Was ist ein Wissenschaftsblog? Abstract des Vortrags von Cornelius Puschmann

Was ist ein Wissenschaftsblog? Form, Funktion und Ökonomie einer emergenten Kommunikationsform. Abstract des Vortrags von Cornelius Puschmann auf der Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur” am 9. März 2012 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München.

Abstract

Weblogs existieren seit den späten 1990er Jahren, wo sie zunächst als einfache Linklisten genutzt wurden, durch die ihre Eigentümer Hinweise auf interessante Seiten im noch überschaubaren World Wide Web miteinander austauschten. Inzwischen hat sich das einfach bedienbare Publikationswerkzeug von einem subkulturellen Phänomen zu einer alltäglichen Technologie gewandelt, die ihren subkulturellen Anstrich weitgehend verloren hat. Blogs werden von einer Vielzahl von Akteuren zu einer großen Bandbreite von Themen rezipiert und geschrieben, vom Politik- über das Restaurant- bis zum Modeblog. Institutionen und Unternehmen personalisieren durch Blogs ihre Kommunikation mit Partnern und Kunden, während Privatpersonen sie alternativ als persönliche Kommunikationsplattform, als Werkzeug des Wissensmanagements, oder als Raum für private Reflexionen interpretieren.

Wissenschaftliche Blogs sind ein vergleichsweise junges Phänomen, welches sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beschreiben lässt (siehe u.a. Bonetta, 2007; Kjellberg, 2010). Zum einen konkurrieren Blogs zumindest potenziell mit traditionellen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monographien, in denen üblicherweise die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung vorgestellt werden. Zum anderen ergänzen sie aber auch eher informelle Kommunikationskanäle wie etwa E-Mail, Mailinglisten und soziale Netzwerke, die Wissenschaftler ebenfalls berufsbezogen nutzen, welche aber zumeist eher dem fachinternen Austausch und der Vernetzung dienen (vgl. Borgman, 2007, S.47). Neben unterschiedlichen Nutzungsansätzen unter Karrierewissenschaftlern spielen Blogs aber auch bei der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Wissenschaft durch ein breites Spektrum weiterer Akteure eine Rolle, etwa für Journalisten, Studenten, interessierte Laien und Personen in wissenschaftsnahen Berufen, die ebenfalls zu wissenschaftlichen Themen und mit wissenschaftlichem Anspruch schreiben, kommentieren und diskutieren.

In meinem Vortrag werde ich eine grobe Typologie verschiedener Wissenschaftsblogs vorstellen und zugleich das Spannungsfeld zwischen institutionalisierter Wissenschaft und den in ihr akzeptierten Publikationsformen einerseits und dem partizipativen Anspruch von Blogs andererseits beschreiben.

Blood, R. (2000). Weblogs: A history and perspective. Rebecca’s Pocket. Abgerufen von http://www.rebeccablood.net/essays/weblog_history.html

Borgman, C. (2007). Scholarship in the digital age: Information, infrastructure, and the Internet. Cambridge, MA: MIT Press.

Bonetta, L. (2007). Scientists Enter the Blogosphere. Cell, 129(3), p. 443-445.

Kjellberg, S. (2010). I am a Blogging Researcher: Motivations for Blogging in a Scholarly Context. First Monday, 15(8). Abgerufen von http://firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/2962/2580

 

Cornelius Puschmann

Dr. Cornelius Puschmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informations- und Bibliothekswissenschaften der Humboldt Universität zu Berlin (IBI)  und Projektmitarbeiter am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG). Er beschäftigt sich primär mit computervermittelter Kommunikation aus sprach- und informationswissenschaftlicher Sicht, und mit den Auswirkungen des Internets auf die wissenschaftliche Kommunikation. Sein Blog: http://blog.ynada.com, Twitter: @coffee001

 

Zum Programm der Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” http://redaktionsblog.hypotheses.org/136

Tweets zur Tagung unter @dehypotheses / Hashtag: dhiha4

Quelle: http://redaktionsblog.hypotheses.org/208

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Planned Obsolescence: Kathleen Fitzpatrick über wissenschaftliches Bloggen

Ende 2011 ist Kathleen Fitzpatricks neues Buch über die Gegenwart und Zukunft des akademischen und insbesondere geisteswissenschaftlichen Publikationswesens im Zeitalter der digitalen Medien erschienen, mit dem Titel Planned Obsolescence: Publishing, Technology, and the Future of the Academy (NYU Press, 2011). Da die Autorin zu den aktivsten Vertretern von neuen, offenen, Publikationsformen in den Geisteswissenschaften gehört, und weil es in dem Buch unter anderem um die Rolle und Bedeutung des wissenschaftlichen Bloggens geht, möchte ich hier zunächst eine kleinen Überblick über das Buch geben und mich dann der Frage widmen, was Fitzpatrick über das wissenschaftliche Bloggen sagt.

Das Buch ist die überarbeitete, gedruckte Version eines Publikationsprojekts und Experiments mit offenem, kommunikativem wissenschaftlichen Schreiben, das Fitzpatrick auf der Plattform CommentPress des Institute for the Future of the Book in den vergangenen Jahren durchgeführt hat (Planned Obscolescence). Dort hat sie das in Arbeit befindliche Manuskripts kapitelweise veröffentlicht: Leser konnten Kommentare hinterlassen, die Autorin konnte darauf antworten und das Ergebnis dieser Diskussionen in eine neue Version des Kapitels einfließen lassen.

