Ich nehm’ dann mal ’ne Lutherol! Gedanken über die ‚Wirkung‘ von Religion im Lutherjahr

Neulich war ich in einer der vielen Ausstellungen zum Lutherjahr. Ich schreib mal nicht, welche. Darum soll es in dem Blogartikel nicht gehen. Denn das, was mir vor allem in Erinnerung bleibt, ist das Angebot im Museumsshop. Da gibt es nämlich Luther als Playmobilfigur zu kaufen und als Arznei, die Lutherol Breitband-Theologicum für Geist und Seele.

Luther, Playmobil 2017
(Foto: Autor/in)

 



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Quelle: https://marginalie.hypotheses.org/575

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Game of Thrones revisited: Fantasy und Skeptizismus

In einem früheren Beitrag des Marginalien-Blogs („Die Religion schlägt zurück! Phantastische Realität in Game of Thrones“) war die Stoßrichtung, „Religion“ und „Magie“ als wichtige oder immer wichtiger werdende Elemente der HBO-Serie auszumachen. Ich möchte in die genau entgegengesetzte Richtung argumentieren: Nicht weil diese Fantasy-Narration magische und religiöse Elemente hat, fällt sie aus dem Rahmen, sondern weil ein grundsätzlicher Skeptizismus und Nihilismus die Figuren beherrscht – zumindest bei den meisten, aus deren Perspektiven erzählt wird.

Folgender Text versucht, sich beim Spoilern von Inhalten der siebten Staffel auf Anspielungen zu beschränken.

Arya Stark gehört dabei zu denjenigen, die eine Transformation durchmachen, durch welche sie sich vom Zuschauer entfremden: die Initiation, ein „Niemand“ zu werden, ihr Ego gegen die Glaubenswelt des vielgesichtigen Gottes einzutauschen. Das Prozedere dabei erinnert an eine härtere Schule des Zen-Buddhismus. Schließlich – zu Beginn der neuen siebten Staffel – verfolgt die veränderte Heldin erst recht egoistische Motive der Rache – mit der Einschränkung, dass sie mit den Zielen ihrer Gottheit übereinzustimmen scheinen müssen. Jedenfalls scheint diese – das ist die erste spoilerhafte Andeutung über die neue Episode – darüber zu wachen, dass Arya nicht vom Weg abkommt.

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Quelle: https://marginalie.hypotheses.org/557

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Über den Cred-O-Mat oder von religionswissenschaftlicher Credibility als Besserwisserei

„Woran glaubst Du?“ fragt die ARD in ihrer Themenwoche vom 11.-17. Juni 2017 und trifft damit zweifellos einen gesellschaftlichen Nerv – wohl nicht zuletzt auch aufgrund der zeitlichen Nähe zum evangelischen Kirchentag[1] und dem Deutungsgerangel um umstrittene Besucher*innenzahlen in dessen Nachgang. Auch bei Religionswissenschaftler*innen triggert die Frage im Themenwochenformat[2] natürlich eine ganze Reihe von Erwartungshaltungen, Hoffnungen, Vorstellungen: Geht es hier um Religion? Handelt es sich hier um ein religionskundliches Format, dass religiöse Vielfalt (in Deutschland) abbilden möchte (was ich bei Gelingen begrüßen würde)? Oder ist mit „glauben“ mehr oder gar anderes gemeint, als Religion? Ist es mein religionswissenschaftlicher blinder Fleck, dass ich auch dort Religion wittere, wo sie vielleicht gar nicht ausdrücklich angesprochen ist?

Mit diesen ersten Fragen im Hinterkopf und dem grummelig-neidischen bis staunenden Gefühl, dass mit diesem Coup wieder mal jemand mit viel Öffentlichkeit die Butter vom Brot der religionswissenschaftlichen Daseinsberechtigung genommen zu haben scheint, scrolle ich mich unschlüssig durch die Seiten der Themenwoche, als mich unerwartet der „Cred-O-Mat“ anspringt, der mich einlädt, per Kurztest herauszufinden, woran ich glaube.

