Einige Aufnahmen von der Ausstellung in der Stadthalle. Fotos aller Exponate folgen in den nächsten Tagen!
Geschichtswissenschaftliche Blogs auf einen Blick
Einige Aufnahmen von der Ausstellung in der Stadthalle. Fotos aller Exponate folgen in den nächsten Tagen!
Im Sommer 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Ab Juli thematisiert das Auswanderermuseum BallinStadt in einer Sonderausstellung die Auswirkungen des Krieges auf die Auswandererhallen auf der Veddel. Diese Pavillon-Anlage gewährte europäischen Emigranten den Aufenthalt vor ihrer Abreise in die neue Welt. Um einen Vorgeschmack auf die Geschichte der Hallen zu geben, werfen die Hamburgischen Geschichten schon jetzt einen Blick auf die Entstehung und Entwicklung der Auswandererhallen.
Das Auswanderungsgeschäft war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wichtiger Wirtschaftsfaktor Hamburgs. Die Stadt entwickelte sich zum größten Auswandererhafen Deutschlands – ein Nadelöhr auf dem Weg in die neue Welt. Von hier aus starteten die Schiffe der Reederei Hapag (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft).
Die Hamburg-Amerika-Linie hatte im Jahr 1892 Auswandererbaracken am Amerika-Kai errichtet. Im Jahr 1901 folgte der Umzug auf die Veddel. Die neuen Auswandererhallen boten Platz für mehr als 1000 Personen und beherbergten eine eigene Infrastruktur. Die Anlage bestand zunächst aus 15 Gebäuden: ein Empfangsgebäude, fünf Schlaf- und Wohnpavillons, zwei Hotels, eine Speisehalle, eine Kirche, ein Musikpavillon, ein Verwaltungsgebäude, ein Lazarett, ein Gepäckschuppen sowie ein Stall. Da der Andrang groß war, wurden die Auswandererhallen auf der Veddel nach drei Jahren erweitert. Auf dem Gelände von etwa 55.000 Quadratmeter standen nun mehr als 30 Gebäude, die bis zu 5.000 Menschen aufnehmen konnten.
Mit den Auswandererhallen, die 1901 fertig gestellt wurden, entwickelte die Hapag im Auswanderergeschäft ein gut funktionierendes und gewinnbringendes System. Die Reederei warb von nun an mit „All-inclusive-Angeboten“ um die Auswanderer: Mit dem Kauf des Schiffstickets erhielten diese auch die Karte für die Fahrt in Zügen von den Grenzkontrollstationen zu den Hafenstädten und die Unterbringung und Verpflegung in den Auswandererhallen. Von den 156.000 Auswanderern, die im Jahr 1907 Hamburg verließen, übernachteten rund 113.000 auf der Veddel.
Die Idee und Planung dieser Hallen fiel auf Albert Ballin zurück, weshalb das Museum heute seinen Namen trägt. Ballin wurde am 15. August 1857 geboren. Sein Vater Samuel Joel Ballin, der sich später Joseph Ballin nannte, war Gründer der unabhängigen Auswandereragentur Morris & Co. Die Agentur warb Auswanderer an und organisierte den Transport der Emigranten zum Hamburger Hafen. Als Albert Ballins Vater 1874 starb, übernahm der junge Ballin die Führung der Auswandereragentur.
Um mehr Kundschaft zu gewinnen, änderte Ballin das Konzept der Agentur und organisierte nun auch die Überfahrt selbst. Dieses Angebot fand so viel Zuspruch, dass seine Firma scharfe Konkurrenz für die Hapag wurde. Um die Hapag zu retten, kaufte die Reederei im Jahr 1886 Ballins Firma. Zwei Jahre später wurde Albert Ballin in den Vorstand der Hapag gewählt.
