Petition: Kein Redeverbot für akademische ‘Whistleblower’

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ein Gastbeitrag von Stefan Heßbrüggen

Am 14. 5. 2013 hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Empfehlungen zur ‘guten wissenschaftlichen Praxis’ veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem:

“Zum Schutz der Hinweisgeber (Whistle Blower) und der Betroffenen unterliegt die Arbeit der Ombudspersonen höchster Vertraulichkeit. Die Vertraulichkeit ist nicht gegeben, wenn sich der Hinweisgeber mit seinem Verdacht an die Öffentlichkeit wendet. In diesem Fall verstößt er regelmäßig selbst gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis. […] (vgl. geplante Ergänzung zu DFG, Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, Empfehlung 17, […]).”

Diese Vorschrift beruht also auf einer ‘geplanten’ Ergänzung der Empfehlungen der DFG zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, über die auf der heute (3.7.2013) zu Ende gehenden Mitgliederversammlung der DFG beraten worden ist. Das Ergebnis dieser Beratungen wird die DFG der Öffentlichkeit auf ihrer morgen (4.7.2013) stattfindenden Jahrespressekonferenz mitteilen.

Gegen diese neuen Regularien habe ich am 1.7.2013 eine Petition in Gang gesetzt, die aktuell bereits von über 150 Personen gezeichnet worden ist. Die Redaktion von de.hypotheses.org hat mir freundlicherweise die Gelegenheit gegeben, meine Motivation zu diesem Schritt in einem Gastbeitrag zu erläutern.

Ein intransparentes Verfahren

Das Verfahren zur Festlegung neuer Standards guter wissenschaftlicher Praxis war intransparent und selbst nicht den Werten der Wissenschaft verpflichtet. Dem entspricht das Ergebnis: Ich halte den Beschluss der HRK für normativ falsch und seine Folgen für schädlich. Sollte die DFG diesen Beschluss übernommen haben, sind seine Konsequenzen für das deutsche Wissenschaftssystem insgesamt kaum abzuschätzen, da die Vorgaben der DFG regelmäßig in universitätsinterne Satzungen und Ordnungen umgesetzt werden und somit Bindungswirkung nicht nur für jene entfalten, die Drittmittel von der DFG empfangen, Anträge begutachten usw. Vielmehr setzt die DFG den De-facto-Standard für gute wissenschaftliche Praxis in Deutschland insgesamt.

Umso bemerkenswerter ist es, dass ich bislang keinen Beleg dafür finden konnte, dass die DFG Fachgesellschaften oder die wissenschaftliche Öffentlichkeit insgesamt in ihre Überlegungen einbezogen hätte. An die Stelle eines solchen Diskurses traten wohl populärpsychologische Überlegungen zur Motivation von ‘Whistleblowern’. Als Beleg für den in der DFG anscheinend vorherrschenden Geist kann ein Gastbeitrag der DFG-Justitiarin Kirsten Hüttemann aus dem Jahr 2011 dienen:

“Die Motivationslage der anzeigenden Wissenschaftler (“whistleblower”) reicht vom ernsthaften Interesse an ehrlicher Wissenschaft, dem Bemühen um zielführende Konfliktlösungen, der verzweifelten Suche nach Klärung einer “verfahrenen” Situation auch bei zwischenmenschlichen Unstimmigkeiten bis hin zu “Konkurrenzdenken” und Querulanz.”

Frau Hüttemann hat eins nicht verstanden: Die ‘Motivationslage der anzeigenden Wissenschaftler’ ist für die Validität geäußerter Vorwürfe vollkommen unerheblich. Wenn wissenschaftliches Fehlverhalten aufgedeckt wird, ist es der Wissenschaft (also uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern) völlig gleichgültig, ob dies aus Konkurrenzdenken oder Querulanz geschieht. Entscheidend ist einzig, ob der Vorwurf triftig ist. Das aber entscheiden Wissenschaftler/innen im fachwissenschaftlichen Diskurs.

Die Norm: falsch und schädlich

Damit sind wir bei der Frage, ob diese Regelungen normativ richtig sind. Die Antwort fällt leicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die heute geltenden Verfahren und Normen wissenschaftlichen Arbeitens sich in letzter Instanz der Aufklärung verdanken. Wesentliche Norm ist hier die der Publizität: Vorgänge, die mit dieser Vorgabe unverträglich sind, sind damit zugleich gegen die Werte der Aufklärung gerichtet. Ob dies im politischen Bereich uneingeschränkt zutrifft, muss hier nicht entschieden werden. Die Wissenschaft jedenfalls bedarf keiner Geheimverfahren, um ihrem Hauptzweck, der Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnis, zu genügen. Das hinter diesem Hauptzweck Rechte Einzelner etwa auf Vertraulichkeit oder Ehrschutz zurückzutreten haben, versteht sich von selbst: Niemand wird gezwungen mitzumachen. Jede und jeder weiß idealerweise spätestens am Ende des Studiums, dass dieser Preis zu zahlen ist.

Die von der HRK beschlossenen und von der DFG erwogenen Änderungen sind aber nicht nur falsch, sondern schädlich. Durch die unklare Definition des Begriffs ‘whistle blowing’ wird legitimes wissenschaftliches Handeln potentiell ‘kriminalisiert’, also als möglicher Verstoß gegen die Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis gebrandmarkt. Hieraus entsteht ‘Furcht, Unsicherheit und Zweifel’, also ein Klima, in dem gerade Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sich gründlich überlegen müssen, mit Vorwürfen an die Adresse anderer vorzutreten.

Schließlich, und dies ist wohl der größte Schaden, steht die deutsche Wissenschaft gerade im Begriff, sich im internationalen Maßstab lächerlich zu machen. Kaum ein Kollege im Ausland wird noch gerne die Zusammenarbeit mit einem Wissenschaftssystem suchen, das seine eigenen Maßstäbe in einem derart intransparenten Verfahren und mit derart fragwürdigem Ausgang festgelegt hat.

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Bisherige Veröffentlichungen zum Thema in chronologischer Reihenfolge, Stand 3.7.2013, 17h30 (bitte in den Kommentaren ergänzen!):

• Roland Preuß, Plagiatsskandale. Unis sehnen sich nach dem stillen Kämmerlein, in: Süddeutsche Zeitung, 10.6.2013, http://www.sueddeutsche.de/bildung/plagiatsskandale-unis-sehnen-sich-nach-dem-stillen-kaemmerlein-1.1692489.

• Klaus Graf, Plagiatsskandal. Unis wollen vertuschen, in: Archivalia, 10.6.2013, http://archiv.twoday.net/stories/434204837/.

• Erbloggtes, Es gibt kein Problem mit Wissenschaftsbetrug – solange niemand drüber redet, in: Erbloggtes, 23. 6. 2013, http://erbloggtes.wordpress.com/2013/06/23/es-gibt-kein-problem-mit-wissenschaftsbetrug-solange-niemand-druber-redet/.

