Frisch gelesen und rezensiert: Martin Iddons „New Music at Darmstadt“

Faktenreich, anschaulich und stets mit kritischem Blick – diese Monographie von Martin Iddon (University of Leeds) liest sich wie eine spannende Chronik zu den Anfängen der Darmstädter Ferienkurse von 1946 bis 1961. Wie der Untertitel „Nono, Stockhausen, Cage, and Boulez“ schon verrät, wird diese Geschichte am Beispiel ausgewählter (zentraler) Personen erzählt. In der Einleitung werden die Anfangsjahre der geschichtsträchtigen Ferienkurse historisch aufgearbeitet: Iddon beschreibt das politische und kulturelle Klima zur Zeit der Gründung und beleuchtet wirtschaftliche Faktoren ebenso wie die Hintergründe der beteiligten Personen zur Zeit des Nationalsozialismus. Im folgenden Hauptteil geht er auf die einzelnen Jahre mit ihren Schwerpunkten und besonderen Ereignissen ein. Dadurch entsteht nicht nur ein umfangreiches Bild der Ferienkurse, sondern auch ein lebendiger Eindruck davon, welche Themen diskutiert wurden und welche Musik im Vordergrund stand. Gestützt werden diese Eindrücke durch reiches Quellenmaterial, z.B. zahlreiche Korrespondenzen (insbesondere zwischen Wolfgang Steinecke und einzelnen Komponisten), Publikationen und Vorträge der Teilnehmer sowie Rezensionen in der Presse: Wie wurde das „Wunderkonzert“ 1952 aufgenommen? Welches Echo hat John Cage 1958 ausgelöst? All dies ist in „New Music at Darmstadt“ nachzulesen.

Das Buch ist 2013 in der Reihe „Music Since 1900“ (ehemals „Music in the Twentieth Century“) der Cambridge University Press erschienen. Kommen wir nun zu den wesentlichen Thesen: Im ersten Teil „The accidental serialists“ weist Iddon glaubwürdig nach, dass es eine „Darmstädter Schule“ im Sinne einer einheitlichen kompositorischen Schule nicht gegeben hat. Zudem vollzieht er nach, wie die Idee einer „Darmstädter Schule“ überhaupt entstand: Das Bild einer seriell komponierenden, an Anton Webern orientierten Gruppe von jungen Komponisten wie Stockhausen, Bruno Maderna, Luigi Nono, Karel Goeyvaerts und Pierre Boulez wurde (bewusst) konstruiert von Akteuren des Musiklebens wie Wolfgang Steinecke und Herbert Eimert. Von der Presse wurde die Idee einer solchen Schule gerne aufgenommen, durch die es endlich gelang, die „schrägen“ jungen Komponisten einzuordnen. Mit dieser Re-Konstruktion hinterfragt Iddon einen Begriff, der für die Musikgeschichtsschreibung nach 1945 nicht wegzudenken ist. – Ist diese Idee einer „Darmstädter Schule“ seit 1953 vorhanden und ab 1955 verbreitet, so kündigt sich 1957 schon ihre Auflösung an: In dem Jahr, wo das Moment des Zufalls in der Musik (Aleatorik) zunehmend thematisiert wird.

Im zweiten großen Teil „Chance encounters“ beleuchtet Iddon die Umstände von Cages Besuch in Darmstadt 1958 und legt besonderes Augenmerk auf seine Rezeption. Dabei deutet er darauf hin, dass Cages Konzept von „indeterminacy“ (Unbestimmtheit) oft als Improvisation missverstanden wurde. Eine weitere Fehldeutung entstand durch die Übersetzung von Cages Vorlesungen durch Heinz-Klaus Metzger, der den eher spielerischen Charakter des Originaltextes in einen kämpferischen umwandelte und so seine eigene Deutung von Cage als Klassenkämpfer untermalte. Von der vermeintlichen Einheit der Darmstädter Komponisten konnte 1959 keine Rede mehr sein: Die Einstellungen zur Musik und zu kompositorischen Herangehensweisen prallten stark aufeinander – etwa bei Stockhausen und Boulez, oder Stockhausen und Nono – und das Gefühl der Kollegialität ließ stark nach. Cage war dabei, so Iddon, weniger der Grund als vielmehr ein Katalysator für die Unstimmigkeiten, die schon länger vorhanden waren und nun erst an die Oberfläche traten. Der eigentliche Konflikt, den Cage auslöste, war kein kompositionstechnischer, sondern ein musikästhetischer: „The fundamental distinction, then, was not between serial method and chance operations at all, but rather between Europeans, who wanted to be ‘composers’ through the operations of their wills and compositional desires, and Americans, who were willing to allow music to occur unpurposively.“1

Von besonderem Interesse für mich waren die ästhetischen Dispute, die Iddon nachzeichnet und in einen Zusammenhang stellt, von der Auseinandersetzung zwischen Adorno und Metzger (zum Altern der neuen Musik) über die Vorträge von Boulez (1957), Nono (1959) und Stockhausen (1959, 1960) bis hin zu Adornos revidierter Sichtweise in „Vers une musique informelle“ (1961). Dabei lässt Iddon nie aus zu fragen, auf welche Werke und Komponisten sich die Kritik in den Texten beziehen könnte. Im abschließenden Kapitel ergreift der Autor einen interdisziplinären Ansatz: Er verwendet die Theorie des Fremden in der Gesellschaft des polnischen Soziologen Zygmunt Bauman, um die Rezeption von Cages Musikästhetik in Darmstadt in soziologischer Hinsicht zu kategorisieren, nämlich als Assimilation (bei Stockhausen und Metzger) und Exklusion (bei Ernst Thomas). Dieses 300-seitige Buch kann ich jedem Musikwissenschaftler empfehlen, der sich mit der Neuen Musik nach 1945 beschäftigt. Es regt dazu an, tradierte Begriffe der Forschung kritisch zu prüfen, ihrer Konstruktion nachzugehen und damit Mechanismen der Musikgeschichtsschreibung freizulegen.