Zu diesem Zeitpunkt besaß die Reederei keine ernst zu nehmende Führung und befand sich in einer Krise. Dank Ballins Fähigkeit Marktlücken zu erkennen, gelang es, die Wende für die Hapag herbeizuführen. 1897 war die Reederei unter Ballins Leitung zur größten der Welt geworden – und blieb dies bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
Die Niederlage Ballins durch den Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg änderte die Situation für die Hapag grundlegend, denn mit der Kriegserklärung Großbritanniens an das Deutsche Reich brach die Hapag zusammen: Anfang November 1914 erklärte die britische Admiralität die gesamte Nordsee zur Kriegszone, sperrte sie und den Kanal zwischen Norwegen und Schottland für die deutsche Schifffahrt. Die Auswanderung über Hamburg war von nun an nicht mehr möglich.
Mit Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im April 1917 wurden zudem 35 Hapag-Schiffe beschlagnahmt, die in den US-Häfen vor Anker lagen. Damit waren die Auswanderer- und Kreuzfahrtschiffe nicht mehr in der Hand der Hapag, was einen großen Einbruch für die Reederei bedeutete.
Die Auswandererhallen auf der Veddel, die für die Auswanderer nicht mehr von Nutzen waren, wurden zu einem Marine-Lazarett umfunktioniert. Hamburg verlor einen großen Wirtschaftszweig.
Unter Ballins Führung wurde die Hapag zur größten Reederei der Welt – das Tor zu dieser Welt wurde Hamburg. Durch den Ersten Weltkrieg verlor Ballin dieses Lebenswerk jedoch. Am 8. November 1918 nahm er eine Überdosis Beruhigungsmittel, an denen er einen Tag später, am 9. November 1918, starb.
Nähere Informationen zu den Auswandererhallen im Ersten Weltkrieg sind ab Juli 2014 in der Sonderausstellung der BallinStadt zu entdecken.
Zum Weiterlesen:
Katharina Reissmann ist Studentin an der Universität Hamburg am Historischen Seminar.
Großbritannien und Japan waren seit dem Vertrag von 30.1.1902 Verbündete – und im August 1914 forderte Großbritannien die Hilfe des Verbündeten. Japan trat an der Seite Großbritanniens in den Krieg ein. Das Deutsche Reich wurde per Ultimatum aufgefordert, alle Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Hoheitsgewässern abzuziehen und die Kontrolle über ‘Tsingtao’ (Qingdao 青島) an Japan zu übergeben. Nach Ablauf des Ultimatus folgte die Kriegserklärung. Qingdao wurde am 7. November 1914 nach drei Monaten Belagerung besetzt.
In der allgemeinen Presse (sowohl in deutschen als auch in österreichisch-ungarischen Blättern) wurden die Ereignisse eher beiläufig geschildert und wenig kommentiert.[1] In den deutschen satirisch-humoristischen Blättern wurde Japan in zum Teil sehr drastischen Bildern (im Wortsinn wie im übertragenen Sinn) als Handlanger der Engländer gezeichnet – ein Beispiel ist das Gedicht “Tsingtau” (Kladderadatsch Nr. 46 (15.11.1914) [S. 2] – oder als Barbar oder Affe verunglimpft, der sich an seiner Beute “erwürgen” soll (s. Die Bombe Nr. 46 (15.11.1914) S. 2.).
In vielen Texten, die sich auf die Ereignisse in Ostasien beziehn, werden Spannungen zwischen den ‘Verbündeten’ voraus – vor allem um die besetzten deutschen Kolonien im Pazifik ‘vorhergesehen’. Der Wahre Jakob bringt in der Nummer vom 28. November 1914[2] den Bilderbogen “Das ostasiatische Geschäft”.