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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/549

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Die protestantische ‚Still-Legung‘ der Musik: Ein (längst überfälliger) Beitrag zum Luther-Jahr

Eine Beobachtung, die jeder kennt, der schon einmal in einem ‚klassischen‘ Konzert, im Ballet oder einer Oper war: Gutbürgerlicher, gesitteter Musikgenuss ist eine äußerst passive, man möchte sagen einseitige Geschichte: Viele sitzen stumm und weitestgehend still – hier und da kann man wippende Knie entdecken oder ein wohlwollendes Auf und Nieder des Kopfes –, während die wenigen auf der Bühne sich ins Zeug legen, mit ganzem Körpereinsatz, und manchmal sogar ins Schwitzen kommen.
Ist das nicht zutiefst kontraintuitiv? Geht Musik ohne Bewegung? Und überhaupt: Einen ganzen Saal mit Stühlen zu blockieren, die jegliche Bewegung unterbinden, erscheint bei Lichte besehen ziemlich widersinnig. Nicht umsonst räumt man zu anderen Anlässen Stühle und Tische beiseite, wenn die Band aufspielt. Sich nicht zu bewegen bei Musik, das scheint in etwa so paradox, wie einem Kind zu sagen, es solle auf der Schaukel nicht schwingen.

Bundesarchiv, Bild 183-1987-1023-051 / Link, Hubert / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-1987-1023-051, Berlin, 750-Jahr-Feier, Staatsakt, Konzert, CC BY-SA 3.0 DE

Gesitteter Musikgenuss: Am 23. Oktober 1987 fand in Ost-Berlin ein Konzert anlässlich des 750jährigen Jubiläum Berlins statt, bei dem Ludwig van Beethovens 9.

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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/538

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Die Politisierung sexueller und geschlechtlicher Differenz: zur Rolle von Religionsforschung für globale LSBTTIQ-Bewegungen

Die Situation trans*identer Menschen verschärft sich in den letzten Jahren weltweit – gerade auch in Gesellschaften, die historisch über plurale Konzepte von Geschlecht verfügten. Trans*personen geraten zunehmend ins Fadenkreuz ethnischer, nationaler und/oder religiös-fundamentalistischer Bewegungen. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz diagnostiziert in seinem Essay Zwischen Hyperkultur und Kulturessenzialismus „weltweit Tendenzen einer kulturellen Schließung von Lebensformen, in denen eine neue rigide Moralisierung wirksam ist“1. Die kulturessentialistische Wende, die er für die Gegenwart diagnostiziert, erkennt er in so unterschiedlichen Strömungen wie denen des Salafismus, der Front National, evangelikalen Gruppierungen und den autoritären nationalistischen oder national-religiösen Bewegungen eines Vladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan, Donald Trumps oder der Alternative für Deutschland, die sich als Sprecher einer selbstgenügsamen, von außen bedrohten imaginären Gemeinschaft gerieren. Kulturessentialismus versteht er dabei als Gegenbewegung einer ‚offenen‘, liberalen Hyperkultur globalisierter und kosmopolitisch orientierter Mittelschichten. Die Begegnung dieser beiden Modelle in der Spätmoderne sieht Reckwitz als zentrale Konfliktressource der Gegenwart: ein Kampf der Kulturalisierungen. Reckwitz definiert die Milieus, die er als Träger der Hyperkultur versteht, über den Wert, den sie – in Abgrenzung zur als affektarm wahrgenommenen Massenkultur der Moderne – der Selbstentfaltung und Kultivierung eines schöpferischen ‚Ich‘ in Arbeitsleben, Freizeit oder Konsum zuweisen. Expressive Berufsbilder, individueller Konsum von Design- oder Vintage-Objekten, Freizeitformate, die kreativen Ausdruck und Selbsterfahrung ermöglichen, authentische Erfahrungen durch Reisen oder Spiritualität und neue Sinneseindrücke auf Musik-Festivals, Kunstbiennalen oder über Food-Trends werden zu zentralen kulturellen Ressourcen. Hierfür integriert die Hyperkultur beständig globale ästhetische Impulse, Kunstformen und Herstellungstechniken und passt diese an die Bedürfnisse globaler Konsumentenschichten an.