Das Ergebnis kann sich lesen lassen. Kathleen Fitzpatrick blickt in jedem der fünf Hauptkapitel des Buches auf einen anderen Aspekt ihres Themas und untersucht jeweils, welchen Veränderungen akademisches Schreiben in diesem Bereich unterworfen ist: sie beginnt mit einem Kapitel zum “peer review”, wo sie für ein Verfahren plädiert, das zugleich “post-publication” und wirklich “peer-to-peer” wäre, und die beiden Funktionen von wissenschaftlichem Schreiben, die Kommunikation und die Reputationsbildung, berücksichtigt. Sie geht dann weiter zu Problematiken rund um das Konzept der Autorschaft und diskutiert unter andere, inwiefern der proklamierte Tod des Autors in den Geisteswissenschaften Realität ist oder sein kann. Anschließend analysiert die Autorin, wie sich der Text selbst im digitalen Medium verändert und geht vor allem der Frage nach, welche Konsequenzen neue Textstrukturen und -repositorien auch für die Interaktionen zwischen Autoren und Lesern haben. Darauf folgt ein Kapitel über die Frage der Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen, das vor allem Standards und Metadaten behandelt. Fitzpatrick schließt mit einem Kapitel ab, das sich den Institutionen zuwendet, in denen die drei bis dahin beschriebenen Konzepte und Praktiken funktionieren, insbesondere also der Rolle von “university presses” und wissenschaftlichen Bibliotheken im Bereich der geisteswissenschaftlichen Forschungspublikation.

Es geht Fitzpatrick dabei weniger (oder zumindest nicht in erster Linie) darum, eine direkte Determination der Schreibpraxis und ihrer Bedingungen durch das Technische zu konstatieren. Vielmehr liegt dem Buch die Einsicht zugrunde, dass einige der etablierten, im Zeitalter des Buchdrucks entstandene Mechanismen nicht mehr zufriedenstellend funktionieren (man denke nur an das Zeitschriftenwesen) und dass digitale Publikationsformen einen möglichen Ausweg für drängende Probleme sein können, unter der Voraussetzung allerdings dass wir sie auch bewußt in sinnvoller und zielgerichteter Weise gestalten und dabei nicht außer Acht lassen, dass es zugleich gilt, unsere Einstellungen und Institutionen zu verändern.

Was hat Kathleen Fitzpatrick nun speziell zum wissenschaftlichen Bloggen zu sagen? Als drei Kernmerkmale von Blogs nennt Fitzpatrick, die für sie die erste und erfolgreichste neue Form wissenschaftlichen Publizierens sind, dass sie “commenting, linking, and versioning” (S. 67) ermöglichen, drei Merkmale die alle den eigentlich immer schon vorhandenen, interaktiven, netzwerkhaften und prozessualen Charakter wissenschaftlichen Schreibens zu realisieren erlauben, der Fitzpatrick besonders wichtig ist (wobei die Versionierung doch vor allem Wikis auszeichnet und nur selten, und recht primitiv, in Blogs realisiert ist). Konkrete Vorteile des Bloggens für Forscher sieht sie außerdem vor allem darin, dass das Bloggen gewissermaßen die Finger lockert für andere Schreibaktivitäten, dass man seine im Blog formulierten Ideen durch das Feedback tatsächlich weiter und tiefer verfolgen kann, und dass man schon während des Forschungsprozesses ein interessiertes Publikum erreicht oder für sich aufbauen kann.

Zentral und grundsätzlich scheint mir an Fitzpatrick Plaidoyer für das Bloggen zu sein, dass sie Wissenschaft als im Kern kommunikativ,  interaktiv und prozesshaft definiert – es geht darum, dass Wissen, Ideen und Texte frei zirkulieren können, diskutiert werden können, dadurch weiterentwickelt werden und zugleich ihr Publikum erreichen (S. 100). In dieser Perspektive ist der Blog natürlich ein ideales Medium, in dem man schnell, unkompliziert, offen und interaktiv publizieren kann. Fitzpatrick gibt selbst gerne zu, dass all dies eher für Kurzformen gilt und dass für die wissenschaftlichen Langformen noch keine vergleichbar elegante digitale Form existiert (S. 109-110).

Und so ist es wohl zumindest aktuell noch nicht nur meinem eigenen Verhaftetbleiben in der Printkultur zuzuschreiben, dass ich Fitzpatricks Ideen nicht auf ihrem Blog, sondern in Buchform und in extenso gelesen habe, wobei es mir allerdings ständig in den Fingern kribbelte, um den vielen Verweisen auf Projekte und Referenzen online weiter nachzugehen. Und die Konversation rund um das Buch findet ja, auch hier zum Beispiel, selbstverständlich wieder im Netz statt, ganz im Sinne Fitzpatricks.

Quelle: http://redaktionsblog.hypotheses.org/193

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Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” am 9.3.2012

Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur. Tagung des Deutschen Historischen Instituts Paris und des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Start des Blogportals de.hypotheses.org (Digital Humanities am DHIP #4) . Mit finanzieller Unterstützung von L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung und der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA).