• Erlebt, Bedenkliche Empfehlung der DFG, in: erlebt, 26. 6. 2013, https://www2.pms.ifi.lmu.de/erlebt/?p=9398.

• Raphael Wimmer, Warum die neue DFG Empfehlung Nr 17 der Wissenschaft schadet, in: Reflected Total Internal Frustration, 26. 6. 2013, http://raphaelwimmer.wordpress.com/2013/06/26/warum-die-neue-dfg-empfehlung-nr-17-der-wissenschaft-schadet/.

• Benjamin Lahusen, Gute wissenschaftliche Praxis, in: mops-block. Notizen aus der Rechtswelt, 28. 6. 2013, http://www.mops-block.de/bl-tagebuch/225-gute-wissenschaftliche-praxis.html.

• Erbloggtes, DFG berät über Ende des Rezensionswesens, in: Erbloggtes, 1. 7. 2013, http://erbloggtes.wordpress.com/2013/07/01/dfg-berat-uber-ende-des-rezensionswesens/.

• Stefan Heßbrüggen, Whistle blowing in the German University: A Regulatory Scandal in the Making, in: NewAPPS, 1.7.2013, http://www.newappsblog.com/2013/07/whistle-blowing-in-the-german-university-a-regulatory-scandal-in-the-making.html.


Veröffentlichungen zur Petition:

‣ Wissenschaftsallianz fordert Festungshaft für Rezensenten, in: Causa Schavan, 2.7.2013, http://causaschavan.wordpress.com/2013/07/02/wissenschaftsallianz-fordert-festungshaft-fur-rezensenten/.

‣ Don’t ban academic whistleblowing, in: Texttheater, 2.7.2013, http://texttheater.net/dont-ban-academic-whisteblowing.

‣ Erbloggtes, Offener Brief an Präsidenten von DFG und HRK, in: Erbloggtes, 2.7.2013, http://erbloggtes.wordpress.com/2013/07/02/offener-brief-an-prasidenten-von-dfg-und-hrk/.

‣ Klaus Graf, Werden Plagiate-Wikis par ordre de Mufti zum wissenschaftlichen Fehlverhalten erklärt?,  in: Netbib Weblog, 2.7.2013, http://log.netbib.de/archives/2013/07/02/werden-plagiate-wikis-par-ordre-de-mufti-zum-wissenschaftlichen-fehlverhalten-erklart/.

Tilmann Warnecke, “Guttenberg, Schavan und die Folgen: Maulkorb bei Plagiatsverdacht”, 3 7. 2013, http://www.tagesspiegel.de/wissen/guttenberg-schavan-und-die-folgen-maulkorb-bei-plagiatsverdacht/8443616.html

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Abbildung: Marine Sgt. at New Orleans, La., Library of Congress, http://www.loc.gov/pictures/resource/fsac.1a34989/.

Quelle: http://redaktionsblog.hypotheses.org/1431

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Die Dynamik des Polemischen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit (Erfurt, 16. – 18. Mai 2013) – Eine Workshop-Reflexion

 

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(Foto: Karoline Döring)

Als mich Anne Weinbrecht (Universität Erfurt), die zusammen mit Matthias Rekow (Forschungszentrum Gotha) den Workshop “Die Dynamik des Polemischen im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit” organisierte, kurz nach Weihnachten eingeladen hatte, kam mir eigentlich sofort ein passendes Vortragsthema in den Sinn: Ich wollte die Gruppe der im 15. Jahrhundert gedruckten Türkentraktate im Spannungsfeld von Wissen, Diskurs und Medien vorstellen. Als Beispiel wählte ich Jörg von Nürnbergs „Geschicht von der Turckey“, einen Text der eine ziemlich interessante Druckgeschichte hat. Die sehr anregenden Diskussionen des Workshops haben mich dazu veranlasst, einige meiner Gedanken zusammenzufassen. Im Sinne der guten wissenschaftlichen Praxis, die konsequentes Anzweifeln aller Ergebnisse zum Prinzip erhoben hat, will ich mein Forschungsthema „Türkenkrieg und Medienwandel im 15. Jahrhundert“1 und auch meinen Vortrag rückblickend auf die von Matthias Rekow zu Beginn des Workshops gestellten sechs Fragen hin abklopfen.

  1. Worin liegt die Dynamik des Polemischen begründet?

Was den Türkendiskurs des 15. Jahrhunderts betrifft, muss die Dynamik wohl in der Beschleunigung2 der Verbreitung anti-türkischer Texte gesucht werden. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts stand mit der neuen Technik des Druckens mit beweglichen Lettern ein neues Medium zur Verfügung, um Texte schneller und in höherer Auflage herstellen und verbreiten zu lassen. Spätestens ab 1480, dem Krisenjahr des europäischen Türkenkriegs, in dem Sultan Mehmed II. den Großmeistersitz der Johanniter auf Rhodos belagerte und die süditalienische Küstenstadt Otranto eroberte, kamen in immer kürzeren Abständen gelehrte und nicht-gelehrte Traktate zu Türken und Islam in Druck. Neben Religionstraktaten und Erfahrungsberichten zeitgenössischer Autoren wurden auch „Klassiker“ der hochmittelalterlichen Wissensliteratur, Kreuzzugshistorien oder ältere Anti-Islam-Traktate für den Druck herausgegeben, oft nachgedruckt und in meist hohen Auflagen verbreitet. Gerade nicht gedruckt – und hier würde ich eine Folge der Dynamik des Polemischen sehen wollen – wurden Texte, die einen anderen Zugang zur Türkenproblematik verfolgten. Die Koranübersetzung des spanischen Kardinals Juan de Segovia, die er zusammen mit einem muslimischen Rechtsgelehrten angefertigt hatte und die heute bis auf das Vorwort verloren ist, setzten genauso wie die “Cribratio Alchoran” und “De pace fidei” des deutschen Kardinals Nikolaus von Kues auf den friedlichen Weg der Konversion. 1482/83 wurde die „Geschicht von der Turckey“ des Jörg von Nürnberg gedruckt. Der Büchsenmeister hatte als Kriegsgefangener das Osmanische Reich bereist und dort Karriere gemacht. Nach seiner Rückkehr beschrieb er die Kriegszüge seines Herrn Mehmeds II. und gab auch Einblick in die Religion der Türken. Seinen späteren Herausgebern war der Text aber offenbar zu neutral formuliert, sodass sie ihn nachgerade zurechtstutzten, mit anderen polemischen Schriften, die ebenfalls im Druck kursierten, gruppierten und ihn für einen dezidiert anti-türkischen Rezeptionshorizont „aufpolierten“.3 Die Druckgeschichte von Jörgs Text zeigt, wie sich im Laufe des 15. Jahrhunderts durch den gezielten Einsatz der neuen Drucktechnik ein Pool an Wissen über die osmanischen Türken herausbildet, auf den Autoren, Drucker, Herausgeber und natürlich auch Leser zurückgreifen konnten. Dass dieser Pool aber nur eine einzige kohärente, antitürkische Geisteshaltung reflektierte, war jedoch nicht die Folge einer Disziplinierung der Wahrnehmung durch das neue Druckmedium, sondern die Folge des zeitgenössischen Türkendiskurses, der das über die Türken Sagbare und damit auch Druckbare regulierte.