Der Wahre Jacob Nr. 740 (28.11.1914) 8524
Quelle: UB Heidelberg
Das ersten drei Bilder zeigen identische Szenen: einen Thronsessel auf einem Podest, im Hintergrund ein Motiv, das an die Kyokujitsuki 旭日旗, die Flagge der aufgehenden Sonne” erinnert. Dargestellt sind drei Personen, zwei sind durch Kleidung, Haar- und Barttracht und Schuhe als ‘japanisch’ markiert, die dritte durch den Tweed-Anzug als ‘britisch’. Der eine der beiden ‘Japaner’ sitzt auf dem Thronsessel, er ist prächtig gekleidet und trägt einen großen Orden um den Hals. Der zweite – etwas schlichter gewandete – steht neben ihm. Der ‘Engländer’ steht auf den Stufen des Podests beziehungsweise vor dem Podest und spricht zu den beiden:
“Wenn Japan unser Bundesgenosse werden will, erhält es Kiautschau[3], die Mariannen [sic!] , und die Karolineninseln[4] —” [Bild oben links]
“— auch auf Deutsch-Ostafrika soll es uns nicht ankommen, wenn Japan uns hilft, Indien und China in Ruhe zu halten!” [Bild oben rechts]
Der auf dem Thron sitzende ‘Japaner’ nimmt den großen Orden, den er um den Hals trägt ab und schickt sich an, diesen dem sich vor ihm verneigenden ‘Engländer’ umzuhängen:
“Dein erhabener König soll an mir einen guten Bundesgenossen haben!” [Bild unten links]
Im letzten Bild wird die weitere Entwicklung skizziert: Aus dem Podest im Thronsaal ist eine lange Treppe geworden, an deren Fuß ‘Engländer’ und einer der ‘Japaner’ derangiert am boden liegen – denn sie wurden von ‘Indien’ und ‘China’ die Treppe hintergeworfen:
“Wie es den braven Bundesgenossen wahrscheinlich ergehen wird.” [Bild unten rechts.]
Es bleibt zunächst offen, wer die dargestellten Personen sind – ob sie für konkrete Personen stehen oder ob sie ‘Typen’ darstellen sollen. Aus dem Text zum Bild links unten wird klar, dass die auf dem Thron sitztende Figur den japanischen Kaiser darstellen soll. Ob das Publikum die auf dem Thron sitzende Figur spontant als den Taishō-tennō 大正天皇 (1879-1926, regierte 1912-1926) identifizieren konnte?
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Hier entsteht derzeit der Online-Katalog zur Ausstellung “Linz im Ersten Weltkrieg”, 10. bis 18. Mai 2014, Stadthalle Linz am Rhein.
Dissertationsprojekt: Zwischen Union sacrée und verstecktem Antisemitismus – Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden in Frankreich während des Ersten Weltkriegs
Der Erste Weltkrieg gilt in der französischen Historiographie als Kristallisationsmoment der Herausbildung eines starken jüdischen Patriotismus. Die vollständige jüdische Integration in die Nation sollte mithilfe militärischen Engagements und dem damit verbundenen Opfer auf dem Schlachtfeld gelingen. Durch den gemeinsamen Kampf sollte erreicht werden, was zu Friedenszeiten nicht möglich gewesen war: die Überwindung antisemitischer Ressentiments im Anschluss an die Dreyfus-Affäre und damit die uneingeschränkte Aufnahme der jüdischen Minderheit in die französische Gesellschaft.
Hinter diesem Narrativ, das die Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden und ihre Erfahrungen während der Kriegsjahre fast ausschließlich auf den patriotischen Gedanken im Kontext des Schützengrabens reduziert, tritt eine darüber hinausgehende Vielstimmigkeit des Kriegserlebens weitgehend zurück. Diese wird zwar in den Editionen von Korrespondenzen französischer Juden wie Marc Bloch oder Émile Durkheim deutlich, doch geben diese Quellen lediglich Einblicke in die männlichen Erfahrungswelten von Soldaten und Agitatoren im Dienste Frankreichs. Die Dialogpartnerinnen dieser Briefwechsel bleiben hingegen oftmals stumm und damit auf die Rolle passiver Empfängerinnen beschränkt. Durch dieses Nicht-Beachten der Briefe der Korrespondentinnen werden bislang nicht nur komplexe Dialoge zweier Individuen auf einseitige Monologe verkürzt, sondern es entsteht auch eine deutliche Leerstelle in Bezug auf die weiblichen Erfahrungswelten während des Krieges.