Wissenschaftliches Bloggen bietet ein großes Potential für die schnelle Verbreitung und Diskussion aktueller Forschungsinhalte. Im deutschsprachigen Raum und speziell in den Geisteswissenschaften wird dies noch viel zu wenig erkannt und genutzt. Mit dem Aufbau eines deutschsprachigen Blogportals für die Geisteswissenschaften – http://de.hypotheses.org – soll diese Form der wissenschaftlichen Kommunikation nun stärker verbreitet werden. Das Portal stellt einen kostenlosen Service zur Verfügung, der das Eröffnen von Wissenschaftsblogs in allen Disziplinen der Humanities erleichtert, diese unter einem Dach versammelt und für eine größere Sichtbarkeit wie auch für die Archivierung der Inhalte sorgt. Die Tagung begleitet den offiziellen Online-Gang von de.hypotheses.org. Neben einer Bestandsaufnahme zum aktuellen Stand des geisteswissenschaftlichen Bloggens in Deutschland und der Vorstellung einzelner Beispiele ist ein Blick über den Tellerrand auf die Blogkultur anderer Länder und anderer Disziplinen geplant. Dabei stehen Fragen der Zielsetzung, Akzeptanz, Anerkennung und die Stilformen dieser Art der Publikation im Mittelpunkt, ebenso wie Qualitätssicherung, Themenfindung und der Umgang mit Kommentaren. Die Tagung will nicht nur Anregungen für das eigene wissenschaftliche Bloggen bieten, sondern auch der Frage nachgehen, inwiefern wir derzeit das Entstehen einer neuen Forschungskultur erleben.     Programm Ab 9h00: Empfang der Teilnehmerinnen und Teilnehmer 9h30 Begrüßung und Einleitung Prof. Dr. Gudrun Gersmann (DHIP), Prof. Dr. Hubertus Kohle (Institut für Kunstgeschichte, LMU) I. Wissenschaftsblogs als angewandte Forschung: Wo stehen wir? Moderation: Dr. Michael Kaiser (Stiftung Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland DGIA) 9h45 Dr. Cornelius Puschmann (Humboldt Universität zu Berlin/Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft) Was ist ein Wissenschaftsblog? Form, Funktion und Ökonomie einer emergenten Kommunikationsform 10h15 Dr. Melissa Terras (University College London) Whispers into the Void: Personal Reflections on Academic Blogging 10h45 Kaffeepause II. Andere Länder, andere Disziplinen, neue Portale Moderation: Prof. Dr. Claudine Moulin (Trier Center for Digital Humanities) 11h15 Marc Scheloske (Wissenswerkstatt) Wege aus der Nische: Was man von erfolgreichen (Natur-)Wissenschaftsblogs lernen kann 11h45 Dr. Aurélien Berra (Universität Paris-Ouest) News from the Hyposphere. Scholarly Blogging in France 12h15 Dr. Mareike König (DHIP) de.hypotheses.org – ein Blogportal für die deutschsprachigen Geisteswissenschaften 13h00 Mittagspause III. Themen, Praxis und Beispiele geisteswissenschaftlicher Blogs Moderation: Dr. Jürgen Danyel (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) 14h00 Ass.Prof. Dr. Eva Pfanzelter (Universität Innsbruck) Blogging the Holocaust 14h30 Dr. Klaus Graf (RWTH Aachen) Wissenschaftsbloggen in Archivalia & Co. 15h00 Georgios Chatzoudis (Gerda Henkel Stiftung) Wissenskommunikation im Netz: Interaktivität als Herausforderung am Beispiel von „L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung“ 15h30 Kaffeepause IV. Ausblicke für die geisteswissenschaftliche Blogosphäre Moderation: Gregor Horstkemper (BSB München) 16h00 Prof. Dr. Hubertus Kohle (Ludwig-Maximilians-Universität München) Open Peer Review: eine Möglichkeit zur Qualitätssicherung bei Wissenschaftsblogs? 16h30 PD Dr. Peter Haber (Universität Basel) Aufbruch in eine neue Wissenschaftskultur? Wohin treibt die wissenschaftliche Blogosphäre? 17h00 Abschlussdiskussion Moderation: Prof. Dr. Hubertus Kohle (Ludwig-Maximilians-Universität München) 17h30 Ende der Veranstaltung Tagungsort (ACHTUNG, am 20.1.2012 geändert!) Internationales Begegnungszentrum der Wissenschaft e.V. Amalienstraße 38 80799 München Bayerische Akademie der Wissenschaften Alfons-Goppel-Str. 11 80539 München Lageplan.pdf Anmeldung Deutsches Historisches Institut Paris Frau Inger Brandt ibrandt@dhi-paris.fr Die Vorstellung der Vortragenden und ihrer Kurzabstracts erfolgt hier auf dem Redaktionsblog. http://redaktionsblog.hypotheses.org Tagung des Deutschen Historischen Instituts Paris und des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Start des Blogportals de.hypotheses.org (Digital Humanities am DHIP #4). Mit finanzieller Unterstützung von L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung und der Stiftung Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland (DGIA).

Quelle: http://redaktionsblog.hypotheses.org/136

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Schadet Wissenschaftskommunikation und Medienpräsenz der akademischen Karriere?

http://www.scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2012/01/schadet-wissenschaftskommunikation-und-medienprasenz-der-akademischen-karriere.php Angestoßen von der These, dass junge Wissenschaftler sich nicht in Massenmedien gerieren sollen, ist die Frage generell zu diskutieren und weiterzuentwickeln: Ist bloggen schädlich für eine wissenschaftliche Karriere? Schadet frühes oder gar Studentisches Publizieren dem Ruf? Sollten sich Wissenschaftler davor hüten, Schriften bei Print-on-Demand Verlagen unterzubringen? Via blog.arthistoricum.net [06.01.2012]

Quelle: http://www.einsichten-online.de/2012/01/2331/

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Ein deutschsprachiges Blogportal für die Geisteswissenschaften: de.hypotheses.org

Wissenschaftliches Bloggen bietet ein großes Potential für die schnelle Publikation, Verbreitung und Diskussion aktueller Forschungsinhalte. Im deutschsprachigen Raum und speziell bei den Geisteswissenschaften wird das noch viel zu wenig erkannt und genutzt. Mit dem Aufbau eines deutschsprachigen Blogportals für die Geisteswissenschaften -  http://de.hypotheses.org -  soll diese Form der wissenschaftlichen Kommunikation nun stärker verbreitet werden. In Anlehnung an das französische Vorbild hypotheses.org wird ein Service eingerichtet, der das Eröffnen von Wissenschaftsblogs aus allen Disziplinen der Humanities erleichtert, diese unter einem Dach versammelt und für eine größere Sichtbarkeit wie auch für die Archivierung der Inhalte sorgt.

