gemacht hat.

Handelt es sich nun um die abschließende Ferdinand-Biographie? Die Studie ist nicht als Biographie angelegt, auch wenn sie wesentliche Züge dieses Monarchen erhellt. Auch die Lücke für die Jahre 1631 bis 1637 fungiert hier als Vorbehalt, insofern die letzten Lebensjahre eben nicht berücksichtigt werden. Gleichwohl setzt Brockmann mit seiner Arbeit Maßstäbe, und man kann davon ausgehen, daß hier Anregungen geboten und vielleicht auch Reizpunkte gesetzt sind, die eine weitere Erforschung dieses Kaisers stimulieren.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/426

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Zum Hofstaat Tillys, II: Versorgungsfragen

Noch einmal zum Hofstaat, also dem Gefolge und der engeren Umgebung Tillys. Zwar bin ich, was die Identifizierung der in dem „Verzeichnus“ von 1623 genannten Personen angeht, zuletzt doch sehr schnell an Grenzen gestoßen. Und doch lassen sich noch einige weitere Erkenntnisse aus den in diesem Dokument gemachten Angaben ableiten. Dies bezieht sich vor allem auf die Art und Weise, wie die Versorgung des Tillyschen Gefolges organisiert wurde.

Aufschlußreich sind in diesem Verzeichnis nämlich die Angaben zu den Leistungen, die die genannten Personen beziehen sollten. So sollte Kriegskommissar Lerchenfeld 20 Pfund Brot und 15 Pfund Fleisch erhalten, dazu 4 Maß Wein und 16 Maß Bier – wohlgemerkt „yedes tags“! Sein Kollege Leiningen mußte mit 10 Pfund Brot und 6 Pfund Fleisch auskommen sowie mit 6 Maß Wein und 10 Maß Bier. Nach diesen Angaben könnte man auf den Gedanken kommen, daß im Gefolge Tillys ausufernde Gelage an der Tagesordnung waren.

Das dem so war, erscheint mir aber nicht sehr plausibel. Denn man wird davon ausgehen müssen, daß hinter den Namen Lerchenfeld und Leiningen nicht nur die genannten, sondern noch deutlich mehr Personen standen: eine ganze Schar an Bediensteten, vom Leibdiener über den Pferdeknecht bis hin zu Schreibern. Einen Hinweis darauf findet sich bei Lerchenfeld, dem auch noch die Versorgung von 12 Pferden zugestanden wird; bei Leiningen sind es acht Pferde: Das muß nicht bedeuten, daß Lerchenfeld elf und Leiningen sieben Bedienstete hatte. Denn hier wird man auch einige Ersatz- und Lasttiere einrechnen müssen – aber eben doch auch weiteres Personal, das den Kriegskommissaren zugearbeitet hat. Und genauso wird man auch die anderen Angaben auflösen müssen, die für die übrigens Personen ähnlich großzügige Tagesportionen beigemessen haben.

Die Tagesrationen gingen übrigens noch weiter. Für Lerchenfeld – bzw. „Lerchenfeld“, insofern wir jetzt davon ausgehen, daß hinter dem Namen noch ein paar Personen mehr stehen – waren zudem noch zwei Hennen pro Tag vorgesehen sowie ein halbes Kalb oder Schaf. Ähnliche Angaben gab es nicht bei allen anderen, aber eben doch bei einigen: Hier wird man eine gewisse Differenzierung erkennen wollen, die auch standesgemäße Unterschiede reflektierte. So hatten offenbar die Kommissare einen Status, der ihnen diese weiteren Leistungen zugestand; der Apotheker und Feldscherer hingegen bekamen diese zusätzlichen Vergütungen nicht.

Am Ende noch einmal die Frage, ob dies tatsächlich realistische Rationen waren, die von den Empfängern tagaus, tagein vertilgt wurden. Ich vermag es offen gestanden nicht wirklich einzuschätzen. Zu bedenken ist aber, daß es sich hier womöglich um Leistungen handelte, die nicht unbedingt zur tatsächlichen Konsumtion angesetzt waren. Nicht unüblich war es, solche Verpflegungsleistungen in sog. Ordonnanzen pauschal festzusetzen, die dann aber entweder in bar abzugelten waren oder von den Militärs weiterverkauft oder getauscht wurden. Wie auch immer, für die Dörfer, die hier das einquartierte Tillysche Gefolge zu versorgen hatten, bedeuteten diese täglich anfallenden Versorgungsgüter eine nicht zu unterschätzende Last – gerade auch vor dem Hintergrund, daß diese Leistungen nicht nur ein paar Tage, sondern mitunter wochen- und monatelang aufzubringen waren.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/410

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Zu den Blogawards 2014 – in eigener Sache

Es ist ja oft so: Kaum taucht man mal ab, passiert prompt etwas, was einen selbst betrifft, wovon man aber erst als letzter erfährt. Da hat das dk-blog in der Jurywertung also „sich victorios erzaiget vnndt gleichsamb das feldt erhallten“ – so hätte es wahrscheinlich eine Meldung in einer Zeitung (damals ein furchtbar neumodisches und oft kritisiertes Medium) in den Jahren des Dreißigjährigen Kriegs formuliert. Zurück in der Welt sah ich dann also die verschiedenen Nachrichten zu den Blogawards 2014, fühlte mich geehrt und freute mich sehr!