Im Rahmen meines Dissertationsprojektes strebe ich deshalb eine gleichwertige Einbeziehung der vielfach – sowohl in der Historiographie zum Ersten Weltkrieg als auch in der Antisemitismusforschung – vernachlässigten weiblichen Perspektive an. Anhand einer auf die Verschränkung und Verflechtung männlicher und weiblicher Perspektiven ausgerichteten Analyse von Kriegskorrespondenzen französischer Intellektueller und ihrer Ehepartner widmet sich mein Projekt dabei erstens Strukturen und Besonderheiten im Sprechen über den Krieg und sein Erleben. Wie unterscheiden sich die Darstellungen und das Verständnis des Konflikts? Welche Rollen schrieben sich die Briefpartner selbst und gegenseitig zu? Wo sahen sie ihre Positionen und Verpflichtungen innerhalb des Konflikts und welche Hoffnungen projizierten sie auf die Zeit nach Kriegsende? Neben diesen allgemein auf das Kriegserleben ausgerichteten Fragestellungen liegt der Fokus meines Projekts auf der Analyse der Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden während der Kriegsjahre. Welchen Stellenwert hatte die Religionszugehörigkeit für die Korrespondenten beziehungsweise definierten sie sich selbst als Juden? Wie charakterisierten sie ihre Beziehungen zu ihren Mitkombattanten oder innerhalb ihrer sozialen Netzwerke? Wurden sie zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe oder berichteten sie von derartigen Vorfällen? Und zuletzt, welche Rolle schrieben sie dem Aufruf zur Union sacrée zu, wobei in diesem Zusammenhang auch das Verhältnis von Zensur und Autozensur zu reflektieren ist?
Die Quellenbasis der Untersuchung bilden die Kriegskorrespondenzen von vier Ehepaaren: dem Ethnologen Robert Hertz und seiner Frau Alice, dem Historiker Jules Isaac und seiner Frau Laure, dem Soziologen Maurice Halbwachs und seiner Frau Yvonne sowie dem Philosophen Michel Alexandre und seiner Frau Jeanne. Die ausgewählten Paare repräsentieren sowohl Verbindungen zwischen zwei jüdischen Partnern als auch zwischen Juden und Nicht-Juden. Alle vier Paare entstammten dem universitären Milieu und waren miteinander bekannt beziehungsweise standen – im Falle von Maurice Halbwachs und Jeanne Alexandre – in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander. Trotz dieser engen sozialen Verbindungen repräsentieren sowohl die Frauen als auch die Männer der ausgewählten Paare sehr unterschiedliche Positionierungen und Erfahrungen während der Kriegsjahre. So meldete sich Robert Hertz zu Kriegsbeginn freiwillig zum Militärdienst und starb bereits im April 1915 an der Front, wohingegen Maurice Halbwachs nach seiner Ausmusterung im Kriegsministerium arbeitete. Laure Isaac zog sich mit ihren Kindern in die Bretagne zurück; Jeanne Alexandre dagegen engagierte sich zusammen mit ihrem Mann im sozialistisch-pazifistischen Milieu.
Eine verflechtende Analyse der Kriegskorrespondenzen dieser vier Ehepaare ermöglicht Einblicke in die Vielfältigkeit des Kriegserlebens sowie der alltäglichen Beziehungen von Juden und Nicht-Juden und zeichnet ein differenzierteres Bild der Kriegserfahrungen französischer Jüdinnen und Juden.
Zur Erweiterung der Perspektive über das universitäre Milieu hinaus werden zudem exemplarisch Zeitungen, Dossiers der Polizeipräfektur von Paris sowie Berichte aus den militärischen Einheiten, in denen Robert Hertz und Jules Isaac dienten beziehungsweise Akten ihrer Mitkombattanten, in die Analyse einbezogen. Durch diese Ausweitung des Quellenkorpus erscheinen die Korrespondenzen nicht als isolierte Einzelschicksale, sondern werden in einen milieuübergreifenden Kontext des Kriegserlebens von Jüdinnen und Juden in Frankreich während der Kriegsjahre eingebunden.
Methodisch bezieht sich das Projekt sowohl auf die Konzepte der „Kriegserfahrung“ des gleichnamigen Sonderforschungsbereichs der Universität Tübingen und der „Kriegskultur“ des Historial de la Grande Guerre, Péronne als auch auf die Verbindung von Antisemitismusforschung und Geschlechtergeschichte. Das Ziel der Dissertation ist es somit, einen Beitrag zur Verschränkung von kulturgeschichtlichen Ansätzen der Militärgeschichte und einer um die Kategorie Geschlecht erweiterten Antisemitismusforschung zu leisten.