  1. Kann Polemik als Katalysator und Antriebsmittel gesellschaftlicher Wandlungsprozesse gelten?

Die Erfindung des Druckens mit beweglichen Lettern hat in Verbindung mit der fast dauerhaften Aktualität der osmanischen Expansion zu einer Ausweitung der bekannten Formen der mittelalterlichen Öffentlichkeit(en) geführt. Die Produktionsphasen von Türkendrucken korrespondierten mit dem Verlauf der osmanischen Expansion: Ein aktueller Vorfall zog meist unmittelbar einen Anstieg der Produktion von Türkendrucken nach sich. Im Vergleich mit der gesamten Drucküberlieferung des 15. Jahrhunderts ergaben sich verschiedene Hochphasen, darunter das Jahr 1480, das nicht nur der Türkenkriegspropaganda einen Schub gab, sondern offenbar auch eine Nachfrage nach mehr Wissen über die Türken bewirkte. Diese wurde durch die verstärkte Produktion von Traktaten und Erfahrungsberichten bedient. In Bezug auf die Antriebskraft von Polemik für gesellschaftliche Wandlungsprozesse würde ich diesen Befund dahingehend interpretieren, dass nach dem Krisenjahr 1480 ein anderes Bedürfnis nach Information und Kommunikation zu den osmanischen Türken einsetzte, das weniger auf „Sensationslust“ und „Türkengräuel“, sondern mehr auf Sachwissen abhob. Denn auch wenn die Traktate nicht unserer heutigen Auffassung von informativer Lektüre entsprechen, versammeln sie doch das damals bekannte Wissen über Türken und Islam. Neben der kriegerischen Option gewann die „wissenschaftliche“ Auseinandersetzung mit dem Osmanischen Reich, seinen Bewohnern und vor allem seiner Religion offenbar desto mehr Gewicht, je erfolgloser sich die Kreuzzugspläne gestalteten.

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(Foto: Karoline Döring)

  1. Welche Rolle spielt Polemik in der Herstellung von Differenz in der Konstruktion von Identitäten und Alteritäten?

Von allen Fragen war diese für mich am leichtesten zu beantworten. Ich habe Konstruktionen von Identität und Alterität vor allem in den sogenannten „Türkenreden“ untersucht.4 Das Vorrücken der osmanischen Türken, das mit der Eroberung von Konstantinopel 1453 einen ersten Höhepunkt erreicht hatte, gab im 15. Jahrhundert vielfach Anlass zum Reden. Sei es bei den großen „Türkenreichstagen“ der Jahre 1454/1455, dem Kongress von Mantua 1459 oder vor den Päpsten in Rom, es gab immer wieder Gelegenheit über – oder besser: gegen – die Türken zu sprechen. Das Reden bei solchen Gelegenheiten war ein integraler Bestandteil des politischen Prozesses. „Rhetorische Blockbildung“ durch Differenzierung und Aus-/Abgrenzung war ein gemeinschaftsstiftender Vorgang, der die Überlegenheit der Christen betonen, und angesichts der prekären außenpolitischen Lage unzerbrechliche Einheit unter ihnen schaffen sollte, um den Türkenkrieg voranzutreiben. „Die Türken w[u]rden zum traumatischen Auslöser und zum Wetzstein ‘europäischer’ Identität“5 Es ist kein Zufall, dass in dieser Zeit Konzepte von Europa als kultureller, religiöser und auch politischer Einheit mit anti-türkischer Polemik zusammengebracht werden. Die ausgedehnte Druckverbreitung und Textrezeption vieler „Türkenreden“ lässt auf einen großen Wirkungskreis schließen. Er geht über die Anwesenden auf dem deutschen Reichstag oder im päpstlichen Konsistorium hinaus. Mit der Drucklegung solcher Reden wird ein, nun nicht mehr physisch präsentes, sondern anonymes, absentes Publikum erreicht, das auf Grund von sozialer Stellung und politischem Rang sonst wohl nicht erfasst worden wäre, das aber nun Teil einer sich vor dem Hintergrund der Türkengefahr neu formierenden Öffentlichkeit wurde.

Stadtführung (Foto: Karoline Döring) Stadtführung
(Foto: Karoline Döring)

  1. Was sind die Erfolgsbedingungen von Polemik? Ist Polemik ohne Reaktion auch gleich erfolglose Polemik?

Voraussetzung für diese Fragen ist zunächst zu klären, wer in meinem Fall überhaupt mit Hilfe von Polemik zu einer Reaktion bewegt werden sollte und was für eine Reaktion respektive was für einen Erfolg die Polemik haben sollte. Erwartet man wie bei religiösen und konfessionellen Kontroversen der Frühen Neuzeit eine Gegenpolemik wird man – es ist fast überflüssig zu sagen – enttäuscht, denn die türkische Gegenseite bleibt im europäischen Druck bis 1500 stumm. Ein Traktatkrieg wie in der Konziliarismusdebatte oder der Reformationszeit wurde nicht ausgefochten. Einzig die sogenannten Sultansbriefe,6 das sind fiktive Briefwechsel zwischen osmanischen Sultanen und europäischen Fürsten und die “Tragedia de Thurcis et Soldano” (1497) des süddeutschen Humanisten Jakob Locher, in der der Sultan als mahnende Figur auftritt, erwecken den Eindruck einer Reaktion. Doch waren solche Texte natürlich nur osmanische Pseudo-Antwort, die entweder dem literarischen Geist eines Humanisten oder der kanzlistischen „Schreibwerkstatt“ entstammten. Ganz zu schweigen von den hochmittelalterlichen Vorlagen, die sie ausschrieben. Polemik provozierte in meinem Fall also nie eine Reaktion der Gegenseite. Zwingend erfolglos war sie deswegen noch nicht, denn das Publikum, das mit der Polemik erreicht werden sollte, war nicht die Gegenseite, sondern vielmehr die eigene Seite. Durch drastische Schilderungen der „Türkengräuel“, negative Stereotypisierungen des Gegners und rhetorisch hochpolierte Argumentationsstrategien, sollten die Fürsten zum gesamteuropäischen Türkenkrieg bewegt werden. Gemessen am Ergebnis – der gesamteuropäische Türkenkrieg blieb bis auf wenige Einzeloperationen im 15. Jahrhundert Postulat – war die anti-türkische Polemik hier aber tatsächlich erfolglos. Über die verschiedenen Kontexte, in denen Polemik auftrat, wäre sicher auch etwas über die Erfolgsbedingungen zu erfahren – sicher die spannendere der beiden Fragen – doch im Moment für mich nicht zu beantworten.