Entstanden ist die Idee vor dem Hintergrund des großen Erfolgs des französischsprachigen Blogportals hypotheses.org. Über 60 der derzeit 269 dort versammelten Blogs haben in diesem Sommer von der französischen Nationalbibliothek eine ISSN bekommen und können damit wie Zeitschriften in die Bibliothekskataloge aufgenommen werden[1]. Das Team von hypotheses.org um Marin Dacos und Pierre Mounier stellen die Infrastruktur für das deutschsprachige Portal kostenlos zur Verfügung, ganz im Sinne des Manifests der Digital Humanities, entstanden auf dem Pariser ThatCamp 2010, das Kollaboration in einer solidarischen, offenen, einladenden und frei zugänglichen Praxisgemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.

Folgt man dem französischen Beispiel, so sind Wissenschaftsblogs denkbar für Forschergruppen, begleitend zu Seminaren, über Projekte, Ausgrabungen, Zeitschriften oder um die Arbeit von Instituten und Einrichtungen zu präsentieren. Anmelden können sich Forschergruppen und Einzelforscher/innen der Geisteswissenschaften, die über eine universitäre oder institutionelle Anbindung verfügen und die regelmäßig über ihre aktuelle Forschungen schreiben möchten.

Die Blogs laufen auf WordPress. Das Portal ist derzeit in einer Betaversion. Anmeldungen zur Eröffnung eines Blogs oder zur Migration eines bereits bestehenden Blogs sind ab sofort möglich auf der Seite “Blog eröffnen“.

Ein wissenschaftlicher Beirat, bestehend aus Gudrun Gersmann, Peter Haber, Gregor Horstkemper, Martin Huber, Hubertus Kohle, Gerhard Lauer, Claudine Moulin und Eva Pfanzelter, begleitet das Projekt. Über die Auswahl der Beiträge für die Startseite des Blogportals entscheidet die wissenschaftliche Redaktion des Portals, zu der Klaus Graf, Jan Hodel, Eliane Kurmann, Lilian Landes, Enrico Natale, Cornelius Puschmann, Christof Schöch, Anton Tantner, Sacha Zala und ich gehören. Die Redaktion plant den Aufbau eines eigenen „Redaktionsblog“ rund um das Thema geisteswissenschaftliches Bloggen. Die Redaktion twittert ab sofort unter @dehypotheses.

Redaktion und Beirat sei an dieser Stelle für die große Hilfe gedankt, allen voran Peter Haber und Eva Pfanzelter, die bei der Ausarbeitung und Umsetzung des Projekts federführend waren, sowie Klaus Graf für seine wertvollen Hinweise u.a. rund um das Thema Impressum und Urheberrecht. Die technische Umsetzung liegt bei Frédérique Muscinési von hypotheses.org, der an dieser Stelle für ihren großen Einsatz ebenfalls ausdrücklich gedankt sei. Ein Dank geht auch an Miriam Kreis für die Übersetzungsarbeiten und an Gordon Blennemann für seine Hilfe in diesem Zusammenhang.

Am 9. März 2012 wird das Blogportal in München mit einer Tagung über das wissenschaftliche Bloggen, unterstützt durch L.I.S.A., das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung und das DHI Paris, offiziell an den Start gehen. Am Portal oder der Tagung Interessierte können sich an das DHI Paris wenden unter der Mailadresse blog [at] dhi-paris.fr.

 

Weitere Literatur

Peter Haber, Eine neue Plattform de.hypotheses.org, in: weblog.histnet, 30.11.2011 <http://weblog.hist.net/archives/6001>

Pierre Mounier, Die Werkstatt des Historikers öffnen: Soziale Medien und Wissenschaftsblogs, in: dhdhi.hypotheses.org, 4.11.2011 <http://dhdhi.hypotheses.org/591>

 

 

  1. Siehe dazu Mareike König, Blogging Tricolore. Geisteswissenschaftliche Blogs in Frankreich, in: Archivalia, 11.08.2011

Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/610

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Eine neue Plattform: de.hypotheses.org

Unter der Adresse hypotheses.org betreibt Pierre Mounier mit seinem Team seit einigen Jahren eine äusserst erfolgreiche Blog-Plattform für den französischsprachigen Raum. Rund 240 Blogs aus dem ganzen Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften sind unter dem Dach von hypotheses.org versammelt und profitieren vom Support und der Visibilität dieses Angebotes. Nun steht unter de.hypotheses.org die gleiche Infrastruktur [...]

Quelle: http://weblog.hist.net/archives/6001

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Die Werkstatt des Historikers öffnen: Soziale Medien und Wissenschaftsblogs

The shoemaker F. A. Sandell in his workshop.

The shoemaker F. A. Sandell in his workshop

Aus dem Französischen übersetzt von Inger Brandt und Mareike König.

In welcher Weise verändern die digitalen Technologien die Arbeitsbedingungen des Historikers? Bereits seit mehreren Jahrzehnten gibt es darauf Antworten. Die Erstellung quantitativer Datenbanken, die Digitalisierung wichtiger Quellen, die kartografische Darstellung und die Analyse sozialer Netzwerke mit IT-Werkzeugen sind dabei die ältesten und wichtigsten Meilensteine. Die Retrodigitalisierung und Online-Veröffentlichung akademischer Literatur der Disziplin, seien es Zeitschriften oder Bücher, stellen eine weitere Etappe in dieser Richtung dar. Die digitale Technologie hat bis heute zugleich den Werkzeugkasten des Historikers – um den schönen Ausdruck aus dem gleichnamigen Blog La Boite à Outil des Historien aufzugreifen – und seine Publikationsmöglichkeiten grundlegend verändert.