Das Dissertationsprojekt wird mit einem Wissenschaftsblog begleitet.
Abbildungen:
Vor- und Rückseite der Postkarte von Alice Hertz an ihren Mann Robert vom 21. November 1914: Carte. Charoy, 21 novembre 1914© Collège de France. Archives Laboratoire d’anthropologie social/ Fonds Robert Hertz. Mit Dank an das Collège de France für die Publikationserlaubnis. Alle Rechte vorbehalten.
Die SPD veranstaltete am vergangenen Montag im Französischen Dom in Berlin eine Diskussion darüber, welche Lehren aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges für Frieden und Stabilität in Europa heute gezogen werden können. Als Ehrengast nahm auch der französische Premierminister Jean Marc Ayrault an der Veranstaltung teil. Bei der Paneldiskussion diskutierten Prof. Dr. Herfried Münkler, Prof. Dr. Anne-Marie Le Gloannec und PD Dr. Ruth Leiserowitz vom DHI Warschau über die Fragestellung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Ute Welty.
Von Ulrich Pfeil
„Der ‚Große Krieg“ legte den Grundstein für die spätere Versöhnung mit Frankreich“, schrieb „Der Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 10. Januar 2014 und spannte damit den Bogen vom Jubiläum „100 Jahre Erster Weltkrieg“ zu dem im vergangenen Jahr begangenen 50. Geburtstag des Élysée-Vertrages. Das Jahr 2014 ist in der Tat ein Gedenkjahr der Superlative, brach doch nicht nur vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg aus, sondern vor 75 Jahren auch der Zweite Weltkrieg, feierten die Franzosen vor 70 Jahren die Libération, fiel vor 25 Jahren die Berliner Mauer und entschied sich die EU vor 10 Jahren zur Osterweiterung und damit zur „Wiedervereinigung Europas“. Auffallend ist dabei in ganz Europa, dass 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, in den Zeiten der europäischen Finanzkrise und dem damit zusammenhängenden Aufflackern neuer Nationalismen, „Historiker unterschiedlicher Couleur mit Unbehagen registrieren, dass die Zeitläufte von 1914 dem Europa dieser Tage nicht so fern sind“ (Spiegel, 30.12.2013).
Die Versuchung liegt in den Zeiten einer europäischen Krise also nahe, das Jahr 2014 für ein neues historisches Narrativ zu nutzen, an dessen Anfang der Erste Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) das „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) einläutete, das neben dem Zweiten Weltkrieg auch den Kalten Krieg und die Konflikte im Rahmen der Dekolonialisierung kannte. Die Ermahnung, den Frieden heute nicht als selbstverständlich hinzunehmen, bestimmte auch die Rede des französischen Präsidenten François Hollande am 7. November 2013: „Diese Zeit des Gedenkens fällt außerdem in einen Kontext, in dem sich das europäische Ideal zu erschöpfen erscheint, in dem der Frieden Gleichgültigkeit erweckt“.
Spannen wir dann den Bogen über 2004 bis heute, dann wird aus dem „Zeitalter der Extreme“ eine Lerngeschichte, in der sich der Westen mit der Europäischen Integration eine friedensstiftende Struktur gab, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriege auch auf Osteuropa ausgedehnt wurde. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier formulierte es mit folgenden Worten: „Die Mahnung dieses Gedenkjahres ist: uns immer wieder bewusstmachen, welche zivilisatorische Leistung darin steckt, dass kleine und große Mitgliedstaaten, Gegner zahlloser früherer Kriege auf unserem zerrissenen Kontinent, heute friedlich und zivilisiert in langen Nächten um gemeinsame Lösungen ringen“ (FAZ, 25.1.2014). Kann und soll der Erste Weltkrieg also den Anlass bieten, um Europa mit Blick auf 1914-18 neu zu erzählen?