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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/498

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Staatssozialismus, Rock und Christentum: Zur Rezeption der Rockoper „István, a király“

Wie ein christlicher Gedenktag ein spätsozialistisches Regime legitimieren kann: Das Beispiel der Rockoper „István, a király“ (1983) und der Tag des Heiligen Stephan (István)

Statue von Stephan I. auf der Fischerbastei in Budapest, Foto: Ben Godfrey, Wikimedia Commons

Statue Stephans I auf der Fischerbastei in Budapest, Foto: Ben Godfrey, Wikimedia Commons

Am 20. August wird in Ungarn der Sankt Stephans Tag begangen, der in Ungarn als offizieller Feiertag gilt, sich aber auch unter der ungarischen Minderheit in den Nachbarländern wie der Slowakei und Serbien großer Beliebtheit erfreut. Bereits seit mehr als 200 Jahren stellt der 20. August einen Fixpunkt im ungarischen Festtagskalender dar. István (Stephan) gilt als der erste christliche König Ungarns und seine lange Herrschaftszeit von ca. 997 bis 1038 (ab 1001 als König von Ungarn) gilt als vergleichsweise friedlich und segensreich. Nach Fürst Árpád, der – so die Legende –  im Jahr 896 die ungarischen Stämme im Karpatenbecken ansiedelte, kommt István die Rolle des zweiten Begründers des ungarischen Staates zu. Der Mythos vom weisen, christlichen König ist besonders um die Jahrhundertwende und in der Zwischenkriegszeit kultiviert worden.

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Quelle: http://erinnerung.hypotheses.org/853

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Religion im Wattenmeer: Beobachtungen zu Tourismus und Religion

Religion existiert nicht in strikter Trennung zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Das zeigen einige der Beiträge in diesem Blog (z. B. hier oder hier) sowie ein Blick in die aktuellen Debatten über die Rolle von Religionen in Politik, Gesellschaft und Populärkultur. Doch auch in weniger konfliktbehafteten Gefilden spielt Religiöses, vielleicht überraschenderweise, eine nicht unbeträchtliche Rolle: Zum Beispiel im nordfriesischen Tourismus.

Wo Wattenmeer draufsteht, ist auch Wattenmeer drin – sollte man meinen. Doch ein etwas genauerer Blick in den Veranstaltungskalender einer beliebten Nordseeinsel zeigt, dass da noch ganz andere Themen und Akteure – hier interessieren besonders die religiösen – mitspielen oder mitspielen wollen.

Religion im Tourismus?

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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/359

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God-Porn oder: Vom Jesuskind im Trikot und übermenschlichem Muskelspiel

Die Diffusion religiöser Elemente in die Populärkultur ist in den letzten Jahren bereits thematisiert worden (vgl. Knoblauch 2009). Religiöse Events werden medial überformt, religiöse Narrative in populärkultureller Gestalt an anderer Stelle aufgegriffen – in Diskussionen über Leben und Tod, aber auch materiell manifestiert. Wir kennen Buddha-Statuen in Einrichtungshäusern, Yin-und-Yang-Symbole in Wellness-Anstalten und Engelsflügel als Kettenanhänger.

"MY GOD IS A DJ" von monsieur haze. CC BY-NC-ND.

"MY GOD IS A DJ" von monsieur haze. CC BY-NC-ND.

Ganz allgemein lassen sich diese Übernahmen vielleicht als Verweis auf das Faszinosum Religion deuten. Letztere ist noch präsent im kulturellen Gedächtnis, ihre Bilder und Begriffe rufen Assoziationen hervor – aber sie hat für viele ihre Selbstverständlichkeit und Alltäglichkeit verloren. Religiöse Symbole taugen deshalb als faszinierendes, geheimnisvolles, und damit oft attraktives und schmückendes Lifestyle-Accessoire für Einrichtung, Kleidung, Körperschmuck. (Damit ist übrigens, erstens, kein dystopischer Unterton verbunden. Zweitens ist damit nicht impliziert, dass es sich hier um einen Transfer von genuin religiöser Gedankenwelt in eine genuin nicht-religiöse Umwelt handele: Hier soll beides als stetig untrennbar verbunden begriffen werden und zudem das, was hier als „religiös“ benannt wird, nur als diskursiv im Feld der Religion verortbar verstanden.)