Einige berühmte Beispiele aus der Vergangenheit haben Historiker gelehrt, dass nicht immer eindeutig bestimmt werden kann, ab wann es Zeit ist, die „Revolution zu beenden“. Revolutionäre Phänomene nähren sich mitunter selbst. Man kann daher von einer „permanenten Revolution“[1] sprechen, wie es der Soziologe Philippe Breton mit Blick auf das Internet tut. Es sind heute also die neuen Werkzeuge und vor allem die neuen Praktiken der vernetzten Kommunikation, die – nachdem sie seit einigen Jahren immer stärker von der breiten Öffentlichkeit genutzt wurden – seit kurzem auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften auftauchen. Es handelt sich um die Werkzeuge des Web 2.0, die sich von der Vorgängergeneration durch ihre einfache Nutzung und durch ihren gleichzeitig unkonzentrierten, horizontalen und unmittelbaren Charakter der Kommunikationspraktiken unterscheiden: Plattformen für content sharing (Dokumente, Fotos, bibliografische Referenzen), Blogs und soziale Netzwerke stellen ein Ensemble an „sozialen Medien“ dar. Deren Anwendung durch Historiker wird zunehmend selbst Gegenstand der Debatte. Das zeigt auch das kürzlich vom Deutschen Historischen Institut Paris organisierte Kolloquium „Im Netz der sozialen Medien – Neue Publikations- und Kommunikationswege in den Geisteswissenschaften“[2]. Es war besonders interessant, im Verlauf des Kolloquiums Wissenschaftler unterschiedlicher Herkunft darüber reden zu hören, wie sie sich die neuen Werkzeuge aneignen, um ihre Kommunikationspraktiken von Grund auf zu erneuern. Man traf dort Historiker wie Peter Haber von der Universität Basel mit seinem Blog bei Hist.net, André Gunthert von der EHESS, der die Plattform Culture visuelle für wissenschaftliche Blogs in visueller Geschichte aufgebaut hat, oder auch Klaus Graf, der das berühmte Weblog Archivalia vorstellte und mit der provokanten These „ein Wissenschaftler ohne Blog ist ein schlechter Wissenschaftler“ für Aufsehen sorgte[3].

Eine Arbeit bei „geöffneter Werkstatt“

Trotz der Polemik kann es interessant sein nachzuvollziehen, welche Rolle ein Wissenschaftsblog bei der Arbeit eines Forschers spielen kann und ab welchem Moment des Forschungsprozesses er eingesetzt wird. Und da es sich offensichtlich um ein Kommunikationsmittel handelt, stellt sich die Frage nach der Einordnung von Blogs im Vergleich zu den traditionellen Publikationen wie Zeitschriften und Büchern, die mittlerweile auch im Internet vertrieben werden. Bei aufmerksamer Betrachtung wissenschaftlicher Blogs wie den gerade erwähnten oder denen auf der von Cléo betriebenen Plattform hypotheses.org gehosteten Blogs kristallisiert sich folgendes Hauptmerkmal heraus: Während die traditionellen Publikationen scharf die interne Kommunikation (Forschungsergebnisse adressiert an Kollegen) von der externen Kommunikation (an die breite Öffentlichkeit gerichtete populärwissenschaftliche Aufbereitung) trennen, neigen die Wissenschaftsblogs dazu, beide Bereiche an einem Veröffentlichungsort zusammenzuführen. In seinem Blog arbeitet der Historiker bei „geöffneter Werkstatt“; er enthüllt seine tagtägliche Arbeitsroutine, seine Lektüren, seine Erkenntnisse, seine Hypothesen, seine Zweifel. Schließlich legt er einen Aspekt seiner Forschung offen, noch „während diese im Entstehen“ ist, wie es bei den Soziologen aus der Schule von Bruno Latour heißt[4]. Das weckt sowohl das Interesse der unmittelbaren Kollegen, die möglichst schnell Zugang zu dieser Information erhalten und diese eventuell nach wissenschaftlichen Gepflogenheiten kritisieren möchten, als auch das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit, die aus unterschiedlichen Gründen am jeweiligen Thema interessiert ist. Wie dem auch sei, eines unterscheidet das Blog deutlich von den kanonischen Publikationsformen, die sowohl in der Form als auch im Erscheinungsrhythmus festgelegt sind: und das ist die Freiheit, die der Autor im Hinblick auf Tonfall, Form, Länge, Thema und Publikationsrhythmus hat. Diese große Freiheit der Ausdrucksmöglichkeiten macht dem Wissenschaftler Spaß und motiviert ihn daher zum Schreiben. Gleichzeitig zieht sie eine hybride Leserschaft an, die mit dem Autor ein Gespräch beginnen kann. Das Ergebnis ist erstaunlich: Die wissenschaftlichen Blogs unterscheiden sich stark voneinander; die Forscher, ob allein oder gemeinsam in einem Forschungsteam, veröffentlichen hier alle Arten von Informationen in unterschiedlichen Rhythmen und in variierender Länge. Im Vergleich zu Zeitschriften und anderen konzeptionell stärker eingeschränkten Publikationsformen geben Blogs ein völlig uneinheitliches Bild ab. Sie zeigen das „Sammelsurium des Wissenschaftlers“, wie es Marin Dacos so treffend ausdrückt[5]. Und über genau diese Vielfalt begreift man das Wesen der Blogs erst richtig, indem die verschiedenen Arten von Informationen, die auf den Blogs verbreitet werden, genauer betrachtet.