  1. Wer sind die Initiatoren und Akteure polemischer Prozesse? Welche Rolle spielen Gruppierungen und Rezipientenkreise?

Durch Marc Mudraks Vortrag zu einem Familien-Flugschriftenstreit aus der frühen Reformationszeit ist mir einmal mehr klar geworden, dass eine Drucklegung nicht automatisch eine Ausweitung des Streits auf eine Öffentlichkeit nach sich ziehen musste, die den Ball dann aufnahm und sich ebenfalls positionierte. Denn nachdem eine der beiden Streitparteien gestorben war, hattedies den Abbruch der Polemik zur Folge, obwohl der familiennahe Adressatenkreis der Flugschriften durch die Drucklegung bereits ausgeweitet war. Polemik bleibt also stark an den Akteur oder die Akteure gebunden. Dem Türkenthema war jedoch eine dauerhafte Aktualität im 15. Jahrhundert beschieden, dieser Ball wurde also immer wieder von verschiedenster Seite aufgegriffen. Zum einen lag das am Fortschreiten der osmanischen Expansion, die immer wieder eine Beschäftigung und Reaktion vor allem der kirchlichen und weltlichen Hierarchie herausforderte. Zum anderen würde ich hier den Einfluss des Rezipienten sehen. Es bildeten sich „Expertengruppen“, die zu einer kontinuierlichen Textproduktion beitrugen und den Wissenspool beständig auffüllten. Neben den Theologen als traditioneller Deutungsmacht der Türkengefahr nahmen die Humanisten als „neue“ Experten immer wieder Stellung zur osmanischen Expansion. Vereinzelt taten dies auch Augenzeugen, die das Osmanische Reich bereist hatten. Dies sorgte dafür, dass auch unabhängig von der aktuellen politischen Situation die Türkenfrage im Druck spätestens nach 1480 nie an Aktualität verlor.

  1. Stadtführung (Foto: Karoline Döring) Stadtführung
    (Foto: Karoline Döring)

    Kann man von einer Objektivität der gewonnenen Positionen in einem dynamischen Prozess des Polemischen sprechen?

Gegenfrage: Kann eine Position, die zu Polemik greift, überhaupt objektiv sein bzw. es werden? Die Türkenkriegsdiskussion im 15. Jahrhundert wurde jedenfalls politisch, religiös, gesellschaftlich und auch emotional zu einem großen Teil von viel älteren Diskursen (Autorität, Feinbild, Heilsgeschichte, Wissen etc.) bestimmt. Die Gegenseite blieb, wie gesagt, stumm. Eine Dynamik gewinnt die verbliebene Position nun allenfalls durch das Hinzukommen neuer Akteure und neuer Mittel. Die Humanisten brachten den angeblichen Bildungshass und die Legenden von der skythischen, barbarischen Herkunft der osmanischen Türken sowie ein identitätsstiftendes Europa-Konzept als neue Argumentationsstrategien in die Diskussion ein. Verbreitet wurden diese Ideen schließlich durch die neue Drucktechnik, womit wir wieder beim Anfang und bei der Frage wären, worin das Dynamische und Prozesshafte des Polemischen im Türkendiskurs begründet lag: in der Beschleunigung der Verbreitung von Texten.

 

Zum Workshop erscheint in Kürze ein Tagungsbericht von Teresa Baier auf HSozKult, der hier nach Erscheinen verlinkt wird. Das Programm gibt es hier.

1Vgl. meinen Blogbeitrag vom 12. Mai 2013

2Zu den Gesetzen der Medienkommunikation: Ulrich Saxer, Mediengesellschaft: Eine kommunikationssoziologische Perspektive, Wiesbaden 2012.

4Karoline Döring, Rhetorik und Politik im 15. Jahrhundert: die „Türkenreden“ und ihre Verbreitung im Druck, in: Rhetorik in Mittelalter und Renaissance: Konzepte – Praxis – Diversität (Münchner Beiträge zur Geschichtswissenschaft 6), hrsg. von Georg Strack und Julia Knödler, München 2011, 429-453.

6Zu den Sultansbriefen bereite ich eine eigene Studie vor, die die Überlieferung zusammenstellen und diese nach rezeptionsgeschichtlichen Aspekten auswerten wird.

 

 

 

Quelle: http://mittelalter.hypotheses.org/1487

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Tilmann von Grünberg (nicht: Dulmaniensis), der erste Prior der Windesheimer Reform in Ravengiersburg, als geistlicher Autor

 

Bei Recherchen zur Rezeption deutschsprachiger Literatur in mittelrheinischen Frauenkonventen des Spätmittelalters [1] stieß ich auf einen umfangreichen Eintrag von Gisela Kornrumpf vom Juli 2007 im Handschriftencensus [2]. Leider ist die Handschrift der Zaluski-Bibliothek in Warschau, die nach St. Petersburg gelangte und in den 1920er Jahren an Polen zurückgegeben wurde (Warschau, Nationalbibliothek, Hol. Q. I.1), 1944 vernichtet worden. Man muss sich also aus gedruckten Beschreibungen und Erwähnungen und einer handschriftlichen Beschreibung für die Bibliotheca Neerlandica Manuscripta, die Kornrumpf vorlag, ein Bild vom Inhalt zu machen [...]

 

 

Quelle: http://ordensgeschichte.hypotheses.org/4503

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Klares Denken im Delirium. 500 Jahre Ekstase in Religion und Literatur

 

Ekstase fördert tiefe Einsichten. Zwei neue Beiträge von Deutschlandradio Kultur erklären, dass das Delirium in der Literaturgeschichte sowohl als Thema sowie als Produktionsmittel eine wichtige Rolle spielt. In einer Rezension wird Robert Feuchtels Monografie “Grenzgänge” besprochen. Dabei handelt es sich um eine Kulturgeschichte des Rausches, die weit über den simplen Drogenkonsum der Neuzeit hinausgeht. Eine wunderbares Essay widmet sich der Rolle von Drogen und vor allem deren Folgen für Schriftsteller der Neuzeit. Ernst Jünger etwa experimentierte mit der damals neuen Droge LSD. Für viele Autoren waren und sind Drogen Mittel zum Zweck eines umfassenderen Bewusstseins, tieferer Erkenntis und neuer, nie zuvor getaner Einsichten. Genau darauf haben sich auch Religionen spezialisiert. Ich dachte beim Hören gleich an die Derwische islamischer Sufiorden. Türkische Derwische praktizieren die bekannten Tänze, durch die sie in Ekstase geraten und sich eine direktere Gotteserfahrung erhoffen. Andere Derwische trommeln oder meditieren, um in außerweltliche Erfahrungsstadien zu gelangen. Diese Funktionsanalogie zwischen Literaten und Religiösen verblüffte mich. Kurz zuvor war ich bei Recherchen in der Bibliothèque Mazarine in Paris auf eine Flugschrift von Jean Gacy, einem ehrenwerten Genfer Franziskaner, aus dem frühen 16. Jahrhundert gestoßen. Auch in diesem Text spielt das Delirium als Erkenntnisraum eine zentrale Rolle. Leider wissen nicht nicht viel mehr [...]