Während des Jahres 2014 werden wir zu geschichtspolitischen Zeitzeugen und beobachten können, wie in den verschiedenen ehemals am Krieg beteiligten Ländern der Erste Weltkrieg in die nationalen Meistererzählungen integriert wird. Das offizielle Deutschland zeichnete sich bislang durch ein „grundsätzliches Desinteresse“ (Gerd Krumeich) aus und betont, dass es in Deutschland keine staatliche Geschichtspolitik gebe, was den Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum zu folgender Aussage brachte: „Die Ausrede der Regierung ist blamabel“ (Tagesspiegel, 17.1.2014). Während Frankreich und Großbritannien schon vor längerer Zeit begonnen hatten, Konzepte für die Gedenkfeiern zu entwickeln, muss in Deutschland nun Bundespräsident Joachim Gauck „das Super-Gedenkjahr retten“ (Spiegel online 9.11.2013). Dazu passt es, dass der französische Staatspräsident und der Bundespräsident am 3. August 2014 gemeinsam auf dem einstigen Schlachtfeld Hartmannsweiler Kopf im Elsass den Opfern des Ersten Weltkriegs gedenken werden.
Schon die unterschiedliche Intensität in der Vorbereitung des Jahres 2014 zeigt, dass die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg in den verschiedenen Ländern voneinander abweichen. Wieder einmal wird deutlich, dass die europäische Erinnerung an das 20. Jahrhundert eine geteilte, aber auch eine gegensätzliche bzw. asymmetrische Erinnerung ist. In den beiden Siegermächten Frankreich und Großbritannien konnte man über Jahrzehnte eine patriotische Erinnerung beobachten, während beim Kriegsverlierer Deutschland die Erinnerung unterdrückt, dann heftig umstritten war und schließlich im Schatten der Verbrechen und Schrecken des Zweiten Weltkrieges stand; in Osteuropa war sie lange gar kein Thema, bevor hier mit dem Ende des Kalten Krieges auch eine geschichtspolitische Debatte einsetzte (L’Express, 18.1.2014). Es kann also nicht darum gehen, im Gedenken an den Ersten Weltkrieg die unterschiedlichen Erfahrungen und Erinnerungen im Dienste eines europäischen Narratives zu harmonisieren, doch stellt sich doch die Frage, was das Gemeinsame in der Vielfalt ist.
Dieser kurze Überblick über die aktuellen Debatten zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg unterstreicht die Aktualität der Thematik und fordert zu einer wissenschaftlichen Vertiefung heraus, um im Sinne der Initiatoren des Aufrufs „Ein anderer Blick auf 1914-1918. Für eine gemeinsame Erinnerungskultur“ (Tagesspiegel, 27.1.2014) die transnationale Komponente des Gedenkens zu verstärken.
Zweites deutsch-französisches Doktorandenatelier
in Fischbachau vom 11. bis 14. Juni 2014
(Fischbachau/München)
An einem traditionsreichen Ort der deutsch-französischen Begegnung organisiert das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) und das Bayerisch-Französische Hochschulzentrum (BFHZ) in Zusammenarbeit mit dem Freistaat Bayern ein dreitägiges interdisziplinäres Atelier für Doktoranden zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Es richtet sich insbesondere an Doktoranden der Geistes- und Sozialwissenschaften aus Frankreich, Deutschland und Drittländern.
Ausschreibung Doktorandenatelier
Das Gedenkjahr 2014 ist nicht nur in den Medien sondern auch in zahlreichen Museen allgegenwärtig. Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg im Jahr 1939, auch der 25. Jahrestag des Mauerfalls im Jahr 1989 wird in diesem Jahr begangen. Im Zentrum des Interesses steht für viele Museen jedoch der Erste Weltkrieg, dessen Ausbruch sich 2014 zum 100. Mal jährt. Ein Beispiel hierfür ist das Imperial War Museum London, das noch bis zum 19. Juli 2014 umfangreichen Umbau- und Renovierungsarbeiten unterzogen wird und das anlässlich […]
Prof. Dr. Jörg Fisch ist Lehrstuhlinhaber für allgemeine neuere Geschichte an der Universität Zürich. Einen Schwerpunkt bildet in seiner Forschung die Geschichte des Völkerrechts und der internationalen Beziehungen.
Das 20. Jahrhundert & der Erste Weltkrieg: Jörg Fisch – Vom Selbstbestimmungsrecht from maxweberstiftung on Vimeo.