Nun tut Lob immer gut, und zu gewinnen ist auch immer schön. Aber ein paar Gedanken mache ich mir schon, hervorgerufen vor allem durch die Begründung der Jury. Nein, mir geht es jetzt gar nicht darum, meinerseits die Arbeit der Jury zu bewerten. Vielmehr ist aufschlußreich, was anderen am dk-blog auffällt. Es geht also um die mögliche Diskrepanz zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung.

Wenn nun von der Jury die „regelmäßige Frequenz“ als charakteristisch hervorgehoben wird, freut mich das. Das ist für mich selbst ein wichtiger Aspekt des Bloggens. Turnusmäßig einen Text zu verfertigen, ist ein zentraler Antrieb, weil er etwas wundervoll Disziplinierendes hat. Machen wir uns nichts vor: Wissenschaftliches Schreiben ist anstrengend. Immer wieder muß man den inneren Schweinehund überwinden, muß man sich auch zwingen, einen Text fertigzustellen, der dann so beschaffen sein soll, daß man ihn freischalten kann. Wenn also ein Dienstag naht, ein dk-blog-Tag also, gibt es kein Zurück mehr, dann muß ich liefern.

Weiterhin heißt es, daß im dk-blog die „Gattung der Quellenmiszelle […] auf überzeugende Weise wiederbelebt“ werde. Ja, auch darin kann ich mich sehr wohl wiederfinden. Ich frage mich ohnehin, ob nicht das Blog-Format – zumindest so, wie ich es verstehe – das in heutigen Zeiten angemessene Medium für eine Miszelle darstellt. In dem Fall hätte also dieses klassische wissenschaftliche Genre in der digitalen Welt seine neue Heimstatt gefunden. Wobei nicht alles so bleibt, wie es mal war. Denn für die Kleinform der Miszelle versage ich mir die Fußnote. Die paar anfallenden Nachweise setze ich lieber in Klammern oder arbeite mit hyperlinks; bei einem so überschaubaren Textumfang möchte ich jedenfalls die zweite Ebene eines Anmerkungsapparates vermeiden. Sollte dies doch nötig sein, dann rutscht der Text aus der Miszellen-Welt in die des Aufsatzes. So zumindest meine derzeitige Auffassung und Schreibpraxis.

Zeigt sich hierin die „Lust an neuen Vermittlungsformen“, wie sie dem Blog auch attestiert wurde? Da bin ich mir unsicher, wie ich mir ohnehin nicht wirklich klar darüber bin, was im dk-blog wirklich neu ist. In eigener Wahrnehmung bleibt viel Luft nach oben, wobei dies mitunter auch daran liegt, daß ich verschiedene Features nicht anwende, weil ich sie nicht benötige oder der Mehrwert mir (noch?) nicht so richtig einleuchtet. Insofern ist das Urteil, daß es sich um „das vielleicht originellste“ Blog handelt, für mich ein Hinweis, dass die Jury wohl auch andere Blogs hätte küren können, die hinsichtlich Arbeitsorganisation, angewandter Gadgets oder behandelter Themen wirklich sehr explorativ sind. Ich kann da nur staunen und mich selbst inspirieren lassen. Und die dicht gestaffelten weiteren Plätze verweisen darauf, daß die Qualität gerade an der Spitze wirklich hoch ist. Für mich übrigens ein wichtiger Befund, denn es ist schön zu wissen, daß man sich in einem wissenschaftlich gut aufgestellten Umfeld bewegt.

Am Ende zählt aber einfach, daß es gelingt, einen inhaltlich wie sprachlich überzeugenden Text zu verfertigen. Einmal pro Woche, das ist die Herausforderung. Um das weiterhin hinzubekommen, nehme ich die Schubkraft, die so ein Blogaward mit sich bringt, sehr gerne an! Schönen Dank also für die Auszeichnung!

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/418

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Zum Hofstaat Tillys, I: Personalia

Tilly führte Krieg für den Kaiser und die Katholische Liga. Nur er allein? Oder hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Wir wissen es gar nicht so genau, wollen es ihm aber gerne gönnen. Wer das engere Umfeld des Generalleutnants bildete, dazu wird man Aufschluß aus einer Aufstellung des sog. „Hofstaats“ erwarten können, der im November 1623 im Gebiet um Fulda Quartier nahm.