 

 

Quelle: http://catholiccultures.hypotheses.org/990

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Jugoslawien ex Vogue? Das Bild als Quelle am Beispiel der Modezeitschrift Svijet

 

Nathalie Keigel „Von Werbung übersättigt, blättert eine westliche Frau eine Zeitschrift nur oberflächlich, ja gelangweilt durch. Sie hat so viel in dieser Art gesehen, wird tagtäglich mit Werbung bombardiert: Im Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakatwänden, im Kino. Für uns war … Weiterlesen

 

 

Quelle: http://netzwerk.hypotheses.org/1722

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Wir trauern um Peter Haber (1964-2013)

 

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Die Digital Humanities und die Geschichtswissenschaft tragen Trauer: Der Schweizer digital historian Peter Haber ist am 28. April 2013 nach langer schwerer Krankheit gestorben. Im Netz teilen derzeit Freunde, Kollegen und Kolleginnen ihre Bestürzung mit, Jan Hodel hat Peter Haber einen Nachruf auf ihrem gemeinsamen Blog hist.net gewidmet. Für die Redaktion, den Beirat und die Community von de.hypotheses.org ist sein Tod ein großer Verlust. Peter Haber war einer der Gründungsväter des deutschsprachigen Blogportals, das seinen Anfang bei Twitter genommen hat. “Wir machen ein sehr gutes Projekt, ohne Geld, aber mit sehr guten Leuten”, sagte er, als die Idee von de.hypotheses.org im Nomvember 2011 das erste Mal beim THATCamp in Lausanne öffentlich vorgestellt wurde. Dass diese Vision sich erfüllen konnte, ist auch sein Verdienst und dafür danken wir ihm sehr. Seine Ratschläge, Anregungen und Ideen werden uns, werden den Digital Humanities fehlen.

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Foto: Peter Haber, fotografiert von Juri Weiss.

 

 

Quelle: http://redaktionsblog.hypotheses.org/1143

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“Emma, die Nackte” oder vom Akt im öffentlichen Raum

 

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Einst wurde Édouard Manét mit seinem Gemälde “Le Déjeuner sur l’herbe” aus dem Salon verjagt. Das Paris der Jahrhunderwende war der Nacktheit der bekannten Prostituierten moralisch nicht gewachsen. Nach hundert Jahren – so könnte man denken - ist der nackte Körper in der modernen Kunst etwas Normales geworden. Auf den ersten Blick ist dem so. In der Kunstwelt der Theater, Museen, Galerien und Kunstmagazine ist der Akt und das Nacktsein als Motiv und Ausdrucksform etabliert. Doch in der Welt des Internets bekommen genau diese Werke immer wieder Probleme. Zum Schutz der Minderjährigen wird auf die Abbildung des Nackten verzichtet. Dies ist zu begrüßen, würde damit nicht auch die Kunstwelt zensiert.

In den letzten drei Jahren hat Facebook mehrmals Museumsseiten gesperrt, weil scheinbar pornographisches Bildmaterial präsentiert wurde. Dass es sich hierbei aber um Kunstwerke gehandelt hat, war der Social-Media-Plattform leider nicht bekannt. Jüngstes Opfer ist das Museum Jeu de pomme, dass auf der Facebook-Seite für eine Ausstellung von Laure Albin Guillot werben wollte und dazu ein Foto mit einer blonden nackten “Venus” präsentiert, gepostet hat. Doch deren entblöste Brust war Grund genug, die gesamte Seite für einen Tag zu sperren. Mittlerweile prangert ein schwarzer Balken darüber. Ähnlich erging es der Londoner Saatchi-Galerie mit einem Werk des Fotografen Philippe Halsmann. (1)

2012 wurde auch die Facebook-Seite des Centre Pompidou gesperrt. Das Pariser Museum für die Kunst der Moderne und Gegenwart warb mit einem der wohl bekanntesten Werke Gerhard Richters für die Panorama Ausstellung. Dabei handelte es sich um das Gemälde “Ema (Akt auf einer Treppe)” aus dem Jahr 1966. Das fotorealistische Werk zeigt die erste Frau des Künstlers. Behutsam fast schwebend kommt sie die Treppe herunter. Die Architektur hinterlegt den weiß-golden schimmernden Akt mit einem unwirklichen Grün. Die Portraitierte blickt konzentriert nach unten, als ob sie den Maler oder Betrachter nicht zur Kenntnis nehmen will. Darüber hinaus ist die Darstellung aufgrund der Unschärfe, die der Künstler dem fotorealistischen Bild am Ende durch das gleichmäßige Verwischen der noch feuchten Farbe verlieh, unnahbar fern. Der gemalte Akt rekurriert auf Marcel Duchamps “Akt eine Treppe herabsteigend” von 1912, der sich im Philadelphia Museum of Art befindet. Richter hatte das Bild in einer Krefelder Ausstellung als Fotografie gesehen und nahm es zum Anlass, sich der klassischen Aufgabe der Aktes zu widmen und sich zugleich demonstrativ gegen Duchamps Postulat vom Ende der figurativen Malerei zu wenden.

Die Nähe von Fotografie und Malerie wurde dem Bild jedoch immer wieder zum Verhängnis. Denn Facebook ist nicht die einzige öffentliche Plattform, die versucht hat, das Richter-Werk zu verbannen. Schon kurz nach der Entstehung des Bildes war sich die Kunstwelt uneinig. So hatte der damalige Direktor der Berliner Nationalgalerie aufgrund der fotografischen Realität, den Ankauf des Bildes vehement abgelehnt: “Ich sammle keine Photos, sondern Malerei”. (2) Und als das Werk 1970 auf dem Cover des französischen Kunstmagazins “L’art vivant” erschien, wurde dem Herausgeber Aimé Maeght  mit einer Anzeige “wegen Verletzung der öffentlichen Moral und des Pornografiegesetzes” gedroht. Erst nachdem er belegt hatte, dass es sich um keine Fotografie, sondern um ein Ölgemälde handle und er sich auf die Tradition der Aktmalerei in der Kunstgeschichte berief, wurde von einer Anklage abgesehen. (3)

Doch am Ende dieser Debatte sollte nicht nur die Kritik am Unwissen der zensierenden Fachggruppen stehen, sondern auch die positive Erkenntnis, dass ein Kunstwerk die Welt immer wieder in Frage stellen kann. Zudem ist es beruhigend zu wissen, dass es Menschen gibt, die die Kunst verstehen und verteidigen, seien es Autoren oder aufgeschlossene Sammler wie Peter und Irene Ludwig, die Richters Akt bereits 1967 erwarben.

 

Anmerkungen

(1) Eva Hess, Prüder als der Vatikan, in: Sonntagszeitung, 21.04.2013.

(2) Dietmar Elger, Gerhard Richter, Maler, Köln 2008, S. 130-134.