Am häufigsten findet man dort kurze Anmerkungen zu den Neuigkeiten aus dem Fachgebiet des Autors: Ankündigungen über Kolloquien und Studientage, call for papers, Meldungen über Neuerscheinungen oder Ausstellungen. Oftmals begnügt sich der bloggende Wissenschaftler damit, die Texte der Aufrufe, die Programme der Kolloquien, den Klappentext des erschienenen Werks wiederzugeben, ohne einen besonderen Kommentar hinzuzufügen. Dies ist beispielsweise beim Blog Emma der Fall, das aus dem von Damien Boquet und Piroska Nagy geleiteten Forschungsprogramm zu Emotionen im Mittelalter hervorgegangen ist. Man kann vielleicht nach dem Nutzen eines solchen Blogs fragen, das anscheinend nur aus einer Ansammlung von hier und da erschienen Annoncen besteht. In Wirklichkeit handelt es sich um ein wertvolles Monitoring-Tool, da diese Blogs eine – manchmal in Kategorien geordnete – qualitative Auswahl an Neuigkeiten zu einem Fachgebiet bieten. Für die gleiche Aufgabe könnten auch andere Tools genutzt werden (wie Anzeige-Services oder Ressourcen-Aggregatoren), aber das Blog ist ein ebenso interessanter Informationsträger. Auf hypotheses.org haben einige Blogs diese Vorgehensweise systematisiert, in dem sie „den Radar eingeschaltet“ und „Monitoring-Blogs“ eingerichtet haben. So steht beispielsweise Nuevo Mundo Radar für das wissenschaftliche Monitoring des lateinamerikanischen Raums durch das Redaktionsteam der gleichnamigen Zeitschrift. Es sei angemerkt, dass die Praxis des minimalistischen sharing von Meldungen durch die zunehmende Anzahl von unterstützenden Tools verschiedenster Art eine wunderbare Dynamik besitzt. So ist auch das von Dan Cohen geleitete Center for History and New Media in Washington dabei, mit Pressforward[6] ein Tool basierend auf eben diesem Prinzip zu entwickeln.

Lektürenotizen

Einige Wissenschaftsblogger entscheiden sich, alle oder einen Teil ihrer Auswahl zu kommentieren. Dabei handelt es sich dann um richtige Postings in Form von Kurzberichten, wie man sie beispielsweise im kürzlich von Raphaëlle Bats gestarteten Blog Les Préfaces du Griffon zur Geschichte des Lyoner Verlagswesens im 16. Jahrhundert findet. Diese knappen Notizen, aufgeschrieben und sogleich im Eifer des Gefechts veröffentlicht, diese ersten Kommentare zu einer Veröffentlichung müssen deutlich unterschieden werden von Buchbesprechungen, die in Wirklichkeit eigene Artikel sind und in Zeitschriften veröffentlicht werden. Die verschiedenen Formen decken sich nicht, sondern ergänzen sich vielmehr: Der im Blog veröffentlichte Eintrag bietet den Vorteil der Schnelligkeit und der Freiheit im Tonfall (häufig ist man dort bissiger), während eine Buchbesprechung formal und inhaltlich überprüft wird, und somit oft umfassender und sachlicher ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Eine in gewisser Weise der Entwurf für das Andere wird. Beim Blogbeitrag handelt sich dann um eine Art vorbereitende Stufe, die zu einer peer-review-Veröffentlichung führt.

Andere Wissenschaftsblogs bieten ausgearbeitete Notizen, die zwar dem Texttyp entsprechend kurz sind, aber über einen bestimmten Forschungsaspekt Bericht erstatten. Hier wäre Rwanda zu erwähnen, ein vielversprechendes Blog, in dem der Doktorand Rémi Korman von seinen Recherchen in den Archiven Ruandas zur Geschichte des Genozids und dem Gedenken daran berichtet. Er erzählt in seinen Notizen relativ sachlich vom Zustand der Quellen, die er bearbeitet, und zwar in dem Moment, in dem er seine Forschungen durchführt. Es ist einer der Vorteile dieser Art von Online-Publikation, die auf einer sehr simplen Blogtechnik beruht, dass sie von überall her und selbst bei schwieriger Internetverbindung durchgeführt werden kann. Andere Forschergruppen, wie das Team, das sich im Blog Terriat mit „Warteräumen“ (territoires de l’attente) im Migrationsprozess in den amerikanischen und atlantischen Gesellschaften befasst, entscheiden sich eher für kurze Notizen, die historische Quellen wie Fotos und Interviewausschnitte kommentieren. Hier wird das Schriftstück weder durch einen umfassenden Anmerkungsapparat noch durch einen Zweifel an der Kohärenz oder der Konstruktion gestört. Es handelt sich um Notizen, die Tag für Tag in dieser Form im Blog landen und veröffentlicht werden. Im Gegensatz zur Zeitschrift, in der die Artikel lektoriert und von Fachkollegen überprüft werden, handelt es sich beim Blog ausschließlich um das Forschungsjournal des Wissenschaftlers – und um nichts weiter. Aber als solches stellt es eine unschätzbare Quelle für Informationen aus erster Hand dar. Das Blog kann auch kollektiv organisiert sein, was den Charakter von Aimos widerspiegelt. Dort hat sich eine Gruppe junger Wissenschaftler zusammengefunden, die untereinander, aber auch mit einer breiteren Öffentlichkeit, Ressourcen über die Kunst und Bilder der Arbeiter- und Sozialbewegung austauchen wollen.

Das Blog besitzt darüber hinaus gelegentlich auch einen historischen Wert an sich, was das Team vom Centre d’étude des mondes africains deutlich erkannt hat. Sie veröffentlichen in Les Cahiers de Terrain de Raymond Mauny online eine digitalisierte Version der Aufzeichnungen des bekannten Archäologen. Dabei erfolgt die Publikation der einzelnen Aufzeichnungen im gleichen Zeitabstand, in dem sie der Forscher damals notierte… nur 60 Jahre später. Abgesehen von der Neugier, die eine solche Aktion weckt, und dem Geschick, mit dem dieser Teil des wissenschaftlichen Erbes gewürdigt wird, kann man nur erstaunt sein über die historische Kontinuität einer wissenschaftlichen Tradition, die sich so von einem Informationsträger zum nächsten einstellt. Und jenseits der revolutionären Bejahung, die die Entwicklung digitaler Technologien oftmals begleiten: das Wissenschaftsblog oder das online Forschungsjournal ist nichts anderes als ein gemeinsames Ausgrabungsjournal, was gleichzeitig alles und nichts verändert. Im Übrigen wollte Christian Jacob genau das im zweiten Band seiner von ihm herausgegebenen meisterhaften historischen Untersuchung über die „Lieux de Savoirs“[7] erreichen, in dem er ein Kapitel über wissenschaftliche Blogs einforderte.