Trotzdem ist dieses Thema noch erstaunlich wenig systematisch unerforscht. Vielleicht auch, weil es umfangreiche Kautelen – wie in der vorangegangenen Klammerbemerkung nur kurz angerissen – mit sich bringt. Ich werde dennoch später darauf eingehen, warum es eine fruchtbare Perspektive kulturwissenschaftlicher Religionsforschung sein kann. Zunächst möchte ich dafür aber ein einschlägiges Beispiel vorstellen.

Über 5 Minuten ist der Werbespot „The Game before the Game“ lang, der für die Fußballweltmeisterschaft in diesem Sommer produziert wurde, mit einem riesigen Staraufgebot (von Neymar Jr. über Schweinsteiger zu Suarez und van Persie, aber auch VIPs anderer Provenienz wie LeBron James, Serena Williams, Lil' Wayne oder Nicky Minaj) aufwartet und, das nur am Rande, für Kopfhörer der Marke „Beats by Dr. Dre“ wirbt. Der Clip ist in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Und: Fußball wird in ihm ganz fest mit Religion vernäht. (Das ist auch insofern spannend, als dass er die üblichen „Fußball-als-Religion“-Debatten deutlich in den Hintergrund verweist, indem er klare visuelle und narrative Referenzen auch auf „traditionelle Religionen“ bietet.) Schaut euch den Clip hier an:

Meines Erachtens spielen religiöse Elemente hier auf drei Ebenen eine eminente Rolle: In einer christlich geprägten Rahmenerzählung, in einer ritualgeprägten Visualität, und in der Stilisierung der Fußballspieler zu einem neuen griechischen Götterpantheon.

  • Zur Rahmenerzählung: Neymar Jr., einer der Helden dieses Clips (und tragischer Held der folgenden WM) telefoniert vor dem Eröffnungsspiel mit seinem Vater. Dieser ermahnt ihn, zu rennen wie niemals zuvor, glücklich zu sein, sich nicht zurückzuhalten, keine Hemmungen zu haben. Am Ende des Clips folgt den Ratschlägen die Ermutigung, während Neymar als dunkle Gestalt auf einen hellen Durchgang zusteuert: „Put God's army in front of you. Wear Gods armour from the helmet to the sandals. Go with God. God bless you.“ - Vermutlich ein Verweis auf Epheser 6.11-18: Ziehet an die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr zu bestehen vermöget wider die Listen des Teufels. […] beschuht an den Füßen mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens [...] Nehmet auch den Helm des Heils“. Wie auch immer, die Einbettung in christliche Tradition ist deutlich und passt zu Neymars eigenen Überzeugungen, soweit sie der Öffentlichkeit bekannt sind.
  • Zur ritualgeprägten Visualität: „The Game before the Game“ lautet der Titel des Clips, und es geht demzufolge um die Vorbereitung aller Beteiligten – Spieler, Fans, Reporter – auf das Fußballspiel. Diese Vorbereitungen bestehen geradezu ausschließlich darin, Rituale durchzuführen und Glücksbringer zu aktivieren. Neben einigen Bezügen auf die Nation – Fahnen schwenken und schminken, die Unterwäsche oder den Nagellack in Landesfarben wählen – finden sich eine Vielzahl religiöser Referenzen: ein Hausaltar mit Jesuskind in Fußballtrikot, ein Ritual mit möglicherweise amazonas-indianischen Bezügen (Hinweise werden gern genommen, gemeint ist die Sequenz bei 3:50), das Versenken im Gebet und viele kleinere beschwörende und rituelle Handlungen wie das Anbringen von Glücksbringern bei Fans ebenso wie Fußballern. Stetiger Bezugspunkt ist auch hier, dem Titel des Clips gemäß, die optimale Vorbereitung auf das Spiel: Alle Register werden gezogen, um Gott und Glück auf die jeweils eigene Seite zu schlagen.
"Aztec Gods" von Andrew Becraft. CC-BY_NC_SA.

"Aztec Gods" von Andrew Becraft. CC-BY-NC-SA.