(3) EB, Emma, die Nackte, in: Kölner Stadtanzeiger, 29.12.1970.

 

 

Quelle: http://gra.hypotheses.org/722

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Frühe Medienbildung

 

Medienkindheit: Zwischen Verfallspanorama und Entwicklungsperspektive von Helen Knauf In den letzten Monaten habe ich mit Studierenden darüber diskutiert, welche „Zutaten“ es für eine gute Kindheit braucht. Immer wieder genannt wurde die Geborgenheit der Familie, die Verlässlichkeit von Bezugspersonen, die Freundschaft mit Gleichaltrigen, oft auch das Sich-Verlieren im Spiel und die Freiheit in der Natur. Daneben gibt es die Vorstellung, dass Kinder vor den verschiedenen Gefahren des Lebens und Aufwachsens geschützt werden müssen: Schutz vor Gewalt, Missbrauch, Diskriminierung, Vernachlässigung. Und immer wieder wird auch der [...]

 

 

Quelle: http://medienbildung.hypotheses.org/2442

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Wie man sich auf eine wissenschaftsnahe Stelle (nicht) bewirbt

Notizblock

Shawncampbell | CC BY 2.0

Vor kurzem war ich an dem Auswahlprozess für mehrere Stellen in einer kleinen Organisation beteiligt. Es ging um Stellen im Wissenschaftsmanagement in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Beim Durcharbeiten der vielen hundert eingegangenen Bewerbungen fiel mir einiges auf, das vielleicht für andere nützlich sein könnte. Ich habe, allerdings nicht ganz ernsthaft, den Stil eines Bewerbungsratgebers gewählt, gerade weil – wie deutlich werden wird – die allermeisten Bewerbungsratgeber im Fall von wissenschaftlichen und wissenschaftsnahen Stellen nichts zu taugen scheinen. Natürlich gilt: Alle Meinungen und Empfehlungen sind subjektiv und können nicht ohne weiteres verallgemeinert werden. Vielleicht helfen sie aber, die eigenen Bewerbungsunterlagen noch einmal kritisch durchzuschauen.

 

1) Lassen Sie sich Zeit! Und: Holen Sie sich Rat!

Nichts ist überflüssiger als eine schlampige Bewerbung, die innerhalb weniger Tage nach Erscheinen der Stellenanzeige bei der ausschreibenden Organisation (fortan: Arbeitgeberin) ankommt. Nutzen Sie die Länge der Bewerbungsfrist aus – mein Tipp wäre: etwa eine Woche vor Bewerbungsschluss, und sicher nicht am letzten Tag, an dem die Nerven der mit Bewerbungen überschwemmten Arbeitgeberin blank liegen. Geben Sie die Bewerbung Freunden zu lesen. Vielleicht investieren sie ein bisschen in ein professionelles Coaching. Allerdings muss es jemand sein, der sich mit wissenschaftlichen Stellen auskennt. Wichtig ist ein kritisches Gegenüber, das die inhaltlichen, stilistischen und formalen Schwächen der Bewerbung ohne falsche Rücksicht zur Sprache bringt, und Ihnen keine Sprechblasen  in den Text diktiert.

 

2) Im Anschreiben: Bewerbungslyrik entsorgen

„Sie suchen einen kommunikationsstarken, kompetenten und engagierten Mitarbeiter, der mit X, Y  und Z ihr Team bereichert? Dann sollten Sie mich kennenlernen!“. Solche Standardformulierungen aus dem Bewerbungsratgeber beeindrucken vielleicht den Recruiter einer Werbeagentur. In einem Anschreiben, mit dem Sie sich auf eine wissenschaftliche oder wissenschaftsnahe Stelle bewerben, haben sie nichts zu suchen. Schreiben Sie sachlich, präzise, und immer nur das, was relevant (siehe 4) und nachprüfbar (siehe 5) ist. Abgedroschene Vokabeln aus dem Bewerbungsratgeber vermeiden, wie etwa „dynamisch“, „aufstrebend“, „zukunftsweisend“, „innovativ“, „exzellent“, „Leadership/Soft Skills“, „fundiert“, „kompetent“ oder „robust“. Und bitte nichts „unheimlich spannend“ finden! „Mein Name ist …“ wirkt komisch, Sie bewerben sich ja nicht telefonisch. Bitte alle Selbstverständlichkeiten und Plattitüden weglassen: „Erfahrungen im gemeinschaftlichen Arbeiten in themenspezifischen Arbeitsgruppen“ oder „Fundierte theoretische und methodische Kenntnisse verschiedener Fachgebiete“ werden vorausgesetzt und beeindrucken niemanden. Gehaltsvorstellungen sind bei wissenschaftlichen und wissenschaftsnahen Stellen, die im öffentlichen Dienst bzw. analog hierzu ausgeschrieben werden, fehl am Platz.

 

3) Warum Sie nur genau eine Chance haben

Viele Bewerber/innen scheinen sich nicht im Klaren darüber zu sein, dass ihre Bewerbung im Extremfall eine von Hunderten ist. Die Arbeitgeberin liest die Bewerbungen daraufhin, so viele wie möglich schnell und begründbar aussortieren zu können. Ein Problem und Ihre Bewerbung liegt auf dem Ablehnungsstapel. Das heißt einerseits, dass Sie alles, was sie mitteilen wollen, im Anschreiben mitteilen müssen. Die Arbeitgeberin durchforscht weder den Lebenslauf noch die übrigens Materialien nach dort verborgenen Schätzen.  Sie wird keine Informationen nachfordern und auch keine Dokumente im Internet herunterladen. Wenn was fehlt: durchgefallen. Andererseits: Das Anschreiben wirklich kurz halten. Die wichtigsten Informationen passen auf eine Seite. Das geht, wenn man sich nur auf das bezieht, was gefragt ist (siehe 4) und die Arbeitgeberinnen-Perspektive einnimmt (siehe 6). Es wirkt außerdem nicht seriös, wenn Sie sich auf zwei Stellen gleichzeitig bewerben, die ein sehr unterschiedliches Profil haben.

 

4) Es ist egal, was sie können, wenn es nicht nachgefragt ist

Was mich besonders erstaunt hat, war, wie wenig die Bewerber/innen auf die Job Description, d.h. das Anforderungs- und Aufgabenprofil der Stellen eingegangen sind. Was Sie in Ihrer Magister- oder Doktorarbeit an erstaunlichen Erkenntnissen gewonnen haben, und mit welchen verantwortungsvollen Aufgaben Sie im Laufe Ihrer Karriere bereits betraut worden sind, ist nur dann von Interesse, wenn diese Dinge etwas mit der Stelle zu tun haben, auf die Sie sich bewerben. Konzentrieren Sie sich auf die Stellenbeschreibung und die erwarteten Qualifikationen, und zeigen Sie mit konkreten Beispielen, auf welche Weise Sie hier der oder die Richtige sind. Hier ist durchaus auch Platz, offen zuzugeben, dass Sie die eine oder andere Anforderung noch nicht erfüllen. Verweisen Sie  dann auf ähnliche Herausforderungen, die Sie bereits gemeistert haben. Schließlich: Auch Hobbies sind nur von Belang, wenn sie einen Zusammenhang mit der Stelle haben.