Der Begriff des Hofstaats entstammt dem Brief, in dem der Generalleutnant dem Fuldaer Fürstabt die Notwendigkeit der Quartiernahme erläuterte. „Hofstaat“ mag insofern irritieren, als er die Vorstellung eines staatlichen, womöglich repräsentativen Gefolges befördert. Davon wird kaum die Rede sein können. Vielmehr handelte es sich hauptsächlich um Angehörige der Militärverwaltung, die dem Generalleutnant zuarbeiteten. Die Auflistung dieser Personen ist hier einfach nur als „Verzaichnus“ deklariert und stellt die Beilage zum obengenannten Brief dar (Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen A 10, Bd.2 Manuskripte II, Bd. 93: Fürstabtei Fulda fol. 184-185‘). Erläutert wird das Verzeichnis als eines „Der Jenigen Persohnen vnnd officiern, so von Fr. Fuldischen Dorffschafften sollen vnndterhalten werden.“ Im Weiteren werden dann die einzelnen Namen genannt sowie die Leistungen, die von den Dörfern täglich zu erbringen waren.

An erster Stelle steht „Commissar[i] von Lerchenfeldt“. Bei ihm handelt es sich um den Christoph von Lerchenfeld, der als Kriegskommissar im Heer der Katholischen Liga fungierte. Er war schon früh zum Generalkommissar aufgestiegen (wann genau, kann ich nicht festmachen) und zählte mit Hans Christoph von Ruepp zu den engsten Mitarbeitern Tillys. Seltsam, daß Ruepp hier gar nicht auftaucht. An seiner statt taucht vielmehr ein gewisser „Laininger“ auf. Auch er ist als Kriegskommissar Leiningen nachgewiesen, ist aber ein deutlich blasserer Name (siehe Briefe u.Akten, Bd. 2,2 [1625]: S. 16, Z.30; S. 64, Z. 20; S. 130, Z. 39). Vorher genannt ist noch der Generalprofoß, also der oberste Träger der Polizeigewalt in der Armee – allerdings ist hier nur das Amt angeführt ohne Namensnennung.

Weiter taucht ein Freiherr von Wolkenstein auf. Der Name läßt aufhorchen, denn die Familie spielte damals in Bayern eine wichtige Rolle. Bekannt ist vor allem Paul Andreas von Wolkenstein, der Geheimer Rat war. Ihn wird man aber nicht im Feldlager vermuten dürfen. Wahrscheinlich handelt es sich hier eher um Mathias Meinrad von Wolkenstein, der noch 1625 in ligistischen Diensten nachgewiesen ist (Briefe u.Akten, Bd. 2,2: S. 228 Anm. 1).

Als Gruppe zusammengefaßt werden dann folgende Namen genannt: Mons. Tserclaes, Champagne, La Ramé, Geraldin und Merzenich. Ersterer ist sicherlich nicht Tilly selbst, sondern muß ein Verwandter sein. Die anderen Namen kann ich derzeit nicht weiter identifizieren. Ebenso wenig einen „Mons. Tamison“. Ohne Namen angeführt sind wiederum der Apotheker und der Feldscherer. Am Ende taucht ein „Haubtman Eroltzhaimern“ auf, danach „dessen Leittenambt vnd Fendrich“. Erstmals sind hier militärische Chargen angesprochen – ob es sich um Soldaten von Tillys Leibkompagnie handelt? Einordnen kann ich all diese Namen leider nicht.

Und so bleibt an der Stelle ein deutlich unbefriedigender Eindruck: Man hat einen ersten, wenn auch nur schemenhaften Eindruck davon, wer zum engeren Umfeld des Feldherrn der Katholischen Liga gehört. Denn dieses eine Dokument wirft mehr Fragen auf, als daß es welche beantwortet: Funktionen und auch das jeweilige Verhältnis zum Generalleutnant bleiben ungenannt. Dies ist um so bedauerlicher, als zu Tillys Gefolge definitiv ein Beichtvater, vor allem aber auch Kanzlisten gehörten, denn der Feldherr führte eine intensive Korrespondenz mit allen möglichen Potentaten und Reichsständen, von Kurfürst Maximilian einmal ganz abgesehen. Von diesen Leuten ist hier niemand nachzuweisen. Sicher wird man in einigen Punkten weiterkommen, wenn man weitere Materialien dazu sondiert; allerdings wird dies eine ausgesprochen mühselige Recherche sein. Und so bleibt die oben gestellte Frage, wer Tilly eigentlich im Feld begleitete, deutlich schwieriger, als zunächst angenommen.

Quelle: http://dkblog.hypotheses.org/408

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