Eine schizophrene Kommunikation?

Über das Ausgrabungsjournal hinaus entscheiden sich einige Forscherteams, ihre Beiträge stärker zu edieren, indem sie Textstil und Präsentation der Information angleichen. Dies trifft beispielsweise auf das Blog de la Grotte des Fraux zu, das sich mit den Ausgrabungen in der gleichnamigen Höhle im Departement Dordogne befasst. Dieses reich bebilderte Blog berichtet äußerst gewissenhaft vom Fortschritt der Arbeiten in den Tiefen der Grotte. Ein interessanter Fall, da es zugleich eine fachlich sehr spezialisierte Leserschaft (die Texte sind oft sehr technisch) und ein breites Publikum von Liebhabern der Archäologie anspricht:

„Die spezifische Welt der Kunst und der Höhle, mit all den Bildern, Vorstellungswelten und dem Verbotenen, das damit verbunden ist, verkörpert die Schwierigkeiten, mit einem speziellen Forschungsgegenstand konfrontiert zu sein. Da sowohl die wissenschaftliche Gemeinschaft wie auch die Öffentlichkeit nur schwer Zugang zu diesen physischen und geistigen Orten finden, ist es unser Anliegen, den Forschern und der Öffentlichkeit diese Gedankenelemente zur Verfügung zu stellen.

Diese Haltung mag schizophren erscheinen! Wie soll die korrekte Durchführung eines Forschungsvorhabens – das ein Abwägen der Hypothesen, eine Prüfung der Protokolle und eine Bestätigung der Ergebnisse erfordert – mit der Veröffentlichung von vorläufigen Rohdaten, die Gefahr laufen widerlegt zu werden, zusammengeführt werden? Das ist die große Herausforderung in diesem Forschungsblog: möglichst schnelle Verbreitung der Daten auf einem wissenschaftlichen Portal, bei gleichzeitiger Wahrung der Freiheit, sich widersprechen und sein Urteil ändern zu können. Das ist die Idee, die uns an diesem Projekt so fasziniert hat.“

Schizophren gestaltet sich das Projekt Blog de la Grotte des Fraux allerdings keineswegs, ganz im Gegenteil. Denn es wird versucht, im selben editorischen Rahmen zugleich nicht belegte Arbeitshypothesen, bestätigte Ergebnisse und Erläuterungen für ein fachfremdes Publikum zu vereinen. Aus diesem Grund stellt das Blog eines der interessantesten und innovativsten Experimente auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Kommunikation dar.

Von einem Blog mit Textentwürfen bis zum stärker ausgearbeiteten Grabungsjournal hat das online Forschungsjournal den Vorteil einer großen Flexibilität, die jedem Autor erlaubt, die Art und Weise der Nutzung seines Blogs selbst festzulegen. Die Distanz zum Blog ist nicht leicht aufzubauen und wird in tausend aufeinanderfolgenden Anpassungen vorgenommen, wie Benoît Kermoal in einem seiner letzten Beiträge seines Blog Enklask/ Enquête, bei dem es wie in seiner gleichnamigen Doktorarbeit um die Geschichte der sozialistischen Bewegung in der Bretagne geht, erkennen lässt.

„Trotz meiner Vorsicht scheinen einige Leser zu glauben, dass die Notizen in diesem Blog meine gesamte Forschungsarbeit ausmachen. Es handelt sich aber lediglich um Skizzen, um Teile eines Puzzles ohne Vorlage, um eine Ansammlung von Legosteinen, die schlecht zusammengefügt sind und noch kein Objekt bilden. Ich mache aber dennoch weiter, und zwar vor allem, um mich im Schreiben zu üben. Ich betreibe diese Form der Übung aber auch deshalb weiter, weil sie mir erlaubt, meine Forschung zu ordnen, zu klassifizieren, gedankliche Pfade zu kreuzen und zu verfolgen und nicht den lähmenden Eindruck zu bekommen, auf der Stelle zu treten.

Das kann dem Leser natürlich als Entwurf erscheinen, als zu skizzenhaft und zweifellos auch als ähnlich egozentrisch wie ein Forschungsjournal, das man für sich behält. Aber Enklask/ Enquête ist kein Notizheft mit Textentwürfen (davon habe ich bereits genug); es ist auch keine Aneinanderreihung von Beiträgen, die zusammen fertige und redigierte Artikel nach den Regeln der Geschichtskunst bilden. Es handelt sich um eine hybride Form, eine Erforschung mehrerer Wege, bevor der richtige gefunden ist. Man sollte sich nicht davor fürchten, wieder zurück zu gehen, sich einzugestehen, dass man sich verlaufen hat oder seine Fehler anzuerkennen. Das Wichtige ist jedoch, mit seinen Forschungen voranzukommen. Eine solche hybride Form impliziert zusätzlich eine Vielzahl von Änderungen im Ton, in der Sichtweise und im Ansatzpunkt.“[8]

Die Archive öffnen?