 

5) Behaupten kann man viel

Wenig überzeugend ist es, sich in höchsten Tönen, aber höchst unkonkret anzupreisen. Es reicht nicht aus, sich Teamfähigkeit, Organisationserfahrung, Interdisziplinarität (hierzu Nr. 8) oder interkulturelle Kompetenz mit dem pauschalen Hinweis auf die Arbeitsstationen zuzuschreiben, auf denen diese Qualifikationen erworben wurden. Ob Sie ein „kluger Kopf“ sind, erweist sich aus dem, was Sie (überprüfbar) gemacht oder geschrieben haben, und gerade nicht dadurch, dass Sie es betonen. Ganz schlecht: Den Text der Ausschreibung wiederholen, und dann behaupten, dass Sie das alles können. Auf „umfassende Expertise“ „überragend“, „exzellent“, „großes Talent“ verzichten, ebenso auf „Begeisterung“, „Hingabe“, „hohe Pflichterfüllung“, „perfekte Besetzung“. Jede Übertreibung rächt sich, sobald sich die Arbeitgeberin den Lebenslauf vornimmt und feststellt, dass die „profunden Kenntnisse“ in einem Praktikum gewonnen wurden. Bescheidenheit ist nach wie vor eine Tugend.

 

6) Versetzen Sie sich in die Arbeitgeberin

Diejenigen, die  Bewerbungen lesen, möchten sehen, dass sich die Bewerber/innen nicht nur mit den erwarteten Aufgaben und Fähigkeiten beschäftigt haben, sondern sich auch die wissenschaftlichen Aufgaben und Ziele der Arbeitgeberin angesehen haben. Dabei wird man selbst mit einem aufmerksamen Studium der Webseite diese Aufgaben und Ziele nicht hundertprozentig verstehen. Es fehlt die Kenntnis der Organisation von innen. Deswegen Vorsicht mit Aussagen über die Organisation. Auf jeden Fall nicht deren Selbstdarstellung von der Webseite abschreiben, sondern in eigenen Worten (vorsichtig) formulieren, Informationen gibt es im Internet genug. Die Arbeitgeberin ist auch nicht darauf angewiesen, ob Sie die Tätigkeit der Organisation „begeistert“ oder Sie sich  „gänzlich damit identifizieren“ können. Sie muss Sie interessant finden, nicht umgekehrt.

 

7) Auf Formalia und Gesamteindruck achten

Die Arbeitgeberin geht davon aus, dass Sie lesen können. Wenn in der Ausschreibung steht, dass die Bewerbung als „eine PDF-Datei“ eingereicht werden soll, dann „eine PDF-Datei“ einreichen. Zwei oder drei Dateien gehen vielleicht noch, aber nicht fünf (oder vierzehn!). Und auch keine Word-Datei oder ein JPEG (abfotografierte Zeugnisse oder Arbeitsproben? Geht gar nicht!). In so einem Fall bringt es auch ganz sicher keine Extrapunkte, die Bewerbung in Papierform vorbeizubringen. Unregelmäßige Einrückungen im Lebenslauf sind keine Nebensache – sie deuten darauf hin, wie Sie später Dokumente gestalten werden. Bei elektronischen Bewerbungen das Motivationsscheiben nicht in die E-Mail kopieren, das kann nur schief gehen, wenn es die Formatierung zerhaut. Ein kurzes E-Mail-Anschreiben mit Hinweis auf die Anlagen genügt. Die Bewerbung sollte einfach, klar und gut aufgebaut aussehen. Hintergrundbild, farbige Verzierungen, aufwendige grafische Gestaltung können grandios daneben gehen, wenn Sie kein entsprechendes Talent besitzen. Ein Bild kann man beifügen, kann es aber auch lassen – fragen Sie ihr kritisches Gegenüber, und verzichten Sie im Zweifelsfall darauf! Ganzseitige Porträts sind jedenfalls unangebracht. Den Lebenslauf im „amerikanischen“ Stil – die neuesten/letzten Erfahrungen als erstes. Kindergarten, Grundschule und Gymnasium interessieren grundsätzlich nicht, es reicht, mitzuteilen, wann und wie das Abitur zustande kam.

 

8) Achtung mit dem I-Wort

Besonders beliebt war das Wort „interdisziplinär“ – natürlich auch, weil es in der Ausschreibung genannt wurde. Aber: wenn Sie Politikwissenschaft und Theaterwissenschaften studiert haben, macht Sie das interdisziplinär?  Sie haben disziplinübergreifend studiert und dabei verschiedene Fächer kennengelernt. Interdisziplinär haben Sie aber nur dann wirklich gearbeitet, wenn Sie in konkreten Forschungsarbeiten die unterschiedlichen, oft unvereinbaren Erkenntnisinteressen mehrerer Disziplinen in mühevoller Arbeit zusammengebracht haben. Das müssen Sie zeigen. Interdisziplinarität ist anstrengend und konfliktreich und nicht etwas, was Sie beim Besuch etwa eines kulturwissenschaftlichen Seminars einfach so mitnehmen.

Ein Beitrag von Christian Boulanger

 

 

Quelle: http://gab.hypotheses.org/695

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Humanitärer Pop

 

Humanitäre Fragen wurden häufig von der Popmusik sehr ernst genommen. Ironie ist angesichts der Schwere des Themas normalerweise nicht im Fokus. Betrachtet man die Videos “Radi-Aid – Africa for Norway” oder “Aid Aid – Pimp my aid worker”, so wird schnell deutlich, das man nicht umhin kommt, sich genau damit zu befassen. Ende 2011 organisierten sich südafrikanische Studenten in Norwegen, um die Verwendung von Stereotypen in internationalen Spendenaktionen für die Entwicklungsländer in Frage zu stellen. Das Projekt “Radi-Aid – Africa for Norway” wurde ins Leben gerufen. Mit finanziellen Mitteln der norwegischen Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (Norad) und des norwegischen Rats für Kinder und Jugendliche (LNU) koordinierte der Norwegian Students’ and Academics’ International Assistance Fund (SAIH) die Aufnahme eines Musikvideos und die Erstellung einer Webseite (www.africafornorway.no).

 

Kurz gefasst kritisieren die Mitwirkenden den ausschließlichen Fokus auf Hunger, Armut, Kriminalität und AIDS, wenn es um mediale Spendenaktionen für Afrika geht. Ihrer Auffassung nach können solche Kampagnen die Menschen zwar kurzfristig zum Engagement motivieren. Langfristig habe die ständige Verwendung dieser Stereotypen jedoch den gegenteiligen Effekt: Die Menschen geben auf, weil ihnen die Hilfe nutzlos scheint. Deshalb plädieren die Organisatoren dieser Kampagne für die mediale Verbreitung positiver Entwicklungen in Afrika, mehr Kenntnis und mehr Respekt. Feinsinnig wird gezeigt, dass diese Kampagne sich für Entwicklungshilfe positioniert.