1Martin Iddon, New Music at Darmstadt. Nono, Stockhausen, Cage, and Boulez, Cambridge 2013 (Music Since 1900), S. 215.

Quelle: http://avantmusic.hypotheses.org/86

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“Silence is sexy”

“Silence is sexy” lautet der Titel des achten Albums und dessen Titelstücks der Industrial Band Einstürzende Neubauten, das 2000 erschienen ist. Im Gegensatz zu John Cage versuchen sich die Neubauten in ihrem Stück nur begrenzt an der Stille in der Musik. Als Alexander Hacke, eines der Bandmitglieder, in einem Interview auf den Einwand der Kritiker angesprochen wurde, die Einstürzenden Neubauten seien zu verkopft, antwortete er: “Unsere Musik ist sexy (…). Mit rein intellektuellen Konstrukten können wir nichts anfangen.” Hier setzt das Jahresthema 2011/2012 “Silence. Schweigen” am Deutschen Forum für Kunstgeschichte und das begleitende Blog an. Wir nähern uns dem Thema Schweigen theoretisch, etwa seiner Ikonographie und Typologie. Wir sind eine internationale Gruppe Stipendiaten, die sich aus Doktoranden und Postdocs verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen (Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft und Philosophie) zusammensetzt. Unter der Leitung von Professor Andreas Beyer und Laurent le Bon (Centre Pompidou Metz) diskutieren wir seit September 2011 in Workshops mit Gastwissenschaftlern und in unserem regelmäßig stattfindenden Atelier de lecture über das Thema Schweigen. Überdies schreibt jeder Stipendiat/ jede Stipendiatin an einer Qualifikationsschrift. Unsere Gedanken, Beobachtungen und beispielsweise auch Netzfunde werden in diesem Blog festgehalten und hoffentlich weiter diskutiert werden. Da wir eine internationale Gruppe sind und sich dies im Blog spiegeln soll, werden wir, unsere Gastwissenschaftler und sehr gerne Gastbeiträger hier in ihrer Sprache schreiben. Ab September übernimmt die nachfolgende Gruppe das Blog und wird an dieser Stelle ein neues Thema bearbeiten. Da das Blog sich folglich nicht nur einem Thema widmet, rekurriert dessen Titel “Atelier des Petits Champs” auf den Ort, an dem wir gemeinsam nachdenken. Vor wenigen Monaten ist das Deutsche Forum für Kunstgeschichte aus den Räumlichkeiten an der place des Victoires in das Hôtel Lully in der rue des Petits Champs umgezogen. Wir wünschen eine anregende Lektüre und freuen uns auf die Diskussion im virtuellen Raum! Anika Meier und Matthieu Somon   “Silence is sexy”, tel est le titre de l’album et d’une chanson du groupe de rock Indus Einstürzende Neubauten sortis en 2000. Au contraire de John Cage, les membres du groupe taquinent la limite qui sépare la musique du silence, sans la franchir irréversiblement. Quand Alessandro Hacke, l’un des membres du groupe, fut interrogé sur ce qu’il pensait des critiques qui soutiennent que les Einstürzende Neubauten sont trop sophistiqués, il répondit : “Notre musique est sexy (…). Les concepts purement intellectuels ne nous parlent pas.” C’est au séduisant thème du silence que se consacre ce blog volubile et amusé de son paradoxe: attirer l’attention, discourir sur l’absence de paroles, explorer les théories du silence, son iconographie et ses typologies. Ce blog est l’espace d’expression des boursiers du Centre allemand d’histoire de l’art, postdocs et doctorants en histoire de l’art, du cinéma, philosophie, et littérature, tous venus de pays différents et réunis pour un an autour d’un thème annuel. Pour l’année 2011-2012, les neuf boursiers travailleront autour du “Silence. Schweigen” dans l’art, sous la direction du Professeur Andreas Beyer et de Laurent Le Bon (Centre Pompidou Metz), et ce dans des conditions enthousiasmantes – un rapide coup d’œil au site du DFK permettra d’apprécier ne serait-ce que la beauté du lieu, qui abrite les ateliers de lecture et les conférences grâce auxquels les boursiers peuvent se réunir et réfléchir en concert sur le thème annuel. Que trouvera-t-on dans ce blog? Les contributions spontanées et passionnées des boursiers du Centre allemand d’histoire de l’art, mais aussi les participations de scientifiques et artistes éminents, venus du monde entier et tous sensibles au sujet. Cet espace virtuel se veut aussi une réserve d’images, de textes, de liens mais aussi de sons qui ont trait au silence. Ce blog aspire enfin à susciter de nouvelles collaborations, et accueille toute proposition jugée stimulante dans le domaine du silence. Il est enfin à l’image des boursiers qui l’animent: polyglotte, chaque contributeur écrivant dans la langue de son choix. À compter du mois de septembre 2012, la génération suivante de boursiers du DFK prendra la relève du blog et travaillera en ce lieu sur un sujet annuel distinct. C’est pourquoi le nom de ce blog ne contient nulle allusion au sujet qui rassemble cette année les boursiers, mais rappelle le lieu qui accueille leurs réflexions communes, le Centre allemand d’histoire de l’art ayant transféré ses locaux parisiens de la place des Victoires à l’Hôtel Lully, sis rue des Petits Champs. Nous souhaitons une stimulante lecture à nos visiteurs et les encourageons vivement à participer au blog. Anika Meier et Matthieu Somon  

Quelle: http://dtforum.hypotheses.org/40

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