Der Bereich der Archive spielt eine zentrale Rolle in der Werkstatt des Historikers. Hier tut er sich schwer mit der Preisgabe von Informationen. Die Entdeckungen, die er dort machen kann, könnten ihm möglicherweise einen Wettbewerbsvorteil gegenüber seinen Kollegen verschaffen. Obwohl es für den Historiker oft schwierig ist, Informationen aus „seinen“ Archiven öffentlich zu machen, insbesondere solange seine Arbeit bisher noch nicht in einem oder mehreren Werken veröffentlicht wurde, haben einige Wissenschaftler dennoch beschlossen, bei „offenem Archiv“ zu arbeiten. Ein solcher Fall ist Isabelle Brancourt, die seit mehreren Jahren über das Parlament von Paris  forscht. In ihrem Blog betreibt sie seit zwei Jahren vor allem „die Bereitstellung [ihres] persönlichen Forschungsjournals mit der Analyse der Sammlung des Gerichtsschreibers Jean-Gilbert Delisle, im Dienste des zivilen Urkundsbeamten des Pariser Parlaments in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts“[9]. Es sind nicht viele Beispiele von Wissenschaftlern bekannt, die ihre Rohdaten während des laufenden Forschungsprozesses zur Verfügung stellen. Die Vorgehensweise ist selten genug, scheint es, so dass sie hier besonders hervorgehoben werden soll, denn sie hinterfragt die gängigste Gewohnheit der Disziplin.

Es wäre schade, diesen Überblick der verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten von wissenschaftlichen Blogs abzuschließen, ohne die methodologischen Blogs zu erwähnen, die in mehreren Disziplinen entstehen. Dazu gehören zum Beispiel in der Soziologie Quanti, aber auch in der Geschichtswissenschaft Devenir Historien-ne, oder auch interdisziplinär das Blog Les Aspects concrets de la Thèse, das nicht nur Historiker, sondern auch andere Disziplinen anspricht. Thinking with my fingers: Für die Mehrheit der Blogger wie auch für die Wissenschaftlerin Torill Mortensen, die diesen Titel für ihr Blog gewählt hat, handelt es sich beim wissenschaftlichen Blog zunächst um ein Werkzeug zur Selbstreflexion, da das Blog ihnen erlaubt, durch die Erklärung ihrer Forschung in ihrer Arbeit voran zu kommen. Jedoch sind Blogs nicht trivial: online gestellt, wird es veröffentlicht und weiter verbreitet. Das bringt eine Mehrdeutigkeit mit sich, die von Benoît Kermoal schön zusammengefasst wurde: „An wen richten sich die Beiträge? Das kommt darauf an, mal an mich selbst, mal an alle Leser, manchmal an Doktoranden oder an Liebhaber der lokalen Geschichte oder der Geschichte der Arbeiterbewegung. Aber es ist vor allem eine Arbeit, die mir erlaubt, meine Forschungen zu strukturieren.“[10] Diese Mehrdeutigkeit ist der Preis für die Freiheit und sie kann mit gutem Recht kritisiert werden. Und das wird sie im Übrigen auch oft. Sie macht aber auch den Reichtum eines wissenschaftlichen Blogs aus. Ein Blog kann Kreativität freisetzen, weil es den Schreibenden von jeglichem akademischen Formalismus befreit. Allerdings kann dieser Prozess nur funktionieren, wenn das Blog der öffentlichen Lektüre unterworfen wird, sei es mit Blick auf unterschiedliche oder unbestimmte Empfänger. Es stellt also für Doktoranden wie auch für erfahrene Wissenschaftler ein nicht zu leugnendes Risiko dar. Das ist die Sache jedoch wert.

Autorenversion eines Artikels für die Zeitschrift „Bulletin de la Societe d’histoire moderne et contemporaine“.

Originalversion Ouvrir l’atelier de l’historien: médias sociaux et carnets de recherche en ligne <http://www.homo-numericus.net/spip.php?article304>

 


[1] Philippe Breton, Le culte de l’internet: une menace pour le lien social?, Paris (Editions La Découverte) 2000.

[2] Pierre Mounier, Dans la toile des médias sociaux / Im Netz der sozialen Medien 27-28 Juin 2011, in: Digital Humanities à l’IHA, 24.5.2011, http://dhiha.hypotheses.org/25 .

[3] Mareike König, Tweets und Gedanken zur Tagung “Im Netz der sozialen Medien“, in: Digital Humanities à l’IHA, 11.7.2011, <http://dhiha.hypotheses.org/284>.

[4] Antoine Blanchard, Comment montrer la “science en train de se faire”?, in: La Science, La Cité, 31.5.2008, <http://www.enroweb.com/blogsciences/index.php?2008/05/31/261>.

[5] Marin Dacos, Pierre Mounier, Les Carnets de recherches en ligne. Espace d’une conversation scientifique décentrée, in: Lieux de savoir, Paris (Albin Michel), im Druck, S. ii.

[6] Roy Rosenzweig, Introducing PressForward, in: Center for History and New Media, 24.6.2011, <http://chnm.gmu.edu/news/introducing-pressforward/>.

[7] Christian Jacob (Hg.), Lieux de savoir?, t. 2, Les mains de l’intellect, Paris (Editions Albin Michel) 2011.

[8] Benoît Kermoal, Seulement la partie visible de l’iceberg, Enklask / Enquete, 6.9.2011, <http://enklask.hypotheses.org/257>.

[9] Isabelle Brancourt, Mon „carnet“ Delisle?: Son Journal pour l’année 1730 (I), in: Parlement de Paris (XVIe-XVIIIe siècle), 9.2.2010, <http://parlementdeparis.hypotheses.org/218>.

[10] Benoît Kermoal, Seulement la partie visible de l’iceberg, Enklask / Enquete, 6.9.2011, <http://enklask.hypotheses.org/257>.

Quelle: http://dhdhi.hypotheses.org/591

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Noch einmal: Was ist ein Weblog?

Auf meine Frage, ob der Nachrichtendient für Historiker ein Weblog sei, hat Jan Hodel ausführlich in den Kommentarspalten geantwortet. Es sei gestattet, das Thema noch einmal aufzugreifen, denn mir scheint die Frage nicht belanglos. Nochmals die Ausgangslage: Der Nachrichtendienst für Historiker präsentiert sich in neuer Aufmachung und benutzt ein Weblog-System. Inhaltlich ist der Kern der [...]

Quelle: http://weblog.histnet.ch/archives/3984

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