Das Interessante in diesem Projekt ist die ironische, aber gut gelaunte Kritik an den Stereotypen solcher Spendenaktionen. Das Musikvideo dreht den Spieß kurzerhand um: Es stellt das Leben der Norweger negativ dar und fordert die Afrikaner auf, sich für die Nordeuropäer zu engagieren. Für sie ist die Kälte in Norwegen so schrecklich wie Hunger — Kälte kann auch tödlich sein! Die Norweger seien deswegen auch kalt und hätten wenig Lebensfreude. Darum werden die Afrikaner gebeten, ihre Heizlüfter “with a tropical breeze” nach Norwegen zuschicken um so Licht und Lächeln zu teilen. Um diese Botschaft zu übermitteln, greifen die Organisatoren der “Radi-Aid”-Kampagne auch auf Stereotypen zurück, aber solche von der Pop-Konstellation.

Am Musikvideo beteiligen sich elf Sänger, die abwechselnd die Strophen und den Refrain zusammen singen. Die Sänger erscheinen hinter dem Mikrophon im Tonstudio, wo die Aufnahme des Songs stattfindet. So wird den Zuschauern der Produktionsprozess des Videos hinter den Kulissen gezeigt. Sofort werden Videos wie “Band-Aid – Do they know it’s Christmas?” und “USA for Africa – We are the world” ins Gedächtnis der Zuschauer gerufen. Zufall? Nein! Diese Videos dienten als Inspiration, wie in der Webseite des Projekts “Radi-Aid” erklärt wird.

Andere Projekte greifen auf diese ironische Form zurück, um ihre Kritik an humanitärer Hilfe zu äußern. Auch vom Norad und anderen unterstützt wurde das “Aid Aid – Pimp my aid-worker” Musikvideo. Hier erscheinen 23 Sänger aus Zambia mit Kopfhörern hinter dem Mikrophon in einem Studio. Ironischer und direkter als “Radi-Aid” plädieren die Organisatoren dieser Kampagne für eine neue Philosophie der Gleichheit:

“A world where real compassion includes a sense of real equality, where seriousness of purpose includes a sense of humor, where generosity includes moral clarity, where the black aid back and white’s not uptight, where we take each other seriously and smile at each other’s prejudices – as we move together as one”

(www.pimpnyaid.org/index.php/vision.html).

 

Warum wählten diese Projekte ein Musikvideo solcher Art aus, um ihre Kritik zu äußern? Warum ist das so ironisch?

Historisch betrachtet war das Projekt “Band-Aid – Do they know it’s Christmas?” bahnbrechend in der Verbindung von Popmusik und humanitärer Hilfe. Im November 1984 koordinierten die Musiker Bob Geldof (Boomtown Rats) und Midge Ure (Ultravox) die Aufnahme des Songs mit 36 britischen Popstars dieser Zeit. Jeder sang einige Strophen des Songs, einige Verse wurden von Mehreren gesungen. Der Refrain versammelte alle Sänger in einem Chor. Ein im Tonstudio aufgedrehtes “Making-Of”-Video wurde in ein Musikvideo des Songs umgewandelt, um Werbung für die Kampagne zu machen. Markant in diesem Video ist die ungewöhnliche Darstellung der Popstars als ganz normale Menschen: Sie haben keine Schminke, tragen einfache Kleidung und sind mit Kopfhörern im Tonstudio. Es wird gezeigt, wie sie im Studio eintreffen, einander begrüßen und sich hinter den Kulissen verhalten. Bekannt wurde auch ihr ehrenamtlicher, gemeinsamer Beitrag für den Kampf gegen Hunger in Äthiopien. Auf diese Weise versuchten sie, ihre Fans auf Augenhöhe anzusprechen und gemeinsam in einem Projekt zu engagieren. Schnell erreichte die Single die Spitze der Charts in Großbritannien.

 

International projizierte die nordamerikanische Version des Projekts – USA for Africa – durch den von Michael Jackson und Lionel Ritchie komponierten Song “We are the World” diese Form vom popmusikalischen Engagement für humanitäre Ursachen. Im Jahr 1985 erschienen mehr als 20 weitere Videos weltweit, in denen die originelle Form angepasst wurde, unter anderem “Band für Afrika – Nackt im Wind” (Deutschland), “Northern Lights – Tears are not enough” (Kanada), “Hawaii Stars – Way of Love Benefit” (Hawaii), “Stars – Hear N’ Aid” (Heavy-Metal-Musiker – USA), “Yu Rock Misija – Za Milion Godina” (Jugoslawen), “Forente Artiste – Sammen for livet” (Norwegen), “Rockzenészek az éhezó afrikáért – Mondo, mit ér egy falat kinyír?” (Ungarn), “Apua! Orkesteri – Soittaa Maksamme Velkaa” (Finnland), “Chanteurs sans frontières – Ethiopie” (Frankreich), “Australia too – The Garden” (Australien), “The Cause – Do something now” (USA), “Voces Unidas – Cantare, cantarás” (Lateinamerika), “Musicaitalia per l’Etiopia” (Italien), “Opus and Austria for Africa – Warum?” (Österreich), “2-Tone Allstars – Starvation” (England), “Tam tam pour l’Ethiopie” (Kamerun), “Krugerrand-Aid – Operation Hunger” (Südafrika), “Leven zonder honger” (Belgien) und “Samen” (Niederlande).

Der Absicht dieser Musiker, und vor allem Bob Geldofs, wurde schnell verdächtig in den Augen der Kritiker: Wollten sie tatsächlich helfen oder strebten sie nach weltweitem Ruhm und dadurch nach höherem Gewinn? Um diesen Verdacht auszuräumen, ließen sich z.B. Bono Vox (U2) und Bruce Springsteen auf äußerst politische Projekte wie “Sun City” ein. Diese neuen Musikvideos rekurrierten immer wieder auf dieses Format von kollektivem Engagement der Musiker. Als Folge wurde es zur weltweiten Form popmusikalischen Engagements par exzellence.

Vor diesem Hintergrund wird erst verständlich, warum die Projekte “Radi-Aid” und “Aid Aid” so ironisch wirken. Die Spannung zwischen der Form und dem Inhalt der Botschaft im Musikvideo bricht mit den Erwartungen der gewöhnlichen internationalen Hilfskampagnen. Auf diese Weise wird die politische Rolle der Popkultur in Frage gestellt: Kann der Pop als Plattform für eine neue Politik der Repräsentation auf internationaler Ebene dienen? Historische Analysen in dieser Hinsicht können uns helfen, Antworten zu finden. Dabei rückt der Popgeschichte ins Zentrum der Debatte.

 

 

Quelle: http://pophistory.hypotheses.org/627

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