  • Zur Stilisierung der Fußballer: Im Gegensatz zu den anderen Ebenen ist diese deutlich weniger explizit, sie drängt sich nur bei einem Blick auf abstrakterer Inszenierungsstrategien auf. Markant ist aber gleich der Beginn – ein Schelm, wer Böses (d.h. hier: Riefenstahlsches) dabei denkt: Mit Neymar Jr. fliegen wir über Meer und Land, durch die Wolken herab in die Niederungen der jubelnden Menge, die uns frenetisch begrüßt. Und im Folgenden ist körperbetonende Heldenhaftigkeit die Leitlinie der Darstellung: Die Beherrschung des Balles, lässige Gänge durch die Flure, von hinten betrachtet, vor allem aber Körperlichkeit bis hin zu deutlicher Erotisierung durchziehen das Video. Viel Nacktheit, Muskelspiel, Tattoos, Schweiß und die rituell-feiernde Pflege des männlichen Körpers, all dies macht den Fußballer zu einem sexualisiertem Helden. Die einsame Inszenierung – nie geht es um eine Mannschaft, nie sind mehrere Fußballer gleichzeitig zu sehen – das Kämpfen, das Beherrschen besonderer Fähigkeiten, das frenetische Gefeiertwerden, die Verehrung durch die (auch weiblichen) Fans, die Bilder ihrer Helden austauschen, sich am Körperbefestigen, für sie ihren Körper verändern (bis hin zur Tätowierung), es macht sie zu angebeteten, übermenschlichen, halbgotthaften Gestalten und Heilsträgern.

Zum Clip könnte noch viel mehr gesagt werden. Etwa zur Musik, die immer wieder die Zeile „Ain't no God in these streets/in the heart of the jungle“ wiederholt. Zum Bezug zum Titel, „The Game before the Game“, oder zu den fast vergessenen Kopfhörern. Hier aber stattdessen zurück zu religiösen Elementen in populärer Kultur: Die sind im geschilderten Beispiel auf verschiedenen Ebenen zu finden, und greifen dort jeweils auf unterschiedlichste Traditionsbestände zurück. Diese Bricolage begünstigt auch die Freiheit, gleichermaßen visuelle Marker wie Rollen- und weitere Referenzen zu verbinden und macht die Vielfalt möglicher Verweise nachdrücklich deutlich.

Warum nun diese Betrachtung? Sicher lässt sich nichts über die Wirkung sagen – ob durchschnittliche Betrachter*innen angesichts des Clips religiös musikalisch werden, ist zweifelhaft. Ebenso lässt sich über produzentenseitige Intentionen nur spekulieren. Einzig möglich ist daher so etwas wie eine Diskursanalyse religiöser Narrative. Was nutzt dies, über den unterhaltsamen Einzelfall hinaus? Der Aufgriff und die Adaption religiöser Narrative jenseits dessen, was gemeinhin als das eigentliche religiöse Feld verstanden wird, lässt Rückschlüsse zu auf das, was an Religion mit Blick auf breite gesellschaftliche Schichten als attraktiv verstanden wird. Oder besser: auf die Schnittmenge von Religion und gegenwärtig Interessantem, Reizvollem, Erstrebenswertem. Das individuell ermutigende traditioneller religiöser Botschaften und die magischen Werkzeuge, mit denen sich ein Geschick steuern lässt, so lässt sich dem Clip entnehmen, sind populärkulturell anschlussfähige Faszinosi. Religion als Werkzeug und als Entlastung, das könnten demnach zwei größere Themen sein, die sich weiterverfolgen ließen, wenn es um den Aufgriff religiöser Narrative in Narrationen der Populärkultur geht. Ein weitere Thema ist die Attraktivität übermenschlicher Lichtgestalten, die das leisten, was wir nicht können – attraktiv in doppeltem Wortsinne, denn angesichts der Figuren wird deutlich, wie sehr die Halbgötter menschlichen Schönheits- und Sexualitätsvorstellungen unterworfen sind. All dies gibt zunächst Aufschluss über Gesellschaft, nicht über religiöse Traditionen im klassischen Sinne. Eine Sprachfähigkeit hierzu steht aber auch Religionswissenschaftler*innen nicht schlecht zu Gesicht. Und davon ausgehend, dass wechselseitige Beeinflussungen an der Tagesordnung sind, oder aber sich Gesellschaft und Religion überhaupt nicht voneinander scheiden lassen, ist die Untersuchung solcher Adaptionsprozesse umso wichtiger für gegenwärtige Religionsforschung.

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Quelle: http://marginalie.hypotheses.org/53

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